Das volle Glas
Der Mann am Schreibtisch liest die Glückwunschkarten. Viele haben eine 50 mit Herzen, Luftballons oder Cabrios als Motiv auf der Klappseite. Fünfzig. Das Glas ist halb leer. Die meisten Schlachten sind scheinbar geschlagen. Die kleinen Tode einiger Ziele gestorben. Der BMI akzeptabel.
Die Frau hinter ihm packt die Koffer, einen großen und einen fürs Handgepäck. Sie richtet sich auf, noch in Unterwäsche, wählt ein Kleid mit durchgehenden Knöpfen. Das Kleid ist schlank geschnitten, über der linken Brustseite wirft es Falten oberhalb der großen Narbe.
Er sieht sie im Spiegel der Schranktür. Sie sieht, dass er sie sieht, und für einen Augenblick bleiben beide in dieser doppelten Betrachtung gefangen. Dann dreht sie sich um.
„Du kannst ruhig fragen.“
„Was denn?“
„Ob ich das Kleid anziehen kann. Ob ich die Reise schaffe. Ob ich überhaupt noch irgendetwas schaffe.“
Er legt die Karte mit dem Cabrio auf den Stapel. Auf der Innenseite steht: Jetzt beginnt die beste Zeit deines Lebens. Er hat den Satz bereits dreimal gelesen, ohne zu wissen, ob er ihn für eine Verheißung oder eine Beleidigung halten soll.
„Ich wollte nur wissen, ob du Hilfe brauchst.“
„Ich brauche Hilfe beim Koffer. Nicht beim Anziehen.“
Sie sagt es nicht unfreundlich. Gerade das macht es schwierig. Seit Monaten besteht ihre Ehe aus solchen kleinen Grenzverhandlungen. Darf er fragen, ob sie Schmerzen hat? Darf er ihr den Einkauf abnehmen, ohne dass sie sich entmündigt fühlt? Darf er müde sein, wenn sie es ist? Darf er sich auf etwas freuen, das sie vielleicht nicht mehr erleben wird?
Sie schließt die obersten Knöpfe. Der Stoff legt sich über die Narbe, als müsse er eine neue Landschaft lernen. Früher hat er ihren Körper gekannt, ohne hinzusehen. Jetzt schaut er zu oft und zugleich nicht genau genug. Er fürchtet, sie zu verletzen, und verletzt sie mit seiner Vorsicht.
„Das blaue Tuch?“, fragt sie.
„Das aus Portugal?“
„Nein, das andere blaue Tuch, das wir seit siebenundzwanzig Jahren besitzen.“
Er lacht. Sie auch, kurz. Es ist ein kleines Geräusch, aber es verändert die Luft im Zimmer.
„Es ist eigentlich Dein Tuch“.
Sie hatten sich mit dreiundzwanzig kennengelernt, in einer Küche, die nach angebranntem Reis roch. Er war zu einer Party gekommen, auf der er niemanden kannte, und sie hatte ihm erklärt, dass der Gastgeber ein Idiot sei, aber immerhin guten Wein besitze. Später standen sie auf dem Balkon und sahen auf die beleuchteten Fenster gegenüber. Sie erzählte ihm, sie wolle einmal am Meer leben. Er sagte, er wolle ein Haus mit einer Bibliothek. Keiner von beiden hatte Geld, und beide sprachen, als sei die Zukunft ein Grundstück, das ihnen bereits gehörte.
Es folgten Jahre, die sich im Rückblick wie ein einziger langer Sommer ausnahmen, obwohl sie aus gewöhnlichen Tagen bestanden. Sie arbeiteten, kauften ein Auto, das im Winter nicht ansprang, und stritten über die richtige Art, eine Spülmaschine einzuräumen. Sie heirateten in einem Rathaus mit gelben Vorhängen. Ihre Mutter weinte, sein Vater machte zu viele Fotos. Auf der Hochzeitsreise verloren sie einen Koffer und fanden ein kleines Restaurant, in dem sie drei Abende hintereinander aßen, weil sie sich nichts anderes leisten konnten und weil es dort die besten gegrillten Sardinen ihres Lebens gab.
Dann kamen die Kinder. Zuerst ein Junge, der nicht schlafen wollte, später ein Mädchen, das alles wissen wollte. Die Nächte wurden kürzer, die Rechnungen länger. Sie kauften ein Haus mit einem undichten Dach und einem Garten, in dem zunächst nur Brennnesseln wuchsen. Er bekam eine Stelle, die ihn oft fortführte. Sie baute ihre eigene Arbeit auf, zunächst am Küchentisch, später in einem kleinen Büro. Sie waren nicht immer gerecht zueinander. Es gab Jahre, in denen sie einander mehr organisierten als liebten, und Abende, an denen sie vor Erschöpfung nur noch über Mülltonnen, Elternabende und die nächste Steuererklärung sprachen.
Aber es gab auch die anderen Dinge. Die Sommer an der Ostsee, als die Kinder noch glaubten, man könne Muscheln oder kleine mit dem Kescher gefangenen Fische verkaufen und davon reich werden. Die Reise nach Italien, auf der sie sich verirrten und schließlich in einem Dorf landeten, dessen Namen sie nie wieder erinnerten. Die Nächte auf der Terrasse, wenn die Kinder schliefen und sie Wein tranken, obwohl am nächsten Morgen beide früh aufstehen mussten. Die Versöhnungen nach Streitigkeiten, bei denen keiner mehr wusste, worum es ursprünglich gegangen war.
Sie hatten ein gutes Leben. Kein makelloses, kein besonders außergewöhnliches. Ein Leben, das sich aus Arbeit, Glück, Fehlern und einer erstaunlichen Menge gegenseitiger Nachsicht zusammensetzte. Sie hatten es nicht bemerkt, während es entstand. Erst jetzt, da es bedroht war, erschien es ihnen wie ein Kunstwerk, an dem sie jahrzehntelang gearbeitet hatten, ohne je einen Entwurf zu besitzen.
Der Hund war gestorben. Die Kinder waren ausgezogen. Das Haus war stiller geworden, und sie hatten begonnen, diese Stille zu genießen. Sie planten Reisen, sprachen über weniger Arbeit, über ein kleines Haus am Wasser, über die Frage, ob man mit sechzig noch einmal etwas völlig Neues anfangen könne.
Dann hatte sie beim Duschen die Verhärtung gespürt.
II
Der erste Arzttermin war an einem Dienstag gewesen. Draußen hatte es geregnet, und im Wartezimmer stand ein Aquarium mit drei Fischen, die immer dieselbe Strecke schwammen. Sie hatte später gesagt, sie könne sich an jedes Detail erinnern: den Geruch des Desinfektionsmittels, die zu warme Heizung, den Fleck auf dem Teppich. Nur die Worte des Arztes seien ihr wie durch Wasser entgegengekommen.
Danach wurde die Zeit in Termine zerlegt. Untersuchungen, Befunde, Operation, Gespräche. Es gab Tage, an denen sie sich tapfer fühlte, und andere, an denen sie das Wort Tapferkeit nicht ertragen konnte. Freunde schickten Blumen und Nachrichten. Manche schrieben, sie müsse positiv denken. Andere erzählten Geschichten von Menschen, die alles überstanden hatten. Sie wusste, dass es gut gemeint war, und hasste es trotzdem manchmal. Nicht, weil sie die Hoffnung verachtete, sondern weil sie die Pflicht zur Hoffnung erschöpfte.
Er lernte, Verbandsmaterial zu kaufen, ohne vor dem Regal zu stehen wie ein Mann, der eine fremde Sprache entziffern muss. Er lernte, welche Fragen man beim Arzt stellen sollte, und dass man die Antworten am besten aufschrieb. Er lernte auch, dass Liebe nicht immer hilft. Manchmal saß er neben ihr und konnte nichts tun, während sie vor Schmerzen oder Angst weinte. Er hätte ihr alles abgenommen, wenn es möglich gewesen wäre. Gerade die Unmöglichkeit machte ihn gelegentlich wütend.
Einmal, mitten in der Nacht, hatte sie gesagt: „Du musst nicht immer so tun, als wäre alles gut.“
Er hatte geantwortet: „Ich tue nicht so.“
„Doch. Du machst Pläne. Du redest vom nächsten Sommer. Du sagst, wir schaffen das.“
„Was soll ich denn sonst sagen?“
Sie hatte ihn lange angesehen.
„Vielleicht, dass du auch Angst hast.“
Da hatte er zum ersten Mal vor ihr geweint. Nicht schön, nicht beherrscht. Er hatte das Gesicht in die Hände gelegt und gesagt, dass er nicht wisse, wie er ohne sie leben solle. Sie hatte ihn an sich gezogen, obwohl die Bewegung ihr wehtat.
„Endlich“, sagte sie nur.
III
Jetzt, am Tag nach seinem fünfzigsten Geburtstag, steht der Koffer offen auf dem Bett. Sie hat beschlossen, dass sie fahren: vier Tage ans Meer, in ein Hotel, das sie früher schon einmal besucht haben. Kein großes Abenteuer, keine Weltreise. Nur ein Ortswechsel, den sie sich beide wünschen und vor dem sie beide Ängste haben.
Er faltet ein Hemd, legt es wieder auseinander und faltet es erneut.„Du packst, als müssten wir auswandern“, sagt sie.„Ich möchte nur nichts vergessen.“
„Dann vergiss nicht, dass wir Urlaub machen.“
Er sieht sie an. Sie steht vor dem Spiegel und versucht, das Tuch so zu binden, dass es nicht wie eine Verkleidung wirkt. Er möchte ihr sagen, dass sie schön ist. Das Wort liegt ihm auf der Zunge, aber er fürchtet, es könne wie Trost klingen.
„Das steht dir“, sagt er schließlich.
Sie betrachtet sich noch einmal.
„Es ist ein Kleid“, antwortet sie.
„Ich weiß.“
„Du darfst auch sagen, dass ich schön aussehe.“
Er lächelt, und diesmal sagt er es. Sie nickt, als habe er eine Prüfung bestanden, deren Regeln sie beide erst lernen müssen.
Auf dem Weg zum Flughafen fährt er zu vorsichtig. Sie bemerkt es an der Art, wie er vor jeder Kurve bremst. Früher hatte sie ihn wegen seiner Ungeduld am Steuer ermahnt. Jetzt möchte sie ihn auffordern, schneller zu fahren, nur um für einen Augenblick wieder die alte Frau zu sein, die sich über ihren Mann ärgert.
Stattdessen legt sie die Hand auf seinen Oberschenkel.
„Du kannst ganz normal fahren.“
„Ich fahre normal.“
„Du fährst, als transportierten wir eine Ming-Vase.“
Er lacht. „Eine sehr kostbare.“
„Eine sehr genervte.“
Am Flughafen sitzen sie zwischen Menschen, die in ihre eigenen Zukünfte unterwegs sind. Ein Kind schläft auf dem Schoß seines Vaters. Zwei junge Frauen vergleichen Fotos auf ihren Telefonen. Ein älteres Paar teilt sich ein belegtes Brötchen. Niemand sieht ihnen an, was sie mit sich tragen. Das empfindet sie als Erleichterung. Die Welt verlangt hier nichts von ihr. Sie ist eine Reisende unter Reisenden, mit einem Pass, einem Boardingpass und einem Koffer, dessen Rollen auf dem Boden klappern.
Er kontrolliert zum dritten Mal die Medikamente.
„Sie sind noch da“, sagt sie.
„Ich weiß.“
„Dann gib Ruhe.“
Er steckt die Tasche weg. Nach einer Weile fragt sie: „Fürchtest Du Dich?“
Er sieht auf die Flugzeuge hinter der Scheibe.
„Ja.“
„Wovor?“
„Dass es dir schlecht geht. Dass wir zu weit weg sind. Dass ich etwas übersehe.“
Sie nickt. Dann sagt sie: „Ich habe Angst, dass du irgendwann nur noch aufpasst.“
Er versteht nicht sofort.
„Auf mich“, erklärt sie. „Dass du mich ansiehst und nur noch siehst, was passieren könnte.“
Er möchte widersprechen, aber sie legt ihre Hand auf seine.
„Ich weiß, dass du mich liebst. Es ist nur manchmal unglaublich, so geliebt zu werden.“Er schaut sie an, und sie sieht, dass sie ihn getroffen hat.
„Nicht deine Liebe“, sagt sie leiser. „Die Lage. Dass ich dich brauche und gleichzeitig nicht brauchen will. Dass du mir helfen sollst und ich es nicht immer annehmen kann. Dass wir beide ständig versuchen, dem anderen etwas zu ersparen, und dabei kaum noch miteinander reden.“
Er denkt lange darüber nach.
„Ich weiß manchmal nicht, was richtig ist.“
„Ich auch nicht.“
Sie sitzen nebeneinander, und zum ersten Mal seit Wochen muss keiner von ihnen eine Lösung finden.
IV
Das Meer empfängt sie mit Wind und einem Himmel, der aussieht, als habe jemand graue Farbe in Wasser gerührt. Ihr Zimmer liegt im dritten Stock. Vom Balkon aus sieht man die Promenade, die Dünen und dahinter die breite, unruhige Fläche des Wassers.
Sie öffnet die Balkontür. Die Luft riecht nach Salz, feuchtem Holz und dem fernen Fett einer Fischbude. Für einen Augenblick schließt sie die Augen.
„Das habe ich vermisst“, sagt sie.
Er stellt die Koffer ab und tritt neben sie. Sie stehen so lange dort, bis ihnen kalt wird.
Am Nachmittag gehen sie spazieren. Sie trägt einen Mantel, obwohl es nicht besonders kalt ist, und er passt sein Tempo ihrem an. Früher wäre sie vorausgegangen, hätte sich nach ihm umgedreht und gerufen, er solle nicht so trödeln. Jetzt gehen sie langsam, und beide tun so, als sei es eine Entscheidung, die sie gemeinsam getroffen haben.
Vor einem Café bleibt sie stehen.
„Kuchen?“
„Du hast vorhin gesagt, du hast keinen Hunger.“
„Vorhin war vorhin.“
Sie bestellen Kaffee und ein Stück Apfelkuchen mit Sahne. Er schiebt ihr die größere Hälfte zu. Sie schiebt sie zurück.
„Ich kann mir meinen Kuchen selbst einteilen.“
„Entschuldigung.“
Sie seufzt. „Du musst dich nicht für jeden Handgriff entschuldigen.“
Er nimmt die Gabel wieder auf. Draußen läuft ein Hund über den Strand, verfolgt von einem Mann, der vergeblich seinen Namen ruft.
„Ich habe gestern den Arztbrief gelesen“, sagt sie.
Er legt die Gabel ab.
„Den ganzen?“
Sie nickt.
„Auch die Stelle mit den fünf Jahren.“
Er schaut hinaus. Die Wellen kommen in schrägen Linien auf den Strand zu.
„Statistiken sind keine Vorhersagen“, sagt er.
„Ich weiß.“
„Und der Arzt hat gesagt, dass—“
„Ich weiß, was der Arzt gesagt hat.“
Er verstummt. Sie betrachtet den Kuchen, als könne sie darin eine Antwort finden.
„Manchmal denke ich, ich werde wieder gesund und wir machen einfach weiter. Und dann denke ich, vielleicht ist das alles schon der Anfang vom Ende. Ich weiß nicht, wie man mit beidem gleichzeitig leben soll.“
Er nimmt ihre Hand.
„Ich auch nicht.“
Sie sieht ihn an. Es ist eine einfache Antwort, und gerade deshalb kann sie sie annehmen.
„Ich will nicht, dass du dein Leben aufgibst“, sagt sie.
„Das tue ich nicht.“
„Doch, ein bisschen schon. Du sagst Verabredungen ab. Du gehst nicht mehr zum Sport. Du sitzt abends neben mir, obwohl du lieber mit deinen Freunden unterwegs wärst.“
„Ich bin gern bei dir.“
„Das glaube ich dir. Aber ich will nicht, dass du irgendwann zurückblickst und denkst, ich hätte dir alles genommen.“
Er zieht die Hand zurück, nicht aus Ärger, sondern weil er plötzlich nicht weiß, wohin mit ihr.
„Du nimmst mir nichts.“
„Noch nicht.“
Das Wort bleibt zwischen ihnen liegen. Sie bereut es sofort, aber sie nimmt es nicht zurück. Es gehört zu den Gedanken, die sie sonst nur nachts zulässt.
Er sagt schließlich: „Ich habe manchmal Angst, dass ich mich auf etwas freue und du denkst, ich hätte dich vergessen.“
Sie sieht ihn überrascht an.
„Auf was denn?“
„Auf einen Abend mit Freunden. Auf eine Reise. Auf irgendetwas, das nichts mit der Krankheit zu tun hat.“
Sie nickt langsam.
„Dann musst du es mir sagen.“
„Und du musst mir sagen, wenn du allein sein willst.“
„Das kann ich.“
„Ohne dass ich beleidigt bin.“
Sie lächelt. „Das wird schwieriger.“
Er lacht, und sie lacht mit. Dann wird sie wieder ernst.
„Ich möchte, dass wir ein Leben haben. Nicht nur eine Behandlung.“
Er sieht sie an und weiß, dass dies der Satz ist, auf den er seit Monaten gewartet hat, ohne ihn selbst formulieren zu können.
V
Am nächsten Morgen scheint die Sonne. Sie frühstücken spät und fahren mit einem kleinen Ausflugsschiff hinaus. Das Deck ist fast leer. Sie sitzen nebeneinander, eingewickelt in Jacken, während die Küste langsam hinter ihnen zurückweicht.
Sie erzählt ihm von einem Traum, den sie in der Nacht gehabt hat. Darin waren die Kinder wieder klein gewesen, und sie hatten alle zusammen in ihrem alten Auto gesessen. Niemand wusste, wohin sie fuhren, aber alle waren glücklich. Er erinnert sich an dieses Auto, an den Geruch der Polster und die klemmende Beifahrertür. Er erinnert sich auch daran, wie sie einmal mitten in Frankreich eine Panne hatten und drei Stunden auf Hilfe warteten. Die Kinder hatten im Straßengraben Blumen gepflückt, und sie hatten sich gestritten, weil er die Warnweste nicht finden konnte.
„Das war ein schrecklicher Tag“, sagt er.
„Nein“, antwortet sie. „Das war ein wunderbarer Tag mit einer schrecklichen Stunde.“
Er denkt darüber nach. Vielleicht ist das eine der Fähigkeiten, die sie immer besessen hat: einem Tag nicht zu erlauben, nur aus seinem schlimmsten Augenblick zu bestehen.
Später stehen sie an der Reling. Das Schiff bewegt sich schwer durch die Wellen. Sie hält sich fest, und er steht dicht hinter ihr, ohne sie zu berühren.
„Du darfst“, sagt sie.
Er legt die Arme um sie. Sie lehnt sich zurück, und für einen Moment ist es wie früher, als sie sich auf Fähren, Bahnsteigen oder in fremden Städten aneinander lehnten, ohne darüber nachzudenken.
„Ich habe Angst vor dem Sterben“, sagt sie plötzlich.
Er hält sie fester.
„Ich weiß.“
„Nein. Ich meine nicht nur vor dem Tod. Ich habe Angst davor, dass ich vorher nicht mehr ich selbst bin. Dass ich nur noch aus Schmerzen bestehe. Dass ich euch zur Last falle.“
Er sucht nach einem Satz, der ihr helfen könnte, und findet keinen. Schließlich sagt er: „Ich kann dir nicht versprechen, dass es nicht schwer wird.“
Sie nickt.
„Aber ich kann dir versprechen, dass du nicht erst etwas leisten musst, damit ich bei dir bleibe.“
Sie dreht sich in seinen Armen um. Der Wind weht ihr das Haar ins Gesicht.
„Das ist schön“, sagt sie. „Und trotzdem möchte ich nicht, dass du dich opferst.“
„Vielleicht müssen wir lernen, Hilfe anzunehmen. Von anderen. Nicht nur voneinander.“
Sie sieht ihn an, als prüfe sie, ob er es ernst meint.
„Das wäre vielleicht vernünftig.“
„Ein ungewohntes Konzept für uns.“
Sie lächelt. Dann küsst sie ihn, mitten auf dem Deck, während hinter ihnen ein Möwenschwarm aufsteigt.
VI
Am letzten Abend gehen sie noch einmal an den Strand. Die Sonne steht tief, und das Wasser hat die Farbe von geschmolzenem Zinn. Sie zieht die Schuhe aus und trägt sie in einer Hand. Er nimmt ihr die andere ab, nicht weil sie es braucht, sondern weil sie ihm die Schuhe hinhält.
Sie gehen bis zu einer Stelle, an der die Promenade hinter den Dünen verschwindet. Dort setzen sie sich auf eine Bank. Vor ihnen liegt das Meer, hinter ihnen das Land, auf dem ihr Leben stattgefunden hat.
„Was machen wir eigentlich mit deinem Geburtstag?“, fragt sie.
„Der ist vorbei.“
„Du hast ihn nicht gefeiert.“
„Wir waren hier.“
„Das ist keine Feier.“
Er zuckt mit den Schultern. „Vielleicht nächstes Jahr.“
Sie dreht sich zu ihm.
„Nein.“
Er sieht sie an.
„Nicht nächstes Jahr. Wir feiern, wenn wir zurückkommen. Mit den Kindern, unseren Freunden, gutem Essen. Und du hörst auf, so zu tun, als wäre fünfzig eine Beerdigung.“
Er lacht, aber sie bleibt ernst.
„Ich will nicht, dass wir alles auf später verschieben.“
Er nickt. Dann sagt er: „Und ich will nicht, dass wir so tun, als müssten wir jetzt jeden Tag besonders machen.“
Sie überlegt.
„Das stimmt auch.“
Sie sitzen eine Weile schweigend. Ein Junge wirft Steine ins Wasser. Seine Mutter ruft ihn zurück, weil es dunkel wird. Er wirft noch einen, dann läuft er los.
„Vielleicht ist das unsere Aufgabe“, sagt sie schließlich. „Nicht jeden Tag besonders machen. Sondern die gewöhnlichen Tage nicht verlieren.“
Er nimmt ihre Hand.
„Und wenn einer davon schrecklich ist?“
Sie denkt an das Auto in Frankreich, an die Kinder im Straßengraben, an die Blumen, die sie damals in einer leeren Wasserflasche mit nach Hause genommen hatten.
„Dann ist es vielleicht ein guter Tag mit einer schrecklichen Stunde.“
Er lächelt. Sie lehnt den Kopf an seine Schulter.
Als sie später zum Hotel zurückgehen, ist der Himmel über dem Wasser noch hell. Sie sprechen über die Feier, über die Kinder, über den Garten, der im Herbst zurückgeschnitten werden muss. Sie sprechen auch über den nächsten Arzttermin, aber nicht lange. Es gibt nichts Neues zu entscheiden.
Im Zimmer stellt er die beiden Koffer nebeneinander. Sie zieht das Kleid aus und legt es über einen Stuhl. Im Spiegel sieht sie die Narbe, die Falten der Haut, die Stelle, an der ihr Körper nicht mehr aussieht wie früher. Sie betrachtet sich lange. Dann nimmt sie das blaue Tuch ab und legt es dazu.
Er kommt aus dem Bad und bleibt in der Tür stehen.
„Was?“, fragt sie.
„Nichts.“
Sie hebt eine Augenbraue.
Er geht zu ihr und legt die Hand auf ihre Hüfte.
„Du bist schön“, sagt er.
Sie sieht ihn an. Diesmal fragt sie nicht, ob er es nur sagt, weil er sie liebt.
„Ich weiß“, antwortet sie leise.
Später liegen sie im Bett, das Fenster einen Spalt geöffnet. Von draußen dringt das Rauschen des Meeres herein, gleichmäßig und unermüdlich. Sie schläft zuerst ein. Er bleibt noch wach und denkt an die Glückwunschkarten, die zu Hause auf dem Schreibtisch liegen. An die fünfzig, die Herzen, die Luftballons, das Cabrio. An den Satz von der besten Zeit des Lebens.
Er weiß nicht, ob sie noch vor ihnen liegt. Vielleicht ist sie längst gewesen. Vielleicht besteht sie aus allem zusammen: den Jahren, die sie hatten, und den Tagen, die ihnen bleiben. Er weiß nur, dass er nicht mehr versuchen möchte, die Zukunft durch Vorsicht zu beherrschen.
Neben ihm bewegt sie sich im Schlaf und sucht seine Hand. Er gibt sie ihr. Sie waren beide wach.
Am nächsten Morgen werden sie nach Hause fahren. Es wird weitere Untersuchungen geben, vielleicht gute Nachrichten und schlechte, Tage voller Mut und Tage, an denen keiner von beiden welchen hat. Sie werden sich streiten, sich entschuldigen, lachen und müde sein. Sie werden Hilfe brauchen und sie manchmal ablehnen. Sie werden Pläne machen, obwohl sie wissen, dass Pläne keine Garantien sind.
„Ich muss dir noch von meinem Gespräch mit dem Psychologen erzählen“, sagt sie. „Das passt hier gut hin, finde ich. Er stellte ein Glas vor mich, zu achtzig Prozent mit Wasser gefüllt, unten ein kleiner Hahn. Dann fragte er nach einer Weile, wofür das Wasser aus meiner Sicht stehen würde. Ein interessantes Glas, mit diesem Hahn unten.
Ich sagte, für alles, was sich nicht abstellen lässt. Für die Krankheit, die Sorgen, die Verpflichtungen, die Beziehungen und die Erwartungen.
Er wartete einen Moment. Dann sollte ich beschreiben, was ich ablassen würde.
Ich wollte mein Leben nicht in brauchbare und unbrauchbare Teile zerlegen. Die Kinder konnten anstrengend sein und ihr trotzdem fehlen. Könnte ich Dich freilassen? Selbst die Angst gehörte inzwischen zu mir.
Vielleicht war genau das ihr Problem mit dem Glas: nicht, dass es zu voll war, sondern dass so viel hineingegossen worden war, ohne sie zu fragen.
„Und?“, fragte er.
„Ich wollte das Wasser austauschen.“
Er lächelte ein wenig.
„Natürlich.“
Vor ihnen lag das Meer, unvernünftig groß und für therapeutische Zwecke eher ungeeignet. Vielleicht wirkte es gerade deshalb therapeutisch.
Sie brauchte ein Meer, dachte sie. Kein Glas mit kleinem Hahn. Keine Aufforderung, etwas abzulassen.
Ein Meer, in das alles hineinpasste.
Sie sah hinaus und lächelte.
Diesmal bemerkte er es.
Und irgendwann werden sie wieder ans Meer fahren.
Nicht, weil sie sicher sind.
Sondern weil sie leben.