Mein Frühstück mit Hermann- eine stille Freundschaft

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Mein Frühstück mit Hermann – eine stille Freundschaft

Ich muss lachen, ich frühstücke mit Hermann. Nein, nicht ich frühstücke mit Hermann, er scheint mit mir zu frühstücken. So habe ich das noch nie gesehen, als gemeinsames Frühstück. Wir sitzen im Garten besser, ich sitze, Hermann läuft herum. Er guckt manchmal zu mir herüber. Gemeinsam leben wir unsere jeweilige Langsamkeit. Ich benötige zwei Scheiben Brot um satt zu sein. Eigentlich hätte mir eine gereicht, aber es war ein Kastenweizenbrot und saftiges Schwarzbrot in der Küche im Angebot. Also entscheide ich mich für ein Mettbrot auf dem Kastenweizen, und Konfitüre auf dem Schwarzbrot. 30 Minuten benötigte ich, beide Scheiben zu genießen. Hermann dagegen ist noch nicht fertig, obwohl er entschlossen abbeißt, mehrere Bisse auf einmal nimmt. Er kann gut beißen. Das weiß ich daher, weil er bereits öfter und gern mal in meinen Fuß beißt. Dazu stellt es sich auf seine Zehenspitzen. Er benötigt auch länger, weil er seinen Platz am Buffet öfter wechselt, erst guckt dann weiterläuft ohne etwas auszuwählen. Er ist auch eine faule Kreatur, manchmal ist er nur, wenn ich ihm sein Essen portioniere und direkt vor die Beißschiene halte. Es scheint ihm so zu gefallen. Das schließe ich daraus, dass er nicht einfach sein Frühstück nimmt dann abhaut. Gut, ich gebe zu, manchmal muss ich ihn ein wenig lenken. Und ihm seine Grenzen aufzeigen. Wenn ich ihn auf den Tisch setze, muss ich aufpassen, dass er nicht herunterfällt. Wenn er mir direkt gegenüber sitzt, scheinen seine Augen eine grenzenlose Weisheit zu spiegeln. Sie sind tiefschwarz, eine Pupille ist nicht zu erkennen; er schaut mich an wie ein Buch, in dem er liest.
Ich kann ihm alles erzählen was mir durch den Kopf geht, ohne dass er es kommentiert, anders als ein Hund, der wahrscheinlich eigene Geräusche von sich geben würde, schweigt er zu allem und nimmt es auch körpersprachlich kommentarlos auf.
Er ist mittlerweile zwischen 70 und 80 Jahre alt, und in seinem Handeln und Verhalten eigentlich berechenbar, aber man weiß ja nie, denn manchmal setzte sich unvermittelt in Bewegung. Auch schläft er unangekündigt während des Frühstücks ein. Dann frisst er überraschend wieder los. Zeitlich betrachtet, neigte er zum Brunchen. Leider habe ich die Zeit nicht. Hermanns Zeit ist hingegen unerschöpflich. Hermanns Zeit dehnt sich aus, indem sie sich verlangsamt. Im Winter reduziert sich sein Herzschlag extrem. Vielleicht schlägt sein Herz nur einmal in der Minute während seines Winterschlafes. Er scheint ziemlich langsam zu sein, sich kaum zu bewegen, aber dann sind 5 Minuten wieder eine Zeit, in der gänzlich aus meinem Blickfeld heraus verschwinden kann. Einmal ist er im Herbst verschwunden, war unauffindbar und stand im Frühling des nächsten Jahres wieder im Garten, insofern ist er ein zuverlässiger Typ.
Diese Angewohnheit erinnert mich an einen alten Freund. Dieser Freund, ich nenne ihn einmal Hajo, ist auch etwa so alt wie Hermann. Hajo sehe ich nicht mal alle halbe Jahr sondern manchmal auch in Abständen von zwei oder drei Jahren, seitdem er eines Tages im Naturschutzgebiet auf mich zu kam. Unvermittelt, für beide überraschend. Ich hatte mich noch gewundert, wieso mitten im Naturschutzgebiet ein alter Mercedes parkte, mit den mir vertrauten Initialen meines alten Weggefährten. Wie Hermann, wenn der einmal abgetaucht war, stand er wieder da.
Wir frühstücken, gehen spazieren, tauschen uns über unser Leben aus, sodass wir über einen Zeitraum von 50 Jahren immer auf dem neuesten Stand bleiben.
Ich hatte ihn Anfang der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts kennengelernt. Damals war ich ein junger Mann und kam zu ihm in die Abteilung eines Großunternehmens. Es war mein erster Job nach dem Abschluss meiner Ausbildung; ich war jung, wusste alles besser und ließ mir bei nichts helfen. Hajo und seine Kollegen ließen mich machen, bis ich spät in die Abende hinein verzweifelt vor ungelösten Aufgaben saß. Eines Tages kam er nach Feierabend mit zwei halben Hähnchen und zwei Bier zu mir, setzte sich sagte, du hast jetzt nur eine Chance. Die nächsten drei Monate machst du was wir dir sagen. Wenn wir dir sagen hole ein paar Brötchen oder einen großen Kaffee, dann machst du das. Ebenso wenn wir die irgendwelche Aufgaben auf den Tisch legen, gibt es keine Widerrede. Dann sehen wir weiter. Im Gegenzug helfen wir dir aus dem Schlamassel. Das war die Ansage. So wurde ich, anfangs den Tränen – vor Rührung – nah, für einige Wochen der Sklave meiner Kollegen, die aber ihr Versprechen hielten und mich so unterstützen das ich bereits nach 4-5 Wochen sagen konnte, ich habe meine Schuld beglichen. Hajo sah das jedenfalls so. Und wir wurden tatsächlich Freunde fürs Leben. Hajo holte mich die folgenden Jahre jeden Morgen mit seinem Opel Kapitän zur Arbeit ab, hielt die Tür auf und chauffierte mich ins Büro. Vor unseren Urlauben durfte jeder eine Woche vor seiner Abreise alle Arbeiten an die Kollegen übergeben. Nach dem Urlaub wartete ein freier Schreibtisch, der erst nach und nach mit Akten und Nachrichten bestückt wurde. Die Sklavenarbeit hatte sich ausgezahlt.
Später kündigte er, machte sich als erfolgreicher Taxiunternehmer selbständig, ich studierte. Eine Zeit lang hatten wir uns noch privat getroffen. Dann verloren wir uns eine Weile aus den Augen, ohne die Kontakt jedoch gänzlich abzubrechen. Zu unseren Geburtstagen gratulieren wir uns immer per SMS. Dann die Begegnung im Wald. Um mich herum kennt man ihn lediglich aus meinen Erzählungen, ein Phantom, das wie Hermann auf- und abtaucht. Hermann heiß übrigens Hermann, weil er seine ersten Jahre im Teutoburger Wald verbracht hat, in der Nähe des Hermann Denkmals. Hermann der Cherusker. Warum Guru Hermann mich heute an alte Geschichten erinnert?
Das Frühstück scheint ihn geschafft zu haben. Er krabbelt zurück, zu seinem Schlafplatz unter dem abgesägten Blumentopf.

 

 

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