Wenn Weihnachten vorbei ist – der auf einem Tiger reitet

 

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Wenn Weihnachten vorbei ist – oder der auf einem Tiger reitet.

Ripp Corby erzählt.

Im neuen Jahr wirkt der Wald verändert, wie durch die neue Zeit in eine andere Bewegung gebracht. Die Bäume schwanken stärker als in der Vorweihnachtszeit und am Weihnachtsabend selbst. Das ist der Vibration des kommenden Jahres geschuldet. Einer starken Vibration, die auf Disruption stößt, wodurch sie an Intensität gewinnen kann. Ja, man kann das auch als Mensch wahrnehmen, wenn man gemächlich durch den Wald schreitet, wahrnehmen, dass der Wald ein anderer ist, als am Heiligen Abend. Der Mensch im Wald blickt zu dieser Zeit, in den ersten Tagen des Jahres, mehr geradeaus. Den parallel verlaufenden Rändern des Weges entlang. Das Flüstern der Baumwipfel wendet sich zu einem Rauschen. So empfindet es mein Freund Ripp Corby, als er seine Begegnung schildert. Er hört dieses Rauschen, bleibt stehen und lauscht. Er versucht die Zeit zurück zu schieben, indem er verharrt, ähnlich einer Statue. Er will das Flüstern des letzten Jahres noch einmal hören. Er schließt die Augen. Ja, die Bäume sprechen miteinander. Es ist allerdings nicht annähernd wie das Flüstern am Ende des vergangenen Jahres. Die Vögel quatschen dazwischen. So lässt sich nichts über die Zeit sagen, lässt sich nicht zurückgewinnen. Vielleicht nicht an dieser Stelle?
Ripp wandert auf dem vom Regen und der heißen Sommer der letzten Jahre ausgewaschenem, vom Humus entblößten und nun spitzsteinigem Weg auf dem Pfad entlang der Felsen, die die letzte kleine Eiszeit vor 10000 Jahren im Tunneltal hinterlassen hat. Er spaziert in Richtung des kleinen Sumpfgebietes, das ein Spiegel des Klimas ist. Und ein ruhiger Platz mit einer Bank am Rande. Gefahrlos kann er es betreten, des ist ist jetzt ausgetrocknet. Der nächste Regen könnte es für eine kurze Zeit ein wenig auffüllen, aber es ist nicht wirklich mehr zu retten. Hier stehen die Bäume weiter auseinander. Er lauscht in den menschenleeren Wald hinein.

Die Bäume sprechen langsamer miteinander.

Ein riesiger Vogel scheint durch die Wipfel der Bäume zu fliegen.

Ripp legt den Kopf zurück. Da ist etwas. Ein Adler? Nein, Größer!Etwas, wie in einen Mantel gehüllt. Ein Sonnenstrahl leuchtet diese Etwas aus. Eine von flatternden Stoff umgebene Gestalt. Christus! Abschalom? Ich habe es geschafft, die Zeit ins rechte Licht zu rücken! Ripp beschreibt seine Euphorie, aber auch, wie er dann schnell bemerkt, dass das Rauschen der Bäume nicht in die Zeit passt. Wie ist die Person da hinauf gekommen? Das sind mindestens 30 Meter, dort, wo er am Ast schwingt. Ripp erkennt einen elegant gekleideten Mann, zumindest eine Person in Anzug und Weste, umgeben von einem überlangen, wie Segeltuch knatterndem schwarzen Mantel. Ripp setzt sich auf die Bank vor dem vertrockneten Feuchtgebiet und schaut zu der Person hinauf, die im Ostwind schaukelt. Sehe ich da ein Lächeln? Der geöffnete Mantel schlägt flügelartig. Vielleicht ist der gar nicht tot? Vielleicht ist es nur eine Figur? Wer bist du, ruft Ripp hinauf. Der Mann scheint zu lachen. Die Figur scheint zu lachen und schwingt im Wind. Oder zappelt? Ripp klammert sich am Baum fest und schaut am Stamm entlang nach oben. Ein Seil ist um die Brust gebunden. Das ist aber nicht genau zu erkennen. Ripp zoomt mit seiner Handykamera das Gesicht heran. Es ist verschwommen und scheint blass zu sein; es ist zu weit entfernt, um Klarheit zu gewinnen. Ripp schaut sich um. Er ist allein. Ripp setzt sich auf die Bank und massiert seinen Nacken. Alles ist friedlich. Ein Trugbild denkt er, ich muss meinen Blick entspannen, auf den Tümpel gucken. Als er wieder nach oben schaut, ist die Figur noch da. Ripp hat sich für „Figur“ oder Mensch entschieden. Zeit, die 112 zu wählen. Würde der Mensch das wollen? Oder will er dort oben verweilen. An dem Ort, den er für sich gewählt hat? Ich kann ihn doch nicht dort oben lassen.
Warum eigentlich nicht? Was spricht dagegen? Tot ist ja anscheinend bereits. Knausgart fällt ihm ein, der in „Sterben“ fragt, warum die Verstorbenen alle nach unten müssen, im Krankenhaus in den Keller und später unter die Erde. Jedenfalls unsichtbar sein müssen. Warum werden die Toten nicht nach oben gebracht, in die Höhe? „Knausgart“, schreit Ripp von der Bank aus nach oben. Knausgart antwortet nicht. Die Figur schwankt lediglich vor sich hin. Der Mantel sieht aus, wie der von Trump, denkt Ripp. Kann nicht sein! Ripp klatscht in die Hände, weil er nicht „Mr. President!“ rufen will.
Ein Vogel fliegt laut zwitschernd unter dem Mantel hervor. Er hat etwas im Schnabel. Einen Zettel.

Ripp zerfetzt ein Papiertaschentuch in kleine Teile, greift ein paar Steinchen und lockt den Vogel, den Schnabel zu öffnen.

Der Zettel fällt auf den Boden, Ripp greift zu und ließt:

Wer auf einem Tiger reitet, kann nicht abspringen, wann es ihm beliebt. (Chinesisches Sprichwort.)“.

Mensch „Xi“, welche Botschaft, super Tweet! Wirklich mal kein Fake!
„Xi“, flüstert Ripp ehrfurchtsvoll den Baum hinauf.
Eine ganze Weile steht er nur da, im Tunneltal, am Rande des Weltgeschehens. Frohes neues Jahr, Christus, Abschalom, Knausgart, den Präsidenten und Dir.

Über den Wipfeln ist noch Ruh` als Ripp nach Hause geht.

 

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