Heinrich – ein Leben zwischen Kriegen 1877 bis 1947
Heinrich saß allein in der Küche in der Peter-Marquard-Straße in Hamburg. Vor einigen Tagen war sein Sohn von der Gestapo verhaftet worden. Seine Frau hatte ihm gesagt, er solle alles aufschreiben. Über sein Leben, seine Familie – bevor es zu spät wäre. Jetzt schrieb er mit feiner Handschrift auf lose Blätter, festes, gelbes Papier.
Heinrich hatte den ersten Weltkrieg überstanden, obwohl er die ganze Kriegszeit über gedient hatte. Nur kurze Urlaube und Genesungszeit nach Verwundungen hatten im kurze Unterbrechungen beschert. Er unterhielt sich gern mit seinem Sohn Heinz. Heinz war schon als Junge an Politik interessiert. Aber Heinrich war ein vorsichtiger, verschwiegener Mann geworden und überlegte auch seinem Sohn gegenüber genau, was er sagen wollte. Die Jugend war ungestüm, die Erfahrung mit Tod und Verfolgung hatten sie noch nichtoder nur am Rande gemacht. Gehört ja, dies und das. Auf der Straße etwas mitbekommen.
An einem dieser Gespräche am Abend hatten sie bereits lange diskutiert. Die Dämmerung hatte sich in die Küche geschlichen.Heinrich strich sich über seinen Schnauzbart. Das Gespräch hatte ihn angeregt, aber nun war er sehr müde. Seine Gedanken schweiften in seine eigene Jugendzeit ab. Es war eigentlich immer ein kleiner täglicher Kampf gewesen, erinnerte er. Auch nach dem Kriege, als der Kaiser weg war. „Dagegen ist es jetzt ruhig, also mach dir nicht soviel Gedanken“, meinte er zu Heinz. Der ließ jedoch nicht locker. Also musste sein Vater noch einmal erklären. Für Heinz war vieles noch unklar. Er würde darüber viel lesen müssen, das war ihm schon bewusst. Die Revolution 1919 und die Ereignisse von 1920 kannte er nur aus Erzählungen. Aber woran er sich dunkel erinnerte, waren die Hausdurchsuchungen während des Kapp-Putsches.
Immer wieder musste der Vater davon erzählen. Im Laufe der Zeit hatte der Vater sich eine fast vortragsreife Version zurechtgelegt, die etwa so ging: „Der Kapp Putsch 1920 war ein Aufstand von rechts, der sich gegen die Weimarer Republik richtete. Ein Aufstand von Landsknechten, alten Offizieren und Teilen des Adels, benannt nach seinem Anführer Kapp, einem Beamten. Dieser Putsch wurde aber dann glücklicherweise schnell mit einem Generalstreik beendet. Noch war die Republik stark genug, die Verbindung zwischen den Faschisten und dem Kapital noch nicht so ausgeprägt. Allerdings durften unter Duldung der Polizei insbesondere in Bayern Republikaner beschimpft und zu Tode gejagt werden“, zog Heinrich Gärtner Resümee. „Das Ganze hat zwar nur ungefähr fünf Tage gedauert, aber die Hintermänner blieben unbehelligt, andere Beteiligte sind entkommen. Es gibt einfach zu viele Gegner der Weimarer Republik“. Heinrich, der sonst eher ruhig und beherrscht war, redete sich manchmal dann doch in Rage :“Das kommunistische, bolschewistische Gespenst musste beschrieben und gepflegt werden, um die reaktionäre Reichswehr, die immer noch dem alten Kaiserreich verpflichtet ist, zu legitimieren. Damit wollte man jeder Gegenrevolution schnell begegnen können. Von der Politik, dem Reichstag und den Ministern ist auch heute nichts zu erwarten. Kuhhandel betreiben die, jeder will
seinen Teil für sich sichern. So schnell wie die Kabinette wechseln, kannst du gar nicht gucken. Da ist doch klar, dass überall Enttäuschung und Verbitterung vorherrschen.
Die Soldateska wirtschaftet ungestört weiter. Manche Truppenteile führen sogar ein Fragezeichen am Stahlhelm.“ Heinrich holte eine Zeitung hervor. „Hier, in dieser alten Berliner Volkszeitung, die ich gerade nochmal gelesen habe, schreibt Carl von Ossietzky: ,Übergriffe schlimmster Art sind an der Tagesordnung. Arbeiter, die zur Verteidigung der Republik die Waffe erhoben haben, werden von General von Seeckts ,republikanischen Truppen‘ vor Standgerichte geschleppt. Die Ordnung müsste schließlich hergestellt werden.‘ Standgerichte, dass musst du dir mal vorstellen. Völlig gesetzlos, um mal ein Beispiel für das Chaos zunennen. Mit seiner Reichswehr stellte von Seeckt eine Macht im Staate dar, die völlig unkontrolliert war. Ist schon eine Weile her, aber heute haben wir die Nazis vor der Tür.
Das wird noch schlimmer werden.“
Und es wurde schlimmer, für Heinrich und die ganze Familie. 1936 wurde sein Sohn Heinz im Alter von 26 Jahren wegen Hochverrates verhaftet. Er hatte mit anderen jungen Leuten zum Widerstand gegen das Naziregime aufgerufen.
Für Heinrich Gärtner war die Verhaftung seines Sohnes ein schwerer Schlag. Seiner
Familie Trost zu spenden, fiel ihm schwer. Er hoffte, dass Heinz in Hamburg bleiben würde. Der Gestapokeller im Stadthaus an der Stadhausbrücke und das Kola-FU waren für die meisten die üblichen Stationen. Manche wurden auch wieder freigelassen. Die Hoffnung, dass Heinz am selben Abend zurück sein würde, erfüllte sich nicht. Am nächsten Morgen erreichte ihn eine kurze Nachricht auf einem kleinen Blatt Papier:
„Herrn Heinrich Gärtner, Hamburg, Peter Marquard-Straße 14 I.
Es wird Ihnen mitgeteilt, dass Ihr Sohn Heinz Gärtner, geb.1.3.1916 Hbg., wohnhaft bei Ihnen, am 27.4.36 wegen politischer Umtriebe in Schutzhaft genommen ist und sich im Konzentrationslager Hbg.-Fuhlsbüttel befindet. Geheime Staatspolizei Hamburg 27.4.1936. Dr. A. Stummer.“
Heinz blieb in Haft.
Im Laufe der Zeit wurde Heinrich Gärtner noch stiller, in sich gekehrt. Er versuchte so gut es ging, seiner Frau zur Seite zu stehen. Doch seine Frau Clara starb an gebrochenem Herzen, vier Wochen nach Heinz Verhaftung. Herbst und Winter des Jahres 1936 zogen sich. Die Zeit verging langsamer als sonst. Alles schien überhaupt langsamer und mühsamer zu werden, war schwerer.
Seit dem Ende des Krieges war aus ihm ein zurückhaltender Mensch geworden. Über den Krieg sprach er selten, mit Heinz hatte er gar nicht darüber gesprochen. Was war falsch gelaufen in seinem Leben? So viele Tote, das Ergebnis harter Arbeit, Krieg, sein Sohn im Gefängnis, nur eine Zweizimmerwohnung. Aber so lebten viele Menschen, warum sollte er sich beklagen?
Im Jahr seiner Geburt, 1877, befand sich Hamburg in einer Glanzzeit. Die Stadt prosperierte in der Zeit nach dem Krieg gegen die Franzosen 1870/71. Er war der dritte von vier Jungen, Ernst, Max, Heinrich und Harry. Sein Bruder Max starb im zweiten Lebensjahr an Krämpfen. Dass Kinder sterben, war nicht ungewöhnlich, das Leben war zu jener Zeit ein Kampf. Manchmal feierten sie auch lustige Feste, Harry spielt Gitarre und sang. Durch die Schlachterei, die der Vater, Heinz’ Großvater mit seinen Brüdern gegründet hatte, gab es reichlich Wurst und Schinken aufzulegen. „Was grübelst du, Heinrich?“ Seine Frau hatte eine kurze Pause von ihrer Arbeit an der Nähmaschine genommen. Bis zu ihrem Tod hatte sie jeden Abend noch gearbeitet. Heinrich ließ sich eine Weile Zeit mit seiner Antwort.
„Ich muss das wohl alles einmal aufschreiben, jetzt, da Heinz weg ist. Wer weiß, wie lange Zeit ich noch dafür habe.“ Er wollte seine Frau nicht ängstigen. Ihr ging es seit der Verhaftung von Heinz nicht gut, täglich konnte man erleben, wie sich ihr Zustand verschlechterte. Blass, aber aufrecht saß sie an ihrer Maschine. „Um dich sorge ich mich. Heinz ist klug und vorsichtig, der schafft das schon.“ „Vorsichtig? Dann wäre er jetzt nicht im Kola-FU!“ Mitten in der Stadt, mitten in einer Wohngegend hatten die Nazis ihr Konzentrationslager errichtet. Es gab schon Tote dort…
„Kommunisten waren das, aber Heinz ist noch ein Jugendlicher, ich hoffe jedenfalls, dass es einen Unterschied macht.“ Bereits 1933 wurden einige Komplexe der Fuhlsbüttler Strafanstalten mit politischen Gegnern des Nazi-Regimes belegt. Die Gestapo brachte hier ihre Gefangenen unter, Leitung hatten die SA und die SS. Im Mai 1934 waren es schon an die 100 Häftlinge. „Eine Folterstätte in unserer Stadt. Und Heinrich, du weißt, dass bereits eine Verächtlichmachung der Reichsregierung für eine Verurteilung ausreicht. Tote hat es auch schon gegeben, hab ich doch gerade gesagt. Selbst vor Frauen machen sie nicht halt. Oder es heißt, auf der Flucht erschossen, das haben die Genossen doch schon öfter berichtet.“ Clara Gärtner hatte recht. Das wusste auch ihr Mann, aber er konnte es nicht aussprechen. Jeder ahnte es, jeder der es wissen wollte, konnte Gewissheit erlangen. Immer wieder wurde vom Tod der Häftlinge durch Folter, Hinrichtungen und unmenschliche Behandlungen im Kola-FU oder dessen Außenlagern berichtet. Genossen aus der SPD, der KPD und Gewerkschafter, die sich für die Republik eingesetzt hatten, die für eine gerechte Gesellschaft kämpften. „Hingerichtet haben sie wohl noch keinen. Aber zu Tode gekommen sind einige, da ist es doch egal, wie! Ob Heinz wohl seinen Mund halten kann!“ Sie unterdrückte ihre Tränen. Dann trat sie das Pedal ihrer Nähmaschine. Wie stark sind die Frauen in dieser Zeit, dachte Heinrich, ein Mann kann nicht einmal allein die Familie ernähren. Weiterlesen „Heinrich- ein Leben zwischen Kriegen.“










