Ripp Corby Miniatur 2: Puigdemont der Putschdämon

Ein Putschdämon zieht durchs Land. Puigdemont an Seehofers Hand.

Vom Norden bis zum Söderhof. Putsch Dämonen lucken auch von Rechts.

Kein Land in Sicht. Frau Merkel will es nicht.

Zu ungewiss und nicht bequem. Ein internationales Nationalvergehn.

In Madrid die noblen Generäle. Die selbst Putsch und Dämonen vertrauen.

Können immer auf die Deutschen bauen.

Separat ist aber kein Konflikt, wenn die Uhr in Bayern tickt.

Miniatur 1. Von Ripp Corby

Minuten Miniatur (Improvisationslesung von meinem Freund Ripp Corby)

Der perfekte Tag

Ich hatte nur diese eine Chance für einen perfekten Tag in Venedig.

Die Bedingung war, einen Ohren-und Nasenhaarschneider, eine Flamingo-Tapete, eine Krücke, eine Federboa und eine Schokoladenmaske ins Spiel zu bringen.
Ich entschied mich für den Karneval in Venedig.
Beim Karneval wollte ich in die erste Reihe gelangen und ein Selfie machen – und die Belohnung wäre mir sicher.
Ich hatte mich auf diesen perfekten Tag gefreut. Carneval in Venedig, erste Reihe. Das war die Aufgabe.
Ich schneiderte mir aus der Flamingotapete ein luftiges Hemd, fühlte mich beschwingt und frei. Die Federboa schmückte meinen Hals, die Schokoladenmaske tarnte mich. Meine Gesichtshaare hatte ich entfernt, ebenso die Haare in der Nase und in den Ohren mit dem Nasen-und Ohrenschneider beseitigt, für einen perfekten Sitz der Maske.
Wie sollte ich aber nach vorne kommen, weit nach vorne, in die erste Reihe? Die Krücke würde mir helfen, dachte ich. Aber der Trick misslang, weil mindestens 50 Leute auf Krücken und Rollstühlen versuchten, nach vorne zu kommen. Der Versehrtentrick. Bedauerlich für die wirklichen Menschen mit Handicap.
Ich hatte kein Alleinstellungsmerkmal als Versehrter.
Es fing dann auch noch an zu regnen, die Maske zerlief, das Tapetenhemd löste sich auf, wie der Carneval.

Miniatur 1. Karneval. Von Ripp Corby

Eine Drei-Minuten Miniatur (Improvisationslesung von Ripp Corby)

Der perfekte Tag

Ich hatte nur diese eine Chance für einen perfekten Tag in Venedig.

Die Bedingung war, einen Ohren-und Nasenhaarschneider, eine Flamingo-Tapete, eine Krücke, eine Federboa und eine Schokoladenmaske ins Spiel zu bringen.
Ich entschied mich für den Karneval in Venedig.
Beim Karneval wollte ich in die erste Reihe gelangen und ein Selfie machen – und die Belohnung wäre mir sicher.
Ich hatte mich auf diesen perfekten Tag gefreut. Karneval in Venedig, erste Reihe. Das war die Aufgabe.
Ich schneiderte mir aus der Flamingotapete ein luftiges Hemd, fühlte mich beschwingt und frei. Die Federboa schmückte meinen Hals, die Schokoladenmaske tarnte mich. Meine Gesichtshaare hatte ich entfernt, ebenso die Haare in der Nase und in den Ohren mit dem Nasen-und Ohrenschneider beseitigt, für einen perfekten Sitz der Maske.
Wie sollte ich aber nach vorne kommen, weit nach vorne, in die erste Reihe? Die Krücke würde mir helfen, dachte ich. Aber der Trick misslang, weil mindestens 50 Leute auf Krücken und Rollstühlen versuchten, nach vorne zu kommen. Der Versehrtentrick. Bedauerlich für die wirklichen Menschen mit Handicap.
Ich hatte kein Alleinstellungsmerkmal als Versehrter.
Es fing dann auch noch an zu regnen, die Maske zerlief, das Tapetenhemd löste sich auf, wie der Carneval.

Der Bestattermeister

Der Bestattermeister

Gelegentlich treffen sich die Zeit und der Tod im Raum der Zeit zu einem Gedankenaustausch.
Sie sind allein bereits durch Millionen von Jahren verbunden. Wie immer streiten sie sich um die Henne und das Ei. Belustigt gehen sie der Frage nach, wer war zuerst da.
„Ich natürlich, sagte der Tod, denn ohne den Menschen mit seiner Angst vor mir, gab es überhaupt kein Bewusstsein von Zeit.“
„Du bist lediglich mein Gehilfe, Tod, ohne eine Zeit, die im Denken der Menschen vergeht, gäbe es dich nicht.“
„Nun, so einfach ist das nicht. Vielmehr ist es genau anders herum. Da du aber gerade das Thema Gehilfe ansprichst: Ich habe viele Gehilfen. Vertrauenspersonen und schwarze Schafe. Ich denke über eine weitere Professionalisierung im Umgang mit mir nach. In Hamburg habe ich meinen ersten Bestattermeister bekommen.“
„Der hat doch mit dir gar nichts zu tun, Tod.“
„Ich bin seine Geschäftsgrundlage.“
„Nur vorübergehend, eine Weile.
„Für immer.“
„Alles löst sich auf, nur ich nicht. Ich werde noch da sein, wenn du tot bist.“
Tod: „Ich werde niemals sterben.”
„Doch, doch, wenn alle Lebewesen gestorben sind, die Erde verglüht ist, dein Werk vollendet ist, wird es dich nicht mehr geben, du wirst mit untergehen. Genaugenommen wahrscheinlich schon früher, weil die Tiere noch leben, wenn die Menschheit ausgestorben ist. Keiner wird dich fürchten, weil die Tiere in ihrem Verständnis nicht sterblich sind. Ich allein bleibe in meinem weiten Raum, denn ich werde noch lange gebraucht”. Die Zeit streckte sich genüsslich.
„Das ist mir zu philosophisch.“
„Du fürchtest dich vor dir selbst, scheint mir.“
„Es ist weit weg, wenn überhaupt, hypothetisch. Die Menschen werden andere Planeten erobern. Aber lass uns noch ein wenig die Erde genießen. Meine Zeit mit meinen Bestattern.“
„Die sehen dich doch gar nicht. Wenn sie kommen, bist du doch schon wieder weg.“
„Manche spüren mich noch, jedenfalls ein guter Bestattermeister. Wie der aus Hamburg.“
„Ein Profi“
„Ich habe ihn ausgesucht. Eigentlich wollte er Arzt werden. Ich habe ihn eingeladen, sich das Bestatter Handwerk anzusehen. Ein harmloses Praktikum. Er konnte nicht nein sagen.“
„Dennoch: Persönlich sieht er dich nicht.“
„Gut, dann mein Werk. Ich will heute nicht streiten, das hasse ich auf den Tod. Ich kann einiges bieten, sehr flexibel sein.
Einzelne im Schlaf, im Auto im Sekundenschlaf, eine schöne, sehr angenehme Variante. Feuer schicke ich manchmal. Oder ich vernichte Massen. Das brauche ich Dir nicht zu beschreiben. Es nichts auch nichts für meinen Bestattermeister. Aber du kennst ja die Schleifen und meine ertragreichsten Arbeiten. Man sagt, die Zeit wiederholt sich. Oder mit der Zeit wiederholt sich die Geschichte.“
„Nein, nein, wie langweilig. Das bist nicht du, das bin ich. Du kannst nichts wiederholen. Ich muss mich auch nicht wiederholen, dass sagte ich doch bereits. Ich bin immer überall, du kannst, wie auf in der Achterbahn, mit mir oder durch mich zu jedem Zeitpunkt reisen. Das Licht der Sterne hat an jedem Punkt der Reise durch das Weltall eine andere Zeit. Die Menschen lassen mich wiederkehren. Für die Lebewesen unfassbar. Obwohl sie doch die Ewigkeit wollen. Sie wollen ihre Asche als Edelstein gepresst. Meinetwegen als Diamant. Das hast du mir selbst berichtet, lieber Tod. Es ist nicht überall erlaubt, aber es ist möglich. Als Diamant in die Ewigkeit. Die Ewigkeit, das bin ich, nicht du. Ich lasse dich lediglich in mir auftreten. Ohne mich bist du gar nicht anwesend. Würde es mich nicht geben, bliebe nur ein Universum, ein Raum. Erst durch mich wurde er schließlich gekrümmt. Ich kann Schleifen machen, das Universum als Nussschale gestalten. Ich kann die Menschen gegen mich kämpfen lassen. Sinnlos, übrigens. Sie versuchen ihr Leben zu verlängern und denken in der Kategorie der Zeit. Wie absurd. Am Ende stehst Du. Den Menschen wird einfach langweilig, sie erdenken totalitäre Systeme, mit vielen Toten, dein Feld, sodass die Masse an Bedeutung verliert. Es ist also eine Frage der Betrachtung.“
„Das bin ich auch. Es ist, wie du sagst, eine Frage der Betrachtung. Ein gutes Stichwort. Ich empfinde mich als unentbehrlich. Nicht alle teilen meine Meinung. Auch für meinen Bestatter Tobias stellt sich die Frage der Betrachtung. Für ihn bin ich eine professionelle Begegnung. Wie schon gesagt, begegnen wir uns nicht wirklich. Aber er begegnet den Angehörigen der Verstorbenen und spricht mit ihnen über mich. Das ist doch beinahe so, als wäre ich dabei. Also der Bestatter hat es nicht mit dem Tod, mit mir, sondern mit den Angehörigen zu tun.
„Vielleicht kannst du ein schöner Tod sein! Mit deinem Bestatter. Sieh, wie angenehm er sein Geschäft gestaltet. Du kommst durch eine gläserne Eingangstür, Licht durchflutet. Setzt dich in einen bequemen Sessel, Kaffee wird dir auf einem Glastisch serviert. Es ist sehr angenehm für die Hinterbliebenen. Du bist schon fort, oder bist du manchmal noch da?“
Ich bin genauso universell wie du, liebe Zeit, ich kann mit dir überall sein, wie gesagt gleichzeitig, ein unsinniges Wort, ja, ja. Aber ich folge dir einmal in deinen Ausführungen. So genau habe ich mir noch gar nicht alles angesehen. Es gibt natürlich Momente des Bedauerns, kurz. Manchmal passe ich nicht auf. Ich muss ja liefern, wenn die Menschen zu viele Kriege führen. Da kann es schon einmal zu Irrtümern im Alltag kommen.“
„Nehmen wir doch einmal den Alltag in diesem Hamburg da. Genießt du die angenehme Atmosphäre? Freut es dich, dass du die Hauptrolle spielst?“
„Nur der erste Schreck lässt mir die Hauptrolle. Dann sind es der Bestatter und die Hinterbliebenen, die wichtig werden. Ich bin nicht mehr wichtig, denn ich habe nur kurz vorbeigeschaut oder gar nur meinen Hauch gesandt. Im Wesentlichen gebe ich den Menschen den Sinn für ihr Leben. Dafürkönnten sie mir dankbar sein. Das fällt ihnen schwer, ich weiß. Aber ich finde es begrüßenswert, wenn sie den Abschied aus dem Leben gefühlvoll und professionell zu gestalten.“
Weiterlesen „Der Bestattermeister“

Aldidente und Testosteron – wie es weiter geht

Frank der Anwalt gab sich große Mühe, Frau Markmann mit den wesentlichen Prinzipien seiner Ablage, der Korrespondenz und dem Umgang mit seinen Mandanten vertraut zu machen. Schnell stellte er fest, das die Office-Programme und Outlook nicht so ihr Ding waren. Frank war geduldig, zumal er es genoss, wenn Frau Markmann neben ihm saß, was ja unbedingt erforderlich war, wie er fand, wenn man gemeinsam auf den Bildschirm schaute; fragte, und erklärte. Er fühlte sich wohl, wenn sie mit ihren langen, kräftigen Beinen neben ihm saß. Beine, die ihn manchmal leicht touchierten, wenn sie sich vorbeugte, um einen besseren Blick auf den Monitor werfen zu können. Er erklärte ihr das digitale Ablagesystem. Sie wirkte konzentriert, konnte die Aufgaben allerdings nicht besonders schnell erfassen. Frank gestand sich ein, dass er ein wenig enttäuscht war. Eine weitere Enttäuschung in der ersten Woche war ihre Ankündigung, dass sie pünktlich weg müsse. Ein Freund würde sie abholen. Ihr Freund. Das hatte sie gesagt, als er sie zum Essen einlud. Am Abend, nicht mittags. „Ihr Freund ist doch da kein Problem? Oder? Wir könnten uns in lockerer Umgebung einfach mal eine Rückmeldung geben, wie der Einstand so läuft.“
Er sah sie ihr länger als notwendig in die Augen. Sie sog wieder auf ihre spezielle Weise die Luft durch die Nase.

Anke Markmann fühlte sich geschmeichelt, aber dennoch nicht wohl dabei, mit Ihrem Chef Essen zu gehen. Eine unerwünschte Intimität, auf die sie sich vielleicht einlassen müsste. Nicht körperlich, nein, so empfand sie das nicht. Eher als ein Eindringen in Ihre sorgsam gestaltete Fassade. Sie kam gut zurecht in ihrem Leben. Ein Leben mit zwei Kindern von zwei Vätern und dem Attribut der Alleinerziehenden Mutter, mit wenig Geld. Es reichte aus, die kleine Wohnung zu bezahlen und den Kindern das Nötigste zu bieten. Vor allen Dingen Zeit.
Sie hatte es gerade geschafft, sich von Eberhardt zu lösen, dem Fotografen, der immer nur mit ihr ins Bett wollte. Er war ein körperlich ein eher unattraktiver Mann, aber ziemlich auf Sex fixiert. Wann ficken wir wieder, schrieb er ihr auf Postkarten. Sie hatte Lust, aber er war nicht ihr Typ. Eberhardt war viel auf Reisen, sie trafen sich immer spontan und nur zu diesem einen Vergnügen.
Und sie hatte im Alltag Ruhe vor ihm. Alle Freiheit der Welt.
Wie sollte sie ein Abendessen überstehen, ohne diese Welt zu öffnen? Und sie hatte doch im Internet nach dem Traummann gesucht. Neununddreißig war sie jetzt. Da sollte noch etwas kommen. War sie schon bereit dazu, im wirklichen Leben? Ihre Therapeutin hatte ihr dazu geraten. Sich einzulassen auf das Leben.

Frank hatte das mit dem Freund ignoriert. Er war jetzt mitten im Leben, das war seine Zeit, glaubte er. Ich muss zugreifen und nehmen, was mir das Leben anbietet. Geschieden, eine Ex die sich als Schauspielerin verstand und ihren Lebensunterhalt als Sprach-Lehrerin verdiente. Und ein Kind, eine Tochter an der er hing. Außerdem viele Fehlversuche auf Resteficker-Ü-30 Parties, wie er seine Partnersuche bewertete. Konventionen? Was spielen die für ihn noch eine Rolle. Frank dachte sich mutig. Das Abendessen mit Frau Markmann. Er würde das schon hinkriegen. Etwas unverbindliches in vertrauter Umgebung, aber nicht zu nah an ihrem Kiez. Die Palette in Eppendorf. Das würde gehen. Oder doch besser bei ihr um die Ecke. Abendrothsweg. Da gab es ebenfalls genügend Restaurants. Er würde reservieren, sicher ist sicher.
Der Abend in der Palette ein paar Wochen zurück. Frank musste akzeptieren, dass Frau Markmann, Anke nach einem Glas Wein, keine Beziehung wollte. „Ich habe einen Freund, aber nur noch platonisch seit einiger Zeit und fühle mich gut allein mit meiner Tochter“. Sie verschwieg ihre Partnersuche im Internet, ging Frank, wie sie ihren Chef jetzt nannte, ja auch nichts an. „Da haben wir ja etwas, was uns verbindet“, freute sich Frank, obwohl er das mit der Tochter bereits wusste. Er konnte die widersprüchlichen Botschaften von Anke nicht entschlüsseln. Ein knallroter Mund, knallrot lackierte Fußnägel in leichten Sandalen kurz vor Weihnachten. Eine leichte Jacke, darunter eine leichte Bluse. Aber sie will keine Beziehung. „Was treibst du denn so in deiner Freizeit?“, fragte er und biss sich hinterher fast die Zunge ab. Was treibst du, wie blöd war das denn. Doch sie antwortete entspannt, und spielte fast gelangweilt mit ihrer Gabel im Salat herum. „Ich bin mit Freunden unterwegs, und Freundinnen“ ergänzte sie amüsiert, als sie seinen irritierten Blick sah und strich dabei ihm leicht über seine Hand. „Manchmal tanze ich Salsa. Bin aber nicht wirklich eine gute Tänzerin.“
„Ich gehe auch gern tanzen,“ freute sich Frank, wollte aber nicht sagen, wo. Das mit den Ü-Parties war ihm peinlich. Anke hatte darauf nichts gesagt. Er tanzte außerdem Tango, aber noch nicht so gut, dass er sie überreden wollte, mitzukommen. Er fühlte sich noch genötigt, über die Arbeit zu sprechen, wie: freundlich am Telefon sein, vielleicht mal einen Office-Kurs belegen, was sie sich denn so vorstellte. Sie stellte sich flexibles Kommen und Gehen vor.Zu Abschluss des Abends hatte er sie in der Nähe ihrer Wohnung abgesetzt.

Dann stand Silvester vor der Tür.

Die Verhaftung 1936

Text aus: „Die Kunst des Selbstrasierens“. Hamburger Sozialdemokraten im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Feldhausverlag Hamburg.

 

27. April 1936, die Verhaftung

Heinz`Mutter fühlte ihr Blut zu Kopf steigen. Sie amtete schwer. Die Schwestern sahen sich unsicher an, wer würde morgens um sechs Uhr vor der Tür stehen? Die Mutter hatte diesen Tag seit Langem mit heimlichen, oft unterdrückten, abendlichen Tränen erwartet. Da standen sie. „Wohnt hier Heinz Gärtner?“ Eine spitze, laute Stimme, gepolsterte Schultern auf einem langen Mantel. Blasse Gesichter, es schien, als standen Totenköpfe vor der Tür. Ein Blick aus Gesichtern, die einen ersten Eindruck vom Henker zu geben schienen, andererseits aber wieder relativ normal auf Heinz wirkten. Dieser Standard-Gesichtsausdruck der Gestapo, der Ausdruck der Macht sonst unwichtiger Personen, würde sich in den nächsten acht Jahren ihrer Gestapostätigkeit schon noch entwickeln. Die Macht des Systems stand vor der Tür. Die mit dem Speckhaken, wie Heinz sie abfällig, belustigt kennzeichnete. An diesen Speckhaken war jetzt nichts Belustigendes mehr.

Gestapo. Heinz hatte gehofft, dass dieser Tag nicht kommen würde, glaubte aber immer, darauf gefasst zu sein. Auch wenn er es vorher gesehen hatte, dass dieser Tag kommen würde – er hatte diese Möglichkeit immer wieder verdrängt. Der 27. April sollte ein ganz normaler Tag werden. Die Sonne würde heute zwar nicht scheinen, das Kopfsteinpflaster aber wie immer vom Hufgeklapper der Kaltblüter widerhallen, die sich sicher die Straße mit ein paar Automobilen teilen würden. Die Läden würden öffnen. Der Bäcker, der Fahrradladen, der Inhaber wie immer im braunen Cordanzug. Heinz war der Meinung, es müssten mindestens drei Anzüge sein, nicht jeden Tag derselbe. Heute konnte Heinz ihm nicht mehr helfen. Im Sommer letzten Jahres hatte er im Fotoladen assistiert und gelernt, wie man einen Film mithilfe des Sonnenlichts entwickelt. Dann als der Fahrradladen dort eröffnet wurde, hatte er mit geschraubt und geputzt. Die Wohnung in der Peter-Marquard Straße lag etwas im Schatten der Bäume, die die Straße säumten. Eine ruhige Straße, die an den lebendigen Mühlenkamp grenzte.

Heinz überraschten diese Gedanken. Er hätte mehr Angst haben müssen, aber die Tagebücher waren versteckt, in die er seit langer Zeit keine Einträge mehr gemacht hatte. Die Gruppentagebücher gab es noch, aber die waren auch auf dem Dachboden von Tante Bertha untergebracht. Nichts war mehr im Haus, was verdächtig war. Vielleicht hätte ich doch alles vernichten müssen, warf er sich vor. Ich habe kalte Hände, dachte er. Er fühlte sich langsam zu einem steifen Stock werden, die Zeit schien stehen zu bleiben.

Sein Vater drückte ihm fest die Hand. Das schmale Gesicht blass, zum schwarzen Schnauzer in scharfen Kontrast. Auf der Glatze kleine Schweißperlen. Worum es ginge, versuchte er zu fragen. „Wir müssen ihren Sohn mitnehmen, Sie wissen schon warum.“ Diskussionen waren zwecklos, das wussten alle. Alle schwiegen. Heinz, seine Schwestern und seine Mutter. Mach dir keine Sorgen, ich bin heute Abend wieder da, versuchte er sie zu beruhigen. Sie drückte ihn heftig, schluchzte, hielt sich an ihrem Mann Heinrich fest.

Heinz würde sie nie wiedersehen.

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Der alte Mann und das Schwimmbad

Im Schwimmbad.

Der alte Mann unter der Dusche,
ein Greis,
ist mit sich und seinem Körper einverstanden.
Er seift sich, völlig nackt.
Blicke sieht er,
ohne sie zu erwidern.
Sie treffen ihn nicht.
Im ersten Schauen will ich nicht hinsehen,
doch dann erkenne ich genau,
was auf mich zukommt.
Das Alter.
Ein schlanker Körper leicht nach vorn geneigt.
Übersät mit braunen Flecken.
Wahrlich am ganzen Körper.
Graue Haare am Gemäch,
faltiges, flaches Gesäß.
Im ersten Moment sehr fremd,
dann gewöhne ich mich an den Anblick,
ja, es ist erträglich.
Die Beine muskulös
und die Haltung aufrecht rührend
auch wenn der nicht so große Mann gebeugt steht.
Und geht, als gehöre ihm die Welt.