Die Schöne Corona in der Risikogesellschaft

Ein langer Lockdown hatte für einige Wochen ein Treffen mit der Schönen Corona verhindert. Jetzt konnten wir uns endlich im Freien treffen.
In ihrer Einladung hatte sie vermerkt: Die Menschheit wird gefressen werden. Unterzeile: Und sie weiß es.

Ihr neues Kleid fiel mir gleich auf. Der erste Blick. Das sie verwirrt war, beim zweiten Hinschauen. Sie erwartete mich an der Friedenseiche auf der kleinen Grünfläche auf der Mitte der Straßenkreuzung. Anstelle eines angemessenen Wintermantels oder einer Daunenjacke war Sie lediglich mit einem Cocktailkleid bekleidet. Erstaunlich bei diesen Temperaturen Anfang Februar. Sie lächelte nicht, wie ich es von unseren vorherigen Begegnungen gewohnt war. Ihre Gesichtszüge waren vielmehr in einem starren Lächeln gefangen. Ich fühle mich verfolgt, rief sie mir entgegen, noch bevor ich das den Rasen schützende niedrige Eisengitter überstiegen hatte. „The sound of the streets sounds so familiar“ rauschte mir durch den Kopf. Aber augenscheinlich nicht für sie. Her tears on my schoulder, dass ging nicht. „A new Kid in town“ von den Eagels. Ja das war sie. Sie war „a new Kid in Town“, allerdings ungeliebt. Man jagt mich wohl tatsächlich ergänzte sie. Dabei will ich nur meine Ruhe. Ständig muss ich mein Aussehen verändern, überall gibt es Kontrollen, beklagte sie.
Im Cocktailkleid bist du aber leicht zu erkennen, du fällst auf. Ja nickte sie, das soll so sein. Eine kurzfristige Ablenkung. Eine falsche Fährte. Aber ich habe mich mit neuer Kleidung eingedeckt. In London und Südafrika gab es einige Sales die ich nicht ausschlagen wollte. Sie erzählte ein wenig von ihren Reisen und erwähnte beiläufig, dass sie Donald Trump nicht getroffen hätte. Ich wedelte mit meiner Einladungskarte. Und wie soll ich das verstehen? Das wir von den Füßen her angefressen werden und nichts dagegen tun, weil wir davon ausgehen, dass unser Kopf weit genug entfernt von diesen Extremitäten ist?
Genau! Mir ist klar, dass ich dich am Ende als Wirt nutzen muss, wenn die Erde weiter so verbraucht wird. Sie lachte kurz auf. Diese kleinen Geplänkel waren für mich vor unseren tiefer gehenden Gesprächen immer wichtig, um mich sicherer zu fühlen. Schließlich ist ein Virus auch in etwa ein Tiger. Wer auf einem Tiger reitet, kann bekanntlich nicht einfach abspringen, wann er Lust hat.
Und wie geht es Dir?
Ich wusste, dass sie diese Frage ernst meinte, mir zuhören und kein „soweit ganz gut“ hören wollte. Die Frage, so offen gestellt, ließ mir alle Möglichkeiten zu erzählen, was mich bewegt.
Wie geht es mir? Zu Corona gewandt: Bei Dir, direkt in Deiner Nähe fühle ich mich sicher. Du springst mich ja nicht an. Ich habe nicht zu klagen, behauptete ich. Aber nein, ich hatte letztens gespürt, dass es nicht mehr stimmig war. Oberflächlich Haus, Garten, Wald hinter dem Haus, ein kleiner Dorfladen in der Nähe, gute Zeitstruktur. In mir scheint es anders auszusehen.
Corona blickte mich aufmerksam an. Ihre Gesichtsmuskeln entspannten sich.
Samstag war ich auf dem Wochenmarkt. Schon auf dem 500 Meter entfernten Parkplatz war Musik zu hören. Wirklich laute Musik. Platz greifend, lebendig und bestimmend. Der Marktplatz ist ziemlich quadratisch ausgerichtet,schmucklos funktional, umgeben von Geschäften, Wohnanlagen und wird vom dem denkmalgeschützten 70iger Jahre Bau des Rathauses und der daran angrenzenden Bücherhalle dominiert.
Öffentlich gespielte Musik in Zeiten der Coronapandemie zu hören ist ungewöhnlich. Dieser Samstag war ein sonniger Tag, die Winterkälte war zu spüren, aber die Sonne wärmte. Die zwei Musiker, eine Frau und ein Mann, spielten in der Manier und Qualität von „Dire Straits“. Berührender Gesang und perfekte Gitarrensoli. Es war eine Musik, die den gesamten Platz erfüllte und dennoch war es so still, dass man den leichten Wind hörte. Alle wahrten Abstand, standen gefühlt dennoch ganz eng zusammen und lächelten vor sich hin und andern zu oder verbargen ihre Tränen hinter ihren Masken. So ging es mir jedenfalls.Tränen hinter der Maske. Dieses Erlebnis hat mir eröffnet, wie es mir wirklich geht und gezeigt was mir fehlt. Verbundenheit und Zugehörigkeit im weitesten Sinne. Das hätte ich nicht gedacht.Ich habe dann begonnen genauer hinzusehen um herauszufinden wen oder was ich vermisse. Unterm Strich aber geht es mir gut. Es gibt Schlimmeres, lächelte ich.

Die schöne Corona wollte meinen Arm streicheln. So gut es mir getan hätte, so musste ich stattdessen einen Schritt zurück treten.
Ich kann dich gut verstehen und weiß wie es ist, wenn man Zugehörigkeit vermisst. Auch wenn wir viele sind, so wie ihr Menschen viele seid, sind wir doch allein. Wir haben unsere originären Wirte verloren, weil die Menschen sich in ihrer Fläche immer weiter ausbreiten. Wir Viren sind Vertriebene, Flüchtende. Und kommen keinesfalls aus einer Retorte. Was mich wundert ist allerdings der Umgang mit mir. Statt mich zu jagen, mich vertreiben zu wollen, solltet ihr lernen mit mir zu leben und bei Euch selbst schauen, wie ihr mit Risiken umgeht.
Du bist das Risiko für uns, zur Zeit, wandte ich ein. Wir haben uns intensiv mit dir beschäftigt.
Sie schüttelte den Kopf. Denke doch nur an die seit Jahrzehnten reale atomare Bedrohung. Diskutiert darüber jemand? In der Hochzeit des Kalten Krieges in den 1960igern solltet ihr im Falle eines atomaren Fallouts unter die Schultische kriechen oder euch die Aktentasche über den Kopf halten. Man sollte schnell in einen Graben oder ein Erdloch springen. Wenn du tot warst, war es gefählicher als vorher gedacht.
Tschernobil? War für Pilzsammler gefährlich, Fukuschima im Jahre 2011 weit weg. Die Kriege in die ihr verwickelt seid, nehmt ihr nicht wahr und wundert euch über Migration und Flüchtlinge.
Klimawandel, was ist damit? Gefährlicher als ich. Außerdem falle ich als Folgeerscheinung auch noch unter das Thema Klimawandel.

Die westliche Welt der reichen Industrieländer ist es nicht gewohnt, in Risiken zu denken.
Jetzt schon, versuchte ich in ihre Sätze hineinzukommen. Wir beschäftigen uns jeden Tag mit diesem Risiko, mit dieser Pandemie. Eine Kennziffer jagt die andere, alles wird vermessen, bewertet und gewichtet.

Sicher. Aber die Betrachtung von nicht persönlichen sondern allgemein gesellschaftlichen Risiken werden seit Jahrzehnten nicht beachtet. Die Risiken der Modernisierung, der internationalen Industrialisierung werden im Politik-und marketinggeschwafel verniedlicht.
Ich musste zustimmen. Die aktuelle Diskussion um die Lieferketten, (was für eine Verniedlichung für Kinderarbeit), die Forderung nach globaler Fürsorgepficht für international tätige Unternehmen. Das was heute thematisiert wird, kennen wir schon lange. 1972 die „Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome. 1985 die Analyse der Risikogesellschaft durch den Soziologen Ulrich Beck über die Verteilung von Modernisierungsrisiken:„Sie besitzen eine immanente Tendenz zur Globalisierung. Mit der Industrialisierung geht ein Universalismus der Gefährdungen einher unabhängig von den Orten ihrer Herstellung: Nahrungsmittelketten verbinden praktisch jedem mit jedem auf der Erde. Sie tauchen unter Grenzen durch.“
Deshalb bist du jetzt also hier? Ich bemerkte die Ironie in meiner Stimme. Oder war es bereits eine sarkastische Haltung? Denn immerhin sprach ich auch über mich selbst.

Corona nahm meine Worte wie sie waren, und konstatierte, gewissermaßen, ja.
Die Menschen leiden unter einer Risikoblindheit. Risiken bringen auf den ersten Blick keine Produktivitätsvorteile. Da gelten dann nach ökonomischer Logik auch die Gesetze der Naturwissenschaft nicht mehr. Das siehst du deutlich auch heute. Nichts ist anders. Das Risiko sich mit mir und meinesgleichen zu infizieren wird hinter einer Datenwand versteckt oder scheinbar objektiviert. Das Risiko wird abstrahiert, wird globalisiert.
Diese Verallgemeinerung lässt Betroffenheit entstehen, die für den einzelnen abstrakt bleibt. Das war schon immer so. Wo es für alle scheinbar kein Entkommen gibt, mag man schließlich auch nicht mehr an die Katastrophe denken. So war das mit den Pestiziden, der Luftverschmutzung und Atomstrahlen. Jetzt sind die Verursacher der Modernisierung selbst nicht mehr sicher. Und ja, Reiche und Arme sind langfristig, wenn auch zeitversetzt, denselben Risiken ausgesetzt.
Und die Wissenschaft in ihrer Arbeitsteiligkeit, kann diese Risiken nicht berechnen, zumal sie selbst Teil der Moderne ist und mit ausgedachten Grenzwerten die Verschmutzung und Vergiftung von Luft, Wasser am Sterben von Pflanzen, Tieren und Menschen legitimiert,
Wie du siehst, nützt uns Viren dieses Wissen um die individuellen Risiken auch nur eingeschränkt. Wir mussten unsere Stammwirte verlassen und sind am Ende Verlierer.
Einen Vorteil haben wir gegenüber anderen Lebewesen: Unser Wissen ist universell. Außerdem: Wir können uns innerhalb kürzester Zeit an Veränderungen anpassen. Siehst Du, sagte sie noch, während Sie immer durchsichtiger schien und ich vermutlich Zeuge ihre Mutation wurde. Heute war sie nicht so eloquent gewesen wie sonst, die Risikogesellschaft scheint sie sehr zu beschäftigen und zu verunsichern. Hätte ich nicht gedacht. Vieleicht täte ihr etwas Musik auf dem Marktplatz ganz gut? Oder würde sie mich eines Tages fragen, ob sie bei mir wohnen dürfe? Ich würde sie wiedersehen, da war ich mir sicher.

Hongkong Poem

Hope

Whoever rides a tiger cannot jump off whenever he likes

A long time ago two brothers sat in front of their filled rice bowls
The smaller one owned the larger one
brightly painted, filled with a large portion
of rice and vegetables.

The bigger brother was always hungry
his bowl however,
was much smaller and of raw clay

When the big brother grew up
 he was afraid of his family
because of his weakness
 opposite the strength of the little brother
 with its colorful
well-filled bowl would despise

He decided to keep all the rice seedlings,
that his little brother had planted to tear out.

 „What use is an unfilled colorful bowl in frontof which one sits on an empty stomach „.

So he started uproot all rice plants.
But where the rice plants were,
they shot Copper rods from the ground
that belonged to the little brother
The copper began to glow

And the people reported
 what the big brother didn’t like to hear.
He climbed the high mountain outside the city gates,
because he wanted to convince himself.

„Only who has climbed the height of the mountain, can overlook the plain”.

He saw that a little copper glowed in his fields too.
He wanted to make nails out of it.
But he knew better:

“You don’t make nails out of good copper”.

How was he supposed to satisfy
this kind of glowing hunger?
He went down the mountain
and lit a thousand torches
whose smoke the glow should go out.

The little brother said nothing about it.
„The quiet one has a strong voice,“ he told himself.
Big brother knocked furiously at his little brother’s door.
The little brother’s wife warned against opening the door.

“The empty kettle makes the biggest noise and it cooks dry the fastest „

said the little brother
you must not be afraid
„But what if
the fear is outside?“ “

I have faith,” said the little brother and opened the door.
„You see, there is nobody there“.

Chinesische Sprichwörter in Hongkong

Beitragsbild Isabel Gärtner

Aus gutem Kupfer macht man keine Nägel.

Zwei Brüder saßen vor langer Zeit vor ihren gefüllten Reisschüsseln.
Der kleinere besaß die größere, bunt bemalte,
gefüllt mit einer großen Portion Reis und Gemüse.

Der größere Bruder war immer hungrig,
seine Schüssel war jedoch viel kleiner
und aus rohem Ton.

Als der große Bruder erwachsen wurde,
hatte er Angst, dass ihn seine Familie
wegen seiner Schwäche, gegenüber
der Stärke des kleinen Bruders,
mit dessen bunten, gut gefüllten Schüssel
verachten würde.

Er beschloss, alle Reissetzlinge,
die sein kleiner Bruder gepflanzt hatte,
auszureißen.
„Was nützt eine ungefüllte bunte Schüssel
vor der man mit leeren Magen sitzt“.

So begann er,
alle Reispflanzen auszureißen.
Doch dort wo die Reispflanzen standen, schossen
Kupferstäbe aus dem Boden,
der dem kleinen Bruder gehörte.
Das Kupfer fing an zu leuchten.

So berichteten die Leute,
was dem großen Bruder nicht gefiel.
Er stieg auf den hohen Berg vor den Toren der Stadt,
weil er sich selbst überzeugen wollte.
Erst wer die Höhe des Berges erklommen hat,
vermag die Ebene zu übersehen“.

Er sah, dass auch auf seinen Feldern ein wenig Kupfer glühte
Nägel wollte er daraus machen.
Aber er wusste es besser:
Aus gutem Kupfer macht man keine Nägel“.
Wie sollte er diese Art leuchtenden Hungers stillen?

Er stieg den Berg hinab
und ließ tausende Fackeln anzünden,
deren Rauch das Leuchten erlöschen sollte.
Der kleine Bruder schwieg dazu.
Der Leise hat eine starke Stimme“, sagte er sich.

Daraufhin klopfte der große Bruder aufgebracht
bei seinem kleinen Bruder an die Tür.
Die Frau des kleinen Bruders
warnte davor, die Tür zu öffnen.

Der leere Kessel macht den größten Krach
und trocken kocht er am schnellsten“,
sagte der kleine Bruder.
Fürchte dich nicht.

Wenn aber draußen die Angst steht?“
Ich habe Vertrauen“, entgegnete der kleine Bruder
und öffnete die Tür.
Siehst Du, es ist niemand da“.

I go my way-may be

I go my way

Death wants to kiss me
With bruised lips
In the pointed face
But I don’t want to

Ha, now he sends high blood pressure
Cold sweat and chills
Dizziness and
Loss

Fear is his art
I can still defeat them
He remains a constant companion
Now he shouldn’t get me

Fearful of him dying
Is the wrong way
Maybe he likes to play
And beckons for fun only from afar

Don’t come from the other side
But from everywhere
I wave to him hesitantly
Maybe he’ll take himself free

Until I can welcome him relaxed
With him on you and you maybe
But when he draws one to himself
Is it too late to see him.

Azerbaijani Dream – a Woman in Baku

Azerbaijani Dream – a Woman in Baku

The presidential phone rang. Mahammad, the president of the social organization where Narmina was chief executive, called her for the fourth time this morning. The first time he caught her in the shower, where she desperately tried to keep up with her soapy hands and keep the frying out of her voice. She had turned off the water with her slippery hands and took the first orders of the day naked and wet. Orders that often had nothing to do with their actual tasks, but mostly more with their banking operations. Business that seemed to mean being or not being for Mahammad. What was probably the case, she knew. In his main business, he was the owner of a private bank. And the license was valid only as long as the President allowed it. Now she had to hurry up, the breakfast was cancelled. Her driver has been waiting in front of your house for a while. Mostly patient, only the respective driving style gave her a glimpse of his state of mind.
Because it was already after 9 a.m., Narmina had hastily said goodbye to her husband and son. Her daughter Seyla was still asleep. At the age of 21, still unmarried, this power-consuming person inevitably lived in his parents‘ house. This was a matter of course for an unmarried young woman.
Narmina, however, was increasingly reluctant to endure Seyla’s whims. Seyla wasn’t even able to clean up, shop or prepare herself for food. When there was nothing to eat, she starved. Narmina then approached her, slammed her with the doors or said that her mother could be glad she wasn’t married yet. Not only this evil-happyness and ungratefulness, Narmina wanted to remove everything from her life. Her husband Adil, her daughter and also her son Dzhamil, whom she had to give birth to for her second husband, as she had promised before the wedding. Adil was her second husband after a failed first marriage. Adil, once her great love. Or was it the other way around, had she been more his great love? What did she want? She didn’t know anymore. Narmina liked to get up late; she loved to be alone in the world of nightshade for as long as possible or to dream her dream. Her recurring dream, which led her far away, in which her body and thoughts felt light. She enjoyed the slow awakening extensively, longer than it was supposed to be. Still, she had never slept. Sliding into the day in this way was simply necessary, as she always fell asleep late when the helpful, sleep-bringing tablets finally showed their effect.
As she got into the car, she just saw her son’s nanny going into the house. The car arrived; with one last glance, Narmina captured everything that caused her to die inwardly. The place where she lived in a protective cover and not as a wife, mother and wife. Let alone as a lady who heard her quietly in herself. She designed her facade according to the needs of her self. Perfectly made up in a tight dress and on high heels. She was very different from the woman who gave birth to her daughter at the age of 19 after marrying her first husband. Then the Soviet republic fell apart, Azerbaijan had oriented itself to the west; Narmina could not and did not want to settle for this life over time. She wanted to study. Her husband could not bear an educated woman by his side. Every book she read, she had to pay with beatings and humiliations. Locked in her room, she studied the books she had smuggled into the house hidden in her clothes. True to the commandments of Islam: To use intelligence and to gain knowledge is not only the obligation for every man, but also for every woman. But if she kept these rules to him, he beat her. The family urged them to come to their senses. She should be obedient.
The driver honked through the traffic, for which there seemed to be no rules. He wanted to deliver his boss quickly in the office so that he could get another drug for his wife. Although he only had to drive a few times a day, he had a long day’s work ahead of him. He often spent his time waiting in the canteen, which was more like a kitchen, until late in the evening. Sometimes he also spent hours in front of ministries or restaurants. His main occupation was waiting.  He hurried to drive through the chaos. Those who drove the fastest, honked the loudest or even used the oncoming lane had priority. The phone rang. The president of the organization was back. In real life, Mahammad was a private banker, a friend of the great president, Alijew. Narmina knew the dependencies very well for a long time. Sometimes her boss went to Malta with the President. She called these trips „feeding pigeons.“ As a former World Bank employee, she had a clue what these trips meant. Wealth alone, however, did not necessarily free up here in Baku. Even if one of the presidential luxury allowed you to fly to Italy once a weekend to relax in a wellness oasis.
Mahammad did this regularly, mostly with his wife. But a mistake, a false political word, could undo all of this. The risk of losing his banking license drove him to control everyone else around him in order to stay in the game. But however critical she wanted to see it, the weekends on which her president was recovering were also the more pleasant ones for Narmina. The phone then remained silent for a long time.
Traffic stopped once again. Narmina wanted to get to her desk quickly. The president had been brief on his last call and only gave an instruction, but called again every five minutes because he had something else to correct or something to correct that he needed immediately. At a pace, progress was made. Slowly, the haze bell also descended over Baku, the city of the winds, but they did not blew strong enough to stop the smog. They only caused the dust that came from the countless construction sites to swirl and lay down on the body. The driver turned the car on the six-lane road, left behind the newly built magnificent buildings in recent years and turned into a small side street littered with potholes. The dust forced him to keep the car windows closed despite the heat. Houses destroyed by paid tenants, walls with broken plaster and construction debris formed the backdrop for the journey on slip roads. Houses from which one had to get out in time, if it suddenly burned at night, because one had not been willing to disappear for 30,000 Manat and to look for an apartment far outside the city. The mafia of ground speculators worked ruthlessly and successfully. With the passing ruins, these thoughts evaporated. Their thoughts were now directed at the last congress of the organization, in which Aydin had also participated, after the calls. The predecessor of their current boss. Aydin had built up the organization and had been very successful with his team. Unexpected success in an organization designed solely to preserve an entrepreneur’s appearance of social engagement was a thorn in the side of some. He had gone too far with his social commitment. That’s why Aydin had to change his job, and his team was also replaced. Now he was the right hand of a minister, Narmina his successor. She had never known what exactly it was about. This was a condition for private wealth: One had to give oneanother a social touch, to engage socially or at least successfully to preserve the appearance of the social. Failing upwards was a pleasant version of possible sanctions if one misinterpreted his role. These days he offered Narmina a job in the ministry. With the prospect of earning three times the current salary. She felt a little insecurity. Why did he do that? She sometimes considered a change, after all, the offer was tempting.  A power play, perhaps. It would be a 9 a.m. to 7 p.m. job with good pay. Charming, but the third or fourth position in the line. She knew similar structures through her many years of work at the World Bank. In her organization, she could now determine a lot – but was persecuted: from the president in the shower and to the bedroom; From the thoughts she made about her co-workers when she wasn’t already half dead in bed, dead in her ladylike shell. Yes, Lady wanted her to be, to feel like a lady. She repeated that like a mantra. Ten centimetre high heels, tight blue dress; The sad-looking brown eyes, which they looked at in the mirror in the morning, were hidden behind the large dark sunglasses and her hair was tied tightly to the back. Every day she had to prove herself in a role that she is only supposed to But her version of being able to make a difference here drove her. After all, she had a free hand to replace some people. The president’s school friends, the distant uncles, a cousin, perhaps, or those who provided good relationships in a mutual utility? Maybe. Then there was the spy in the office. She certainly wouldn’t get rid of it. That was the place in every organization. Someone who doesn’t really work. She tried not to be impressed. When Narmina finally arrived at the office, everything was quiet, as always. As usual, the men sat in front of their PC, phoned or were neven there.

Her assistant was a bright young woman, slim, clear-eyed, listening. The same was true of the other younger women in her office, all of whom exuded more energy than most male colleagues. They knew little about their employer’s background. Nobody here had too much expectation. Commitment has been carefully demonstrated, always with the possibility of taking a step back. play from 9 a.m. to 2 p.m. The doctor had forbidden her from anything else. After that, it would not consume renewable energy. She was exhausted by the various roles she had to play. Refuted by the social contradictions. But her version of being able to make a difference here drove her. After all, she had a free hand to replace some people. The president’s school friends, the distant uncles, a cousin, perhaps, or those who provided good relationships in a mutual utility? Maybe. Then there was the spy in the office. She certainly wouldn’t get rid of it. That was the place in every organization. Someone who doesn’t really work. She tried not to be impressed.

When Narmina finally arrived at the office, everything was quiet, as always. As usual, the men sat in front of their PC, phoned or were neven there.Her assistant was a bright young woman, slim, clear-eyed, listening. The same was true of the other younger women in her office, all of whom exuded more energy than most male colleagues. They knew little about their employer’s background. Nobody here had too much expectation. Commitment has been carefully demonstrated, always with the possibility of taking a step back.
Others were unwilling to make an effort without additional pay, expressing their demotivation with silence, flight into illness, or verbally aggressive. Working with the employees was comparatively like working with a pile of sand. Whenever someone she had built up had worked her way up, dared, the sand have to gave in with a smile.
At noon, Narmina fled when it wasn’t too hot. Out on the dusty streets, into the building noise to buy fruit, bread or food in one of the small shops. Of these shops, there were hundreds of shops scattered across the city on every small street corner; often only small covers, as glued to the house wall. Sometimes Narmina bought some cake from a baker, who handed her the parcel straight out of the bakery through a window out onto the street. A short distance down the street, four benches stood in front of two tables in the sunshine in front of a seemingly dilapidated building. Inside was a restaurant with surprisingly acceptable cuisine. A few times she had sat there in the sun before. Inside, businessmen mostly sat. Every now and then she made room by donning her red dress. The power of this color intimidated, she quickly realized. She loved this dress simply because she felt comfortable in it and didn’t see it as a message. Well, if it was also useful to protect her facade when it was exhausted. That was one of their little escapes. Sometimes Narmina hung on to a daydream in which she was alone, smelling the salty sea, getting out of the way of everything, her family, her boss, her thoughts, her daugh She was allowed to do everything That Narmina was not allowed to do. The son she had born for her husband was not easily accessible to her. The son who was a condition for their connection. Father and son experienced a lot together, played on the computer or watched football. When her husband wasn’t sitting in front of the TV, he chatted on Facebook or played on the PC. I have three children at home, she thought. Her husband had the time she lacked. As an independent lawyer, he was underutilized, partly because he worked mainly for the political opposition. His wealthy family had disinherited him after the marriage and excluded him from the privileges of the upper class. He had to leave the apartment where he had lived, lost his car and his share of the family fortune. When he met Narmina, he had been a rich man. He could afford everything at that time and lived in carefree luxury. Now he was no longer even able to feed his family. He can’t protect me, so I have to work, she said. Although not so under this pressure. It must have been love, otherwise it was unexplainable that he took this shame upon himself. They did not marry a divorced woman with a child. And to accept the loss of his wealth, yes, that was love. But love does not last forever when status and income are lost. In the evening, Narmina set off for this home. It was already after 7 p.m. and the driver had it easier now, because the traffic had already levelled off at that time. In the distance, the three high-rise buildings ignited in the play of light glowed near the promenade, before which the water features illuminated with changing colours glistened. Starbucks, KFC, McDonald’s added to the facade. With her boss on her ear, she entered the house. In the semi-darkness the screen flickered, the jerseys of two football teams hung on two chairs. A few half-full plates of leftovers from dinner and bowls of nuts were on the table. Narmina hated that. The nanny was now 65 years old, she couldn’t clean properly anymore. And she didn’t care, she knew that. For Dzhamil, the nanny was the right mother. She had been there for him every day for 12 years, playing with the boy, cooking his favorite dishes for him. If she were released, she would not even be able to visit. So Narmina cleaned himself. She did not endure stickiness and dirt, even in a small dose. Her husband did nothing. She had sent him off for shopping a few times, with the result that he called her more often from the store and asked what milk he should bring, how much fat it should have and what rice he had to take. Every other weekend he went to his mother. With his son. Narmina was never allowed to join. The mother-in-law worked consistently to get her son divorced. At just 40 years old, he would still be young enough to be able to afford to start a new family with a virgin with the help of his family fortune. But she also enjoyed being alone, but always accompanied by this trace of poison. After the housework on Saturday night, she showered, took her tablets and then tried to sleep. If she was lucky, she dreamed of her dream. As in heaven filled with weightlessness. Liberated from the earthly. Sometimes she didn’t seem to care what the way out of her life would be. Illusion, death or hope? Perhaps as in death with full consciousness, in the hereafter merged with the universe. In a space that is to come after all existence. Very close to God without being dead. At itself, in the blue sea on the Bosphorus. Alone, without family. She misses nothing, is simply herself in this dream and can shape her reality. No children, no husband, no mother-in-law. A small apartment and time to read a book on the beach. She herself is surprised at how easy it makes this thought of not missing anything in another place in another time.

The phone rang. It was Adil.

When Christmas is over – or Donald`s riding on a tiger.

Ripp Corby recounts.

In the new year, the forest seems changed, as brought into a different movement by the new time. The trees fluctuate more than in the pre-Christmas period and on Christmas Eve itself. This is due to the vibration of the coming year. A strong vibration that encounters disruption, which can increase its intensity. Yes, you can also perceive this as a human being, if you walk leisurely through the forest, perceive that the forest is different than on Christmas Eve. Human beings  in the forest looks more straight at this time, in the first days of the year. Along the parallel edges of the path. The whispering of the treetops turns to a noise. This is how my friend Ripp Corby feels when he describes his encounter. He hears this noise, stops and listens. He tries to push back time by staying, similar to a statue. He wants to hear last year’s whisper swell again. He closes his eyes. Yes, the trees talk to each other. But it’s not nearly like the whispering at the end of last year. The birds chat in between. So nothing can be said about time, cannot be recovered. Maybe not at this point?

Ripp hikes on the path along the rocks that the last little ice age left in the tunnel valley 10,000 years ago, washed out by the rain and the hot summer of recent years, bared by the humus and now pointed. He walks towards the small swamp area, which is a mirror of the climate. And a quiet place with a bench on the edge. He can enter it safely, which is now dried up. The next rain could fill it up a little for a short time, but it’s not really sure anymore. Here the trees are further apart. He listens into the deserted forest.The trees talk to each other more slowly.
A huge bird appears to fly through the tops of the trees.
Ripp leans his head back. There is something. An eagle? No, bigger! Something like wrapped in a coat. A ray of sunshine illuminates this something. A figure surrounded by fluttering fabric. Jesus! I have managed to put time in perspective! Ripp describes his euphoria, but also how he quickly realizes that the noise of the trees does not fit in time. How did the person get up there? That’s at least 30 meters, where he swings at the branch. Ripp recognizes an elegantly dressed man, at least one person in a suit and vest, surrounded by an overlong black coat rattling like a canvas. Ripp sits on the bench in front of the dried-up wetlands and looks up at the person rocking in the east wind. Do I see a smile? The open coat strikes wing-like. Maybe he’s not dead at all? Maybe it’s just a character? Who are you, called up Ripp. The man seems to be laughing. The figure seems to laugh and swings in the wind. Or fidgeting? Ripp clings to the tree and looks up along the trunk. A rope is tied around the chest. However, this is not clear. Ripp zooms his face up with his cell phone camera. It is blurry and seems pale; it is too far away to gain clarity. Ripp looks around. He is alone. Ripp sits on the bench and massages his neck. Everything is peaceful. He thinks a mirage, I have to relax my gaze, look at the pond. When he looks up again, the figure is still there. Ripp has chosen „figure“ or human. Time to dial 112. Would the man want that? Or does he want to stay up there. In the place he chose for himself? I can’t leave him up there. Can? Or should I?
Why not? What is the point against this? It seems death is already there. The Poet Knausgart comes to mind, who asks in „Death“ why the deceased all have to go downstairs, in the hospital in the basement and later underground. In any case, must be invisible. Why are nuptours that the dead are not brought up, to the heights? „Knausgart,“ Cries up from the bench. Knausgart does not answer. The figure just sways in front of him. The coat looks like Trump’s, rip thinks. Can’t be! Ripp claps his hands because he doesn’t want to shout „Mr. President!“
A bird flies out loud twitching under the coat. He has something in his beak. A piece of paper.
Ripp shreds a paper towel into small pieces, grabs a few stones and lures the bird to open its beak.The note falls to the ground, Ripp grabs and drops:

„If you ride on a tiger, you can’t jump off when you like it. (Chinese proverb.)“.

„Xi,“ Ripp whispers reverently up the tree.For quite a while he stands only there, in the tunnel valley, on the edge of world affairs. Happy New Year,Jesus, Knausgart, the President and you, Xi.Over the treetops is still rest‘ as Ripp went home. But later, Honkong will be lost and  the Capitol will be stormed.

Aus dem Wochenblatt.Gendertanz mit Schneemann* und Schneefrau*

Aus dem Wochenblatt Gendertanz mit Schneemann* und Schneefrau*

Nachdem der Schneemann und die Schneefrau ihr Leben durch banales, aber wärmendes Hinschmelzen aufgegeben hatten, blieb die Genderfrage in der Diskussion in Form von Leserbriefen in der kostenlosen Wochenzeitung.
Eine Regenbogenfahne und ein Pappschild mit der Forderung nach Erhöhung des Mindestlohnes kennzeichneten als einzig verbliebene Lebenszeichen die Unglückstelle. Unbekannte hatten darauf hingewiesen, dass es Streit gegeben hatte. Erst hatte lediglich ein Schneemann auf der schmalen Straße, die in eine kleine, von Bürgern bewohnte Sackgasse führte, gestanden. Gespräche hätte es gegeben, wurde behauptet. Warum ein Schneemann und keine Schneefrau? Es wurde nachgebessert. Dann hätte die Frau zu große Brüste, beschwerten sich die Bürger und darauf wurde in den Leserbriefen Wert gelegt, Bürgerinnen. Oder doch BürgerInnen? Bürger*innen? Wie spricht man das eigentlich aus?, wenn man es vorliest? Eine Frau hatte sich beschwert, dass die Schneefrau kein Kopftuch trug. Es wurde nachgebessert. Beide Schneegestalten bekamen ein Kopftuch; die Brüste wurden ebenso entfernt wie die als anstößig wahrgenommene Gurken-Nase des Schneemannes. Sie wurde von nicht näher bezeichneten Menschen entfernt. Was insbesondere  Herr*in Müller und Frau Müllerin ärgerte, denn es war ihre Gurke gewesen. Witzbolde hatten die Schneegestalten mit einer Skala von 1-10 versehen, die sie aus Eicheln gestaltet hatten. Man, Mann, Frau und Frauin, Herr, Herr*in und Herrin, Herrchen und Frauchen Stern, Stern*in und Sternchen konnten sich demokratisch einlassen und das genaue Geschlecht bestimmen.

Die Treffen mit der schönen Corona

Was bisher geschah…

Maskenball. Treffen mit der schönen Corona

Ich hatte mich verspätet.

Da saß sie bereits, in einem leuchtend roten Kleid mit gelben Trompeten darauf gedruckt. Als ich bereits auf dem Weg zu ihrem Tisch war, stutzte ich. Die große Terrasse des Cafés auf dem Rondell war voller hübscher Coronas, die mir einladend zuwinkten. Alle leuchteten gleichermaßen in der Sonne. Niemand sprach, die Zeit schien still zu stehen, alle Bewegungen schwebten.
Der Platz reflektierte die sonderbare Atmosphäre. Still und starr ruht der See, dachte ich und beschloss, mich an den Tisch zu setzen, an dem ich die erste Corona entdeckt hatte. Meine Corona, fühlte ich. Je näher ich ihr kam, desto stärker verspürte ich allerdings ein leichtes Halskratzen aufkommen. Meinen Stuhl rückte ich ein wenig von ihr ab, bevor ich mich setzte. Meine rauhe Stimme schien die Schöne jedoch nicht weiter zu stören. Sie lächelte mich an und ich fühlte mich dadurch geschmeichelt.

Ich wolle sie nicht anstecken, erklärte ich auf ihre Frage, warum ich mich nicht näher zu ihr setzte. Sie nickte, nicht verstehend, wohl eher, weil man es in dieser Situation erwartete. Wir tranken unseren Cappuccino. Ich machte ihr Komplimente über das schönes Kleid. Selbst entworfen, meinte sie. Gemeinsam, ergänzte sie mit einem Blick auf die anderen Coronas. Sie störte es nicht, dass diese ähnlich gekleidet waren. Diese würden sich in der nächsten Zeit noch umkleiden. Wir plauderten über ihre Reisen und oberflächlich über mein Leben. Als die Sonne ihre Wärme verlor verabschiedete ich mich schnell. Wenn ich sie wieder sehen wolle sagte sie, müsste ich mehr Zeit mitbringen. Das hörte sich an wie eine kleine Warnung. Ich könne mit ihr reisen, schlug sie vor. China, Italien, Europa, USA, wäre das etwas für dich? Sie wirkte total souverän und ich merkte, wie meine natürlichen Reflexe der Vorsicht schwanden. Ich wollte ihr gegenüber hinsichtlich ihres Wunsches Widerstand leisten, dennoch schien sie sich meiner Abwehrkräfte zu bemächtigen. Ich sollte gehen, war bereits aufgestanden. Aber es war so schön auf diesem Platz, an diesem Ort, der friedlich in den Nachmittag und Abend hinzudämmern schien.

Ein Experiment, wie in einer Netfix Serie, sagte sie. Lass uns gemeinsam ein Experiment machen. Etwas Großes soll beginnen. Wir können gemeinsam die Welt anhalten, wenn Du Dich nur auf mich einlässt. Sie lächelte. Wir verabredeten uns für den nächsten Tag.

Am nächsten Morgen sah sie schon nicht mehr so schön aus. Ihr Kleid war zerknittert und sie wirkte müde, gerade so, als wäre sie die ganze Nacht unterwegs gewesen. War ich, gab sie zu. Was ist das Große eigentlich sei, fragte ich sie. Sie lächelte wieder. Ihre Antwort war sehr philosophisch.
Ein Test. Ein Text für die politischen und wirtschaftlichen Systeme. Vielleicht ist es auch eher ein Wettbewerb. Sieh, die Menschen denken, es gibt ein richtiges Leben im Falschen. Sie bevorzugen aber ein falsches Leben im Falschen. Ihnen ist Toilettenpapier wichtig. Und Autos. Weder das eine noch das andere sichert das Überleben. Nicht der Kauf von unnützem Zeug, sondern Vernunft würde helfen.

Die Frage: Sein oder Nichtsein? ist mit dem Toilettenpapier beantwortet und liegt für sie sichtbar auf der Hand. Es wird dauern, bis sie richtig handelnd im richtigen Leben ankommen.
Ich verstehe noch nicht, erkenne allerdings, dass ich mich in eine ungesunde Beziehung begeben habe. Ich muss husten, mein Hals kratzt. Sie hackt mir mit dem Zeigefinger auf die Brust.
Wir erfahren eine Kafkaeske besonderen Ausmaßes, fährt sie fort und zitiert:

„Unsere Fähigkeiten zur Erkenntnis – im Guten wie im Bösen – sind recht entwickelt; nicht aber unsere Fähigkeiten der Beherzigung dieser Erkenntnisse. Der menschliche Versuch, der Erkenntnis gemäß zu handeln überfordert unsere Kräfte“.
Ich kann das nicht akzeptieren“, protestierte ich. Wir können das kollektiv lösen!

Die Menschen werden scheitern, die Erkenntnis in die Tat umzusetzen, beharrte sie. Das ist der Sinn ihrer Sterblichkeit. Ich schüttelte den Kopf. Nun gut, lenkte sie ein, lass uns an der Praxis überprüfen, wozu der Mensch fähig ist. Sie steht auf, winkt mir zu. Du wirst sehen, alles ändert sich zum Guten.

Zwei Monate später sehe Ripp auf einer Bank vor dem Caligo Café am Rondell sitzen. Sein Lieblings Café hat noch nicht wieder geöffnet. Üblicherweise trinkt er hier seinen Latte Macchiato und ist hin und wieder mit Gästen im Gespräch. Auch er hatte seine schöne Corona getroffen und wollte mir heute berichten. Wir hatten uns hier verabredet und unseren eigenen Kaffee mitgebracht. Dabei halten uns ein wenig auf Abstand. Der Platz ist wie leergefegt. Lediglich vor dem Schlachter stehen die Menschen in einer geordneten Schlange.
Was macht Corona, deine schöne Philosophin?, frage ich ihn.
Ripp kiechert leise und etwas verlegen vor sich hin.
Ich habe sie nur kurz einmal wiedergesehen. „Lebe das Leben, liebe das Leben“, hatte sie mir zugerufen. „Ich bin die Chance deines Lebens“. Ich solle einmal darüber nachdenken, was wir uns nehmen aber in Wirklichkeit nicht benötigten. Gesundheit anstatt hoher Renditen und Dividenden!
Die letzten Tage habe ich sie aber nicht wieder gesprochen. Aber ich sehe ja, was sie so anrichtet. Da fehlt mir der Impuls, sie zu treffen.
Vielleicht bist du immun? Du hast dich scheinbar nicht infiziert oder die Krankheit überwunden?

Mit der Sterblichkeit hat sie schon mal recht, konstatierte Ripp. Aber mit ihrer These der großen gesellschaftlichen Veränderung? Ob es ein großes Projekt wird, indem wir unsere intellektuelle, geistige, kulturelle und politische Schwäche überwinden, das ist nicht ausgemacht. Ripp holte aus: Europa hat keine gemeinsame Richtung gefunden. Im Gegenteil, die großen und kleinen Diktatoren nutzen die Gelegenheit ihren Überwachungsstaat zu legitimieren. Der Kurze aus Österreich, der Ungar und selbst in Deutschland wird die Überwachung getestet. Von den USA ganz zu schweigen. Ich will jetzt nicht alle aufzählen.
Es wird sogar gefordert, dass die ältere Generation sich für die Jüngeren opfern solle, damit das Leben weiter gehen könne. Also die Läden wieder öffnen können. Die Ökonomie hat immer noch Vorrang und die Schwachen zahlen den Preis. Es ist nicht klar, welche Handlungsaufforderungen es in und nach der Krise geben wird: Die Aufforderung zu einer Verringerung der „In-Wert-Setzung“ aller Beziehungen? Oder sind alle einfach nur erschöpft? Geht es weiter wie vorher? Es ist gerade so, als wäre das Land in einem Dornröschenschlaf, fabulierte Ripp und nahm einen großen Schluck aus seiner Thermoskanne, hielt aber mitten in der Bewegung inne und erstarrte. Bis mir das Theater zu langweilig wurde und ich ihn endlich anstieß.
Sieh da, mein Prinz, du hast mich wach geküsst. Übrigens bist du mir in der Tat zu nah gekommen, mein Lieber.

Und du hast du eher den Koch mit dem Löffel dargestellt als Dornröschen.
Ja gut. Aber überlege mal wie es wäre, wenn für drei, vier oder fünf Monate alles auf einen Schlag zum Stillsand käme und sich dann genau an der Stelle fortsetzen würde?
Dein Kaffee wäre kalt.
Nein, nehme mal an, er wäre noch genauso heiß wie vorher, es verginge keine Zeit.
Nein, der Kaffee wäre kalt, genauso wenig wie es Stillstand ohne Verluste geben kann, weil die Zukunft bereits verpfändet ist, durch Schulden, Kredite und geplante Dividenden. Alles das ist entwertet. Ebenso wie ein geplanter und bezahlter Urlaub, der nicht mehr genommen werden kann.
Aber der Staat ist ein großer Geldzauberer, warf Ripp ins Feld. Vielleicht löst sich die Loslösung der Realwirtschaft von der Finanzwirtschaft wieder auf? Vielleicht fördert der Staat mehr Kultur, Bildung, Schulen, Sozialwesen?
Ich glaube nicht, dass ein großes Projekt die Menschen interessiert, wir wissen ja noch nicht, wie lange es andauern wird, mit der Corona:Vielleicht solltest Du sie noch einmal treffen und sie fragen?, schlug ich vor.

Vielleicht mache ich das. Aber ich habe noch keine Frage. Warum, wie lange? Zu banal. Warum? Sie wird antworten: „Wo soll ich denn sonst hin? Meine anderen Wirte sterben aus. So what. Ich werde deine große Liebe werden.“ So vielleicht. Oder: „Ich mache alle gleich. Egal wer du bist, in welchem Land du wohnst. Es ist an Euch, wie die Zukunft aussehen wird. Noch ist Hoffnung, der Mensch als humanes Wesen und nicht als des Menschen Wolf.“

Ich war beeindruckt, wie tief sie in die menschliche Natur eingestiegen ist. Nicht nur viral, sondern auch intellektuell. Ripp packt seine Thermoskanne und prostet mir zu. Na denn!  Wir verabreden gesund zu bleiben und uns zu treffen, wenn es neue Erkenntnisse geben würde.

Heute ist es soweit ich bin bereits gespannt. Es waren fast zwei Monate vergangen. Das Café am Rondell hat wieder geöffnet. Mit einer Maske vor Mund und Nase kann man die Bestellung nuscheln und das Getränk im Pappbecher nach draußen tragen. Die Masken sind herrlich bunt und individuell und bepunkten den Platz vor dem Café. In der Hand hält Ripp ein kleines Cactusbäumchen. Auf mein fragendes Lachen rief er mir zu, dass er die schöne Corona wiedertreffen wollte.
Allerdings war mir lange Zeit nicht danach zu Mute. Zu viele verschiedene virologische Wahrheiten und ökonomische Nullen hatten mich frustriert, sodass ich nichts mit ihr zu tun haben wollte. Ich weiß, sie hat keine unmittelbare Schuld an den Umwälzungen, dem Sterben, obwohl es so aussieht. Zeitweise hatte ich sie auch einfach vergessen, wenn ich ehrlich bin.
Doch dann obsiegte die Neugier zu erfahren, wie es Corona ergangen war.
Sie war schwer zu finden, da sie keine Adresse hinterließ, wenn sie ihr Quartier wechselte.
Corona war unter der Bedingung bereit mit mir zu sprechen, wenn ich ein Protokoll über unser Gespräch anfertigen würde. Sie sei verunsichert durch die negativen und verwirrenden Reaktionen auf ihre Persönlichkeit.
Ich tat ihr diesen Gefallen und willigte gern ein.

Hier ist sie nun, die Kurzfassung unseres Gespräches, in einer angenehmen Atmosphäre und fast schon freundschaftlich geführt.“ Ripp reichte mir ein Stück Papier mit seinen Notizen.

Gesprächsprotokoll, Juni.2020

Die schöne Corona:
Ich fühle mich etwas vernachlässigt. Du scheinst weniger an mir interessiert zu sein in letzter Zeit. Ich habe schon gedacht, du bist genau wie alle anderen.

Ripp Corby:

Hey, es gibt genügend Wissenschaftler, denen du den Kopf verdrehst.

Die schöne Corona: Wissenschaftler!

Ripp Corby:
Die ganz große Aufregung um dich, deinen Auftritt, hat sich gelegt, in der Tat. Und du hast ja auch viel bewirkt, was dich durchaus milde stimmen könnte.

Die schöne Corona:
Dass das Interesse an mir zu schnell nachlässt hätte ich aber nicht gedacht.

Ripp Corby:
Du darfst nicht zu viel erwarten. Schließlich ist es auch ein teures Vergnügen, sich mit dir einzulassen. Hunderte von Milliarden müssen wir im Euroland für dich auf den Tisch legen.

Die schöne Corona:
Immer nur das Geld! Es ist doch nur Geld und ich dagegen: Erkenntnis! Ich bin göttlich, ja wie von Gott gesandt. Erinnere dich an den Baum der Erkenntnis. Dieser Baum hat dazu geführt, dass die Menschheit sich plagen muss.
An diesem Baum stellt sich die Frage, ob die Menschen alles dürfen, was sie können. Am Baum der Erkenntnis scheidet sich das Gute vom Bösen.
Für mich stellt sich die Frage, ob ihr mich erkennt, als mahnende Metapher. Und die Mahnung, nicht vom Baum der Erkenntnis zu essen!

Ripp Corby:
Da holst du ganz schön weit aus. Ich weiß nicht ob der Verweis auf die Gensis der richtige Weg ist dich zu erkennen.

Die schöne Corona:
Der Baum der Erkenntnis steht im Garten Eden, im Garten der Wonne. Und die ersten Menschen sind dort geboren, im Garten Eden. Vielleicht sagen die Leute hier eher Schlaraffenland. Aber ihr habt dieses Zentrum im Garten Eden verloren. Ihr habt vergessen, worum es wirklich geht.
Auch greift ihr permanent nach dem Baum des Lebens und damit nach der Unsterblichkeit. Man könnte meinen die Menschheit hat nach meinen Verwandten SARS und MERS nicht verstanden, dass auch dieser Baum unantastbar ist. Nein, vielleicht verstehst du mich besser, wenn du mich als Bild siehst, als Metapher, wie gesagt: Ich stehe für etwas.

Ripp Corby:
Ich bin Agnostiker. Ich bin bereit anzuerkennen, dass es etwas gibt, was nicht zu erklären oder zu verstehen ist. Aber ich glaube nicht im religiösen Sinne. Bibelfest bin ich auch nicht. Also kann ich dir hier nur zögerlich folgen; wie wäre es mit einer Übersetzung?

Die schöne Corona:
Der Baum steht für die Schönheit des Lebens im Kern jedenfalls. Ein Symbol dafür, dass das Leben unantastbar sein soll. Zwei besondere Bäume standen in der Mitte des göttlichen Gartens, mit besonderen Früchten. Der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntnis. Die Früchte des Lebensbaumes schenken Unsterblichkeit, der Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen verleiht dem Menschen die Erkenntnis, was für ihn gut oder schlecht ist.
Gott hat verboten, die Früchte vom Baum der Erkenntnis zu essen. Das würde Adam und Eva den Tod bringen. den Rest kennst du ja, die Geschichte mit der Schlange und dem Apfel und der Vertreibung aus dem Paradies.

Ripp Corby:
Aber du tastest das Leben doch massiv an! Du bist es, die Leben nimmt.
Und du bist nicht Gott.

Die schöne Corona:

Wer weiß. Aber Scherz beiseite. Nein, ich bin einfach nur da.
Ihr seid mit eurem Leben zu mir gekommen, mit eurer Art zu leben. Ihr versucht immer wieder den Baum des Lebens anzutasten,
ihr seid mit eurer Lebensweise auf mich zugekommen, nicht ich auf euch.
Mit mir gibt es eine Erkenntnis, eine Vereinigung. Ähnlich wie Adam Eva erkannt, also mit Adam geschlafen hat, müsst ihr erkennen.
Im weiteren Sinne führt die Begegnung mit mir auch intellektuell zu einer Erkenntnis. Wir müssen miteinander vertraut werden.
Einfach ausgedrückt: lass die Finger vom Baum des Lebens.

Ripp Corby:
Gott hat den Menschen schon immer in Versuchung geführt, glaube ich. Da glaube ich, sieh an. Aber der Mensch will leben und nicht allein sein. Und er ist neugierig. Kann man das moralisch einordnen? Kann man das verurteilen?  Moral und ethisches Handeln sind schwierige Themen, die mit dem Baum der Erkenntnis verbunden sind, wenn ich das richtig weiß.

Die schöne Corona:
Moral kann gut und schlecht sein. Das ist eine Frage der Betrachtung. Mit Moral an sich kommt man aber nicht weit. Moral kann auch schön einengen.
Also, ich finde die Frage besser, was nützt langfristig, um das Leben für alle Lebewesen zu erhalten. Ich versuche lediglich, sichtbar zu machen, was schadet. Was gut tut, müsst ihr selbst herausfinden. Ich zeige Euch die Grenzen auf, ohne wirklich böse zu sein. Ich bin die Frucht, die ihr gepflückt habt.

Ripp Corby:
Und das sollen wir erkennen? Ich glaube nicht an biblische Weisheiten.

Die schöne Corona:
Solltest du. Wenn das nicht hilft, benutz deinen Verstand. Greifen wir einmal das banale Regierungshandeln auf. Wohin wird die Menschheit durch Konjunkturpakete geführt?   Was ist wichtig? Es geht doch nicht um die Ökonomie. Konjunkturpakete führen langfristig ins Nichts. Das sind schlechte Früchte. Lies ein wenig über die Genesis, auch wenn du nicht gläubig bist.

Ripp Corby: Da finde ich die Lösung?

Die schöne Corona:

Ich werde bis zum Winter verschwinden, dann werde ich weggeimpft. Da mache ich mir keine Illusionen. Oder willst du mich mit zu dir nehmen?

Ripp Corby: Unter anderen Umständen vielleicht, jetzt musst du mich entschuldigen, bevor es zu intim wird.

Ich gab Ripp seine Notizen zurück. „Nicht einfach zu fassen, diese Frau.“
„Du bestimmst nicht wie das läuft.“

„Na, dann, auf zum Maskenball.“

Ein langer Lockdown hatte für einige Wochen ein Treffen mit der Schönen Corona verhindert.In ihrer Einladung hatte sie vermerkt: Die Menschheit wird gefressen werden. Unterzeile: Und sie weiß es.

Ihr neues Kleid fiel mir gleich auf. Der erste Blick. Das sie verwirrt war, beim zweiten Hinschauen.Sie erwartete mich an der Friedenseiche auf der kleinen Grünfläche auf der Mitte der Straßenkreuzung. Anstelle eines angemessenen Wintermantels oder einer Daunenjacke war Sie lediglich mit einem Cocktailkleid bekleidet. Erstaunlich bei diesen Temperaturen Anfang Februar. Sie lächelte nicht, wie ich es von unseren vorherigen Begegnungen gewohnt war. Ihre Gesichtszüge waren vielmehr in einem starren Lächeln gefangen. Ich fühle mich verfolgt, rief sie mir entgegen, noch bevor ich das den Rasen schützende niedrige Eisengitter überstiegen hatte. „The sound of the streets sounds so familiar“ rauschte mir durch den Kopf. Aber augenscheinlich nicht für sie. Her tears on my schoulder, dass ging nicht. „A new Kid in town“ von den Eagels. Ja das war sie. Sie war „a new Kid in Town“, allerdings ungeliebt. Man jagt mich wohl tatsächlich ergänzte sie. Dabei will ich nur meine Ruhe. Ständig muss ich mein Aussehen verändern, überall gibt es Kontrollen, beklagte sie.
Im Cocktailkleid bist du aber leicht zu erkennen, du fällst auf. Ja nickte sie, das soll so sein. Eine kurzfristige Ablenkung. Eine falsche Fährte. Aber ich habe mich mit neuer Kleidung eingedeckt. In London und Südafrika gab es einige Sales die ich nicht ausschlagen wollte. Sie erzählte ein wenig von ihren Reisen und erwähnte beiläufig, dass sie Donald Trump nicht getroffen hätte. Ich wedelte mit meiner Einladungskarte. Und wie soll ich das verstehen? Das wir von den Füßen her angefressen werden und nichts dagegen tun, weil wir davon ausgehen, dass unser Kopf weit genug entfernt von diesen Extremitäten ist?
Genau! Mir ist klar, dass ich dich am Ende als Wirt nutzen muss, wenn die Erde weiter so verbraucht wird. Sie lachte kurz auf. Diese kleinen Geplänkel waren für mich vor unseren tiefer gehenden Gesprächen immer wichtig, um mich sicherer zu fühlen. Schließlich ist ein Virus auch in etwa ein Tiger. Wer auf einem Tiger reitet, kann bekanntlich nicht einfach abspringen, wann er Lust hat.
Und wie geht es Dir?
Ich wusste, dass sie diese Frage ernst meinte, mir zuhören und kein „soweit ganz gut“ hören wollte. Die Frage, so offen gestellt, ließ mir alle Möglichkeiten zu erzählen, was mich bewegt.

Wie geht es mir? Zu Corona gewandt: Bei Dir, direkt in Deiner Nähe fühle ich mich sicher. Du springst mich ja nicht an. Ich habe nicht zu klagen, behauptete ich. Aber nein, ich hatte letztens gespürt, dass es nicht mehr stimmig war. Oberflächlich Haus, Garten, Wald hinter dem Haus, ein kleiner Dorfladen in der Nähe, gute Zeitstruktur. In mir scheint es anders auszusehen.
Corona blickte mich aufmerksam an. Ihre Gesichtsmuskeln entspannten sich.
Samstag war ich auf dem Wochenmarkt. Schon auf dem 500 Meter entfernten Parkplatz war Musik zu hören. Wirklich laute Musik. Platz greifend, lebendig und bestimmend. Der Marktplatz ist ziemlich quadratisch ausgerichtet,schmucklos funktional, umgeben von Geschäften, Wohnanlagen und wird vom dem denkmalgeschützten 70iger Jahre Bau des Rathauses und der daran angrenzenden Bücherhalle dominiert.
Öffentlich gespielte Musik in Zeiten der Coronapandemie zu hören ist ungewöhnlich. Dieser Samstag war ein sonniger Tag, die Winterkälte war zu spüren, aber die Sonne wärmte. Die zwei Musiker, eine Frau und ein Mann, spielten in der Manier und Qualität von „Dire Straits“. Berührender Gesang und perfekte Gitarrensoli. Es war eine Musik, die den gesamten Platz erfüllte und dennoch war es so still, dass man den leichten Wind hörte. Alle wahrten Abstand, standen gefühlt dennoch ganz eng zusammen und lächelten vor sich hin und andern zu oder verbargen ihre Tränen hinter ihren Masken. So ging es mir jedenfalls.Tränen hinter der Maske. Dieses Erlebnis hat mir eröffnet, wie es mir wirklich geht und gezeigt was mir fehlt. Verbundenheit und Zugehörigkeit im weitesten Sinne. Das hätte ich nicht gedacht.Ich habe dann begonnen genauer hinzusehen um herauszufinden wen oder was ich vermisse. Unterm Strich aber geht es mir gut. Es gibt Schlimmeres, lächelte ich.

Die schöne Corona wollte meinen Arm streicheln. So gut es mir getan hätte, so musste ich stattdessen einen Schritt zurück treten.
Ich kann dich gut verstehen und weiß wie es ist, wenn man Zugehörigkeit vermisst. Auch wenn wir viele sind, so wie ihr Menschen viele seid, sind wir doch allein. Wir haben unsere originären Wirte verloren, weil die Menschen sich in ihrer Fläche immer weiter ausbreiten. Wir Viren sind Vertriebene, Flüchtende. Und kommen keinesfalls aus einer Retorte. Was mich wundert ist allerdings der Umgang mit mir. Statt mich zu jagen, mich vertreiben zu wollen, solltet ihr lernen mit mir zu leben und bei Euch selbst schauen, wie ihr mit Risiken umgeht.

Du bist das Risiko für uns, zur Zeit, wandte ich ein. Wir haben uns intensiv mit dir beschäftigt.

Sie schüttelte den Kopf. Denke doch nur an die seit Jahrzehnten reale atomare Bedrohung. Diskutiert darüber jemand? In der Hochzeit des Kalten Krieges in den 1960igern solltet ihr im Falle eines atomaren Fallouts unter die Schultische kriechen oder euch die Aktentasche über den Kopf halten. Man sollte schnell in einen Graben oder ein Erdloch springen. Wenn du tot warst, war es gefählicher als vorher gedacht.
Tschernobil? War für Pilzsammler gefährlich, Fukuschima im Jahre 2011 weit weg. Die Kriege in die ihr verwickelt seid, nehmt ihr nicht wahr und wundert euch über Migration und Flüchtlinge.

Klimawandel, was ist damit? Gefährlicher als ich. Außerdem falle ich als Folgeerscheinung auch noch unter das Thema Klimawandel.

Die westliche Welt der reichen Industrieländer ist es nicht gewohnt, in Risiken zu denken.
Jetzt schon, versuchte ich in ihre Sätze hineinzukommen. Wir beschäftigen uns jeden Tag mit diesem Risiko, mit dieser Pandemie. Eine Kennziffer jagt die andere, alles wird vermessen, bewertet und gewichtet.

Sicher. Aber die Betrachtung von nicht persönlichen sondern allgemein gesellschaftlichen Risiken werden seit Jahrzehnten nicht beachtet. Die Risiken der Modernisierung, der internationalen Industrialisierung werden im Politik-und marketinggeschwafel verniedlicht.
Ich musste zustimmen. Die aktuelle Diskussion um die Lieferketten, (was für eine Verniedlichung für Kinderarbeit), die Forderung nach globaler Fürsorgepficht für international tätige Unternehmen. Das was heute thematisiert wird, kennen wir schon lange. 1972 die „Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome. 1985 die Analyse der Risikogesellschaft durch den Soziologen Ulrich Beck über die Verteilung von Modernisierungsrisiken:„Sie besitzen eine immanente Tendenz zur Globalisierung. Mit der Industrialisierung geht ein Universalismus der Gefährdungen einher unabhängig von den Orten ihrer Herstellung: Nahrungsmittelketten verbinden praktisch jedem mit jedem auf der Erde. Sie tauchen unter Grenzen durch.“
Deshalb bist du jetzt also hier? Ich bemerkte die Ironie in meiner Stimme. Oder war es bereits eine sarkastische Haltung? Denn immerhin sprach ich auch über mich selbst.

Corona nahm meine Worte wie sie waren, und konstatierte, gewissermaßen, ja.
Die Menschen leiden unter einer Risikoblindheit. Risiken bringen auf den ersten Blick keine Produktivitätsvorteile. Da gelten dann nach ökonomischer Logik auch die Gesetze der Naturwissenschaft nicht mehr. Das siehst du deutlich auch heute. Nichts ist anders. Das Risiko sich mit mir und meinesgleichen zu infizieren wird hinter einer Datenwand versteckt oder scheinbar objektiviert. Das Risiko wird abstrahiert, wird globalisiert.
Diese Verallgemeinerung lässt Betroffenheit entstehen, die für den einzelnen abstrakt bleibt. Das war schon immer so. Wo es für alle scheinbar kein Entkommen gibt, mag man schließlich auch nicht mehr an die Katastrophe denken. So war das mit den Pestiziden, der Luftverschmutzung und Atomstrahlen. Jetzt sind die Verursacher der Modernisierung selbst nicht mehr sicher. Und ja, Reiche und Arme sind langfristig, wenn auch zeitversetzt, denselben Risiken ausgesetzt.
Und die Wissenschaft in ihrer Arbeitsteiligkeit, kann diese Risiken nicht berechnen, zumal sie selbst Teil der Moderne ist und mit ausgedachten Grenzwerten die Verschmutzung und Vergiftung von Luft, Wasser am Sterben von Pflanzen, Tieren und Menschen legitimiert,
Wie du siehst, nützt uns Viren dieses Wissen um die individuellen Risiken auch nur eingeschränkt. Wir mussten unsere Stammwirte verlassen und sind am Ende Verlierer.
Einen Vorteil haben wir gegenüber anderen Lebewesen: Unser Wissen ist universell. Außerdem: Wir können uns innerhalb kürzester Zeit an Veränderungen anpassen. Siehst Du, sagte sie noch, während Sie immer durchsichtiger schien und ich vermutlich Zeuge ihre Mutation wurde. Heute war sie nicht so eloquent gewesen wie sonst, die Risikogesellschaft scheint sie sehr zu beschäftigen und zu verunsichern. Hätte ich nicht gedacht. Vieleicht täte ihr etwas Musik auf dem Marktplatz ganz gut? Oder würde sie mich eines Tages fragen, ob sie bei mir wohnen dürfe? Ich würde sie wiedersehen, da war ich mir sicher.

Kernspin die letzten 10 Minuten. Ein Leben in Briefen.

Spinnen im Kernspin Teil 2. Ein Leben in Briefen.

Wir beeilen uns. Was für eine Behauptung. Als ob die Zeit da draußen genauso langsam vergehen würde wie hier drinnen. Alles ist relativ. Aus der Sicht Einsteins betrachtet, mit Hilfe seiner Relativitätstheorie und beispielweise dem Zwillingsparadoxon.Oder wenn dieses Gerät in ein schwarzes Loch führe, könnten sie sich beeilen, wie sie wollten. Ich käme nie zurück. Ich erinnere mich an das Beispiel mit dem Zug und einem Läufer, der in dem Zug läuft. Wenn der Zug 150 km/h fährt und der Läufer 10km/h schnell läuft, hat er eine Geschwindigkeit von 160km/h. Niemals käme ich hier wieder heraus.

Von Physik verstehe ich nicht viel, aber diese Bilder tauchen auf. Ich bin überzeugt: Gedankenblitze, die unvermittelt einschlagen, bilden meistens die reine Wahrheit ab. Dabei werde ich hier in kleine Scheiben zerlegt, jede Scheibe, das empfinde ich, ist ein Teil meines Lebens. Was war in der Spritze? Mein Herz hämmert, mein Gehirn ist voller Hormone, Endorphine und was weiß ich, die ich so noch nicht gekannt habe. Kleine rotierende Scheiben sehe ich, übereinandergeschichtet wie in einer runden Matrix. Meine verschiedenen Leben müssen das sein.
Was da alles zu sehen ist! Die Liebe und der Tod.

Wie schön, die Liebe, da ist jede Liebe in ihrer Zeit als wahr und unvergänglich anzunehmen, sich in ihrer Zeit drehend bleibt sie konserviert und stimmig. Ich bin ein Planet. Kalt wie der Mond, heiß wie die Sonne. Irgendwo dazwischen. Irgendwo dazwischen muss eine Geschichte anfangen, die kein Anfang und kein Ende hat. Rotierende Planeten, rotierende Scheiben und die Zeit überall. Ich könnte jede beliebige Zeit wählen. Jetzt ist gestern. Auf einem Punkt und in der unendlichen Weite der Zeit tanzt meine Mutter auf einer Schallplatte. Es muss an Silvester sein, denn ihren Haarschopf ziert ein kleines, silbernes kegelförmiges Hütchen. Sie steht auf der Schallplatte, die sich erstaunlicherweise unter ihr dreht. Die Zeit im Punkt und in Bewegung. Es gibt anscheinend keinen gemeinsamen Zeitpunkt. Sie lacht und lacht. Sie lacht rückwärts und zieht ihr Lachen in sich hinein. Lach doch noch einmal. Wird sie immer wieder aufgefordert. Sie tanzt, tanzt,anzt nzt,zt,t. Die Platte liegt still auf dem Plattenteller.
Eine glückliche Frau für ein paar Jahre, die Mutter früh gestorben, der Vater auf See, ein von der Stiefmutter ungeliebtes Kind, der Krieg in Frankreich die schönste Zeit ihres Lebens, mit 22, vielleicht. Zurück in Hamburg, Anstellung in einem Büro als Stenotypistin und Sekretärin. Ihren Liebsten beim Tanzen im Winterhuder Fährhaus kennengelernt. Nett getanzt, verabredet, allerdings bin ich erst mal zwei Wochen weg, hatte er gesagt. Schlawiner, was für ein Korb! Den sehe ich nie wieder, hatte sie sich gedacht. Irrtum. Verliebt, verlobt verheiratet. Aber immer wieder weg, dass war er häufig. Ein sozialdemokratischer Sozialist, Widerstandskämpfer unterwegs, Deutschland neu aufbauen. Das was war, die Schmerzen hinter sich lassen.KZ, Krieg, Kriegsgefangenschaft.
Schnell dreht sich die Zeitscheibe. Langsamer bitte. Analog!
Ihre Briefe. Ja, die waren komplett analog. Ihr eBriefe würden die Zeit entschleunigen.

Und sie schrieb ihm fleißig. Briefe, in denen ihr weiteres Leben bereits abzulesen war. Viele Briefe, wie diesen hier, ich würde die ausgraben.

23.8.1949

Wer liebt mein Leiden mein Genosse!

Ringlein, Ringlein du musst wandern! Ja, von deiner Hand in meine Hand und umgekehrt. Ich ja damit angeben aber die Zeit langte nicht hin und nicht her. Am Nachmittag rief mich gestern meine Schwester an und bat, ich solle doch zum Essen kommen. Gut, wollte kein Spielverderber sein und dann hin. Es gab… Fisch…. (Kommentar überflüssig). Bin schon um 20:00 Uhr wieder gefahren. Musste doch erst zu mir und danach zu euch. Es hatte sich an beiden Stellen nichts verändert. Nur so leer und öde war das. Ich bin dann auch gleich schlafen gegangen. Und konnte noch so viel rufen: ich will in „Aam“.. Leider sind meine schützenden Arme zurzeit mit allem was dazugehört auf Reisen und ich muss sagen, das Bett kommt mir viel zu groß vor. Geschlafen habe ich ja ganz gut aber es geht doch nichts über die Gemütlichkeit ich meine damit, auf der Kante zu schlafen. Gelandet bist du gut und wirst du mir sicher schon in einem langen Brief geschrieben haben. Du bist so ein Goldfasan, gehst weg, ohne mir deine Adresse hier zu lassen. Muss ich warten bis Post von dir eintrudelt. Trotzdem will ich meine ersten Gedanken zu Stuhl bringen. Denn die Zeit günstig. Der Chef ist auf Reisen und mein Block ist nicht gerade übervoll. Sind noch die Reste von gestern.

Heute geht es zu deiner Schwester Klara ich will deine Sachen hinbringen und deine Hose abholen. Anschließend sehe ich zu, dass ich rechtzeitig Land gewinne und wieder früh in die Falle komme. Irgendwie muss ich mich ja auch erholen. Ach, es ist alles so mordslangweilig und ich denke morgens schon wieder ans Schlafen. Ist ja auch sinnlos so allein. 14 Tage. Gott, dazwischen liegt auch noch ein Sonntag: Ich werde mich nicht mit deiner Schwester Erna treffen, bleibe wieder für mich allein, tue was mir gerade einfällt. Ich will mich dann mal dazu aufschwingen, einen Zettel anzulegen und immer wieder ein Strich zu machen, wenn die Sache erledigt ist. Vielleicht komme die Angelegenheit so etwas spannender vor.? Heute Nacht musste ich so und unendlich viel was dir schreiben wollte, jetzt mein Kopf hohl. Komm man  lieber mal her und dann mache ich es mündlich. Wer weiß, vielleicht langt es heute Abend noch zu ein paar Zeilen und mir gehen die Sachen leichter aus der Hand.
Meine Wirtin hat mir einen Knust Brot mit einem Zettel hingelegt und mich darum gebeten, ihn zu vertilgen, da er sonst trocken würde. Herrlich. Du lässt ein paar Hemden nebst Socken hier und meine Wirtin ein altes Brot. Was bin ich euch doch wert!!! Scherz beiseite, die Zeiten sind zu ernst. Mein Schwager hat sich nun fest auf den 15. zur Feier eingerichtet und will sich noch einmal erkundigen was der Alkohol bei ihm im Geschäft kostet. Soll ein bis zwei Mark billiger sein als im Laden. Für ihn würden Bier und Kümmel genügen. Er will auch etwas gegen 12:00 Uhr wieder am Hauptbahnhof sein dann kurz zu Fuß. Wegen der Haft-Entschädigung schicke ich dir einen Abschnitt aus dem Abendblatt mit. Sollte ich noch was im Echo finden, leg ich ihn auch noch bei. Heute will ich mal einen Anlauf nehmen und fragen, wie es aussieht mit dem Hierbleiben in der Firma. Langsam wird es ja Zeit, dass man aufgeklärt wird. Unter anderen ist unserem Betriebstischler auch gekündigt.
Fortsetzung folgt mein Liebster…

So hatte sie geschrieben. Lebte wohl noch zur Untermiete. Ihr Liebster wohnte bei seiner Schwester und dem Schwager. 1949 lag ja vieles in Trümmern. Wenn ich aus der Röhre raus bin, will ich mal auf dem Dachboden schauen, was es noch für Briefe gibt, die voller Liebe, Hoffnung und eine frühe Warnung waren.
Ich setze sich auf die Zeitscheibe halte Ausschau. Ich stehe vor einer Tür.
Vor  d e r  Tür.
Ich kenne diese Tür nur zu gut. Zigmal habe ich vor ihr gestanden. Am Ende einer langen Treppe, die mir mit jeder Stufe Angst einflößt. Manchmal ist es mir gelungen, den Türgriff zitternd zu berühren, bevor eine gewaltige Kraft mich zurück reist. Das geschieht im Traum, natürlich. Im Wachzustand weiß ich von den Emotionen, aber sie stellen sich amTag nicht ein. Ich bin neugierig, was sich hinter dieser Barriere befindet. Wenn sich die Tür nicht öffnen lässt, bleibt sie lieber verschlossen, entscheide ich. Im Traum trifft jemand anderes die Entscheidung für mich.

Ich werde geboren, bevor ich einen Blick auf meine Großeltern erhaschen kann. Ie Scheiben haben aufgehört, sich zu drehen. Unerwartet wird es wieder laut in der Röhre und in meinem rasenden Herzen.  Immer schneller werde ich durch den Zeittunnel zurückgerissen. Ich habe noch den Gedankenblitz, dass es gar nicht meine Tür ist, sondern die meines Vaters. Er hält die Tür und das Grauen dahinter zu. Ja, das macht Sinn. Das macht sein Leben möglich. Und das seiner Familie nach den Kriegsjahren.
Mir fällt diese Szene aus 1934 ein: Wo die Schwester von Nickis Liebsten, eben diese Erna die später meine Tante wurde, in die in der beginnenden Dämmerung dunkel gewordene Küche trat. Sie trug einen sauberen, leicht verwaschenen Kittel, der mit einem Gürtel zusammengehalten wurde. Das Blumenmuster war kaum noch zu erkennen. „Ich mache euch mal Licht.“ Sie drehte den Schalter. Heinz und Erich, beide imWiderstand organisiert, war es gar nicht aufgefallen, dass es so dunkel geworden war. Das Deckenlicht spiegelte sich in der Plastiktischdecke. Erna legte ein paar Kohlen nach. Mit ihren knapp 30 Jahren war sie recht hager, hatte aber durch ihr entbehrungsreiches Leben und ihre Erfahrungen genug Kraft gewonnen, einiges auszuhalten. Sie half der Mutter aus, so gut sie konnte. Sie war immer noch nicht verheiratet. Für einen „Verehrer“ hatte sie angeblich keine Zeit, da sie noch in einer Bekleidungsfabrik arbeitete. Der Idealismus der jungen Leute war für Erna nachvollziehbar. Beide hatten ein besonders enges Verhältnis, schon seit ihr Bruder klein war. Er war schnell erwachsen geworden in dieser Zeit. Sie war sich allerdings nicht sicher, ob ihr Bruder wirklich wusste, worauf er sich einließ. „Was heckt ihr beiden denn wieder aus, Erich? Pass mir schön auf, dass Heinz nicht in Schwierigkeiten kommt.“ Um Politik hatte sie sich nicht sonderlich gekümmert,sie empfand das Leben auch so als anstrengend genug.
Hat nicht geklappt, sich aus den Schwierigkeiten herauszuhalten. Später ist aus Erna meine Tante Erna geworden, von der ich so wenig wußte. Die immer weinte, wenn sie klassische Musik hörte.

Die Zeitreise ist abrupt zu Ende.
„Sie können sich die Bilder jetzt anschauen. Der Bericht geht an ihren Kardiologen“.
Und was ist das Ergebnis über den Daumen gepeilt? „Siebzig Prozent. Das ist ganz in Ordnung“. Ein Blick noch auf das zerschnittene Herz auf den Monitoren meine Zeitscheiben.
Ich wanke hinaus in die Welt und ich beschließe, meine Zeitreise auf dem Dachboden fortzusetzen. Verstaubtes, aber sauber abgeheftetes Papier finde ich.Bedauerlicherweise stellt sich das Rauschen der Reise auf den Zeitscheiben nicht mehr ein. Dafür staubt es. Letztlich auch nur Sternenstaub, dem ich hilflos ausgeliefert bin. Was will ich wirklich wissen? Öffnet sich die Tür?


24.8.1949
Fortsetzung von gestern..

Hier ist noch ein Schreiben aus der Nazi-Hölle angekommen. Von Ferdinand Roschmann. Er schreibt Dir die Namen seiner Haftgenossen, die Toten zuerst, Julius Markus und Genosse Dicke, letzterer hat den Freitod gewählt. Schon 1937! Eine lange Liste mit Namen, die Du sicher kennst. Aber am besten beschäftigst Du Dich später damit. Vielleicht hätte ich Dir das auch gar nicht schreiben sollen. Aber vielleicht erwartet er eine schnelle Bestätigung.

Heinzelmann! Du Lieber!
Das Mittagessen habe ich mir einverleibt. Es gab Würste mit Kartoffelsalat und Milchsuppe. Du hast sicher auch etwas Gutes gegessen? Magst du überhaupt an Essen denken bei diesem herrlichen Wetter? Ich freue mich immer wieder daran, dass die Sonne so schön scheint. Für uns ist es ja reichlich warm aber auszuhalten.

Gestern war ich noch bei deinen Schwestern, bei Klara und traf dort Erna an. Du kannst dir wohl vorstellen, was wir geschnattert haben, über die Hochzeit usw.. Ich soll ich recht herzlich grüßen und auch sie freuen sich, dass du noch so angenehmes Wetter hast. Über die Trauzeugen haben wir nicht gesprochen. Das tust du am besten selbst, wenn du wieder in Hamburg bist. Clara bat mich ich solle mich selbst mit Frau Schumann wegen unsrer Hochzeitsausstattung in Verbindung setzen. Es macht doch einen netteren Eindruck. Bin der Meinung sie hat recht. Über unsere Bestecke haben wir uns auch lang unterhalten. Ich war schon an der Tür und plötzlich kamen wir darauf und dann ging es wieder die Küche. Ach wir haben so viel zu erzählen.

Anschließend bin ich zu mir und habe die Wolldecken reingeholt und bin anschließend in deine Behausung. Dort habe ich schnell das Echo studiert. Der Artikel über die Haftentschädigung ist der gleiche, wie im Abendblatt. Sonst stand nichts in der Zeitung, kein Mord und kein Überfall. Über politische Fragen müsste ich mit dir klönen. Da das nicht möglich ist, hoffe ich, die haben sich auch so aufgeklärt, bis du wieder in Hamburg bist. Habe gestern nicht fragen brauchen, ob ich in der Firma bleiben kann. Mein Chef Herr Reinke fing selber davon an und da hat sich die Angelegenheit so aufgeklärt, dass ich wohl bleiben kann. Ich kann die Kündigung erst mal als zurückgenommen auffassen. Mir ist direkt wohler und mein Gesicht verzieht sich zu einem Lächeln. Nun muss ich mich trotzdem weiter anstrengen, denn aufgeschoben ist nicht aufgehoben.
Mein Chef ist im Augenblick mit Gästen unterwegs. Und da habe ich die Gelegenheit, mich so ganz auf dich zu konzentrieren obwohl die Maschinen hier auf Hochtouren laufen. Wie geht es dir denn mein Heinzelmännchen? Hast du auch genug Stroh unter dem Hintern? Musst du noch Geld geschickt haben? Wenn möglich nicht, aus Höflichkeit kann ich ja mal fragen. Ich habe die Hose für die Hochzeit noch nicht bekommen. Clara hat erst mal gefragt, ob ich sie holen soll. Sie dachte vielleicht, dass lassen unsere Finanzen nicht mehr zu. Kennt uns aber schlecht. Na, wer weiß, wie früh ich bei dir Killekille machen und Hausstands Geld abzubetteln versuche? Hast du auch mal eine weiche Ader? Ich hoffe aber, dass du meine Versuche, Dein Herz in Bezug auf Geld zu erweichen, nicht anders auffasst und mir sonst alles bietest. Nein, da muss doch ein dicker Trennungsstrich gezogen werden.

Dein Schwager Hermann war gestern mit einem Radweg wohin??? Kam so spät nach Hause und ich musste den Wecker spielen, dabei fiel es mir selbst so schwer hoch zu kommen. Ich habe gut geschlafen, aber nicht so gut, als wenn ich auf Kante liege. Schön, dass nun schon der dritte Tag bald herum ist und ich mit den Fingern abzählen kann, wann Du mich wieder in den Arm nimmst und beruhigst. Es ist doch zu schön an Deinem Busen. So mollig und so ruhig. Ach ich will nicht träumen. Dann kommt es mir doppelt zu Bewusstsein, dass du noch sooo lange nicht da bist. Pflege alle meine kleinen Spezialitäten recht schön. Wenn sie den Kopf hängen lassen, dann vertröstete sie auf das Wiedersehen. Ach, ach………….. schön wär‘s.

Mir geht es gut ich habe so unendlich viel auf meinem Zettel stehen, dass ich auf eine Art doch recht froh sein kann, dass ich freie Bahn habe. Bei mir und auch in meiner Zeit bei dir.
Ich würde mich freuen, wenn heute ein Brief bei mir liegen würde könnte mir so viel Schwung bringen.

Ich küsse Dich herzlich und die besten Wünsche begleiten diese Zeilen.

 Immer Deine Nicki.

Kabinett. Stückchen.

Kabinett.
Stückchen.

Vor dem Lockdown.
Es war die schöne Märzenzeit.
Ein Stück in gleichen Akten.
Deutschland Europa und die Welt.

Viel Verkehr, viel mehr Verkehr.
Ein Scheuer zwischen den Beinen
Räder der Autoindustrie.
Scheuer sein Verstand zu finden.

Menschen Verstand.
Auch nach dem Lockdown.
Analfixierung am Auspuff.
Geld ist ja da.

Die Sirene.
Lockt mit blondem festen Haar.
Euro Paare.
Deutscher Tod in Afrika.

Afrika tot in Deutschland.
Sieben Kinder hat sie schon.
Sirenengleich.
Im Horst.

Kein Gesetz für die Heimat.
Im Horst am See.
Liegen keine schwarzrotgoldene Eier.
Innen wie Außen Leere.

Lustige Frauen im Kabinett.
Die Sirenen.
Sie singen von glücklichen Kühen.
Schweine ohne Schwänze.

Und der guten Kita.
Im Gesetz.
Wie Pipi Langstrumpf.
Die die Welt Macht nicht hat.

Ausgemerkelte Laienspieler.
Hängen an den Strippen.
KommerzCum-Ex.
Komplett wired Loaf.

Wo geklotzt wird.
Nur Spahne fallen.
Alt maiert und mäandert.
Der Flüchtlingsstrom.

In Camps.
Orbanisiert ohne Stadt.
Nur Kurz da.
Vergessen der Brexon.

Gauleiter. Hund hechelt.
Hockwende. Schleimspuren.
Hufe. Stapfen.
Alles muss raus.

Philosophen und Kinder.
Segelschiffe voll geladen.
Klimaweltretter.
Symbolpolitik fliegt.

Erwartung. Freiheit.
Komparsen schweigen.
Gelb stirbt.
Unter Linden.

Es laschet vor sich hin.
Covit macht einen Kanzler.
So der hält.
Was er verspricht.

Klima wandelt sich.
Es leidet nicht.
Verschwörung.
Antrophrozän vergeht.

Das Stück ist aus. Schön, dass sie sich begegnet sind.
Alle gehen.
Ein neues Auto.
Ein schönes Haus.

(Mitwirkende:
Merkel, Söder, Laschet, Scholz, Gauland, Weigel, Höcke, Kurz, Orban, Lindner, Tunberg Habeck, Scheuer, von der Leyen, Klöckner, Giffey, Altmaier, Sie uva. .
Die Welt verstehen: Siehe auch Begleittext im Programmheft: Die schöne Corona 1-4).