Kernspin. Spinnen im MRT

Wenn man halbnackt in die Röhre gefahren wird um eine Magnetresonanztomographie zu erfahren, ist man nicht mehr die Person, die man kurz zuvor war. Die Wahrnehmung der Dimensionen verändert sich. Es ist, als würde man kleiner, jünger und verliere an Durchsetzungskraft und Selbstbestimmung. Nicht jedem mag es so gehen, nicht jeder mag es sich eingestehen. Mir geht es so. Verschiedenen Stufen der Kompetenz sind mir bekannt. Eines Tages habe ich diese unbewusste Inkompetenz entdeck, Ängste von mir fernhalten zu können. Ich habe keine Angst vor nichts und niemand. Illusion. Dabei kenne ich die Stufen der Kompentenz, die für jederman gelten. Die unangenehmste Stufe auf der Treppe des Selbstbewusstseins ist die unbewusste Inkompetenz. Die Stufen verlaufen von der unbewusste Inkompetenz zur bewussten Inkompetenz, oder von der unbewussten Kompetenz zur bewussten Kompetenz. Zu wissen, was man kann, ist sehr beruhigend. Was man nicht kann, braucht man im Normalfall nicht zu wissen.
In gewissem Maße trifft das auch für Fähigkeiten zu, die man bewiesenermaßen nicht hat. Objektiv betrachtet ist das MRT ein guter Praxistest der Selbstbetrachtung.

Röhren sind demnach nicht einfach nur nichts für mich, sondern ich bin ihnen völlig ausgeliefert.
Als ich noch ein Kind war, musste das anders gewesen sein. Im Stadtpark gab es einen großen Spielplatz mit einem lang ausgestreckten Krokodil, durch das man bäuchlings hindurch robben konnte. Die Krokodilröhre war so eng, dass der Rücken an der Konstruktion scheuerte,wenn man sich nicht klein genug machte. Mir verursachte das Krokodil immer ein wenig Unbehagen. Je größer ich wurde, umso höher stieg die Wahrscheinlichkeit, stecken zu bleiben.
Jetzt bin ich mir immerhin meiner Inkompetenz bewusst, also selbstbewusster. Selbstbewusstsein entsteht aus einem sich-selbst-bewusst sein.
Ich bin es gewohnt, das Sagen zu haben. Das funktioniert meistens, auch wenn ich nicht vorne bin. Das Sagen zu haben bedeutet, dass andere mir folgen. Manchmal bin ich nur hinten und greife korrigierend ein. Wenn andere mir auch folgen, wenn ich nicht da bin, führe ich. So bin ich es gewohnt, habe schließlich lange daran gearbeitet. Soweit ich mich kenne, ist mir die Kontrolle über Situationen und Personen wichtig. Das ist sozusagen mein „Want“. Hier habe ich nichts zu sagen. Stehe entblößt. Die Entscheidung, die ich treffen darf, ist es quasi, die blaue oder die rote Pille zu nehmen. Betäubt und benebelt in diese MRT-Matrix einzufahren. Oder die Realität wahrzunehmen. Ich wählte Letzteres.

Vielleicht treffe ich Morpheus aus dem Film „Matrix“ und kann die Realität überwinden. Ähnlich wie in dem Film „Matrix“, wo die Hauptfigur Thomas Anderson eine großartige Wandlung vollzieht, indem er tagsüber bei einer Software-Firma arbeitet, nachts aber als Hacker Neo im Cyberspace unterwegs ist. Hier stößt er auf den Begriff der „Matrix“ und auf den Namen „Morpheus“. Als er einer geheimen Botschaft auf seinem Rechner folgt, trifft er eine Hackerin. Sie sagt ihm, dass er in Gefahr sei und dass ihm Morpheus mehr dazu sagen könne.
Nun, dass erwarte ich von meiner Reise in den MRT schließlich auch.

Neo wacht dann plötzlich in seinem Bett auf und denkt, er habe nur geträumt. Als die beiden sich endlich treffen, kommt es dazu, dass Neo in einer anderen Welt aufwacht. In einer grauen Welt der Realität.
So fühlt es sich momentan hier auch an.
Aber ich glaube an ein gutes Ende.

Morpheus erklärt Neo – nicht mir -, was passiert ist: Im 21. Jahrhundert hat die Menschheit Maschinen mit künstlicher Intelligenz erschaffen. Als sie die Kontrolle über die Maschinen verloren, blockierten die Menschen den Zugang zur Solarenergie, um so die Maschinen auszuschalten. Die Maschinen konnten aber die Menschen versklaven und nutzen seitdem die menschlichen Körper zur Generierung von Energie.

Genauso: ich werde hier meiner Energie beraubt!

Tatsächlich liegen die Menschen bewusstlos in Tanks und leben in der Matrix, einer computersimulierten Welt. Einige Menschen konnten der Simulation entfliehen und wollen nun auch den Rest der Menschheit befreien. Ein Orakel prophezeit, dass ein Auserwählter das System zerstören wird. Morpheus ist sich sicher, dass Neo der Auserwählte ist.
Was für eine Lüge! Und das bevor die gelbhaarige Ente Präsident der USA wurde.
Bevor die schöne Corona ein erstes Experiment startete.
Man hat immer die Wahl zwischen Illusion oder Realität.
Ähnlich wie in dem Buch Hologrammatika, wo die heruntergekommene Umwelt mit eine Holomask aufgehübscht wird. Lediglich mit einer speziellen Brille kann man die Realität wahrnehmen.

So spinne ich vor mich hin. Die Zeit vergeht, doch wie wenig Zeit die Gedanken benötigen! Diese Reise durch unwahrscheinliche Welten lassen mich zu dem Schluss kommen: Ich sollte die Illusion wählen. Immer! Eben habe ich noch die Realität favorisiert. Wie leicht ich doch zu manipulieren bin. Nur das dies hier keine Simulation ist. Und ich nicht wählen kann. Nur ein wenig Betäubung könnte ich haben. Kann ich mir sicher sein, in dieser Röhre? Dabei bin ich ein freier Mensch. Der alte Anarchist Stirner kommt mir in den Sinn. Stirner und die Freiheit des Menschen. „Der Eigene, der Individualist, ist der ursprüngliche Freie, weil er nichts mehr schätzt als sich selbst. Er weiß, dass seine Freiheit vollkommen wird, wenn sie in seiner Gewalt ist. Mit einer Handvoll Gewalt kommt man weiter, als mit einer Handvoll Recht.“
Das scheint das Erfolgsrezept von Putin und Donald Trump zu sein. Ich wusste gar nicht, dass die Anarchisten sind.: „Nehmt Euch die Gewalt und Eure Freiheit kommt von selbst. Wer die Gewalt hat, steht über dem Gesetz.“ Na also. Für mich aber gilt der letzte Satz. Ungefähr geht es um die Selbstbefreiung, die man letztlich nur selbst erringen kann.

Wir verstehen das, sagt die Ärztin, was ich ihr nicht glaube. Wie lange es dauern würde? So um die 35 Minuten, meint sie. Ach so, ich hatte mit 20 Minuten gerechnet. 20 Minuten könnte ich schaffen, meine Angst zu überwinden. Habe ich bereits einmal bewältigt. Zweimal um genau zu sein, allerdings einmal etwas jämmerlich, fast weinerlich……..

Einmal war ich recht gut im Kernspin gewesen, wenn man bedenkt, wie nah der Tod scheinbar ist. Lebendig im Sarg, so ist das. Einmal war meine Schulter starr, das andere Mal hatte ich ein Geschwür in der Halsgegend. Alles musste durchleuchtet werden. In dieser Form einer Matrix kann ich auf Erfahrungen zurückgreifen. Ich habe allerdings das Gefühl, dass das Unbehagen mit jedem Mal größer wird und meine Haut dünner. Was die MRT anbetrifft, helfen Erfahrungen nur bedingt. Und ich verfüge nicht über meine Individualität.
Also 35 Minuten in Sekunden herunter zählen, was ist das schon. Aber nein, nicht einfache Sekunden. Sehr bedeutende Sekunden, die zu Beginn schnell vergehen. Nach etwa 10 Minuten werden die Sekunden schneller. Dann vergisst man die Zeit, um sich ihr anschließend, wie zur Strafe, wieder sehr bewusst zu werden.

Eine Ärztin, die im Vorraum an einem Monitor sitzt, erklärt mir, was sie sich anschauen wird. Man kann sehen, wo sich eine Arterie verschließt oder eben nicht. Will ich das wissen. Mein Kardiologe will das wissen. Mein Hausarzt will es wissen.

„Schaffen Sie das“, fragt auch die Assistentin. „Mal sehen, wir versuchen es.“ Es war weniger eine Frage denn eine Ansage.
Hinlegen. Die Blutdruckmanschette ist angelegt. 180 zu 120. Wozu benötige ich da noch ein Stressmedikament, um die Belastungsfähigkeit meines Herzens im Grenzbereich zu testen? Mir bleibt keine Kraft, charmant zu sein. Charmant die Kontrolle zu behalten und mich selbst zu behaupten. Kein „fly me to the moon“ in der Kapsel. Nur meine Gedanken rasen, fliegen wohin sie wollen.

„Wir machen erst ohne Medikamente normale Aufnahmen, dann holen wir Sie wieder raus“, erklärte die Assistentin.

Ich will gleich wieder aus der Röhre klettern. Aus dem Sarg heraus, der mir zwei Zentimeter über meiner Nase mein Sichtfeld verschließt. Ein Sarg! Ich werde sterben, wenn ich erst das Stressmedikament bekomme. Das ist der mich beherrschende Gedanke. Die erwartete unbekannte Angst, die zu der bestehenden Angst dazukommen würde, lässt mich in den Abgrund meiner Seele schauen. Ein Satz von mir gesagt, von mir selbst zitiert. Mir ist kalt. Ich zittere. Den Klingelballon halte ich fest in der Hand. Ich denke an andere Menschen, die im vergangenen Jahr gestorben sind. Was man so denkt in einem Sarg. Jüngere als ich. Ich lebe und stelle mich bescheiden an. Ist doch für einen guten Zweck. Für mein längeres Leben.

„Ich fahre Sie jetzt rein“, sagte die Frau in weiß, nachdem ich für eine Messung kurz draußen war. Die Kanüle drückt, eine Spritze wird bereitgelegt.

Es klopft und hämmert im Sarg. Presslufthämmer ballern lustig. Ich schließe die Augen und zähle. Für einen Moment schalte ich ab. Ich versuche an Nichts zu denken. Dann erscheint Ripp Corby´s Gesicht vor meinen inneren Augen. Ripp, mein Freund, der nicht älter zu werden scheint und immer gut aussieht. „Hallo Ripp flüstere ich“, symbolisch eine Hand erhebend. Es ist eine eher verzweifelte denn lockere Geste. Ich sehe sein blasses Gesicht direkt vor mir. „Ich dachte er stirbt jetzt“, sagte Ripp mit belegter Stimme. „Jetzt stirbt mein Vater“. „ Jetzt sehe ich Ripp direkt über mir, wie ein breit gequetschter Luftballon an der Decke des Kernspins, flackernd im Stakkato der Presslufthämmer.

Ripp hatte mir erzählt, das sein Vater vor einigen Tagen angerufen hatte. Er fühle sich nicht gut hatte er schwer atmend gehaucht. Ob Ripp vorbei kommen könnte. „Ich sprang aus dem Bett“, hatte Ripp berichtet. „Wenn mein Vater um Hilfe bat, musste es schon schlimm um ihn stehen. Ich stürzte ins Auto. 40 Minuten würde ich benötigen. Was würde mich erwarten? Mein Vater hatte seine Küche etwas angekokelt. Er hatte eine Pfanne mit Fett auf den Herd gestellt und war kurz ins Wohnzimmer gegangen, wurde dort abgelenkt und hatte die Küche nicht mehr im Blick. Und die Pfanne nicht.

Das hatte sich so harmlos angehört, dass ich erst am nächsten Tag hinfahren wollte.
Mein Vater hat sich dann selbst mit dem Schrubber an die Arbeit gemacht, klagte Ripp. Im Alter von 83 mit angegriffenen Herzen. Der ganze Feinstaub wurde losgelöst und hat ihm den Atem geraubt. Ich machte mir Vorwürfe! 40 Minuten! Das könnte zu spät sein.
Mein Mobilphone hatte ich zum Glück dabei. Welch eine Segnung. Nie hatte ich mich so erleichtert gefühlt, als die Verbindung klappte. 112. Feuerwehr. Ich habe kurz geschildert was Sache war. `Wir fahren hin, kommen Sie in Ruhe nach`“.

Ripp´s Ballongesicht erweiterte sich über mir und platzte.
Ich erinnere noch aus seinen Erzählungen, dass er die Wohnungstür weit geöffnet vorgefunden und die Feuerwehr seinen Vater bereits mitgenommen hatte. Der Mantel des Vaters, seine Schuhe, die Prinz Heinrich Mütze und andere Kleidungsstücke lagen wild durcheinander neben Kanülen und Gummihandschuhen auf dem Flur hinter der Eingangstür. Wiederbelebung, Verlust des Sprechvermögens und Wiederherstellung dauerten ein gutes Jahr. Ein kleines Wunder des Willens.

Und den Ärzten, die die eigentlich aussichtslose Wiederbelebung durchgeführt hatten: „Man kann nie wissen, was der Mensch will und was er kann. Ich würde jeden wiederbeleben“, hatte einer betont.

Plötzlich zieht mich die Schwester wieder raus. Ein Arzt neben ihr und sagt: „Ich bin der Arzt“ und spritzt das Stressmedikament.
Drei Minuten volle Power. Mein Kopf kribbelt, sage ich, was normal ist, sagt der Arzt. Er ist nicht beeindruckt. „Der eine verspürt eine Enge, der andere einen Druck. Ich fahre Sie jetzt wieder rein, noch dreißig Sekunden; es wird laut werden.“ Das stimmte. „Einatmen, ausatmen, einatmen…“, höre ich über die Kopfhörer. „Wie lange noch?“
„Fünfzehn Minuten, wir beeilen uns. Wir müssen alles wieder neu einstellen. Für jedes neue Bild. Einatmen, ausatmen, nicht mehr atmen!“ Lärmendes Aufnahmegerät. Schwere Platten auf meinem Brustkorb. Festgeschnallt auf der Liege, kein Entkommen. Knapp die Hälfte geschafft.

Wird fortgesetzt.

Die schöne Corona und der Baum der Erkenntnis

Corona 4. Begegnung

Der Baum der Erkenntnis.

Ich wollte die schöne Corona wieder treffen, allerdings war mir lange Zeit nicht danach zu Mute. Zu viele verschiedene virologische Wahrheiten und ökonomische Nullen hatten mich frustriert, sodass ich nichts mit ihr zu tun haben wollte. Ich weiß, sie hat keine unmittelbare Schuld an den Umwälzungen, dem Sterben, obwohl es so aussieht. Zeitweise hatte ich sie auch einfach vergessen, wenn ich ehrlich bin. Der Alltag verläuft wieder relativ normal, alle haben sich an die Anwesenheit von der schönen Corona gewöhnt und – es gibt Schlimmeres.
Da ich Geschichten und Beobachtungen liebe, obsiegte dann doch die Neugier zu erfahren, wie es Corona erging.
Sie war schwer zu finden, da sie keine Adresse hinterließ, wenn sie ihr Quartier wechselte.

Corona war unter der Bedingung bereit mit mir zu sprechen, wenn ich ein Protokoll über unser Gespräch anfertigen würde. Sie sei verunsichert durch die negativen und verwirrenden Reaktionen auf ihre Persönlichkeit.
Ich tat ihr diesen Gefallen und willigte gern ein.

Hier ist sie nun, die Kurzfassung unseres Gespräches, in einer angenehmen Atmosphäre und fast schon freundschaftlich geführt.

Gesprächsprotokoll, 9.6.2020

Die schöne Corona:
Ich fühle mich etwas vernachlässigt. Du scheinst weniger an mir interessiert zu sein in letzter Zeit. Ich habe schon gedacht, du bist genau wie alle anderen.

Ripp Corby:
Hey, es gibt genügend Wissenschaftler, denen du den Kopf verdrehst.

Die schöne Corona:
Wissenschaftler!

Ripp Corby:
Die ganz große Aufregung um dich, deinen Auftritt, hat sich gelegt, in der Tat. Und du hast ja auch viel bewirkt, was dich durchaus milde stimmen könnte.

Die schöne Corona:
Dass das Interesse an mir zu schnell nachlässt hätte ich aber nicht gedacht.

Ripp Corby:
Du darfst nicht zu viel erwarten. Schließlich ist es auch ein teures Vergnügen, sich mit dir einzulassen. Hunderte von Milliarden müssen wir im Euroland für dich auf den Tisch legen.

Die schöne Corona:
Immer nur das Geld! Es ist doch nur Geld und ich dagegen: Erkenntnis! Ich bin göttlich, ja wie von Gott gesandt. Erinnere dich an den Baum der Erkenntnis.
Dieser Baum hat dazu geführt, dass die Menschheit sich plagen muss.
An diesem Baum stellt sich die Frage, ob die Menschen alles dürfen, was sie können. Am Baum der Erkenntnis scheidet sich das Gute vom Bösen.
Für mich stellt sich die Frage, ob ihr mich erkennt, als mahnende Metapher. Und die Mahnung, nicht vom Baum der Erkenntnis zu essen! Auch das ist ein Teil der Prüfung der menschlichen Lernfähigkeit.

Ripp Corby:
Da holst du ganz schön weit aus. Ich weiß nicht ob der Verweis auf die Genesis der richtige Weg ist dich zu erkennen.

Die schöne Corona:
Der Baum der Erkenntnis steht im Garten Eden, im Garten der Wonne. Und die ersten Menschen sind dort geboren, im Garten Eden. Vielleicht sagen die Leute hier eher Schlaraffenland. Aber ihr habt dieses Zentrum im Garten Eden verloren. Ihr habt vergessen, worum es wirklich geht.
Auch greift ihr permanent nach dem Baum des Lebens und damit nach der Unsterblichkeit. Man könnte meinen die Menschheit hat nach meinen Verwandten SARS und MERS nicht verstanden, dass auch dieser Baum unantastbar ist. Nein, vielleicht verstehst du mich besser, wenn du mich als Bild siehst, als Metapher, wie gesagt: Ich stehe für etwas.

Ripp Corby:
Ich bin Agnostiker. Ich bin bereit anzuerkennen, dass es etwas gibt, was nicht zu erklären oder zu verstehen ist. Aber ich glaube nicht im religiösen Sinne. Bibelfest bin ich auch nicht. Also kann ich dir hier nur zögerlich folgen; wie wäre es mit einer Übersetzung?

Die schöne Corona:
Der Baum steht für die Schönheit des Lebens im Kern jedenfalls. Ein Symbol dafür, dass das Leben unantastbar sein soll. Zwei besondere Bäume standen in der Mitte des göttlichen Gartens, mit besonderen Früchten. Der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntnis. Die Früchte des Lebensbaumes schenken Unsterblichkeit, der Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen verleiht dem Menschen die Erkenntnis, was für ihn gut oder schlecht ist.
Gott hat verboten, die Früchte vom Baum der Erkenntnis zu essen. Das würde Adam und Eva den Tod bringen. den Rest kennst du ja, die Geschichte mit der Schlange und dem Apfel und der Vertreibung aus dem Paradies.

Ripp Corby:
Aber du tastest das Leben doch massiv an! Du bist es, die Leben nimmt.
Und du bist nicht Gott.

Die schöne Corona:
Wer weiß. Aber Scherz beiseite. Nein, ich bin einfach nur da.
Ihr seid mit eurem Leben zu mir gekommen, mit eurer Art zu leben. Ihr versucht immer wieder den Baum des Lebens anzutasten,
ihr seid mit eurer Lebensweise auf mich zugekommen, nicht ich auf euch.
Mit mir gibt es eine Erkenntnis, eine Vereinigung. Ähnlich wie Adam Eva erkannt, also mit dir geschlafen hat, müsst ihr erkennen.
Im weiteren Sinne führt die Begegnung mit mir auch intellektuell zu einer Erkenntnis. Wir müssen miteinander vertraut werden.
Einfach ausgedrückt: lass die Finger vom Baum des Lebens.


Ripp Corby:
Gott hat den Menschen schon immer in Versuchung geführt, glaube ich. Da glaube ich, sieh an. Aber der Mensch will leben und nicht allein sein. Und er ist neugierig. Kann man das moralisch einordnen? Kann man das verurteilen?  Moral und ethisches Handeln sind schwierige Themen, die mit dem Baum der Erkenntnis verbunden sind, wenn ich das richtig weiß.

Die schöne Corona:
Moral kann gut und schlecht sein. Das ist eine Frage der Betrachtung. Mit Moral an sich kommt man aber nicht weit. Moral kann auch schön einengen.
Also, ich finde die Frage besser, was nützt langfristig, um das Leben für alle Lebewesen zu erhalten. Ich versuche lediglich, sichtbar zu machen, was schadet. Was gut tut, müsst ihr selbst herausfinden. Ich zeige Euch die Grenzen auf, ohne wirklich böse zu sein. Ich bin die Frucht, die ihr gepflückt habt.

Ripp Corby:
Und das sollen wir erkennen? Ich glaube nicht an biblische Weisheiten.

Die schöne Corona:
Solltest du. Wenn das nicht hilft, benutz deinen Verstand. Greifen wir einmal das Banale Regierungshandeln auf. Wohin wird die Menschheit durch Konjunkturpakete geführt?   Was ist wichtig? Es geht doch nicht um die Ökonomie. Konjunkturpakete führen langfristig ins Nichts. Das sind schlechte Früchte. Lies ein wenig über die Genesis, auch wenn du nicht gläubig bist.

Ripp Corby:
Da finde ich die Lösung?

Die schöne Corona:
Ich werde bis zum Winter verschwinden, dann werde ich weggeimpft. Da mache ich mir keine Illusionen. Oder willst du mich mit zu dir nehmen?

Ripp Corby: Unter anderen Umständen vielleicht, jetzt musst du mich entschuldigen, bevor es zu intim wird.

Gez. Die schöne Corona                                          Gez. Ripp Corby

Die schöne Corona 3

Die schöne Corona 3

Ich sehe Ripp auf einer Bank vor dem Caligo Café sitzen. Üblicherweise trinkt er hier seinen Latte Macchiato und ist hin und wieder mit Gästen im Gespräch. Wir haben uns verabredet und Kaffee mitgebracht. Dabei halten wir uns ein wenig auf Abstand, um den Schein zu wahren. Wir sitzen schweigend und wippen dabei in einem erstaunlichen Gleichklang mit den Oberkörpern. Der Platz ist wie leergefegt. Lediglich vor dem Schlachter stehen die Menschen in einer geordneten Schlange.
„Was macht Corona, deine schöne Philosophin?“, frage ich ihn.
Ripp kichert leise vor sich hin. Meine Frage scheint ihn unangenehm zu berühren.
Ich habe sie nur kurz einmal wiedergesehen. „Lebe das Leben, liebe das Leben“, hatte sie mir zugerufen. „Ich bin die Chance deines Lebens“. Ich solle einmal darüber nachdenken, was wir uns nehmen aber in Wirklichkeit nicht benötigten. Gesundheit anstatt hoher Renditen und Dividenden!
Die letzten Tage habe ich sie aber nicht wieder gesprochen. Aber ich sehe ja, was sie so anrichtet. Da fehlt mir der Impuls, sie zu treffen.“

„Vielleicht bist du immun? Du hast dich scheinbar nicht infiziert oder die Krankheit überwunden?“
„Mit der Sterblichkeit hat sie schon mal recht. Aber mit ihrer These der großen gesellschaftlichen Veränderung? Ob es ein großes Projekt wird, indem wir unsere intellektuelle, geistige, kulturelle und politische Schwäche überwinden, das ist nicht ausgemacht.
Europa hat keine gemeinsame Richtung gefunden. Im Gegenteil, die großen und kleinen Diktatoren nutzen die Gelegenheit ihren Überwachungsstaat zu legitimieren. Der Kurze aus Österreich, der Ungar und selbst in Deutschland wird die Überwachung getestet. Von den USA ganz zu schweigen. Ich will jetzt nicht alle aufzählen.
Dan Patrick, der Vizegouverneur von Texas hat gefordert, das die ältere Generation sich für die Jüngeren opfern solle, damit das Leben weiter gehen könne. Also die Läden wieder öffnen können. Die Ökonomie hat immer noch Vorrang und die Schwachen zahlen den Preis. Es ist nicht klar, welche Handlungsaufforderungen es in und nach der Krise geben wird: Die Aufforderung zu einer Verringerung der „In-Wert-Setzung“ aller Beziehungen? Oder sind alle einfach nur erschöpft? Geht es weiter wie vorher? Es ist gerade so, als wäre das Land in einem Dornröschenschlaf“, fabulierte Ripp und nahm einen großen Schluck aus seiner Thermoskanne, hielt aber mitten in der Bewegung inne und erstarrte, bis mir das Theater zu langweilig wurde und ich ihn endlich anstieß.
„Sieh da, mein Prinz, du hast mich sozusagen wach geküsst. Ich fühle mich wie Dornröschen! Übrigens bist du mir in der Tat zu nah gekommen, mein Lieber. Aber überlege mal wie es wäre, wenn für drei, vier oder fünf Monate alles auf einen Schlag zum Stillstand käme und sich dann märchenhaft genau an dieser Stelle fortsetzen würde?“
„Dein Kaffee wäre kalt.“
„Nein, nehme mal an, er wäre noch genauso heiß wie vorher, es verginge keine Zeit.“
„Nein, der Kaffee wäre kalt, genauso wenig wie es Stillstand ohne Verluste geben kann, weil die Zukunft bereits verpfändet ist, durch Schulden, Kredite und geplante Dividenden. Alles das ist entwertet. Ebenso wie ein geplanter und bezahlter Urlaub, der nicht mehr genommen werden kann.“
„Aber der Staat ist ein großer Geldzauberer“, warf Ripp ins Feld. Vielleicht löst sich die Loslösung der Realwirtschaft von der Finanzwirtschaft wieder auf? Vielleicht fördert der Staat mehr Kultur, Bildung, Schulen, Sozialwesen?

„Ich glaube nicht, dass ein großes Projekt die Menschen interessiert, wir wissen ja noch nicht, wie lange es andauern wird, mit der Corona, vielleicht solltest Du sie noch einmal treffen und sie fragen?“, schlug ich vor.

„Vielleicht mache ich das. Aber ich habe noch keine Frage. Warum, wie lange? Zu banal. Warum? Sie wird antworten: “Wo soll ich denn sonst hin? Meine anderen Wirte sterben aus. So what. Ich werde deine große Liebe werden. So vielleicht. Oder: Ich mache alle gleich. Egal wer du bist, in welchem Land du wohnst. Es ist an Euch, wie die Zukunft aussehen wird. Noch ist Hoffnung, der Mensch als humanes Wesen und nicht als des Menschen Wolf“.

Gesundheit!

Die schöne Corona

Miniatur von Ripp Corby

Die schöne Corona 1

Ich hatte mich verspätet.

Da saß sie bereits, in einem leuchtend roten Kleid mit gelben Trompeten darauf.
Dann, als ich bereits auf dem Weg zu ihrem Tisch war, stutzte ich.
Denn die große Terrasse des Cafés auf dem Rondell war voller hübscher Coronas, die mir zuwinkten. Alle leuchteten gleichermaßen in der Sonne. Sie winkten einladend, niemand sprach. Die Zeit schien still zu stehen, alle Bewegungen liefen in Zeitlupe ab.
Der Platz reflektierte die sonderbare Atmosphäre. Still und starr ruht der See, dachte ich und beschloss, mich an den Tisch zu setzen, an dem ich die erste Corona entdeckt hatte. Meine Corona, fühlte ich. Je näher ich ihr kam, desto stärker verspürte ich allerdings einen Hustenreiz. Meinen Stuhl rückte ich ein wenig von ihr ab, als ich mich setzte. Mein Husten schien die Schöne jedoch nicht weiter zu stören. Sie lächelte mich an und ich fühlte mich geschmeichelt.
Ich wolle sie nicht anstecken, erklärte ich auf ihre Frage, warum ich mich nicht näher zu ihr setzte. Wir tranken unseren Cappuccino. Ich machte Ihr Komplimente über ihr schönes Kleid. Sie störte es nicht, dass alle anderen Coronas ähnlich gekleidet waren. Die würden sich in der nächsten Zeit noch umkleiden, prognostizierte sie. Die Sonne verlor langsam ihre Wärme und wir verabschiedeten uns. Sie drehte sich noch einmal um. Wenn ich sie wieder sehen wolle sagte sie, müsste ich viel Zeit mitbringen. Das hörte sich an, wie eine kleine Warnung. Ich könne mit ihr reisen, schlug sie vor.
China, Italien, Europa, USA, wäre das etwas für Dich? Sie wirkte total souverän und ich merkte, wie meine natürlichen Reflexe der Vorsicht schwanden. Ich wollte ihr gegenüber hinsichtlich ihres Wunsches gar keinen Widerstand leisten, dennoch schien sie sich meiner Abwehrkräfte zu bemächtigen. Mein Frühwarnsystem meldete sich. Ich sollte gehen, war bereits aufgestanden. Aber es war immer noch so schön auf diesem Platz, an diesem Ort, der friedlich in den Nachmittag und Abend hinzudämmern schien.
„Ein Experiment, wie in einer Netfix Serie“, sagte sie. „Lass uns gemeinsam ein Experiment machen. Etwas Großes soll beginnen. Wir können gemeinsam die Welt anhalten, wenn Du Dich nur auf mich einlässt“. Sie lächelte.

Die schöne Corona 2

Am nächsten Morgen sah sie schon nicht mehr so schön aus. Ihr Kleid war zerknittert und sie wirkte müde, gerade so, als wäre sie die ganze Nacht unterwegs gewesen. „War ich“, gab sie zu. Was ist das Große eigentlich sei, fragte ich sie. Sie lächelte wieder. Ihre Antwort war sehr philosophisch. „Ein Test. Ein Test für die politischen und wirtschaftlichen Systeme. Vielleicht ist es auch eher ein Wettbewerb. Sieh mal, die Menschen denken, es gibt ein richtiges Leben im Falschen. Sie bevorzugen aber ein falsches Leben im Falschen. Ihnen ist Toilettenpapier wichtig. Und Mehl. Weder das eine noch das andere sichert das Überleben. Nicht der Kauf von unnützem Zeug, sondern Vernunft würde helfen. Die Frage: Sein oder Nichtsein? ist mit dem Toilettenpapier beantwortet und liegt für sie scheinbar auf der Hand. Es wird dauern, bis sie richtig handelnd im richtigen Leben ankommen.“
Ich verstehe noch nicht, erkenne allerdings, dass ich mich in eine ungesunde Beziehung begeben habe.Ich muss husten, mein Hals kratzt. Sie hackt mir mit dem Zeigefinger auf die Brust. „Wir erfahren eine Kafkaeske besonderen Ausmaßes“, fährt sie fort und zitiert Kafka: „Unsere Fähigkeiten zur Erkenntnis – im Guten wie im Bösen – sind recht entwickelt; nicht aber unsere Fähigkeiten der Beherzigung dieser Erkenntnisse. Der menschliche Versuch, der Erkenntnis gemäß zu handeln überfordert unsere Kräfte“.
„Ich kann das nicht akzeptieren“, protestierte ich. „Wir können das kollektiv lösen!“

„Die Menschen werden scheitern, die Erkenntnis in die Tat umzusetzen“, beharrte sie. „Das ist der Sinn der Sterblichkeit“.
Ich schüttelte fassungslos den Kopf.

„Nun gut,“ lenkte sie ein, lass uns an der Praxis überprüfen, wozu der Mensch fähig ist“.

(In Anlehnung an Kafka, Benjamin und Michael Hirsch).

Sri Lanka. Im Kleinbus nach Kandy

Aus: Ein Haus in Magonna.

Wir starteten unsere Reise nach Kandy in Magonna, wo unser Freund und Reiseorganisator Anjan ca. 100 km östlich von Colombo entfernt in dem für hiesige Verhältnisse luxuriösem Haus in Magonna wohnte. Glücklich mit seiner kleinen Familie hatte er die Schrecken des Tsunamis überwunden. Ich aber das habe ich ja bereits in „Ein Haus in Magonna“ beschrieben.

(Wie es ihm gelungen ist, mit Madu, seiner Cousine, ein neues Leben zu beginnen – davon erzähle ich später).

Anjan jedenfalls konnte viele Rollen übernehmen, er konnte einfach alles. Jetzt war er unser Reiseorganisator.
Kandy war aus seiner Sicht sozusagen ein „Muss“. Museum, Tempel, See, Markt.
Ja, etwas, dass man unbedingt sehen muss, kann man in der Regel eigentlich vergessen. Aber da man nicht allein als Tourist an diesen Orten ist, oder für was man sich sonst womöglich auch hält, Besucher, Freund, egal man ist nie allein unterwegs und fremd. Man bleibt Tourist. Genau genommen ist man das Geld. Eine Erfahrung, die sich später bestätigen sollte.

Aber dieser Plan, Kandy mit dem Zug zu erreichen, erschien zu Beginn aussichtslos, da das Neujahrsfest bevorstand. Viele Menschen, überwiegend Männer, hatten sich auf den Weg zu ihren Familien gemacht. Es fuhren weniger Züge und die waren dann rappel voll. Die Menschen standen in den Türen und mussten die Fahrt über in unbequemer Haltung ausharren und sich die ganze Fahrt über festhalten. In eine solche Konservenbüchse wollten wir uns nicht quetschen. Also fuhr Anjan fuhr mit uns zum Bahnhof, der lediglich aus ein paar Gleisen bestand, um etwas besseres für uns zu erreichen.

Anjan ging in seinem Optimismus davon aus, für uns – wir reisten zu dritt – noch Tickets zu bekommen. Aus einem kleinen Fenster eines Backsteinverschlages blickte ein Mann mit offizieller Mütze heraus. Der Mensch am Schalter verstand nicht, was Anjan wollte. Langsam wurde klar, das er dessen Anliegen, für die nächsten Tage Tickets nach Kandy zu bekommen, an sich schon für absurd hielt. Bedrückt zogen wir ab. Jedenfalls schien Anjan enttäuscht zu sein, ich war eher erleichtert, nicht Zug fahren zu müssen.

Nachdem es mit dem Zug nicht geklappt hatte, organisierte Anjan einen Kleinbus mit Fahrer für uns. Ein Hotel hatten wir bereits gebucht und Anjan hatte dort zur Sicherheit auch noch einmal angerufen um sich die Vereinbarung des Hotelaufenthaltes bestätigen zu lassen. Einer seiner vielen Geschäftspartner oder Freunde, das war nicht immer klar, holte uns frühmorgens ab. Anjan hatte ein kleines Universum um sich herum aufgebaut, das eine Vielzahl von Möglichkeiten bot, ob beim Friseur, im Teeladen, auf dem Markt, wo auch immer, Anjan bekam seine Promotion, wenn wir etwas kauften. Ich glaube, wir zahlten dennoch zu viel.

„Wir bitten nicht, wir sagen nicht danke“, wiederholte er, als ich fragte, ob der Preis für alle o.k. war. Den Preis mit dem Busfahrer hatte er für uns ausgehandelt. Wenn die Fahrer sich um eine angenehme Fahrt bemühten, gab es natürlich etwas obendrauf. Es schien mir, als begegnete Anjan uns in dieser und ähnlichen Situationen, in denen er für uns etwas erledigte, mit einer Mischung aus Dankbarkeit, Untertänigkeit, Selbstbewusstsein und Beharrlichkeit. Mit dem Wunsch verbunden, nach Außen immer freundlich zu wirken. Das bedeutete für Freunde und Gäste, zwischen den Zeilen lesen zu müssen, aktiv zuzuhören und ein Ja auch als Nein zu verstehen. Ähnliches erlebten wir aber auch mit anderen Menschen in Sri Lanka. Anjan musste arbeiten und konnte uns nicht selbst fahren. Das war für ihn ein großes Dilemma zwischen Gastfreundlichkeit und Lebenserhalt, da er es allen recht machen wollte.

Wie schnell die Freundlichkeit aber auch verschwinden konnte, würden wir bald erleben. Wenn man zum Mittel zum Zweck wird.
Die Straßen nach Kandy waren verstopft, der Fahrer war ein dominanter Mensch mit einer entsprechenden Fahrweise, die meinen Puls anstiegen ließ. Er war ständig am telefonieren, gestikulierte aufgeregt und schien sehr ärgerlich und unzufrieden. Wie sich später herausstellte,er permanent versucht, für sich eine „Kommission“ auszuhandeln und die Bedingungen für seine Akkommodation zu klären. Üblicherweise konnten die Fahrer in einem Raum im Hotel übernachten; die kleine Gebühr dafür war im Fahrpreis enthalten. Sein Fahrstil war gewagt, aber man musste tatsächlich einiges riskieren, um voran zu kommen. Nachdem wir die Stadt hinter uns gelassen hatten, entspannte sich der Fahrer etwas.
Wir fuhren lange an Reisfeldern vorbei, auf denen Wasserbüffel grasten, passierten Kokosplantagen und hielten plötzlich an einem kleinen Restaurant für eine Toilettenpause, die eigentlich niemand benötigte.
Schlagartig waren wir von hilfsbereiten freundlichen Großfamilie umgeben. Ein Tisch war bereits gedeckt. Ananas wurde serviert und Getränke angeboten; eine Promotionsstation für unseren Fahrer.

Wir spielten mit, lächelten und nickten in alle Richtungen, da außer unserem Fahrer niemand eine Sprache sprach, die wir verstanden. Wir waren den Veranstaltern ausgeliefert. Die weitere Fahrt zog sich in die Länge. Wegen des Neujahrsfestes waren nicht nur die Züge voll, sondern auch auf den Straßen überlastet. Der Fahrer setzte seine Bemühungen fort, uns vom gebuchten Hotel abzubringen. „Schlechtes Hotel, liegt außerhalb der Stadt, ganz schlecht zu erreichen“. Irgendwann reichte es mir und ich rief selbst im Hotel an, um klar zu machen, dass wir sicher dort einchecken würden. „Lassen Sie sich bloß auf nichts ein, den Fahren geht es immer nur darum, zusätzliches Geld zu verdienen“, wurde mir geraten. Dann schien es auf den ersten Blick, dass der Fahrer recht hatte, denn der Weg zum Hotel hinauf erwies sich als einer mit Schlaglöchern übersäten Straße, sehr steil und für Fußgänger nicht besonders einladend, vorbei an Bruchbuden neben denen Müll am Straßenrand aufgetürmt war oder einfach verstreut herumlag. Den ersten Impuls umzudrehen überwanden wir, obwohl auch der Fahrer insistierte. „Ich kenne ein viel besseres Hotel, mit Swimmingpool“, drängte er. Wir erreichten das Hotel, das ziemlich am Ende der Straße gelegen war.

Der Fahrer wollte mit uns kommen, um die Hotelzimmer zu begutachten. Die Hotelbesitzerin stoppte ihn und giftete: „This is not your job.“ Er zog sich maulig zurück. Wir schauten uns die Zimmer an, die der enthusiastischen Beschreibung im Reiseführer in etwa entsprachen. In der Tat hatte das Hotel einen gewissen Charme; wenn man hart wäre, könnte man sagen, eine sehr gute Jugendherberge, liebevoll eingerichtet. Zwei große Zimmer, zwei Bäder, durch eine Schiebetür voneinander getrennte Räume. Alles zusammen etwa 60m². Ein herrliche Dachterrasse mit Blick über Kandy und auf die umliegenden Berge. Zurück in der Hotelhalle war unser Fahrer zwischenzeitlich am Verhandeln. Eine Unterkunft direkt im Hotel gab es für ihn nicht.
„Nehmen Sie sich vor dem Fahrer in Acht“, riet uns die Hotelbesitzerin des Sharon Inn auf Deutsch.“Er hat hier schon mehrfach angerufen“.

Anjan würde das sicher nicht gefallen, obwohl dieses Spiel sicher nicht neu für ihn war. Fakt war, dass Anjan die Akkommodation geklärt hatte. Ich konnte nachempfinden, wie es Anjan ging. Sensibel wie er war, musste er recht verzweifelt sein, kann er es nicht allen recht machen konnte. Niemand im Hotel konnte sich an das Gespräch mit ihm erinnern. Der Sohn der aus Deutschland stammenden Frau, ein nassforscher Bachelor Anwärter, der in London studierte, wollte uns alle abfertigen und erwies sich Anjan am Telefon gegenüber als ausgewiesenes koloniales Ekelpaket. Glücklicherweise kam dann der Vater, grade dem Siesta-Bett entstiegen, dazu und klärte die Situation dann recht sympathisch, als wir schon fast wieder im Auto saßen. „Hier,“ sagte er zu uns gewandt, mit dem Gästebuch in der Hand, „nur zufriedene begeisterte Gäste!“ Dann zum Fahrer: “Du kannst in einem anderen Hotel übernachten. Ich gebe Dir 1000 Rupien – da“, er streckte ihm den Schein entgegen und beschrieb ihm den Weg. Zu uns gewandt sagte der Fahrer: „Dann kann ich euch aber nicht mehr in die Stadt fahren, das ist mir zu umständlich.“

„Dann bis morgen 10.00 Uhr“, sagte ich ohne Lust auf weitere Diskussionen und zog innerlich 500 Rupien von seinem Trinkgeld ab, die wir für ein Tuctuc Taxi ausgeben würden. Wir kamen so langsam in Sri Lanka an.
Die Geschichte mit dem Fahrer war aber leider noch nicht zu Ende, er entwickelte sich zur Hauptperson dieses Ausflugs. „Das Hotel kostet 2500 Rupien“ beschwerte er sich am Telefon.
„Alles ok, wenn er einen Beleg vorzeigt, das er dort übernachtet hat, kläre ich den Rest“, sagte der Hotelbesitzer. Am nächsten Tag kam kein Beleg und es gab auch nichts zu regeln Er hatte privat bei Freunden oder Familie übernachtet.
Zu Fuß machten wir uns auf den Weg in die Stadt. Es war 15.00 Uhr geworden. Zwischen durch erkundigte Anjan sich per SMS, ob alles o.k. sei. Alles o.k. . Der Fahrer, der später losgefahren war, pickte uns entgegen seiner ursprünglichen Ankündigung auf und fuhr mit uns in die Stadt. Am Milchsee stiegen wir aus und spazierten zum Zentrum. Eine bunte gemischte Kulisse aus westlichen Supermärkten, einem Einkaufszentrum, kleinen Läden, McDonalds und dem regionale Markt mit seinen quirligen Händlern nahm uns in sich auf. Unter den vielen Verkäufern gewann ein kleiner freundlicher Mann unsere Aufmerksamkeit. Er begleitete uns zu einem Stand, dann zum nächsten und so fort, als gehöre der Markt ihm. Zwischen seinen scherzenden Konkurrenten und Freunden ging es über den ganzen Markt. Eine Hose, ein Sarong – Wicket super fine -, T-shirts, Schal. Was nicht passte, wurde in einer kleinen Schneiderei genäht, die dem sympathischen, geschäftstüchtigen Männchen gehörte. Die übliche Preisverhandlung ging bestimmt gut für ihn aus. Die Preisverhandlung wurde von einigen Marktteilnehmern aufmerksam verfolgt. Passanten sprachen uns an, woher wir kämen, erzählten von sich, vom Studium, von der Arbeit, wo sie wohnten. Der Händler schleuste uns noch zu anderen Ständen, zeigte uns dann den Weg zum Zahntempel. An dieser Stelle kam mein Sarong zum Einsatz, da ich die Sicherheitskontrolle nur mit bedeckten Knien passieren durfte. Er rutschte mir immer wieder von den Hüften. Zweimal halfen mir Besucher des Tempels, meinen Sarong angemessen und „haltbar“ zu knoten. Im Tempel selbst erwartete uns das übliche Verfahren. Eintritt, Schuhe ausziehen und überall auf dem Tempelgelände die Aufforderung, zu spenden. „Welcome to the Sacred Tempel of the Tooth Relic“. Wir wollten Buddhas Zahn sehen, was uns aber in der Menge nicht gelangt, da jeder nur einen Bruchteil einer Sekunde durch ein kleines Fenster blicken durfte, bevor man weitergeschoben wurde.
Die berühmte Zeremonie war unübersichtlich – hatte sie überhaupt stattgefunden? Unsere Tochter meinte, für das Geld sei ihr zu wenig geboten worden. Mönche drängten, ja rempelten die Besucher zur Seite.
Es regnete inzwischen warm auf uns herab. Mit dem TucTuc ging es zurück ins Hotel. Das Diner wurde in einem Raum serviert, der einer griechischen Kneipe nahe kam. An die sieben Holztische für etwa 30 Personen. Überwiegend eher Reisende als die üblichen Touristen. Das Essen war übersichtlich aber gut.

Am nächsten Tag, nach einer kurzen Stadtbesichtigung und Mittagessen im White House, ging es mit unserem jetzt sprachlosen Fahrer in einem unverschämten Höllentempo zurück und er machte klar, wer hier die Macht hatte.

Er wollte noch für das Neujahrsfest einkaufen, meinte er später nach unsere Beschwerde. Anjan fragte, uns wie die Fahrt war. „Mit dem Fahrer nicht nochmal“ sagte ich. Eine klare Ansage, die ein wenig schmerzte. Daran würde Anjan noch mit dem Driver diskutieren. Where are we? What the hell ist going on? Diese Reise hinterließ Fragen. Was muss man sich und anderen Kulturen wirklich antun?

Altes vom Dachboden – Staub aufgewirbelt

Altes vom Dachboden: Staub aufgewirbelt.

Eine unerwartete analoge unvermittelte Begegnung schließt einen Kreis zwischen der NS-Zeit und heute.

Altes vom Dachboden, der Staub vom Dachboden, führte zu einem überraschenden Anruf als Reaktion auf den Blogbeitrag „Altes vom Dachboden“, ein Anruf der deutlich macht, dass sehr wohl beobachtet wird, ob der Staub aus alter Zeit liegen bleibt. Die Frage, war, warum jetzt? Warum dieser Beitrag.

Warum die alten Geschichten? Eine Familie, deren Großvater im Beitrag erwähnt wurde, war berührt. Dieser Anruf schließt auf eigenartige Weise einen Kreis der von Vätern und Großvätern eröffnet wurde bei den Kindern und Enkeln. Die für das, was Väter und Großväter zu verantworten haben, keine Verantwortung tragen – aber für das was daraus folgt sehr wohl.

Als ob die Täter und Ihre Familien alles vergessen dürften.


Zeit ist etwas besonderes, eine außergewöhnliche Dimension. Unvergänglich.
Das Missverständnis der meisten Menschen ist die Annahme, dass die Zeit vergeht und damit alles was in ihr war. Wenn es gut war, versucht man, die Erinnerung möglichst lange aufrecht zu erhalten. Wenn es böse war. Vergessen wir es! Tun wir so, als wäre nichts gewesen, erfinden wir unsere Geschichte neu: ich war doch nur.., war nur am Rande dabei, das ist doch lange her, die zeit war damals so. Oft muss Zeit aber vergehen, damit begriffen werden kann, wie das in der Zeit Geschehene einzuordnen ist.

Staub verschwindet ebenfalls nicht, er fliegt auf und setzt sich an anderer Stelle wieder nieder. Als Materie kann er eine andere Form annehmen. Selbst wenn vermeintlich Gras darüber wächst, bleibt der Staub unnachgiebig.
Altes vom Dachboden beschreibt die NS-Richter in Hamburg und ihr gutes Leben nach 1945.

Warum steht die Justiz im Fokus?

Die Justiz ist der Maschinenraum einer Gesellschaft. Es ist ein wichtiges, zur Korrektur fähigen, Kraftzentrum. Sie war willig.
Es gab viele Unrechtsurteile. Zur Erinnerung zwei Beispiele aus Hamburg :

Als Richter ein hartes Urteil in der NS-Zeit gefällt – nach 1945 Richter in Hamburg-Wandsbek :

Weil sie von einem ihr befreundeten deutschen Soldaten eine Pelzjacke als Geschenk annahm, verurteilte Deike als Landgerichtsrat am Sondergericht Thorn (Torun) die Polin Anna Zegarski am 30.April 1942 zum Tode. Die Jacke stammte aus einer Sammlung von Wintersachen für die Front. Der Soldat hatte sie dort gestohlen, ohne dass die Angeklagte Zegarski davon wusste. Einen Gnaden­erweis lehnte der Richter mit folgender Begründung ab – Aktenzeichen:4Sg K Ls 72/42:

„Wenn auch nicht zu verkennen ist, dass die Versuchung für die Angeklagte groß war, den Pelz auch nach Auftreten des Verdachts bezüglich seiner Herkunft weiter zu behalten, vermag das Sondergericht mit Rücksicht auf den Zweck der Wollsammlung und den Charakter des Geschenks als Belohnung für die geschlechtliche Hingabe einer Polin einen Gnadenerweis nicht zu befürworten.“

Der Fall Dr. Baier

Der Kraftfahrer Erwin Junghans aus Leipzig war vier Jahre lang arbeitslos gewesen, als er 1936 als Postschaffner angestellt wurde. Im Oktober 1942 wurde er beim Luftgaupostamt in Poznan (Posen) eingesetzt. Er war damals 42 Jahre alt, seit 20 Jahren verheiratet und hatte zwei Kinder. Was veranlasste den nach 1945 als Oberstaatsanwalt in Hamburg tätigen, Dr. Baier, gegen ihn die Todesstrafe zu beantragen?

„In Posen gab er seinen Arbeitskameraden gegenüber immer wieder seiner Unzufriedenheit mit den bestehenden Verhältnissen Ausdruck und vermied es auch, den deutschen Gruß anzuwenden.“

Er habe, als ein Kollege eingezogen wurde, geäußert, „es sollten nur die hingehen, die den Krieg gewollt hätten.“ Nach einem Luftangriff auf Nürnberg soll er gesagt haben:“Und da soll man noch Heil Hitler sagen.“

Das waren Gedanken, die 1943 und 1944 unter dem Eindruck der Luftangriffe und des verlorengehenden Krieges Millionen in Deutschland hatten. Allein deshalb klagte der damalige Staatsanwalt Dr. Baier Junghans vor dem Oberlandesgericht Posen „wegen Wehrkraftzersetzung“ an. Am 20.Juli 1944 wurde Junghans gemäß dem Antrag des Staatsanwaltes Baier zum Tode verurteilt. Dabei wurde ihm die vom Gesetz verlangte Absicht der „Wehrkraftzersetzung“ – Aktenzeichen: 2 OJs 31/44 – einfach unterstellt, da durch seine Äußerung „auch der Siegesglaube eines gefestigten Deutschen ins Wanken geraten könnte.“

Warum soviel Staub?

Weil in Hamburg im Konzentrationslager Fuhlsbüttel und im Außenlager Neuengamme hunderte Gefangene ums Leben kamen. Verurteilt von willigen Richtern.

Warum noch?
Weil die meisten Richter zum Teil ohne zur Rechenschaft gezogen zu werden, weiter oder wieder in Amt und Würden tätig waren. Das bezieht sich nicht nur auf die Richter sonder auf die Justiz, Polizei, Nazis in den Landesregierungen und der Bundesregierung, – auf die Remilitarisierung Hitlers Soldaten – auch auf Wunsch der USA, die verknüpft war mit der Forderung der Freilassung der von den Besatzungsmächten verurteilten und inhaftierten Tätern.

Willi Winkler beschreibt das ausführlich in seinem Buch: „Das Braune Netz, wie die Bundesrepublik von früheren Nazis zum Erfolg geführt wurde “.

Die Opfer vergessen nicht, die Familien geben es genetisch weiter, ebenso verhält es sich mit den Tätern. Ein gemeinsames Verstehen wäre der richtige Schritt.

Warum diese alten Geschichten?
Weil sie nicht alt sind und niemals alt werden, solange Opfer und Täter aufeinander reagieren. Weil es nicht bewältigt ist, weil es nachwächst, weil selbst die Opfer keine ausreichenden Konsequenzen ziehen und sich eingerichtet haben. Den Tätern nach dem Krieg 1945 auf Straße begegnet sind, ihre Kollegen waren, Angst hatten, entkräftet schwiegen oder einfach nur leben wollten.

Das können sie nur selbst beantworten und bleibt, wie das meiste dieser Zeit außerhalb der Vorstellungskraft. Viele folgten dem Prinzip der nützlichen Fälschung, der Schaffung einer neuen, nützlichen Wirklichkeit. Was haben sie gedacht, wer sie jetzt waren? Neue Menschen wie mit einer Ziffer auf Null gestellt. Die Stunde Null Lüge genutzt?

„Als im Herbst 1949 die erste deutsche Bundesregierung unter Konrad Adenauer ihre Arbeit aufnahm, widmete sie sich denn auch als einer ihrer ersten Aufgaben genau diesen drei Themen: der Frage nach der Begnadigung der Kriegsverbrecher, nach dem endgültigen Abschluss der Entnazifizierung – und der Wiedereinstellung der »verdrängten« Beamtenschaft. Innerhalb weniger Jahre sollte sie dabei den Weg ebnen für eine systematische Verneblung der NS-Vergangenheit und die Abschaffung der Radbruchschen Formel in der deutschen Strafgesetzgebung“ . (Siehe https://www.zeit.de/zeit-geschichte/2009/01/Justiz ).

Die Formel des deutschen Rechtsphilosophen Gustav Radbruch aus 1946 leuchtet den Grenzbereich der positiven Rechtsprechung aus. Sie besagt, dass ein Richter, der sich in einem Konflikt zwischen dem niedergeschriebenen, ‚gesetzten‘, positiven Gesetzen und einem Gerechtigkeitsgedanken befindet, sich grundsätzlich an das gesetzte Recht halten soll.

Golo Mann (Historiker, Schriftsteller) hat sein Gefühl für Deutschland 1959 beschrieben: „Man geht, poetisch gesprochen, auf einer Erde, auf der die Dinge ganz schön fett wachsen; aber der Boden, das, was darunter ist, ist unheimlich, und wenn ich so durch die Straßen einer deutschen Stadt gehe, so kommen mir immer die Angstträume in den Sinn, die ich in den dreißigern und frühen vierziger Jahren hatte, der Traum nämlich, ich sei in Deutschland und fragte mich mit Grauen, wie ich denn hingekommen sei. Dieses Traumhafte werde ich nie ganz los.“

Warum den Staub aufwirbeln?
Weil die Verantwortung bleibt. Weil es heute wieder ein Bestreben gibt, die demokratischen Institutionen zu nutzen, um die Demokratie selbst zu beseitigen.

Weil selbst die demokratischen Parteien den Mechanismus dieses Bestreben nicht verstehen oder ihm konsequent durch eigenes verantwortliches und ethisches Handeln zu begegnen, muss immer wieder erinnert, Staub aufgewirbelt werden.

Ambigue Begegnung – Srebrenicia

Lamellen – Begegnungen – eine Vorgeschichte von Jens Gärtner und Svenja Hirsch. Aus: Ambigue Begegnungen, Bod Verlag.

In Screbrenica wurden im Juli 1995 während des Bosnien Krieges über 8200 Jungen, Männer, Greise, einfach jede männliche Person ermordet. Das Massaker wurde unter der Führung von Ratko Mladic (Armee der Republice Srpske, der Polizei und Paramilitärs) verübt.

Das Fenster geht über die gesamte Zimmerfront. Auf derFensterbank ein Blumenkübel mit abgebrochenen Stielen. Ich sollte sie mehr pflegen, mehr gießen. Sie sehen traurig aus, trocken und verdorben. So wie ich. Das Licht des Computer-Bildschirms färbt bläulich auf die Zweige ab, auf meine Hände. Seit einer halben Stunde beobachte ich das Farbspiel, starre apathisch aus dem Fenster. Ein Wohnblock neben dem nächsten, aufgebaut in Reih und Glied. Zwischendrin nur die Balkone, kleine Terrassen und Gärten, ein schmaler Gehweg.
Von der Seite her rauscht die Straße. Die Fenster gegenüber sind gardinenverhangen.
Alte Leute, denke ich und schaue kurz zurück auf den Bildschirm. Nur das eine, schräg rechts, hat keine weißen, fließenden Spitzenstoffe. Ein Lamellenrollo verdeckt, wenn etwas verdeckt werden soll. Zeigt, wenn etwas gezeigt werden soll, oder deutet an, was sich dahinter verbergen könnte. Ich kneife die Augen zusammen, schaue dann schnell wieder weg. MeineGardinen sind weiß und schwer, mit großen Ösen, nur zugezogen, wenn ich schlafe. Sonst kann jeder von gegenüber sehen, wie ich alleine und zusammengerollt auf meiner 90 cm breiten Matratze liege. Kein Platz für einen zweiten Menschen in der Ein-Zimmer- Wohnung. Jetzt sind die Gardinen zu beiden Seiten aufgezogen, geben den Blick auf mich an meinem Schreibtisch frei.

Hinter den Lamellen ist ein Schatten. Ein Kind oder ein sitzender Erwachsener. Schreibtischhöhe, meine Höhe. Er bewegt sich und wird länger. Kein Kind, ein ausgewachsener Mensch. Steht frontal, entweder mit dem Rücken oder Gesicht zu mir, breites Kreuz, ein Mann. Er könnte mich jetzt gut beobachten oder sehen, dass ich ihn beobachte, denke ich und schaue weiter zu den Lamellen. Der Schatten bewegt sich, ein zweiter kommt dazu, hinten aus dem Licht einer geöffneten Tür. Oder dem, was ich als diese Tür erkenne. Ich arbeite weiter, öffne Back-Ends, tippe Codes in Masken und aktualisiere. Die Zeit vergeht, ich fülle die Online-Shops meiner Kunden mit neuen Produkten. Trash, denke ich, doch er bringt mir Geld. Bezahlt die Ein-Zimmer-Wohnung mit dem schmalen Bett. Geradeso. Bestandskunden, die ich in meiner guten Zeit als selbstständige OnlineShop-Managerin akquiriert habe. Jetzt mache ich kaum noch Akquise, die Kunden schwinden, die Kontakte generell. Sie gehen mir aus. Drüben brennt noch Licht. Als ich den PC runterfahre, ist es bei mir stockdunkel. Dann werden auch die Lamellen sorgsam von innen geschlossen.

Eigentlich ist es mir völlig egal, was die Leute über mich denken, Sie denken ja, was sie wollen. Ich habe meine Fenster gern offen, frei von Stoff, anders als viele hier. Biete, wem auch immer, Einblick. Manchmal nur ein wenig durch schräg gestellte Lamellen. Andere haben allerdings Gardinen, vielleicht nur, um sich dahinter zu verstecken. Die Häuser stehen sich eng gegenüber und geben Einblick in das 100fache Theater in den Schubkästen. Wie Puppenstuben. Wohnzimmer, Schlafzimmer. Wenn die Häuser nach Norden ausgerichtet sind, kann man auch in die Küchen blicken, in die Töpfe gucken. Sehen, wer alleine lebt, Familienleben, wechselnde Partner, nackte Menschen in allen erdenklichen Situationen. Schamlos, vergesslich. Das alles wird von vielen gar nicht mehr wahrgenommen, denke ich, sie nehmen es wie Autoverkehr, in den sie sich einfügen. Gedankenlos,eng beieinander und dennoch anonym. Wen interessiert das schon. Gegenüber sehe ich im Hintergrund eine bläulich illuminierte Silhouette, die sich im Fenster spiegelt. Wieder so eine einsame Person, die sich am Computer festhält, bis sie einschlafen kann. Ich schließe die Lamellen.

Ich sitze gern am Fenster. Wenn ich mich zu sehr beobachtet fühle, schließe ich die Lamellen auf eine Weise, die mir die Möglichkeit lässt, hindurch zu blinzeln und das Geschehen auf der Straße zu verfolgen.

Auch die mittleren Etagen kann ich dann einsehen, dass reicht mir meistens. Ich habe mich einmal in das Treppenhaus gegenüber begeben, um auszuprobieren, was man von dort aus sehen kann. Manchmal, wenn ich jemanden bemerke, spiele ich auch mit der Fensterverdunklung. Egal wer da guckt. Ein Angebot im Schubkastentheater, ja das biete ich manchmal.

In den nächsten Tagen brennt die Sonne in meine Wohnung. Tagsüber muss ich den linken Vorhang ein Stück zuziehen, um nicht komplett zu verbrennen. Ich arbeite, sitze, starre gegen den Stoff. Wie eingepfercht in den eigenen vier Wänden, der Blick kann nicht weit schweifen, er bleibt nur wenige Zentimeter weiter stehen, verirrt sich in dem Weiß, bis er ermüdet aufgibt. Nachmittags lässt sich der Vorhang endlich wieder ganz öffnen. Mein Blick wandert jedes Mal zu den Lamellen, jedes Mal dasselbe Spiel: Ein Schatten, der hinter dem Rollo sitzt, sich erhebt, einige Zeit wie erstarrt verweilt. Ich fühle mich beobachtet und beobachte doch penetrant zurück. So geht es bis zum Freitag. Keine Alternative. Nicht jetzt. Seit zwei Jahren wohne ich hier. Davor war mein Leben fast vier Jahre angenehm. So dachte ich zumindest. Oder vielleicht waren es weniger als vier Jahre, ich bin mir nicht sicher, habe den Wendepunkt weit verpasst. Erst hinterher, als es schon zu spät war und ich mit gepackten Kisten an der Straße saß, dämmerte es mir langsam. Zu zweit war ich. Doch irgendwann spürte ich Einsamkeit.

Die kleinlichen Vorwürfen, zuerst kaum spürbare Verletzungen, die, je mehr es wurden, auch die Wunden tiefer rissen. Die Ablehnung.

Erst nur von romantischen Gesten: Zwei Weihnachtsplätzchen auf einem Teller, einer in Schlüsselform und einer als Herz. Und die andere, versteinerte Miene mir entgegensah, die Worte „ich kann so etwas nicht“. Dann die Ablehnung von dem, was ich war: Meine Lieblingsbilder, meine Bücher, es war alles nicht mehr genug. Nicht mehr auszuhalten, nicht erwünscht. Ich habe das gelernt. Ich habe es für mich angenommen, Romantik gebe ich keinem mehr. Deshalb das 90-cm-Bett, die kleine Wohnung, nur mit mir am PC.

Ich bin erschöpft vom vielen und langen Sitzen, die Augen brennen. Ich ziehe mich aus dem Stuhl hoch, stemme die Hände in den unteren Rücken und drücke das Kreuz durch, sodass es knackt. Frontal stehe ich an meinem Fenster, wieder beobachtend, was diesmal hinter den Lamellen passiert.

Heute regnet es endlich. Häufiger als sonst sind die Gardinen in den Wohnungen gegenüber zurückgezogen. Wahrscheinlich taten es die meisten, so, als biete der Regen ausreichenden Schutz vor eindringenden Blicken. Eine natürliche Längslamelle. Oder es waren Hoffende, die auf besseres Wetter warteten, die Sonne zurücksehnten. Zeitweise zogen die Wolken dicht und schwarz über die Häuser, dass sie wie die Nacht selbst die Dunkelheit vor die Fenster und auf die regennasse Straße warf. Ich blickte in das Grau der Straße, die sich mit dem Himmel zu vereinen schien. In dieses Grau hinein trat eine noch dunkler gekleidete Person, mit einem schwarzen Schirm geschützt, in den Windfang vor der Eingangstür. Das konnte ich von meinem Platz aus gerade noch erahnen. Dann klingelte es bei mir. Ich öffne nicht. Ich will nicht. Ich kenne hier niemanden. Nur gegenüber eine Person, deren Schatten ich hin und wieder sehe. Das reicht mir. Es gibt keine Person mehr, die mir nah ist, also kann ich nicht gemeint sein. Dennoch spüre ich, dass da etwas ist, was ich weiß und das es noch Menschen gibt, die mich vielleicht kennen. Srebrenica ist weit weg. Aber eine Angst ist ganz nah, immer bei mir. Eine Angst, die ich nicht erklären kann. Die ich aus mir verbannen will, indem ich für mich bleibe. Schemen reichen mir.

Der erste Schatten steht am Fenster, hinter ihm Licht, dass durch die Türöffnung steht. Ein Türlichtfeld. Der zweite Schatten bewegt sich in den Raum. Dann stehen beide ganz dicht beieinander, umarmen sich vielleicht. Der zweite bewegt sich einen Schritt zurück, beugt sich zu dem ersten. Sie küssen sich bestimmt, denke ich. Ein warmes Gefühl durchwühlt mich. Schnell und zaghaft. Dann weicht das Gefühl zurück. So sieht auch der zweite Schatten aus, als ob er zurückweiche. Ich kneife die Augen zusammen, schiebe das Kinn nach vorne. Ich stehe einfach da. Die Szenerie kommt mir unwirklich vor, sie fällt heraus aus dem, was die vergangenen Tage hinter den Lamellen geschehen ist. Oder von dem, was ich denke, dass es geschehen sein könnte. Der Schatten bewegt sich minimal, es scheint, als blicke er zu mir herauf. Er verharrt. Der zweite Schatten sieht so aus, als bewege er sich auf den ersten zu. Ich halt die Luft an. Es geht alles ganz schnell. Kaum eine Millisekunde, so schnell, dass ich es nicht begreifen kann und der erste Schatten fällt nach unten. Nichts ist mehr zu sehen. Nur der zweite Schatten, wie er langsam bis ganz ans Fenster tritt, den Kopf gehoben geradeaus, die Lamellen, die sich langsam meinem Blick verschließen.

Ich kenne die Frau nur flüchtig. Ich erkenne sie in ihrem alt gewordenen Gesicht. Aber ich weiß nicht mehr, wer sie war oder gar wie sie hieß. Es stellt sich auch kein Gefühl ein. Sie sagt, sie kenne mich gut. Sie lacht. Warum lacht sie, denke ich. Ein Tee? Ein Kaffee? Etwas anbieten oder keine Zeit haben? Ein Tee wäre jetzt doch gut, sagt die Frau. Ich will meine Lamellen ein wenig weiter öffnen, damit die Person von gegenüber, die immerzu bläulich gefärbte Person, teilhaben kann an meinem Besuch, der mir nach der ersten Überraschung gar nicht mehr bekannt vorkommt. Die weiß, dass ich zurück gucke, sie muss es wissen, sonst macht alles keinen Sinn. Sie könnte Zeugin sein. Ich weiß noch nicht wovon. Sie steht da am Fenster und ich scheine ein Teil von ihrer Welt zu sein. Erst will ich das Teewasser aufsetzen. Es klingelt wieder. Die Frau öffnet, bevor ich bereit bin. Ich weiß nicht, warum ich das zulasse.
Es ist außerdem völlig unaufgeräumt. Was soll ich zuerst machen? Schnell schiebe ich den großen Kleiderständer beiseite. Meinen fast zwei Meter hoher Butler, der wie immer mit Kleidungsstücken, die ich in den letzten Wochen getragen hatte, viel zu voll gepackt war. Meine Aktion ist zu abrupt und das Monstrum kippt, in Zeitlupe zwar, unaufhaltsam zu Boden. Er fällt leicht, weich und leise, gemildert durch den Berg von Klamotten. Lärm macht lediglich das rahmenlos verglaste Poster, welches im Fallen von der Wand gerissen wird. Dann stehen unvermittelt zwei Frauen im Raum. Sie lachen, sie freuen sich scheinbar über das Chaos. Sie sehen sich an und lachen wieder, die zuletzt gekommene Frau sagt:“Ich gehe dann mal in die Küche.“ Sie schwingt sich dynamisch auf einem mit einem dunkelgrünen Highheal beschuhten Fuß in Richtung Küche. Woher weiß sie, wo die Küche ist, denke ich noch, bevor die erste Frau, die mit dem alten Gesicht sagt: „Wir haben Kekse mitgebracht.“ Ich komme nicht darauf. Wer ist sie, und Kekse, was für Kekse? „Wir trinken erst einmal einen Tee und dann räumen wir auf, nicht?“ „Woher kennen Sie mich?“, frage ich. Mittlerweile sitze ich auf meinem Sofa, von wo aus ich sowohl den Raum als auch das Fenster sehen kann. Sie sagt nichts, lächelte aber freundlich. Dabei blitzten zwei silbern überkronte Schneidezähne aus ihrem Mund.
Das Dorf, sagt sie nach einer Weile, und jetzt blitzen auch ihre Augen. Aber sie sieht aus, wie jede Frau aus einem Dorf, jedenfalls in ihrem Alter sieht sie aus, wie jede Frau. Eine beliebige Nachbarin aus einem Dorf , ja genau, ich fange an, mich zu erinnern. Ein Dorf an der Drina, in einem Chaos der „Säuberung“. Was machen sie jetzt hier? Ich sehe sie in einem Strom von Menschen, die in alle Richtungen laufen. Die einen Blauhelmsoldaten anschreien, eine Straße blockieren, um Zeit zu gewinnen. Aber das ist sinnlos, denn die Blauhelme verschwinden, die Menschen sind auf sich gestellt. Jeder für sich. Ich für mich. Der Lärm der Granaten die dann kommen, ist verschwunden. Hier ist es still. Hier soll es still bleiben. Das laute Töten geht mich nichts mehr an. Ich nehme einen dieser Kekse. Sie schmecken bitter und zuckersüß. Ich nehme noch einen. Wenn ich kaue, muss ich nicht reden. Worüber auch reden? Blute ich?

Kann das Gewalt gewesen sein? Körperliche. Seelische meine ich zu kennen – schon als ich mit ihm zusammenzog, war ich nicht gänzlich willkommen. Und dann nach zwei Jahren die Haussuche. Ich suchte, sollte aber nicht im Grundbuch stehen. Er traute mir nicht. Er meinte, ich könne ihn ausnehmen. Stattdessen wollte er mich ausnehmen. Ich sollte Miete zahlen, dort im Eigenheim, zahlen für etwas, das ich am Ende nicht besitzen würde, damit er es am Ende besaß. Ich begriff das erst später. So isoliert war ich, dass ich es kaum mehr spürte. Als wäre auch mein Schatten nach unten gefallen, nicht mehr sichtbar. Mein Glück? Ich hatte es nicht verteidigt gegen ihn. Gegen ihn und für mich. Und jetzt sitze ich hier. Ich kann an dem Leben der anderen teilnehmen, wenn ich durch die Scheiben sehe. Mein Kopf erledigt den Rest. Hinter Scheiben können sie mir nichts anhaben, diese Menschen. Wie die wilden Tiere im Zoo. Ich sehe sie und ihr Leben. Glaube, in Kontakt zu stehen und doch können sie nicht an mich ran, mir nichts anhaben. Mir nicht weh tun.

In meinem Kopf dreht sich alles. Zu laut und schwer, wie Kreislauf an einem heißen Sommertag. Habe ich je jemanden in das Haus gegenüber gehen sehen? Und wenn ja, wie könnte ich den- oder diejenige zuordnen? Als Gast hinter den Lamellen? Wenn ein Schatten runter fällt und
wegbleibt. Ist er dann tot? Oder durch ein Licht weg geblendet? Hörte man einen Schuss? Etwas, das nicht im Stande war, zu mir herüber zu dringen, wie ein Schlag oder ein Stich? Und sollte ich rüber gehen? Sollte ich die Polizei rufen, würde man mich für verrückt erklären? Hat es hinter den Lamellen schon eine Putzaktion gegeben, alle Spuren verwischt? Ein Mord oder nur ein ermordeter Schatten?
Ich stehe vor der Tür, die Jacke fest um mich gewickelt. Friere. Bekomme kalte Füße. Alles Grau in Grau. Ich starre auf das Klingelschild. Welcher Name könnte zu den Lamellen passen? Peters? Korniman? Jemand kommt aus dem Haus. Der erste Mensch seit Tagen, den ich ohne Fenster zwischen ihm und mir anschaue. Ich reagiere schnell, nicke, lächle, fasse an die Glasscheibe der Tür und halte mir diese in den Hauseingang auf. Wieder dieses Kreislaufproblem. Mir ist schwindelig. Menschen. Menschen machen mich wahnsinnig, wenn keine Scheibe zwischen ihnen und mir ist. Und doch spüre ich, wie ich nach dem Kontakt geradezu lechze, ich fühle mich wie ausgehungert. Als habe ich mir eben gerade, durch die Begegnung auf der Treppe eine Spritze gesetzt, gefüllt mit einer höchst abhängig machenden Droge. Reingedrückt, ab in die Blutkreislaufbahn. Mehr davon, sonst fange ich noch an zu zittern. Also steige ich die Treppe hinauf. Erster Stock. Hier müsste es sein. Es duftet nach Tee. Soll ich klingeln?

Im Treppenhaus steht noch eine Frau. Ich werde verrückt, werde ich verfolgt? Aber die im Treppenhaus kommt mir bekannt vor. Aus den Augenwinkeln heraus scheint die Frau Ähnlichkeit mit der bläulich beleuchteten Person von Gegenüber zu haben. Ich erschrecke. Machten die gemeinsame Sache? Komm leg dich aufs Bett, hatten sie mich aufgefordert. „Du bist ja ganz blass, lachen sie. Die zweite Frau, die zuletzt gekommen war und genau wie die erste keinen Namen nannte, hatte sich schon rückwärts auf mein Bett fallen lassen. Wie waren sie überhaupt im Schlafzimmer gelandet? Weg von den Lamellen! Die erste zog mich am Arm und biss mir in den Hals gebissen. Und gelacht. Dann schubst mich die eine und die andere zog. Ich fliege auf das Bett. Jetzt schreit die zweite: „Was machst du hier in meinem Bett?“ Sie ziehen mir, als ich im Bett zappel, den Gürtel aus der Hose und freuen sich. War das noch Spaß? Dann stoßen sie mich mit den Füssen auf den Boden, treten zu und versuchen mich mit dem Gürtel zu treffen. „Für Srebrenica“, schreien sie. „Wir ziehen Dir die Haut ab.“ „Ich hab doch nichts gemacht!“ , brülle ich. „Genau das ist es ja, du hast nur zugeguckt, du Feigling“. Ich will etwas erwidern, erklären, aber sie wollen nicht reden. Ich drehe mich zur Seite trample und strample mich frei. Mit letzte Kraft renne ich aus der Wohnung gerannt. Ich verliere meine Sinne. Jetzt steht diese Frau hier. Ist sie jetzt in Gefahr?
Kann ich sie da oben rein laufen lassen? Ich laufe an ihr vorbei, über die Straße in das Treppenhaus hinein, was mir von meinen Besuchen bereits vertraut ist. Von hier aus blicke ich in meine Wohnung, in der gerade die Jalousien, die ich vorhin weiter geöffnet hatte, vollständig geschlossen werden. Ich blicke noch einen Moment hinüber. Mein Herz rast und ich schwitze. Diesen Zustand meines Körpers bekomme ich nicht unter Kontrolle. Auf einem Treppenabsatz ruhe ich mich aus, was ich nicht lange aushalte. Als ich wieder aufstehe, sehe ich hinter den Lamellen meiner Wohnung einen schwachen Lichtschein. Er wirkt nicht wie ein Lampenlicht, das würde man in diesem noch schummrigen Tageslicht nicht erkennen. Was für ein Licht kann das sein? Ein Zeichen? Für mich? Ich stehe unschlüssig im Treppenhaus. Soll ich bei der Person klingeln, die immer im bläulichen Licht steht? Mit welcher Begründung? Ich denke, sie sieht mich auch. Fühle, dass sie mich kennt, da wir uns gewissermaßen täglich sehen. Ich wolle „Hallo“ sagen? Aber ich musste doch wissen, ob sie in meiner Wohnung war. Sie war doch meine einzige Bekannte von Gegenüber. Jedenfalls sehe ich sie immer. Wenn sie am Fenster ist. Ich muss doch auch für sie ein Bekannter sein. Unentschieden blicke ich wieder über die Straße. Sie scheint immer breiter zu werden. Ein Schwindel erfasst mich, mein Kopf weitet sich. Die Straße färbt sich blauschwarz zu einem Fluss. Das Wohnhaus gegenüber schrumpft zu einem Häuschen, wie das in Srebrenica. Srebrenica 1995, das Haus das brannte. Aus dem liefen jetzt zwei Frauen heraus und schrien. Ich sah sie weglaufen, voller Angst. Männer liefen ihnen nach. Schüsse fielen. Die Alte mit den Metallzähnen wurde jetzt in meinem Kopf immer jünger und lief rückwärts. Ich erinnerte mich nicht mehr, wer war ich da in Srebrenica, in dem Massaker. Das Haus am Fluss brannte jetzt lichterloh.

Der Mann ist verrückt, nicht ich! Ja, es ist ein erwachsener Mann. Ich habe ihn gesehen. Eben. Ich stand vor seiner Tür. Dreckiges Weiß, Schrammen im Holz. Die Tür wurde von Innen aufgerissen. Er. Nackt. Keuchend. Als habe man ihn gejagt. Schweissüberströmt, wie ein Urmensch aus einer anderen Zeit. Er starrte mich an. Wie ein Gespenst, auf das er gewartet hat. Ich sah an ihm hinunter. Was sollte ich sonst tun? Da fiel es mir auf, seine Hände. Rot. Auffallend rot. Er preschte an mir vorbei, so wie er war, die Treppen hinunter. Ich lief ein paar Schritte hinterher. So verrückt und aufgescheucht hätte er leicht ein Kind erschrecken können. Oder jemanden angreifen. Er könnte jemandem weh tun.

Aber was weiß ich schon über Menschen! In so vielen habe ich mich getäuscht, gerade in den mir so nahe geglaubten. Ich sehe, wie er hinüberläuft, von seinem Treppenhaus in meines. Und ich bin hier. Was tun, was tun? Ich zittere am ganzen Körper. Entzugserscheinung? Oder kann ich ihnen nicht mehr begegnen, den Menschen, so ganz ohne Scheibe, die nackte Realität vor Augen, den ganzen Wahnsinn?

Es gibt kein Zurück. Ich kann nicht hinüber, nicht in meine Wohnung. Da ist er. „Egal wo ich bin, du bist schon da“, der Satz des Todes, ein Satz, der mich an alte Zeiten erinnert. Den er zu mir sagte, im gemeinsamen Bett. Es schmerzt. Ich kann nur hier warten. Oder ganz gehen. Ein paar Straßen weiter. Zur Polizeiwache.

Weiterlesen: In Ambigue Begegnungen, BoD Verlag, ISBN 978-3749453283

Chinesische Sprichwörter in Hongkong

Beitragsbild Isabel Gärtner

Aus gutem Kupfer macht man keine Nägel.

Zwei Brüder saßen vor langer Zeit vor ihren gefüllten Reisschüsseln.
Der kleinere besaß die größere, bunt bemalte,
gefüllt mit einer großen Portion Reis und Gemüse.

Der größere Bruder war immer hungrig,
seine Schüssel war jedoch viel kleiner
und aus rohem Ton.

Als der große Bruder erwachsen wurde,
hatte er Angst, dass ihn seine Familie
wegen seiner Schwäche, gegenüber
der Stärke des kleinen Bruders,
mit dessen bunten, gut gefüllten Schüssel
verachten würde.

Er beschloss, alle Reissetzlinge,
die sein kleiner Bruder gepflanzt hatte,
auszureißen.
„Was nützt eine ungefüllte bunte Schüssel
vor der man mit leeren Magen sitzt“.

So began er,
alle Reispflanzen auszureißen.
Doch dort wo die Reispflanzen standen, schossen
Kupferstäbe aus dem Boden,
der dem kleinen Bruder gehörte.
Das Kupfer fing an zu leuchten.

So berichteten die Leute,
was dem großen Bruder nicht gefiel.
Er stieg auf den hohen Berg vor den Toren der Stadt,
weil er sich selbst überzeugen wollte.
Erst wer die Höhe des Berges erklommen hat,
vermag die Ebene zu übersehen“.

Er sah, dass auch auf seinen Feldern ein wenig Kupfer glühte
Nägel wollte er daraus machen.
Aber er wusste es besser:
Aus gutem Kupfer macht man keine Nägel“.
Wie sollte er diese Art euchtenden Hungers stillen?

Er stieg den Berg hinab
und ließ tausende Fackeln anzünden,
deren Rauch das Leuchten erlöschen sollte.
Der kleine Bruder schwieg dazu.
Der Leise hat eine starke Stimme“, sagte er sich.

Daraufhin klopfte der große Bruder aufgebracht
bei seinem kleinen Bruder an die Tür.
Die Frau des kleinen Bruders
warnte davor, die Tür zu öffnen.

Der leere Kessel macht den größten Krach
und trocken kocht er am schnellsten“,
sagte der kleine Bruder.
Fürchte dich nicht.

Wenn aber draußen die Angst steht?“
Ich habe Vertrauen“, entgegnete der kleine Bruder
und öffnete die Tür.
Siehst Du, es ist niemand da“.

Neues vom Dachboden. „Gastbeitrag“ aus der taz.die tageszeitung vom 04.11.2019: Ein Profiteur der Nazis – Ludwig Erhard

Viele alte Nazis sind die Baumeister des alten und neuen „Rechten“ gewesen. Ein Beispiel: Ex. Bundeskanzler Ludwig Erhard
taz.die tageszeitung vom 04.11.2019 schreibt:
Ludwig Erhard. Ein Profiteur der Nazis. Viele Liberale wollen es nicht glauben: Ein Briefwechsel zwischen Ludwig Erhard und der SS beweist, dass der spätere Bundeskanzler willig mit den Nazis zusammengearbeitet hat.

https://www.taz.de/!5635132