Ein Haus in Magonna – Teil 2

(Bild: Fabian Gatermann. http://www.fabiangatermann.com)

Danach

Tjark hatte mir bereits erzählt, was danach geschah, immer einen Teil nach dem anderen. Manchmal zeitlich etwas unsortiert, von den jeweiligen Ereignissen in Magonna bestimmt. Wenn die harte, unnachgiebige Zeit in sich zusammenfällt und ihre Struktur verliert, ist es auch unerheblich, wann was war, in welcher Reihenfolge man die Tage verlor.

Tjark kam nach seinen Reisen aus seinem Traumland, wie er Sri Lanka beschrieb. Was mich manchmal zweifeln ließ, an dieser Geschichte, war die möglicherweise unterschiedliche Verbindlichkeit auf den verschiedenen Erdteilen. Nach und nach schien mir Tjark zu einem großzügigen Investor zu werden, mit Geld und starken Emotionen. Tjark beschrieb immer wieder, wie Sakthivel sich fühlte, oder aus seiner Sicht fühlen müsste, denn Sakthivel klagte nie, forderte nichts.

Für Sakthivel verging die Zeit unbeschreiblich bleiern, Tag und Nacht konnte er nicht mehr unterscheiden. Seine Welt war untergegangen. Die ersten Tage nach dem Tsunami hatte er noch nach seiner Mutter gefragt, aber alle Menschen hatten die gleichen Fragen nach Angehörigen. Jeder hatte das gleiche Leid zu bewältigen.
Seine Schwägerin Gayani hatte mit ihren zwei Kindern überlebt. Allerdings wurde eines ihrer Kinder, die dreieinhalbjährige Isuru, erst Monate später weit entfernt von Zuhause bei fremden Menschen, die sich gekümmert hatten, aufgefunden. Der Bruder von Sakthivel hatte beide Kinder verzweifelt in den Wasserstrudeln festgehalten, Isuru war ihm aus der Hand gerutscht.
Sie verlor auf Grund ihrer Verletzungen das Gehör, ihre Schwester Banuka hatte mehr Glück und war relativ unverletzt geblieben.

Sakthivel fiel es schwer über seine Familie zu sprechen, immer wieder unterbrach er seine Erzählung.

Mittlerweile hatten wir einige Kerzen angezündet, allerlei Insekten flogen um uns herum.
Sakthivel hatte Fladenbrot aus der Küche geholt, so dass wir Knabberpausen einfügen konnten. An diesem Ort im Dschungel fiel es mir schwer, die Wassermassen, die Katastrophe zu sehen. Allein wie Sakthivel davon berichtete, mit seiner leisen, unaufdringlichen Art, ließ mich ein Gefühl von dem ganzen Chaos bekommen, welches das Leben so verändert und ihn hierher geführt hatte.

Sakthivels Bruder hat angefangen zu trinken, erzählte Sakthivel, und er wollte seine Kinder nicht mehr sehen, wohl eine Folge seines Suffs, meinte Sakthivel beschämt und verzweifelt. Er kam nie mehr nach Hause. „Ich habe das nicht verstanden, wenn man Kinder hat, muss man doch leben! Das habe ich ihm immer wieder gesagt“, erklärte Sakthivel mit Nachdruck. Vielleicht lag es aber auch an der Politik und dem unfähigen, unwilligen Staat, die ihn zusätzlich zur Verzweiflung brachten.

Die Regierung hatte ein Büro eingerichtet, um die Opfer zu betreuen und eine Bestandsaufnahme durchzuführen. Das Problem war, das Sakthivel keine Papiere mehr hatte. Alles war weggespült. Die Beamten waren unfreundlich, vielleicht auch hilflos. Wir haben selbst nichts, musste er sich anhören. Sakthivel ging nicht mehr zur Arbeit. Misstrauen verbreitete sich, weil sich viele als Opfer ausgaben, die gar keine waren. So viele korrupte Menschen wollten das Leid ausnutzen, beklagte er. Sein Bruder ging fast leer aus, er bekam nur 300.000 Rupien, etwa 2.300 €. Kein Wunder, wenn man das nicht aushält. „Aber ich glaubte an Buddha, habe gebetet und die Hoffnung nicht aufgegeben“.

Die Hotels, in denen Sakthivel gearbeitet hatte, waren zum Teil vollständig verwüstet und es wurde sehr viel weniger Servicepersonal benötigt. Das wusste ich von Tjark. Sakthivel erzählte nicht alles, vielleicht, weil es ihm nicht wichtig war. Ich musste die Erzählbausteine nach und nach zusammenfügen.

Da Sakthivel nicht mehr in einem Hotel arbeiten konnte, unternahm er einen ersten Versuch, etwas Geld zu verdienen. Möglicherweise auch aus einer Laune der Trauerarbeit heraus, baute er auf dem Platz seines Elternhauses direkt am von Trümmerteilen, Plastik und Müll übersäten Strand einen kleinen Kiosk aus brauchbaren Teilen. Sein Angebot bestand aus Wasser, ein paar Soft-Getränken, Kokosnüssen und Plastikspielzeug, das verloren über dem fensterlosen Verkaufstresen baumelte.  „Ich zeige dir ein Foto“, flüsterte er und kramte einen Hefter mit Fotos in Plastikfolien hervor. Eine skurrile Bude, aus der Sakthivel heraus lächelte. Ein paar Touristen, die in den Trümmern urlaubten, kauften bei ihm hin und wieder ein paar Kleinigkeiten, mehr aus Mitleid oder von dem immer lächelnden freundlichen Sakthivel angelockt. Manche unterhielten sich mit ihm über sein Schicksal. Einige gaben ihm etwas Geld. Es gab auch ein Bild mit Tjark, Stefan und Sakthivel vor dieser Hütte. Sakthivel hatte Tjark und Stefan während ihres ersten Besuchs nach der Katastrophe stolz zu seinem Geschäft geführt. Da hatten sie gestanden und schweigend auf den Indischen Ozean hinaus geblickt. Tjark stand bewegt ganz nah bei Sakthivel, der nicht berührt werden wollte. Stefan hielt sich etwas abseits, direkt an der nach dem Tsunami entstandenen kleinen Steilküste. „Das Meer ist so friedlich und schön, so glatt. Unvorstellbar, was es alles verschlingen kann.“ Er versuchte ein Lächeln, war aber ungeübt darin und sah, dass Tjark mit den Tränen kämpfte. Das Leid, dieser sinnlose Versuch mit der Hütte waren für ihn unerträglich. „Ja, da ist doch wieder etwas Leben hier,“ überbrückte Sakthivel die negativen Schwingungen, die er auch nicht mochte. Er lachte sein angenehmes Lachen und zeigte dabei die blitzenden Zähne. „Hier steht doch wieder ein Haus!“ Er zeigte zu dem vielleicht zwei mal einem Meter großen Verschlag. Dort, wo das Fenster üblicherweise war, befand sich dieser Tresen. Vier Pfosten hatte er in die festgestampfte Erde gerammt. Wahrlich eine Bruchbude aus Bauschutt. Eine skurrile Performance auf einem Trümmerfeld.
Tjark blickte zur Hütte und sah dann den lachenden Sakthivel an. Tränen flossen.
Stefan nahm Tjark in den Arm und zog auch den widerstrebenden Sakthivel an sich. Sie weinten in der Hütte, wie verlassene Kinder.

Die Hütte schluckte ihre Laute, zu hören war nur die Stille von den provisorischen Gedenksteinen und Holzkreuzen.

Wir setzten unser Gespräch fort. An ganz unterschiedlichen Orten und auf Fahrten in seinem Tuc-Tuc, welches mit der Aufschrift Tjark Ressort beschriftet war. Eigentlich war es Tjarks Tuc-Tuc, aber Sakthivel durfte jederzeit damit fahren.
Die Zeiten aus denen Sakthivel berichtete, verschwammen; aber nach und nach erfuhr ich die ganze erstaunliche Geschichte.

Hätte ich gewusst, dass ich Post bekomme“, erläuterte Sakthivel, „wäre ich zum Postamt gegangen. Aber wer sollte mir schreiben? Ich hatte ganz andere Sorgen und musste so vieles regeln“. Er beschrieb, wie unbefriedigend die Hilfe für die Tsunamiopfer war.

Man brauchte Geld, um etwas zu erreichen. Jeder hielt die Hand auf, auf die Behörden war kein Verlass.
Immer neue Leute kamen als Polizisten verkleidet in die Hilfsstationen und wollten sich bereichern. Es war kein Problem, sich eine Polizeiuniform auszuleihen und sich als Polizist auszugeben. Es gab Geld von der Regierung. Es gab internationale Hilfe, Sakthivel sagte das mit vielen Ausrufezeichen. „Aber was glaubst du“, wie das hier lief ? Er schämte sich sichtlich, davon zu berichten. Neue Häuser wurden von Leuten bewohnt, die die Beamten bestochen hatten. Von 74 neuen Häusern in Beruwala wurden nur 20 von Tsunamiopfern bewohnt.

Sakthivel nahm seine Arbeit im Hotel auf Tagelöhnerbasis wieder auf. Ihm wurde versprochen, dass er nach einem Jahr einen festen Vertrag bekommen würde.

Dieses Versprechen wurde jedes Jahr erneuert, ohne dass er einen Vertrag bekam. Sakthivel konnte in den ersten Jahren nach dem Unglück im Tempel in einer kleinen Hütte für eine Person wohnen.

Vor dem Tsunami hatte dort ein Engländer, Leonard Shephard Urlaub gemacht, der sich an Sakthivel erinnerte und wissen wollte, wie es ihm ergangen war. Für wenige Wochen war dieser nach Sri Lanka gekommen und wollte Sakthivel treffen, der aber gerade zu der Zeit nicht in dem Hotel arbeitete. Sakthivel hatte kein Mobilphon und war nur per Post zu erreichen. Die Briefe wurden im Postamt in Beruwala hinterlegt und mussten abgeholt werden. Als Sakthivel endlich seine Post abholte – private Post erwartete er nicht – waren bereits zwei Urlaubswochen von Mr. Shephard vergangen.
Leonard Shephard nutzte die verbliebene Zeit und kümmerte sich um Isuru, das beim Tsunami am Ohr verletzte Kind, bezahlte den Arzt und lange Zeit schickte er jährlich 400 Pfund. Ein Beitrag zum Überleben, erzählte Sakthivel still. Und dann war da Tjark.

 

Freunde

Die beiden Männer, Tjark und Stefan, waren nach dem Tsunami tagelang im Schockzustand gewesen. Immer wieder sahen sie sich die Bilder an. Sie konnten sich gegenseitig nur am Telefon trösten, da Stefan in München und Tjark in Hamburg lebte.
An den Wochenende besuchten sie sich und überlegten, was sie tun konnten. Es gab keinen Kontakt nach Beruwala, die Behörden waren völlig überfordert. Es war schon vor Ort nicht möglich, etwas zu erfahren, wie Sakthivel ihnen später tränenreich schilderte, geschweige denn von Deutschland aus. Zumal, wenn es sich bei den Opfern nicht um Deutsche handelte. Es machte auch keinen Sinn, nach Colombo zu fliegen, so gern die beiden das auch wollten. Sie begannen, Spenden zu sammeln, auf ihren Geburtstagen stellten sie Bilder und dazu einen Spendentopf auf. Tjark hatte zudem noch Patenkinder in der Region, die allerdings weiter im Inland lebten. Er hoffte, dass sie überlebt hatten.

Ein Jahr nach dem Tsunami flogen Stefan und Tjark wieder nach Sri Lanka. Sie hatten Sakthivel vor ihrem Besuch einen Brief an das Postamt in Beruwala geschrieben.
Mein Freund Tjark lebte bereits vor dem Tsunami seit Jahren gedanklich und emotional in Sri Lanka. Er erzählte bei jedem Treffen begeistert und liebevoll von diesem Land und seinen Menschen. Hier in Deutschland lebte er allein, mit vielen engen Freunden verbunden, aber in Bentota und Magonna schien seine zweite Heimat zu sein nach der er sehnsüchtig war. Zwei Patenkinder unterstützte er regelmäßig,besuchte sie und sammelte im Freundeskreis für sie. Jeder Geburtstag stand unter dem Motto: „Bitte keine Geschenke, gern Geld für Sri Lanka.“ 1996 war er zum ersten Mal mit seiner Freundin Ingrid nach Sri Lanka gereist, in der Zeit einer Lebenskrise. Große Liebe vorbei, Mutter tot, die Schwester plötzlich verstorben, der Job auf der Kippe, mit dem eigenen möglichen Tod die Sinnlosigkeit vor Augen. Es war eine schwierige Lebensphase, die es für ihn zu bewältigen galt.

Am Ende dieser, seiner ersten Reise nach Sri Lanka, fühlte er sich jedoch unbeschreiblich gut und total entspannt. „Es war überstanden, ich habe nur noch geheult vor Glück“, gestand er mir damals. Für ihn waren dieses Land und die Menschen dort eine wundervolle Kraftquelle.

In den Jahren nach dem Tsunami wuchs Sakthivel zum zentralen Thema seiner Erzählungen. Der Spaß, den Tjark mit Sakthivel hatte, beflügelte ihn. „Wir wollten uns einen Wasserfall ansehen“, beschrieb er beispielsweise. „Eigentlich betrug die Entfernung zwei Stunden – Sakthivel wüsste den Weg, behauptete er, wir fuhren dann aber immer im Kreis. „Sakthivel“, sagte Tjark, „hier waren wir schon“.
„Ich weiß den Weg“, sagte er immer wieder mit seinem Lächeln. Nach sechs Stunden waren wir endlich da. Ich konnte nicht sauer auf ihn sein, weil er immer so optimistisch war. Wir haben uns vor Lachen nicht mehr eingekriegt.“ Das beschrieb er in den Jahren, als das Leben wieder leichter für ihn geworden war.

Bei ihrem ersten Besuch nach dem Tsunami lud Sakthivel Tjark und Stefan zum Haus ein. Das Haus, das gar nicht mehr da war. Aber er sagte, wir fahren zum Haus. Sie fuhren hin. Tjark war mulmig zumute „Wo wollen wir denn kochen?“ , hatte er gefragt. Es sollte ein aufmunternder Scherz sein. Aber Sakthivel blickte nur stur auf das Wasser. Dann erzählte er von einer DVD, die er vom „Fisherman“, einem befreundeten Seemann, bekommen hätte. Da seien Bilder zu sehen, die nicht im Fernsehen gelaufen sind. Mit Leichenteilen auf der Straße, in den Bäumen, überall waren sie verstreut. Bilder von Zügen, die entlang der Galle Road fuhren, voll mit Leichenteilen. Sakthivel zeigte in die Richtung der Eisenbahnlinie. Heute waren die schnaufenden Züge wieder so voll mit Menschen, die sich an den Türrahmen oder sogar außen am Zugfenster festklammerten. Es war ein wunderschöner, windiger Tag, das Meer rollte mit einer langen Dünung an den Strand. Betreten, mit Tränen in den Augen, standen sie dort am Wasser, an der Stelle, wo Sakthivels Elternhaus im Meer und der meiste Teil des Strandes verschwunden war.

Tjark und Sakthivel waren selbst ein wenig hilflos. Wir wussten nicht, wo wir anpacken sollten, beschrieb Tjark das erste Treffen. „Alles war viel zu viel für mich“, meinte er. „Wir gaben dann jeder erst einmal 100 € und versprachen, bald wieder herzukommen“.

Ein halbes Jahr später machte Tjark sein Versprechen wahr. Er wohnte in dem Hotel, in dem Sakthivel hin und wieder arbeitete. Tjark bemerkte, dass Sakthivel sehr aufgeregt war, sich aber scheinbar nicht traute mit dem was ihn bewegte, herauszurücken. Nach ein paar Tagen sagte er, dass er Tjark etwas zeigen wolle.
Sakthivel hatte sich ein altes Motorrad ausgeliehen, mit dem man sich auch auf nicht so perfekten Straßen bewegen konnte. Sie fuhren ein Stück auf der Aluthgama Road entlang, eine ganze Weile entlang der Küste, bis sie schließlich die Bahnlinie kreuzten, die den Dschungel praktisch von der Straße abgrenzte.

Sie fuhren nach Magonna, ein paar Kilometer in den Dschungel hinein. Kurve um Kurve durch den Staub der Straße. Tjark hatte keine Idee, wohin der Ausflug führen sollte. Er stieß Sakthivel immer wieder an, doch der reagierte nicht. Dann hielten sie auf einem zum Teil staubigen und überwucherten Gelände. Auf den ersten Blick war für Tjark immer noch nicht ersichtlich, warum Sakthivel hier hielt und über sein schwitzendes Gesicht strahlte. Was war anders als der Dschungel hinter und vor ihnen? Sakthivel nahm ihn bei der Hand und zeigte, „look there!“ ausrufend, auf ein paar zusammengenagelte Bretter. Da stand sie: eine etwa ein Quadratmeter große Hütte.
Tjark stand unentschlossen auf dem Fleckchen Dschungel, dass sich bei näherem Hinsehen als ein wenig gerodet erwies. „Was ist das denn? Was soll das darstellen?“, hatte Tjark in einem Anflug von Fassungslosigkeit gefragt. Sakthivel zog ihn unbeeindruckt in den Bretterverschlag. Darin befand sich eine Liege, die Sakthivel vom Hotel geschenkt bekommen hatte. Eine alte Sonnenliege, etwas geflickt, aber sauber. Eine Decke lag gefaltet über einem Ende der Liege. „Lebst du hier?“, fragte Tjark ungläubig. „In dieser Hütte? Du kannst die Liege nicht einmal ganz aufklappen.“
Er prüfte die Wände und die Klapptür des Eingangs. Alles war fest, nichts wackelte oder deutete darauf hin, dass der Verschlag zusammenfallen würde.
Sakthivel lachte sein strahlendes Lächeln. Er freute sich wie ein Kind, das einen Streich gespielt hatte. Er beobachtete Tjark und schien sich königlich zu amüsieren. Wie ein König mit etwas Land.
Dann erzählte Sakthivel, dass er in der Zwischenzeit dies kleine Grundstück günstig erworben hatte. Für wenige Rupien von einem Großgrundbesitzer, dem ein riesiges Dschungelgebiet gehörte. Er hatte damit begonnen, eine kleine Hütte darauf zu bauen.

Das wird ein Haus“, hatte er erklärt.

Die nächsten Tage im April 2015 nutzten wir für Ausflüge und ausführliche Gespräche.
Heftiger Regen fiel manchmal die ganze Nacht. Es gewitterte, unruhiger Schlaf mit Träumen war mir vergönnt. Sakthivel ging es ähnlich, ich hörte ihn eines Nachts fürchterlich unten im Haus rumoren.
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Begegnungen in der Bahn

Begegnungen in der Bahn.

Applikationen

Ich bin in Deutschland 2015. Genauer: Auf dem Weg von Ahrensburg nach Hamburg in der U-1 zum Hauptbahnhof. Im Frühjahr. In der Bahn sprechen sie meine Sprache, allerdings nur zum Teil. Auch Russisch, Ukrainisch, arabisch, orientalisch, Farsi, Syrisch. Sie telefonieren, als gäbe es kein Morgen und der Gesprächspartner ist in ihrem fernen Land. Auf Arabisch, ein spezieller Dialekt. Dazu ein afrikanischer Dialekt, der versuchte, den arabischen an Lautstärke zu übertreffen.  Dazu ein Italiener. Da muss man nichts mehr schreiben. Das klingt schon sehr vertraut. Es geht inhaltlich zumindest um nichts. Dann endlich ein laut geführtes Telefonat in deutscher Sprache. Da ist es dann doch besser, man verstünde die Sprache nicht. Ein junger Mann hat Kopfhörer auf, sein Fahrrad breit im Wagen platziert mit einer Hand am Lenker. „Ich fahre zum Hauptbahnhof“, wenig später, „ich bin gleich da“, „ich muss noch Papiere in die Firma bringen“.
Das erzählt er drei weiteren Anrufern. Zwischendurch: „Da, da, spaziwa. Ich fahr dann in den Garten, erst muss ich noch in die Firma. Ja ich fahr zum Hauptbahnhof“. „Doswidanie“. „Machs gut, schukran…“
„Ich bin gleich am Hauptbahnhof.“ Schade wie banal deutsch ist. Jetzt türkisch, gestikulierend, eine alte Frau blickt sich um, dann auf den Boden, um nicht aufzufallen. Alles ist banal auch auf Deutsch keine Hoffnung. Wem gehört diese Bahn eigentlich, dieser öffentliche Raum? Ausstieg Hauptbahnhof. Alle telefonieren. Ist Hamburg in der Welt angekommen oder die Welt in Hamburg? Was für eine Welt ist da in Hamburg angekommen. Sie sind nur da, die aus ihren Welten kommen, aber nicht hier.

Deutschkurse sind Pflicht. Deutsch ist die Sprache, die man am wenigsten hört, in der Spitalerstraße. Der öffentliche Raum wird, phonetisch zumindest, okkupiert. Selbstgespräche mit Kopfhörern in den Ohren, Selbstgespräche führend. Früher waren das die Kriegsversehrten, die nach 1945 die Balance verloren hatten. Jetzt ist die Balance schon vor dem Krieg verloren. Anarchie ist machbar, oder wie, war da was? Anarchie ist machbar, aber doch nicht so. Sie zerstören sich selbst in der Welt ihrer Apps. Kontakt bekommen sie nur wenn sie ineinander rennen, aufschauen tun sie nur, wenn sie gegen Laternenpfähle rennen. Bei Menschen schauen sie nicht.
Die Bahn fährt durch die Stadt, zerschneidet sie wie eine Torte. Eine Torte mit verschiedenen Schichten. Von der Sahne bis zum Boden, durch. Weiß, rot braun, grell verziert.
In den Schichten dieser Torte wird es erst laut, am Hauptbahnhof, bis Wandsbek bleibt es so, dann veränderte sich der Sound bis Farmsen, der sich so bis Berne hält. Dann wird es immer leiser, bis sich die Bahn im Wald verliert.

Der Maler in der Bahn

1969 von Ripp Corby beobachtet

Der Maler hockte in seinem Farbenkeller auf einem Stapel alter Tapetenbücher und blickte über seine ordentlich nebeneinander stehenden Farbtöpfe und Dosen hinweg. Er konnte sich nicht entschließen; da ließ er sich von seinem Sitzplatz herunter gleiten, zog seine leichte Wolljacke über, schloss die Kellertür hinter sich ab und trat schließlich auf die von der Sonne gewärmte Straße hinaus. Er passierte die Allee, ging an den vielen kleine Läden vorbei, dem Schlachter winkte er durch das Schaufenster zu, jener wedelte mit einem Würstchen zurück, der Schuster war beschäftigt, der Milchmann klopfte ein großes Stück Butter in Form, und blieb schließlich vor der Drogerie stehen. Er warf einen prüfenden, etwas kritischen Blick in das Schaufenster, betrat dann mit einem leichten Lächeln den Laden. Der Maler kaufte zwei Kilo grüner Ölfarbe. Nach seinen Berechnungen würde diese Menge reichen und wäre auch vom Gewicht her tragbar.

Ein Liedchen trällernd verließ er die Drogerie und lenkte seine Schritte der nächsten U-Bahnstation zu, löste eine Fahrkarte zu einer D- Mark und stieg in den nächsten Zug, ohne sich um die Fahrtrichtung zu kümmern. Ihm war es gleich, wohin der Zug fuhr. Als die Bahn nach mehreren Haltestellen den Stadtkern hinter sich ließ, zog der Maler einen alten Pinsel aus der Jackentasche. Sich einmal kurz, kichernd ins Bein zwickend öffnete er mit dem Pinselstiel die Farbdose, sog dann den geliebten Terpentingeruch ein, der dabei der Dose entströmte, roch noch einmal an dem Deckel, ebenso, als stünde ihm ein Festschmaus bevor. Weiterlesen „Begegnungen in der Bahn“

Der Wind aus dem Osten (Ripp Corby)

 Der Wind kommt aus dem Osten. (Ripp Corby)
Beitragsbild: 
Torben Friedrich http://torbenfriedrich.de/ CC-BY-SA-Lizenz


Der Wind wird aus dem Osten kommen. Aus dem nahen Osten und dem fernen Osten, sagt mein Freund Ripp Corby.

Freund ist vielleicht nicht treffend beschrieben, eher ist er ein Lebensbegleiter, ein Spiegel. Sie werden ihn mögen, wenn Sie ihn kennenlernen. Er wird sich Ihnen zuwenden. Wie er sich allen zuwendet, die ihm begegnen. Mit einem Vertrauensvorschuss.

Ripp Corby ist in seinem Kern ein praktisch denkender Philosoph mit vielen Berufen. Im wesentlichen Taxifahrer, Lehrer, Sozialarbeiter, Kaufmann, Beobachter. Mit seinen 73 Jahren ist er ein etwas altmodischer Philosoph, immer auf der Suche nach dem Sinn des Lebens und dem Sinn des Anthropozäns. Wir haben früher viel gemeinsam erlebt, uns die Nächte mit Boxkämpfen von Cassius Clay und George Forman um die Ohren geschlagen, sind gemeinsam nach Venedig gefahren, waren surfen, haben immer geredet und in Cafés gelästert. Was man so macht, wenn man mit einem Freund etwas macht. Durch viele Erlebnisse haben wir die Basis für das Leben gelegt. Ripp ist immer da, wenn ich einen Gesprächspartner brauche, ebenso bin ich sein mentaler Sparringspartner.

Heute will Ripp meine Meinung hören und fragt, kommt jetzt der Wind aus dem Osten? Nicht aus China meine ich, sagt er, der kommt sowieso, ich denke an den von Drüben, er betont das Wort, zieht es in die Länge und lächelnd durch den Kakao, aus der DDR.

Sein gespielter Sarkasmus kommt aus seiner Enttäuschung, ich verzeihe ihm das meiste, was er verbal so heraushaut und bin gespannt, wie der Wind weht.

Ich habe mich mit einem Ehepaar getroffen, beginnte er, ehemalige Arbeitskollegen, die ich eine Weile aus den Augen verloren hatte, aber seit zwei Jahren laden wir uns regelmäßig gegenseitig zum Essen und Kochen ein.

Aus welcher deiner vielen Branchen, frage ich.

Ripp guckt etwas irritiert, sagt dann, ich mache es kurz: Er ist Ingenieur. Ich kenne ihn aus meiner Zeit bei Still. Es geht immer lustig zu, zumal seine Frau eine quirlige, witzige Dame aus Schweden, die gut deutsch spricht, belesen ist und mich intellektuell und kulturell begeistert.
Ripp schildert den Mann als überragenden Ingenieur, durch die Improvisationen im Osten gestählt. Denn da kommt er her. Kein schlechter Staat war das, findet er. Zusammenhalt der Menschen, alle hatten Arbeit, diese Geschichten eben. Zudem ist er ein ausgezeichneter Hobbykoch mit Detailkenntnis und Präzision. Eher Gauß als Humboldt. Er ist ein Schnelldenker und man erkennt den Osten in ihm erst und wahrscheinlich auch nur, wenn er über seine Jugend in der DDR spricht. Zwei Jahre besuchen wir uns nun, laden uns gegenseitig ein, haben Spaß, gutes Essen und anregende Gespräche. Dann sprechen wir über die letzte Bundestagswahl im September. Ripp schaut mich eindringlich an. So, als prüfe er meine Resilienz. Dazu schweigt er noch eine Weile und scheint zu überlegen, ob er weitersprechen soll.

Ich schiebe mein Kinn aufmunternd in seine Richtung. Ripp sagt, ich fragte ihn, was er gewählt hat. Welche Partei. Eigentlich fragt man das nicht, aber was ist das denn für eine undemokratische Regel. Verhindert ja jegliche Diskussion erklärt Ripp und holt tief Luft. AFD, sagte der Ingenieur dann. Ich bin der typische Protestwähler! Er lachte dabei. Also ein Witz, ich bin erleichtert. Nein, nein, wirklich. Ich bin ein Protestwähler. Ripp war sprachlos. Du bist doch ein aufgeklärter Mensch, wieso machst du da dein Kreuz? Wie über 25 Prozent im Osten, dachte ich. In das Schweigen hinein bekam er einen heftigen Ellenbogenstoß von seiner Frau, die das nicht gewusst hatte und ihm sonst am Wahltag vielleicht K.O.-tropfen verpasst hätte. Eine Unterstellung, niemand hat das gesagt, schränkte Ripp ein. Du spinnst doch, rief sie aus und war sichtlich peinlich berührt. Nein, sagte ihr Mann, die etablierten Parteien vertreten nicht das Volk. Aber wie kann man Nazis und Volksverhetzer, ja kriminelle Gewalttäter wählen? Und damit die anderen Parteien nach Rechts zerren? Die bekannten Argumente wurden ausgesprochen, das Entsetzen blieb ebenso, wie man insgesamt höflich blieb.
Ripp schaut mich fragend an. Mein Freund hat wie viele im Osten abgestimmt. Obwohl er gut verdient, etabliert und weit genug davon entfernt ist, die Lebensbedingungen im Osten zu teilen. Was mache ich jetzt, fragt Ripp mich, obwohl er es ist, der ein gutes Gespür für Menschen hat. Er ist aus völlig der Fassung,

Was würdest du denn am liebsten tun, frage ich zurück.

Theoretisch oder praktisch? Theoretisch dürfte ich ihn nicht mehr treffen, nicht mehr in mein Haus lassen. Praktisch ist er immer noch der nette unterhaltsame Typ. Und ich habe eine Schwäche für Ossis. Hatte ich schon zu DDR-Zeiten; Sehnsucht nach Mecklenburg. (Nur Biermann war nervig, mit seinem Gejammer, aber das führt zu weit, meinte Ripp). Nach dem Fall der Mauer war ich oft da.

Die Mauer ist gefallen aber nicht wirklich weg, denke ich. Nur der Wind fegt ungehindert aus dem Osten durch das gesamte Land. Ripp wirkt enttäuscht.

Unsere Kanzlerin fegt ja gerade nicht, wende ich ein.

Aber der AFD-Gauland, der fetzt, stellt Ripp fest. Der kommt aus Chemnitz. Der Höcke, ein Nazi, soll ich die alle aufzählen? Was mache ich nun mit meinem Freund, dem Ingenieur?


Hmm, theoretisch: im Ostwind muss man die Segel richtig setzten, ihn umschmeicheln, ihn nutzen. Selbst gegen den Wind kann man kreuzen. Nur wird die Strecke dann länger. Gegen den Wind hast du keine Chance. Jeder Wind wird wohl endlich zu einem Lüftchen, kann zwischenzeitlich aber verheerend wirken. Vielleicht muss man sich aber gegen die wenden, die den Wind gesät haben. Und die kommen aus dem Westen. Der Ostwind kommt womöglich auch nicht aus dem Osten.

Mal sehen, was Ripp vom nächsten Treffen berichtet.

Hitler in Lissabon

Hitler in Lissabon

Die legendäre, antike Tram 28 fährt die beliebteste Route durch Lissabon. Der Himmel ist leuchtend blau, es weht ein leichter Wind, dennoch sind 37 Grad so leicht nicht abzukühlen. Ich freue mich auf einen entspannten Ausflug, bin neugierig auf die Stadt. Die Touristen stehen gern lange, eine Stunde und mehr, für eine Fahrt an. Oder drängeln sich einfach vor. Ich stehe an und ärgere mich ein wenig über die Dreistigkeit. Ein kleiner Tumult am Einstieg wird in Kauf genommen. Aber Achtung: Im Reiseführer steht in hervorgehobenen Lettern:
„Vor Tumult wird gewarnt! Taschendiebe inszenieren verwirrende Szenen um die Fahrgäste zu bestehlen!“
Die beste Startposition scheint die Station Martim Moniz zu sein, wenn man einen Sitzplatz haben möchte. Die Bahn ist voll, bei vielen ist der Adrenalinspiegel hoch, denn der Kampf um einen Meter in der Schlange um dann einen Sitzplatz zu gewinnen strengt an. Ich finde einen Platz direkt am Einstieg, was sich als nicht vorteilhaft erweist. Menschen kommen mir nah, mit gefühlt dicken Hintern und mit scheinbar überbordenden Bäuchen hängen sie über mir. Das touristische Adrenalin macht alles größer. In dem Gewühl immer den Hinweis auf „Pickpockets“, Taschendiebe! im Blick, Portemonnaie und Mobilphon vorne in den Hosentaschen. Vorsicht vor Tumult und Ablenkung! Manche Menschen benötigen einfach viel Platz. Anfangs wehre ich mich noch, dann wird es richtig voll und völlig egal, welcher Körper sich wo befindet. Das eine oder andere dazugehörige Gesicht versucht ein Lächeln. Ein junger, bärtiger Typ setzt sich beim Drängeln in den hinteren Wagenteil kurz auf mein Knie, ich drücke ihn weg, er redet dann auf portugiesisch auf mich ein, ich sage, er soll nicht auf meinem Knie sitzen. Ah, du bist Hitler, sagt er auf englisch zu mir. Was, du bist ja Hitler. Bist du Hitler, schreit er mich an. Ja klar bin ich Hitler und signalisiere ihm, was für einen langen Bart sein Spruch hat.
„Pickpockets“ habe ich vergessen. Der Typ nervt durch seine Nähe und seine Dreistigkeit. Was soll ich sagen? Selber Salazar, du portugiesischer Diktator? Das ist doch deine Projektion des portugiesischen Faschismus auf mich Deutschen, sage ich. Das war ich nicht, mit dem Dritten Reich, sage ich nicht. Mein Vater war im KZ, sage ich auch nicht, obwohl es stimmt. Kollektivschuld? Gilt die für alle? Außerdem bin ich nie als Deutscher im Ausland unterwegs. Leck mich. Jemandem im Ausland eine rein zuhauen ist nur eine theoretische Option, auch wenn das ein starker Impuls ist. Außerdem wäre ich dann noch mehr Hitler.

„Pickpockets! Nutzen den Tumult. Achten sie bei Tumult auf Ihre Taschen“.

Ich könnte ihm erzählen, wie Hitler das rosa Kaninchen stahl. Vielleicht würde er sich beruhigen? Die Geschichte der Rettung einer jüdischen Familie, bei der lediglich das rosa Kaninchen der Tochter konfisziert wurde? Das wäre eine schöne paradoxe Intervention. Hitler hat das rosa Kaninchen geklaut. Ich schweige, warte auf eine weitere Reaktion. Doch dann drängelt er sich über die Fahrgäste in der Reihe hinter mir. Selber Hitler. Er legt sich über ein japanisches Ehepaar und nervt mit Selfies, die er durch das geöffnete Fenster auf sich schießt. Aufdringlich, drängelnd, provozierend. Die nächste Haltestelle. Eine junge Frau mit rot lackierten Fingernägeln steht plötzlich neben mir und ist gleich wieder ausgestiegen. Die Bahn fährt an, dann Schreie hinter mir: „Driver stop! Stop, stop!“ Es sind die Japaner hinter mir. „Driver stop, they stole my money!“ Der bärtige Salazar ist plötzlich weg. Mit der Frau und dem Geld. Genauer betrachte hat Hitler ja den Japanern das Geld geklaut. „Pickpockets!“.

A- Menor – Fado in São Luis. August 2017

A- Menor – Fado in São Luis. August 2017.

Gästebucheintrag“.

Sao Luis ist etwa zwei Auto-Stunden von Lissabon entfernt. Ein kleiner Ort im Alentejo. Ich steige nach einer Fahrt mit langen Staus aus dem Auto, gehe den mit roten, staubigen Sand bedeckten Weg zum Haus, setze mich in einen Sessel auf der Veranda. Eingebettet im Nirgendwo.

Die Ruhe fällt über mich her, fällt direkt auf mich drauf. Mein Körper sackt in sich zusammen, der erste Gedanke an eine Lähmung löst sich in Entspannung und Rührung auf. Ich kann nicht erfassen wie das geschieht. Wie ist es möglich, so zu empfinden? Wo komme ich her, dass ich diese Wirkung erfahre? Die Energie dieses Ortes ist einfach nur elektrisierend für alle Sinne. Als würden sich sämtliche Poren öffnen. Stille, wenn auch leise von Musik inspiriert, der Blick scheinbar endlos über einen Pool in die kleine Bergwelt, eher Hügel, in ein kleines Wäldchen hinein gerichtet, im Kontrast zur Autostraße, ein Kontrapunkt zu Lissabon und dem Leben an sich. Augenblicklich angekommen im Naturarte in São Luis.

Kann sein, dass ich jetzt mitten in einem Fado angekommen bin, ohne es zu wissen. Der Fado mit einem festen Rhythmus und einem Harmonieschema, ein melodisches Motiv mit leichten Variationen. Saudade, Sehnsucht, Gefühle. In einem Ort der Sehnsucht, in der Mitte dieses Liedes angekommen.

Möglicherweise ist hier ein solcher Ort, in einem Fado. Ein Fado menor, ein Fado in einem langsamen Tempo gespielt. Aus Lissabon habe ich bereits etwas mitgenommen, von der „Saudade“. Die Dichter, die Poeten. Fernando Pessoa, Sá- Caneiro mit seinem Feminina „Eu quiera ser mulher pra me poder estender..“ (Eine Frau zu sein und mich neben meinen Freunden räkeln zu können, mich zu schminken, tun was ich will..), Florbela Espanca antwortet vielleicht: „Deixa dizer-te os lindos versos raros, que a minha boca tem pra dizer, lass mich dir ein außergewöhnliches Gedicht vortragen, indem ich Deine Lippen nicht geküsst habe…“. Beide beschreiben intensive Gefühle in jungen Jahren und sind beide früh aus ihrem Leben gegangen.

Berührend wie im Fado, der überwiegend das Leid, die Sehnsucht aber auch den Zusammenhalt der Portugiesen zum Thema hat.

Fado wird am Abend tatsächlich zelebriert. Eine Improvisation im geräumigen Wohnzimmer eines wie ein großzügiges Herrenhaus wirkenden Gebäudes. Sessel, Daybeds und Sofas sind im Raum in einem Quaree verteilt. Antike Möbel, Kamin, Schreibtisch. Rui spielt Gitarre, gibt dem ganzen die Basis, den Grundsound. Vorerst, denn wir warten auf den Solisten mit der 12saitigen Fadogitarre, der guitarra portuguesa, die den Lead übernimmt. Zwei Fadosänger gesellen sich hinzu, gestandene Herren. Einer ist ein bescheiden wirkender Mann, kräftig, setzt sich neben den Gitarristen auf eine Couch. Der Herr auf der Couch beginnt unvermittelt zu singen, eine wohlklingende Zeile, wohltönend, wird aber schnell vom zweiten Sänger unterbrochen, korrigiert.
Dieser ist ein langer schmaler Mann mit geschwungenem, an den Enden spitzen Schnauzer. Eine elegante Stimme. Ernsthaftigkeit hält Einzug.
Der Takt wird vorgegeben, der Arm fährt auf und ab. Der Gesang wird vorgemacht. Der erste Sänger hat eine volle, angenehme Stimme, aber die war vorerst verstummt. Der Schnauzbart ist vielleicht noch sicherer im Auftritt. Wie er erzählt, hat er 45 Jahre in Hamburg verbracht, Platten gemacht, Fado gesungen, Fado komponiert. Jetzt ist er Rentner. Sein Geschäft in der Eiffestraße hat er aufgegeben. Weiterlesen „A- Menor – Fado in São Luis. August 2017“

Widerstand – Begegnungen 1934

Aus: Jens Gärtner, Die Kunst des Selbstrasierens, dokumentarischer Roman, 2014.
Feldhaus Verlag, Hamburg

 

Lüttich, August 1934, Begegnungen im Widerstand gegen die Nationalsozialisten. Mit dem Fahrrad die Informationen aus dem Ausland nach Deutschland schmuggeln – und umgekehrt. Tarnnamen: „Die Kunst des Selbstrasierens“.

Herzklopfen. Hoffentlich hält der Reifen bis Hamburg. Der Schlauch quoll an einer Stelle aus dem Mantel. Heinz konnte ein Fahrrad relativ schnell reparieren. Normalerweise. Das hier war aber nicht normal. Es war anders, als bei seinen sonstigen Fahrradreisen. Es blieb ihm dennoch nichts anderes übrig, als kräftig in die Pedale zu treten. Den Reifen zu flicken traute er sich nicht, zu viel Wasser von oben und der Zug würde am Bahnhof nicht auf ihn warten. Zu allem Überfluss hatte er sich ein weiteres kleines Loch in den Reifen gerissen. Im Schlauch die illegalen Schriften der „Sozialistische Aktion“ verstaut. Die ganze Anstrengung wäre vergeblich, wenn die Reifen nicht hielten. Der Weg umsonst, die Schriften aus dem Ausland nass und unlesbar. Das Dünndruckpapier in seinen Fahrradreifen aufgeweicht, was für eine schreckliche Vorstellung. Die wertvollen Informationen der SPD im Exil. Mühsam hergestellt. Die Ergebnisse der Diskussionen der Genossen dort. Texte, die anspornen und Handlungsrichtlinien sein sollten.

Der Regen wehte ihm von der Seite unaufhörlich hinter die beschlagenen Brillengläser. Er atmete in seine locker zugebundene Kapuze, zählte die Umdrehungen und versuchte die gefahrenen Kilometer zu schätzen. Er fuhr sich in eine leichte Trance. Im Kopf Beethovens Neunte, der dritte Satz, „Fester Mut in schwerem Leiden…“ Dann die Fünfte. Er kannte beide auswendig. Mit seinen Genossen wanderten sie so oft es ging von Winterhude zur Musikhalle oder zur Staatsoper in die Innenstadt. Die meisten von ihnen liebten Musik und viele spielten selbst ein Instrument. Hinter den Pfeilern auf den billigen Studentenplätzen der Musikhalle konnte man die Musik noch ganz gut hören. Sehen konnte man die Musiker nicht, aber die Akustik war hier gut. Er liebte diese Musik. Beethoven, kraftvoll. Mozart ließ ihn abheben, die Gefahren vergessen. Den braunen Gestank, die Speckhaken der Nationalsozialisten. So oft es ging, versuchte er mit den Winterhudern und manchmal auch mit den Eimsbütteler Genossen jede Gelegenheit zu ergreifen, in die Oper oder ins Konzert zu gehen. Diese Musik erwachte jetzt in seinem Kopf und klang in seinen Ohren. Es gelang ihm sehr gut, sich darauf zu konzentrieren. Diese Klänge, die brennenden Beinmuskeln und der anhaltende Regen ließen die Fahrt surreal werden. Von seiner Umgebung nahm er kaum etwas wahr.

Er würde bald eine kurze Pause machen müssen. Etwas trinken, ein Stück vom Apfel abbeißen. Kräfte einteilen. In die Kopfmusik hinein schoben sich die Gedanken an seine Mutter. Was er tat, war richtig, davon war er überzeugt. Was halfen all die Ansichtskarten, die er von jeder Zwischenstation versandte, gegen die Angst seiner Mutter und ihr schwaches Herz? Ein Lebenszeichen von ihm auf seiner weiten Reise mit dem Fahrrad. Immerhin ein kleiner Trost, beruhigte er sich. Ich bin auf dem Rückweg, Mutter, rief er in den Wind. Vielleicht eine Ahnung von der Zerbrechlichkeit des Lebens. Ihres arbeitsreichen Lebens mit den vier Kindern und den Eltern im Haus. Alle wollten versorgt werden. Er selbst war noch mit einem Fuß im Paradies der unsterblichen Jugend, mit einer unglaublichen Leichtigkeit ausgestattet, mit dem anderen Bein in einem tödlichen Umfeld. Unvermittelt lachte er Tränen, voller Zuversicht. Freute sich, dass er mit seinen 17 Jahren so viel Freiheit hatte. So viel Freiheit in dieser undemokratischen deutschen Welt. Die Freiheit, sich für die richtige Seite zu entscheiden. Gegen die Nazis, für den Sozialismus.

Diese Freiheit, diese Demokratie wollte er bewahren, für sich und für die Menschen allgemein, das hatte er aufgeschrieben in seiner Abschlussarbeit über Faschismus in der 10. Klasse. Er war Pazifist und hasste Gewalt. Doch gegen die Nazis musste man kämpfen. Er wusste von der Lebensgefahr, die damit verbunden war, wies den Gedanken jedoch weit von sich. Er glaubte einfach nicht daran, dass ihm etwas passieren konnte. Weiterlesen „Widerstand – Begegnungen 1934“

Stent up and live

Ich gehe wohin

Der Tod will mich küssen
Mit geschürzten Lippen
Im spitzen Gesicht
Aber ich will noch nicht

Jetzt schickt er hohen Blutdruck
Kalten Schweiß und Schüttelfrost
Schwindel und
Kontrollverlust
Angst ist seine Kunst

Noch kann ich sie besiegen
Wohl bleibt er ein ständiger Begleiter
Jetzt soll er mich nicht kriegen
Aus Angst vor ihm zu sterben
Ist der falsche Weg

Vielleicht spielt er gern
Und winkt zum Spaße nur von fern
Von dort wo ich ihn sehe kommt er nicht herbei
Sondern von überall
Ich winke ihm zögernd zu
Vielleicht lässt er mich noch in ruh

Bis ich ihn entspannt begrüßen kann
Mit ihm auf Du und Du vielleicht
Doch wenn er einen zu sich zieht
Ist es zu spät wenn man ihn sieht.

Ich glaube ich kann das nicht
Gelassen sehn
Komme ich ihm in den Sinn
Gehe ich woanders hin