Heinrich- ein Leben zwischen Kriegen.

Heinrich – ein Leben zwischen Kriegen 1877 bis 1947

Heinrich saß allein in der Küche in der Peter-Marquard-Straße in Hamburg. Vor einigen Tagen war sein Sohn von der Gestapo verhaftet worden. Seine Frau hatte ihm gesagt, er solle alles aufschreiben. Über sein Leben, seine Familie – bevor es zu spät wäre. Jetzt schrieb er mit feiner Handschrift auf lose Blätter, festes, gelbes Papier.

Heinrich hatte den ersten Weltkrieg überstanden, obwohl er die ganze Kriegszeit über gedient hatte. Nur kurze Urlaube und Genesungszeit nach Verwundungen hatten im kurze Unterbrechungen beschert. Er unterhielt sich gern mit seinem Sohn Heinz. Heinz war schon als Junge an Politik interessiert. Aber Heinrich war ein vorsichtiger, verschwiegener Mann geworden und überlegte auch seinem Sohn gegenüber genau, was er sagen wollte. Die Jugend war ungestüm, die Erfahrung mit Tod und Verfolgung hatten sie noch nichtoder nur am Rande gemacht. Gehört ja, dies und das. Auf der Straße etwas mitbekommen.
An einem dieser Gespräche am Abend hatten sie bereits lange diskutiert. Die Dämmerung hatte sich in die Küche geschlichen.Heinrich strich sich über seinen Schnauzbart. Das Gespräch hatte ihn angeregt, aber nun war er sehr müde. Seine Gedanken schweiften in seine eigene Jugendzeit ab. Es war eigentlich immer ein kleiner täglicher Kampf gewesen, erinnerte er. Auch nach dem Kriege, als der Kaiser weg war. „Dagegen ist es jetzt ruhig, also mach dir nicht soviel Gedanken“, meinte er zu Heinz. Der ließ jedoch nicht locker. Also musste sein Vater noch einmal erklären. Für Heinz war vieles noch unklar. Er würde darüber viel lesen müssen, das war ihm schon bewusst. Die Revolution 1919 und die Ereignisse von 1920 kannte er nur aus Erzählungen. Aber woran er sich dunkel erinnerte, waren die Hausdurchsuchungen während des Kapp-Putsches.
Immer wieder musste der Vater davon erzählen. Im Laufe der Zeit hatte der Vater sich eine fast vortragsreife Version zurechtgelegt, die etwa so ging: „Der Kapp Putsch 1920 war ein Aufstand von rechts, der sich gegen die Weimarer Republik richtete. Ein Aufstand von Landsknechten, alten Offizieren und Teilen des Adels, benannt nach seinem Anführer Kapp, einem Beamten. Dieser Putsch wurde aber dann glücklicherweise schnell mit einem Generalstreik beendet. Noch war die Republik stark genug, die Verbindung zwischen den Faschisten und dem Kapital noch nicht so ausgeprägt. Allerdings durften unter Duldung der Polizei insbesondere in Bayern Republikaner beschimpft und zu Tode gejagt werden“, zog Heinrich Gärtner Resümee. „Das Ganze hat zwar nur ungefähr fünf Tage gedauert, aber die Hintermänner blieben unbehelligt, andere Beteiligte sind entkommen. Es gibt einfach zu viele Gegner der Weimarer Republik“. Heinrich, der sonst eher ruhig und beherrscht war, redete sich manchmal dann doch in Rage :“Das kommunistische, bolschewistische Gespenst musste beschrieben und gepflegt werden, um die reaktionäre Reichswehr, die immer noch dem alten Kaiserreich verpflichtet ist, zu legitimieren. Damit wollte man jeder Gegenrevolution schnell begegnen können. Von der Politik, dem Reichstag und den Ministern ist auch heute nichts zu erwarten. Kuhhandel betreiben die, jeder will
seinen Teil für sich sichern. So schnell wie die Kabinette wechseln, kannst du gar nicht gucken. Da ist doch klar, dass überall Enttäuschung und Verbitterung vorherrschen.

Die Soldateska wirtschaftet ungestört weiter. Manche Truppenteile führen sogar ein Fragezeichen am Stahlhelm.“ Heinrich holte eine Zeitung hervor. „Hier, in dieser alten Berliner Volkszeitung, die ich gerade nochmal gelesen habe, schreibt Carl von Ossietzky: ,Übergriffe schlimmster Art sind an der Tagesordnung. Arbeiter, die zur Verteidigung der Republik die Waffe erhoben haben, werden von General von Seeckts ,republikanischen Truppen‘ vor Standgerichte geschleppt. Die Ordnung müsste schließlich hergestellt werden.‘ Standgerichte, dass musst du dir mal vorstellen. Völlig gesetzlos, um mal ein Beispiel für das Chaos zunennen. Mit seiner Reichswehr stellte von Seeckt eine Macht im Staate dar, die völlig unkontrolliert war. Ist schon eine Weile her, aber heute haben wir die Nazis vor der Tür.

Das wird noch schlimmer werden.“

Und es wurde schlimmer, für Heinrich und die ganze Familie. 1936 wurde sein Sohn Heinz im Alter von 26 Jahren wegen Hochverrates verhaftet. Er hatte mit anderen jungen Leuten zum Widerstand gegen das Naziregime aufgerufen.
Für Heinrich Gärtner war die Verhaftung seines Sohnes ein schwerer Schlag. Seiner
Familie Trost zu spenden, fiel ihm schwer. Er hoffte, dass Heinz in Hamburg bleiben würde. Der Gestapokeller im Stadthaus an der Stadhausbrücke und das Kola-FU waren für die meisten die üblichen Stationen. Manche wurden auch wieder freigelassen. Die Hoffnung, dass Heinz am selben Abend zurück sein würde, erfüllte sich nicht. Am nächsten Morgen erreichte ihn eine kurze Nachricht auf einem kleinen Blatt Papier:

„Herrn Heinrich Gärtner, Hamburg, Peter Marquard-Straße 14 I.

Es wird Ihnen mitgeteilt, dass Ihr Sohn Heinz Gärtner, geb.1.3.1916 Hbg., wohnhaft bei Ihnen, am 27.4.36 wegen politischer Umtriebe in Schutzhaft genommen ist und sich im Konzentrationslager Hbg.-Fuhlsbüttel befindet. Geheime Staatspolizei Hamburg 27.4.1936. Dr. A. Stummer.“

Heinz blieb in Haft.

Im Laufe der Zeit wurde Heinrich Gärtner noch stiller, in sich gekehrt. Er versuchte so gut es ging, seiner Frau zur Seite zu stehen. Doch seine Frau Clara starb an gebrochenem Herzen, vier Wochen nach Heinz Verhaftung. Herbst und Winter des Jahres 1936 zogen sich. Die Zeit verging langsamer als sonst. Alles schien überhaupt langsamer und mühsamer zu werden, war schwerer.

Seit dem Ende des Krieges war aus ihm ein zurückhaltender Mensch geworden. Über den Krieg sprach er selten, mit Heinz hatte er gar nicht darüber gesprochen. Was war falsch gelaufen in seinem Leben? So viele Tote, das Ergebnis harter Arbeit, Krieg, sein Sohn im Gefängnis, nur eine Zweizimmerwohnung. Aber so lebten viele Menschen, warum sollte er sich beklagen?

Im Jahr seiner Geburt, 1877, befand sich Hamburg in einer Glanzzeit. Die Stadt prosperierte in der Zeit nach dem Krieg gegen die Franzosen 1870/71. Er war der dritte von vier Jungen, Ernst, Max, Heinrich und Harry. Sein Bruder Max starb im zweiten Lebensjahr an Krämpfen. Dass Kinder sterben, war nicht ungewöhnlich, das Leben war zu jener Zeit ein Kampf. Manchmal feierten sie auch lustige Feste, Harry spielt Gitarre und sang. Durch die Schlachterei, die der Vater, Heinz’ Großvater mit seinen Brüdern gegründet hatte, gab es reichlich Wurst und Schinken aufzulegen. „Was grübelst du, Heinrich?“ Seine Frau hatte eine kurze Pause von ihrer Arbeit an der Nähmaschine genommen. Bis zu ihrem Tod hatte sie jeden Abend noch gearbeitet. Heinrich ließ sich eine Weile Zeit mit seiner Antwort.

„Ich muss das wohl alles einmal aufschreiben, jetzt, da Heinz weg ist. Wer weiß, wie lange Zeit ich noch dafür habe.“ Er wollte seine Frau nicht ängstigen. Ihr ging es seit der Verhaftung von Heinz nicht gut, täglich konnte man erleben, wie sich ihr Zustand verschlechterte. Blass, aber aufrecht saß sie an ihrer Maschine. „Um dich sorge ich mich. Heinz ist klug und vorsichtig, der schafft das schon.“ „Vorsichtig? Dann wäre er jetzt nicht im Kola-FU!“ Mitten in der Stadt, mitten in einer Wohngegend hatten die Nazis ihr Konzentrationslager errichtet. Es gab schon Tote dort…

„Kommunisten waren das, aber Heinz ist noch ein Jugendlicher, ich hoffe jedenfalls, dass es einen Unterschied macht.“ Bereits 1933 wurden einige Komplexe der Fuhlsbüttler Strafanstalten mit politischen Gegnern des Nazi-Regimes belegt. Die Gestapo brachte hier ihre Gefangenen unter, Leitung hatten die SA und die SS. Im Mai 1934 waren es schon an die 100 Häftlinge. „Eine Folterstätte in unserer Stadt. Und Heinrich, du weißt, dass bereits eine Verächtlichmachung der Reichsregierung für eine Verurteilung ausreicht. Tote hat es auch schon gegeben, hab ich doch gerade gesagt. Selbst vor Frauen machen sie nicht halt. Oder es heißt, auf der Flucht erschossen, das haben die Genossen doch schon öfter berichtet.“ Clara Gärtner hatte recht. Das wusste auch ihr Mann, aber er konnte es nicht aussprechen. Jeder ahnte es, jeder der es wissen wollte, konnte Gewissheit erlangen. Immer wieder wurde vom Tod der Häftlinge durch Folter, Hinrichtungen und unmenschliche Behandlungen im Kola-FU oder dessen Außenlagern berichtet. Genossen aus der SPD, der KPD und Gewerkschafter, die sich für die Republik eingesetzt hatten, die für eine gerechte Gesellschaft kämpften. „Hingerichtet haben sie wohl noch keinen. Aber zu Tode gekommen sind einige, da ist es doch egal, wie! Ob Heinz wohl seinen Mund halten kann!“ Sie unterdrückte ihre Tränen. Dann trat sie das Pedal ihrer Nähmaschine. Wie stark sind die Frauen in dieser Zeit, dachte Heinrich, ein Mann kann nicht einmal allein die Familie ernähren. Weiterlesen „Heinrich- ein Leben zwischen Kriegen.“

Linkedin Klimakonferenz

Begegnungen auf der Klima-Konferenz oder die heilige Greta von Schweden. Stimmen aus dem Publikum, unkommentiert.

Teilnehmer: V.Ball, Unternehmensberater, R.Corby, Autor, Frau A.Zucker, Investmentberaterin, J.Von Acker, Wissenschaftler, G.Staub, Manager und Fachbuchautor, J.Rosengarten, Ingenieur, T. Lund, Patientenanwalt, Professor Zankowsky, Biologe, J Sohn, Wissenschaftler.

V. Ball stellt folgende steile These in den Raum.

Wir waren einmal das Volk der Dichter und Denker. Heute sind wir offensichtlich nicht mehr ganz dicht: Berlins katholischer Bischof Heiner Koch hat die Vorbildwirkung der Schwedischen Klimaschutz-Heiligen Greta Thunberg mit der von Jesus Christus verglichen. Für mich ist damit so eine Art Endstadium der bizarren gesellschaftspolitischen Rückwärts-Evolution Deutschlands erreicht: Aus einer weltweit beispielhaften Demokratie haben wir uns zurückentwickelt zu einer beispiellosen Bürokratie – zurzeit befinden wir uns in einer gesellschaftsweiten Ideologie – und der Berliner Bischof stößt jetzt das Tor auf zur Idiotie.

R.Corby:
Ein kleiner Einwurf sei hier erlaubt: Es gibt mehr Blogger als es je Schriftsteller in einer Dekade gab.

V.Ball:
Der Gesunde Menschenverstand ist völlig auf der Strecke geblieben. Der Bildungsrepublik Deutschland gelingt es nicht mehr, den jungen Menschen und den alten 68er-Besserwissern die naturwissenschaftlichen Gesetze unseres Lebens auf der Erde zu vermitteln. Ich wage es trotzdem, ein paar Fakten zu nennen, auch auf die Gefahr hin, dass ich dafür öffentlich gesteinigt werde: Die grünen Wälder in Deutschland, auf der ganzen Erde, sind das Zeichen dafür, welch wunderbare Kraft CO2 entfaltet – denn es gäbe kein Grün auf der Erde, wenn es CO2 nicht gäbe. Das sollten auch grüne Ideologen wissen.

A. Zucker:
Darüber werde ich nachdenken! Danke für diese Sichtweise.

R.Corby:
Den gesunden Menschenverstand hat doch Herr Scheuer, unser Vehrkehrtminister erfunden? Meinen Sie diesen gesunden Menschenverstand? Oder doch das gesunde Volksempfinden?

V. Ball:
CO2 wird zum Feind des Menschen erklärt und ein Untergangsszenario aufgebaut, das keinen noch so belegbaren Widerspruch duldet. Wenn es ein globales, erdumspannendes Thema gibt, dann ist es das Klima. Ich leugne es nicht, dass wir dabei sind, das Klima zugrunde zurichten. Aber Greta sollte besser nach Rio fahren und dort demonstrieren. In Brasilien werden jährlich rund 750 Quadratkilometer Regenwald abgeholzt. Deutschland ist nur mit rund 2,5% am weltweiten CO2 Ausstoß beteiligt! Wir könnten alles auf Null schrauben, es würde nichts ändern. Aber es ist ein willkommenes grünes Feigenblatt. Wir Deutschen werden die vermeintliche Klimarettung teuer bezahlen – auch wenn sich weltweit nichts ändert – und der Rest der Welt schaut mehrheitlich zu.

In der Forschung geht es zudem längst nicht mehr um CO2-Vermeidung, sondern um CO2 -Rückgewinnung. Die Norweger machen es uns gerade vor: Sie setzen Filter auf ihre Industrieschlote, entziehen dem CO2 das O, also das Wasser, und übrig bleibt: Kohle! Die verdichten sie und bauen sie ein in die Hohlräume ihrer früheren Erdölförderung. Das Beispiel zeigt uns den Weg: Es geht um Innovation – nicht um Demonstration!

Bezeichnend für die moralische Erhabenheit einer wachsenden Mehrheit in unserem Land war die Einlassung eines grünen Lehrers aus meinem Umfeld, der meinen neuen Opel SUV kritisierte mit der Frage: „Denkst Du, so ein Auto passt noch in unsere Zeit?“ Er selbst fährt einen Uralt-Volvo in Erinnerung an glorreiche 68er, der aus dem Scheibenwischer-Motor mehr Schadstoffe im Stehen ausstößt, als mein Diesel bei 150 km/h und seinem 6,8 Liter Verbrauch. Herr lass Hirn vom Himmel regnen!

R.Corby:
Wir waren einmal das Volk der Dichter und Denker – heute sind wir nicht mehr ganz dicht? Diese These ist mir auf andere Weise begegnet. Wenn wir schon über Ideologen, Dichter und Denker sprechen – es sind auch andere Populisten in Mode. Im Hansapark war ein anderer mit einer steilen These vertreten: „Jesus ging über Wasser ich gehe über Leichen“ stand auf seinem T-shirt. Er durfte dennoch in die Achterbahn.

Für mich gilt immer noch der Satz: Global denken, Lokal handeln. Allerdings hat sich die Praxis umgekehrt. Wir handeln Global und denken Lokal. Amerika First, Brexit, Grönland nach Amerika.

 

J.von Acker:
Ich dachte zwar immer O wäre Sauerstoff und H2O wäre Wasser, aber mit solchen Kleinigkeiten sollten wir uns bei so viel prophetischer Apokalypse wahrscheinlich nicht aufhalten ?

V. Ball:
Ja, Sie haben recht – auch ein provokanter Redenschreiber wie ich kann sich in der Physik irren. Tut mir leid, dass mein Fehler alles andere überlagert.

G. Staub:

Endlich mal jemand, der dem Wahnsinn die Stirn bietet. Die Ideologie der Grünen wird zur neuen Religion erklärt und jeder, der diese Religion ablehnt ist ein „Sünder“. Wir Deutschen glauben immer noch, dass wir der Nabel der Welt sind und alle nur auf uns schauen. Sicherlich geht es um das Bewusstmachen, aber wir sollten die Kirche im Dorf lassen.

J. Rosengarten

Als weiterführende Lektüre kann ich das Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ von Hans Christian Andersen empfehlen. Für Deutschland gesprochen hoffe ich auf die baldige Ankunft des kleinen Kindes…

 

R.Corby:

Lieber J. Rosengarten, suche das Kind in Dir selbst…es ist in jedem von uns...

T. Lund:

Greta Thunberg is only 16 years old. She is driven by passion. She has in spite of her age been able to reach a whole world, with no academic grades or titles. A young girl who fears what will become of our planet when she watches news and see reports of a Sea where animal life is suffering, more and more species going extinct, and reading reports about pollution in air, land and sea from the waste produced by mankind. She is amazing. People who question her level of knowledge, or put her in a place as expert of science are on the wrong track. Greta has not the scientific data or knowledge. Greta, though has something else. She helps us understand that it is each and every person who must work for a change to prevent pollution of our environment and our planet. If we all do it, we can preserve our habitat. If we continue as before, her generation will start to pay the bill for the environmental decline caused by the actions of our generation.

A. Zucker:

Danke! Sie sprechen mir aus dem Herzen! Ich denke es geht um vieles was nicht geschieht, was aber geschehen soll und ich habe nachgedacht: Die liebe Greta IST wirklich HEILig! Sie trägt dazu aktiv!!! bei die Welt HEILer zu machen – wer kann das von sich selbst behaupten? Ich zitiere T.Lund, weil ich ihm absolut zustimme: „Greta Thunberg ist erst 16 Jahre alt. Sie ist von Leidenschaft getrieben. Trotz ihres Alters hat sie es erreicht, eine ganze Welt zu erreichen, ohne akademische Noten oder Titel. Ein junges Mädchen, das fürchtet, was aus unserem Planeten wird, wenn es Nachrichten sieht und Berichte über ein Meer sieht, in dem Tierleben leidet, immer mehr Arten aussterben und Berichte über die Verschmutzung von Luft, Land und Meer durch die von der Menschheit produzierten Abfälle lesen. Sie ist erstaunlich. Menschen, die ihr Wissen in Frage stellen oder sie als Expertin der Wissenschaft an einen Ort bringen, sind auf dem falschen Weg. Greta hat nicht die wissenschaftlichen Daten oder Wissen. Greta hat aber noch etwas anderes. Sie hilft uns zu verstehen, dass es jeder Mensch ist, der für eine Veränderung arbeiten muss, um die Verschmutzung unserer Umwelt und unseres Planeten zu verhindern. Wenn wir es alle tun, können wir unseren Lebensraum erhalten. …. „Ich denke es geht um vieles was nicht geschieht, was aber geschehen soll und ich habe nachgedacht: Die liebe Greta IST wirklich HEILig! Sie trägt dazu aktiv!!! bei die Welt HEILer zu machen – wer kann das von sich selbst behaupten? Ich zitiere Timo Söderlund, weil ich ihm absolut zustimme: „Greta Thunberg ist erst 16 Jahre alt. Sie ist von Leidenschaft getrieben. Trotz ihres Alters hat sie es erreicht, eine ganze Welt zu erreichen, ohne akademische Noten oder Titel. Ein junges Mädchen, das fürchtet, was aus unserem Planeten wird, wenn es Nachrichten sieht und Berichte über ein Meer sieht, in dem Tierleben leidet, immer mehr Arten aussterben und Berichte über die Verschmutzung von Luft, Land und Meer durch die von der Menschheit produzierten Abfälle lesen. Sie ist erstaunlich. Menschen, die ihr Wissen in Frage stellen oder sie als Expertin der Wissenschaft an einen Ort bringen, sind auf dem falschen Weg. Greta hat nicht die wissenschaftlichen Daten oder Wissen. Greta hat aber noch etwas anderes. Sie hilft uns zu verstehen, dass es jeder Mensch ist, der für eine Veränderung arbeiten muss, um die Verschmutzung unserer Umwelt und unseres Planeten zu verhindern. Wenn wir es alle tun, können wir unseren Lebensraum erhalten. …. “

J. Sohn:
Eine treffende Einlassung. Wenn die Politiker und sogar Kirchenmänner, die Sancta Greta verehren, nur ein Viertel so viel Verstand hätten, wie die meisten der hier Kommentierenden, wäre das sicher hilfreich. Wir müssen uns aber schon an die eigene Nase fassen…  wer hat schon Lust, sich in den Polit-Dschungel zu begeben und sich von Affen und Schlangen beißen zu lassen???

Professor H. Zankowsky

Dichter, Denker – heute? Wie wäre es zunächst mal mit Biologie und Physik auf Mittelstufenniveau? Da passen doch schon 90% aller Politiker und Agitprop-erprobten Redenschreiber…


R.Corby:
Was für eine herrliche Seifenoper! Ein Spiegelbild der politischen Akteure, die das Wort verantwortungsvoll scheinbar an jemanden richten. Oder mit Slovoj Zizek zu sprechen: Die eigene Realität impliziert Dissonanzen. Ist es Tatsache, dass Politiker, Medien und Publikum sich verschwören, um so zu tun, als würden wichtige Dingen überlegt? „Die vorherrschende Ideologie heute ist keine positive Vision irgendeiner utopischen Zukunft, sondern eine zynische Resignation, ein Akzeptieren, wie die Welt `in Wirklichkeit` ist, begleitet mit der Warnung, dass, wenn wir sie zu sehr verändern wollen, der totalitäre Horror folgen wird.“ (Aus: Wie ein Dieb bei Tageslicht S. 274, S Fischer Ffm. 2019.).

An alle hier in herzliches Dankeschön für Ihre Beiträge.

Mein Frühstück mit Hermann- eine stille Freundschaft

mde

Mein Frühstück mit Hermann – eine stille Freundschaft

Ich muss lachen, ich frühstücke mit Hermann. Nein, nicht ich frühstücke mit Hermann, er scheint mit mir zu frühstücken. So habe ich das noch nie gesehen, als gemeinsames Frühstück. Wir sitzen im Garten besser, ich sitze, Hermann läuft herum. Er guckt manchmal zu mir herüber. Gemeinsam leben wir unsere jeweilige Langsamkeit. Ich benötige zwei Scheiben Brot um satt zu sein. Eigentlich hätte mir eine gereicht, aber es war ein Kastenweizenbrot und saftiges Schwarzbrot in der Küche im Angebot. Also entscheide ich mich für ein Mettbrot auf dem Kastenweizen, und Konfitüre auf dem Schwarzbrot. 30 Minuten benötigte ich, beide Scheiben zu genießen. Hermann dagegen ist noch nicht fertig, obwohl er entschlossen abbeißt, mehrere Bisse auf einmal nimmt. Er kann gut beißen. Das weiß ich daher, weil er bereits öfter und gern mal in meinen Fuß beißt. Dazu stellt es sich auf seine Zehenspitzen. Er benötigt auch länger, weil er seinen Platz am Buffet öfter wechselt, erst guckt dann weiterläuft ohne etwas auszuwählen. Er ist auch eine faule Kreatur, manchmal ist er nur, wenn ich ihm sein Essen portioniere und direkt vor die Beißschiene halte. Es scheint ihm so zu gefallen. Das schließe ich daraus, dass er nicht einfach sein Frühstück nimmt dann abhaut. Gut, ich gebe zu, manchmal muss ich ihn ein wenig lenken. Und ihm seine Grenzen aufzeigen. Wenn ich ihn auf den Tisch setze, muss ich aufpassen, dass er nicht herunterfällt. Wenn er mir direkt gegenüber sitzt, scheinen seine Augen eine grenzenlose Weisheit zu spiegeln. Sie sind tiefschwarz, eine Pupille ist nicht zu erkennen; er schaut mich an wie ein Buch, in dem er liest.
Ich kann ihm alles erzählen was mir durch den Kopf geht, ohne dass er es kommentiert, anders als ein Hund, der wahrscheinlich eigene Geräusche von sich geben würde, schweigt er zu allem und nimmt es auch körpersprachlich kommentarlos auf.
Er ist mittlerweile zwischen 70 und 80 Jahre alt, und in seinem Handeln und Verhalten eigentlich berechenbar, aber man weiß ja nie, denn manchmal setzte sich unvermittelt in Bewegung. Auch schläft er unangekündigt während des Frühstücks ein. Dann frisst er überraschend wieder los. Zeitlich betrachtet, neigte er zum Brunchen. Leider habe ich die Zeit nicht. Hermanns Zeit ist hingegen unerschöpflich. Hermanns Zeit dehnt sich aus, indem sie sich verlangsamt. Im Winter reduziert sich sein Herzschlag extrem. Vielleicht schlägt sein Herz nur einmal in der Minute während seines Winterschlafes. Er scheint ziemlich langsam zu sein, sich kaum zu bewegen, aber dann sind 5 Minuten wieder eine Zeit, in der gänzlich aus meinem Blickfeld heraus verschwinden kann. Einmal ist er im Herbst verschwunden, war unauffindbar und stand im Frühling des nächsten Jahres wieder im Garten, insofern ist er ein zuverlässiger Typ.
Diese Angewohnheit erinnert mich an einen alten Freund. Dieser Freund, ich nenne ihn einmal Hajo, ist auch etwa so alt wie Hermann. Hajo sehe ich nicht mal alle halbe Jahr sondern manchmal auch in Abständen von zwei oder drei Jahren, seitdem er eines Tages im Naturschutzgebiet auf mich zu kam. Unvermittelt, für beide überraschend. Ich hatte mich noch gewundert, wieso mitten im Naturschutzgebiet ein alter Mercedes parkte, mit den mir vertrauten Initialen meines alten Weggefährten. Wie Hermann, wenn der einmal abgetaucht war, stand er wieder da.
Wir frühstücken, gehen spazieren, tauschen uns über unser Leben aus, sodass wir über einen Zeitraum von 50 Jahren immer auf dem neuesten Stand bleiben.
Ich hatte ihn Anfang der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts kennengelernt. Damals war ich ein junger Mann und kam zu ihm in die Abteilung eines Großunternehmens. Es war mein erster Job nach dem Abschluss meiner Ausbildung; ich war jung, wusste alles besser und ließ mir bei nichts helfen. Hajo und seine Kollegen ließen mich machen, bis ich spät in die Abende hinein verzweifelt vor ungelösten Aufgaben saß. Eines Tages kam er nach Feierabend mit zwei halben Hähnchen und zwei Bier zu mir, setzte sich sagte, du hast jetzt nur eine Chance. Die nächsten drei Monate machst du was wir dir sagen. Wenn wir dir sagen hole ein paar Brötchen oder einen großen Kaffee, dann machst du das. Ebenso wenn wir die irgendwelche Aufgaben auf den Tisch legen, gibt es keine Widerrede. Dann sehen wir weiter. Im Gegenzug helfen wir dir aus dem Schlamassel. Das war die Ansage. So wurde ich, anfangs den Tränen – vor Rührung – nah, für einige Wochen der Sklave meiner Kollegen, die aber ihr Versprechen hielten und mich so unterstützen das ich bereits nach 4-5 Wochen sagen konnte, ich habe meine Schuld beglichen. Hajo sah das jedenfalls so. Und wir wurden tatsächlich Freunde fürs Leben. Hajo holte mich die folgenden Jahre jeden Morgen mit seinem Opel Kapitän zur Arbeit ab, hielt die Tür auf und chauffierte mich ins Büro. Vor unseren Urlauben durfte jeder eine Woche vor seiner Abreise alle Arbeiten an die Kollegen übergeben. Nach dem Urlaub wartete ein freier Schreibtisch, der erst nach und nach mit Akten und Nachrichten bestückt wurde. Die Sklavenarbeit hatte sich ausgezahlt.
Später kündigte er, machte sich als erfolgreicher Taxiunternehmer selbständig, ich studierte. Eine Zeit lang hatten wir uns noch privat getroffen. Dann verloren wir uns eine Weile aus den Augen, ohne die Kontakt jedoch gänzlich abzubrechen. Zu unseren Geburtstagen gratulieren wir uns immer per SMS. Dann die Begegnung im Wald. Um mich herum kennt man ihn lediglich aus meinen Erzählungen, ein Phantom, das wie Hermann auf- und abtaucht. Hermann heiß übrigens Hermann, weil er seine ersten Jahre im Teutoburger Wald verbracht hat, in der Nähe des Hermann Denkmals. Hermann der Cherusker. Warum Guru Hermann mich heute an alte Geschichten erinnert?
Das Frühstück scheint ihn geschafft zu haben. Er krabbelt zurück, zu seinem Schlafplatz unter dem abgesägten Blumentopf.

 

 

Ambigue Begegnungen

Das neue Buch ist da!

cover

Erzählungen, die in diesem Blog zum Teil veröffentlicht sind, haben wir vollendet. Darum geht es:
Wenn Sie glauben, dass alles seinen gewohnten Gang geht,dass das Leben in Ordnung ist, können Sie sich darauf verlassen verlassen? Einfach dieses gute Gefühl genießen? Oder verbirgt sich hinter der Normalität des Alltags der Wahnsinn? Was nehmen Sie wahr,wenn Sie denken alles ist gut – oder schlecht?
Fokussierung der Aufmerksamkeit schafft eine Wirklichkeit, die nicht immer wahr ist: Das ist bei allen Begegnungen unvermeidlich. Immer begegnet man sich selbst, auch ohne auf andere zu treffen. Wenn zwei Autoren aus verschiedenen Perspektiven schreiben, eröffnet sich ein breiteres Spektrum von Geschichten und ein Facettenreichtum, der mehr ist als ein Aneinanderfügen von Geschichten. Es entsteht etwas ambuigue(s), etwas Neues im Erzählen. Mit einer gemeinsamen Story erfolgt der Auftakt: Auf der einen Straßenseite schaut eine junge Frau mit Beziehungsproblemen in das Fenster eines Mannes, der den Krieg in Srebrenica als Opfer und Täter überlebt hat und möglicherweise gerade von zwei Frauen ermordet wird – oder auch nicht. Es folgen 20 Erzählungen, in denen Begegnungen und die hieraus entstehenden Beziehungen lebensverändernd wirken. Mit Humor und Zweideutigkeit. Manchmal politisch untermalt, greifen sie aber im Wesentlichen den Alltag auf. Es geht um Sehnsucht, Schuld, Trugbilder, Rache, Verzweiflung, Lust, Emanzipation, Wahrnehmungsstörungen und einfach nur um schöne und berührende Erlebnisse.

Gemeinsam mit Svenja Hirsch veröffentlicht.

https://www.bod.de/buchshop/ambigue-begegnungen-svenja-hirsch-978374945328_source=saleswidget&utm_medium=referral&utm_campaign=saleswidget_large

Auszug:

Lamellen – Begegnungen, eine Vorgeschichte aus dem Buch….
Das Fenster geht über die gesamte Zimmerfront. Auf der Fensterbank steht ein Blumenkübel mit abgebrochenen Stielen einer Blume, von der ich nicht mehr weiß, welche Art es genau gewesen ist. Ich hätte sie mehr pflegen, mehr gießen sollen. Sie sehen traurig aus, trocken und abgestorben. So wie ich. Das Licht des Computer-Bildschirms färbt bläulich auf die Zweige ab, auf meine Hände. Seit einer halben Stunde beobachte ich das Farbenspiel, starre apathisch aus dem Fenster. Ein Wohnblock neben dem nächsten, gebaut in Reih und Glied. Die vielen Eingänge, Türen zu Treppenhäusern, die zu den Wohnungen führen. Zwischendrin nur Balkone, kleine Terrassen und Gärten, ein schmaler Gehweg. Von der linken Seite her rauscht die Straße. Die Fenster gegenüber sind gardinenverhangen. Alte Leute, denke ich und schaue kurz zurück auf den Bildschirm. Nur das eine Fenster, schräg rechts, hat keine weißen, fließenden Spitzenstoffe.
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Eine Lamellenjalousie verdeckt, wenn etwas verdeckt werden soll. Zeigt, wenn etwas gezeigt werden soll, oder deutet an, was sich dahinter verbergen könnte. Ich kneife die Augen zusammen, schaue dann schnell wieder weg. Meine Gardinen sind weiß und schwer, mit großen Ösen, nur zugezogen, wenn ich schlafe. Sonst kann jeder von gegenüber sehen, wie ich alleine und zusammengerollt auf meiner 90 cm breiten Matratze liege. Kein Platz für einen zweiten Menschen in der Ein-Zimmer-Wohnung. Hinter den Lamellen ist ein Schatten. Ein Kind oder ein sitzender Erwachsener. Schreibtischhöhe, meine Höhe. Er bewegt sich und wird länger. Kein Kind, ein ausgewachsener Mensch. Steht frontal, entweder mit dem Rücken oder Gesicht zu mir, breites Kreuz, ein Mann. Meine Gardinen sind zu beiden Seiten aufgezogen, geben den Blick auf mich an meinem Schreibtisch frei. Er könnte mich jetzt gut beobachten oder sehen, dass ich ihn beobachte. Ich schaue weiter zu den Lamellen. Der Schatten bewegt sich, ein zweiter kommt dazu, hinten aus dem Licht einer geöffneten Tür. Oder dem, was ich als die Tür erkenne.
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Ich arbeite, öffne Back-Ends, tippe Codes in Masken und aktualisiere. Die Zeit vergeht, ich fülle die Online-Shops meiner Kunden mit neuen Produkten. Trash, denke ich, doch er bringt mir Geld. Bezahlt die Ein-Zimmer-Wohnung mit dem schmalen Bett. Gerade so. Bestandskunden, die ich während meiner erfolgreichen Zeit als selbstständige Online-Shop-Managerin akquiriert habe. Jetzt betreibe ich kaum noch Akquise, die Kunden schwinden, die Kontakte generell. Drüben brennt noch Licht. Als ich den PC runterfahre, ist es bei mir stockdunkel. Dann werden auch die Lamellen sorgsam von innen geschlossen.
Eigentlich ist es mir völlig egal, was die Leute über mich denken. Sie denken ja eh, was sie wollen. Ich habe meine Fenster gern offen, frei von Stoff, anders als viele hier. Biete, wem auch immer, Einblick. Manchmal nur ein wenig durch schräg gestellte Lamellen. Andere haben lieber Gardinen, vielleicht nur, um sich dahinter zu verstecken. Die Häuser stehen sich eng gegenüber und geben einen freien Blick in das 100-fache Theater in diesen Schaukästen.
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Wie Puppenstuben. Wohnzimmer, Schlafzimmer. Wenn die Häuser nach Norden ausgerichtet sind, kann man auch in die Küchen blicken, in die Töpfe gucken. Sehen, wer alleine lebt, Familienleben, wechselnde Partner, nackte Menschen in allen erdenklichen Situationen. Schamlos, vergessend, dass jemand sie sehen könnte. Das alles wird von vielen gar nicht mehr wahrgenommen, denke ich, für sie ist es wie Autoverkehr, in den sie sich einfügen. Gedankenlos, eng beieinander und dennoch anonym. Wen interessiert das schon. Gegenüber sehe ich im Hintergrund eine bläulich illuminierte Silhouette, die sich im Fenster spiegelt. Wieder so eine einsame Person, die sich am Computer festhält, bis sie einschlafen kann. Ich ziehe mich vom Fenster zurück. Ich sitze gern am Fenster. Wenn ich mich zu sehr beobachtet fühle, schließe ich die Lamellen auf eine Weise, die mir die Möglichkeit lässt, hindurch zublinzeln und das Geschehen auf der Straße, die zwischen den Häusern verläuft, zu verfolgen. Auch die mittleren Etagen kann ich auf diese Weise einsehen, das reicht mir meistens. Ich habe mich einmal in
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das Treppenhaus gegenüber geschlichen, um auszuprobieren, was man von dort aus sehen kann. Manchmal, wenn ich irgendjemanden bemerke, spiele ich auch mit der Fensterverdunklung. Egal wer da guckt. Ein Angebot im Schaukastentheater, ja, das biete ich manchmal.
In den nächsten Tagen brennt die Sonne in meine Wohnung. Tagsüber muss ich den linken Vorhang ein Stück zuziehen, um nicht komplett zu verbrennen. Ich arbeite, sitze, starre gegen den Stoff. Wie eingepfercht in den eigenen vier Wänden, der Blick kann nicht weit schweifen, er bleibt nur wenige Zentimeter weiter stehen, verirrt sich in dem Weiß, bis er ermüdet aufgibt. Nachmittags lässt sich der Vorhang endlich wieder ganz öffnen. Mein Blick wandert jedes Mal zu den Lamellen, jedes Mal dasselbe Spiel: ein Schatten, der hinter dem Rollo sitzt, sich erhebt, einige Zeit wie erstarrt vor dem Fenster verweilt. Ich fühle mich beobachtet und beobachte doch penetrant zurück. So geht es bis zum Freitag. Keine Alternative. Ich kann nirgendwo anders hin, ein Büro kann ich mir nicht leisten…..

Später….

Ich kenne die Frau nur flüchtig. Ich erkenne sie an ihrem alt gewordenen Gesicht. Aber ich weiß nicht mehr, wer sie war, oder gar, wie sie heißt. Es stellt sich auch kein Gefühl ein. Sie sagt, sie kenne mich gut. Sie lacht. Warum lacht sie,
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frage ich mich. Ein Tee? Ein Kaffee? Etwas anbieten oder keine Zeit haben? Ein Tee wäre jetzt doch gut, sagt die Frau. Ich will meine Lamellen ein wenig weiter öffnen, damit die Person von gegenüber, die immerzu bläulich gefärbte Person, teilhaben kann an meinem Besuch, der mir nach der ersten Überraschung gar nicht mehr bekannt vorkommt. Die Frau gegenüber weiß, dass ich zurückgucke, sie muss es wissen, sonst macht alles keinen Sinn. Sie könnte Zeugin sein. Ich weiß noch nicht wovon. Sie steht da am Fenster und ich scheine ein Teil ihrer Welt zu sein. Erst will ich das Teewasser aufsetzen. Es klingelt wieder. Die Frau öffnet, bevor ich bereit bin. Ich weiß nicht, warum ich das zulasse. Es ist außerdem völlig unaufgeräumt. Was soll ich zuerst machen? Schnell schiebe ich den großen Kleiderständer beiseite. Meinen fast zwei Meter hohen Butler, der wie immer vollgehängt ist, mit mit Kleidungsstücken, die ich in den letzten Wochen getragen habe. Meine Bewegungen sind zu abrupt und das Monstrum kippt, in Zeitlupe zwar, aber unaufhaltsam zu Boden. Es fällt leicht, weich und leise,
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gedämpft durch den Berg von Klamotten. Lärm macht lediglich das rahmenlos verglaste Poster, welches im Fallen von der Wand gerissen wird. Dann stehen unvermittelt zwei Frauen im Raum. Sie lachen, sie freuen sich anscheinend über das Chaos. Sie sehen sich an und lachen wieder, die zuletzt gekommene Frau sagt: „Ich gehe dann mal in die Küche.“ Sie schwingt sich dynamisch, mit dunkelgrünen Highheels beschuht, in Richtung Küche. Woher weiß sie, wo die Küche ist, denke ich noch, bevor die erste Frau, die mit dem alten Gesicht, sagt: „Wir haben Kekse mitgebracht.“ Ich komme nicht darauf. Wer ist sie, und Kekse, was für Kekse? „Wir trinken erst einmal einen Tee und dann räumen wir auf, nicht?“ „Woher kennen Sie mich?“, frage ich. Mittlerweile sitze ich auf meinem Sofa, von wo aus ich sowohl den Raum als auch das Fenster sehen kann. Sie sagt nichts, lächelt aber freundlich. Dabei blitzen zwei silbern überkronte Schneidezähne aus ihrem Mund. Das Dorf, sagt sie nach einer Weile, und jetzt blitzen auch ihre Augen. Aber sie sieht aus wie jede Frau aus einem Dorf, jedenfalls in ihrem Alter sieht sie aus wie jede Frau.

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Auf dem Dachboden gefunden. Notizen aus dem Jahre 1986.

Juristen, Nationalsozialismus und Neonazis 1986 in Hamburg: Der Fund auf dem Dachboden.

Ich stelle diesen Text unkommentiert zur Verfügung – die Entwicklung des rechten Spektrums als Folge einer unvollkommenen Aufarbeitung der NS Verbrechen zeigt, dass Verstaubtes noch aktuell ist. Ein paar Staubkörner, aus denen weitere Verbrechen entstanden sind:

Das offizielle Geschichtsverständnis in Hamburg Stand 1986

In einer Stadt, in der ausländerfeindliches Denken bereits tödliche Konsequenzen hatte, sollte man sich bewusst machen, dass die Ausgrenzung von Minderheiten nicht von den Nationalsozialisten eingeführt wurde, sondern dass diese an die Vorurteile der Weimarer Republik anknüpfen: Vorurteile gegen Juden, Roma, Sinti, Homosexuelle und Behinderte.

Es ist nach 1945 nicht gelungen, die Ausgrenzungen zu beseitigen. Warum das in Hamburg so ist und warum dieses Auswirkungen auf die Rechtsprechung hat, werde ich im folgenden darlegen. Dabei werde ich auf die allgemeine politische Handlungsweise eingehen und im besonderen die Situation im Bereich der Justiz und der Rechtsprechung beschreiben

In seiner oben bereits erwähnten Rede betonte der damalige Bürgermeister von Dohnanyi, dass eine Geschichtsforschung keine Namen nennen solle, da Versäumtes nicht nachzuholen sei und es nicht um persönliche Schuldfindung gehe.

Das steht m.E. einer Bewusstwerdung konkreter Geschichtsereignisse im Wege und macht Geschichte abstrakt, macht weniger betroffen. Einer Bewusstwerdung konkreter Geschichte steht auch im Wege, dass z.B. kommunistische Opfer der NS-Herrschaft häufig unerwähnt blieben, wie z.B. auf der Rathausgedenktafel für die Opfer des Faschismus.

Wo die Opfer nicht genannt werden, ist es schwierig die Täter zu erkennen. In diesem Zusammenhang ist auch zu erwähnen, dass die 1951 bundesweit verbotene VVN nach ihrer Wiederzulassung lediglich in Hamburg bis 1967 vor dem Bundesverwaltungsgericht erstreiten musste.

Der „Forschungsstelle für die Geschichte des Nationalsozialismus in Hamburg“ ist es – aufgrund unzureichender finanzieller Ausstattung – erschwert worden, zur Verdeutlichung der Geschichte beizutragen. Eine bessere Unterstützung der „Laienforscherbewegung“ wäre auch notwendig gewesen.4)

1985 hielt die Forschungsstelle selbst es nicht für möglich, ihrem Auftrag in absehbarer Zeit nachkommen zu können. Die SPD und der SPD-Senat erschwerten zum Teil die Auseinandersetzung mit der Geschichte, da das Verhältnis zu den Kommunisten und den kommunistischen Widerstandskämpfern belastet ist, was aufgrund ihrer historischen Erfahrungen sicher verständlich ist.

Eine von der Behörde für Jugend, Arbeit und Soziales in Auftrag gegebene Broschüre über das Verwaltungshandeln in der NS-Zeit wurde nicht veröffentlicht, da man mit dem Inhalt nicht konform ging.

Bereits von dem ersten Hamburger Nachkriegsbürgermeister Petersen wurde öffentlich verbreitet, in der Hansestadt sei der Faschismus humaner als anderswo gewesen, hier habe das bürgerliche Element gebremst und außerdem sei Hitler selten in Hamburg gewesen. Tatsächlich fanden 31 Führervisiten statt.

Der ehemalige Nazi-Bürgermeister Hamburgs, Krogmann, berichtete unbeanstandet, was für eine Farce die so­ genannte Entnazifizierung war. Sein Buch: „Es ging um Deutschlands Zukunft“ angefüllt mit NS-Propaganda, erschien 1976.

Der Hamburger Senat befindet 1965 in einem Gedenkbuch über die Deportation von Juden: „Die Abfertigung in Hamburg waren vergleichsweise erträglich, ja im Vergleich zu anderen Orten human. Folgende abschließende Zusammenstellung von Aussagen führender Persönlichkeiten soll das „öffentliche“ Bewusstsein in Hamburg verdeutlichen: Heinrich Heffter, erster Leiter der Forschungsstelle sah sich 1950 sogar veranlasst, die Toten aufzurechnen: „An die Zahl jener (Anm.: alliierter) Luft­ angriffe kommt die Gesamtzahl der im KZ Neuengamme gestorbenen Häftlingen nahe heran.“ Max Brauer, ehemaliger Bürgermeister nach Kriegsende, hatte, obwohl Antifaschist, keine Impulse zur Aufarbeitung der NS-Vergangenheit gegeben, kritisiert Skrentny.6)

Bis Anfang der 50iger Jahre kehrten weit über 90% der 1945 entlassenen nationalsozialistischen Beamten, Angestellten und Arbeiter wieder in den Staatsdienst zurück. Max Brauer gestand 1953 ein: „Die Bevölkerung wird entsetzt erkennen, welche Unsummen der Staat heute an ehemals führende Nazis zu zahlen hat.“ Die milden Urteile gegen Hamburgs prominente National­ sozialisten lösten immer wieder Proteste aus. „Es ist wohl kaum zu bestreiten, dass heute schon wieder sehr viel Mut dazu gehört, sich dazu zu bekennen, Widerstandskämpfer gewesen zu sein, dass man politisch oder gar rassistisch Verfolgter ist.“ (FDP Abgeordneter Harald Abatz 1951 in der Bürgerschaft.) Von 1956-60 war die Forschungsstelle stillschweigend stillgelegt, was erst durch Überprüfung durch den Haushaltsausschuss auffiel. Heinrich Landahl, Schulsenator erklärte 1958, eine Bücherverbrennung habe in Hamburg nicht stattgefunden (es gab zwei). Der Sozialdemokrat Walter Schmedemann, Widerstands­ kämpfer und Inhaftierter, 1961 als Gesundheitssenator: „Lebenswertes Leben sei durch die sog.Euthanasie keinesfalls vernichtet worden. Ein Hamburger Richter nannte die Opfer dieser Vernichtungspolitik leere Menschenhülsen-.“ Nicht unerwähnt lassen möchte ich die im November 1985 von der Hansestadt Hamburg in den Bundesrat eingebrachte Gesetzesinitiative zur Aufhebung eines Teils der NS-Urteile.

Justizsenatorin Leithäuser nannte als Grund für die erst 40 Jahre nach Kriegsende ergriffene Initiative die verstärkte Propaganda von Neonazis und das sogenannte Ausschwitzlügegesetz. Die Summe, der in Hamburg von der Neuregelung betroffenen Urteile ist nicht bekannt. Aus einem Aktenzeichen sei zu ersehen, dass 1.733 Fälle allein von Hamburger Sondergerichten behandelt wurden. Zahlen über den gesamten Zeitraum gäbe es nicht. Für die beteiligten Richter und Rechtsanwälte hat die Gesetzesinitiative keine Konsequenzen.

Die Hamburger Justiz und die Bearbeitung des Nationalsozialismus nach 1945

Geschichte ohne Namensnennung, wie von Hamburgs l. Bürgermeister Dohnanyi gefordert, politisch motivierte Amnestien zur Absicherung der Westintegration, Freispruch bzw. Nichtanklage von Nazigrößen, der Freispruch der NS-Justiz und die schnelle Beerdigung der politischen Auseinandersetzung über das NS-System haben ermöglicht, dass in Hamburg die Ermordung von 55.000 Menschen im Konzentrationslager Neuengamme von der Justiz nicht zur Kenntnis genommen wurde.Erst durch private Initiative des Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft Buchenwald, Rudolf Gottschalk, der sich nach einem entsprechenden Strafverfahren erkundigte und Recherchen und Veröffentlichungen durch Günther Sehwarberg ist, z.B., die Geschichte der Kinder vorn Bullenhuser Damm einer breiten Öffentlichkeit bekanntgeworden. . Dem Hauptverantwortlichen, Arnold Strippel, SS-Ober­ sturmführer und Leiter des Wach-Kommandos Spaldingstraße und Bullenhuser Damm, wurde nach 1945 kein Prozess wegen der Verbrechen am Bullenhuser Damm gemacht. Erst nach o.g. Initiative wurden die Staatsanwälte tätig. Dem zuständigen Staatsanwalt Münzberg, damals 1964, 30 Jahre alt, war weder der Name Strippel bekannt, noch gab es im Staatsarchiv, noch bei der Staatsanwaltschaft Unterlagen, obwohl Strippel im sog. Hamburger-Curio-Haus-Prozeß vernommen wurde. Münzberg fand die Protokolle über den Curio-Haus-Prozeß im Keller der britischen Botschaft in Bad-Godesberg. Ich werde auf den Fall Strippel weiter unten ausführlicher eingehen.

Unwissenheit gibt es in Hamburg nicht nur in Einzelfällen. Die wichtige Frage, welche NS-Richter nach 1945 wieder in den Staats­dienst übernommen wurden, kann der Hamburger Senat nicht beantworten. Am 14.02.1985 stellte die

GAL-Fraktion der Hamburger Bürgerschaft folgende Fragen an den Hamburger Senat(Drucksache 11/3723):

NS Justiz und Verfolgung von NS-Verbrechen

  1. Der Bundestag hat festgestellt, dass der sogenannte „Volksgerichtshof“ ein „Terrorinstrument zur Durchsetzung der nationalsozialistischen Willkürherrschaft“ war. Seinen Entscheidungen soll deshalb keine Rechtswirkung zukommen. Den Opfern und ihren Familien wurde Achtung und Mitgefühl bezeugt. Damit ist – 40 Jahre nach der Niederlage des Hitler­ Faschismus! – die Rehabilitierung der Opfer der NS-Justiz einen Schritt weiter vorangekommen. Die Täter sind aber auch diesmal außerhalb des Blickfelds geblieben. Wir fragen deshalb den Senat:

    Wie viele Richter, die an NS-Unrechtsurteilen beteiligt waren, haben auch nach 1945 in Hamburg als Richter gewirkt?

    1. Welche Richter sind nach 1945 nicht wieder in den Staatsdienst übernommen worden?

    2. Haben sie von Staatsseite aus irgendwelche Zahlungen erhalten oder erhalten sie immer noch? Wenn ja, welche?

    3. Wie hoch sind diese Zahlungen insgesamt?

    4. Die Entschließung des Bundestags bezüglich des sogenannten „Volksgerichtshofs“ klammert die sogenannten „Sondergerichte“ aus, so dass zu einem Teil der NS­ Unrechtsjustiz weiterhin kein grundsätzliches Wort gesprochen worden ist.

    5. Welche Urteile der „Sondergerichte“ sind- bezogen auf den Hamburger Bereich – weiterhin gültig?

    6. Ist die erwähnte Entschließung des Bundestags für den Senat jetzt der Anlass, sich auch für die Annullierung der „Sondergerichtsurteile“ einzusetzen?

  1. Die Anklage gegen Strippe! wurde im November 1983 erhoben. Die einzige noch mit NS­ Verfahren befasste Kammer des Landgerichts Hamburg prüfte darauf hin bis August 1984(!), ob die deutsche Gerichtsbarkeit anwendbar sei oder ob nach dem Überleitungsvertrag – von den Alliierten abgeschlossene Verfahren dürfen von deutschen Gerichten nicht mehr aufgenommen werden – das Verfahren nicht eröffnet werden kann. Die deutsche Gerichtsbarkeit wurde für anwendbar erklärt, Nebenkläger zugelassen. Gegen die Verfahrenseröffnung legte der Anwalt Beschwerde ein. Diese wurde im Dezember 1984- nach fünf Monaten(!) – zurückgewiesen. Zur Zeit liegt das Verfahren beim Oberverwaltungsgericht Ham­burg.

    1. Wird das Verfahren noch eröffnet?

      Wenn ja, wann?

      Wenn nein. warum nicht?

    2. Die Hamburger Gerichtsbarkeit ist seit den fünfziger Jahren in dem Ruf, NS-Verfahren zu verschleppen. ,.Biologische Amnestie“ ist hier ein Schlagwort. Wie beurteilt der Senat die Verschleppung dieses Verfahrens politisch, unter besonderer Berücksichtigung der in dieser Anfrage hinterfragten gesellschaftlichen Situation?

    3. Was gedenkt der Senat gegen die Verschleppung zu unternehmen?

Der Hamburger Senat erklärt sich nicht in der Lage, die Fragen 34.1. – 34.4. zu beantworten.

Zu den Fragen in Pkt. 35 nimmt der Senat keine Stellung, da hierfür die Gerichte zuständig seien. Tatsächlich gibt es eine personelle Kontinuität im Justizbereich Hamburgs. Ende 1952 waren in der gesamten Verwaltung Hamburgs 87 Prozent der aus dem Staats­ dienst entlassenen Nazis wieder eingestellt.

Nachfolgend gebe ich drei Beispiele:

1. Der Fall Dr. Baier

Der Kraftfahrer Erwin Junghans aus Leipzig war vier Jahre lang arbeitslos gewesen, als er 1936 als Postschaffner angestellt wurde. Im Oktober 1942 wurde er beim Luftgaupostamt in Poznan (Posen) eingesetzt. Er war damals 42 Jahre alt, seit 20 Jahren verheiratet und hatte zwei Kinder. Was veranlasste den nach 1945 Oberstaatsanwalt in Hamburg, Dr. Baier, gegen ihn die Todesstrafe zu beantragen?

„In Posen gab er seinen Arbeitskameraden gegenüber immer wieder seiner Unzufriedenheit mit den bestehen­ den Verhältnissen Ausdruck .•• und vermied es auch, den deutschen Gruß anzuwenden.“

Er habe, als ein Kollege eingezogen wurde, geäußert, „es sollten nur die hingehen, die den Krieg gewollt hätten.“ Nach einem Luftangriff auf Nürnberg soll er gesagt haben:“Und da soll man noch Heil Hitler sagen.“

Das waren Gedanken, die 1943 und 1944 unter dem Eindruck der Luftangriffe und des verlorengehenden Krieges Millionen in Deutschland hatten. Allein deshalb klagte der damalige Staatsanwalt Dr. Baier Junghans vor dem Oberlandesgericht Posen „wegen Wehrkraftzersetzung“ an. Am 20.Juli 1944 wurde Junghans gemäß dem Antrag des Staatsanwaltes Baier zum Tode verurteilt.

Dabei wurde ihm die vom Gesetz verlangte Absicht der „Wehrkraftzersetzung“ – Aktenzeichen: 2 OJs 31/44 – einfach unterstellt, da durch seine Äußerung „auch der Siegesglaube eines gefestigten Deutschen ins Wanken geraten könnte.“

Nicht einmal der oberste Nazi-Blutrichter, Freisler, bestand auf Vollstreckung dieses Urteils. Er stimmte einer Umwandlung der Todesstrafe in zehn Jahre Straf­lager zu – die freilich einem Todesurteil gleichkamen; denn aus den Straflagern gab es in den seltensten Fällen eine Rückkehr.

Den Geist dieses Gerichtes bringen auch Sätze wie dieser zum Ausdruck:

„Als Wehrkraftzersetzung ist jede Störung oder Beeinträchtigung der totalen völkischen Einsatzbereitschaft zur Erringung des Endsieges in dem uns aufgezwungenen Krieg anzusehen. die Wehrkraft oder der Wehrwille braucht nicht tatsächlich zersetzt zu sein. Es genügt vielmehr die Möglichkeit des Eintritts eines solchen Erfolges.“

Weiterlesen „Auf dem Dachboden gefunden. Notizen aus dem Jahre 1986.“

Unter den Teppich gekehrt

Beitragsbild: Isabel Gärtner

Unter den Teppich gekehrt. Begegnungen 1976.

In der Wohnung im vierten Stock am Schulterblatt verlor sich der Lärm der Straße und die Wohngemeinschaft ließ den Sommerwind in die Küche wehen, der eine feine Untermalung für den abendlichen Austausch bot.
Die Küche war geräumig,der Tisch rund.
„Lass mal hören, Gerrit, wie war´s denn mit Deinen Mieterbefragungen auf dem Kiez?“ Bolko, der rothaarige, spindeldürre Bankangestellte, grinste Gerrit an, als wäre es bereits etwas besonderes und verwegen, sich in der Nähe der Hamburger Reeperbahn aufzuhalten. Hier, rund um die Hein-Hoyer-Straße, sanierte die Wohnungsbaugesellschaft und wollte gern wissen, wer eigentlich die Wohnungen bewohnt. Viele Mieter behielten die Verträge, wohnten aber selbst nicht mehr in der Wohnung, die sie an Studenten und Menschen aus allen Ländern der Welt untervermieteten. „Kommt Biene noch zum Essen? Dann muss ich nicht alles zweimal erzählen. „Nee“, Susanne, die angehende Lehrerin und am längsten in der WG wohnende Frau kicherte. „Die liegt mit einem Typen im Bett und arbeitet empirisch an ihrem Roman `Weg mit der Scham´ oder so ähnlich. Sie will beweisen, dass alle Männer Schweine sind.“ „O.k., beeindruckend“, sprudelte Gerrit unbeeindruckt los. „Ich meine nicht Biene in diesem Fall. Also: Ein verrückter Alter wollte mich gar nicht mehr gehen lassen. Ich hatte kaum Gelegenheit, mit ihm über die bevorstehende Sanierung zu sprechen. Hat von Verschwörungen gefaselt. Von Judenverfolgung. 1976! Ganz eindringlich hat er gesprochen; ich musste ihm zusagen, wieder zukommen. Was mich beeindruckt hatte: Alle Zimmer waren in drei bis vier Lagen mit dicken Teppichen ausgelegt. „Sie wundern sich junger Mann?“, hatte er gefragt. Gerrit konnte nicht verhehlen, dass er das wundersam fand.
„Das ist meine Lebens- und Rentenversicherung, alles was übrig geblieben ist“, sagte der Herr namens Goldstein. „Als die Nazis begannen, in Deutschland die Juden zu verfolgen, haben wir jüdische Familien versucht, ein paar wertvolle Dinge zu verstecken. Welche Illusionen sich die meisten machten. Sie würden das später wieder abholen, dachte viele anfangs. Ja, ja. Zumindest haben wir es versucht. Goldstein schnaufte, ein Lächeln vielleicht, ein müdes Seufzen, eine wischende Handbewegung. „Sie wissen, wie das ausgegangen ist, nicht wahr.“
Gerrit nickte. Er hatte keine Ahnung, wohin das Gespräch führen sollte und dachte an die anderen Haushalte, die er noch aufsuchen musste. Goldstein fuhr fort: Das ist der Rest, der übrig geblieben ist, glaubt keiner, ist aber so.“
„Entschuldigen Sie die direkte Frage, aber warum sind Sie denn heute, 1976! noch hier, in der BRD, und nicht in Israel?“
Goldstein schwieg eine Weile, kaum auszuhalten für Gerrit, der noch weiter wollte und fand, dass er die Grenze der Höflichkeit reichlich ausgedehnt hatte. „Dort habe ich niemanden und hier wie dort habe ich keine Hoffnung. Ich lebe im Geruch der Teppiche. Seit damals sind sie nicht gesäubert worden. Der Geruch ist noch lebendig. Eine Illusion von Leben mit einer großen Symbolik unter den Teppichen. Alles unter den Teppich gekehrt, damals wie heute. Die alten Nazis sind alle noch am Leben und es geht ihnen gut. Hier in Hamburg. In der Bürgerschaft, in der Wirtschaft und insbesondere in der Justiz.“ Herr Goldstein erklärte ihm das Verschwinden der Täter.
Gerrit fand das auf beklemmende Weise interessant, wie dieser Jude die Vergangenheit verkörperte, noch am Leben war und dann wieder zu entschwinden schien. Er nickte dem Alten zu und wollte sich verabschieden. „Eine Tasse Tee kann ich Ihnen noch anbieten, junger Mann. Geben Sie mir eine Minute von der Ewigkeit.“ Gerrit versuchte sich aus dieser Situation zu befreien. Vielleicht war der alte Herr auch einfach nicht mehr ganz dicht nach all den Erlebnissen. „Ich muss heute weiter, meine Befragungsquote schaffen,“ nutzte Gerrit das Angebot, um sich von dem Mann mit den unergründlich tiefen murmelartigen Augen, die aus einem Gesicht schauten, das kaum Tageslicht gesehen hatte, zu verabschieden. Dieser Mann mit den lebenden Teppichen, wieso lebt er wie in einem Gefängnis, dachte er noch, bevor er sich zum gehen wandte. „Versprechen Sie, wiederzukommen. Ich erzähle Ihnen dann, warum ich in Deutschland geblieben bin.“

„Und gehst Du wieder hin?“, erkundigte sich Bolko. „Habe ich nicht vor, eigentlich. Aber – etwas hat mich berührt. Nicht mal Interesse, eher Widerwille. Ich weiß nicht.
„So eine Teppichstory habe ich noch nie gehört.“ Bolko zuckte mit den Schultern.
Die nächsten Tage setzte Gerrit seine stadtsoziologischen Untersuchungen fort. Zwei Tage nach seinem Gespräch über die lebenden Teppiche stieg er die abgewetzten, knarrenden Holzstufen zu Herrn Goldstein hinauf. Wie schade, dass diese bald Steinstufen weichen würden, wenn die Sanierung abgeschlossen war. Ob das die Teppiche überleben würden? Und Herr Goldstein? Als Gerrit die Dreizimmerwohnung betrat, kam es ihm vor, als läge im Wohnzimmer jetzt ein anderer Teppich obenauf. Wechselte Herr Goldstein die Teppiche? Es schien eher einer zu fehlen. Bei dem Stapel war ein Unterschied allerdings kaum festzustellen. In der Wohnung roch es muffig nach Teer von der Dachabdeckung und alt, nein historisch ist vielleicht angemessener, entschied Gerrit. Es fiel kaum Licht durch die tauben Fenster. Gerrit musste seine Schuhe ausziehen, dann wurde er quasi in einen Sessel gesetzt. Alle Zimmer waren gleich ausgestattet, voller Teppiche, sodass Gerrit unsicher war, ob er dieses Zimmer überhaupt als Wohnzimmer bezeichnen sollte. Goldstein trug eine helle Cordhose und eine rote Weste über einem weißen, weiten Baumwollhemd. Er musste einmal wesentlich kräftiger gewesen sein. Graues, lockiges Haar verlieh ihm etwas würdevolles, leidvolles Unbestimmtes. Weiterlesen „Unter den Teppich gekehrt“