Unter den Teppich gekehrt

Beitragsbild: Isabel Gärtner

Unter den Teppich gekehrt. Begegnungen 1976.

In der Wohnung im vierten Stock am Schulterblatt verlor sich der Lärm der Straße und die Wohngemeinschaft ließ den Sommerwind in die Küche wehen, der eine feine Untermalung für den abendlichen Austausch bot.
Die Küche war geräumig,der Tisch rund.
„Lass mal hören, Gerrit, wie war´s denn mit Deinen Mieterbefragungen auf dem Kiez?“ Bolko, der rothaarige, spindeldürre Bankangestellte, grinste Gerrit an, als wäre es bereits etwas besonderes und verwegen, sich in der Nähe der Hamburger Reeperbahn aufzuhalten. Hier, rund um die Hein-Hoyer-Straße, sanierte die Wohnungsbaugesellschaft und wollte gern wissen, wer eigentlich die Wohnungen bewohnt. Viele Mieter behielten die Verträge, wohnten aber selbst nicht mehr in der Wohnung, die sie an Studenten und Menschen aus allen Ländern der Welt untervermieteten. „Kommt Biene noch zum Essen? Dann muss ich nicht alles zweimal erzählen. „Nee“, Susanne, die angehende Lehrerin und am längsten in der WG wohnende Frau kicherte. „Die liegt mit einem Typen im Bett und arbeitet empirisch an ihrem Roman `Weg mit der Scham´ oder so ähnlich. Sie will beweisen, dass alle Männer Schweine sind.“ „O.k., beeindruckend“, sprudelte Gerrit unbeeindruckt los. „Ich meine nicht Biene in diesem Fall. Also: Ein verrückter Alter wollte mich gar nicht mehr gehen lassen. Ich hatte kaum Gelegenheit, mit ihm über die bevorstehende Sanierung zu sprechen. Hat von Verschwörungen gefaselt. Von Judenverfolgung. 1976! Ganz eindringlich hat er gesprochen; ich musste ihm zusagen, wieder zukommen. Was mich beeindruckt hatte: Alle Zimmer waren in drei bis vier Lagen mit dicken Teppichen ausgelegt. „Sie wundern sich junger Mann?“, hatte er gefragt. Gerrit konnte nicht verhehlen, dass er das wundersam fand.
„Das ist meine Lebens- und Rentenversicherung, alles was übrig geblieben ist“, sagte der Herr namens Goldstein. „Als die Nazis begannen, in Deutschland die Juden zu verfolgen, haben wir jüdische Familien versucht, ein paar wertvolle Dinge zu verstecken. Welche Illusionen sich die meisten machten. Sie würden das später wieder abholen, dachte viele anfangs. Ja, ja. Zumindest haben wir es versucht. Goldstein schnaufte, ein Lächeln vielleicht, ein müdes Seufzen, eine wischende Handbewegung. „Sie wissen, wie das ausgegangen ist, nicht wahr.“
Gerrit nickte. Er hatte keine Ahnung, wohin das Gespräch führen sollte und dachte an die anderen Haushalte, die er noch aufsuchen musste. Goldstein fuhr fort: Das ist der Rest, der übrig geblieben ist, glaubt keiner, ist aber so.“
„Entschuldigen Sie die direkte Frage, aber warum sind Sie denn heute, 1976! noch hier, in der BRD, und nicht in Israel?“
Goldstein schwieg eine Weile, kaum auszuhalten für Gerrit, der noch weiter wollte und fand, dass er die Grenze der Höflichkeit reichlich ausgedehnt hatte. „Dort habe ich niemanden und hier wie dort habe ich keine Hoffnung. Ich lebe im Geruch der Teppiche. Seit damals sind sie nicht gesäubert worden. Der Geruch ist noch lebendig. Eine Illusion von Leben mit einer großen Symbolik unter den Teppichen. Alles unter den Teppich gekehrt, damals wie heute. Die alten Nazis sind alle noch am Leben und es geht ihnen gut. Hier in Hamburg. In der Bürgerschaft, in der Wirtschaft und insbesondere in der Justiz.“ Herr Goldstein erklärte ihm das Verschwinden der Täter.
Gerrit fand das auf beklemmende Weise interessant, wie dieser Jude die Vergangenheit verkörperte, noch am Leben war und dann wieder zu entschwinden schien. Er nickte dem Alten zu und wollte sich verabschieden. „Eine Tasse Tee kann ich Ihnen noch anbieten, junger Mann. Geben Sie mir eine Minute von der Ewigkeit.“ Gerrit versuchte sich aus dieser Situation zu befreien. Vielleicht war der alte Herr auch einfach nicht mehr ganz dicht nach all den Erlebnissen. „Ich muss heute weiter, meine Befragungsquote schaffen,“ nutzte Gerrit das Angebot, um sich von dem Mann mit den unergründlich tiefen murmelartigen Augen, die aus einem Gesicht schauten, das kaum Tageslicht gesehen hatte, zu verabschieden. Dieser Mann mit den lebenden Teppichen, wieso lebt er wie in einem Gefängnis, dachte er noch, bevor er sich zum gehen wandte. „Versprechen Sie, wiederzukommen. Ich erzähle Ihnen dann, warum ich in Deutschland geblieben bin.“

„Und gehst Du wieder hin?“, erkundigte sich Bolko. „Habe ich nicht vor, eigentlich. Aber – etwas hat mich berührt. Nicht mal Interesse, eher Widerwille. Ich weiß nicht.
„So eine Teppichstory habe ich noch nie gehört.“ Bolko zuckte mit den Schultern.
Die nächsten Tage setzte Gerrit seine stadtsoziologischen Untersuchungen fort. Zwei Tage nach seinem Gespräch über die lebenden Teppiche stieg er die abgewetzten, knarrenden Holzstufen zu Herrn Goldstein hinauf. Wie schade, dass diese bald Steinstufen weichen würden, wenn die Sanierung abgeschlossen war. Ob das die Teppiche überleben würden? Und Herr Goldstein? Als Gerrit die Dreizimmerwohnung betrat, kam es ihm vor, als läge im Wohnzimmer jetzt ein anderer Teppich obenauf. Wechselte Herr Goldstein die Teppiche? Es schien eher einer zu fehlen. Bei dem Stapel war ein Unterschied allerdings kaum festzustellen. In der Wohnung roch es muffig nach Teer von der Dachabdeckung und alt, nein historisch ist vielleicht angemessener, entschied Gerrit. Es fiel kaum Licht durch die tauben Fenster. Gerrit musste seine Schuhe ausziehen, dann wurde er quasi in einen Sessel gesetzt. Alle Zimmer waren gleich ausgestattet, voller Teppiche, sodass Gerrit unsicher war, ob er dieses Zimmer überhaupt als Wohnzimmer bezeichnen sollte. Goldstein trug eine helle Cordhose und eine rote Weste über einem weißen, weiten Baumwollhemd. Er musste einmal wesentlich kräftiger gewesen sein. Graues, lockiges Haar verlieh ihm etwas würdevolles, leidvolles Unbestimmtes. Weiterlesen „Unter den Teppich gekehrt“

Wenn Weihnachten vorbei ist – der auf einem Tiger reitet

 

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Wenn Weihnachten vorbei ist – oder der auf einem Tiger reitet.

Ripp Corby erzählt.

Im neuen Jahr wirkt der Wald verändert, wie durch die neue Zeit in eine andere Bewegung gebracht. Die Bäume schwanken stärker als in der Vorweihnachtszeit und am Weihnachtsabend selbst. Das ist der Vibration des kommenden Jahres geschuldet. Einer starken Vibration, die auf Disruption stößt, wodurch sie an Intensität gewinnen kann. Ja, man kann das auch als Mensch wahrnehmen, wenn man gemächlich durch den Wald schreitet, wahrnehmen, dass der Wald ein anderer ist, als am Heiligen Abend. Der Mensch im Wald blickt zu dieser Zeit, in den ersten Tagen des Jahres, mehr geradeaus. Den parallel verlaufenden Rändern des Weges entlang. Das Flüstern der Baumwipfel wendet sich zu einem Rauschen. So empfindet es mein Freund Ripp Corby, als er seine Begegnung schildert. Er hört dieses Rauschen, bleibt stehen und lauscht. Er versucht die Zeit zurück zu schieben, indem er verharrt, ähnlich einer Statue. Er will das Flüstern des letzten Jahres noch einmal hören. Er schließt die Augen. Ja, die Bäume sprechen miteinander. Es ist allerdings nicht annähernd wie das Flüstern am Ende des vergangenen Jahres. Die Vögel quatschen dazwischen. So lässt sich nichts über die Zeit sagen, lässt sich nicht zurückgewinnen. Vielleicht nicht an dieser Stelle?
Ripp wandert auf dem vom Regen und der heißen Sommer der letzten Jahre ausgewaschenem, vom Humus entblößten und nun spitzsteinigem Weg auf dem Pfad entlang der Felsen, die die letzte kleine Eiszeit vor 10000 Jahren im Tunneltal hinterlassen hat. Er spaziert in Richtung des kleinen Sumpfgebietes, das ein Spiegel des Klimas ist. Und ein ruhiger Platz mit einer Bank am Rande. Gefahrlos kann er es betreten, des ist ist jetzt ausgetrocknet. Der nächste Regen könnte es für eine kurze Zeit ein wenig auffüllen, aber es ist nicht wirklich mehr zu retten. Hier stehen die Bäume weiter auseinander. Er lauscht in den menschenleeren Wald hinein.

Die Bäume sprechen langsamer miteinander.

Ein riesiger Vogel scheint durch die Wipfel der Bäume zu fliegen.

Ripp legt den Kopf zurück. Da ist etwas. Ein Adler? Nein, Größer!Etwas, wie in einen Mantel gehüllt. Ein Sonnenstrahl leuchtet diese Etwas aus. Eine von flatternden Stoff umgebene Gestalt. Christus! Abschalom? Ich habe es geschafft, die Zeit ins rechte Licht zu rücken! Ripp beschreibt seine Euphorie, aber auch, wie er dann schnell bemerkt, dass das Rauschen der Bäume nicht in die Zeit passt. Wie ist die Person da hinauf gekommen? Das sind mindestens 30 Meter, dort, wo er am Ast schwingt. Ripp erkennt einen elegant gekleideten Mann, zumindest eine Person in Anzug und Weste, umgeben von einem überlangen, wie Segeltuch knatterndem schwarzen Mantel. Ripp setzt sich auf die Bank vor dem vertrockneten Feuchtgebiet und schaut zu der Person hinauf, die im Ostwind schaukelt. Sehe ich da ein Lächeln? Der geöffnete Mantel schlägt flügelartig. Vielleicht ist der gar nicht tot? Vielleicht ist es nur eine Figur? Wer bist du, ruft Ripp hinauf. Der Mann scheint zu lachen. Die Figur scheint zu lachen und schwingt im Wind. Oder zappelt? Ripp klammert sich am Baum fest und schaut am Stamm entlang nach oben. Ein Seil ist um die Brust gebunden. Das ist aber nicht genau zu erkennen. Ripp zoomt mit seiner Handykamera das Gesicht heran. Es ist verschwommen und scheint blass zu sein; es ist zu weit entfernt, um Klarheit zu gewinnen. Ripp schaut sich um. Er ist allein. Ripp setzt sich auf die Bank und massiert seinen Nacken. Alles ist friedlich. Ein Trugbild denkt er, ich muss meinen Blick entspannen, auf den Tümpel gucken. Als er wieder nach oben schaut, ist die Figur noch da. Ripp hat sich für „Figur“ oder Mensch entschieden. Zeit, die 112 zu wählen. Würde der Mensch das wollen? Oder will er dort oben verweilen. An dem Ort, den er für sich gewählt hat? Ich kann ihn doch nicht dort oben lassen.
Warum eigentlich nicht? Was spricht dagegen? Tot ist ja anscheinend bereits. Knausgart fällt ihm ein, der in „Sterben“ fragt, warum die Verstorbenen alle nach unten müssen, im Krankenhaus in den Keller und später unter die Erde. Jedenfalls unsichtbar sein müssen. Warum werden die Toten nicht nach oben gebracht, in die Höhe? „Knausgart“, schreit Ripp von der Bank aus nach oben. Knausgart antwortet nicht. Die Figur schwankt lediglich vor sich hin. Der Mantel sieht aus, wie der von Trump, denkt Ripp. Kann nicht sein! Ripp klatscht in die Hände, weil er nicht „Mr. President!“ rufen will.
Ein Vogel fliegt laut zwitschernd unter dem Mantel hervor. Er hat etwas im Schnabel. Einen Zettel.

Ripp zerfetzt ein Papiertaschentuch in kleine Teile, greift ein paar Steinchen und lockt den Vogel, den Schnabel zu öffnen.

Der Zettel fällt auf den Boden, Ripp greift zu und ließt:

Wer auf einem Tiger reitet, kann nicht abspringen, wann es ihm beliebt. (Chinesisches Sprichwort.)“.

Mensch „Xi“, welche Botschaft, super Tweet! Wirklich mal kein Fake!
„Xi“, flüstert Ripp ehrfurchtsvoll den Baum hinauf.
Eine ganze Weile steht er nur da, im Tunneltal, am Rande des Weltgeschehens. Frohes neues Jahr, Christus, Abschalom, Knausgart, den Präsidenten und Dir.

Über den Wipfeln ist noch Ruh` als Ripp nach Hause geht.

 

Das Paradies – Miniatur von Ripp Corby

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Die Insel schien gar nicht so weit entfernt. Sie machte neugierig. Vielleicht nicht gierig. Aber sie lockte, ganz sicher tat sie das. Allerdings ohne die Gewissheit eines Paradieses auszustrahlen.
Komm, sagte die Frau. Sie nickte zu dem Mann hinüber und ruderte dabei ein wenig mit den Armen. Sie zog sich ihre Wanderschuhe und die Wollstumpen aus. Folge mir, flüsterte sie beim ersten Schritt in das klare, flache Wasser. Ihr Fuß schimmerte hell über dem sandigen Grund. Sie ging voran und der Mann folgte ihr. Jedoch tat sich eine riesige aber schmale Welle wie eine Zunge vor ihm auf, fünf bis sechs Meter über seinem Kopf. Er ließ sich fallen, die Welle bedeckte ihn wie in einer Höhle. Er konnte die Kuppel aus Wasser über sich sehen. Gleich musste sie herunterbrechen. Doch das geschah nicht. Noch war Luft da. Er bereitete sich darauf vor, mit den Armen zu schlagen um auftauchen zu können. Aber die Welle brach nicht, fiel nicht auf in herab. Der Mann wünscht sich die Kraft des Wassers herbei. Die Welle verharrte. Nur mit einem Blau spiegelte das Sonnenlicht das Gesicht der lächelnden Frau. Das ist nicht das Paradies, versuchte der Mann zu rufen. Die Frau nickte und ihr Gesicht verschwand. Noch war Luft da.

Aldidente und Testosteron Teil 3

Aldidente und Testosteron – Teil 3. (1 und 2 siehe weiter unten..)Placeholder Image

 

Dann stand Silvester vor der Tür. Frank hatte sich tagelang den Kopf zerbrochen wie er es anstellen könnte, mit Anke Silvester zu feiern. Mit dem Fotografen würde sie nicht gemeinsam losziehen, denn der war in Neuseeland unterwegs, was er beiläufig mit seiner Gerichts erprobten Fragetechnik herausarbeiten konnte.

Er schlich immer um das Thema herum. Dann ergab sich eine geniale Fügung des Schicksals. Es gibt keine Zufälle, nein dies war eine Fügung. Elke vom Sportverein, die vormals vielversprechende Krankenschwester lief in ihn hinein, als er den Fitnessbereich des Sportvereins betrat. Sie drehten sich einmal in der Drehtür um die Achse, Bissous links rechts und aus Versehen auf den Mund. Ein kurzes, verlegenes Händchenhalten. „Und, was gegen den Bauch unternehmen“, lachte Elke dann, wohl wissend, dass jeder Mann darauf empfindlich reagieren würde. Mit oder ohne Bauch. Frank lief rot an, worauf hin Elke ihm in den Bauch boxte. „Ach, geht doch“, kicherte sie. Melde dich doch mal. Du bist ja völlig abgetaucht. Was ist mit Party-time? Ü-30 und so?“
„Im Moment nicht so“, redete Frank, „viel zu tun“.
„Mit Anke? Die habe ich neulich mal getroffen. Gefällt ihr ganz gut bei dir. Sie könne es eine Weile aushalten, meinte sie.“ Eine kleine Pause entstand, da Frank nicht gern über Anke reden wollte. Elke würde seine Befangenheit bestimmt herausfiltern. Das da mehr war, als der Job. Theoretisch zumindest.
„Schon was vor an Silvester?“, fragte Elke. Ruf doch mal an, wenn du mit uns feiern willst.“ Wer war
mit uns überlegte Frank. „Anke kommt auch“, winkte Elke bereits rückwärts laufend und sich verabschiedend.

Es war ihm schlagartig egal, wer mit uns war. Wahrscheinlich würde Elkes jetziger Lover und ihr Ex-Lover, der vom Dach springende Urs dabei sein. Urs hatte einen Selbstmordversuch unternommen und einen Sturz aus 10 Metern Höhe überlebt. Und war dann auf die sich aufopfernde Krankenschwester Elke getroffen. Alles weitere hatte sich ergeben. Elke hatte ihn auch nach der Entlassung aus dem Krankenhaus betreut. Nur, dass es keine Arztserie war, sondern das wirkliche, das wahre, das psychotische Leben. Urs hatte sich getrennt, hatte Nähe nicht ertragen können. Dann kam er wieder an, wurde wieder aufgenommen. Und hin und her. „Ich fühle mich immer noch verantwortlich“, hatte Elke betont, auch nachdem sie einen neuen Freund hatte. Mehrere, besser gesagt, die es mit einem Urs an der Backe, wie es einer formulierte, nie lange aushielten.

Anke trug eine dünnes Kleid mit einem Gürtel um die Taille der ihre Figur extrem betonte. Dazu trug sie offene Sandalen. Die Fußnägel blau lackiert. Sie war etwas angespannt und hatte beschlossen, sich gleich mit einem Piccolo ein wenig zu lockern. Ihre anfängliche Skepsis bezüglich einer Party mit ihrem Chef war der Neugier gewichen. Außerdem könnte seine Anwesenheit einer möglichen Langeweile auf Elkes Party vorbeugen, so hatte sie es sich überlegt. Die üblichen Verdächtigen, wie Elke und Anke die Gäste bezeichneten, waren anwesend. Zwei befreundete Paare, Bruder und Schwester von Elke, ein noch nicht definierter Freund. Nur Urs fehlte. „Er kommt später“, hoffte Elke. Vielleicht hoffte sie auch, dass er nicht kam. Es gab Fondue mit Käse und Fleisch. In der Küche war zudem ein Buffet aufgebaut, das aus von den Gästen mitgebrachten Salaten, Broten, Käsesorten, Desserts und Snacks bestand. Frank und Anke saßen jeweils an einem Kopf des Tisches und konnten sich eher schlecht als recht unterhalten. Frank empfand die Situation als anstrengend und versuchte sich in höflichen Smalltalk. Smalltalk hasste er.
In der Küche passierte es dann, würde Frank sich später erinnern. Dort,im Rückzugsort jeder Party, wenn es auf der Hauptbühne zu langweilig wurde. In einer Küche war man immer mit etwas beschäftigt. Wein nachschenken, Brot knabbern, den Teller auffüllen. Der Wunsch nach Zwanglosigkeit erfüllte sich am ehesten hier. Die Küche war schmal wie ein Handtuch. Elke wohnte in einem Neubau. Durch die herrschende Enge war jede Küche quasi das klassische Separee für Annäherungsversuche auf Feiern. Anke stand mit einem Glas in der einen, einem Grisini in der anderen Hand vor dem Kühlschrank, der sich in der Ecke direkt hinter der Tür befand. Frank stand mit dem Rücken zu ihr an der Fensterbank und lud seinen Teller voll. Er überlegte angestrengt, was er sagen oder tun sollte. Es war ja schließlich Silvester. Mit Tanz und Spiel. Man durfte locker sein. Aber wie gingen Tanz und Spiel? Wie sollte er locker werden, völlig verkrampft in seiner Rollenambiguität.Und zudem ziemlich statisch mit dem Essen beschäftigt. Er wollte nicht den Mund voll haben, wenn er angesprochen würde, aber auch schon etwas essen und beschäftigt aussehen.

Er stellte seinen Teller wieder ab. Ihm erschien es doch zu unbeholfen, mit einem Teller in der Hand ins Gespräch zu kommen. Wenn es denn dazu kommen würde. Hier hatte sie eindeutig die Oberhand, in der Wohnung ihrer Freundin, privat, und Anke war hier noch attraktiver und selbstbewusst. Und es ging hier nicht um das Officepaket. Es ging um mehr, um alles. Heute Abend würden sich die Weichen stellen, ob es außerhalb der Grenzen des Bürolebens etwas gemeinsames für sie geben würde. Frank war sich sicher, das Anke sich in ihn ein wenig hineinversetzen konnte und wusste, dass er nur aus einem Grunde zu dieser Party gekommen war. Und es waren nicht seine Spielregeln.

Also war ein voller Teller nur ein weiteres Hindernis, dachte Frank. Er schritt auf die Tür zu und sah Anke die Grisinistange abknabbern, was ihn verrückt machte. Er musste an ihr vorbei. Er würde etwas sagen müssen. Dann waren sie auf gleicher Höhe. Beide nur noch mit einem Glas in der Hand. „Mann, jetzt küss mich endlich, zischte sie, zog ihn dabei mit der freien Hand an sich heran, was dazu führte, dass Frank sie mit seinem Körper an den Kühlschrank presste. Und endlich küsste. Vielmehr küsste sie ihn, erst kurz, dann länger und dann solange, bis Elke in die Küche kam und bemerkte „oh“ und „Urs ist immer noch nicht da“. Der kam dann später, fühlte sich unwohl und war wieder gegangen. Womit die leichte Stimmung den Schwung verlor. Frank waren Elkes Ursproblem jetzt gerade mal egal. Er war verwirrt. Nach den Küssen hatte Anke sich wieder zurückgezogen, ihn zwar hin und wieder angeschaut und berührt, aber weitere Küsse hatte es nicht gegeben. „Setzt du mich zu Hause ab?“, hatte sie gefragt, als Frank eine Taxe bestellte.

Zeitzeuge im Video – Widerstand 1933 in Hamburg. Interview mit Heinz Gärtner durch die „Survivors of the Shoah Visual History Foundation“

Video im Anschluss an diesen Text.

Eine Einleitung.

Onkel 1918
„Was machst du da eigentlich immer mit den Stühlen rum, hm?“ Heinrich Gärtner
saß am Küchentisch und sah seinem Sohn Heinz über den Rand der Zeitung zu,
wie dieser Stühle mit Decken drapierte. Heinz ließ sich nicht ablenken. Er war konzentriert bei seiner „Arbeit“. Er verstand gar nicht, was der Onkel, für den er seinen Vater hielt, von ihm wollte. Es war doch klar, hier fährt die Eisenbahn durch den Tunnel. Der Vater sah noch eine Weile schweigend zu und verlor sich in seinen Gedanken. Er war lange weg gewesen in diesem Scheißkrieg. Manchmal ballte er die Fäuste, wenn er sich unbeobachtet fühlte. In Gedanken daran, was er durchmachen musste. Wozu das alles; und jetzt die Kämpfe um die Republik. In den letzten Jahren viel zu wenig Zeit für die Familie. Er ließ Heinz Zeit, ihn als Vater zu sehen. Er hatte verlernt, mit Kindern zu
spielen. Und seine liebe Frau Clara musste alle mit durchbringen, stellte Heinrich mit
Wehmut fest.
Clara saß an der Nähmaschine. Für den kleinen Heinz war das wie ein Lokomotivengeräusch.
Tatatatatatata, tatatatatatatata, tatatatata, tatatatatatatatatat. Tatatatatatatatata.
Tata. Am Bahnhof angekommen. Mit seiner kleinen alten Holzlokomotive, die
sein Vater abgeschliffen und neu bunt lackiert hatte.
Wenn seine Mutter nicht für ihre Kunden nähte, gab es für sie genug für die Kinder
zu schneidern und auszubessern.
Heinz´ Schwester Erna wusch gerade ab und seine Schwester Klara räumte das
Geschirr in den großen Küchenschrank. Sie amüsierten sich köstlich über ihren kleinen
Bruder. Unvermittelt sagte Heinz: „Guck mal Onkel, das ist jetzt Pferd und das Wagen.
Oder ein Bahnhof. Das sieht man doch.“
„Ja, jetzt sehe ich das auch“, lachte Vater Heinrich und freute sich, dass er lachte.
Selten lachte er, seit er aus dem Krieg zurückgekommen war. Er musste sich erst einmal
an das Leben gewöhnen. Sich in dem Durcheinander des Alltags zurechtfinden.
Der einfache Alltag war schon schwer genug. Es gab nun vieles zu regeln, was
vor dem Krieg einfach war und von alleine lief. Der Hunger war das eine Problem, das
andere die neue Republik, die politische Ungewissheit.
Er musste sich in der sozialdemokratischen Partei mit ihren Flügelkämpfen zurecht
finden. Alle mussten außerdem mit sehr wenig Geld auskommen. Richtig satt
bekam er seine Familie nicht. Aber heute war wieder ein Glückstag für die Kinder. Er
freute sich still. Für Heinz gab es eine Sonderration Milch und die Schwestern bekamen
von dem Rest, der übrig blieb.
„Halt doch mal die Decke fest“, forderte Heinz seinen Vater auf. Schweigend half
er seinem Jungen. „Mit der Zeit schaffe ich es vielleicht ganz nach Haus“, dachte Heinrich.
In seinem Kopf erschienen immer wieder die Bilder des Krieges. Die Toten. Der
unglaubliche Lärm der Geschütze. Die Angst vor dem Gas.
Die 12-jährige Erna beobachtete ihren Vater, wie er nun mit ihrem Bruder auf
dem Boden saß. Sie hielt noch die Teller in der Hand, warm vom Abwasch. Sie hatte
ihren Vater vermisst, wenn er immer wieder weg musste. Die Ungewissheit des Wiedersehens.
Nicht alle Väter kamen zurück. Jeder Fronturlaub endete mit einem bitteren
Abschied. Sie war die älteste der Geschwister und lastete sich viel auf, im Haushalt, in
der Schule, bei der Näharbeit, mit der sie ihre Mutter unterstützte. Nur selten hatte ihr
Vater Fronturlaub, wie es ihr immer von den Erwachsenen erklärt wurde. Urlaub! Was
für ein Urlaub, in dem der Vater meistens viel schlief. Sie dachte immer: Urlaub vom
Tod, so müsste es heißen.
Vielleicht konnte sie diese Szene interpretieren, verstehen. Fühlte die Schwere,
mit der der Vater oft am Tisch saß. Empfand das Gewicht, die Unsicherheit seines Eintritts in eine Welt ohne Krieg, seine Rückkehr in die Familie. Er wollte mit keinem Menschen mehr etwas zu tun haben. Sie stellte die Teller ab und nahm ihren Vater flüchtig in den Arm, ungewohnt die Geste, bevor sie sich zu Heinz auf den Boden aus abgeschliffenen, vor langer Zeit überlackierten Holzbohlen setzte. Auf dem abgeräumten
Küchentisch breitete die Mutter ihre Stoffe aus, die sie bis spät in die Nacht schneidern
würde. Heinz improvisierte weiter sein Spiel mit Erna, bis diese schließlich aufstand,
um ihrer Mutter zu helfen. Sie hatte schon frühzeitig gelernt, selbst ständig zu arbeiten,
zu erkennen was notwendig war. Darauf würde sie sich ihr ganzes Leben stützen müssen, sie, der man später nachsagen würde, kein Mann sei gut genug für sie. Sie war für die Familie da, so sah sie ihre Aufgabe in dieser Zeit. Sie kümmerte sich um Heinz, der mit einer Blasenentzündung ein Vierteljahr im Krankenhaus gelegen hatte, um ihre
Schwester Klara, wenn diese vor Hunger Bauchschmerzen hatte und weinte. Vieles blieb
unausgesprochen in dieser Zeit. Die Sehnsucht nach Glück verbarg sie hinter Pflichtgefühl.
Der einzige Mann in ihrem Leben, Franzl, blieb später im Krieg. Ein Bild von
ihm in Uniform – schnieke – bewahrte sie ihr Leben lang gut auf. Ein kurzes Glück mit
einem Offizier im Krieg.

 

Die Texte zu diesem Interview: „Onkel 1918“ „1934“ und „Die Verhaftung“. Aus: „Die Kunst des Selbstrasierens. Hamburger Sozialdemokraten im Widerstand gegen den Nationalsozialismus“.

Lloret de Mar – ein Fest der Internationale

Lloret de Mar – ein Fest der Internationale

Das Haus der älteren Dame liegt oberhalb der lärmenden Stadt in einem kleinen Villengebiet, zu erreichen über eine kurvenreiche Straße, vorbei an abenteuerlich in den Berg gesprengten Villen. Das Haus und sie selbst scheinen mit den 70iger Jahren des letzten Jahrhunderts verbunden zu sein. In einer Welt hinter einer wunderschönen hohen Mauer, mit drei Katzen, die ihr zugelaufen sind. Die ältere Dame geht nur in die Stadt, um zum Arzt, zum Einkaufen oder zur Bank zu gehen. Es kommen der Gärtner, der Poolkeeper und einmal in der Woche eine Freundin.
Der Blick auf das Meer ist von hier aus fast frei, allerdings hat eine koruppte Verwaltung einen Neubau gegenüber erlaubt, der den Meerblick einschränkt. Es ist aber dennoch genug Blick vorhanden, auf das Meer, Lloret und Canyelle. Eine kleine Oase, eine Insel im Lärm der Welt, die mit der vergangenen Zeit scheinbar eine Endlosschleife beschreibt. Der Mann ist lange verstorben, ist aber in Erzählungen lebendig, die die Zeit hier hin und her schaukeln lassen.
Die Stadt, man muss fünf Minuten mit dem Auto hinunter fahren, wabert und bebt in der Juli Hitze. Lloret de Mar feiert die Internationale, die hier vollkommen erscheint. Menschen, die Jugend aus allen Ostblockländern, den Ländern der europäischen Gemeinschaft, aus Asien schleppen sich durch die Straßen der Plastikwelt. Sie sitzen halbnackt in den Restaurant, vertändigen sich wie Primaten, sabbern sich dabei das Eis auf das Kinn, auf die Bluse und aufs Hemd, essen glücklich scheinbar spanische Paella. All you can eat, all you can drink, and all you can hear: Jeder hat einen eigenen Lautsprecher mit eigener Musik dabei, billig zu haben in den Shops. Sie müssen laut sprechen um sich zu verständigen. Keiner hört, all you can app hängen die Köpfe. Aufgespritzte Lippen, Selfies, Fotos, Tatoos. Fröhliche Jugendliche, Gruppe von Jungen und Mädchen die wirklich ihren Spaß haben. Ihnen gehört der öffentliche Raum. Sie nehmen sich die Welt. Wie in Kalle Blomquist, der Meisterdektiv, wo ein alter Mann den Tagen der Kindheit nachhängt: ja, ja, glückliche Tage der Kindheit. Immer wiederholt vor sich hin brabbelt. Ja, ja, glückliche Tage der Kindheit, ja,ja. Und das Meer rauscht dagegen an. Ein Plastikfischer fischt darin, am Strand räumt ein Bagger das yes we can all you eat, drink, hear,cry, trash, der glücklichen Generation beiseite. In der Lloret sind auf großen Fahnen und Schildern riesige Ohren abgebildet, die auffordern, auf das eigenen Lärmen zu achten. Schütze Deine Ohren und die Deiner Mitmenschen!
Der ganze Schmelztiegel ganz ohne jegliche Aggressivität, vielleicht mit etwas Unmut. Manchmal lächelt jemand, fast entschuldigend, dass er da ist, den Weg kreuzt, wenn es sich in der Gasse staut. Ein seltenes, verstehendes Anlächeln unter den vielen Individuen die nur sich selbst sehen und optimieren. Wie eine Feier vor dem Pesttod. Dazu flattern die Fahnen der katalanischen Seperatisten von den Häusern, die Freiheit für die politischen Gefangenen und Freiheit für Puigdemont fordern – und einen eigenständigen Staat Katalonien.
Im Haus der alten Dame ist es ruhig. Das Meer in der Ferne glitzert und der Wind weht leise die Geräusche der all inclusive Welt herauf. Der kleine Pool lädt abseits der Massen glitzernd zum Baden ein. Er bietet nur Platz für wenige Glückliche.
Lloret, ist nicht das Ende, wahrscheinlich nicht. Im Gegenteil, möglicherweise das Pralle Leben, die Lust auf das Heute. Eine unbeschwerte Inbesitznahme der Stadt, des Strandes, der Straßen. Ein Fest des Lebens.