Ambigue Begegnung – Srebrenicia

Lamellen – Begegnungen – eine Vorgeschichte von Jens Gärtner und Svenja Hirsch. Aus: Ambigue Begegnungen, Bod Verlag.

In Screbrenica wurden im Juli 1995 während des Bosnien Krieges über 8200 Jungen, Männer, Greise, einfach jede männliche Person ermordet. Das Massaker wurde unter der Führung von Ratko Mladic (Armee der Republice Srpske, der Polizei und Paramilitärs) verübt.

Das Fenster geht über die gesamte Zimmerfront. Auf derFensterbank ein Blumenkübel mit abgebrochenen Stielen. Ich sollte sie mehr pflegen, mehr gießen. Sie sehen traurig aus, trocken und verdorben. So wie ich. Das Licht des Computer-Bildschirms färbt bläulich auf die Zweige ab, auf meine Hände. Seit einer halben Stunde beobachte ich das Farbspiel, starre apathisch aus dem Fenster. Ein Wohnblock neben dem nächsten, aufgebaut in Reih und Glied. Zwischendrin nur die Balkone, kleine Terrassen und Gärten, ein schmaler Gehweg.
Von der Seite her rauscht die Straße. Die Fenster gegenüber sind gardinenverhangen.
Alte Leute, denke ich und schaue kurz zurück auf den Bildschirm. Nur das eine, schräg rechts, hat keine weißen, fließenden Spitzenstoffe. Ein Lamellenrollo verdeckt, wenn etwas verdeckt werden soll. Zeigt, wenn etwas gezeigt werden soll, oder deutet an, was sich dahinter verbergen könnte. Ich kneife die Augen zusammen, schaue dann schnell wieder weg. MeineGardinen sind weiß und schwer, mit großen Ösen, nur zugezogen, wenn ich schlafe. Sonst kann jeder von gegenüber sehen, wie ich alleine und zusammengerollt auf meiner 90 cm breiten Matratze liege. Kein Platz für einen zweiten Menschen in der Ein-Zimmer- Wohnung. Jetzt sind die Gardinen zu beiden Seiten aufgezogen, geben den Blick auf mich an meinem Schreibtisch frei.

Hinter den Lamellen ist ein Schatten. Ein Kind oder ein sitzender Erwachsener. Schreibtischhöhe, meine Höhe. Er bewegt sich und wird länger. Kein Kind, ein ausgewachsener Mensch. Steht frontal, entweder mit dem Rücken oder Gesicht zu mir, breites Kreuz, ein Mann. Er könnte mich jetzt gut beobachten oder sehen, dass ich ihn beobachte, denke ich und schaue weiter zu den Lamellen. Der Schatten bewegt sich, ein zweiter kommt dazu, hinten aus dem Licht einer geöffneten Tür. Oder dem, was ich als diese Tür erkenne. Ich arbeite weiter, öffne Back-Ends, tippe Codes in Masken und aktualisiere. Die Zeit vergeht, ich fülle die Online-Shops meiner Kunden mit neuen Produkten. Trash, denke ich, doch er bringt mir Geld. Bezahlt die Ein-Zimmer-Wohnung mit dem schmalen Bett. Geradeso. Bestandskunden, die ich in meiner guten Zeit als selbstständige OnlineShop-Managerin akquiriert habe. Jetzt mache ich kaum noch Akquise, die Kunden schwinden, die Kontakte generell. Sie gehen mir aus. Drüben brennt noch Licht. Als ich den PC runterfahre, ist es bei mir stockdunkel. Dann werden auch die Lamellen sorgsam von innen geschlossen.

Eigentlich ist es mir völlig egal, was die Leute über mich denken, Sie denken ja, was sie wollen. Ich habe meine Fenster gern offen, frei von Stoff, anders als viele hier. Biete, wem auch immer, Einblick. Manchmal nur ein wenig durch schräg gestellte Lamellen. Andere haben allerdings Gardinen, vielleicht nur, um sich dahinter zu verstecken. Die Häuser stehen sich eng gegenüber und geben Einblick in das 100fache Theater in den Schubkästen. Wie Puppenstuben. Wohnzimmer, Schlafzimmer. Wenn die Häuser nach Norden ausgerichtet sind, kann man auch in die Küchen blicken, in die Töpfe gucken. Sehen, wer alleine lebt, Familienleben, wechselnde Partner, nackte Menschen in allen erdenklichen Situationen. Schamlos, vergesslich. Das alles wird von vielen gar nicht mehr wahrgenommen, denke ich, sie nehmen es wie Autoverkehr, in den sie sich einfügen. Gedankenlos,eng beieinander und dennoch anonym. Wen interessiert das schon. Gegenüber sehe ich im Hintergrund eine bläulich illuminierte Silhouette, die sich im Fenster spiegelt. Wieder so eine einsame Person, die sich am Computer festhält, bis sie einschlafen kann. Ich schließe die Lamellen.

Ich sitze gern am Fenster. Wenn ich mich zu sehr beobachtet fühle, schließe ich die Lamellen auf eine Weise, die mir die Möglichkeit lässt, hindurch zu blinzeln und das Geschehen auf der Straße zu verfolgen.

Auch die mittleren Etagen kann ich dann einsehen, dass reicht mir meistens. Ich habe mich einmal in das Treppenhaus gegenüber begeben, um auszuprobieren, was man von dort aus sehen kann. Manchmal, wenn ich jemanden bemerke, spiele ich auch mit der Fensterverdunklung. Egal wer da guckt. Ein Angebot im Schubkastentheater, ja das biete ich manchmal.

In den nächsten Tagen brennt die Sonne in meine Wohnung. Tagsüber muss ich den linken Vorhang ein Stück zuziehen, um nicht komplett zu verbrennen. Ich arbeite, sitze, starre gegen den Stoff. Wie eingepfercht in den eigenen vier Wänden, der Blick kann nicht weit schweifen, er bleibt nur wenige Zentimeter weiter stehen, verirrt sich in dem Weiß, bis er ermüdet aufgibt. Nachmittags lässt sich der Vorhang endlich wieder ganz öffnen. Mein Blick wandert jedes Mal zu den Lamellen, jedes Mal dasselbe Spiel: Ein Schatten, der hinter dem Rollo sitzt, sich erhebt, einige Zeit wie erstarrt verweilt. Ich fühle mich beobachtet und beobachte doch penetrant zurück. So geht es bis zum Freitag. Keine Alternative. Nicht jetzt. Seit zwei Jahren wohne ich hier. Davor war mein Leben fast vier Jahre angenehm. So dachte ich zumindest. Oder vielleicht waren es weniger als vier Jahre, ich bin mir nicht sicher, habe den Wendepunkt weit verpasst. Erst hinterher, als es schon zu spät war und ich mit gepackten Kisten an der Straße saß, dämmerte es mir langsam. Zu zweit war ich. Doch irgendwann spürte ich Einsamkeit.

Die kleinlichen Vorwürfen, zuerst kaum spürbare Verletzungen, die, je mehr es wurden, auch die Wunden tiefer rissen. Die Ablehnung.

Erst nur von romantischen Gesten: Zwei Weihnachtsplätzchen auf einem Teller, einer in Schlüsselform und einer als Herz. Und die andere, versteinerte Miene mir entgegensah, die Worte „ich kann so etwas nicht“. Dann die Ablehnung von dem, was ich war: Meine Lieblingsbilder, meine Bücher, es war alles nicht mehr genug. Nicht mehr auszuhalten, nicht erwünscht. Ich habe das gelernt. Ich habe es für mich angenommen, Romantik gebe ich keinem mehr. Deshalb das 90-cm-Bett, die kleine Wohnung, nur mit mir am PC.

Ich bin erschöpft vom vielen und langen Sitzen, die Augen brennen. Ich ziehe mich aus dem Stuhl hoch, stemme die Hände in den unteren Rücken und drücke das Kreuz durch, sodass es knackt. Frontal stehe ich an meinem Fenster, wieder beobachtend, was diesmal hinter den Lamellen passiert.

Heute regnet es endlich. Häufiger als sonst sind die Gardinen in den Wohnungen gegenüber zurückgezogen. Wahrscheinlich taten es die meisten, so, als biete der Regen ausreichenden Schutz vor eindringenden Blicken. Eine natürliche Längslamelle. Oder es waren Hoffende, die auf besseres Wetter warteten, die Sonne zurücksehnten. Zeitweise zogen die Wolken dicht und schwarz über die Häuser, dass sie wie die Nacht selbst die Dunkelheit vor die Fenster und auf die regennasse Straße warf. Ich blickte in das Grau der Straße, die sich mit dem Himmel zu vereinen schien. In dieses Grau hinein trat eine noch dunkler gekleidete Person, mit einem schwarzen Schirm geschützt, in den Windfang vor der Eingangstür. Das konnte ich von meinem Platz aus gerade noch erahnen. Dann klingelte es bei mir. Ich öffne nicht. Ich will nicht. Ich kenne hier niemanden. Nur gegenüber eine Person, deren Schatten ich hin und wieder sehe. Das reicht mir. Es gibt keine Person mehr, die mir nah ist, also kann ich nicht gemeint sein. Dennoch spüre ich, dass da etwas ist, was ich weiß und das es noch Menschen gibt, die mich vielleicht kennen. Srebrenica ist weit weg. Aber eine Angst ist ganz nah, immer bei mir. Eine Angst, die ich nicht erklären kann. Die ich aus mir verbannen will, indem ich für mich bleibe. Schemen reichen mir.

Der erste Schatten steht am Fenster, hinter ihm Licht, dass durch die Türöffnung steht. Ein Türlichtfeld. Der zweite Schatten bewegt sich in den Raum. Dann stehen beide ganz dicht beieinander, umarmen sich vielleicht. Der zweite bewegt sich einen Schritt zurück, beugt sich zu dem ersten. Sie küssen sich bestimmt, denke ich. Ein warmes Gefühl durchwühlt mich. Schnell und zaghaft. Dann weicht das Gefühl zurück. So sieht auch der zweite Schatten aus, als ob er zurückweiche. Ich kneife die Augen zusammen, schiebe das Kinn nach vorne. Ich stehe einfach da. Die Szenerie kommt mir unwirklich vor, sie fällt heraus aus dem, was die vergangenen Tage hinter den Lamellen geschehen ist. Oder von dem, was ich denke, dass es geschehen sein könnte. Der Schatten bewegt sich minimal, es scheint, als blicke er zu mir herauf. Er verharrt. Der zweite Schatten sieht so aus, als bewege er sich auf den ersten zu. Ich halt die Luft an. Es geht alles ganz schnell. Kaum eine Millisekunde, so schnell, dass ich es nicht begreifen kann und der erste Schatten fällt nach unten. Nichts ist mehr zu sehen. Nur der zweite Schatten, wie er langsam bis ganz ans Fenster tritt, den Kopf gehoben geradeaus, die Lamellen, die sich langsam meinem Blick verschließen.

Ich kenne die Frau nur flüchtig. Ich erkenne sie in ihrem alt gewordenen Gesicht. Aber ich weiß nicht mehr, wer sie war oder gar wie sie hieß. Es stellt sich auch kein Gefühl ein. Sie sagt, sie kenne mich gut. Sie lacht. Warum lacht sie, denke ich. Ein Tee? Ein Kaffee? Etwas anbieten oder keine Zeit haben? Ein Tee wäre jetzt doch gut, sagt die Frau. Ich will meine Lamellen ein wenig weiter öffnen, damit die Person von gegenüber, die immerzu bläulich gefärbte Person, teilhaben kann an meinem Besuch, der mir nach der ersten Überraschung gar nicht mehr bekannt vorkommt. Die weiß, dass ich zurück gucke, sie muss es wissen, sonst macht alles keinen Sinn. Sie könnte Zeugin sein. Ich weiß noch nicht wovon. Sie steht da am Fenster und ich scheine ein Teil von ihrer Welt zu sein. Erst will ich das Teewasser aufsetzen. Es klingelt wieder. Die Frau öffnet, bevor ich bereit bin. Ich weiß nicht, warum ich das zulasse.
Es ist außerdem völlig unaufgeräumt. Was soll ich zuerst machen? Schnell schiebe ich den großen Kleiderständer beiseite. Meinen fast zwei Meter hoher Butler, der wie immer mit Kleidungsstücken, die ich in den letzten Wochen getragen hatte, viel zu voll gepackt war. Meine Aktion ist zu abrupt und das Monstrum kippt, in Zeitlupe zwar, unaufhaltsam zu Boden. Er fällt leicht, weich und leise, gemildert durch den Berg von Klamotten. Lärm macht lediglich das rahmenlos verglaste Poster, welches im Fallen von der Wand gerissen wird. Dann stehen unvermittelt zwei Frauen im Raum. Sie lachen, sie freuen sich scheinbar über das Chaos. Sie sehen sich an und lachen wieder, die zuletzt gekommene Frau sagt:“Ich gehe dann mal in die Küche.“ Sie schwingt sich dynamisch auf einem mit einem dunkelgrünen Highheal beschuhten Fuß in Richtung Küche. Woher weiß sie, wo die Küche ist, denke ich noch, bevor die erste Frau, die mit dem alten Gesicht sagt: „Wir haben Kekse mitgebracht.“ Ich komme nicht darauf. Wer ist sie, und Kekse, was für Kekse? „Wir trinken erst einmal einen Tee und dann räumen wir auf, nicht?“ „Woher kennen Sie mich?“, frage ich. Mittlerweile sitze ich auf meinem Sofa, von wo aus ich sowohl den Raum als auch das Fenster sehen kann. Sie sagt nichts, lächelte aber freundlich. Dabei blitzten zwei silbern überkronte Schneidezähne aus ihrem Mund.
Das Dorf, sagt sie nach einer Weile, und jetzt blitzen auch ihre Augen. Aber sie sieht aus, wie jede Frau aus einem Dorf, jedenfalls in ihrem Alter sieht sie aus, wie jede Frau. Eine beliebige Nachbarin aus einem Dorf , ja genau, ich fange an, mich zu erinnern. Ein Dorf an der Drina, in einem Chaos der „Säuberung“. Was machen sie jetzt hier? Ich sehe sie in einem Strom von Menschen, die in alle Richtungen laufen. Die einen Blauhelmsoldaten anschreien, eine Straße blockieren, um Zeit zu gewinnen. Aber das ist sinnlos, denn die Blauhelme verschwinden, die Menschen sind auf sich gestellt. Jeder für sich. Ich für mich. Der Lärm der Granaten die dann kommen, ist verschwunden. Hier ist es still. Hier soll es still bleiben. Das laute Töten geht mich nichts mehr an. Ich nehme einen dieser Kekse. Sie schmecken bitter und zuckersüß. Ich nehme noch einen. Wenn ich kaue, muss ich nicht reden. Worüber auch reden? Blute ich?

Kann das Gewalt gewesen sein? Körperliche. Seelische meine ich zu kennen – schon als ich mit ihm zusammenzog, war ich nicht gänzlich willkommen. Und dann nach zwei Jahren die Haussuche. Ich suchte, sollte aber nicht im Grundbuch stehen. Er traute mir nicht. Er meinte, ich könne ihn ausnehmen. Stattdessen wollte er mich ausnehmen. Ich sollte Miete zahlen, dort im Eigenheim, zahlen für etwas, das ich am Ende nicht besitzen würde, damit er es am Ende besaß. Ich begriff das erst später. So isoliert war ich, dass ich es kaum mehr spürte. Als wäre auch mein Schatten nach unten gefallen, nicht mehr sichtbar. Mein Glück? Ich hatte es nicht verteidigt gegen ihn. Gegen ihn und für mich. Und jetzt sitze ich hier. Ich kann an dem Leben der anderen teilnehmen, wenn ich durch die Scheiben sehe. Mein Kopf erledigt den Rest. Hinter Scheiben können sie mir nichts anhaben, diese Menschen. Wie die wilden Tiere im Zoo. Ich sehe sie und ihr Leben. Glaube, in Kontakt zu stehen und doch können sie nicht an mich ran, mir nichts anhaben. Mir nicht weh tun.

In meinem Kopf dreht sich alles. Zu laut und schwer, wie Kreislauf an einem heißen Sommertag. Habe ich je jemanden in das Haus gegenüber gehen sehen? Und wenn ja, wie könnte ich den- oder diejenige zuordnen? Als Gast hinter den Lamellen? Wenn ein Schatten runter fällt und
wegbleibt. Ist er dann tot? Oder durch ein Licht weg geblendet? Hörte man einen Schuss? Etwas, das nicht im Stande war, zu mir herüber zu dringen, wie ein Schlag oder ein Stich? Und sollte ich rüber gehen? Sollte ich die Polizei rufen, würde man mich für verrückt erklären? Hat es hinter den Lamellen schon eine Putzaktion gegeben, alle Spuren verwischt? Ein Mord oder nur ein ermordeter Schatten?
Ich stehe vor der Tür, die Jacke fest um mich gewickelt. Friere. Bekomme kalte Füße. Alles Grau in Grau. Ich starre auf das Klingelschild. Welcher Name könnte zu den Lamellen passen? Peters? Korniman? Jemand kommt aus dem Haus. Der erste Mensch seit Tagen, den ich ohne Fenster zwischen ihm und mir anschaue. Ich reagiere schnell, nicke, lächle, fasse an die Glasscheibe der Tür und halte mir diese in den Hauseingang auf. Wieder dieses Kreislaufproblem. Mir ist schwindelig. Menschen. Menschen machen mich wahnsinnig, wenn keine Scheibe zwischen ihnen und mir ist. Und doch spüre ich, wie ich nach dem Kontakt geradezu lechze, ich fühle mich wie ausgehungert. Als habe ich mir eben gerade, durch die Begegnung auf der Treppe eine Spritze gesetzt, gefüllt mit einer höchst abhängig machenden Droge. Reingedrückt, ab in die Blutkreislaufbahn. Mehr davon, sonst fange ich noch an zu zittern. Also steige ich die Treppe hinauf. Erster Stock. Hier müsste es sein. Es duftet nach Tee. Soll ich klingeln?

Im Treppenhaus steht noch eine Frau. Ich werde verrückt, werde ich verfolgt? Aber die im Treppenhaus kommt mir bekannt vor. Aus den Augenwinkeln heraus scheint die Frau Ähnlichkeit mit der bläulich beleuchteten Person von Gegenüber zu haben. Ich erschrecke. Machten die gemeinsame Sache? Komm leg dich aufs Bett, hatten sie mich aufgefordert. „Du bist ja ganz blass, lachen sie. Die zweite Frau, die zuletzt gekommen war und genau wie die erste keinen Namen nannte, hatte sich schon rückwärts auf mein Bett fallen lassen. Wie waren sie überhaupt im Schlafzimmer gelandet? Weg von den Lamellen! Die erste zog mich am Arm und biss mir in den Hals gebissen. Und gelacht. Dann schubst mich die eine und die andere zog. Ich fliege auf das Bett. Jetzt schreit die zweite: „Was machst du hier in meinem Bett?“ Sie ziehen mir, als ich im Bett zappel, den Gürtel aus der Hose und freuen sich. War das noch Spaß? Dann stoßen sie mich mit den Füssen auf den Boden, treten zu und versuchen mich mit dem Gürtel zu treffen. „Für Srebrenica“, schreien sie. „Wir ziehen Dir die Haut ab.“ „Ich hab doch nichts gemacht!“ , brülle ich. „Genau das ist es ja, du hast nur zugeguckt, du Feigling“. Ich will etwas erwidern, erklären, aber sie wollen nicht reden. Ich drehe mich zur Seite trample und strample mich frei. Mit letzte Kraft renne ich aus der Wohnung gerannt. Ich verliere meine Sinne. Jetzt steht diese Frau hier. Ist sie jetzt in Gefahr?
Kann ich sie da oben rein laufen lassen? Ich laufe an ihr vorbei, über die Straße in das Treppenhaus hinein, was mir von meinen Besuchen bereits vertraut ist. Von hier aus blicke ich in meine Wohnung, in der gerade die Jalousien, die ich vorhin weiter geöffnet hatte, vollständig geschlossen werden. Ich blicke noch einen Moment hinüber. Mein Herz rast und ich schwitze. Diesen Zustand meines Körpers bekomme ich nicht unter Kontrolle. Auf einem Treppenabsatz ruhe ich mich aus, was ich nicht lange aushalte. Als ich wieder aufstehe, sehe ich hinter den Lamellen meiner Wohnung einen schwachen Lichtschein. Er wirkt nicht wie ein Lampenlicht, das würde man in diesem noch schummrigen Tageslicht nicht erkennen. Was für ein Licht kann das sein? Ein Zeichen? Für mich? Ich stehe unschlüssig im Treppenhaus. Soll ich bei der Person klingeln, die immer im bläulichen Licht steht? Mit welcher Begründung? Ich denke, sie sieht mich auch. Fühle, dass sie mich kennt, da wir uns gewissermaßen täglich sehen. Ich wolle „Hallo“ sagen? Aber ich musste doch wissen, ob sie in meiner Wohnung war. Sie war doch meine einzige Bekannte von Gegenüber. Jedenfalls sehe ich sie immer. Wenn sie am Fenster ist. Ich muss doch auch für sie ein Bekannter sein. Unentschieden blicke ich wieder über die Straße. Sie scheint immer breiter zu werden. Ein Schwindel erfasst mich, mein Kopf weitet sich. Die Straße färbt sich blauschwarz zu einem Fluss. Das Wohnhaus gegenüber schrumpft zu einem Häuschen, wie das in Srebrenica. Srebrenica 1995, das Haus das brannte. Aus dem liefen jetzt zwei Frauen heraus und schrien. Ich sah sie weglaufen, voller Angst. Männer liefen ihnen nach. Schüsse fielen. Die Alte mit den Metallzähnen wurde jetzt in meinem Kopf immer jünger und lief rückwärts. Ich erinnerte mich nicht mehr, wer war ich da in Srebrenica, in dem Massaker. Das Haus am Fluss brannte jetzt lichterloh.

Der Mann ist verrückt, nicht ich! Ja, es ist ein erwachsener Mann. Ich habe ihn gesehen. Eben. Ich stand vor seiner Tür. Dreckiges Weiß, Schrammen im Holz. Die Tür wurde von Innen aufgerissen. Er. Nackt. Keuchend. Als habe man ihn gejagt. Schweissüberströmt, wie ein Urmensch aus einer anderen Zeit. Er starrte mich an. Wie ein Gespenst, auf das er gewartet hat. Ich sah an ihm hinunter. Was sollte ich sonst tun? Da fiel es mir auf, seine Hände. Rot. Auffallend rot. Er preschte an mir vorbei, so wie er war, die Treppen hinunter. Ich lief ein paar Schritte hinterher. So verrückt und aufgescheucht hätte er leicht ein Kind erschrecken können. Oder jemanden angreifen. Er könnte jemandem weh tun.

Aber was weiß ich schon über Menschen! In so vielen habe ich mich getäuscht, gerade in den mir so nahe geglaubten. Ich sehe, wie er hinüberläuft, von seinem Treppenhaus in meines. Und ich bin hier. Was tun, was tun? Ich zittere am ganzen Körper. Entzugserscheinung? Oder kann ich ihnen nicht mehr begegnen, den Menschen, so ganz ohne Scheibe, die nackte Realität vor Augen, den ganzen Wahnsinn?

Es gibt kein Zurück. Ich kann nicht hinüber, nicht in meine Wohnung. Da ist er. „Egal wo ich bin, du bist schon da“, der Satz des Todes, ein Satz, der mich an alte Zeiten erinnert. Den er zu mir sagte, im gemeinsamen Bett. Es schmerzt. Ich kann nur hier warten. Oder ganz gehen. Ein paar Straßen weiter. Zur Polizeiwache.

Weiterlesen: In Ambigue Begegnungen, BoD Verlag, ISBN 978-3749453283

Abschied und Atemwende

Begegnung mit Paul Celan

Abschied und Atemwende

der bereits tot
wachsbleiche dünne Haut
am Ende seiner Tage
oder aller Tage

nur irgendein Werk vollbringen
vernichten was nicht wahr wird
irrlichtener Hammer
Lenin und Stalin sein

verlorenes, hilfloses Kind
ein Opfer das Opfer braucht
im Gleichgewicht zu bleiben
machtvoller Verlierer

Schiff ohne Hafen
Ukraina antwortet nicht
den Liebesschwur
im Bärenfell gegeben

Tote will er
seine Leere füllen
gebadet in Drachenblut
verwundbar

in den Spiegel blickend
das Nichts vor Augen
Volk außer Atem
Wendung der Welt

Atemwende

Begegnung: Paul Celan

„Halbzerfressener, masken-
gesichtiger Kragstein,
tief in der Augenschlitz-Krypta:

Hinein, hinauf
ins Schädelinnre,
wo du den Himmel umbrichst, wieder und wieder,
in Furche und Windung
pflanzt er sein Bild
das sich entwächst, entwächst.

Ukrainische Tage. Geburtstagsgruß

Geburtstagspostkarte am 1.3.2022

Heinz Gärtner 1916-2001

Lieber Vater.
Heute hast Du Geburtstag. Den 21. nach Deinem Tode 2001. Eine Woche vor 9/11 gestorben. Noch in einer heilen Welt. Ein Sozialdemokrat war damals Kanzler.

Im 1.Weltkrieg wurdest Du geboren. KZ; Gefängnis und Kriegsgefangenschaft hast Du überlebt. Eineinhalb Jahre Kriegsgefangenschaft in Lwiw, Lemberg in der Ukraine. Du hast die SPD nach dem Kriege mit aufgebaut und dich für ein sozialdemokratisches Deutschland eingesetzt. Noch zu Deinen Lebzeiten war Schröder Kanzler und darüber hinaus.
Später wurde dieser sozialdemokratische Kanzler Schröder, Anhänger des Neokapitalismus und der Ich-AG, ein Verräter der alten Sozialdemokraten. Hat die Arbeiterklasse sich selbst überlassen. Wurde Vasall und Diener des russischen Präsidenten Putin. Für Geld, Frauen und Gloria. Für ihn ist der Diktator Putin ein lupenreiner Demokrat. Beide sind Verlierertypen und verstehen sich deshalb gut. Der Diktator führt heute Krieg in der Ukraine. Da wo Du in der Kriegsgefangenschaft die Birken gefällt hast. Putin bombt gegen das Brudervolk, welches Demokratie will. Der Sozialdemokrat Schröder schweigt. Was würdest Du ihm sagen?  Für ihn ist Demokratie kein Gut, für das man einstehen muss, so scheint es. Aber es gibt kein richtiges Bewusstsein, ein richtiges Leben im falschen Leben. Was meinst Du? Neulich habe ich sogar von Schröder geträumt. Die Nibelungensage: Er war als Hagen verkleidet und hat Siegfried die Lanze in den Rücken gestoßen. Dort wo der Rücken nicht vom Drachenblut geschützt war. Im selben Traum hatte Putin einen Drachenschwanz mit einer Hand gepackt. Eine Stimme flüsterte: „Vergiss nicht, dass der Drache am anderen Ende ein großes Maul hat. Du darfst nie wieder loslassen“.
Heute ist wieder ein Sozialdemokrat Kanzler. Olaf. Olaf Scholz. Du kennst ihn gut, er hat die Laudatio auf Deiner Trauerfeier gehalten. Er gibt jetzt 100 Milliarden Euro für die Bundeswehr her. Was würdest Du sagen?
Nie wieder Krieg! war Deine Devise. Als Kinder durften wir nicht einmal eine Spielzeugpistole anfassen.
Gibt es noch Sozialdemokraten? Mit der Waffe in der Hand?
Was würdest Du sagen?
Man muss sich wehren können. Nur ein starker Krieger muss nicht kämpfen. Was würdest Du sagen?

Brüder zur Sonne zur Freiheit, Brüder zum Lichte empor, hell aus dem dunklen Vergangenen leuchtet die Zukunft empor…

Ruhe in Deiner Zeit.
(Eine Postkarte ist zu klein für diese Welt.)

Dazu in diesem Blog: Widerstand. Begegnungen 1934
                                        Es geht uns gut

Tumore


Tumore

Gedanken selbständig verantwortlich unkontrolliert wahr

„Ein Dröhnen: es ist
die Wahrheit selbst
unter die Menschen
getreten,
mitten ins
Methaperngestöber.“
(Paul Celan, Atemwende)

Explosion: Krampf
Etwas will
um sich greifen
sich Platz schaffen
da wo kein Platz ist
ungebeten

Wirbel zerbrechlich
dünn die Membrane
zwischen allem
verletzlich das
Weltgeschehen
geschieht

von einer feuchten Decke
Tropfen
in weiße Kissen
sanft aufgesogen
schwere Tränen
Meer

Traumbilder
Katze nicht Maus
was raus muss
weiß oder schwarz
Blick ins Tal hinauf
fallen

Worte widerfahren
sprachloses Sprechen
alles trifft
laut und leise
gespürt
Schmetterlingsschlag

Kraft
schöpfen
Gedanken
viele gebündelt
einen starken
Strang

Die Schöne Corona in der Risikogesellschaft

Ein langer Lockdown hatte für einige Wochen ein Treffen mit der Schönen Corona verhindert. Jetzt konnten wir uns endlich im Freien treffen.
In ihrer Einladung hatte sie vermerkt: Die Menschheit wird gefressen werden. Unterzeile: Und sie weiß es.

Ihr neues Kleid fiel mir gleich auf. Der erste Blick. Das sie verwirrt war, beim zweiten Hinschauen. Sie erwartete mich an der Friedenseiche auf der kleinen Grünfläche auf der Mitte der Straßenkreuzung. Anstelle eines angemessenen Wintermantels oder einer Daunenjacke war Sie lediglich mit einem Cocktailkleid bekleidet. Erstaunlich bei diesen Temperaturen Anfang Februar. Sie lächelte nicht, wie ich es von unseren vorherigen Begegnungen gewohnt war. Ihre Gesichtszüge waren vielmehr in einem starren Lächeln gefangen. Ich fühle mich verfolgt, rief sie mir entgegen, noch bevor ich das den Rasen schützende niedrige Eisengitter überstiegen hatte. „The sound of the streets sounds so familiar“ rauschte mir durch den Kopf. Aber augenscheinlich nicht für sie. Her tears on my schoulder, dass ging nicht. „A new Kid in town“ von den Eagels. Ja das war sie. Sie war „a new Kid in Town“, allerdings ungeliebt. Man jagt mich wohl tatsächlich ergänzte sie. Dabei will ich nur meine Ruhe. Ständig muss ich mein Aussehen verändern, überall gibt es Kontrollen, beklagte sie.
Im Cocktailkleid bist du aber leicht zu erkennen, du fällst auf. Ja nickte sie, das soll so sein. Eine kurzfristige Ablenkung. Eine falsche Fährte. Aber ich habe mich mit neuer Kleidung eingedeckt. In London und Südafrika gab es einige Sales die ich nicht ausschlagen wollte. Sie erzählte ein wenig von ihren Reisen und erwähnte beiläufig, dass sie Donald Trump nicht getroffen hätte. Ich wedelte mit meiner Einladungskarte. Und wie soll ich das verstehen? Das wir von den Füßen her angefressen werden und nichts dagegen tun, weil wir davon ausgehen, dass unser Kopf weit genug entfernt von diesen Extremitäten ist?
Genau! Mir ist klar, dass ich dich am Ende als Wirt nutzen muss, wenn die Erde weiter so verbraucht wird. Sie lachte kurz auf. Diese kleinen Geplänkel waren für mich vor unseren tiefer gehenden Gesprächen immer wichtig, um mich sicherer zu fühlen. Schließlich ist ein Virus auch in etwa ein Tiger. Wer auf einem Tiger reitet, kann bekanntlich nicht einfach abspringen, wann er Lust hat.
Und wie geht es Dir?
Ich wusste, dass sie diese Frage ernst meinte, mir zuhören und kein „soweit ganz gut“ hören wollte. Die Frage, so offen gestellt, ließ mir alle Möglichkeiten zu erzählen, was mich bewegt.
Wie geht es mir? Zu Corona gewandt: Bei Dir, direkt in Deiner Nähe fühle ich mich sicher. Du springst mich ja nicht an. Ich habe nicht zu klagen, behauptete ich. Aber nein, ich hatte letztens gespürt, dass es nicht mehr stimmig war. Oberflächlich Haus, Garten, Wald hinter dem Haus, ein kleiner Dorfladen in der Nähe, gute Zeitstruktur. In mir scheint es anders auszusehen.
Corona blickte mich aufmerksam an. Ihre Gesichtsmuskeln entspannten sich.
Samstag war ich auf dem Wochenmarkt. Schon auf dem 500 Meter entfernten Parkplatz war Musik zu hören. Wirklich laute Musik. Platz greifend, lebendig und bestimmend. Der Marktplatz ist ziemlich quadratisch ausgerichtet,schmucklos funktional, umgeben von Geschäften, Wohnanlagen und wird vom dem denkmalgeschützten 70iger Jahre Bau des Rathauses und der daran angrenzenden Bücherhalle dominiert.
Öffentlich gespielte Musik in Zeiten der Coronapandemie zu hören ist ungewöhnlich. Dieser Samstag war ein sonniger Tag, die Winterkälte war zu spüren, aber die Sonne wärmte. Die zwei Musiker, eine Frau und ein Mann, spielten in der Manier und Qualität von „Dire Straits“. Berührender Gesang und perfekte Gitarrensoli. Es war eine Musik, die den gesamten Platz erfüllte und dennoch war es so still, dass man den leichten Wind hörte. Alle wahrten Abstand, standen gefühlt dennoch ganz eng zusammen und lächelten vor sich hin und andern zu oder verbargen ihre Tränen hinter ihren Masken. So ging es mir jedenfalls.Tränen hinter der Maske. Dieses Erlebnis hat mir eröffnet, wie es mir wirklich geht und gezeigt was mir fehlt. Verbundenheit und Zugehörigkeit im weitesten Sinne. Das hätte ich nicht gedacht.Ich habe dann begonnen genauer hinzusehen um herauszufinden wen oder was ich vermisse. Unterm Strich aber geht es mir gut. Es gibt Schlimmeres, lächelte ich.

Die schöne Corona wollte meinen Arm streicheln. So gut es mir getan hätte, so musste ich stattdessen einen Schritt zurück treten.
Ich kann dich gut verstehen und weiß wie es ist, wenn man Zugehörigkeit vermisst. Auch wenn wir viele sind, so wie ihr Menschen viele seid, sind wir doch allein. Wir haben unsere originären Wirte verloren, weil die Menschen sich in ihrer Fläche immer weiter ausbreiten. Wir Viren sind Vertriebene, Flüchtende. Und kommen keinesfalls aus einer Retorte. Was mich wundert ist allerdings der Umgang mit mir. Statt mich zu jagen, mich vertreiben zu wollen, solltet ihr lernen mit mir zu leben und bei Euch selbst schauen, wie ihr mit Risiken umgeht.
Du bist das Risiko für uns, zur Zeit, wandte ich ein. Wir haben uns intensiv mit dir beschäftigt.
Sie schüttelte den Kopf. Denke doch nur an die seit Jahrzehnten reale atomare Bedrohung. Diskutiert darüber jemand? In der Hochzeit des Kalten Krieges in den 1960igern solltet ihr im Falle eines atomaren Fallouts unter die Schultische kriechen oder euch die Aktentasche über den Kopf halten. Man sollte schnell in einen Graben oder ein Erdloch springen. Wenn du tot warst, war es gefählicher als vorher gedacht.
Tschernobil? War für Pilzsammler gefährlich, Fukuschima im Jahre 2011 weit weg. Die Kriege in die ihr verwickelt seid, nehmt ihr nicht wahr und wundert euch über Migration und Flüchtlinge.
Klimawandel, was ist damit? Gefährlicher als ich. Außerdem falle ich als Folgeerscheinung auch noch unter das Thema Klimawandel.

Die westliche Welt der reichen Industrieländer ist es nicht gewohnt, in Risiken zu denken.
Jetzt schon, versuchte ich in ihre Sätze hineinzukommen. Wir beschäftigen uns jeden Tag mit diesem Risiko, mit dieser Pandemie. Eine Kennziffer jagt die andere, alles wird vermessen, bewertet und gewichtet.

Sicher. Aber die Betrachtung von nicht persönlichen sondern allgemein gesellschaftlichen Risiken werden seit Jahrzehnten nicht beachtet. Die Risiken der Modernisierung, der internationalen Industrialisierung werden im Politik-und marketinggeschwafel verniedlicht.
Ich musste zustimmen. Die aktuelle Diskussion um die Lieferketten, (was für eine Verniedlichung für Kinderarbeit), die Forderung nach globaler Fürsorgepficht für international tätige Unternehmen. Das was heute thematisiert wird, kennen wir schon lange. 1972 die „Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome. 1985 die Analyse der Risikogesellschaft durch den Soziologen Ulrich Beck über die Verteilung von Modernisierungsrisiken:„Sie besitzen eine immanente Tendenz zur Globalisierung. Mit der Industrialisierung geht ein Universalismus der Gefährdungen einher unabhängig von den Orten ihrer Herstellung: Nahrungsmittelketten verbinden praktisch jedem mit jedem auf der Erde. Sie tauchen unter Grenzen durch.“
Deshalb bist du jetzt also hier? Ich bemerkte die Ironie in meiner Stimme. Oder war es bereits eine sarkastische Haltung? Denn immerhin sprach ich auch über mich selbst.

Corona nahm meine Worte wie sie waren, und konstatierte, gewissermaßen, ja.
Die Menschen leiden unter einer Risikoblindheit. Risiken bringen auf den ersten Blick keine Produktivitätsvorteile. Da gelten dann nach ökonomischer Logik auch die Gesetze der Naturwissenschaft nicht mehr. Das siehst du deutlich auch heute. Nichts ist anders. Das Risiko sich mit mir und meinesgleichen zu infizieren wird hinter einer Datenwand versteckt oder scheinbar objektiviert. Das Risiko wird abstrahiert, wird globalisiert.
Diese Verallgemeinerung lässt Betroffenheit entstehen, die für den einzelnen abstrakt bleibt. Das war schon immer so. Wo es für alle scheinbar kein Entkommen gibt, mag man schließlich auch nicht mehr an die Katastrophe denken. So war das mit den Pestiziden, der Luftverschmutzung und Atomstrahlen. Jetzt sind die Verursacher der Modernisierung selbst nicht mehr sicher. Und ja, Reiche und Arme sind langfristig, wenn auch zeitversetzt, denselben Risiken ausgesetzt.
Und die Wissenschaft in ihrer Arbeitsteiligkeit, kann diese Risiken nicht berechnen, zumal sie selbst Teil der Moderne ist und mit ausgedachten Grenzwerten die Verschmutzung und Vergiftung von Luft, Wasser am Sterben von Pflanzen, Tieren und Menschen legitimiert,
Wie du siehst, nützt uns Viren dieses Wissen um die individuellen Risiken auch nur eingeschränkt. Wir mussten unsere Stammwirte verlassen und sind am Ende Verlierer.
Einen Vorteil haben wir gegenüber anderen Lebewesen: Unser Wissen ist universell. Außerdem: Wir können uns innerhalb kürzester Zeit an Veränderungen anpassen. Siehst Du, sagte sie noch, während Sie immer durchsichtiger schien und ich vermutlich Zeuge ihre Mutation wurde. Heute war sie nicht so eloquent gewesen wie sonst, die Risikogesellschaft scheint sie sehr zu beschäftigen und zu verunsichern. Hätte ich nicht gedacht. Vieleicht täte ihr etwas Musik auf dem Marktplatz ganz gut? Oder würde sie mich eines Tages fragen, ob sie bei mir wohnen dürfe? Ich würde sie wiedersehen, da war ich mir sicher.

Der Schatten vom Dachboden

Der lange Schatten auf dem Dachboden

Notizen von Felix: Die Geschichte mit dem Handbeil.

Worum es geht? Um alles Große. Ich lebe schon länger als mir wahrhaftig lieb ist. Leben ist für mich zu einer Qual geworden. Ich bin Jahrgang 1912, im Juli geboren, ein Sommerkind. Dass ich so lange leben darf, liegt möglicherweise an meinen Eltern, die mir den optimistischen Namen Felix – der Glückliche – gegeben haben. Felix Ellerhusen. Realistisch betrachtet ist es selbstverständlich die Medizintechnik, die mich seit Jahren umgibt. Großartig bewegen kann ich mich heute nicht, es geht den Forschern lediglich um meinen Kopf, mein Wissen. Ich bin etwas besser dran als Stephen Hawking, der sich nur noch mit Blinzeln verständigen konnte. Meine Eltern sind schon tot und können sich nicht mit mir freuen, dass sie vielleicht doch recht hatten, mit ihrem Reich des Bösen. Vor dem sie mich früh gewarnt hatten. Aber es war zu verlockend gewesen; und ich muss sagen, das ich, obwohl ich damals nicht mit allem einverstanden, naiv war! mit den Ideen dieses „Dr. Seltsam“, der die ganze Welt beherrschen wollte, am Ende doch sehr einverstanden war. Die Lagerfeuerromantik,, die Fahnen, die Musik,die Uniformen und die Aufmärsche! Der kalte Atemhauch im Winter, der verbindende Schweiß der Baukolonnen im Sommer. Ich wurde gefördert, Studium und finanzielle Unterstützung. Später wurde mir eine großzügige Wohnung zugeteilt. Ich war begeistert, zunehmend begeistert. Heute ich dem nichts mehr abgewinnen. Das lange Leben hat mich geschliffen hat. Das Schicksal setzt den Hobel an und hobelt alles glatt. Mein Handeln ist jetzt unideologisch ausgerichtet. Friss oder stirb ist meine Devise, beinahe ziellos. Ich lebe noch, hier in diesem Labor, verkabelt, halb Mensch, halb Maschine. Wie früher. Im Reich. Mensch und Maschine; Maschinenmenschen. Ein kleines Rädchen, aber immerhin ein Rädchen, ohne das nichts ging. Profit und Ideologie beherrschten die Herrscher und die Untertanen; heute, hier, eben ohne Ideologie im sogenannten Metaverse. Auch ein Reich. Ich habe alle durchlebt. II.Reich. Die Zeit nach dem III. Reich. Die Zeit zwischen den Reichen.  

Für die BRD galt bald nach dem Fall des ewigen Reiches die Unschuldsvermutung für uns alle. Große und kleine Mörder. Täter und Mitläufer. Meine Chance habe ich genutzt und mit Persil gewaschen. Persil wäscht das weißeste Weiß war das Motto eines großen Waschmittelherstellers, deshalb die „Persilscheine“ für die Nazis. Alle waren sauber und nicht dabei gewesen. So wie ich. Wie in Mehltau gebettet, legte sich eine neue Welt über die alte Welt. Es entstand eine wunderbare, amerikanische Glamourwelt. Wie Kinder staunten die Menschen – lebten und vergaßen. Das sich anbietenden Wortspiel verkneife ich mir. Im Maschinenraum der BRD trieben die alten Naziseilschaften die Republik in ihrem Sinne voran. Sie sind Wirtschaftsführer, Ministerpräsidenten und sogar Bundeskanzler geworden. Diese verschiedenen Ebenen der Seilschaften, Politiker, Nationalsozialisten, Unternehmer und Sieger-Staaten liefen aufeinander zu, als schiefe Ebene oder eine unendlich ineinander verschlungene Treppe.

Heute gibt mir die Vorstellung, dass jegliche Zeit in einem Punkt zusammenfällt, die vergangene und die zukünftige, die Inspiration, heute, im Jahr 2022 diese Geschichten zu notieren. Fraktale. Inspiriert hat mich der Angriff Russlands auf die Ukraine.

Die Motive sind bekannt, die Argumente für Kriegsführungen sind immer gleich richtig und gleich falsch. Immer eine richtige Lüge und eine falsche Lüge. Ich fabuliere auch aus Langeweile übrigens, denn die Wiederholungen langweilen letzten Endes. Es sind ausnahmslos einige klitze kleine Geschichten des kleinen Kosmos im Großen aufzuschreiben. Eine Spiegelung, eine Wiederholung zudem, unbedeutend wie alles andere, um das wir uns kümmern und Gedanken machen. Wodurch wir leiden und andere nicht leiden, unemotional, intellektuell oder aus purer Dummheit, über etwas wir nicht leiden können und loswerden möchten und leben dazu ohne langfristige Bedeutung.
Die Frage nach dem Grund für meine Notizen war gewiss nur eine rhetorische Frage an mich selbst. Die Antwort ist einfach: Geschichte wiederholt sich. Geburt, Leben, Tod. Das gilt für alle Systeme auf diesem Planeten. Viel mehr bewegte mich persönlich eine andere Frage: Kann ich nicht analog sterben? Überraschung? Das ist ein relevantes Thema – für mich. Alles ist berechnet, die Algorithmen bestimmen mein Sterben. Ich bin mir sicher, dass ich lediglich ein Experiment bin. Nein, nicht nur hier im Labor, ganz allgemein. Ich scheine demnach noch etwas wert zu sein. Für wen? Mein Wissen ist digitalisiert, meine Gene gesichert. Ich glaube, sie sind unsicher, ob da nicht doch etwas ist, was sie nicht erfasst haben. Obwohl ich lediglich ein kleines Rad bin, ja ich muss sagen, war. Oder besser: ich habe ein kleines Rad gedreht, jetzt werde ich gedreht. Ich kann mit meinem Geist reisen. Nicht  nur in die Vergangenheit. Die Zukunft ist bereits programmiert und mir, in diesem Versuchslabor, verkabelt und mit Bildern versorgt die ich bei Bedarf abrufen kann, als Simulation zugänglich. Allerdings werden mir auch Sequenzen eingespielt, die ich mir nicht aussuchen kann. Anfangs war ich geschmeichelt und an der Technik interessiert. Man – ich sage hier mal: eine bestimmte Forschungsstelle in Sachsen, ländlich abgelegen – hat mir nicht das ewige Leben versprochen. Vielmehr eine Digitalisierung meines Wissens, später meiner Emotionen. Sie wussten selbst nicht, was am Ende daraus werden würde. Man nahm an, dass die technischen Möglichkeiten alles Denkbare übertreffen würden. Denken und Emotionen eines Reichsbürgers. So ist es auch gekommen. Mein Körper ist nicht mehr wichtig, eine Hülle. Aber mein Geist, mein Intellekt, noch bin ich Zeitzeuge. Vielleicht wird man mich im Metaverse-Reich ausstellen. Vielleicht auch abschalten. Dazu später mehr.
Warum ich? Vielleicht, weil ich ein gutes Beispiel für Anpassung bin? Weil ich überlebt habe? Nicht nur die eine Seite hat ihre Überlebenden, auch die andere. Außerdem war ich nützlich, in den Jahren nach der großen Reinigung der Systeme.

Ich bewegte mich im Maschinenraum der Gesellschaft, denn ich bin Jurist geworden. Juristen können alles sein, da sie nicht unbedingt sie selbst sein müssen. Ich kann mich demzufolge jedem System anschließen. Der Vorgang der Auslegung von systemimmanenten Paragrafen ist immer gleich. Man dient den jeweiligen Herren. Ich bin ein Mann der Tat gewesen und konnte in verschiedene Rollen und Masken schlüpfen.  Am angenehmsten war es in der Zeit des Nationalsozialismus, als Adjutant des Hamburger Gauleiters Kaufmann. Ihm habe ich geholfen, Hamburg von Kommunisten, Juden und Sozialdemokraten zu säubern.
Kaufmann hatte diesen Tick, dass niemand mit der Guillotine hingerichtet werden sollte, da diese ein Instrument der bürgerlichen Revolution wäre. Also mussten wir ein Handbeil aus Lübeck besorgen. Nun ja.  Später war ich im RSHA, dem Reichssicherheitshauptamt. Dann Kriegsgefangener bei den Amis. Bis 1947. Kaufmann, der alte Lump, kam später wieder nach Hamburg. Der alte Nazi hatte sich wieder angepasst und lebte gut hier in einer bürgerlichen Umgebung.
Ich erinnere mich noch an ein Gespräch mit ihm, etwa drei Jahre nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten. Das musste 1936 gewesen sein. Da saßen ein paar Henker zusammen. Ich erinnere mich noch an das Gespräch in einer jovial gehaltenen, selbstgefälligen Atmosphäre. Kleine Leute, die plötzlich ganz groß rauskommen wollten. Anhand dieses Gesprächs zeigt sich die neue Ordnung. Alles musste „Ordnung“ sein. Auch das Töten verlangte nach Ordnung. Hier ist ein schönes Beispiel, eine Szene in Kaufmanns Büro, Nazi „Reichsstatthalter“ Hamburgs:

„Nehmen Sie doch das Handbeil, das ist ja jetzt gesetzlich zulässig.“ Max Lahts, Präsident des Strafvollzugs Amtes, einer der willigen Vollstrecker des Gauleiters Kaufmann, lächelte zu diesen Worten.

„Die Guillotine ist sicherer, wir haben noch keine Henker, die mit dem Handbeil Erfahrung haben, entgegnete der Lübecker Staatsanwalt, der gekommen war, um sich die Hamburger Guillotine auszuleihen.

„Wir sind in Hamburg schon seit 1934 erfolgreich mit dieser Methode. Sie kennen ja die Einstellung vom Reichsstatthalter Kaufmann: Die Guillotine als Überbleibsel der Revolution gehört abgeschafft. Die Todesstrafe soll mit dem Handbeil vollstreckt werden.

Gut, natürlich, grundsätzlich habe ich aus praktischen Gesichtspunkten nichts dagegen.

Wollen Sie sich aber wirklich gegen Kaufmann stellen? Der hat im Moment „Oberwasser.“

Max Lahts war sich nicht sicher, ob er seinen Vorgesetzten, seinen Gauleiter Kaufmann, der zwischenzeitlich zum Reichsstatthalter befördert worden war, überzeugen könnte.
„Sie könnten hier eine Ausnahme machen, wenn die Fachleute fehlen.“

„Gut, ausnahmsweise lässt sich das vielleicht einrichten, ich prüfe das.“
Der Lübecker Staatsanwalt bedankte sich. „Wir wollen den Kutscher Johannes Fick noch in diesem Jahr hinrichten.“
„Wenn es klappt, sollten wir noch über die Kostenübernahme sprechen. Wir müssen für den Transport zwei Mann abstellen, die Verladung dauert etwa zwei Stunden, der Aufbau drei bis vier Stunden, wenn drei geeignete Beamte mitfahren. Ach, die Maschine muss hinterher noch gereinigt werden. „Dann das Ganze retour.“

„Ich denke, die Kosten spielen keine Rolle,“ erwiderte der Staatsanwalt erleichtert ob der sich abzeichnenden Lösung.
„Wissen Sie was, bringen Sie den Mann doch einfach nach Hamburg!“ sagte Lahts.
Der Lübecker suchte Gründe dafür, das Urteil in seiner Stadt zu vollstrecken und insistierte: „Wir müssen uns auch als Juristen hier klar verhalten.“

„Eitelkeiten“, sagte Max Lahts, dem noch eine lange Karriere als Präsident des Strafvollzugs Amtes bevorstehen sollte. „Juristen überleben immer. In jedem System. Wir sollten uns hier um eine grundsätzliche Lösung kümmern. Ich werde das bei Kaufmann vortragen.“
Kaufmann hatte sich vorgenommen, in Hamburg durchzugreifen.
„Nicht mal mit der Vollstreckung von Todesurteilen kommen die in Lübeck voran.“ Er drückte seinem Adjutanten Ellerhusen ein Stück Papier in die Hand. „Hier etwas anderes. Sehen Sie zu, dass Sie der Verfasser dieser Hetzschriften habhaft werden.
„Die Kunst des Selbstrasierens, einfach lächerlich!“
Aus Überzeugung aber auch zur Erfüllung seiner Bewährungsaufgabe als Gauleiter Hamburgs nahm er sich vor, diese Stadt vorzeigen zu können. Er wollte ganz im Sinne seines Führers die Hamburger emotionalisieren. Die Gehirne der Menschen mussten ausgeschaltet werden; durch Fahnenmeere, Fanfaren, Marschkolonnen, Flammen, Fackeln, Spruchbänder und Ansprachen muss das Volk in Verzückung versetzt werden. Wie Hitler es verlangt hatte, strebte Kaufmann die Selbst Austilgung des Individuums und die permanente Besinnungslosigkeit der Massen an, um sie den Nationalsozialisten gefügig zu machen. Eine Masse, die nicht mehr darüber nachdenkt, was Recht und was Unrecht ist. Kaufmann hatte ähnliche Züge wie Hitler, beide berufliche und menschliche Versager, die ihre Konzentrationslager im Hirn auf die Menschheit übertrugen. Das KZ als Abbild des ursprünglichen Lebens, den Grund der Matrix. „Die werden wir schön rasieren,schließen Sie sich mit den Fahndungskommandos kurz. Die wissen schon, wie man den Bengels beikommt.“
Ellerhusen zögerte.
„Was befürchten Sie, Ellerhusen? Niemand wird uns je zur Verantwortung ziehen, wir halten uns an Gesetze.“ Er lachte kurz auf. „Sie wissen schon, was ich meine. Jede Zeit braucht ihr spezielles System, spezielle Leute. Das sind wir! Wir halten uns an die Gesetze und verschaffen diesen ihre Wirkung.“

Ellerhusen salutierte und trat ab.

Kaufmann blieb nervös zurück. Immer noch ließ er sich trotz seiner Uniform und hinter seinen einstudierten Gesten leicht verunsichern. Er war immer ein Verlierer gewesen. Mehrfache Schulwechsel ohne Schulabschluss, keine Fronterfahrung, obwohl er sich freiwillig gemeldet hatte, die Lehre abgebrochen. Sein Leben änderte sich, als er nach der Beteiligung an mehreren terroristischen Anschlägen Karriere in der NSDAP machte. Goebbels wird mich schon raushauen, wenn’s hier nicht gleich nach Plan läuft. Auf die tiefe Freundschaft zu Goebbels hatte er sich schon einmal verlassen können, als er im Großgau Ruhr scheiterte. Dem roten Hamburg würde er es schon zeigen.

Am nächsten Tag rief Kaufmann Ellerhusen zu sich.
„Ellerhusen, wir müssen hier in der Stadt mehr Flagge zeigen, wörtlich und im übertragenem Sinne. Ich habe letzte Woche mit einigen Unternehmern gesprochen, die stehen dem Nationalsozialismus sehr wohlwollend gegenüber. Sie wollen sich aber erst zeigen, wenn unsere Sache sicher ist. Sie sind mir verantwortlich für die kleinen Leute und für die Aktionen auf der Straße.“

Ellerhusen machte einen sehr speziellen Vorschlag. „Sie sollten mehr Präsenz und Stärke bei unseren Leuten zeigen, dann trauen diese sich auch mehr zu.“

„Genauer bitte“.

„Sie sollten bei den Folteraktionen dabei sein und vorbildlich handeln“.

„Ich soll selbst foltern?“

„Ja“.

„Ich denke darüber nach. So lasch wie die im KZ Wittmoor mit den Gefangenen umgehen, wollen wir es jedenfalls nicht einreißen lassen.“

„Unsere SA-Männer könnten als Fahndungskommandos agieren.“

„Wir dürfen das Bürgertum nicht zu sehr verschrecken, aber im Grunde haben die hohen Herren die gleiche Anschauung, da bin ich mir nach den Gesprächen sicher. Wir müssen sie langsam daran gewöhnen und noch mehr roten Terror erzeugen oder inszenieren.“ Die beiden lachten. „Übrigens“, fügte Ellerhusen an, „die Justiz drückt bei der Befreiung unserer SA-Genossen auch ein Auge zu, wenn die mal über die Stränge geschlagen haben. Ellerhusen zwinkerte linkisch mit den Augen.“ Von der Seite der Justiz haben wir nichts zu befürchten.“

„Immer nützlich, die Justiz“, bestätigte Kaufmann.

Einige Wochen später konnte Ellerhusen berichten lassen:

„Das Recht der Straße hat sich die SA in jeder Weise erkämpft, und die Roten wissen, dass in St. Georg für sie ein ungleich gefährlicheres Pflaster ist, als es etwa die Neustadt war oder gar Hammerbrook, wo sich kein SA-Mann allein sehen lassen kann, ohne angefallen zu werden. In St. Georg ist das vorbei. Die SA ist stark und wach. Wir sind auf dem richtigen Weg.“

„Ellerhusen, suchen Sie doch mal ein paar kleine Parteigenossen aus, die wir auf die Kommunistische Partei und die illegalen Gruppen ansetzen können. Ich denke da auch an Stadtteile wie Winterhude und Eimsbüttel. Reden Sie mal mit den Kampfgenossen vor Ort.“ Kaufmann schlug eine Mappe auf. „Und schauen Sie mal hier: Ein Dankesschreiben vom Reichsinnenminister. ,… danken wir Ihnen für die Gewinnung der Hamburger Kaufmannschaft und Wirtschaft. Wir freuen uns außerdem über die zunehmende Arisierung des Handels und der Produktion. Na, das ist doch was. Also bereiten Sie was vor, die Kneipen und Betriebsbesichtigungen, da können wir was verteilen.“

Welche Absurdität. Niemand fand etwas dabei. Aus heutiger Sicht ein Schauspiel.Absurditäten werden uns auch in den nächsten Szenen begleiten. Versprochen. Die Welt hat sich mittlerweile daran gewöhnt.

Hinweise: Woody Allen: Film. Dr. Seltsam, oder wie ich lernte, die Bombe zu lieben.
Jens Gärtner: Die Kunst des Selbstrasierens Roman, Feldhaus Verlag

Farewell and Breathing Change / Encounter Paul Celan

The one already dead
waxy thin skin
at the end of his days
or every day
just do some work
destroy what does not come true
will-o‘-the-wisp hammer
be Lenin and Stalin
lost, helpless child
a sacrifice that needs sacrifice
stay in balance powerful loser
Ship without a port
Ukraine does not answer
the oath of love
given in bearskin
he wants dead fill its emptiness
bathed in dragon’s blood vulnerable
looking in the mirror
nothing in sight
people out of breath
turn of the world
breath turn

Encounter: Paul Celan
„Half-eaten, mask-
faced corbel,
deep in the eye slit crypt:
In, up into the skull,
where you break the sky, again and again,
in furrow and whorl
he plants his picture
that outgrows, outgrows.

Margot (Ein Leben in Briefen) Teil 3

Tagebuch

Ein Leben in Briefen
Margots Tagebuch

 Liebes Tagebuch,

Briefe schreibe ich gern, aber man muss ja auch einmal etwas für sich behalten. Was mir schwerfällt, da ich immer geradeheraus rede. Insbesondere die Gedanken die unkontrolliert kommen und wieder verschwinden sollte ich für mich behalten. Gedanken, die dennoch ihre Spuren hinterlassen. Ich kann schließlich nicht alles in Briefen schreiben und probier’s mal hier, mich auszuquatschen. Mein Liebster ist schon lange weg, ein paar Tage jedenfalls. Mit seinen Parteigenossen in Puan Klent  auf Sylt. Genießet Genossen sag ich immer. Es gibt in den Tagungshäusern nämlich immer etwas Gutes zu essen. Was man in Hamburg nicht für alle sagen kann. Ich untertreibe. Die meisten schieben Kohldampf. Und nach der Arbeit gehen sie in den Nordseewellen baden. Sie wollen die Welt ein wenig besser machen, glaube ich.
Was ist das eigentlich für eine Arbeit, die freiwillige Selbstkontrolle. Sie gucken den ganzen Tag Filme, die das gemeine Volk nicht sehen darf. Das gemeine Volk. Ist doppelsinnig schön zutreffend, wie ich finde. Nichts soll durchkommen, was die schädlichen nationalen Gedanken animiert. Und nicht zu viel Gewalt und nacktes Fleisch darf zu sehen sein. Ein gemeines sich gemeinmachendes, gemein bleibendes Volk soll gerettet werden. Die Denunzianten, die jetzt freundlich grüßen und hinter vorgehaltener Hand beim Milchmann die Juden bedauern, die nicht mehr in ihrer großen Wohnung sind. Angeblich weggezogen, weil es ihnen hier nicht mehr gefiel.
Jedenfalls scheint die Arbeit wichtig zu sein. Natürlich politisch. Heinz ist ein politischer Mensch durch und durch. Das erstaunliche ist, dass er seine Überzeugung auch lebt. Soweit ich das beurteilen kann. Ziemlich gefährlich kann das sein, nicht nur für ihn, sondern auch für mich? Das frage ich manchmal. Schließlich hatte die Gestapo ihn verhaftet und er wurde für fast zwei Jahre eingebuchtet. Erst im KZ Fuhlsbüttel, dann auf Hahnöfersand. Ist mir gar nicht aufgefallen, als ich mit Adsche da vorbeigesegelt bin. Komisch, das habe ich nicht gewusst. Bin ich auch eine von denen, die nichts gewusst haben? Aber nein, schließlich habe ich beim Sport in der Schule nicht diesen absurden Gruß gemacht. Meine Hand war oft mit Gips verbunden. Das war meine Ausrede. Jedenfalls hatte Heinz da im Gefängnis gesessen, als ich vorbeigesegelt bin. Aber ich war auch erst 15 Jahre alt. Damals konnte ich nicht ahnen, was da für ein Mann sitzt. Einer der eine Haltung hat. Für die Gleichberechtigung von Mann und Frau ist er.  Darüber hat er schon als 15jähriger in seiner Schulabschlussarbeit geschrieben und Engels „Die Frau und der Sozialismus“ durchgearbeitet. Die Frau sollte genau so arbeiten wie ein Mann, überall mitbestimmen und Verantwortung tragen. Was wir Frauen wohl im Krieg gemacht haben. Männerarbeit! Also um Arbeit brauche ich mich auch heute nicht zu sorgen. Arbeit habe ich. Ich muss nur noch dauerhaft eingestellt werden. Aber die Geschäfte scheinen zu laufen. Vergessen sollte man die letzten Jahre vielleicht? Es hat sich unglaublich viel eingefressen. Welche weißgewaschenen Nazis wohl noch auftauchen? Wenn aber doch das Leben weitergeht? Schließlich darf man leben. Man muss!!! Es ist unendlich viel wieder aufzubauen. Was alles noch zerstört ist! Die Hamburger Straße, halb Winterhude, halb Hamburg. Wo soll das Geld herkommen? Ich habe jedenfalls keines über. Mein Bettlaken wird wohl mein Hochzeitskleid werden. Ob Heinz sich auch solche Gedanken macht? Ich hoffe, er hat die Hochzeit auf einem seiner vielen Zettel. Er schreibt alles Mögliche auf. Seine Zettel sind auf dem Tisch verteilt. Das er da durchblickt. An die Hochzeit werde ich ihn schon erinnern.

Hamburg 26. August 1949

Lieber Heinzelmann!

Ich hatte mal wieder mit einem Gruß von der Nordsee gerechnet. Pech, Du hattest wohl keine Zeit zu schreiben. Dafür lagen die beiden beiliegenden Reklamen im Briefkasten. Ich schicke sie dir mit.  Du sollst ja auch informiert sein. Hast du kein Geld mehr für Porto? Ach, du willst wohl noch mal 14 Tage frei sein was, mein Liebling? Ich zähle die Tage an den Fingern ab, bis du wiederkommst. Ich bemühe mich um viel Arbeit, damit ich das Alleinsein nicht zu sehr merke. Und du vergisst mich in der schönen Luft, Sonnenschein und Wasser. Wir haben Gewitter hier. Es blitzt und donnert wie doll, doch die Leute sind auf dem Balkon und auf der Straße. Da kann ich mich doch nicht fürchten. Ich habe den Tisch ans Fenster gestellt. Eine Abkühlung kann man das nicht nennen. Tagelang herrschen über 25°.
Heute wäre ich bald umgekommen im Geschäft. Die vielen Menschen in einem Raum. Es klappern die Schreibmaschinen, dass ich Kopfschmerzen bekomme. 11 Schreibmaschinen sind es schon. Man kann den Vorkämpfern für den Achtstundentag nur dankbar sein viel länger hält man es gewiss nicht aus, wir sind alle gegen Feierabend leicht gereizt. Vom Geschäft bin ich noch zu dir deine Wohnung, habe mich erholt, mir eine warme Milch gemacht und die Gardine vom Fenster abgenommen. Ist ja eher eine Decke. Ich habe sie gewaschen. Schäme dich, wie lange hatte sie kein Wasser gesehen? Zehnmal mindestens gespült und zweimal mit neuem Wasser gewaschen. Das schwere Ding. Wenn dir sonst noch etwas einfällt was gemacht werden muss, dann schreibe.
Ich habe die heute wieder Papier mitgebracht. Und da du hoffentlich nicht wieder ein Schlafanzug dort kaufen willst, könntest du zur Abwechslung mal eine Rolle Band mitbringen. Oder hast Du Deinen Schlafanzug schon wieder vergessen?
Heute hat mein Chef gefragt, ob ich womöglich noch in der Kirche bin. Weiß wer will, wo er das wieder her hat. Ich soll jetzt an einem Morgen frei bekommen und mich abmelden. Er schwärmt von „Anna“. Ich habe noch keine Anna gesehen. Ich habe heute ein neues Buch zu lesen angefangen und werde nachher noch ein Weilchen lesen.  (Joseph mit dem Manifest). Dann noch Strümpfe stopfen. Dabei ist es schon wieder recht spät. Man kommt zu nichts. Ja, nein, ja, nein, ja, nein, ja. Du hast Glück gehabt; ich habe eben an den Knöpfen abgezählt, ob ich diesen Brief morgen einstecke oder am Sonntag mit meinen Zeilen von morgen. Also geht der Brief auf die Reise, mit meinen besten Wünschen begleitet.

Ich küsse dich herzlich.

Immer deine Nicki.

P.S.: Ich habe ein Tagebuch eingerichtet. Mit dem kann ich mich wenigstens richtig unterhalten und bekomme sofort Antworten. Kein Grund, eifersüchtig zu sein!

Margot. Teil 2 (Ein Leben in Briefen)

Die Briefe an Heinz halfen mir über die kurzen Tage hinweg und die langen Nächte hindurch. Seine Familie hatte mich liebevoll aufgenommen. Ein optimistisches Völkchen, das gut essen und feiern konnte. Obwohl es eigentlich nichts gab und die Menschen Hunger litten und in den Wintern nach Kriegsende erbärmlich gefroren hatten. Mein Schwager Hermann, eigentlich noch Schwager in spe, also ab September richtiger Schwager, konnte gut „organisieren“. Er war so etwas wie Hausmeister in Gebäuden am Hafen und kam da mit allerlei Leuten in Kontakt. Jeder wollte etwas, jeder hatte etwas. Mal fiel eine Kiste runter. Hafen eben. Hermann war mit der jüngsten Schwester, Irma, verheiratet. Sie bewohnten mit ihren beiden Söhnen, sieben und neun Jahre alt, zwei Zimmer in Eppendorf. Gefeiert wurde im Garten von Heini und Klara. Schwager „zwei“ und Schwester „zwei“. Heini war ein urgemütlicher Typ. Klara und er haben sich vor dem Krieg kennengelernt. Er war Wäschefahrer und sie Haushaltshilfe. „Und dann sind wir uns an die Wäsche gegangen“, hatte Heini immer gern erzählt.
Heini hatte von seinen Eltern ein Häuschen am Jahnring geerbt. Ein Glücksfall mit Hühnerstall, Obstbäumen und Gemüsebeeten. Mitten in der Stadt. Heinz Schwester Erna war mit 44 Jahren die Älteste und hatte seit 1936 nach dem Tode der Mutter den Haushalt geführt. Sie hatte das immer als Grund angegeben, keine Zeit für Verehrer zu haben. Und „Der Eine“ war im Krieg gefallen.

24.8.1949
Lieber Heinzelmann, dies ist die versprochene Fortsetzung von gestern..

Hier ist noch ein Schreiben aus der Nazi-Hölle angekommen. Von Ferdinand Roschmann. Er schreibt Dir die Namen seiner Haftgenossen, die Toten zuerst, Julius Markus und Genosse Dicke, letzterer hat den Freitod gewählt. Schon 1937! Eine lange Liste mit Namen, die Du sicher kennst. Aber am besten beschäftigst Du Dich später damit. Vielleicht hätte ich Dir das auch gar nicht schreiben sollen. Aber vielleicht erwartet er eine schnelle Bestätigung.
Heinzelmann! Du Lieber!
Das Mittagessen habe ich mir einverleibt. Es gab Würste mit Kartoffelsalat und Milchsuppe. Du hast sicher auch etwas Gutes gegessen? Magst du überhaupt an Essen denken bei diesem herrlichen Wetter? Ich freue mich immer wieder daran, dass die Sonne so schön scheint. Für uns ist es ja reichlich warm, aber auszuhalten.

Gestern war ich noch bei deinen Schwestern, bei Klara und traf dort Erna an. Du kannst dir wohl vorstellen, was wir geschnattert haben, über die Hochzeit usw.. Ich soll dich recht herzlich grüßen und auch sie freuen sich, dass du noch so angenehmes Wetter hast. Über die Trauzeugen haben wir nicht gesprochen. Das tust du am besten selbst, wenn du wieder in Hamburg bist. Clara bat mich ich solle mich selbst mit Frau Schumann wegen unsrer Hochzeitsausstattung in Verbindung setzen. Es macht doch einen netteren Eindruck. Bin der Meinung sie hat recht. Über unsere Bestecke haben wir uns auch lang unterhalten. Ich war schon an der Tür und plötzlich kamen wir darauf und dann ging es wieder in die Küche. Ach, wir haben so viel zu erzählen.
Anschließend bin ich zu mir und habe die Wolldecken reingeholt und bin anschließend in deine Behausung. Dort habe ich schnell das Echo studiert. Der Artikel über die Haftentschädigung ist der gleiche, wie im Abendblatt. Sonst stand nichts in der Zeitung, kein Mord und kein Überfall. Über politische Fragen müsste ich mit dir klönen. Da das nicht möglich ist, hoffe ich, die haben sich auch so aufgeklärt, bis du wieder in Hamburg bist. Habe gestern nicht fragen brauchen, ob ich in der Firma bleiben kann. Mein Chef Herr Reinke fing selber davon an und da hat sich die Angelegenheit so aufgeklärt, dass ich wohl bleiben kann. Ich kann die Kündigung erst mal als zurückgenommen auffassen. Mir ist direkt wohler und mein Gesicht verzieht sich zu einem Lächeln. Nun muss ich mich trotzdem weiter anstrengen, denn aufgeschoben ist nicht aufgehoben.
Mein Chef ist im Augenblick mit Gästen unterwegs. Und da habe ich die Gelegenheit, mich so ganz auf dich zu konzentrieren, obwohl die Maschinen hier auf Hochtouren laufen. Wie geht es dir denn mein Heinzelmännchen? Hast du auch genug Stroh unter dem Hintern? Musst du noch Geld geschickt haben? Wenn möglich nicht, aus Höflichkeit kann ich ja mal fragen. Ich habe die Hose für die Hochzeit noch nicht bekommen. Clara hat erst mal gefragt, ob ich sie holen soll. Sie dachte vielleicht, dass lassen unsere Finanzen nicht mehr zu. Kennt uns aber schlecht. Na, wer weiß, wie früh ich bei dir Killekille machen und Hausstands Geld abzubetteln versuche? Hast du auch mal eine weiche Ader? Ich hoffe aber, dass du meine Versuche, Dein Herz in Bezug auf Geld zu erweichen, nicht anders auffasst und mir sonst alles bietest. Nein, da muss doch ein dicker Trennungsstrich gezogen werden.
Dein Schwager Hermann war gestern mit einem Rad weg wohin??? Kam so spät nach Hause und ich musste den Wecker spielen, dabei fiel es mir selbst so schwer hochzukommen. Ich habe gut geschlafen, aber nicht so gut, als wenn ich auf Kante liege. Schön, dass nun schon der dritte Tag bald herum ist und ich mit den Fingern abzählen kann, wann Du mich wieder in den Arm nimmst und beruhigst. Es ist doch zu schön an Deinem Busen. So mollig und so ruhig. Ach, ich will nicht träumen. Dann kommt es mir doppelt zu Bewusstsein, dass du noch sooo lange nicht da bist. Pflege alle meine kleinen Spezialitäten recht schön. Wenn sie den Kopf hängen lassen, dann vertröstete sie auf das Wiedersehen. Ach, ach…… schön wär‘s.

Mir geht es gut ich habe so unendlich viel auf meinem Zettel stehen, dass ich auf eine Art doch recht froh sein kann, dass ich freie Bahn habe. Bei mir und auch in meiner Zeit bei dir.
Ich würde mich freuen, wenn heute ein Brief bei mir liegen würde; könnte mir so viel Schwung bringen.
Ich küsse Dich herzlich und die besten Wünsche begleiten diese Zeilen.

Immer Deine Nicki.

Margot. Ein Leben in Briefen

Briefe an Heinz

Manchmal nahm ich den Alsterdampfer bis zur Anlegestelle Leinpfad. Ich gönnte mir den Luxus für das Gefühl, wie eine Dame mit eleganten Schritten aus einer Kutsche zu steigen. Den Weg zum gegenüberliegenden Tanzlokal konnte ich, im Sommer zumindest, ohne Mantel zurücklegen und sparte das Geld für die Garderobe. Das Winterhuder Fährhaus hatte eine riesige, blanke Tanzfläche, die von Caféhaustischen umstellt war. Reste aus besserer und schlechterer Zeit, angestaubter Charme der 30iger Jahre. In Eppendorf waren die meisten Bürgerhäuser von den Bomben der Engländer verschont geblieben. Ein Glück für das Fährhaus und die Tänzer und Tänzerinnen und alle, die für eine kurze Zeit vergessen wollten was war und ist oder die Wärme eines Tänzers suchten.

Das Tanzlokal war  immer rappelvoll. Bei dem Frauenüberschuss war es für die Männer ein leichtes, Tanzpartnerinnen zu finden. Heinz war ein guter Tänzer und sehr musikverliebt. Wir tanzten an den Wochenenden im Winterhuder Fährhaus zusammen. Er tanzte nicht nur mit mir. Aber er wurde mein Heinz.

Ein Jahr bevor wir uns kennenlernten, kam Heinz zurück in diese Stadt. Seine Stadt, sein so geliebtes Hamburg. Das war im Oktober 1946. Zurück in die Kälte der Ruinen, zurück zwischen die Menschen, die man nicht wiedererkannte, wenn man in der Nazizeit wegging und dann in der Zeit der Wolfsmenschen zurückkam. In dieses Durcheinander der Vertriebenen und Getriebenen. In ein Land der Nazis, die plötzlich keine mehr waren. Nur ein Versehen. Ich war nicht dabei. Man hat auf dem Mond gewohnt. Da hat man nichts gewusst. Wie auch. Alles gelogen. Das Leben muss ja weitergehen.
Heinz hatte Hamburg1943 zum letzten Mal gesehen, bevor er, als politisch Unzuverlässiger, Widerstandskämpfer und ehemaliger KZ -Insasse an die Ostfront geschickt wurde. 1946 kam er endlich zurück in diese zerbombte Stadt. Trümmerlandschaft. 50.000 Tote. Mörderische Kälte im Winter 1947. Für ihn war der Krieg sicher viel schlimmer als für mich die Zeit hier gewesen ist. Nach dem Krieg hatte ich schnell wieder Arbeit.

Meine Mutter war früh tot, ich war gerade 17 Jahre alt geworden. Mein Vater war Kapitän und ständig auf See. Als meine Mutter gestorben war, zog bald darauf eine Stiefmutter ein. Von da an war ich ein ungeliebtes Kind. Wir bewohnten ein schönes kleines Fischerhaus direkt an der Elbe. Mit meinem Freund Adsche floh ich so oft es möglich war, in unsere kleine Jolle auf die Elbe. Rüber nach Hans-Kalb-Sand, wo wir uns in der Sonne ausstrecken und die dicken Pötte beobachten konnten. Adsche wollte nicht mit Adolf verwechselt werden, wegen des Schnauzbärtigen. Weil eben viele dachten, Adsche wäre eine Kurzform von Adolf. Dabei hieß er Arthur. Der Bär. Außerdem war er spindeldürr. Meine Eltern hatten mir immer wieder verboten mit ihm zu segeln, weil wir im Fall der Fälle über die Reling pinkeln mussten. Das war unfein und gehörte sich nicht für ein junges Mädchen. Aber mein Vater war meist auf See, meine Mutter hütete, oft kränkelnd, das Haus. Wir segelten. Und pinkelten.
Ich machte noch meine Ausbildung zur Sekretärin, dann war Krieg. Und ich war weg von allem. Der Krieg in Frankreich wurde zur schönsten Zeit meines Lebens. Also nicht der Krieg, aber die Zeit. Gekämpft wurde nicht, da wo ich war.  Das dachte ich damals und es blieb mein Leben lang wahr. Ich war in Angers stationiert, gerade 22 Jahre alt und sollte als erstes voulez vous couchez avec moi lernen. Ich lachte darüber und genoss das französische Leben unter der Nazibesatzung. Ich sollte auf den Tischen tanzen und rückwärts lachen, was ich gut konnte. Ich tanzte und lachte. Dann kam der Ami, Rückzug, und der Rest ist Geschichte.

Zurück in Hamburg, bekam ich glücklicherweise eine Anstellung in einem Büro als Stenotypistin und Sekretärin. Geld gab es nicht viel, aber es reichte, denn zu kaufen gab es kaum etwas und ich wohnte möbliert. Dennoch waren in dieser kalten Zeit, in dieser Ruinenwelt, unter den unvorstellbar schrägen, abgerissenen Gestalten, auch Menschen voller Lebenslust. Wie Heinz. Mein Liebster. Ich habe ihn beim Tanzen im Winterhuder Fährhaus kennengelernt. Nett und höflich getanzt, später verabredet, allerdings bin ich erst mal zwei Wochen weg, hatte er gesagt. Schlawiner, was für ein Korb! Den sehe ich nie wieder, hatte ich mir gedacht. Irrtum. Verliebt, verlobt verheiratet. Wer glaubt denn daran. Er kam tatsächlich wieder. Ein Mann ein Wort. Aber immer wieder weg, dass war er häufig. Ein sozialdemokratischer Sozialist, ein Widerstandskämpfer, unterwegs, Deutschland neu aufbauen. Das was war, die Schmerzen hinter sich lassen: KZ, Krieg, Kriegsgefangenschaft.

Ich schrieb ihm fleißig, wenn er unterwegs war. Briefe, in denen mein zukünftiges Leben bereits abzulesen war. Das hätte mir trotz der vielen Tänze und den Hochzeitsplänen auffallen müssen.

23.8.1949

Ringlein, Ringlein du musst wandern! Ja, von deiner Hand in meine Hand und umgekehrt. Ich wollte ja damit angeben aber die Zeit langte nicht hin und nicht her. Am Nachmittag rief mich gestern meine Schwester an und bat, ich solle doch zum Essen kommen. Gut, wollte kein Spielverderber sein und fuhr hin. Es gab… Fisch…. (Kommentar überflüssig). Bin schon um 20:00 Uhr wieder gefahren. Musste doch erst zu mir und danach zu euch. Es hatte sich an beiden Stellen nichts verändert. Nur so leer und öde war das. Ich bin dann auch gleich schlafen gegangen. Und konnte noch so viel rufen: ich will in „Aam“.. Leider sind meine schützenden Arme zurzeit mit allem was dazugehört auf Reisen und ich muss sagen, das Bett kommt mir viel zu groß vor. Geschlafen habe ich ja ganz gut aber es geht doch nichts über die Gemütlichkeit, ich meine damit, auf der Kante zu schlafen. Gelandet bist du gut, wirst du mir sicher schon in einem langen Brief geschrieben haben. Du bist so ein Goldfasan, gehst weg, ohne mir deine Adresse hier zu lassen. Muss ich warten, bis Post von dir eintrudelt. Trotzdem will ich meine ersten Gedanken zu Papier bringen. Denn die ist günstig. Der Chef ist auf Reisen und mein Block ist nicht gerade übervoll. Sind noch die Reste von gestern.

Heute geht es zu deiner Schwester Klara ich will deine Sachen hinbringen und deine Hose abholen. Anschließend sehe ich zu, dass ich rechtzeitig Land gewinne und wieder früh in die Falle komme. Irgendwie muss ich mich ja auch erholen. Ach, es ist alles so mordslangweilig und ich denke morgens schon wieder ans Schlafen. Ist ja auch sinnlos so allein. 14 Tage bist du weg. Gott, dazwischen liegt auch noch ein Sonntag: Ich werde mich nicht mit deiner Schwester Erna treffen, bleibe wieder für mich allein, tue was mir gerade einfällt. Ich will mich dann mal dazu aufschwingen, einen Zettel anzulegen und immer wieder ein Strich zu machen, wenn die Sache erledigt ist. Vielleicht kommen mir die Angelegenheit so etwas spannender vor? Heute Nacht wusste ich so unendlich viel, was ich dir schreiben wollte, jetzt ist mein Kopf hohl. Komm man lieber mal her und dann mache ich es mündlich. Wer weiß, vielleicht langt es heute Abend noch zu ein paar Zeilen und mir gehen die Sachen leichter aus der Hand.
Meine Wirtin hat mir einen Knust Brot mit einem Zettel hingelegt und mich darum gebeten, den ollen Knust zu vertilgen, da er sonst trocken würde. Der Knust. Herrlich. Du lässt ein paar Hemden nebst Socken hier und meine Wirtin ein altes Brot. Was bin ich euch doch wert!!! Scherz beiseite, die Zeiten sind zu ernst. Mein Schwager hat sich nun fest auf den 15. zur Feier eingerichtet und will sich noch einmal erkundigen was der Alkohol bei ihm im Geschäft kostet. Soll ein bis zwei Mark billiger sein als im Laden. Für ihn würden Bier und Kümmel genügen. Er will auch etwa gegen 12:00 Uhr wieder am Hauptbahnhof sein. Wegen der Haft-Entschädigung schicke ich dir einen Abschnitt aus dem Abendblatt mit. Sollte ich noch was im Echo finden, leg ich ihn auch noch bei. Heute will ich mal einen Anlauf nehmen und fragen, wie es aussieht mit dem Hierbleiben in der Firma. Langsam wird es Zeit, dass man aufgeklärt wird. Unter anderen ist unserem Betriebstischler auch gekündigt.
Fortsetzung folgt mein Liebster…

Briefe an Heinz

Tumore


Tumore

Gedanken selbständig verantwortlich unkontrolliert wahr

„Ein Dröhnen: es ist
die Wahrheit selbst
unter die Menschen
getreten,
mitten ins
Methaperngestöber.“
(Paul Celan, Atemwende)

Explosion: Krampf
Etwas will
um sich greifen
sich Platz schaffen
da wo kein Platz ist
ungebeten

Wirbel zerbrechlich
dünn die Membrane
zwischen allem
verletzlich das
Weltgeschehen
geschieht

von einer feuchten Decke
Tropfen
in weiße Kissen
sanft aufgesogen
schwere Tränen
Meer

Traumbilder
Katze nicht Maus
was raus muss
weiß oder schwarz
Blick ins Tal hinauf
fallen

Worte widerfahren
sprachloses Sprechen
alles trifft
laut und leise
gespürt
Schmetterlingsschlag

Kraft
schöpfen
Gedanken
viele gebündelt
einen starken
Strang