Die schöne Corona

Miniatur von Ripp Corby

Die schöne Corona 1

Ich hatte mich verspätet.

Da saß sie bereits, in einem leuchtend roten Kleid mit gelben Trompeten darauf.
Dann, als ich bereits auf dem Weg zu ihrem Tisch war, stutzte ich.
Denn die große Terrasse des Cafés auf dem Rondell war voller hübscher Coronas, die mir zuwinkten. Alle leuchteten gleichermaßen in der Sonne. Sie winkten einladend, niemand sprach. Die Zeit schien still zu stehen, alle Bewegungen liefen in Zeitlupe ab.
Der Platz reflektierte die sonderbare Atmosphäre. Still und starr ruht der See, dachte ich und beschloss, mich an den Tisch zu setzen, an dem ich die erste Corona entdeckt hatte. Meine Corona, fühlte ich. Je näher ich ihr kam, desto stärker verspürte ich allerdings einen Hustenreiz. Meinen Stuhl rückte ich ein wenig von ihr ab, als ich mich setzte. Mein Husten schien die Schöne jedoch nicht weiter zu stören. Sie lächelte mich an und ich fühlte mich geschmeichelt.
Ich wolle sie nicht anstecken, erklärte ich auf ihre Frage, warum ich mich nicht näher zu ihr setzte. Wir tranken unseren Cappuccino. Ich machte Ihr Komplimente über ihr schönes Kleid. Sie störte es nicht, dass alle anderen Coronas ähnlich gekleidet waren. Die würden sich in der nächsten Zeit noch umkleiden, prognostizierte sie. Die Sonne verlor langsam ihre Wärme und wir verabschiedeten uns. Sie drehte sich noch einmal um. Wenn ich sie wieder sehen wolle sagte sie, müsste ich viel Zeit mitbringen. Das hörte sich an, wie eine kleine Warnung. Ich könne mit ihr reisen, schlug sie vor.
China, Italien, Europa, USA, wäre das etwas für Dich? Sie wirkte total souverän und ich merkte, wie meine natürlichen Reflexe der Vorsicht schwanden. Ich wollte ihr gegenüber hinsichtlich ihres Wunsches gar keinen Widerstand leisten, dennoch schien sie sich meiner Abwehrkräfte zu bemächtigen. Mein Frühwarnsystem meldete sich. Ich sollte gehen, war bereits aufgestanden. Aber es war immer noch so schön auf diesem Platz, an diesem Ort, der friedlich in den Nachmittag und Abend hinzudämmern schien.
„Ein Experiment, wie in einer Netfix Serie“, sagte sie. „Lass uns gemeinsam ein Experiment machen. Etwas Großes soll beginnen. Wir können gemeinsam die Welt anhalten, wenn Du Dich nur auf mich einlässt“. Sie lächelte.

Die schöne Corona 2

Am nächsten Morgen sah sie schon nicht mehr so schön aus. Ihr Kleid war zerknittert und sie wirkte müde, gerade so, als wäre sie die ganze Nacht unterwegs gewesen. „War ich“, gab sie zu. Was ist das Große eigentlich sei, fragte ich sie. Sie lächelte wieder. Ihre Antwort war sehr philosophisch. „Ein Test. Ein Test für die politischen und wirtschaftlichen Systeme. Vielleicht ist es auch eher ein Wettbewerb. Sieh mal, die Menschen denken, es gibt ein richtiges Leben im Falschen. Sie bevorzugen aber ein falsches Leben im Falschen. Ihnen ist Toilettenpapier wichtig. Und Mehl. Weder das eine noch das andere sichert das Überleben. Nicht der Kauf von unnützem Zeug, sondern Vernunft würde helfen. Die Frage: Sein oder Nichtsein? ist mit dem Toilettenpapier beantwortet und liegt für sie scheinbar auf der Hand. Es wird dauern, bis sie richtig handelnd im richtigen Leben ankommen.“
Ich verstehe noch nicht, erkenne allerdings, dass ich mich in eine ungesunde Beziehung begeben habe.Ich muss husten, mein Hals kratzt. Sie hackt mir mit dem Zeigefinger auf die Brust. „Wir erfahren eine Kafkaeske besonderen Ausmaßes“, fährt sie fort und zitiert Kafka: „Unsere Fähigkeiten zur Erkenntnis – im Guten wie im Bösen – sind recht entwickelt; nicht aber unsere Fähigkeiten der Beherzigung dieser Erkenntnisse. Der menschliche Versuch, der Erkenntnis gemäß zu handeln überfordert unsere Kräfte“.
„Ich kann das nicht akzeptieren“, protestierte ich. „Wir können das kollektiv lösen!“

„Die Menschen werden scheitern, die Erkenntnis in die Tat umzusetzen“, beharrte sie. „Das ist der Sinn der Sterblichkeit“.
Ich schüttelte fassungslos den Kopf.

„Nun gut,“ lenkte sie ein, lass uns an der Praxis überprüfen, wozu der Mensch fähig ist“.

(In Anlehnung an Kafka, Benjamin und Michael Hirsch).

Sri Lanka. Im Kleinbus nach Kandy

Aus: Ein Haus in Magonna.

Wir starteten unsere Reise nach Kandy in Magonna, wo unser Freund und Reiseorganisator Anjan ca. 100 km östlich von Colombo entfernt in dem für hiesige Verhältnisse luxuriösem Haus in Magonna wohnte. Glücklich mit seiner kleinen Familie hatte er die Schrecken des Tsunamis überwunden. Ich aber das habe ich ja bereits in „Ein Haus in Magonna“ beschrieben.

(Wie es ihm gelungen ist, mit Madu, seiner Cousine, ein neues Leben zu beginnen – davon erzähle ich später).

Anjan jedenfalls konnte viele Rollen übernehmen, er konnte einfach alles. Jetzt war er unser Reiseorganisator.
Kandy war aus seiner Sicht sozusagen ein „Muss“. Museum, Tempel, See, Markt.
Ja, etwas, dass man unbedingt sehen muss, kann man in der Regel eigentlich vergessen. Aber da man nicht allein als Tourist an diesen Orten ist, oder für was man sich sonst womöglich auch hält, Besucher, Freund, egal man ist nie allein unterwegs und fremd. Man bleibt Tourist. Genau genommen ist man das Geld. Eine Erfahrung, die sich später bestätigen sollte.

Aber dieser Plan, Kandy mit dem Zug zu erreichen, erschien zu Beginn aussichtslos, da das Neujahrsfest bevorstand. Viele Menschen, überwiegend Männer, hatten sich auf den Weg zu ihren Familien gemacht. Es fuhren weniger Züge und die waren dann rappel voll. Die Menschen standen in den Türen und mussten die Fahrt über in unbequemer Haltung ausharren und sich die ganze Fahrt über festhalten. In eine solche Konservenbüchse wollten wir uns nicht quetschen. Also fuhr Anjan fuhr mit uns zum Bahnhof, der lediglich aus ein paar Gleisen bestand, um etwas besseres für uns zu erreichen.

Anjan ging in seinem Optimismus davon aus, für uns – wir reisten zu dritt – noch Tickets zu bekommen. Aus einem kleinen Fenster eines Backsteinverschlages blickte ein Mann mit offizieller Mütze heraus. Der Mensch am Schalter verstand nicht, was Anjan wollte. Langsam wurde klar, das er dessen Anliegen, für die nächsten Tage Tickets nach Kandy zu bekommen, an sich schon für absurd hielt. Bedrückt zogen wir ab. Jedenfalls schien Anjan enttäuscht zu sein, ich war eher erleichtert, nicht Zug fahren zu müssen.

Nachdem es mit dem Zug nicht geklappt hatte, organisierte Anjan einen Kleinbus mit Fahrer für uns. Ein Hotel hatten wir bereits gebucht und Anjan hatte dort zur Sicherheit auch noch einmal angerufen um sich die Vereinbarung des Hotelaufenthaltes bestätigen zu lassen. Einer seiner vielen Geschäftspartner oder Freunde, das war nicht immer klar, holte uns frühmorgens ab. Anjan hatte ein kleines Universum um sich herum aufgebaut, das eine Vielzahl von Möglichkeiten bot, ob beim Friseur, im Teeladen, auf dem Markt, wo auch immer, Anjan bekam seine Promotion, wenn wir etwas kauften. Ich glaube, wir zahlten dennoch zu viel.

„Wir bitten nicht, wir sagen nicht danke“, wiederholte er, als ich fragte, ob der Preis für alle o.k. war. Den Preis mit dem Busfahrer hatte er für uns ausgehandelt. Wenn die Fahrer sich um eine angenehme Fahrt bemühten, gab es natürlich etwas obendrauf. Es schien mir, als begegnete Anjan uns in dieser und ähnlichen Situationen, in denen er für uns etwas erledigte, mit einer Mischung aus Dankbarkeit, Untertänigkeit, Selbstbewusstsein und Beharrlichkeit. Mit dem Wunsch verbunden, nach Außen immer freundlich zu wirken. Das bedeutete für Freunde und Gäste, zwischen den Zeilen lesen zu müssen, aktiv zuzuhören und ein Ja auch als Nein zu verstehen. Ähnliches erlebten wir aber auch mit anderen Menschen in Sri Lanka. Anjan musste arbeiten und konnte uns nicht selbst fahren. Das war für ihn ein großes Dilemma zwischen Gastfreundlichkeit und Lebenserhalt, da er es allen recht machen wollte.

Wie schnell die Freundlichkeit aber auch verschwinden konnte, würden wir bald erleben. Wenn man zum Mittel zum Zweck wird.
Die Straßen nach Kandy waren verstopft, der Fahrer war ein dominanter Mensch mit einer entsprechenden Fahrweise, die meinen Puls anstiegen ließ. Er war ständig am telefonieren, gestikulierte aufgeregt und schien sehr ärgerlich und unzufrieden. Wie sich später herausstellte,er permanent versucht, für sich eine „Kommission“ auszuhandeln und die Bedingungen für seine Akkommodation zu klären. Üblicherweise konnten die Fahrer in einem Raum im Hotel übernachten; die kleine Gebühr dafür war im Fahrpreis enthalten. Sein Fahrstil war gewagt, aber man musste tatsächlich einiges riskieren, um voran zu kommen. Nachdem wir die Stadt hinter uns gelassen hatten, entspannte sich der Fahrer etwas.
Wir fuhren lange an Reisfeldern vorbei, auf denen Wasserbüffel grasten, passierten Kokosplantagen und hielten plötzlich an einem kleinen Restaurant für eine Toilettenpause, die eigentlich niemand benötigte.
Schlagartig waren wir von hilfsbereiten freundlichen Großfamilie umgeben. Ein Tisch war bereits gedeckt. Ananas wurde serviert und Getränke angeboten; eine Promotionsstation für unseren Fahrer.

Wir spielten mit, lächelten und nickten in alle Richtungen, da außer unserem Fahrer niemand eine Sprache sprach, die wir verstanden. Wir waren den Veranstaltern ausgeliefert. Die weitere Fahrt zog sich in die Länge. Wegen des Neujahrsfestes waren nicht nur die Züge voll, sondern auch auf den Straßen überlastet. Der Fahrer setzte seine Bemühungen fort, uns vom gebuchten Hotel abzubringen. „Schlechtes Hotel, liegt außerhalb der Stadt, ganz schlecht zu erreichen“. Irgendwann reichte es mir und ich rief selbst im Hotel an, um klar zu machen, dass wir sicher dort einchecken würden. „Lassen Sie sich bloß auf nichts ein, den Fahren geht es immer nur darum, zusätzliches Geld zu verdienen“, wurde mir geraten. Dann schien es auf den ersten Blick, dass der Fahrer recht hatte, denn der Weg zum Hotel hinauf erwies sich als einer mit Schlaglöchern übersäten Straße, sehr steil und für Fußgänger nicht besonders einladend, vorbei an Bruchbuden neben denen Müll am Straßenrand aufgetürmt war oder einfach verstreut herumlag. Den ersten Impuls umzudrehen überwanden wir, obwohl auch der Fahrer insistierte. „Ich kenne ein viel besseres Hotel, mit Swimmingpool“, drängte er. Wir erreichten das Hotel, das ziemlich am Ende der Straße gelegen war.

Der Fahrer wollte mit uns kommen, um die Hotelzimmer zu begutachten. Die Hotelbesitzerin stoppte ihn und giftete: „This is not your job.“ Er zog sich maulig zurück. Wir schauten uns die Zimmer an, die der enthusiastischen Beschreibung im Reiseführer in etwa entsprachen. In der Tat hatte das Hotel einen gewissen Charme; wenn man hart wäre, könnte man sagen, eine sehr gute Jugendherberge, liebevoll eingerichtet. Zwei große Zimmer, zwei Bäder, durch eine Schiebetür voneinander getrennte Räume. Alles zusammen etwa 60m². Ein herrliche Dachterrasse mit Blick über Kandy und auf die umliegenden Berge. Zurück in der Hotelhalle war unser Fahrer zwischenzeitlich am Verhandeln. Eine Unterkunft direkt im Hotel gab es für ihn nicht.
„Nehmen Sie sich vor dem Fahrer in Acht“, riet uns die Hotelbesitzerin des Sharon Inn auf Deutsch.“Er hat hier schon mehrfach angerufen“.

Anjan würde das sicher nicht gefallen, obwohl dieses Spiel sicher nicht neu für ihn war. Fakt war, dass Anjan die Akkommodation geklärt hatte. Ich konnte nachempfinden, wie es Anjan ging. Sensibel wie er war, musste er recht verzweifelt sein, kann er es nicht allen recht machen konnte. Niemand im Hotel konnte sich an das Gespräch mit ihm erinnern. Der Sohn der aus Deutschland stammenden Frau, ein nassforscher Bachelor Anwärter, der in London studierte, wollte uns alle abfertigen und erwies sich Anjan am Telefon gegenüber als ausgewiesenes koloniales Ekelpaket. Glücklicherweise kam dann der Vater, grade dem Siesta-Bett entstiegen, dazu und klärte die Situation dann recht sympathisch, als wir schon fast wieder im Auto saßen. „Hier,“ sagte er zu uns gewandt, mit dem Gästebuch in der Hand, „nur zufriedene begeisterte Gäste!“ Dann zum Fahrer: “Du kannst in einem anderen Hotel übernachten. Ich gebe Dir 1000 Rupien – da“, er streckte ihm den Schein entgegen und beschrieb ihm den Weg. Zu uns gewandt sagte der Fahrer: „Dann kann ich euch aber nicht mehr in die Stadt fahren, das ist mir zu umständlich.“

„Dann bis morgen 10.00 Uhr“, sagte ich ohne Lust auf weitere Diskussionen und zog innerlich 500 Rupien von seinem Trinkgeld ab, die wir für ein Tuctuc Taxi ausgeben würden. Wir kamen so langsam in Sri Lanka an.
Die Geschichte mit dem Fahrer war aber leider noch nicht zu Ende, er entwickelte sich zur Hauptperson dieses Ausflugs. „Das Hotel kostet 2500 Rupien“ beschwerte er sich am Telefon.
„Alles ok, wenn er einen Beleg vorzeigt, das er dort übernachtet hat, kläre ich den Rest“, sagte der Hotelbesitzer. Am nächsten Tag kam kein Beleg und es gab auch nichts zu regeln Er hatte privat bei Freunden oder Familie übernachtet.
Zu Fuß machten wir uns auf den Weg in die Stadt. Es war 15.00 Uhr geworden. Zwischen durch erkundigte Anjan sich per SMS, ob alles o.k. sei. Alles o.k. . Der Fahrer, der später losgefahren war, pickte uns entgegen seiner ursprünglichen Ankündigung auf und fuhr mit uns in die Stadt. Am Milchsee stiegen wir aus und spazierten zum Zentrum. Eine bunte gemischte Kulisse aus westlichen Supermärkten, einem Einkaufszentrum, kleinen Läden, McDonalds und dem regionale Markt mit seinen quirligen Händlern nahm uns in sich auf. Unter den vielen Verkäufern gewann ein kleiner freundlicher Mann unsere Aufmerksamkeit. Er begleitete uns zu einem Stand, dann zum nächsten und so fort, als gehöre der Markt ihm. Zwischen seinen scherzenden Konkurrenten und Freunden ging es über den ganzen Markt. Eine Hose, ein Sarong – Wicket super fine -, T-shirts, Schal. Was nicht passte, wurde in einer kleinen Schneiderei genäht, die dem sympathischen, geschäftstüchtigen Männchen gehörte. Die übliche Preisverhandlung ging bestimmt gut für ihn aus. Die Preisverhandlung wurde von einigen Marktteilnehmern aufmerksam verfolgt. Passanten sprachen uns an, woher wir kämen, erzählten von sich, vom Studium, von der Arbeit, wo sie wohnten. Der Händler schleuste uns noch zu anderen Ständen, zeigte uns dann den Weg zum Zahntempel. An dieser Stelle kam mein Sarong zum Einsatz, da ich die Sicherheitskontrolle nur mit bedeckten Knien passieren durfte. Er rutschte mir immer wieder von den Hüften. Zweimal halfen mir Besucher des Tempels, meinen Sarong angemessen und „haltbar“ zu knoten. Im Tempel selbst erwartete uns das übliche Verfahren. Eintritt, Schuhe ausziehen und überall auf dem Tempelgelände die Aufforderung, zu spenden. „Welcome to the Sacred Tempel of the Tooth Relic“. Wir wollten Buddhas Zahn sehen, was uns aber in der Menge nicht gelangt, da jeder nur einen Bruchteil einer Sekunde durch ein kleines Fenster blicken durfte, bevor man weitergeschoben wurde.
Die berühmte Zeremonie war unübersichtlich – hatte sie überhaupt stattgefunden? Unsere Tochter meinte, für das Geld sei ihr zu wenig geboten worden. Mönche drängten, ja rempelten die Besucher zur Seite.
Es regnete inzwischen warm auf uns herab. Mit dem TucTuc ging es zurück ins Hotel. Das Diner wurde in einem Raum serviert, der einer griechischen Kneipe nahe kam. An die sieben Holztische für etwa 30 Personen. Überwiegend eher Reisende als die üblichen Touristen. Das Essen war übersichtlich aber gut.

Am nächsten Tag, nach einer kurzen Stadtbesichtigung und Mittagessen im White House, ging es mit unserem jetzt sprachlosen Fahrer in einem unverschämten Höllentempo zurück und er machte klar, wer hier die Macht hatte.

Er wollte noch für das Neujahrsfest einkaufen, meinte er später nach unsere Beschwerde. Anjan fragte, uns wie die Fahrt war. „Mit dem Fahrer nicht nochmal“ sagte ich. Eine klare Ansage, die ein wenig schmerzte. Daran würde Anjan noch mit dem Driver diskutieren. Where are we? What the hell ist going on? Diese Reise hinterließ Fragen. Was muss man sich und anderen Kulturen wirklich antun?

Altes vom Dachboden – Staub aufgewirbelt

Altes vom Dachboden: Staub aufgewirbelt.

Eine unerwartete analoge unvermittelte Begegnung schließt einen Kreis zwischen der NS-Zeit und heute.

Altes vom Dachboden, der Staub vom Dachboden, führte zu einem überraschenden Anruf als Reaktion auf den Blogbeitrag „Altes vom Dachboden“, ein Anruf der deutlich macht, dass sehr wohl beobachtet wird, ob der Staub aus alter Zeit liegen bleibt. Die Frage, war, warum jetzt? Warum dieser Beitrag.

Warum die alten Geschichten? Eine Familie, deren Großvater im Beitrag erwähnt wurde, war berührt. Dieser Anruf schließt auf eigenartige Weise einen Kreis der von Vätern und Großvätern eröffnet wurde bei den Kindern und Enkeln. Die für das, was Väter und Großväter zu verantworten haben, keine Verantwortung tragen – aber für das was daraus folgt sehr wohl.

Als ob die Täter und Ihre Familien alles vergessen dürften.


Zeit ist etwas besonderes, eine außergewöhnliche Dimension. Unvergänglich.
Das Missverständnis der meisten Menschen ist die Annahme, dass die Zeit vergeht und damit alles was in ihr war. Wenn es gut war, versucht man, die Erinnerung möglichst lange aufrecht zu erhalten. Wenn es böse war. Vergessen wir es! Tun wir so, als wäre nichts gewesen, erfinden wir unsere Geschichte neu: ich war doch nur.., war nur am Rande dabei, das ist doch lange her, die zeit war damals so. Oft muss Zeit aber vergehen, damit begriffen werden kann, wie das in der Zeit Geschehene einzuordnen ist.

Staub verschwindet ebenfalls nicht, er fliegt auf und setzt sich an anderer Stelle wieder nieder. Als Materie kann er eine andere Form annehmen. Selbst wenn vermeintlich Gras darüber wächst, bleibt der Staub unnachgiebig.
Altes vom Dachboden beschreibt die NS-Richter in Hamburg und ihr gutes Leben nach 1945.

Warum steht die Justiz im Fokus?

Die Justiz ist der Maschinenraum einer Gesellschaft. Es ist ein wichtiges, zur Korrektur fähigen, Kraftzentrum. Sie war willig.
Es gab viele Unrechtsurteile. Zur Erinnerung zwei Beispiele aus Hamburg :

Als Richter ein hartes Urteil in der NS-Zeit gefällt – nach 1945 Richter in Hamburg-Wandsbek :

Weil sie von einem ihr befreundeten deutschen Soldaten eine Pelzjacke als Geschenk annahm, verurteilte Deike als Landgerichtsrat am Sondergericht Thorn (Torun) die Polin Anna Zegarski am 30.April 1942 zum Tode. Die Jacke stammte aus einer Sammlung von Wintersachen für die Front. Der Soldat hatte sie dort gestohlen, ohne dass die Angeklagte Zegarski davon wusste. Einen Gnaden­erweis lehnte der Richter mit folgender Begründung ab – Aktenzeichen:4Sg K Ls 72/42:

„Wenn auch nicht zu verkennen ist, dass die Versuchung für die Angeklagte groß war, den Pelz auch nach Auftreten des Verdachts bezüglich seiner Herkunft weiter zu behalten, vermag das Sondergericht mit Rücksicht auf den Zweck der Wollsammlung und den Charakter des Geschenks als Belohnung für die geschlechtliche Hingabe einer Polin einen Gnadenerweis nicht zu befürworten.“

Der Fall Dr. Baier

Der Kraftfahrer Erwin Junghans aus Leipzig war vier Jahre lang arbeitslos gewesen, als er 1936 als Postschaffner angestellt wurde. Im Oktober 1942 wurde er beim Luftgaupostamt in Poznan (Posen) eingesetzt. Er war damals 42 Jahre alt, seit 20 Jahren verheiratet und hatte zwei Kinder. Was veranlasste den nach 1945 als Oberstaatsanwalt in Hamburg tätigen, Dr. Baier, gegen ihn die Todesstrafe zu beantragen?

„In Posen gab er seinen Arbeitskameraden gegenüber immer wieder seiner Unzufriedenheit mit den bestehenden Verhältnissen Ausdruck und vermied es auch, den deutschen Gruß anzuwenden.“

Er habe, als ein Kollege eingezogen wurde, geäußert, „es sollten nur die hingehen, die den Krieg gewollt hätten.“ Nach einem Luftangriff auf Nürnberg soll er gesagt haben:“Und da soll man noch Heil Hitler sagen.“

Das waren Gedanken, die 1943 und 1944 unter dem Eindruck der Luftangriffe und des verlorengehenden Krieges Millionen in Deutschland hatten. Allein deshalb klagte der damalige Staatsanwalt Dr. Baier Junghans vor dem Oberlandesgericht Posen „wegen Wehrkraftzersetzung“ an. Am 20.Juli 1944 wurde Junghans gemäß dem Antrag des Staatsanwaltes Baier zum Tode verurteilt. Dabei wurde ihm die vom Gesetz verlangte Absicht der „Wehrkraftzersetzung“ – Aktenzeichen: 2 OJs 31/44 – einfach unterstellt, da durch seine Äußerung „auch der Siegesglaube eines gefestigten Deutschen ins Wanken geraten könnte.“

Warum soviel Staub?

Weil in Hamburg im Konzentrationslager Fuhlsbüttel und im Außenlager Neuengamme hunderte Gefangene ums Leben kamen. Verurteilt von willigen Richtern.

Warum noch?
Weil die meisten Richter zum Teil ohne zur Rechenschaft gezogen zu werden, weiter oder wieder in Amt und Würden tätig waren. Das bezieht sich nicht nur auf die Richter sonder auf die Justiz, Polizei, Nazis in den Landesregierungen und der Bundesregierung, – auf die Remilitarisierung Hitlers Soldaten – auch auf Wunsch der USA, die verknüpft war mit der Forderung der Freilassung der von den Besatzungsmächten verurteilten und inhaftierten Tätern.

Willi Winkler beschreibt das ausführlich in seinem Buch: „Das Braune Netz, wie die Bundesrepublik von früheren Nazis zum Erfolg geführt wurde “.

Die Opfer vergessen nicht, die Familien geben es genetisch weiter, ebenso verhält es sich mit den Tätern. Ein gemeinsames Verstehen wäre der richtige Schritt.

Warum diese alten Geschichten?
Weil sie nicht alt sind und niemals alt werden, solange Opfer und Täter aufeinander reagieren. Weil es nicht bewältigt ist, weil es nachwächst, weil selbst die Opfer keine ausreichenden Konsequenzen ziehen und sich eingerichtet haben. Den Tätern nach dem Krieg 1945 auf Straße begegnet sind, ihre Kollegen waren, Angst hatten, entkräftet schwiegen oder einfach nur leben wollten.

Das können sie nur selbst beantworten und bleibt, wie das meiste dieser Zeit außerhalb der Vorstellungskraft. Viele folgten dem Prinzip der nützlichen Fälschung, der Schaffung einer neuen, nützlichen Wirklichkeit. Was haben sie gedacht, wer sie jetzt waren? Neue Menschen wie mit einer Ziffer auf Null gestellt. Die Stunde Null Lüge genutzt?

„Als im Herbst 1949 die erste deutsche Bundesregierung unter Konrad Adenauer ihre Arbeit aufnahm, widmete sie sich denn auch als einer ihrer ersten Aufgaben genau diesen drei Themen: der Frage nach der Begnadigung der Kriegsverbrecher, nach dem endgültigen Abschluss der Entnazifizierung – und der Wiedereinstellung der »verdrängten« Beamtenschaft. Innerhalb weniger Jahre sollte sie dabei den Weg ebnen für eine systematische Verneblung der NS-Vergangenheit und die Abschaffung der Radbruchschen Formel in der deutschen Strafgesetzgebung“ . (Siehe https://www.zeit.de/zeit-geschichte/2009/01/Justiz ).

Die Formel des deutschen Rechtsphilosophen Gustav Radbruch aus 1946 leuchtet den Grenzbereich der positiven Rechtsprechung aus. Sie besagt, dass ein Richter, der sich in einem Konflikt zwischen dem niedergeschriebenen, ‚gesetzten‘, positiven Gesetzen und einem Gerechtigkeitsgedanken befindet, sich grundsätzlich an das gesetzte Recht halten soll.

Golo Mann (Historiker, Schriftsteller) hat sein Gefühl für Deutschland 1959 beschrieben: „Man geht, poetisch gesprochen, auf einer Erde, auf der die Dinge ganz schön fett wachsen; aber der Boden, das, was darunter ist, ist unheimlich, und wenn ich so durch die Straßen einer deutschen Stadt gehe, so kommen mir immer die Angstträume in den Sinn, die ich in den dreißigern und frühen vierziger Jahren hatte, der Traum nämlich, ich sei in Deutschland und fragte mich mit Grauen, wie ich denn hingekommen sei. Dieses Traumhafte werde ich nie ganz los.“

Warum den Staub aufwirbeln?
Weil die Verantwortung bleibt. Weil es heute wieder ein Bestreben gibt, die demokratischen Institutionen zu nutzen, um die Demokratie selbst zu beseitigen.

Weil selbst die demokratischen Parteien den Mechanismus dieses Bestreben nicht verstehen oder ihm konsequent durch eigenes verantwortliches und ethisches Handeln zu begegnen, muss immer wieder erinnert, Staub aufgewirbelt werden.

Ambigue Begegnung – Srebrenicia

Lamellen – Begegnungen – eine Vorgeschichte von Jens Gärtner und Svenja Hirsch. Aus: Ambigue Begegnungen, Bod Verlag.

In Screbrenica wurden im Juli 1995 während des Bosnien Krieges über 8200 Jungen, Männer, Greise, einfach jede männliche Person ermordet. Das Massaker wurde unter der Führung von Ratko Mladic (Armee der Republice Srpske, der Polizei und Paramilitärs) verübt.

Das Fenster geht über die gesamte Zimmerfront. Auf derFensterbank ein Blumenkübel mit abgebrochenen Stielen. Ich sollte sie mehr pflegen, mehr gießen. Sie sehen traurig aus, trocken und verdorben. So wie ich. Das Licht des Computer-Bildschirms färbt bläulich auf die Zweige ab, auf meine Hände. Seit einer halben Stunde beobachte ich das Farbspiel, starre apathisch aus dem Fenster. Ein Wohnblock neben dem nächsten, aufgebaut in Reih und Glied. Zwischendrin nur die Balkone, kleine Terrassen und Gärten, ein schmaler Gehweg.
Von der Seite her rauscht die Straße. Die Fenster gegenüber sind gardinenverhangen.
Alte Leute, denke ich und schaue kurz zurück auf den Bildschirm. Nur das eine, schräg rechts, hat keine weißen, fließenden Spitzenstoffe. Ein Lamellenrollo verdeckt, wenn etwas verdeckt werden soll. Zeigt, wenn etwas gezeigt werden soll, oder deutet an, was sich dahinter verbergen könnte. Ich kneife die Augen zusammen, schaue dann schnell wieder weg. MeineGardinen sind weiß und schwer, mit großen Ösen, nur zugezogen, wenn ich schlafe. Sonst kann jeder von gegenüber sehen, wie ich alleine und zusammengerollt auf meiner 90 cm breiten Matratze liege. Kein Platz für einen zweiten Menschen in der Ein-Zimmer- Wohnung. Jetzt sind die Gardinen zu beiden Seiten aufgezogen, geben den Blick auf mich an meinem Schreibtisch frei.

Hinter den Lamellen ist ein Schatten. Ein Kind oder ein sitzender Erwachsener. Schreibtischhöhe, meine Höhe. Er bewegt sich und wird länger. Kein Kind, ein ausgewachsener Mensch. Steht frontal, entweder mit dem Rücken oder Gesicht zu mir, breites Kreuz, ein Mann. Er könnte mich jetzt gut beobachten oder sehen, dass ich ihn beobachte, denke ich und schaue weiter zu den Lamellen. Der Schatten bewegt sich, ein zweiter kommt dazu, hinten aus dem Licht einer geöffneten Tür. Oder dem, was ich als diese Tür erkenne. Ich arbeite weiter, öffne Back-Ends, tippe Codes in Masken und aktualisiere. Die Zeit vergeht, ich fülle die Online-Shops meiner Kunden mit neuen Produkten. Trash, denke ich, doch er bringt mir Geld. Bezahlt die Ein-Zimmer-Wohnung mit dem schmalen Bett. Geradeso. Bestandskunden, die ich in meiner guten Zeit als selbstständige OnlineShop-Managerin akquiriert habe. Jetzt mache ich kaum noch Akquise, die Kunden schwinden, die Kontakte generell. Sie gehen mir aus. Drüben brennt noch Licht. Als ich den PC runterfahre, ist es bei mir stockdunkel. Dann werden auch die Lamellen sorgsam von innen geschlossen.

Eigentlich ist es mir völlig egal, was die Leute über mich denken, Sie denken ja, was sie wollen. Ich habe meine Fenster gern offen, frei von Stoff, anders als viele hier. Biete, wem auch immer, Einblick. Manchmal nur ein wenig durch schräg gestellte Lamellen. Andere haben allerdings Gardinen, vielleicht nur, um sich dahinter zu verstecken. Die Häuser stehen sich eng gegenüber und geben Einblick in das 100fache Theater in den Schubkästen. Wie Puppenstuben. Wohnzimmer, Schlafzimmer. Wenn die Häuser nach Norden ausgerichtet sind, kann man auch in die Küchen blicken, in die Töpfe gucken. Sehen, wer alleine lebt, Familienleben, wechselnde Partner, nackte Menschen in allen erdenklichen Situationen. Schamlos, vergesslich. Das alles wird von vielen gar nicht mehr wahrgenommen, denke ich, sie nehmen es wie Autoverkehr, in den sie sich einfügen. Gedankenlos,eng beieinander und dennoch anonym. Wen interessiert das schon. Gegenüber sehe ich im Hintergrund eine bläulich illuminierte Silhouette, die sich im Fenster spiegelt. Wieder so eine einsame Person, die sich am Computer festhält, bis sie einschlafen kann. Ich schließe die Lamellen.

Ich sitze gern am Fenster. Wenn ich mich zu sehr beobachtet fühle, schließe ich die Lamellen auf eine Weise, die mir die Möglichkeit lässt, hindurch zu blinzeln und das Geschehen auf der Straße zu verfolgen.

Auch die mittleren Etagen kann ich dann einsehen, dass reicht mir meistens. Ich habe mich einmal in das Treppenhaus gegenüber begeben, um auszuprobieren, was man von dort aus sehen kann. Manchmal, wenn ich jemanden bemerke, spiele ich auch mit der Fensterverdunklung. Egal wer da guckt. Ein Angebot im Schubkastentheater, ja das biete ich manchmal.

In den nächsten Tagen brennt die Sonne in meine Wohnung. Tagsüber muss ich den linken Vorhang ein Stück zuziehen, um nicht komplett zu verbrennen. Ich arbeite, sitze, starre gegen den Stoff. Wie eingepfercht in den eigenen vier Wänden, der Blick kann nicht weit schweifen, er bleibt nur wenige Zentimeter weiter stehen, verirrt sich in dem Weiß, bis er ermüdet aufgibt. Nachmittags lässt sich der Vorhang endlich wieder ganz öffnen. Mein Blick wandert jedes Mal zu den Lamellen, jedes Mal dasselbe Spiel: Ein Schatten, der hinter dem Rollo sitzt, sich erhebt, einige Zeit wie erstarrt verweilt. Ich fühle mich beobachtet und beobachte doch penetrant zurück. So geht es bis zum Freitag. Keine Alternative. Nicht jetzt. Seit zwei Jahren wohne ich hier. Davor war mein Leben fast vier Jahre angenehm. So dachte ich zumindest. Oder vielleicht waren es weniger als vier Jahre, ich bin mir nicht sicher, habe den Wendepunkt weit verpasst. Erst hinterher, als es schon zu spät war und ich mit gepackten Kisten an der Straße saß, dämmerte es mir langsam. Zu zweit war ich. Doch irgendwann spürte ich Einsamkeit.

Die kleinlichen Vorwürfen, zuerst kaum spürbare Verletzungen, die, je mehr es wurden, auch die Wunden tiefer rissen. Die Ablehnung.

Erst nur von romantischen Gesten: Zwei Weihnachtsplätzchen auf einem Teller, einer in Schlüsselform und einer als Herz. Und die andere, versteinerte Miene mir entgegensah, die Worte „ich kann so etwas nicht“. Dann die Ablehnung von dem, was ich war: Meine Lieblingsbilder, meine Bücher, es war alles nicht mehr genug. Nicht mehr auszuhalten, nicht erwünscht. Ich habe das gelernt. Ich habe es für mich angenommen, Romantik gebe ich keinem mehr. Deshalb das 90-cm-Bett, die kleine Wohnung, nur mit mir am PC.

Ich bin erschöpft vom vielen und langen Sitzen, die Augen brennen. Ich ziehe mich aus dem Stuhl hoch, stemme die Hände in den unteren Rücken und drücke das Kreuz durch, sodass es knackt. Frontal stehe ich an meinem Fenster, wieder beobachtend, was diesmal hinter den Lamellen passiert.

Heute regnet es endlich. Häufiger als sonst sind die Gardinen in den Wohnungen gegenüber zurückgezogen. Wahrscheinlich taten es die meisten, so, als biete der Regen ausreichenden Schutz vor eindringenden Blicken. Eine natürliche Längslamelle. Oder es waren Hoffende, die auf besseres Wetter warteten, die Sonne zurücksehnten. Zeitweise zogen die Wolken dicht und schwarz über die Häuser, dass sie wie die Nacht selbst die Dunkelheit vor die Fenster und auf die regennasse Straße warf. Ich blickte in das Grau der Straße, die sich mit dem Himmel zu vereinen schien. In dieses Grau hinein trat eine noch dunkler gekleidete Person, mit einem schwarzen Schirm geschützt, in den Windfang vor der Eingangstür. Das konnte ich von meinem Platz aus gerade noch erahnen. Dann klingelte es bei mir. Ich öffne nicht. Ich will nicht. Ich kenne hier niemanden. Nur gegenüber eine Person, deren Schatten ich hin und wieder sehe. Das reicht mir. Es gibt keine Person mehr, die mir nah ist, also kann ich nicht gemeint sein. Dennoch spüre ich, dass da etwas ist, was ich weiß und das es noch Menschen gibt, die mich vielleicht kennen. Srebrenica ist weit weg. Aber eine Angst ist ganz nah, immer bei mir. Eine Angst, die ich nicht erklären kann. Die ich aus mir verbannen will, indem ich für mich bleibe. Schemen reichen mir.

Der erste Schatten steht am Fenster, hinter ihm Licht, dass durch die Türöffnung steht. Ein Türlichtfeld. Der zweite Schatten bewegt sich in den Raum. Dann stehen beide ganz dicht beieinander, umarmen sich vielleicht. Der zweite bewegt sich einen Schritt zurück, beugt sich zu dem ersten. Sie küssen sich bestimmt, denke ich. Ein warmes Gefühl durchwühlt mich. Schnell und zaghaft. Dann weicht das Gefühl zurück. So sieht auch der zweite Schatten aus, als ob er zurückweiche. Ich kneife die Augen zusammen, schiebe das Kinn nach vorne. Ich stehe einfach da. Die Szenerie kommt mir unwirklich vor, sie fällt heraus aus dem, was die vergangenen Tage hinter den Lamellen geschehen ist. Oder von dem, was ich denke, dass es geschehen sein könnte. Der Schatten bewegt sich minimal, es scheint, als blicke er zu mir herauf. Er verharrt. Der zweite Schatten sieht so aus, als bewege er sich auf den ersten zu. Ich halt die Luft an. Es geht alles ganz schnell. Kaum eine Millisekunde, so schnell, dass ich es nicht begreifen kann und der erste Schatten fällt nach unten. Nichts ist mehr zu sehen. Nur der zweite Schatten, wie er langsam bis ganz ans Fenster tritt, den Kopf gehoben geradeaus, die Lamellen, die sich langsam meinem Blick verschließen.

Ich kenne die Frau nur flüchtig. Ich erkenne sie in ihrem alt gewordenen Gesicht. Aber ich weiß nicht mehr, wer sie war oder gar wie sie hieß. Es stellt sich auch kein Gefühl ein. Sie sagt, sie kenne mich gut. Sie lacht. Warum lacht sie, denke ich. Ein Tee? Ein Kaffee? Etwas anbieten oder keine Zeit haben? Ein Tee wäre jetzt doch gut, sagt die Frau. Ich will meine Lamellen ein wenig weiter öffnen, damit die Person von gegenüber, die immerzu bläulich gefärbte Person, teilhaben kann an meinem Besuch, der mir nach der ersten Überraschung gar nicht mehr bekannt vorkommt. Die weiß, dass ich zurück gucke, sie muss es wissen, sonst macht alles keinen Sinn. Sie könnte Zeugin sein. Ich weiß noch nicht wovon. Sie steht da am Fenster und ich scheine ein Teil von ihrer Welt zu sein. Erst will ich das Teewasser aufsetzen. Es klingelt wieder. Die Frau öffnet, bevor ich bereit bin. Ich weiß nicht, warum ich das zulasse.
Es ist außerdem völlig unaufgeräumt. Was soll ich zuerst machen? Schnell schiebe ich den großen Kleiderständer beiseite. Meinen fast zwei Meter hoher Butler, der wie immer mit Kleidungsstücken, die ich in den letzten Wochen getragen hatte, viel zu voll gepackt war. Meine Aktion ist zu abrupt und das Monstrum kippt, in Zeitlupe zwar, unaufhaltsam zu Boden. Er fällt leicht, weich und leise, gemildert durch den Berg von Klamotten. Lärm macht lediglich das rahmenlos verglaste Poster, welches im Fallen von der Wand gerissen wird. Dann stehen unvermittelt zwei Frauen im Raum. Sie lachen, sie freuen sich scheinbar über das Chaos. Sie sehen sich an und lachen wieder, die zuletzt gekommene Frau sagt:“Ich gehe dann mal in die Küche.“ Sie schwingt sich dynamisch auf einem mit einem dunkelgrünen Highheal beschuhten Fuß in Richtung Küche. Woher weiß sie, wo die Küche ist, denke ich noch, bevor die erste Frau, die mit dem alten Gesicht sagt: „Wir haben Kekse mitgebracht.“ Ich komme nicht darauf. Wer ist sie, und Kekse, was für Kekse? „Wir trinken erst einmal einen Tee und dann räumen wir auf, nicht?“ „Woher kennen Sie mich?“, frage ich. Mittlerweile sitze ich auf meinem Sofa, von wo aus ich sowohl den Raum als auch das Fenster sehen kann. Sie sagt nichts, lächelte aber freundlich. Dabei blitzten zwei silbern überkronte Schneidezähne aus ihrem Mund.
Das Dorf, sagt sie nach einer Weile, und jetzt blitzen auch ihre Augen. Aber sie sieht aus, wie jede Frau aus einem Dorf, jedenfalls in ihrem Alter sieht sie aus, wie jede Frau. Eine beliebige Nachbarin aus einem Dorf , ja genau, ich fange an, mich zu erinnern. Ein Dorf an der Drina, in einem Chaos der „Säuberung“. Was machen sie jetzt hier? Ich sehe sie in einem Strom von Menschen, die in alle Richtungen laufen. Die einen Blauhelmsoldaten anschreien, eine Straße blockieren, um Zeit zu gewinnen. Aber das ist sinnlos, denn die Blauhelme verschwinden, die Menschen sind auf sich gestellt. Jeder für sich. Ich für mich. Der Lärm der Granaten die dann kommen, ist verschwunden. Hier ist es still. Hier soll es still bleiben. Das laute Töten geht mich nichts mehr an. Ich nehme einen dieser Kekse. Sie schmecken bitter und zuckersüß. Ich nehme noch einen. Wenn ich kaue, muss ich nicht reden. Worüber auch reden? Blute ich?

Kann das Gewalt gewesen sein? Körperliche. Seelische meine ich zu kennen – schon als ich mit ihm zusammenzog, war ich nicht gänzlich willkommen. Und dann nach zwei Jahren die Haussuche. Ich suchte, sollte aber nicht im Grundbuch stehen. Er traute mir nicht. Er meinte, ich könne ihn ausnehmen. Stattdessen wollte er mich ausnehmen. Ich sollte Miete zahlen, dort im Eigenheim, zahlen für etwas, das ich am Ende nicht besitzen würde, damit er es am Ende besaß. Ich begriff das erst später. So isoliert war ich, dass ich es kaum mehr spürte. Als wäre auch mein Schatten nach unten gefallen, nicht mehr sichtbar. Mein Glück? Ich hatte es nicht verteidigt gegen ihn. Gegen ihn und für mich. Und jetzt sitze ich hier. Ich kann an dem Leben der anderen teilnehmen, wenn ich durch die Scheiben sehe. Mein Kopf erledigt den Rest. Hinter Scheiben können sie mir nichts anhaben, diese Menschen. Wie die wilden Tiere im Zoo. Ich sehe sie und ihr Leben. Glaube, in Kontakt zu stehen und doch können sie nicht an mich ran, mir nichts anhaben. Mir nicht weh tun.

In meinem Kopf dreht sich alles. Zu laut und schwer, wie Kreislauf an einem heißen Sommertag. Habe ich je jemanden in das Haus gegenüber gehen sehen? Und wenn ja, wie könnte ich den- oder diejenige zuordnen? Als Gast hinter den Lamellen? Wenn ein Schatten runter fällt und
wegbleibt. Ist er dann tot? Oder durch ein Licht weg geblendet? Hörte man einen Schuss? Etwas, das nicht im Stande war, zu mir herüber zu dringen, wie ein Schlag oder ein Stich? Und sollte ich rüber gehen? Sollte ich die Polizei rufen, würde man mich für verrückt erklären? Hat es hinter den Lamellen schon eine Putzaktion gegeben, alle Spuren verwischt? Ein Mord oder nur ein ermordeter Schatten?
Ich stehe vor der Tür, die Jacke fest um mich gewickelt. Friere. Bekomme kalte Füße. Alles Grau in Grau. Ich starre auf das Klingelschild. Welcher Name könnte zu den Lamellen passen? Peters? Korniman? Jemand kommt aus dem Haus. Der erste Mensch seit Tagen, den ich ohne Fenster zwischen ihm und mir anschaue. Ich reagiere schnell, nicke, lächle, fasse an die Glasscheibe der Tür und halte mir diese in den Hauseingang auf. Wieder dieses Kreislaufproblem. Mir ist schwindelig. Menschen. Menschen machen mich wahnsinnig, wenn keine Scheibe zwischen ihnen und mir ist. Und doch spüre ich, wie ich nach dem Kontakt geradezu lechze, ich fühle mich wie ausgehungert. Als habe ich mir eben gerade, durch die Begegnung auf der Treppe eine Spritze gesetzt, gefüllt mit einer höchst abhängig machenden Droge. Reingedrückt, ab in die Blutkreislaufbahn. Mehr davon, sonst fange ich noch an zu zittern. Also steige ich die Treppe hinauf. Erster Stock. Hier müsste es sein. Es duftet nach Tee. Soll ich klingeln?

Im Treppenhaus steht noch eine Frau. Ich werde verrückt, werde ich verfolgt? Aber die im Treppenhaus kommt mir bekannt vor. Aus den Augenwinkeln heraus scheint die Frau Ähnlichkeit mit der bläulich beleuchteten Person von Gegenüber zu haben. Ich erschrecke. Machten die gemeinsame Sache? Komm leg dich aufs Bett, hatten sie mich aufgefordert. „Du bist ja ganz blass, lachen sie. Die zweite Frau, die zuletzt gekommen war und genau wie die erste keinen Namen nannte, hatte sich schon rückwärts auf mein Bett fallen lassen. Wie waren sie überhaupt im Schlafzimmer gelandet? Weg von den Lamellen! Die erste zog mich am Arm und biss mir in den Hals gebissen. Und gelacht. Dann schubst mich die eine und die andere zog. Ich fliege auf das Bett. Jetzt schreit die zweite: „Was machst du hier in meinem Bett?“ Sie ziehen mir, als ich im Bett zappel, den Gürtel aus der Hose und freuen sich. War das noch Spaß? Dann stoßen sie mich mit den Füssen auf den Boden, treten zu und versuchen mich mit dem Gürtel zu treffen. „Für Srebrenica“, schreien sie. „Wir ziehen Dir die Haut ab.“ „Ich hab doch nichts gemacht!“ , brülle ich. „Genau das ist es ja, du hast nur zugeguckt, du Feigling“. Ich will etwas erwidern, erklären, aber sie wollen nicht reden. Ich drehe mich zur Seite trample und strample mich frei. Mit letzte Kraft renne ich aus der Wohnung gerannt. Ich verliere meine Sinne. Jetzt steht diese Frau hier. Ist sie jetzt in Gefahr?
Kann ich sie da oben rein laufen lassen? Ich laufe an ihr vorbei, über die Straße in das Treppenhaus hinein, was mir von meinen Besuchen bereits vertraut ist. Von hier aus blicke ich in meine Wohnung, in der gerade die Jalousien, die ich vorhin weiter geöffnet hatte, vollständig geschlossen werden. Ich blicke noch einen Moment hinüber. Mein Herz rast und ich schwitze. Diesen Zustand meines Körpers bekomme ich nicht unter Kontrolle. Auf einem Treppenabsatz ruhe ich mich aus, was ich nicht lange aushalte. Als ich wieder aufstehe, sehe ich hinter den Lamellen meiner Wohnung einen schwachen Lichtschein. Er wirkt nicht wie ein Lampenlicht, das würde man in diesem noch schummrigen Tageslicht nicht erkennen. Was für ein Licht kann das sein? Ein Zeichen? Für mich? Ich stehe unschlüssig im Treppenhaus. Soll ich bei der Person klingeln, die immer im bläulichen Licht steht? Mit welcher Begründung? Ich denke, sie sieht mich auch. Fühle, dass sie mich kennt, da wir uns gewissermaßen täglich sehen. Ich wolle „Hallo“ sagen? Aber ich musste doch wissen, ob sie in meiner Wohnung war. Sie war doch meine einzige Bekannte von Gegenüber. Jedenfalls sehe ich sie immer. Wenn sie am Fenster ist. Ich muss doch auch für sie ein Bekannter sein. Unentschieden blicke ich wieder über die Straße. Sie scheint immer breiter zu werden. Ein Schwindel erfasst mich, mein Kopf weitet sich. Die Straße färbt sich blauschwarz zu einem Fluss. Das Wohnhaus gegenüber schrumpft zu einem Häuschen, wie das in Srebrenica. Srebrenica 1995, das Haus das brannte. Aus dem liefen jetzt zwei Frauen heraus und schrien. Ich sah sie weglaufen, voller Angst. Männer liefen ihnen nach. Schüsse fielen. Die Alte mit den Metallzähnen wurde jetzt in meinem Kopf immer jünger und lief rückwärts. Ich erinnerte mich nicht mehr, wer war ich da in Srebrenica, in dem Massaker. Das Haus am Fluss brannte jetzt lichterloh.

Der Mann ist verrückt, nicht ich! Ja, es ist ein erwachsener Mann. Ich habe ihn gesehen. Eben. Ich stand vor seiner Tür. Dreckiges Weiß, Schrammen im Holz. Die Tür wurde von Innen aufgerissen. Er. Nackt. Keuchend. Als habe man ihn gejagt. Schweissüberströmt, wie ein Urmensch aus einer anderen Zeit. Er starrte mich an. Wie ein Gespenst, auf das er gewartet hat. Ich sah an ihm hinunter. Was sollte ich sonst tun? Da fiel es mir auf, seine Hände. Rot. Auffallend rot. Er preschte an mir vorbei, so wie er war, die Treppen hinunter. Ich lief ein paar Schritte hinterher. So verrückt und aufgescheucht hätte er leicht ein Kind erschrecken können. Oder jemanden angreifen. Er könnte jemandem weh tun.

Aber was weiß ich schon über Menschen! In so vielen habe ich mich getäuscht, gerade in den mir so nahe geglaubten. Ich sehe, wie er hinüberläuft, von seinem Treppenhaus in meines. Und ich bin hier. Was tun, was tun? Ich zittere am ganzen Körper. Entzugserscheinung? Oder kann ich ihnen nicht mehr begegnen, den Menschen, so ganz ohne Scheibe, die nackte Realität vor Augen, den ganzen Wahnsinn?

Es gibt kein Zurück. Ich kann nicht hinüber, nicht in meine Wohnung. Da ist er. „Egal wo ich bin, du bist schon da“, der Satz des Todes, ein Satz, der mich an alte Zeiten erinnert. Den er zu mir sagte, im gemeinsamen Bett. Es schmerzt. Ich kann nur hier warten. Oder ganz gehen. Ein paar Straßen weiter. Zur Polizeiwache.

Weiterlesen: In Ambigue Begegnungen, BoD Verlag, ISBN 978-3749453283

Chinesische Sprichwörter in Hongkong

Beitragsbild Isabel Gärtner

Aus gutem Kupfer macht man keine Nägel.

Zwei Brüder saßen vor langer Zeit vor ihren gefüllten Reisschüsseln.
Der kleinere besaß die größere, bunt bemalte,
gefüllt mit einer großen Portion Reis und Gemüse.

Der größere Bruder war immer hungrig,
seine Schüssel war jedoch viel kleiner
und aus rohem Ton.

Als der große Bruder erwachsen wurde,
hatte er Angst, dass ihn seine Familie
wegen seiner Schwäche, gegenüber
der Stärke des kleinen Bruders,
mit dessen bunten, gut gefüllten Schüssel
verachten würde.

Er beschloss, alle Reissetzlinge,
die sein kleiner Bruder gepflanzt hatte,
auszureißen.
„Was nützt eine ungefüllte bunte Schüssel
vor der man mit leeren Magen sitzt“.

So began er,
alle Reispflanzen auszureißen.
Doch dort wo die Reispflanzen standen, schossen
Kupferstäbe aus dem Boden,
der dem kleinen Bruder gehörte.
Das Kupfer fing an zu leuchten.

So berichteten die Leute,
was dem großen Bruder nicht gefiel.
Er stieg auf den hohen Berg vor den Toren der Stadt,
weil er sich selbst überzeugen wollte.
Erst wer die Höhe des Berges erklommen hat,
vermag die Ebene zu übersehen“.

Er sah, dass auch auf seinen Feldern ein wenig Kupfer glühte
Nägel wollte er daraus machen.
Aber er wusste es besser:
Aus gutem Kupfer macht man keine Nägel“.
Wie sollte er diese Art euchtenden Hungers stillen?

Er stieg den Berg hinab
und ließ tausende Fackeln anzünden,
deren Rauch das Leuchten erlöschen sollte.
Der kleine Bruder schwieg dazu.
Der Leise hat eine starke Stimme“, sagte er sich.

Daraufhin klopfte der große Bruder aufgebracht
bei seinem kleinen Bruder an die Tür.
Die Frau des kleinen Bruders
warnte davor, die Tür zu öffnen.

Der leere Kessel macht den größten Krach
und trocken kocht er am schnellsten“,
sagte der kleine Bruder.
Fürchte dich nicht.

Wenn aber draußen die Angst steht?“
Ich habe Vertrauen“, entgegnete der kleine Bruder
und öffnete die Tür.
Siehst Du, es ist niemand da“.

Neues vom Dachboden. „Gastbeitrag“ aus der taz.die tageszeitung vom 04.11.2019: Ein Profiteur der Nazis – Ludwig Erhard

Viele alte Nazis sind die Baumeister des alten und neuen „Rechten“ gewesen. Ein Beispiel: Ex. Bundeskanzler Ludwig Erhard
taz.die tageszeitung vom 04.11.2019 schreibt:
Ludwig Erhard. Ein Profiteur der Nazis. Viele Liberale wollen es nicht glauben: Ein Briefwechsel zwischen Ludwig Erhard und der SS beweist, dass der spätere Bundeskanzler willig mit den Nazis zusammengearbeitet hat.

https://www.taz.de/!5635132

Vom Dachboden: Hamburg im Griff der Nationalsozialisten

Weiteres vom Dachboden

1935, Hamburg im Griff der Nazis. Widerstand, Helfer aus Justiz und Wirtschaft.

Seit zwei Jahren war Hamburg im Griff der Nationalsozialisten.

Das Straßenbild hatte sich entsprechend verändert. Überall Hakenkreuzfahnen,marschierende SA-Trupps, das Deutsche Jungvolk oder eine Mädelschar. „Die Fahnehoch“-Gesänge gingen den jungen Genossen der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ) an die Nieren. Auch die Nazis in den Wohnblocks schränkten die Bewegungsfreiheit zunehmend ein. Es war schwieriger geworden, sich politisch zu betätigen und Informationen auszutauschen.

Es war der Gestapo durch Zufall gelungen, Widerstandsgruppen in verschiedenen Stadtteilen auf die Spur zu kommen. Die Jugendorganisation der SPD hatte beschlossen Widerstand zu leisten, nachdem die prominenten sozialdemokratischen Führer ins Ausland abgesetzt hatten. Heute saßen die Genossen in einer der der Gruppen die den Decknamen „Paul Singer“ führte. Sie saßen in Winterhude, aufgebracht bei Ernst in derWohnung. Aufgebracht – und auch bedrückt. Einige wirkten hilflos. Sie hatten geradeerfahren, dass Genossinnen und Genossen den bitteren Weg in Konzentrationslager, Gefängnisse und Zuchthäuser des Dritten Reiches antreten mussten, obwohl viele minderjährigwaren. „Ich habe hier ein Dokument von Oberstaatsanwalt Dr. Reuter.“ Walther hielt ein Stück Papier in der Hand. Er hatte es nicht mehr ausgehalten, für sich allein zu grübeln und hatte sich der Gruppe wieder angeschlossen. „Ihr alle kennt das Konzentrationslager in Fuhlsbüttel. Das muss ich Euch ja nicht mehr erklären. Ich lese das mal vor, damit ihr wisst, was auf euch zukommt. Das hat Reuther sogar an das oberste Parteigericht geschrieben:
„Im KZ Fuhlsbüttel werden, wenn Selbstmord ,feststeht‘, unter Umgehung der gesetzlich vorgeschriebenen Leichenschau usw. die Leichname der Feuerbestattung
zugeführt; alles geschieht mit Wissen und zum Teil unter Druck des Reichsstatthalters,
der in solchen Fällen die Attestierung wünscht und dadurch jedenfalls mitverantwortlich
wird. Beispiel: Wenn ich ins KZ eingeliefert und totgeprügelt werde, dann hängt
man mir im warmen Zustand noch schnell eine Schlinge um den Hals, so dass eine
Strangulationsmarke entsteht, und meine Frau bekommt dann die Mitteilung, ihr Mann
habe, offenbar unter Bewusstsein seiner Schuld, durch Selbstmord seinem Leben ein
Ende gemacht. Denn die untergeordneten Organe, die die Totprügelung direkt zu verantworten haben, finden auch noch einen Physikus, einen Arzt, der einen Totenschein aufgrund eines Befundes mit Strangulationsmarke ausstellt, dass die Todesursache offenbar Selbstmord durch erhängen ist. Gerade ist Heinz Westermann, unser ehemaliger Bürgerschaftsabgeordneter, im KZ ermordet worden. Ich hab gehört, ihm haben sie die Lungen zertreten. Der KZ-Arzt hat sich geweigert, Tod durch Lungenentzündung zu bescheinigen. Da haben sie einen SS-Arzt geholt.“ Walther hatte jetzt Schweißperlen auf der Stirn. Obwohl er bei einigen Aktionen nicht mitmachen wollte, nahm er doch wieder an Gruppenabenden teil. Die Genossen schwiegen betroffen. Dann fragte Lucie: „Woher hast du diese Informationen?“ Ihr schossen die Tränen in die Augen. Sie war in letzter Zeit immer ängstlicher geworden. Walther schwieg einen Augenblick. „Darf ich nicht sagen, aber das stimmt so“, presste er heraus. „Wir müssen weitermachen“, schlug Ernst vor. „Noch sind wir nicht im Blick der Gestapo, weil sie noch mit den Kommunisten beschäftigt sind.“  „Völlige Fehleinschätzung“, schrie Walther. „Beruhigt euch“, schrie jetzt auch Lucie. „Die Menschen müssen doch langsambegreifen, was in Deutschland vor sich geht. Wir dürfen nicht aufgeben. Die Militarisierung ist doch unübersehbar. Und wer will schon wieder Krieg?“ Sie saß in einem langen, grauen Rock auf dem Stubentisch. Lucie arbeitete als Sekretärin in der Schlosserei Braun & Lübbe am Mühlenkamp. Hin und wieder konnte sie etwas Papier mitbringen und Texte auf ihrer Schreibmaschine im Büro entwerfen. Aber auch dort war es gefährlich, jederzeit konnte sie entdeckt werden. Zu viele Überstunden fielen auf. Sie wusste selbst nicht, wie lange sie das noch durchhalten würde. „Ich möchte nicht im Kola-FU landen, ehrlich gesagt fehlt mir der Mut“. Walther

schämte sich. „Wir müssen ja keine Helden sein“, beruhigte Heinz, obwohl er nicht so dachte. „Wir haben uns entschieden, nicht mit Gewalt vorzugehen. Aber Aufklärung, das ist unsere Pflicht, finde ich“. „Dafür gehst du aber auch schon in den Knast“, entgegnete Walther. „Ich nehme es keinem übel, wenn er eine Weile nicht mehr mitmachen möchte“,Lucie strich sich mit beiden Händen durch ihre dichten braunen Locken. Sie blickte zu Boden. „So war das nicht gemeint.“ Walther setzte sich etwas aufrechter hin. „Ich finde das auch nicht angemessen, wo ich wieder dabei bin, so etwas zu sagen. Aber der Tod vom Genossen Westermann hat mich eben getroffen. Hat mir klar gemacht, was es bedeutet, Flugblätter zu verteilen und Zettel an Laternenmasten zu kleben. In jedem Treppenhaus muss man aufpassen, dass man nicht von einem Nazi erwischt wird, wenn man im fünften Stockwerk die Tarnschriften ‚Platons Nachtmahl‘ oder ‚die Kunst des Selbstrasierens‘ auslegt und zum Widerstand aufruft. Und dann sehen muss, dass man schnell wieder aus dem Haus verschwindet. Solange der Protest verdeckter war, ging es mir einfacher damit. Zettel ankleben, das war noch einfacher. Aber wenn der Weg im Treppenhaus versperrt ist, wird es eng, im wahrsten Sinne.“
„Wir können doch beides machen, subtilen Protest und mehr öffentlichen Protest. Jeder soll entscheiden, wie weit er gehen will.“ „Macht euch doch nichts vor“, warf Fritz, ein Genosse, der etwa 19 Jahre alt war. „Wenn die Gruppe auffliegt, kann doch keiner sagen, er hätte nur bei ‚Wilhelm Tell‘ in der Oper an der und der Stelle etwas lauter geklatscht, um die Nazis lächerlich zu machen und Protest zum Ausdruck zu bringen. Also ich meine, wer dabei ist, ist dabei. Wer gehen will, kann gehen. Da hat Lucie recht. Keiner ist da sauer auf den. Ich denke, die Ereignisse spitzen sich zu. Mit Wandern und Musik müssen wir weitermachen. In der Zusammenarbeit mit anderen Gruppen sollten wir noch vorsichtiger sein. Wir dürfen uns nicht gegenseitig gefährden.“ Alle blieben. Sie reichten sich die Hände. „Lasst uns jetzt die weiteren Aktionen vorbereiten“, schlug Heinz vor.

Die Henker

„Nehmen Sie doch das Handbeil, das ist ja jetzt gesetzlich zulässig.“ Max Lahts, Präsident des Strafvollzugsamtes, einer der willigen Vollstrecker des Gauleiters Kaufmann, lächelte zu diesen Worten. „Die Guillotine ist sicherer, wir haben noch keine Henker, die mit dem Handbeil Erfahrung haben, entgegnete der Lübecker Staatsanwalt, der gekommen war, um sich die Hamburger Guillotine auszuleihen. „Wir sind in Hamburg schon seit 1934 erfolgreich mit dieser Methode. Sie kennen ja die Einstellung vom Reichsstatthalter Kaufmann: Die Guillotine als Überbleibsel der Revolution gehört abgeschafft. Die Todesstrafe soll mit dem Handbeil vollstreckt werden. Gut, natürlich, grundsätzlich habe ich aus praktischen Gesichtspunkten nichts dagegen. Wollen Sie sich aber wirklich gegen Kaufmann stellen? Der hat im Moment Oberwasser.“ Max Lahts war sich nicht sicher, ob er seinen Vorgesetzten, seinen Gauleiter Kaufmann, der zwischenzeitlich zum Reichsstatthalter befördert worden war, überzeugen könnte. „Sie könnten hier eine Ausnahme machen, wenn die Fachleute fehlen.“ „Gut, ausnahmsweise lässt sich das vielleicht einrichten, ich prüfe das.“ Der Lübecker Staatsanwalt bedankte sich. „Wir wollen den Kutscher Johannes Fick noch in diesem Jahr hinrichten.“ „Wenn es klappt, sollten wir noch über die Kostenübernahme sprechen. Wir müssten für den Transport zwei Mann abstellen, die Verladung dauert etwa zwei Stun- den, der Aufbau drei bis vier Stunden, wenn drei geeignete Beamte mitfahren. Ach, die Maschine muss hinterher noch gereinigt werden. Dann das Ganze retour.“ „Ich denke, die Kosten spielen keine Rolle,“ erwiderte der Staatsanwalt erleichtert ob der sich abzeichnenden Lösung. „Wissen Sie was, bringen Sie den Mann doch einfach nach Hamburg!“ sagte Lahts. Der Lübecker suchte Gründe dafür, das Urteil in seiner Stadt zu vollstrecken und insistierte: „Wir müssen uns auch als Juristen hier klar verhalten.“

Weiterlesen „Vom Dachboden: Hamburg im Griff der Nationalsozialisten“