Unter den Teppich gekehrt

Beitragsbild: Isabel Gärtner

Unter den Teppich gekehrt. Begegnungen 1976.

In der Wohnung im vierten Stock am Schulterblatt verlor sich der Lärm der Straße und die Wohngemeinschaft ließ den Sommerwind in die Küche wehen, der eine feine Untermalung für den abendlichen Austausch bot.
Die Küche war geräumig,der Tisch rund.
„Lass mal hören, Gerrit, wie war´s denn mit Deinen Mieterbefragungen auf dem Kiez?“ Bolko, der rothaarige, spindeldürre Bankangestellte, grinste Gerrit an, als wäre es bereits etwas besonderes und verwegen, sich in der Nähe der Hamburger Reeperbahn aufzuhalten. Hier, rund um die Hein-Hoyer-Straße, sanierte die Wohnungsbaugesellschaft und wollte gern wissen, wer eigentlich die Wohnungen bewohnt. Viele Mieter behielten die Verträge, wohnten aber selbst nicht mehr in der Wohnung, die sie an Studenten und Menschen aus allen Ländern der Welt untervermieteten. „Kommt Biene noch zum Essen? Dann muss ich nicht alles zweimal erzählen. „Nee“, Susanne, die angehende Lehrerin und am längsten in der WG wohnende Frau kicherte. „Die liegt mit einem Typen im Bett und arbeitet empirisch an ihrem Roman `Weg mit der Scham´ oder so ähnlich. Sie will beweisen, dass alle Männer Schweine sind.“ „O.k., beeindruckend“, sprudelte Gerrit unbeeindruckt los. „Ich meine nicht Biene in diesem Fall. Also: Ein verrückter Alter wollte mich gar nicht mehr gehen lassen. Ich hatte kaum Gelegenheit, mit ihm über die bevorstehende Sanierung zu sprechen. Hat von Verschwörungen gefaselt. Von Judenverfolgung. 1976! Ganz eindringlich hat er gesprochen; ich musste ihm zusagen, wieder zukommen. Was mich beeindruckt hatte: Alle Zimmer waren in drei bis vier Lagen mit dicken Teppichen ausgelegt. „Sie wundern sich junger Mann?“, hatte er gefragt. Gerrit konnte nicht verhehlen, dass er das wundersam fand.
„Das ist meine Lebens- und Rentenversicherung, alles was übrig geblieben ist“, sagte der Herr namens Goldstein. „Als die Nazis begannen, in Deutschland die Juden zu verfolgen, haben wir jüdische Familien versucht, ein paar wertvolle Dinge zu verstecken. Welche Illusionen sich die meisten machten. Sie würden das später wieder abholen, dachte viele anfangs. Ja, ja. Zumindest haben wir es versucht. Goldstein schnaufte, ein Lächeln vielleicht, ein müdes Seufzen, eine wischende Handbewegung. „Sie wissen, wie das ausgegangen ist, nicht wahr.“
Gerrit nickte. Er hatte keine Ahnung, wohin das Gespräch führen sollte und dachte an die anderen Haushalte, die er noch aufsuchen musste. Goldstein fuhr fort: Das ist der Rest, der übrig geblieben ist, glaubt keiner, ist aber so.“
„Entschuldigen Sie die direkte Frage, aber warum sind Sie denn heute, 1976! noch hier, in der BRD, und nicht in Israel?“
Goldstein schwieg eine Weile, kaum auszuhalten für Gerrit, der noch weiter wollte und fand, dass er die Grenze der Höflichkeit reichlich ausgedehnt hatte. „Dort habe ich niemanden und hier wie dort habe ich keine Hoffnung. Ich lebe im Geruch der Teppiche. Seit damals sind sie nicht gesäubert worden. Der Geruch ist noch lebendig. Eine Illusion von Leben mit einer großen Symbolik unter den Teppichen. Alles unter den Teppich gekehrt, damals wie heute. Die alten Nazis sind alle noch am Leben und es geht ihnen gut. Hier in Hamburg. In der Bürgerschaft, in der Wirtschaft und insbesondere in der Justiz.“ Herr Goldstein erklärte ihm das Verschwinden der Täter.
Gerrit fand das auf beklemmende Weise interessant, wie dieser Jude die Vergangenheit verkörperte, noch am Leben war und dann wieder zu entschwinden schien. Er nickte dem Alten zu und wollte sich verabschieden. „Eine Tasse Tee kann ich Ihnen noch anbieten, junger Mann. Geben Sie mir eine Minute von der Ewigkeit.“ Gerrit versuchte sich aus dieser Situation zu befreien. Vielleicht war der alte Herr auch einfach nicht mehr ganz dicht nach all den Erlebnissen. „Ich muss heute weiter, meine Befragungsquote schaffen,“ nutzte Gerrit das Angebot, um sich von dem Mann mit den unergründlich tiefen murmelartigen Augen, die aus einem Gesicht schauten, das kaum Tageslicht gesehen hatte, zu verabschieden. Dieser Mann mit den lebenden Teppichen, wieso lebt er wie in einem Gefängnis, dachte er noch, bevor er sich zum gehen wandte. „Versprechen Sie, wiederzukommen. Ich erzähle Ihnen dann, warum ich in Deutschland geblieben bin.“

„Und gehst Du wieder hin?“, erkundigte sich Bolko. „Habe ich nicht vor, eigentlich. Aber – etwas hat mich berührt. Nicht mal Interesse, eher Widerwille. Ich weiß nicht.
„So eine Teppichstory habe ich noch nie gehört.“ Bolko zuckte mit den Schultern.
Die nächsten Tage setzte Gerrit seine stadtsoziologischen Untersuchungen fort. Zwei Tage nach seinem Gespräch über die lebenden Teppiche stieg er die abgewetzten, knarrenden Holzstufen zu Herrn Goldstein hinauf. Wie schade, dass diese bald Steinstufen weichen würden, wenn die Sanierung abgeschlossen war. Ob das die Teppiche überleben würden? Und Herr Goldstein? Als Gerrit die Dreizimmerwohnung betrat, kam es ihm vor, als läge im Wohnzimmer jetzt ein anderer Teppich obenauf. Wechselte Herr Goldstein die Teppiche? Es schien eher einer zu fehlen. Bei dem Stapel war ein Unterschied allerdings kaum festzustellen. In der Wohnung roch es muffig nach Teer von der Dachabdeckung und alt, nein historisch ist vielleicht angemessener, entschied Gerrit. Es fiel kaum Licht durch die tauben Fenster. Gerrit musste seine Schuhe ausziehen, dann wurde er quasi in einen Sessel gesetzt. Alle Zimmer waren gleich ausgestattet, voller Teppiche, sodass Gerrit unsicher war, ob er dieses Zimmer überhaupt als Wohnzimmer bezeichnen sollte. Goldstein trug eine helle Cordhose und eine rote Weste über einem weißen, weiten Baumwollhemd. Er musste einmal wesentlich kräftiger gewesen sein. Graues, lockiges Haar verlieh ihm etwas würdevolles, leidvolles Unbestimmtes.
„Einen Tee, junger Mann?“
Dieses Mal ließ Gerrit sich einschenken.
„Wie darf ich Sie ansprechen, junger Mann?“ Goldstein neigte seinen Kopf ein wenig zur Seite und lächelte.
„Einfach Gerrit, wenn’s Recht ist.“
Ich freue mich, dass Sie sich Zeit nehmen, Gerrit, für einen Mann aus einer anderen Zeit. Darf ich fragen, wie alt Sie sind?“
„Siebenundzwanzig, im Juli.“
Dann haben Sie mit der schlimmen Vergangenheit ja direkt nichts zu tun, nicht wahr? Aber Sie haben letztens ein paar gute Fragen gestellt, sodass ich denke, dass Sie die Teppiche interessieren werden. Was machen Sie beruflich, Gerrit?“
„Ich bin Soziologe, genauer Stadtsoziologe. Ich beschäftige mich mit dem Thema wachsende Stadt, die Motivation von Bewohnern, in neue Wohnungen zu ziehen, organisiere Bürgerversammlungen und ähnliches. Sonst unterstütze ich auch Hausbesetzer, die berechtigt Wohnraum für sich beanspruchen, der von Spekulanten entmietet wurde.“
„Da machst du ja einen kleinen Spagat, oder irre ich mich? Oder? Nun ja, ich suche jemanden, der sich für meine Teppiche interessiert.“ Er wirkte nachdenklich und etwas unentschlossen. Bisher hatte er niemanden gefunden, der sich nur halbwegs interessierte. „Jeder Teppich steht für eine Familie. Das ist der Grund, warum ich noch in Deutschland bin. Ich habe hier noch eine Aufgabe. Niemand interessiert sich heute noch wirklich dafür, welche Schicksale sich hinter der großen Millionenzahl verbergen. Nach 1945, der so genannten Stunde null, spätestens als die Alliierten die Rechtsprechung und Verfolgungen der ehemaligen Nazis an die Bundesbehörden übergeben haben, ja, kein Schwein interessiert das noch. Wenn es möglich war, habe ich die Teppiche von den Familien bekommen, bevor die abgeholt wurden oder einfach zum Sammelplatz gingen. Ja,sie gingen persönlich zur Schlachtung. Bei dem meistens sind die Namen eingearbeitet, einige habe Schmuckstücke oder Dokumente und Bilder eingenäht. Jetzt, da ich die Schmuckstücke nicht zurückgeben kann, will ich die Namen der Täter, um denen einen sehr persönlichen Gruß zu senden.“
Skurril, dachte Gerrit. „Das ist sicherlich immer noch berührend und ein wichtiges Thema, aber was soll ich denn dabei machen.“
Ich möchte, dass Du mir einen Teppich transportierst. Vorher möchte ich Dir kurz etwas erzählen, was Du gern in deinem Bericht aufnehmen kannst. Ich bitte dich ausdrücklich darum.

Goldstein hatte sich auf die Suche nach Überlebenden und den anderen Personen gemacht, nachdem er aus Theresienstadt zurück war. Ein Konzentrationslager von der Art, wo die Chance des Überlebens etwas besser war als in Auschwitz. In seine Wohnung in der Isestraße wollte er nicht zurück, in das Haus der Nachbarn, die nur zugesehen hatten, wie die Juden vertrieben wurden. Einen Teil ihres Hausrates hatten einige wenige auf Sackkarren in einen ehemaligen Kohlekeller am Pferdemarkt gebracht, als es noch möglich war, sich in der Stadt frei zu bewegen, auch Teppiche nach und nach,für ein Später, vom dem sie sich so sehr hofften, dass es eintreten würde. Er zog in die Wohnung in der Wohlwillstraße, erst zur Untermiete, später dann lebte er dort allein, nachdem die Hauptmieter weggezogen waren. Goldstein war einfach wohnen geblieben. „ Immer mehr Studenten kamen, junge Leute, wenn die Alten wegzogen oder verstarben. Ein Aus-und Einziehen, überklebte Klingelschilder und Namensschilder an den Briefkästen.“
„Ja das ist mir auch aufgefallen“, bestätigte Gerrit. „Es ist total schwierig, die Namen am Briefkasten mit den Bewohnern in Zusammenhang zu bringen. Zumal mehr portugiesische, türkische uns spanisch klingende als deutsche Namen zu finden sind.“
„Ja, eine herrliche Anonymität. Jeder macht was er will. Nicht mal eine Minute von der Ewigkeit, die ja für jeden kommt. Alle haben eigentlich unendlich viel Zeit. Manchmal gibt es Ärger, wenn die jungen Leute nachts zu lange feiern. Die Gastarbeiter müssen meistens früh raus. Und neulich stand nach Mitternacht die halbe Nachbarschaft bei einer türkischen Familie vor der Tür, weil wohl die Frau verprügelt wurde. Aber das sind eher Ausnahmefälle. Jedenfalls ist es einfach Dinge herein und hinaus zu bringen. Um Besucher schert sich keiner mehr, so wie früher zu Nazizeiten. So konnte ich die Teppiche nach und nach ins Haus holen. Immer wieder fand ich jemanden, der mir half, sie nach oben zu schleppen. Ich glaube, sie halten mich hier für einen Spinner, lächelte Goldstein. „So ist es am besten. Keiner wundert sich so über irgendetwas. Ein jüdischer Spinner, eine gelungene Identität.“
„Keiner hat je nachgefragt?“ Das mit den Teppichen hatte er noch nie gehört.
„Anfangs ein wenig, aber ich wollte mich nicht weiter meinen Nachbarn anvertrauen. Einige sind mir auch aus dem Weg gegangen, nachdem sie offensichtlich merkten, dass ich Jude bin. Schuldgefühle, Vorurteile, Unfähigkeit, was weiß ich. Manche schämten sich möglicherweise. Den Jungen war es egal, die jungen studentischen Revolutionäre, mit dem Vietnamkrieg beschäftigt, freie Liebe und so was. Ja, die Jugend revoltiert, aber ich glaube ohne sich bewusst zu sein, woher ihre Wut, ihr Zorn kommt. Sie wissen zu wenig über die Gesellschaft, in der sie leben. Mit den ganzen Nazis, mit ihren Eltern, die mitgemacht haben. Die mit dem Schmerz der Kriegsjahre leben müssen. Goldstein machte sich keine Illusionen, diese Abgeklärtheit erstaunte Gerrit; wie Goldstein berichtete, traf er die Besitzer der Teppiche nicht wieder. Von Zweien wusste er, dass diese nach Palästina ausgewandert waren. Sonst war ihm niemand bekannt, der den Holocaust überlebt hatte. Jeden Teppich hatte er sorgfältig überprüft. In einigen waren Bilder eingewebt, in anderen Schmuckstücke oder auch Kleine Briefe mit Familienbeschreibungen. Goldstein lief jeden Tag auf der Schuld und dem Leiden herum. Er verfolgte die Wege der Nazis, von den Kleinen und den großen. „Der Nazi Stadthalter in Hamburg, Kaufmann zum Beispiel. Der war für die Einrichtung der Hamburger Konzentrationslager zuständig. Heute lebt der unbehelligt im Wohlstand. Entsetzlich! Die Nazis sind scheinbar verschwunden, haben sich aufgelöst. Nach 1945 waren alle weg. Eine wundersame amerikanische

Reinigung hat alle weiß gewaschen. Anfangs wollte er einfach nur seine persönliche Geschichte weitererzählen, bis er bemerkte, dass keiner sie hören wollte. Daraufhin entwickelte er seine besondere Strategie. Gerrit kam ihm da wie gerufen. Ein junger, kräftiger Mann, dessen vertrauen er gewinnen musste. 1947 bis 1949 hätte er selbst Rache üben können, später wurde es schwieriger, weil die Hamburger Kripo wieder funktionierte. Damals in den harten Wintern, wurden viele Todesfälle nicht aufgeklärt. Damals war er noch nicht in der Lage, etwas zu unternehmen. Direkt in den Nachkriegswirren, als noch nicht ermittelt wurde, wer die Toten waren, die steif gefroren irgendwo im Keller lagen. Aber 1956 hatte er Erfolg gehabt und es war ihm doch gelungen Rache zu üben. Und Gerrit würde jetzt sein Helfer werden, da seine Kräfte nachließen. Das war der Plan. Mit den Teppichen sollte er die schlafenden Hunde wecken.

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