Mein Frühstück mit Hermann- eine stille Freundschaft

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Mein Frühstück mit Hermann – eine stille Freundschaft

Ich muss lachen, ich frühstücke mit Hermann. Nein, nicht ich frühstücke mit Hermann, er scheint mit mir zu frühstücken. So habe ich das noch nie gesehen, als gemeinsames Frühstück. Wir sitzen im Garten besser, ich sitze, Hermann läuft herum. Er guckt manchmal zu mir herüber. Gemeinsam leben wir unsere jeweilige Langsamkeit. Ich benötige zwei Scheiben Brot um satt zu sein. Eigentlich hätte mir eine gereicht, aber es war ein Kastenweizenbrot und saftiges Schwarzbrot in der Küche im Angebot. Also entscheide ich mich für ein Mettbrot auf dem Kastenweizen, und Konfitüre auf dem Schwarzbrot. 30 Minuten benötigte ich, beide Scheiben zu genießen. Hermann dagegen ist noch nicht fertig, obwohl er entschlossen abbeißt, mehrere Bisse auf einmal nimmt. Er kann gut beißen. Das weiß ich daher, weil er bereits öfter und gern mal in meinen Fuß beißt. Dazu stellt es sich auf seine Zehenspitzen. Er benötigt auch länger, weil er seinen Platz am Buffet öfter wechselt, erst guckt dann weiterläuft ohne etwas auszuwählen. Er ist auch eine faule Kreatur, manchmal ist er nur, wenn ich ihm sein Essen portioniere und direkt vor die Beißschiene halte. Es scheint ihm so zu gefallen. Das schließe ich daraus, dass er nicht einfach sein Frühstück nimmt dann abhaut. Gut, ich gebe zu, manchmal muss ich ihn ein wenig lenken. Und ihm seine Grenzen aufzeigen. Wenn ich ihn auf den Tisch setze, muss ich aufpassen, dass er nicht herunterfällt. Wenn er mir direkt gegenüber sitzt, scheinen seine Augen eine grenzenlose Weisheit zu spiegeln. Sie sind tiefschwarz, eine Pupille ist nicht zu erkennen; er schaut mich an wie ein Buch, in dem er liest.
Ich kann ihm alles erzählen was mir durch den Kopf geht, ohne dass er es kommentiert, anders als ein Hund, der wahrscheinlich eigene Geräusche von sich geben würde, schweigt er zu allem und nimmt es auch körpersprachlich kommentarlos auf.
Er ist mittlerweile zwischen 70 und 80 Jahre alt, und in seinem Handeln und Verhalten eigentlich berechenbar, aber man weiß ja nie, denn manchmal setzte sich unvermittelt in Bewegung. Auch schläft er unangekündigt während des Frühstücks ein. Dann frisst er überraschend wieder los. Zeitlich betrachtet, neigte er zum Brunchen. Leider habe ich die Zeit nicht. Hermanns Zeit ist hingegen unerschöpflich. Hermanns Zeit dehnt sich aus, indem sie sich verlangsamt. Im Winter reduziert sich sein Herzschlag extrem. Vielleicht schlägt sein Herz nur einmal in der Minute während seines Winterschlafes. Er scheint ziemlich langsam zu sein, sich kaum zu bewegen, aber dann sind 5 Minuten wieder eine Zeit, in der gänzlich aus meinem Blickfeld heraus verschwinden kann. Einmal ist er im Herbst verschwunden, war unauffindbar und stand im Frühling des nächsten Jahres wieder im Garten, insofern ist er ein zuverlässiger Typ.
Diese Angewohnheit erinnert mich an einen alten Freund. Dieser Freund, ich nenne ihn einmal Hajo, ist auch etwa so alt wie Hermann. Hajo sehe ich nicht mal alle halbe Jahr sondern manchmal auch in Abständen von zwei oder drei Jahren, seitdem er eines Tages im Naturschutzgebiet auf mich zu kam. Unvermittelt, für beide überraschend. Ich hatte mich noch gewundert, wieso mitten im Naturschutzgebiet ein alter Mercedes parkte, mit den mir vertrauten Initialen meines alten Weggefährten. Wie Hermann, wenn der einmal abgetaucht war, stand er wieder da.
Wir frühstücken, gehen spazieren, tauschen uns über unser Leben aus, sodass wir über einen Zeitraum von 50 Jahren immer auf dem neuesten Stand bleiben.
Ich hatte ihn Anfang der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts kennengelernt. Damals war ich ein junger Mann und kam zu ihm in die Abteilung eines Großunternehmens. Es war mein erster Job nach dem Abschluss meiner Ausbildung; ich war jung, wusste alles besser und ließ mir bei nichts helfen. Hajo und seine Kollegen ließen mich machen, bis ich spät in die Abende hinein verzweifelt vor ungelösten Aufgaben saß. Eines Tages kam er nach Feierabend mit zwei halben Hähnchen und zwei Bier zu mir, setzte sich sagte, du hast jetzt nur eine Chance. Die nächsten drei Monate machst du was wir dir sagen. Wenn wir dir sagen hole ein paar Brötchen oder einen großen Kaffee, dann machst du das. Ebenso wenn wir die irgendwelche Aufgaben auf den Tisch legen, gibt es keine Widerrede. Dann sehen wir weiter. Im Gegenzug helfen wir dir aus dem Schlamassel. Das war die Ansage. So wurde ich, anfangs den Tränen – vor Rührung – nah, für einige Wochen der Sklave meiner Kollegen, die aber ihr Versprechen hielten und mich so unterstützen das ich bereits nach 4-5 Wochen sagen konnte, ich habe meine Schuld beglichen. Hajo sah das jedenfalls so. Und wir wurden tatsächlich Freunde fürs Leben. Hajo holte mich die folgenden Jahre jeden Morgen mit seinem Opel Kapitän zur Arbeit ab, hielt die Tür auf und chauffierte mich ins Büro. Vor unseren Urlauben durfte jeder eine Woche vor seiner Abreise alle Arbeiten an die Kollegen übergeben. Nach dem Urlaub wartete ein freier Schreibtisch, der erst nach und nach mit Akten und Nachrichten bestückt wurde. Die Sklavenarbeit hatte sich ausgezahlt.
Später kündigte er, machte sich als erfolgreicher Taxiunternehmer selbständig, ich studierte. Eine Zeit lang hatten wir uns noch privat getroffen. Dann verloren wir uns eine Weile aus den Augen, ohne die Kontakt jedoch gänzlich abzubrechen. Zu unseren Geburtstagen gratulieren wir uns immer per SMS. Dann die Begegnung im Wald. Um mich herum kennt man ihn lediglich aus meinen Erzählungen, ein Phantom, das wie Hermann auf- und abtaucht. Hermann heiß übrigens Hermann, weil er seine ersten Jahre im Teutoburger Wald verbracht hat, in der Nähe des Hermann Denkmals. Hermann der Cherusker. Warum Guru Hermann mich heute an alte Geschichten erinnert?
Das Frühstück scheint ihn geschafft zu haben. Er krabbelt zurück, zu seinem Schlafplatz unter dem abgesägten Blumentopf.

 

 

Ambigue Begegnungen

 

Das neue Buch ist da!cover

Erzählungen, die in diesem Blog zum Teil veröffentlicht sind, haben wir vollendet. Darum geht es:

Wenn Sie glauben, dass alles seinen gewohnten Gang geht,dass das Leben in Ordnung ist, können Sie sich darauf verlassen verlassen? Einfach dieses gute Gefühl genießen? Oder verbirgt sich hinter der Normalität des Alltags der Wahnsinn? Was nehmen Sie wahr,wenn Sie denken alles ist gut – oder schlecht?

Fokussierung der Aufmerksamkeit schafft eine Wirklichkeit, die nicht immer wahr ist: Das ist bei allen Begegnungen unvermeidlich. Immer begegnet man sich selbst, auch ohne auf andere zu treffen. Wenn zwei Autoren aus verschiedenen Perspektiven schreiben, eröffnet sich ein breiteres Spektrum von Geschichten und ein Facettenreichtum, der mehr ist als ein Aneinanderfügen von Geschichten. Es entsteht etwas ambuigue(s), etwas Neues im Erzählen. Mit einer gemeinsamen Story erfolgt der Auftakt: Auf der einen Straßenseite schaut eine junge Frau mit Beziehungsproblemen in das Fenster eines Mannes, der den Krieg in Srebrenica als Opfer und Täter überlebt hat und möglicherweise gerade von zwei Frauen ermordet wird – oder auch nicht. Es folgen 20 Erzählungen, in denen Begegnungen und die hieraus entstehenden Beziehungen lebensverändernd wirken. Mit Humor und Zweideutigkeit. Manchmal politisch untermalt, greifen sie aber im Wesentlichen den Alltag auf. Es geht um Sehnsucht, Schuld, Trugbilder, Rache, Verzweiflung, Lust, Emanzipation, Wahrnehmungsstörungen und einfach nur um schöne und berührende Erlebnisse.

Gemeinsam mit Svenja Hirsch veröffentlicht.

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Auszug:

Lamellen – Begegnungen, eine Vorgeschichte aus dem Buch….
Das Fenster geht über die gesamte Zimmerfront. Auf der Fensterbank steht ein Blumenkübel mit abgebrochenen Stielen einer Blume, von der ich nicht mehr weiß, welche Art es genau gewesen ist. Ich hätte sie mehr pflegen, mehr gießen sollen. Sie sehen traurig aus, trocken und abgestorben. So wie ich. Das Licht des Computer-Bildschirms färbt bläulich auf die Zweige ab, auf meine Hände. Seit einer halben Stunde beobachte ich das Farbenspiel, starre apathisch aus dem Fenster. Ein Wohnblock neben dem nächsten, gebaut in Reih und Glied. Die vielen Eingänge, Türen zu Treppenhäusern, die zu den Wohnungen führen. Zwischendrin nur Balkone, kleine Terrassen und Gärten, ein schmaler Gehweg. Von der linken Seite her rauscht die Straße. Die Fenster gegenüber sind gardinenverhangen. Alte Leute, denke ich und schaue kurz zurück auf den Bildschirm. Nur das eine Fenster, schräg rechts, hat keine weißen, fließenden Spitzenstoffe.
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Eine Lamellenjalousie verdeckt, wenn etwas verdeckt werden soll. Zeigt, wenn etwas gezeigt werden soll, oder deutet an, was sich dahinter verbergen könnte. Ich kneife die Augen zusammen, schaue dann schnell wieder weg. Meine Gardinen sind weiß und schwer, mit großen Ösen, nur zugezogen, wenn ich schlafe. Sonst kann jeder von gegenüber sehen, wie ich alleine und zusammengerollt auf meiner 90 cm breiten Matratze liege. Kein Platz für einen zweiten Menschen in der Ein-Zimmer-Wohnung. Hinter den Lamellen ist ein Schatten. Ein Kind oder ein sitzender Erwachsener. Schreibtischhöhe, meine Höhe. Er bewegt sich und wird länger. Kein Kind, ein ausgewachsener Mensch. Steht frontal, entweder mit dem Rücken oder Gesicht zu mir, breites Kreuz, ein Mann. Meine Gardinen sind zu beiden Seiten aufgezogen, geben den Blick auf mich an meinem Schreibtisch frei. Er könnte mich jetzt gut beobachten oder sehen, dass ich ihn beobachte. Ich schaue weiter zu den Lamellen. Der Schatten bewegt sich, ein zweiter kommt dazu, hinten aus dem Licht einer geöffneten Tür. Oder dem, was ich als die Tür erkenne.
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Ich arbeite, öffne Back-Ends, tippe Codes in Masken und aktualisiere. Die Zeit vergeht, ich fülle die Online-Shops meiner Kunden mit neuen Produkten. Trash, denke ich, doch er bringt mir Geld. Bezahlt die Ein-Zimmer-Wohnung mit dem schmalen Bett. Gerade so. Bestandskunden, die ich während meiner erfolgreichen Zeit als selbstständige Online-Shop-Managerin akquiriert habe. Jetzt betreibe ich kaum noch Akquise, die Kunden schwinden, die Kontakte generell. Drüben brennt noch Licht. Als ich den PC runterfahre, ist es bei mir stockdunkel. Dann werden auch die Lamellen sorgsam von innen geschlossen.
Eigentlich ist es mir völlig egal, was die Leute über mich denken. Sie denken ja eh, was sie wollen. Ich habe meine Fenster gern offen, frei von Stoff, anders als viele hier. Biete, wem auch immer, Einblick. Manchmal nur ein wenig durch schräg gestellte Lamellen. Andere haben lieber Gardinen, vielleicht nur, um sich dahinter zu verstecken. Die Häuser stehen sich eng gegenüber und geben einen freien Blick in das 100-fache Theater in diesen Schaukästen.
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Wie Puppenstuben. Wohnzimmer, Schlafzimmer. Wenn die Häuser nach Norden ausgerichtet sind, kann man auch in die Küchen blicken, in die Töpfe gucken. Sehen, wer alleine lebt, Familienleben, wechselnde Partner, nackte Menschen in allen erdenklichen Situationen. Schamlos, vergessend, dass jemand sie sehen könnte. Das alles wird von vielen gar nicht mehr wahrgenommen, denke ich, für sie ist es wie Autoverkehr, in den sie sich einfügen. Gedankenlos, eng beieinander und dennoch anonym. Wen interessiert das schon. Gegenüber sehe ich im Hintergrund eine bläulich illuminierte Silhouette, die sich im Fenster spiegelt. Wieder so eine einsame Person, die sich am Computer festhält, bis sie einschlafen kann. Ich ziehe mich vom Fenster zurück. Ich sitze gern am Fenster. Wenn ich mich zu sehr beobachtet fühle, schließe ich die Lamellen auf eine Weise, die mir die Möglichkeit lässt, hindurch zublinzeln und das Geschehen auf der Straße, die zwischen den Häusern verläuft, zu verfolgen. Auch die mittleren Etagen kann ich auf diese Weise einsehen, das reicht mir meistens. Ich habe mich einmal in
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das Treppenhaus gegenüber geschlichen, um auszuprobieren, was man von dort aus sehen kann. Manchmal, wenn ich irgendjemanden bemerke, spiele ich auch mit der Fensterverdunklung. Egal wer da guckt. Ein Angebot im Schaukastentheater, ja, das biete ich manchmal.
In den nächsten Tagen brennt die Sonne in meine Wohnung. Tagsüber muss ich den linken Vorhang ein Stück zuziehen, um nicht komplett zu verbrennen. Ich arbeite, sitze, starre gegen den Stoff. Wie eingepfercht in den eigenen vier Wänden, der Blick kann nicht weit schweifen, er bleibt nur wenige Zentimeter weiter stehen, verirrt sich in dem Weiß, bis er ermüdet aufgibt. Nachmittags lässt sich der Vorhang endlich wieder ganz öffnen. Mein Blick wandert jedes Mal zu den Lamellen, jedes Mal dasselbe Spiel: ein Schatten, der hinter dem Rollo sitzt, sich erhebt, einige Zeit wie erstarrt vor dem Fenster verweilt. Ich fühle mich beobachtet und beobachte doch penetrant zurück. So geht es bis zum Freitag. Keine Alternative. Ich kann nirgendwo anders hin, ein Büro kann ich mir nicht leisten…..

Später….

Ich kenne die Frau nur flüchtig. Ich erkenne sie an ihrem alt gewordenen Gesicht. Aber ich weiß nicht mehr, wer sie war, oder gar, wie sie heißt. Es stellt sich auch kein Gefühl ein. Sie sagt, sie kenne mich gut. Sie lacht. Warum lacht sie,
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frage ich mich. Ein Tee? Ein Kaffee? Etwas anbieten oder keine Zeit haben? Ein Tee wäre jetzt doch gut, sagt die Frau. Ich will meine Lamellen ein wenig weiter öffnen, damit die Person von gegenüber, die immerzu bläulich gefärbte Person, teilhaben kann an meinem Besuch, der mir nach der ersten Überraschung gar nicht mehr bekannt vorkommt. Die Frau gegenüber weiß, dass ich zurückgucke, sie muss es wissen, sonst macht alles keinen Sinn. Sie könnte Zeugin sein. Ich weiß noch nicht wovon. Sie steht da am Fenster und ich scheine ein Teil ihrer Welt zu sein. Erst will ich das Teewasser aufsetzen. Es klingelt wieder. Die Frau öffnet, bevor ich bereit bin. Ich weiß nicht, warum ich das zulasse. Es ist außerdem völlig unaufgeräumt. Was soll ich zuerst machen? Schnell schiebe ich den großen Kleiderständer beiseite. Meinen fast zwei Meter hohen Butler, der wie immer vollgehängt ist, mit mit Kleidungsstücken, die ich in den letzten Wochen getragen habe. Meine Bewegungen sind zu abrupt und das Monstrum kippt, in Zeitlupe zwar, aber unaufhaltsam zu Boden. Es fällt leicht, weich und leise,
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gedämpft durch den Berg von Klamotten. Lärm macht lediglich das rahmenlos verglaste Poster, welches im Fallen von der Wand gerissen wird. Dann stehen unvermittelt zwei Frauen im Raum. Sie lachen, sie freuen sich anscheinend über das Chaos. Sie sehen sich an und lachen wieder, die zuletzt gekommene Frau sagt: „Ich gehe dann mal in die Küche.“ Sie schwingt sich dynamisch, mit dunkelgrünen Highheels beschuht, in Richtung Küche. Woher weiß sie, wo die Küche ist, denke ich noch, bevor die erste Frau, die mit dem alten Gesicht, sagt: „Wir haben Kekse mitgebracht.“ Ich komme nicht darauf. Wer ist sie, und Kekse, was für Kekse? „Wir trinken erst einmal einen Tee und dann räumen wir auf, nicht?“ „Woher kennen Sie mich?“, frage ich. Mittlerweile sitze ich auf meinem Sofa, von wo aus ich sowohl den Raum als auch das Fenster sehen kann. Sie sagt nichts, lächelt aber freundlich. Dabei blitzen zwei silbern überkronte Schneidezähne aus ihrem Mund. Das Dorf, sagt sie nach einer Weile, und jetzt blitzen auch ihre Augen. Aber sie sieht aus wie jede Frau aus einem Dorf, jedenfalls in ihrem Alter sieht sie aus wie jede Frau.

 

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Auf dem Dachboden gefunden. Notizen aus dem Jahre 1986.

Juristen, Nationalsozialismus und Neonazis 1986 in Hamburg: Der Fund auf dem Dachboden.

Ich stelle diesen Text unkommentiert zur Verfügung – die Entwicklung des rechten Spektrums als Folge einer unvollkommenen Aufarbeitung der NS Verbrechen zeigt, dass Verstaubtes noch aktuell ist. Ein paar Staubkörner, aus denen weitere Verbrechen entstanden sind:

Das offizielle Geschichtsverständnis in Hamburg Stand 1986

In einer Stadt, in der ausländerfeindliches Denken bereits tödliche Konsequenzen hatte, sollte man sich bewusst machen, dass die Ausgrenzung von Minderheiten nicht von den Nationalsozialisten eingeführt wurde, sondern dass diese an die Vorurteile der Weimarer Republik anknüpfen: Vorurteile gegen Juden, Roma, Sinti, Homosexuelle und Behinderte.

Es ist nach 1945 nicht gelungen, die Ausgrenzungen zu beseitigen. Warum das in Hamburg so ist und warum dieses Auswirkungen auf die Rechtsprechung hat, werde ich im folgenden darlegen. Dabei werde ich auf die allgemeine politische Handlungsweise eingehen und im besonderen die Situation im Bereich der Justiz und der Rechtsprechung beschreiben

In seiner oben bereits erwähnten Rede betonte der damalige Bürgermeister von Dohnanyi, dass eine Geschichtsforschung keine Namen nennen solle, da Versäumtes nicht nachzuholen sei und es nicht um persönliche Schuldfindung gehe.

Das steht m.E. einer Bewusstwerdung konkreter Geschichtsereignisse im Wege und macht Geschichte abstrakt, macht weniger betroffen. Einer Bewusstwerdung konkreter Geschichte steht auch im Wege, dass z.B. kommunistische Opfer der NS-Herrschaft häufig unerwähnt blieben, wie z.B. auf der Rathausgedenktafel für die Opfer des Faschismus.

Wo die Opfer nicht genannt werden, ist es schwierig die Täter zu erkennen. In diesem Zusammenhang ist auch zu erwähnen, dass die 1951 bundesweit verbotene VVN nach ihrer Wiederzulassung lediglich in Hamburg bis 1967 vor dem Bundesverwaltungsgericht erstreiten musste.

Der „Forschungsstelle für die Geschichte des Nationalsozialismus in Hamburg“ ist es – aufgrund unzureichender finanzieller Ausstattung – erschwert worden, zur Verdeutlichung der Geschichte beizutragen. Eine bessere Unterstützung der „Laienforscherbewegung“ wäre auch notwendig gewesen.4)

1985 hielt die Forschungsstelle selbst es nicht für möglich, ihrem Auftrag in absehbarer Zeit nachkommen zu können. Die SPD und der SPD-Senat erschwerten zum Teil die Auseinandersetzung mit der Geschichte, da das Verhältnis zu den Kommunisten und den kommunistischen Widerstandskämpfern belastet ist, was aufgrund ihrer historischen Erfahrungen sicher verständlich ist.

Eine von der Behörde für Jugend, Arbeit und Soziales in Auftrag gegebene Broschüre über das Verwaltungshandeln in der NS-Zeit wurde nicht veröffentlicht, da man mit dem Inhalt nicht konform ging.

Bereits von dem ersten Hamburger Nachkriegsbürgermeister Petersen wurde öffentlich verbreitet, in der Hansestadt sei der Faschismus humaner als anderswo gewesen, hier habe das bürgerliche Element gebremst und außerdem sei Hitler selten in Hamburg gewesen. Tatsächlich fanden 31 Führervisiten statt.

Der ehemalige Nazi-Bürgermeister Hamburgs, Krogmann, berichtete unbeanstandet, was für eine Farce die so­ genannte Entnazifizierung war. Sein Buch: „Es ging um Deutschlands Zukunft“ angefüllt mit NS-Propaganda, erschien 1976.

Der Hamburger Senat befindet 1965 in einem Gedenkbuch über die Deportation von Juden: „Die Abfertigung in Hamburg waren vergleichsweise erträglich, ja im Vergleich zu anderen Orten human. Folgende abschließende Zusammenstellung von Aussagen führender Persönlichkeiten soll das „öffentliche“ Bewusstsein in Hamburg verdeutlichen: Heinrich Heffter, erster Leiter der Forschungsstelle sah sich 1950 sogar veranlasst, die Toten aufzurechnen: „An die Zahl jener (Anm.: alliierter) Luft­ angriffe kommt die Gesamtzahl der im KZ Neuengamme gestorbenen Häftlingen nahe heran.“ Max Brauer, ehemaliger Bürgermeister nach Kriegsende, hatte, obwohl Antifaschist, keine Impulse zur Aufarbeitung der NS-Vergangenheit gegeben, kritisiert Skrentny.6)

Bis Anfang der 50iger Jahre kehrten weit über 90% der 1945 entlassenen nationalsozialistischen Beamten, Angestellten und Arbeiter wieder in den Staatsdienst zurück. Max Brauer gestand 1953 ein: „Die Bevölkerung wird entsetzt erkennen, welche Unsummen der Staat heute an ehemals führende Nazis zu zahlen hat.“ Die milden Urteile gegen Hamburgs prominente National­ sozialisten lösten immer wieder Proteste aus. „Es ist wohl kaum zu bestreiten, dass heute schon wieder sehr viel Mut dazu gehört, sich dazu zu bekennen, Widerstandskämpfer gewesen zu sein, dass man politisch oder gar rassistisch Verfolgter ist.“ (FDP Abgeordneter Harald Abatz 1951 in der Bürgerschaft.) Von 1956-60 war die Forschungsstelle stillschweigend stillgelegt, was erst durch Überprüfung durch den Haushaltsausschuss auffiel. Heinrich Landahl, Schulsenator erklärte 1958, eine Bücherverbrennung habe in Hamburg nicht stattgefunden (es gab zwei). Der Sozialdemokrat Walter Schmedemann, Widerstands­ kämpfer und Inhaftierter, 1961 als Gesundheitssenator: „Lebenswertes Leben sei durch die sog.Euthanasie keinesfalls vernichtet worden. Ein Hamburger Richter nannte die Opfer dieser Vernichtungspolitik leere Menschenhülsen-.“ Nicht unerwähnt lassen möchte ich die im November 1985 von der Hansestadt Hamburg in den Bundesrat eingebrachte Gesetzesinitiative zur Aufhebung eines Teils der NS-Urteile.

Justizsenatorin Leithäuser nannte als Grund für die erst 40 Jahre nach Kriegsende ergriffene Initiative die verstärkte Propaganda von Neonazis und das sogenannte Ausschwitzlügegesetz. Die Summe, der in Hamburg von der Neuregelung betroffenen Urteile ist nicht bekannt. Aus einem Aktenzeichen sei zu ersehen, dass 1.733 Fälle allein von Hamburger Sondergerichten behandelt wurden. Zahlen über den gesamten Zeitraum gäbe es nicht. Für die beteiligten Richter und Rechtsanwälte hat die Gesetzesinitiative keine Konsequenzen.

Die Hamburger Justiz und die Bearbeitung des Nationalsozialismus nach 1945

Geschichte ohne Namensnennung, wie von Hamburgs l. Bürgermeister Dohnanyi gefordert, politisch motivierte Amnestien zur Absicherung der Westintegration, Freispruch bzw. Nichtanklage von Nazigrößen, der Freispruch der NS-Justiz und die schnelle Beerdigung der politischen Auseinandersetzung über das NS-System haben ermöglicht, dass in Hamburg die Ermordung von 55.000 Menschen im Konzentrationslager Neuengamme von der Justiz nicht zur Kenntnis genommen wurde.Erst durch private Initiative des Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft Buchenwald, Rudolf Gottschalk, der sich nach einem entsprechenden Strafverfahren erkundigte und Recherchen und Veröffentlichungen durch Günther Sehwarberg ist, z.B., die Geschichte der Kinder vorn Bullenhuser Damm einer breiten Öffentlichkeit bekanntgeworden. . Dem Hauptverantwortlichen, Arnold Strippel, SS-Ober­ sturmführer und Leiter des Wach-Kommandos Spaldingstraße und Bullenhuser Damm, wurde nach 1945 kein Prozess wegen der Verbrechen am Bullenhuser Damm gemacht. Erst nach o.g. Initiative wurden die Staatsanwälte tätig. Dem zuständigen Staatsanwalt Münzberg, damals 1964, 30 Jahre alt, war weder der Name Strippel bekannt, noch gab es im Staatsarchiv, noch bei der Staatsanwaltschaft Unterlagen, obwohl Strippel im sog. Hamburger-Curio-Haus-Prozeß vernommen wurde. Münzberg fand die Protokolle über den Curio-Haus-Prozeß im Keller der britischen Botschaft in Bad-Godesberg. Ich werde auf den Fall Strippel weiter unten ausführlicher eingehen.

Unwissenheit gibt es in Hamburg nicht nur in Einzelfällen. Die wichtige Frage, welche NS-Richter nach 1945 wieder in den Staats­dienst übernommen wurden, kann der Hamburger Senat nicht beantworten. Am 14.02.1985 stellte die

GAL-Fraktion der Hamburger Bürgerschaft folgende Fragen an den Hamburger Senat(Drucksache 11/3723):

NS Justiz und Verfolgung von NS-Verbrechen

  1. Der Bundestag hat festgestellt, dass der sogenannte „Volksgerichtshof“ ein „Terrorinstrument zur Durchsetzung der nationalsozialistischen Willkürherrschaft“ war. Seinen Entscheidungen soll deshalb keine Rechtswirkung zukommen. Den Opfern und ihren Familien wurde Achtung und Mitgefühl bezeugt. Damit ist – 40 Jahre nach der Niederlage des Hitler­ Faschismus! – die Rehabilitierung der Opfer der NS-Justiz einen Schritt weiter vorangekommen. Die Täter sind aber auch diesmal außerhalb des Blickfelds geblieben. Wir fragen deshalb den Senat:

    Wie viele Richter, die an NS-Unrechtsurteilen beteiligt waren, haben auch nach 1945 in Hamburg als Richter gewirkt?

    1. Welche Richter sind nach 1945 nicht wieder in den Staatsdienst übernommen worden?

    2. Haben sie von Staatsseite aus irgendwelche Zahlungen erhalten oder erhalten sie immer noch? Wenn ja, welche?

    3. Wie hoch sind diese Zahlungen insgesamt?

    4. Die Entschließung des Bundestags bezüglich des sogenannten „Volksgerichtshofs“ klammert die sogenannten „Sondergerichte“ aus, so dass zu einem Teil der NS­ Unrechtsjustiz weiterhin kein grundsätzliches Wort gesprochen worden ist.

    5. Welche Urteile der „Sondergerichte“ sind- bezogen auf den Hamburger Bereich – weiterhin gültig?

    6. Ist die erwähnte Entschließung des Bundestags für den Senat jetzt der Anlass, sich auch für die Annullierung der „Sondergerichtsurteile“ einzusetzen?

  1. Die Anklage gegen Strippe! wurde im November 1983 erhoben. Die einzige noch mit NS­ Verfahren befasste Kammer des Landgerichts Hamburg prüfte darauf hin bis August 1984(!), ob die deutsche Gerichtsbarkeit anwendbar sei oder ob nach dem Überleitungsvertrag – von den Alliierten abgeschlossene Verfahren dürfen von deutschen Gerichten nicht mehr aufgenommen werden – das Verfahren nicht eröffnet werden kann. Die deutsche Gerichtsbarkeit wurde für anwendbar erklärt, Nebenkläger zugelassen. Gegen die Verfahrenseröffnung legte der Anwalt Beschwerde ein. Diese wurde im Dezember 1984- nach fünf Monaten(!) – zurückgewiesen. Zur Zeit liegt das Verfahren beim Oberverwaltungsgericht Ham­burg.

    1. Wird das Verfahren noch eröffnet?

      Wenn ja, wann?

      Wenn nein. warum nicht?

    2. Die Hamburger Gerichtsbarkeit ist seit den fünfziger Jahren in dem Ruf, NS-Verfahren zu verschleppen. ,.Biologische Amnestie“ ist hier ein Schlagwort. Wie beurteilt der Senat die Verschleppung dieses Verfahrens politisch, unter besonderer Berücksichtigung der in dieser Anfrage hinterfragten gesellschaftlichen Situation?

    3. Was gedenkt der Senat gegen die Verschleppung zu unternehmen?

Der Hamburger Senat erklärt sich nicht in der Lage, die Fragen 34.1. – 34.4. zu beantworten.

Zu den Fragen in Pkt. 35 nimmt der Senat keine Stellung, da hierfür die Gerichte zuständig seien. Tatsächlich gibt es eine personelle Kontinuität im Justizbereich Hamburgs. Ende 1952 waren in der gesamten Verwaltung Hamburgs 87 Prozent der aus dem Staats­ dienst entlassenen Nazis wieder eingestellt.

Nachfolgend gebe ich drei Beispiele:

1. Der Fall Dr. Baier

Der Kraftfahrer Erwin Junghans aus Leipzig war vier Jahre lang arbeitslos gewesen, als er 1936 als Postschaffner angestellt wurde. Im Oktober 1942 wurde er beim Luftgaupostamt in Poznan (Posen) eingesetzt. Er war damals 42 Jahre alt, seit 20 Jahren verheiratet und hatte zwei Kinder. Was veranlasste den nach 1945 Oberstaatsanwalt in Hamburg, Dr. Baier, gegen ihn die Todesstrafe zu beantragen?

„In Posen gab er seinen Arbeitskameraden gegenüber immer wieder seiner Unzufriedenheit mit den bestehen­ den Verhältnissen Ausdruck .•• und vermied es auch, den deutschen Gruß anzuwenden.“

Er habe, als ein Kollege eingezogen wurde, geäußert, „es sollten nur die hingehen, die den Krieg gewollt hätten.“ Nach einem Luftangriff auf Nürnberg soll er gesagt haben:“Und da soll man noch Heil Hitler sagen.“

Das waren Gedanken, die 1943 und 1944 unter dem Eindruck der Luftangriffe und des verlorengehenden Krieges Millionen in Deutschland hatten. Allein deshalb klagte der damalige Staatsanwalt Dr. Baier Junghans vor dem Oberlandesgericht Posen „wegen Wehrkraftzersetzung“ an. Am 20.Juli 1944 wurde Junghans gemäß dem Antrag des Staatsanwaltes Baier zum Tode verurteilt.

Dabei wurde ihm die vom Gesetz verlangte Absicht der „Wehrkraftzersetzung“ – Aktenzeichen: 2 OJs 31/44 – einfach unterstellt, da durch seine Äußerung „auch der Siegesglaube eines gefestigten Deutschen ins Wanken geraten könnte.“

Nicht einmal der oberste Nazi-Blutrichter, Freisler, bestand auf Vollstreckung dieses Urteils. Er stimmte einer Umwandlung der Todesstrafe in zehn Jahre Straf­lager zu – die freilich einem Todesurteil gleichkamen; denn aus den Straflagern gab es in den seltensten Fällen eine Rückkehr.

Den Geist dieses Gerichtes bringen auch Sätze wie dieser zum Ausdruck:

„Als Wehrkraftzersetzung ist jede Störung oder Beeinträchtigung der totalen völkischen Einsatzbereitschaft zur Erringung des Endsieges in dem uns aufgezwungenen Krieg anzusehen. die Wehrkraft oder der Wehrwille braucht nicht tatsächlich zersetzt zu sein. Es genügt vielmehr die Möglichkeit des Eintritts eines solchen Erfolges.“

Weiterlesen „Auf dem Dachboden gefunden. Notizen aus dem Jahre 1986.“

Unter den Teppich gekehrt

Beitragsbild: Isabel Gärtner

Unter den Teppich gekehrt. Begegnungen 1976.

In der Wohnung im vierten Stock am Schulterblatt verlor sich der Lärm der Straße und die Wohngemeinschaft ließ den Sommerwind in die Küche wehen, der eine feine Untermalung für den abendlichen Austausch bot.
Die Küche war geräumig,der Tisch rund.
„Lass mal hören, Gerrit, wie war´s denn mit Deinen Mieterbefragungen auf dem Kiez?“ Bolko, der rothaarige, spindeldürre Bankangestellte, grinste Gerrit an, als wäre es bereits etwas besonderes und verwegen, sich in der Nähe der Hamburger Reeperbahn aufzuhalten. Hier, rund um die Hein-Hoyer-Straße, sanierte die Wohnungsbaugesellschaft und wollte gern wissen, wer eigentlich die Wohnungen bewohnt. Viele Mieter behielten die Verträge, wohnten aber selbst nicht mehr in der Wohnung, die sie an Studenten und Menschen aus allen Ländern der Welt untervermieteten. „Kommt Biene noch zum Essen? Dann muss ich nicht alles zweimal erzählen. „Nee“, Susanne, die angehende Lehrerin und am längsten in der WG wohnende Frau kicherte. „Die liegt mit einem Typen im Bett und arbeitet empirisch an ihrem Roman `Weg mit der Scham´ oder so ähnlich. Sie will beweisen, dass alle Männer Schweine sind.“ „O.k., beeindruckend“, sprudelte Gerrit unbeeindruckt los. „Ich meine nicht Biene in diesem Fall. Also: Ein verrückter Alter wollte mich gar nicht mehr gehen lassen. Ich hatte kaum Gelegenheit, mit ihm über die bevorstehende Sanierung zu sprechen. Hat von Verschwörungen gefaselt. Von Judenverfolgung. 1976! Ganz eindringlich hat er gesprochen; ich musste ihm zusagen, wieder zukommen. Was mich beeindruckt hatte: Alle Zimmer waren in drei bis vier Lagen mit dicken Teppichen ausgelegt. „Sie wundern sich junger Mann?“, hatte er gefragt. Gerrit konnte nicht verhehlen, dass er das wundersam fand.
„Das ist meine Lebens- und Rentenversicherung, alles was übrig geblieben ist“, sagte der Herr namens Goldstein. „Als die Nazis begannen, in Deutschland die Juden zu verfolgen, haben wir jüdische Familien versucht, ein paar wertvolle Dinge zu verstecken. Welche Illusionen sich die meisten machten. Sie würden das später wieder abholen, dachte viele anfangs. Ja, ja. Zumindest haben wir es versucht. Goldstein schnaufte, ein Lächeln vielleicht, ein müdes Seufzen, eine wischende Handbewegung. „Sie wissen, wie das ausgegangen ist, nicht wahr.“
Gerrit nickte. Er hatte keine Ahnung, wohin das Gespräch führen sollte und dachte an die anderen Haushalte, die er noch aufsuchen musste. Goldstein fuhr fort: Das ist der Rest, der übrig geblieben ist, glaubt keiner, ist aber so.“
„Entschuldigen Sie die direkte Frage, aber warum sind Sie denn heute, 1976! noch hier, in der BRD, und nicht in Israel?“
Goldstein schwieg eine Weile, kaum auszuhalten für Gerrit, der noch weiter wollte und fand, dass er die Grenze der Höflichkeit reichlich ausgedehnt hatte. „Dort habe ich niemanden und hier wie dort habe ich keine Hoffnung. Ich lebe im Geruch der Teppiche. Seit damals sind sie nicht gesäubert worden. Der Geruch ist noch lebendig. Eine Illusion von Leben mit einer großen Symbolik unter den Teppichen. Alles unter den Teppich gekehrt, damals wie heute. Die alten Nazis sind alle noch am Leben und es geht ihnen gut. Hier in Hamburg. In der Bürgerschaft, in der Wirtschaft und insbesondere in der Justiz.“ Herr Goldstein erklärte ihm das Verschwinden der Täter.
Gerrit fand das auf beklemmende Weise interessant, wie dieser Jude die Vergangenheit verkörperte, noch am Leben war und dann wieder zu entschwinden schien. Er nickte dem Alten zu und wollte sich verabschieden. „Eine Tasse Tee kann ich Ihnen noch anbieten, junger Mann. Geben Sie mir eine Minute von der Ewigkeit.“ Gerrit versuchte sich aus dieser Situation zu befreien. Vielleicht war der alte Herr auch einfach nicht mehr ganz dicht nach all den Erlebnissen. „Ich muss heute weiter, meine Befragungsquote schaffen,“ nutzte Gerrit das Angebot, um sich von dem Mann mit den unergründlich tiefen murmelartigen Augen, die aus einem Gesicht schauten, das kaum Tageslicht gesehen hatte, zu verabschieden. Dieser Mann mit den lebenden Teppichen, wieso lebt er wie in einem Gefängnis, dachte er noch, bevor er sich zum gehen wandte. „Versprechen Sie, wiederzukommen. Ich erzähle Ihnen dann, warum ich in Deutschland geblieben bin.“

„Und gehst Du wieder hin?“, erkundigte sich Bolko. „Habe ich nicht vor, eigentlich. Aber – etwas hat mich berührt. Nicht mal Interesse, eher Widerwille. Ich weiß nicht.
„So eine Teppichstory habe ich noch nie gehört.“ Bolko zuckte mit den Schultern.
Die nächsten Tage setzte Gerrit seine stadtsoziologischen Untersuchungen fort. Zwei Tage nach seinem Gespräch über die lebenden Teppiche stieg er die abgewetzten, knarrenden Holzstufen zu Herrn Goldstein hinauf. Wie schade, dass diese bald Steinstufen weichen würden, wenn die Sanierung abgeschlossen war. Ob das die Teppiche überleben würden? Und Herr Goldstein? Als Gerrit die Dreizimmerwohnung betrat, kam es ihm vor, als läge im Wohnzimmer jetzt ein anderer Teppich obenauf. Wechselte Herr Goldstein die Teppiche? Es schien eher einer zu fehlen. Bei dem Stapel war ein Unterschied allerdings kaum festzustellen. In der Wohnung roch es muffig nach Teer von der Dachabdeckung und alt, nein historisch ist vielleicht angemessener, entschied Gerrit. Es fiel kaum Licht durch die tauben Fenster. Gerrit musste seine Schuhe ausziehen, dann wurde er quasi in einen Sessel gesetzt. Alle Zimmer waren gleich ausgestattet, voller Teppiche, sodass Gerrit unsicher war, ob er dieses Zimmer überhaupt als Wohnzimmer bezeichnen sollte. Goldstein trug eine helle Cordhose und eine rote Weste über einem weißen, weiten Baumwollhemd. Er musste einmal wesentlich kräftiger gewesen sein. Graues, lockiges Haar verlieh ihm etwas würdevolles, leidvolles Unbestimmtes. Weiterlesen „Unter den Teppich gekehrt“

Wenn Weihnachten vorbei ist – der auf einem Tiger reitet

 

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Wenn Weihnachten vorbei ist – oder der auf einem Tiger reitet.

Ripp Corby erzählt.

Im neuen Jahr wirkt der Wald verändert, wie durch die neue Zeit in eine andere Bewegung gebracht. Die Bäume schwanken stärker als in der Vorweihnachtszeit und am Weihnachtsabend selbst. Das ist der Vibration des kommenden Jahres geschuldet. Einer starken Vibration, die auf Disruption stößt, wodurch sie an Intensität gewinnen kann. Ja, man kann das auch als Mensch wahrnehmen, wenn man gemächlich durch den Wald schreitet, wahrnehmen, dass der Wald ein anderer ist, als am Heiligen Abend. Der Mensch im Wald blickt zu dieser Zeit, in den ersten Tagen des Jahres, mehr geradeaus. Den parallel verlaufenden Rändern des Weges entlang. Das Flüstern der Baumwipfel wendet sich zu einem Rauschen. So empfindet es mein Freund Ripp Corby, als er seine Begegnung schildert. Er hört dieses Rauschen, bleibt stehen und lauscht. Er versucht die Zeit zurück zu schieben, indem er verharrt, ähnlich einer Statue. Er will das Flüstern des letzten Jahres noch einmal hören. Er schließt die Augen. Ja, die Bäume sprechen miteinander. Es ist allerdings nicht annähernd wie das Flüstern am Ende des vergangenen Jahres. Die Vögel quatschen dazwischen. So lässt sich nichts über die Zeit sagen, lässt sich nicht zurückgewinnen. Vielleicht nicht an dieser Stelle?
Ripp wandert auf dem vom Regen und der heißen Sommer der letzten Jahre ausgewaschenem, vom Humus entblößten und nun spitzsteinigem Weg auf dem Pfad entlang der Felsen, die die letzte kleine Eiszeit vor 10000 Jahren im Tunneltal hinterlassen hat. Er spaziert in Richtung des kleinen Sumpfgebietes, das ein Spiegel des Klimas ist. Und ein ruhiger Platz mit einer Bank am Rande. Gefahrlos kann er es betreten, des ist ist jetzt ausgetrocknet. Der nächste Regen könnte es für eine kurze Zeit ein wenig auffüllen, aber es ist nicht wirklich mehr zu retten. Hier stehen die Bäume weiter auseinander. Er lauscht in den menschenleeren Wald hinein.

Die Bäume sprechen langsamer miteinander.

Ein riesiger Vogel scheint durch die Wipfel der Bäume zu fliegen.

Ripp legt den Kopf zurück. Da ist etwas. Ein Adler? Nein, Größer!Etwas, wie in einen Mantel gehüllt. Ein Sonnenstrahl leuchtet diese Etwas aus. Eine von flatternden Stoff umgebene Gestalt. Christus! Abschalom? Ich habe es geschafft, die Zeit ins rechte Licht zu rücken! Ripp beschreibt seine Euphorie, aber auch, wie er dann schnell bemerkt, dass das Rauschen der Bäume nicht in die Zeit passt. Wie ist die Person da hinauf gekommen? Das sind mindestens 30 Meter, dort, wo er am Ast schwingt. Ripp erkennt einen elegant gekleideten Mann, zumindest eine Person in Anzug und Weste, umgeben von einem überlangen, wie Segeltuch knatterndem schwarzen Mantel. Ripp setzt sich auf die Bank vor dem vertrockneten Feuchtgebiet und schaut zu der Person hinauf, die im Ostwind schaukelt. Sehe ich da ein Lächeln? Der geöffnete Mantel schlägt flügelartig. Vielleicht ist der gar nicht tot? Vielleicht ist es nur eine Figur? Wer bist du, ruft Ripp hinauf. Der Mann scheint zu lachen. Die Figur scheint zu lachen und schwingt im Wind. Oder zappelt? Ripp klammert sich am Baum fest und schaut am Stamm entlang nach oben. Ein Seil ist um die Brust gebunden. Das ist aber nicht genau zu erkennen. Ripp zoomt mit seiner Handykamera das Gesicht heran. Es ist verschwommen und scheint blass zu sein; es ist zu weit entfernt, um Klarheit zu gewinnen. Ripp schaut sich um. Er ist allein. Ripp setzt sich auf die Bank und massiert seinen Nacken. Alles ist friedlich. Ein Trugbild denkt er, ich muss meinen Blick entspannen, auf den Tümpel gucken. Als er wieder nach oben schaut, ist die Figur noch da. Ripp hat sich für „Figur“ oder Mensch entschieden. Zeit, die 112 zu wählen. Würde der Mensch das wollen? Oder will er dort oben verweilen. An dem Ort, den er für sich gewählt hat? Ich kann ihn doch nicht dort oben lassen.
Warum eigentlich nicht? Was spricht dagegen? Tot ist ja anscheinend bereits. Knausgart fällt ihm ein, der in „Sterben“ fragt, warum die Verstorbenen alle nach unten müssen, im Krankenhaus in den Keller und später unter die Erde. Jedenfalls unsichtbar sein müssen. Warum werden die Toten nicht nach oben gebracht, in die Höhe? „Knausgart“, schreit Ripp von der Bank aus nach oben. Knausgart antwortet nicht. Die Figur schwankt lediglich vor sich hin. Der Mantel sieht aus, wie der von Trump, denkt Ripp. Kann nicht sein! Ripp klatscht in die Hände, weil er nicht „Mr. President!“ rufen will.
Ein Vogel fliegt laut zwitschernd unter dem Mantel hervor. Er hat etwas im Schnabel. Einen Zettel.

Ripp zerfetzt ein Papiertaschentuch in kleine Teile, greift ein paar Steinchen und lockt den Vogel, den Schnabel zu öffnen.

Der Zettel fällt auf den Boden, Ripp greift zu und ließt:

Wer auf einem Tiger reitet, kann nicht abspringen, wann es ihm beliebt. (Chinesisches Sprichwort.)“.

Mensch „Xi“, welche Botschaft, super Tweet! Wirklich mal kein Fake!
„Xi“, flüstert Ripp ehrfurchtsvoll den Baum hinauf.
Eine ganze Weile steht er nur da, im Tunneltal, am Rande des Weltgeschehens. Frohes neues Jahr, Christus, Abschalom, Knausgart, den Präsidenten und Dir.

Über den Wipfeln ist noch Ruh` als Ripp nach Hause geht.

 

Das Paradies – Miniatur von Ripp Corby

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Die Insel schien gar nicht so weit entfernt. Sie machte neugierig. Vielleicht nicht gierig. Aber sie lockte, ganz sicher tat sie das. Allerdings ohne die Gewissheit eines Paradieses auszustrahlen.
Komm, sagte die Frau. Sie nickte zu dem Mann hinüber und ruderte dabei ein wenig mit den Armen. Sie zog sich ihre Wanderschuhe und die Wollstumpen aus. Folge mir, flüsterte sie beim ersten Schritt in das klare, flache Wasser. Ihr Fuß schimmerte hell über dem sandigen Grund. Sie ging voran und der Mann folgte ihr. Jedoch tat sich eine riesige aber schmale Welle wie eine Zunge vor ihm auf, fünf bis sechs Meter über seinem Kopf. Er ließ sich fallen, die Welle bedeckte ihn wie in einer Höhle. Er konnte die Kuppel aus Wasser über sich sehen. Gleich musste sie herunterbrechen. Doch das geschah nicht. Noch war Luft da. Er bereitete sich darauf vor, mit den Armen zu schlagen um auftauchen zu können. Aber die Welle brach nicht, fiel nicht auf in herab. Der Mann wünscht sich die Kraft des Wassers herbei. Die Welle verharrte. Nur mit einem Blau spiegelte das Sonnenlicht das Gesicht der lächelnden Frau. Das ist nicht das Paradies, versuchte der Mann zu rufen. Die Frau nickte und ihr Gesicht verschwand. Noch war Luft da.