Neues vom Dachboden. „Gastbeitrag“ aus der taz.die tageszeitung vom 04.11.2019: Ein Profiteur der Nazis – Ludwig Erhard

Viele alte Nazis sind die Baumeister des alten und neuen „Rechten“ gewesen. Ein Beispiel: Ex. Bundeskanzler Ludwig Erhard
taz.die tageszeitung vom 04.11.2019 schreibt:
Ludwig Erhard. Ein Profiteur der Nazis. Viele Liberale wollen es nicht glauben: Ein Briefwechsel zwischen Ludwig Erhard und der SS beweist, dass der spätere Bundeskanzler willig mit den Nazis zusammengearbeitet hat.

https://www.taz.de/!5635132

Vom Dachboden: Hamburg im Griff der Nationalsozialisten

Weiteres vom Dachboden

1935, Hamburg im Griff der Nazis. Widerstand, Helfer aus Justiz und Wirtschaft.

Seit zwei Jahren war Hamburg im Griff der Nationalsozialisten.

Das Straßenbild hatte sich entsprechend verändert. Überall Hakenkreuzfahnen,marschierende SA-Trupps, das Deutsche Jungvolk oder eine Mädelschar. „Die Fahnehoch“-Gesänge gingen den jungen Genossen der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ) an die Nieren. Auch die Nazis in den Wohnblocks schränkten die Bewegungsfreiheit zunehmend ein. Es war schwieriger geworden, sich politisch zu betätigen und Informationen auszutauschen.

Es war der Gestapo durch Zufall gelungen, Widerstandsgruppen in verschiedenen Stadtteilen auf die Spur zu kommen. Die Jugendorganisation der SPD hatte beschlossen Widerstand zu leisten, nachdem die prominenten sozialdemokratischen Führer ins Ausland abgesetzt hatten. Heute saßen die Genossen in einer der der Gruppen die den Decknamen „Paul Singer“ führte. Sie saßen in Winterhude, aufgebracht bei Ernst in derWohnung. Aufgebracht – und auch bedrückt. Einige wirkten hilflos. Sie hatten geradeerfahren, dass Genossinnen und Genossen den bitteren Weg in Konzentrationslager, Gefängnisse und Zuchthäuser des Dritten Reiches antreten mussten, obwohl viele minderjährigwaren. „Ich habe hier ein Dokument von Oberstaatsanwalt Dr. Reuter.“ Walther hielt ein Stück Papier in der Hand. Er hatte es nicht mehr ausgehalten, für sich allein zu grübeln und hatte sich der Gruppe wieder angeschlossen. „Ihr alle kennt das Konzentrationslager in Fuhlsbüttel. Das muss ich Euch ja nicht mehr erklären. Ich lese das mal vor, damit ihr wisst, was auf euch zukommt. Das hat Reuther sogar an das oberste Parteigericht geschrieben:
„Im KZ Fuhlsbüttel werden, wenn Selbstmord ,feststeht‘, unter Umgehung der gesetzlich vorgeschriebenen Leichenschau usw. die Leichname der Feuerbestattung
zugeführt; alles geschieht mit Wissen und zum Teil unter Druck des Reichsstatthalters,
der in solchen Fällen die Attestierung wünscht und dadurch jedenfalls mitverantwortlich
wird. Beispiel: Wenn ich ins KZ eingeliefert und totgeprügelt werde, dann hängt
man mir im warmen Zustand noch schnell eine Schlinge um den Hals, so dass eine
Strangulationsmarke entsteht, und meine Frau bekommt dann die Mitteilung, ihr Mann
habe, offenbar unter Bewusstsein seiner Schuld, durch Selbstmord seinem Leben ein
Ende gemacht. Denn die untergeordneten Organe, die die Totprügelung direkt zu verantworten haben, finden auch noch einen Physikus, einen Arzt, der einen Totenschein aufgrund eines Befundes mit Strangulationsmarke ausstellt, dass die Todesursache offenbar Selbstmord durch erhängen ist. Gerade ist Heinz Westermann, unser ehemaliger Bürgerschaftsabgeordneter, im KZ ermordet worden. Ich hab gehört, ihm haben sie die Lungen zertreten. Der KZ-Arzt hat sich geweigert, Tod durch Lungenentzündung zu bescheinigen. Da haben sie einen SS-Arzt geholt.“ Walther hatte jetzt Schweißperlen auf der Stirn. Obwohl er bei einigen Aktionen nicht mitmachen wollte, nahm er doch wieder an Gruppenabenden teil. Die Genossen schwiegen betroffen. Dann fragte Lucie: „Woher hast du diese Informationen?“ Ihr schossen die Tränen in die Augen. Sie war in letzter Zeit immer ängstlicher geworden. Walther schwieg einen Augenblick. „Darf ich nicht sagen, aber das stimmt so“, presste er heraus. „Wir müssen weitermachen“, schlug Ernst vor. „Noch sind wir nicht im Blick der Gestapo, weil sie noch mit den Kommunisten beschäftigt sind.“  „Völlige Fehleinschätzung“, schrie Walther. „Beruhigt euch“, schrie jetzt auch Lucie. „Die Menschen müssen doch langsambegreifen, was in Deutschland vor sich geht. Wir dürfen nicht aufgeben. Die Militarisierung ist doch unübersehbar. Und wer will schon wieder Krieg?“ Sie saß in einem langen, grauen Rock auf dem Stubentisch. Lucie arbeitete als Sekretärin in der Schlosserei Braun & Lübbe am Mühlenkamp. Hin und wieder konnte sie etwas Papier mitbringen und Texte auf ihrer Schreibmaschine im Büro entwerfen. Aber auch dort war es gefährlich, jederzeit konnte sie entdeckt werden. Zu viele Überstunden fielen auf. Sie wusste selbst nicht, wie lange sie das noch durchhalten würde. „Ich möchte nicht im Kola-FU landen, ehrlich gesagt fehlt mir der Mut“. Walther

schämte sich. „Wir müssen ja keine Helden sein“, beruhigte Heinz, obwohl er nicht so dachte. „Wir haben uns entschieden, nicht mit Gewalt vorzugehen. Aber Aufklärung, das ist unsere Pflicht, finde ich“. „Dafür gehst du aber auch schon in den Knast“, entgegnete Walther. „Ich nehme es keinem übel, wenn er eine Weile nicht mehr mitmachen möchte“,Lucie strich sich mit beiden Händen durch ihre dichten braunen Locken. Sie blickte zu Boden. „So war das nicht gemeint.“ Walther setzte sich etwas aufrechter hin. „Ich finde das auch nicht angemessen, wo ich wieder dabei bin, so etwas zu sagen. Aber der Tod vom Genossen Westermann hat mich eben getroffen. Hat mir klar gemacht, was es bedeutet, Flugblätter zu verteilen und Zettel an Laternenmasten zu kleben. In jedem Treppenhaus muss man aufpassen, dass man nicht von einem Nazi erwischt wird, wenn man im fünften Stockwerk die Tarnschriften ‚Platons Nachtmahl‘ oder ‚die Kunst des Selbstrasierens‘ auslegt und zum Widerstand aufruft. Und dann sehen muss, dass man schnell wieder aus dem Haus verschwindet. Solange der Protest verdeckter war, ging es mir einfacher damit. Zettel ankleben, das war noch einfacher. Aber wenn der Weg im Treppenhaus versperrt ist, wird es eng, im wahrsten Sinne.“
„Wir können doch beides machen, subtilen Protest und mehr öffentlichen Protest. Jeder soll entscheiden, wie weit er gehen will.“ „Macht euch doch nichts vor“, warf Fritz, ein Genosse, der etwa 19 Jahre alt war. „Wenn die Gruppe auffliegt, kann doch keiner sagen, er hätte nur bei ‚Wilhelm Tell‘ in der Oper an der und der Stelle etwas lauter geklatscht, um die Nazis lächerlich zu machen und Protest zum Ausdruck zu bringen. Also ich meine, wer dabei ist, ist dabei. Wer gehen will, kann gehen. Da hat Lucie recht. Keiner ist da sauer auf den. Ich denke, die Ereignisse spitzen sich zu. Mit Wandern und Musik müssen wir weitermachen. In der Zusammenarbeit mit anderen Gruppen sollten wir noch vorsichtiger sein. Wir dürfen uns nicht gegenseitig gefährden.“ Alle blieben. Sie reichten sich die Hände. „Lasst uns jetzt die weiteren Aktionen vorbereiten“, schlug Heinz vor.

Die Henker

„Nehmen Sie doch das Handbeil, das ist ja jetzt gesetzlich zulässig.“ Max Lahts, Präsident des Strafvollzugsamtes, einer der willigen Vollstrecker des Gauleiters Kaufmann, lächelte zu diesen Worten. „Die Guillotine ist sicherer, wir haben noch keine Henker, die mit dem Handbeil Erfahrung haben, entgegnete der Lübecker Staatsanwalt, der gekommen war, um sich die Hamburger Guillotine auszuleihen. „Wir sind in Hamburg schon seit 1934 erfolgreich mit dieser Methode. Sie kennen ja die Einstellung vom Reichsstatthalter Kaufmann: Die Guillotine als Überbleibsel der Revolution gehört abgeschafft. Die Todesstrafe soll mit dem Handbeil vollstreckt werden. Gut, natürlich, grundsätzlich habe ich aus praktischen Gesichtspunkten nichts dagegen. Wollen Sie sich aber wirklich gegen Kaufmann stellen? Der hat im Moment Oberwasser.“ Max Lahts war sich nicht sicher, ob er seinen Vorgesetzten, seinen Gauleiter Kaufmann, der zwischenzeitlich zum Reichsstatthalter befördert worden war, überzeugen könnte. „Sie könnten hier eine Ausnahme machen, wenn die Fachleute fehlen.“ „Gut, ausnahmsweise lässt sich das vielleicht einrichten, ich prüfe das.“ Der Lübecker Staatsanwalt bedankte sich. „Wir wollen den Kutscher Johannes Fick noch in diesem Jahr hinrichten.“ „Wenn es klappt, sollten wir noch über die Kostenübernahme sprechen. Wir müssten für den Transport zwei Mann abstellen, die Verladung dauert etwa zwei Stun- den, der Aufbau drei bis vier Stunden, wenn drei geeignete Beamte mitfahren. Ach, die Maschine muss hinterher noch gereinigt werden. Dann das Ganze retour.“ „Ich denke, die Kosten spielen keine Rolle,“ erwiderte der Staatsanwalt erleichtert ob der sich abzeichnenden Lösung. „Wissen Sie was, bringen Sie den Mann doch einfach nach Hamburg!“ sagte Lahts. Der Lübecker suchte Gründe dafür, das Urteil in seiner Stadt zu vollstrecken und insistierte: „Wir müssen uns auch als Juristen hier klar verhalten.“

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Heinrich- ein Leben zwischen Kriegen.

Heinrich – ein Leben zwischen Kriegen 1877 bis 1947

Heinrich saß allein in der Küche in der Peter-Marquard-Straße in Hamburg. Vor einigen Tagen war sein Sohn von der Gestapo verhaftet worden. Seine Frau hatte ihm gesagt, er solle alles aufschreiben. Über sein Leben, seine Familie – bevor es zu spät wäre. Jetzt schrieb er mit feiner Handschrift auf lose Blätter, festes, gelbes Papier.

Heinrich hatte den ersten Weltkrieg überstanden, obwohl er die ganze Kriegszeit über gedient hatte. Nur kurze Urlaube und Genesungszeit nach Verwundungen hatten im kurze Unterbrechungen beschert. Er unterhielt sich gern mit seinem Sohn Heinz. Heinz war schon als Junge an Politik interessiert. Aber Heinrich war ein vorsichtiger, verschwiegener Mann geworden und überlegte auch seinem Sohn gegenüber genau, was er sagen wollte. Die Jugend war ungestüm, die Erfahrung mit Tod und Verfolgung hatten sie noch nichtoder nur am Rande gemacht. Gehört ja, dies und das. Auf der Straße etwas mitbekommen.
An einem dieser Gespräche am Abend hatten sie bereits lange diskutiert. Die Dämmerung hatte sich in die Küche geschlichen.Heinrich strich sich über seinen Schnauzbart. Das Gespräch hatte ihn angeregt, aber nun war er sehr müde. Seine Gedanken schweiften in seine eigene Jugendzeit ab. Es war eigentlich immer ein kleiner täglicher Kampf gewesen, erinnerte er. Auch nach dem Kriege, als der Kaiser weg war. „Dagegen ist es jetzt ruhig, also mach dir nicht soviel Gedanken“, meinte er zu Heinz. Der ließ jedoch nicht locker. Also musste sein Vater noch einmal erklären. Für Heinz war vieles noch unklar. Er würde darüber viel lesen müssen, das war ihm schon bewusst. Die Revolution 1919 und die Ereignisse von 1920 kannte er nur aus Erzählungen. Aber woran er sich dunkel erinnerte, waren die Hausdurchsuchungen während des Kapp-Putsches.
Immer wieder musste der Vater davon erzählen. Im Laufe der Zeit hatte der Vater sich eine fast vortragsreife Version zurechtgelegt, die etwa so ging: „Der Kapp Putsch 1920 war ein Aufstand von rechts, der sich gegen die Weimarer Republik richtete. Ein Aufstand von Landsknechten, alten Offizieren und Teilen des Adels, benannt nach seinem Anführer Kapp, einem Beamten. Dieser Putsch wurde aber dann glücklicherweise schnell mit einem Generalstreik beendet. Noch war die Republik stark genug, die Verbindung zwischen den Faschisten und dem Kapital noch nicht so ausgeprägt. Allerdings durften unter Duldung der Polizei insbesondere in Bayern Republikaner beschimpft und zu Tode gejagt werden“, zog Heinrich Gärtner Resümee. „Das Ganze hat zwar nur ungefähr fünf Tage gedauert, aber die Hintermänner blieben unbehelligt, andere Beteiligte sind entkommen. Es gibt einfach zu viele Gegner der Weimarer Republik“. Heinrich, der sonst eher ruhig und beherrscht war, redete sich manchmal dann doch in Rage :“Das kommunistische, bolschewistische Gespenst musste beschrieben und gepflegt werden, um die reaktionäre Reichswehr, die immer noch dem alten Kaiserreich verpflichtet ist, zu legitimieren. Damit wollte man jeder Gegenrevolution schnell begegnen können. Von der Politik, dem Reichstag und den Ministern ist auch heute nichts zu erwarten. Kuhhandel betreiben die, jeder will
seinen Teil für sich sichern. So schnell wie die Kabinette wechseln, kannst du gar nicht gucken. Da ist doch klar, dass überall Enttäuschung und Verbitterung vorherrschen.

Die Soldateska wirtschaftet ungestört weiter. Manche Truppenteile führen sogar ein Fragezeichen am Stahlhelm.“ Heinrich holte eine Zeitung hervor. „Hier, in dieser alten Berliner Volkszeitung, die ich gerade nochmal gelesen habe, schreibt Carl von Ossietzky: ,Übergriffe schlimmster Art sind an der Tagesordnung. Arbeiter, die zur Verteidigung der Republik die Waffe erhoben haben, werden von General von Seeckts ,republikanischen Truppen‘ vor Standgerichte geschleppt. Die Ordnung müsste schließlich hergestellt werden.‘ Standgerichte, dass musst du dir mal vorstellen. Völlig gesetzlos, um mal ein Beispiel für das Chaos zunennen. Mit seiner Reichswehr stellte von Seeckt eine Macht im Staate dar, die völlig unkontrolliert war. Ist schon eine Weile her, aber heute haben wir die Nazis vor der Tür.

Das wird noch schlimmer werden.“

Und es wurde schlimmer, für Heinrich und die ganze Familie. 1936 wurde sein Sohn Heinz im Alter von 26 Jahren wegen Hochverrates verhaftet. Er hatte mit anderen jungen Leuten zum Widerstand gegen das Naziregime aufgerufen.
Für Heinrich Gärtner war die Verhaftung seines Sohnes ein schwerer Schlag. Seiner
Familie Trost zu spenden, fiel ihm schwer. Er hoffte, dass Heinz in Hamburg bleiben würde. Der Gestapokeller im Stadthaus an der Stadhausbrücke und das Kola-FU waren für die meisten die üblichen Stationen. Manche wurden auch wieder freigelassen. Die Hoffnung, dass Heinz am selben Abend zurück sein würde, erfüllte sich nicht. Am nächsten Morgen erreichte ihn eine kurze Nachricht auf einem kleinen Blatt Papier:

„Herrn Heinrich Gärtner, Hamburg, Peter Marquard-Straße 14 I.

Es wird Ihnen mitgeteilt, dass Ihr Sohn Heinz Gärtner, geb.1.3.1916 Hbg., wohnhaft bei Ihnen, am 27.4.36 wegen politischer Umtriebe in Schutzhaft genommen ist und sich im Konzentrationslager Hbg.-Fuhlsbüttel befindet. Geheime Staatspolizei Hamburg 27.4.1936. Dr. A. Stummer.“

Heinz blieb in Haft.

Im Laufe der Zeit wurde Heinrich Gärtner noch stiller, in sich gekehrt. Er versuchte so gut es ging, seiner Frau zur Seite zu stehen. Doch seine Frau Clara starb an gebrochenem Herzen, vier Wochen nach Heinz Verhaftung. Herbst und Winter des Jahres 1936 zogen sich. Die Zeit verging langsamer als sonst. Alles schien überhaupt langsamer und mühsamer zu werden, war schwerer.

Seit dem Ende des Krieges war aus ihm ein zurückhaltender Mensch geworden. Über den Krieg sprach er selten, mit Heinz hatte er gar nicht darüber gesprochen. Was war falsch gelaufen in seinem Leben? So viele Tote, das Ergebnis harter Arbeit, Krieg, sein Sohn im Gefängnis, nur eine Zweizimmerwohnung. Aber so lebten viele Menschen, warum sollte er sich beklagen?

Im Jahr seiner Geburt, 1877, befand sich Hamburg in einer Glanzzeit. Die Stadt prosperierte in der Zeit nach dem Krieg gegen die Franzosen 1870/71. Er war der dritte von vier Jungen, Ernst, Max, Heinrich und Harry. Sein Bruder Max starb im zweiten Lebensjahr an Krämpfen. Dass Kinder sterben, war nicht ungewöhnlich, das Leben war zu jener Zeit ein Kampf. Manchmal feierten sie auch lustige Feste, Harry spielt Gitarre und sang. Durch die Schlachterei, die der Vater, Heinz’ Großvater mit seinen Brüdern gegründet hatte, gab es reichlich Wurst und Schinken aufzulegen. „Was grübelst du, Heinrich?“ Seine Frau hatte eine kurze Pause von ihrer Arbeit an der Nähmaschine genommen. Bis zu ihrem Tod hatte sie jeden Abend noch gearbeitet. Heinrich ließ sich eine Weile Zeit mit seiner Antwort.

„Ich muss das wohl alles einmal aufschreiben, jetzt, da Heinz weg ist. Wer weiß, wie lange Zeit ich noch dafür habe.“ Er wollte seine Frau nicht ängstigen. Ihr ging es seit der Verhaftung von Heinz nicht gut, täglich konnte man erleben, wie sich ihr Zustand verschlechterte. Blass, aber aufrecht saß sie an ihrer Maschine. „Um dich sorge ich mich. Heinz ist klug und vorsichtig, der schafft das schon.“ „Vorsichtig? Dann wäre er jetzt nicht im Kola-FU!“ Mitten in der Stadt, mitten in einer Wohngegend hatten die Nazis ihr Konzentrationslager errichtet. Es gab schon Tote dort…

„Kommunisten waren das, aber Heinz ist noch ein Jugendlicher, ich hoffe jedenfalls, dass es einen Unterschied macht.“ Bereits 1933 wurden einige Komplexe der Fuhlsbüttler Strafanstalten mit politischen Gegnern des Nazi-Regimes belegt. Die Gestapo brachte hier ihre Gefangenen unter, Leitung hatten die SA und die SS. Im Mai 1934 waren es schon an die 100 Häftlinge. „Eine Folterstätte in unserer Stadt. Und Heinrich, du weißt, dass bereits eine Verächtlichmachung der Reichsregierung für eine Verurteilung ausreicht. Tote hat es auch schon gegeben, hab ich doch gerade gesagt. Selbst vor Frauen machen sie nicht halt. Oder es heißt, auf der Flucht erschossen, das haben die Genossen doch schon öfter berichtet.“ Clara Gärtner hatte recht. Das wusste auch ihr Mann, aber er konnte es nicht aussprechen. Jeder ahnte es, jeder der es wissen wollte, konnte Gewissheit erlangen. Immer wieder wurde vom Tod der Häftlinge durch Folter, Hinrichtungen und unmenschliche Behandlungen im Kola-FU oder dessen Außenlagern berichtet. Genossen aus der SPD, der KPD und Gewerkschafter, die sich für die Republik eingesetzt hatten, die für eine gerechte Gesellschaft kämpften. „Hingerichtet haben sie wohl noch keinen. Aber zu Tode gekommen sind einige, da ist es doch egal, wie! Ob Heinz wohl seinen Mund halten kann!“ Sie unterdrückte ihre Tränen. Dann trat sie das Pedal ihrer Nähmaschine. Wie stark sind die Frauen in dieser Zeit, dachte Heinrich, ein Mann kann nicht einmal allein die Familie ernähren. Weiterlesen „Heinrich- ein Leben zwischen Kriegen.“

Linkedin Klimakonferenz

Begegnungen auf der Klima-Konferenz oder die heilige Greta von Schweden. Stimmen aus dem Publikum, unkommentiert.

Teilnehmer: V.Ball, Unternehmensberater, R.Corby, Autor, Frau A.Zucker, Investmentberaterin, J.Von Acker, Wissenschaftler, G.Staub, Manager und Fachbuchautor, J.Rosengarten, Ingenieur, T. Lund, Patientenanwalt, Professor Zankowsky, Biologe, J Sohn, Wissenschaftler.

V. Ball stellt folgende steile These in den Raum.

Wir waren einmal das Volk der Dichter und Denker. Heute sind wir offensichtlich nicht mehr ganz dicht: Berlins katholischer Bischof Heiner Koch hat die Vorbildwirkung der Schwedischen Klimaschutz-Heiligen Greta Thunberg mit der von Jesus Christus verglichen. Für mich ist damit so eine Art Endstadium der bizarren gesellschaftspolitischen Rückwärts-Evolution Deutschlands erreicht: Aus einer weltweit beispielhaften Demokratie haben wir uns zurückentwickelt zu einer beispiellosen Bürokratie – zurzeit befinden wir uns in einer gesellschaftsweiten Ideologie – und der Berliner Bischof stößt jetzt das Tor auf zur Idiotie.

R.Corby:
Ein kleiner Einwurf sei hier erlaubt: Es gibt mehr Blogger als es je Schriftsteller in einer Dekade gab.

V.Ball:
Der Gesunde Menschenverstand ist völlig auf der Strecke geblieben. Der Bildungsrepublik Deutschland gelingt es nicht mehr, den jungen Menschen und den alten 68er-Besserwissern die naturwissenschaftlichen Gesetze unseres Lebens auf der Erde zu vermitteln. Ich wage es trotzdem, ein paar Fakten zu nennen, auch auf die Gefahr hin, dass ich dafür öffentlich gesteinigt werde: Die grünen Wälder in Deutschland, auf der ganzen Erde, sind das Zeichen dafür, welch wunderbare Kraft CO2 entfaltet – denn es gäbe kein Grün auf der Erde, wenn es CO2 nicht gäbe. Das sollten auch grüne Ideologen wissen.

A. Zucker:
Darüber werde ich nachdenken! Danke für diese Sichtweise.

R.Corby:
Den gesunden Menschenverstand hat doch Herr Scheuer, unser Vehrkehrtminister erfunden? Meinen Sie diesen gesunden Menschenverstand? Oder doch das gesunde Volksempfinden?

V. Ball:
CO2 wird zum Feind des Menschen erklärt und ein Untergangsszenario aufgebaut, das keinen noch so belegbaren Widerspruch duldet. Wenn es ein globales, erdumspannendes Thema gibt, dann ist es das Klima. Ich leugne es nicht, dass wir dabei sind, das Klima zugrunde zurichten. Aber Greta sollte besser nach Rio fahren und dort demonstrieren. In Brasilien werden jährlich rund 750 Quadratkilometer Regenwald abgeholzt. Deutschland ist nur mit rund 2,5% am weltweiten CO2 Ausstoß beteiligt! Wir könnten alles auf Null schrauben, es würde nichts ändern. Aber es ist ein willkommenes grünes Feigenblatt. Wir Deutschen werden die vermeintliche Klimarettung teuer bezahlen – auch wenn sich weltweit nichts ändert – und der Rest der Welt schaut mehrheitlich zu.

In der Forschung geht es zudem längst nicht mehr um CO2-Vermeidung, sondern um CO2 -Rückgewinnung. Die Norweger machen es uns gerade vor: Sie setzen Filter auf ihre Industrieschlote, entziehen dem CO2 das O, also das Wasser, und übrig bleibt: Kohle! Die verdichten sie und bauen sie ein in die Hohlräume ihrer früheren Erdölförderung. Das Beispiel zeigt uns den Weg: Es geht um Innovation – nicht um Demonstration!

Bezeichnend für die moralische Erhabenheit einer wachsenden Mehrheit in unserem Land war die Einlassung eines grünen Lehrers aus meinem Umfeld, der meinen neuen Opel SUV kritisierte mit der Frage: „Denkst Du, so ein Auto passt noch in unsere Zeit?“ Er selbst fährt einen Uralt-Volvo in Erinnerung an glorreiche 68er, der aus dem Scheibenwischer-Motor mehr Schadstoffe im Stehen ausstößt, als mein Diesel bei 150 km/h und seinem 6,8 Liter Verbrauch. Herr lass Hirn vom Himmel regnen!

R.Corby:
Wir waren einmal das Volk der Dichter und Denker – heute sind wir nicht mehr ganz dicht? Diese These ist mir auf andere Weise begegnet. Wenn wir schon über Ideologen, Dichter und Denker sprechen – es sind auch andere Populisten in Mode. Im Hansapark war ein anderer mit einer steilen These vertreten: „Jesus ging über Wasser ich gehe über Leichen“ stand auf seinem T-shirt. Er durfte dennoch in die Achterbahn.

Für mich gilt immer noch der Satz: Global denken, Lokal handeln. Allerdings hat sich die Praxis umgekehrt. Wir handeln Global und denken Lokal. Amerika First, Brexit, Grönland nach Amerika.

 

J.von Acker:
Ich dachte zwar immer O wäre Sauerstoff und H2O wäre Wasser, aber mit solchen Kleinigkeiten sollten wir uns bei so viel prophetischer Apokalypse wahrscheinlich nicht aufhalten ?

V. Ball:
Ja, Sie haben recht – auch ein provokanter Redenschreiber wie ich kann sich in der Physik irren. Tut mir leid, dass mein Fehler alles andere überlagert.

G. Staub:

Endlich mal jemand, der dem Wahnsinn die Stirn bietet. Die Ideologie der Grünen wird zur neuen Religion erklärt und jeder, der diese Religion ablehnt ist ein „Sünder“. Wir Deutschen glauben immer noch, dass wir der Nabel der Welt sind und alle nur auf uns schauen. Sicherlich geht es um das Bewusstmachen, aber wir sollten die Kirche im Dorf lassen.

J. Rosengarten

Als weiterführende Lektüre kann ich das Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ von Hans Christian Andersen empfehlen. Für Deutschland gesprochen hoffe ich auf die baldige Ankunft des kleinen Kindes…

 

R.Corby:

Lieber J. Rosengarten, suche das Kind in Dir selbst…es ist in jedem von uns...

T. Lund:

Greta Thunberg is only 16 years old. She is driven by passion. She has in spite of her age been able to reach a whole world, with no academic grades or titles. A young girl who fears what will become of our planet when she watches news and see reports of a Sea where animal life is suffering, more and more species going extinct, and reading reports about pollution in air, land and sea from the waste produced by mankind. She is amazing. People who question her level of knowledge, or put her in a place as expert of science are on the wrong track. Greta has not the scientific data or knowledge. Greta, though has something else. She helps us understand that it is each and every person who must work for a change to prevent pollution of our environment and our planet. If we all do it, we can preserve our habitat. If we continue as before, her generation will start to pay the bill for the environmental decline caused by the actions of our generation.

A. Zucker:

Danke! Sie sprechen mir aus dem Herzen! Ich denke es geht um vieles was nicht geschieht, was aber geschehen soll und ich habe nachgedacht: Die liebe Greta IST wirklich HEILig! Sie trägt dazu aktiv!!! bei die Welt HEILer zu machen – wer kann das von sich selbst behaupten? Ich zitiere T.Lund, weil ich ihm absolut zustimme: „Greta Thunberg ist erst 16 Jahre alt. Sie ist von Leidenschaft getrieben. Trotz ihres Alters hat sie es erreicht, eine ganze Welt zu erreichen, ohne akademische Noten oder Titel. Ein junges Mädchen, das fürchtet, was aus unserem Planeten wird, wenn es Nachrichten sieht und Berichte über ein Meer sieht, in dem Tierleben leidet, immer mehr Arten aussterben und Berichte über die Verschmutzung von Luft, Land und Meer durch die von der Menschheit produzierten Abfälle lesen. Sie ist erstaunlich. Menschen, die ihr Wissen in Frage stellen oder sie als Expertin der Wissenschaft an einen Ort bringen, sind auf dem falschen Weg. Greta hat nicht die wissenschaftlichen Daten oder Wissen. Greta hat aber noch etwas anderes. Sie hilft uns zu verstehen, dass es jeder Mensch ist, der für eine Veränderung arbeiten muss, um die Verschmutzung unserer Umwelt und unseres Planeten zu verhindern. Wenn wir es alle tun, können wir unseren Lebensraum erhalten. …. „Ich denke es geht um vieles was nicht geschieht, was aber geschehen soll und ich habe nachgedacht: Die liebe Greta IST wirklich HEILig! Sie trägt dazu aktiv!!! bei die Welt HEILer zu machen – wer kann das von sich selbst behaupten? Ich zitiere Timo Söderlund, weil ich ihm absolut zustimme: „Greta Thunberg ist erst 16 Jahre alt. Sie ist von Leidenschaft getrieben. Trotz ihres Alters hat sie es erreicht, eine ganze Welt zu erreichen, ohne akademische Noten oder Titel. Ein junges Mädchen, das fürchtet, was aus unserem Planeten wird, wenn es Nachrichten sieht und Berichte über ein Meer sieht, in dem Tierleben leidet, immer mehr Arten aussterben und Berichte über die Verschmutzung von Luft, Land und Meer durch die von der Menschheit produzierten Abfälle lesen. Sie ist erstaunlich. Menschen, die ihr Wissen in Frage stellen oder sie als Expertin der Wissenschaft an einen Ort bringen, sind auf dem falschen Weg. Greta hat nicht die wissenschaftlichen Daten oder Wissen. Greta hat aber noch etwas anderes. Sie hilft uns zu verstehen, dass es jeder Mensch ist, der für eine Veränderung arbeiten muss, um die Verschmutzung unserer Umwelt und unseres Planeten zu verhindern. Wenn wir es alle tun, können wir unseren Lebensraum erhalten. …. “

J. Sohn:
Eine treffende Einlassung. Wenn die Politiker und sogar Kirchenmänner, die Sancta Greta verehren, nur ein Viertel so viel Verstand hätten, wie die meisten der hier Kommentierenden, wäre das sicher hilfreich. Wir müssen uns aber schon an die eigene Nase fassen…  wer hat schon Lust, sich in den Polit-Dschungel zu begeben und sich von Affen und Schlangen beißen zu lassen???

Professor H. Zankowsky

Dichter, Denker – heute? Wie wäre es zunächst mal mit Biologie und Physik auf Mittelstufenniveau? Da passen doch schon 90% aller Politiker und Agitprop-erprobten Redenschreiber…


R.Corby:
Was für eine herrliche Seifenoper! Ein Spiegelbild der politischen Akteure, die das Wort verantwortungsvoll scheinbar an jemanden richten. Oder mit Slovoj Zizek zu sprechen: Die eigene Realität impliziert Dissonanzen. Ist es Tatsache, dass Politiker, Medien und Publikum sich verschwören, um so zu tun, als würden wichtige Dingen überlegt? „Die vorherrschende Ideologie heute ist keine positive Vision irgendeiner utopischen Zukunft, sondern eine zynische Resignation, ein Akzeptieren, wie die Welt `in Wirklichkeit` ist, begleitet mit der Warnung, dass, wenn wir sie zu sehr verändern wollen, der totalitäre Horror folgen wird.“ (Aus: Wie ein Dieb bei Tageslicht S. 274, S Fischer Ffm. 2019.).

An alle hier in herzliches Dankeschön für Ihre Beiträge.

Mein Frühstück mit Hermann- eine stille Freundschaft

mde

Mein Frühstück mit Hermann – eine stille Freundschaft

Ich muss lachen, ich frühstücke mit Hermann. Nein, nicht ich frühstücke mit Hermann, er scheint mit mir zu frühstücken. So habe ich das noch nie gesehen, als gemeinsames Frühstück. Wir sitzen im Garten besser, ich sitze, Hermann läuft herum. Er guckt manchmal zu mir herüber. Gemeinsam leben wir unsere jeweilige Langsamkeit. Ich benötige zwei Scheiben Brot um satt zu sein. Eigentlich hätte mir eine gereicht, aber es war ein Kastenweizenbrot und saftiges Schwarzbrot in der Küche im Angebot. Also entscheide ich mich für ein Mettbrot auf dem Kastenweizen, und Konfitüre auf dem Schwarzbrot. 30 Minuten benötigte ich, beide Scheiben zu genießen. Hermann dagegen ist noch nicht fertig, obwohl er entschlossen abbeißt, mehrere Bisse auf einmal nimmt. Er kann gut beißen. Das weiß ich daher, weil er bereits öfter und gern mal in meinen Fuß beißt. Dazu stellt es sich auf seine Zehenspitzen. Er benötigt auch länger, weil er seinen Platz am Buffet öfter wechselt, erst guckt dann weiterläuft ohne etwas auszuwählen. Er ist auch eine faule Kreatur, manchmal ist er nur, wenn ich ihm sein Essen portioniere und direkt vor die Beißschiene halte. Es scheint ihm so zu gefallen. Das schließe ich daraus, dass er nicht einfach sein Frühstück nimmt dann abhaut. Gut, ich gebe zu, manchmal muss ich ihn ein wenig lenken. Und ihm seine Grenzen aufzeigen. Wenn ich ihn auf den Tisch setze, muss ich aufpassen, dass er nicht herunterfällt. Wenn er mir direkt gegenüber sitzt, scheinen seine Augen eine grenzenlose Weisheit zu spiegeln. Sie sind tiefschwarz, eine Pupille ist nicht zu erkennen; er schaut mich an wie ein Buch, in dem er liest.
Ich kann ihm alles erzählen was mir durch den Kopf geht, ohne dass er es kommentiert, anders als ein Hund, der wahrscheinlich eigene Geräusche von sich geben würde, schweigt er zu allem und nimmt es auch körpersprachlich kommentarlos auf.
Er ist mittlerweile zwischen 70 und 80 Jahre alt, und in seinem Handeln und Verhalten eigentlich berechenbar, aber man weiß ja nie, denn manchmal setzte sich unvermittelt in Bewegung. Auch schläft er unangekündigt während des Frühstücks ein. Dann frisst er überraschend wieder los. Zeitlich betrachtet, neigte er zum Brunchen. Leider habe ich die Zeit nicht. Hermanns Zeit ist hingegen unerschöpflich. Hermanns Zeit dehnt sich aus, indem sie sich verlangsamt. Im Winter reduziert sich sein Herzschlag extrem. Vielleicht schlägt sein Herz nur einmal in der Minute während seines Winterschlafes. Er scheint ziemlich langsam zu sein, sich kaum zu bewegen, aber dann sind 5 Minuten wieder eine Zeit, in der gänzlich aus meinem Blickfeld heraus verschwinden kann. Einmal ist er im Herbst verschwunden, war unauffindbar und stand im Frühling des nächsten Jahres wieder im Garten, insofern ist er ein zuverlässiger Typ.
Diese Angewohnheit erinnert mich an einen alten Freund. Dieser Freund, ich nenne ihn einmal Hajo, ist auch etwa so alt wie Hermann. Hajo sehe ich nicht mal alle halbe Jahr sondern manchmal auch in Abständen von zwei oder drei Jahren, seitdem er eines Tages im Naturschutzgebiet auf mich zu kam. Unvermittelt, für beide überraschend. Ich hatte mich noch gewundert, wieso mitten im Naturschutzgebiet ein alter Mercedes parkte, mit den mir vertrauten Initialen meines alten Weggefährten. Wie Hermann, wenn der einmal abgetaucht war, stand er wieder da.
Wir frühstücken, gehen spazieren, tauschen uns über unser Leben aus, sodass wir über einen Zeitraum von 50 Jahren immer auf dem neuesten Stand bleiben.
Ich hatte ihn Anfang der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts kennengelernt. Damals war ich ein junger Mann und kam zu ihm in die Abteilung eines Großunternehmens. Es war mein erster Job nach dem Abschluss meiner Ausbildung; ich war jung, wusste alles besser und ließ mir bei nichts helfen. Hajo und seine Kollegen ließen mich machen, bis ich spät in die Abende hinein verzweifelt vor ungelösten Aufgaben saß. Eines Tages kam er nach Feierabend mit zwei halben Hähnchen und zwei Bier zu mir, setzte sich sagte, du hast jetzt nur eine Chance. Die nächsten drei Monate machst du was wir dir sagen. Wenn wir dir sagen hole ein paar Brötchen oder einen großen Kaffee, dann machst du das. Ebenso wenn wir die irgendwelche Aufgaben auf den Tisch legen, gibt es keine Widerrede. Dann sehen wir weiter. Im Gegenzug helfen wir dir aus dem Schlamassel. Das war die Ansage. So wurde ich, anfangs den Tränen – vor Rührung – nah, für einige Wochen der Sklave meiner Kollegen, die aber ihr Versprechen hielten und mich so unterstützen das ich bereits nach 4-5 Wochen sagen konnte, ich habe meine Schuld beglichen. Hajo sah das jedenfalls so. Und wir wurden tatsächlich Freunde fürs Leben. Hajo holte mich die folgenden Jahre jeden Morgen mit seinem Opel Kapitän zur Arbeit ab, hielt die Tür auf und chauffierte mich ins Büro. Vor unseren Urlauben durfte jeder eine Woche vor seiner Abreise alle Arbeiten an die Kollegen übergeben. Nach dem Urlaub wartete ein freier Schreibtisch, der erst nach und nach mit Akten und Nachrichten bestückt wurde. Die Sklavenarbeit hatte sich ausgezahlt.
Später kündigte er, machte sich als erfolgreicher Taxiunternehmer selbständig, ich studierte. Eine Zeit lang hatten wir uns noch privat getroffen. Dann verloren wir uns eine Weile aus den Augen, ohne die Kontakt jedoch gänzlich abzubrechen. Zu unseren Geburtstagen gratulieren wir uns immer per SMS. Dann die Begegnung im Wald. Um mich herum kennt man ihn lediglich aus meinen Erzählungen, ein Phantom, das wie Hermann auf- und abtaucht. Hermann heiß übrigens Hermann, weil er seine ersten Jahre im Teutoburger Wald verbracht hat, in der Nähe des Hermann Denkmals. Hermann der Cherusker. Warum Guru Hermann mich heute an alte Geschichten erinnert?
Das Frühstück scheint ihn geschafft zu haben. Er krabbelt zurück, zu seinem Schlafplatz unter dem abgesägten Blumentopf.

 

 

Ambigue Begegnungen

Das neue Buch ist da!

cover

Erzählungen, die in diesem Blog zum Teil veröffentlicht sind, haben wir vollendet. Darum geht es:
Wenn Sie glauben, dass alles seinen gewohnten Gang geht,dass das Leben in Ordnung ist, können Sie sich darauf verlassen verlassen? Einfach dieses gute Gefühl genießen? Oder verbirgt sich hinter der Normalität des Alltags der Wahnsinn? Was nehmen Sie wahr,wenn Sie denken alles ist gut – oder schlecht?
Fokussierung der Aufmerksamkeit schafft eine Wirklichkeit, die nicht immer wahr ist: Das ist bei allen Begegnungen unvermeidlich. Immer begegnet man sich selbst, auch ohne auf andere zu treffen. Wenn zwei Autoren aus verschiedenen Perspektiven schreiben, eröffnet sich ein breiteres Spektrum von Geschichten und ein Facettenreichtum, der mehr ist als ein Aneinanderfügen von Geschichten. Es entsteht etwas ambuigue(s), etwas Neues im Erzählen. Mit einer gemeinsamen Story erfolgt der Auftakt: Auf der einen Straßenseite schaut eine junge Frau mit Beziehungsproblemen in das Fenster eines Mannes, der den Krieg in Srebrenica als Opfer und Täter überlebt hat und möglicherweise gerade von zwei Frauen ermordet wird – oder auch nicht. Es folgen 20 Erzählungen, in denen Begegnungen und die hieraus entstehenden Beziehungen lebensverändernd wirken. Mit Humor und Zweideutigkeit. Manchmal politisch untermalt, greifen sie aber im Wesentlichen den Alltag auf. Es geht um Sehnsucht, Schuld, Trugbilder, Rache, Verzweiflung, Lust, Emanzipation, Wahrnehmungsstörungen und einfach nur um schöne und berührende Erlebnisse.

Gemeinsam mit Svenja Hirsch veröffentlicht.

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Auszug:

Lamellen – Begegnungen, eine Vorgeschichte aus dem Buch….
Das Fenster geht über die gesamte Zimmerfront. Auf der Fensterbank steht ein Blumenkübel mit abgebrochenen Stielen einer Blume, von der ich nicht mehr weiß, welche Art es genau gewesen ist. Ich hätte sie mehr pflegen, mehr gießen sollen. Sie sehen traurig aus, trocken und abgestorben. So wie ich. Das Licht des Computer-Bildschirms färbt bläulich auf die Zweige ab, auf meine Hände. Seit einer halben Stunde beobachte ich das Farbenspiel, starre apathisch aus dem Fenster. Ein Wohnblock neben dem nächsten, gebaut in Reih und Glied. Die vielen Eingänge, Türen zu Treppenhäusern, die zu den Wohnungen führen. Zwischendrin nur Balkone, kleine Terrassen und Gärten, ein schmaler Gehweg. Von der linken Seite her rauscht die Straße. Die Fenster gegenüber sind gardinenverhangen. Alte Leute, denke ich und schaue kurz zurück auf den Bildschirm. Nur das eine Fenster, schräg rechts, hat keine weißen, fließenden Spitzenstoffe.
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Eine Lamellenjalousie verdeckt, wenn etwas verdeckt werden soll. Zeigt, wenn etwas gezeigt werden soll, oder deutet an, was sich dahinter verbergen könnte. Ich kneife die Augen zusammen, schaue dann schnell wieder weg. Meine Gardinen sind weiß und schwer, mit großen Ösen, nur zugezogen, wenn ich schlafe. Sonst kann jeder von gegenüber sehen, wie ich alleine und zusammengerollt auf meiner 90 cm breiten Matratze liege. Kein Platz für einen zweiten Menschen in der Ein-Zimmer-Wohnung. Hinter den Lamellen ist ein Schatten. Ein Kind oder ein sitzender Erwachsener. Schreibtischhöhe, meine Höhe. Er bewegt sich und wird länger. Kein Kind, ein ausgewachsener Mensch. Steht frontal, entweder mit dem Rücken oder Gesicht zu mir, breites Kreuz, ein Mann. Meine Gardinen sind zu beiden Seiten aufgezogen, geben den Blick auf mich an meinem Schreibtisch frei. Er könnte mich jetzt gut beobachten oder sehen, dass ich ihn beobachte. Ich schaue weiter zu den Lamellen. Der Schatten bewegt sich, ein zweiter kommt dazu, hinten aus dem Licht einer geöffneten Tür. Oder dem, was ich als die Tür erkenne.
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Ich arbeite, öffne Back-Ends, tippe Codes in Masken und aktualisiere. Die Zeit vergeht, ich fülle die Online-Shops meiner Kunden mit neuen Produkten. Trash, denke ich, doch er bringt mir Geld. Bezahlt die Ein-Zimmer-Wohnung mit dem schmalen Bett. Gerade so. Bestandskunden, die ich während meiner erfolgreichen Zeit als selbstständige Online-Shop-Managerin akquiriert habe. Jetzt betreibe ich kaum noch Akquise, die Kunden schwinden, die Kontakte generell. Drüben brennt noch Licht. Als ich den PC runterfahre, ist es bei mir stockdunkel. Dann werden auch die Lamellen sorgsam von innen geschlossen.
Eigentlich ist es mir völlig egal, was die Leute über mich denken. Sie denken ja eh, was sie wollen. Ich habe meine Fenster gern offen, frei von Stoff, anders als viele hier. Biete, wem auch immer, Einblick. Manchmal nur ein wenig durch schräg gestellte Lamellen. Andere haben lieber Gardinen, vielleicht nur, um sich dahinter zu verstecken. Die Häuser stehen sich eng gegenüber und geben einen freien Blick in das 100-fache Theater in diesen Schaukästen.
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Wie Puppenstuben. Wohnzimmer, Schlafzimmer. Wenn die Häuser nach Norden ausgerichtet sind, kann man auch in die Küchen blicken, in die Töpfe gucken. Sehen, wer alleine lebt, Familienleben, wechselnde Partner, nackte Menschen in allen erdenklichen Situationen. Schamlos, vergessend, dass jemand sie sehen könnte. Das alles wird von vielen gar nicht mehr wahrgenommen, denke ich, für sie ist es wie Autoverkehr, in den sie sich einfügen. Gedankenlos, eng beieinander und dennoch anonym. Wen interessiert das schon. Gegenüber sehe ich im Hintergrund eine bläulich illuminierte Silhouette, die sich im Fenster spiegelt. Wieder so eine einsame Person, die sich am Computer festhält, bis sie einschlafen kann. Ich ziehe mich vom Fenster zurück. Ich sitze gern am Fenster. Wenn ich mich zu sehr beobachtet fühle, schließe ich die Lamellen auf eine Weise, die mir die Möglichkeit lässt, hindurch zublinzeln und das Geschehen auf der Straße, die zwischen den Häusern verläuft, zu verfolgen. Auch die mittleren Etagen kann ich auf diese Weise einsehen, das reicht mir meistens. Ich habe mich einmal in
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das Treppenhaus gegenüber geschlichen, um auszuprobieren, was man von dort aus sehen kann. Manchmal, wenn ich irgendjemanden bemerke, spiele ich auch mit der Fensterverdunklung. Egal wer da guckt. Ein Angebot im Schaukastentheater, ja, das biete ich manchmal.
In den nächsten Tagen brennt die Sonne in meine Wohnung. Tagsüber muss ich den linken Vorhang ein Stück zuziehen, um nicht komplett zu verbrennen. Ich arbeite, sitze, starre gegen den Stoff. Wie eingepfercht in den eigenen vier Wänden, der Blick kann nicht weit schweifen, er bleibt nur wenige Zentimeter weiter stehen, verirrt sich in dem Weiß, bis er ermüdet aufgibt. Nachmittags lässt sich der Vorhang endlich wieder ganz öffnen. Mein Blick wandert jedes Mal zu den Lamellen, jedes Mal dasselbe Spiel: ein Schatten, der hinter dem Rollo sitzt, sich erhebt, einige Zeit wie erstarrt vor dem Fenster verweilt. Ich fühle mich beobachtet und beobachte doch penetrant zurück. So geht es bis zum Freitag. Keine Alternative. Ich kann nirgendwo anders hin, ein Büro kann ich mir nicht leisten…..

Später….

Ich kenne die Frau nur flüchtig. Ich erkenne sie an ihrem alt gewordenen Gesicht. Aber ich weiß nicht mehr, wer sie war, oder gar, wie sie heißt. Es stellt sich auch kein Gefühl ein. Sie sagt, sie kenne mich gut. Sie lacht. Warum lacht sie,
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frage ich mich. Ein Tee? Ein Kaffee? Etwas anbieten oder keine Zeit haben? Ein Tee wäre jetzt doch gut, sagt die Frau. Ich will meine Lamellen ein wenig weiter öffnen, damit die Person von gegenüber, die immerzu bläulich gefärbte Person, teilhaben kann an meinem Besuch, der mir nach der ersten Überraschung gar nicht mehr bekannt vorkommt. Die Frau gegenüber weiß, dass ich zurückgucke, sie muss es wissen, sonst macht alles keinen Sinn. Sie könnte Zeugin sein. Ich weiß noch nicht wovon. Sie steht da am Fenster und ich scheine ein Teil ihrer Welt zu sein. Erst will ich das Teewasser aufsetzen. Es klingelt wieder. Die Frau öffnet, bevor ich bereit bin. Ich weiß nicht, warum ich das zulasse. Es ist außerdem völlig unaufgeräumt. Was soll ich zuerst machen? Schnell schiebe ich den großen Kleiderständer beiseite. Meinen fast zwei Meter hohen Butler, der wie immer vollgehängt ist, mit mit Kleidungsstücken, die ich in den letzten Wochen getragen habe. Meine Bewegungen sind zu abrupt und das Monstrum kippt, in Zeitlupe zwar, aber unaufhaltsam zu Boden. Es fällt leicht, weich und leise,
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gedämpft durch den Berg von Klamotten. Lärm macht lediglich das rahmenlos verglaste Poster, welches im Fallen von der Wand gerissen wird. Dann stehen unvermittelt zwei Frauen im Raum. Sie lachen, sie freuen sich anscheinend über das Chaos. Sie sehen sich an und lachen wieder, die zuletzt gekommene Frau sagt: „Ich gehe dann mal in die Küche.“ Sie schwingt sich dynamisch, mit dunkelgrünen Highheels beschuht, in Richtung Küche. Woher weiß sie, wo die Küche ist, denke ich noch, bevor die erste Frau, die mit dem alten Gesicht, sagt: „Wir haben Kekse mitgebracht.“ Ich komme nicht darauf. Wer ist sie, und Kekse, was für Kekse? „Wir trinken erst einmal einen Tee und dann räumen wir auf, nicht?“ „Woher kennen Sie mich?“, frage ich. Mittlerweile sitze ich auf meinem Sofa, von wo aus ich sowohl den Raum als auch das Fenster sehen kann. Sie sagt nichts, lächelt aber freundlich. Dabei blitzen zwei silbern überkronte Schneidezähne aus ihrem Mund. Das Dorf, sagt sie nach einer Weile, und jetzt blitzen auch ihre Augen. Aber sie sieht aus wie jede Frau aus einem Dorf, jedenfalls in ihrem Alter sieht sie aus wie jede Frau.

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