Das volle Glas

Das volle Glas

Der Mann am Schreibtisch liest die Glückwunschkarten. Viele haben eine 50 mit Herzen, Luftballons oder Cabrios als Motiv auf der Klappseite. Fünfzig. Das Glas ist halb leer. Die meisten Schlachten sind scheinbar geschlagen. Die kleinen Tode einiger Ziele gestorben. Der BMI akzeptabel.
Die Frau hinter ihm packt die Koffer, einen großen und einen fürs Handgepäck. Sie richtet sich auf, noch in Unterwäsche, wählt ein Kleid mit durchgehenden Knöpfen. Das Kleid ist schlank geschnitten, über der linken Brustseite wirft es Falten oberhalb der großen Narbe.
Er sieht sie im Spiegel der Schranktür. Sie sieht, dass er sie sieht, und für einen Augenblick bleiben beide in dieser doppelten Betrachtung gefangen. Dann dreht sie sich um.
„Du kannst ruhig fragen.“
„Was denn?“
„Ob ich das Kleid anziehen kann. Ob ich die Reise schaffe. Ob ich überhaupt noch irgendetwas schaffe.“

Er legt die Karte mit dem Cabrio auf den Stapel. Auf der Innenseite steht: Jetzt beginnt die beste Zeit deines Lebens. Er hat den Satz bereits dreimal gelesen, ohne zu wissen, ob er ihn für eine Verheißung oder eine Beleidigung halten soll.
„Ich wollte nur wissen, ob du Hilfe brauchst.“
„Ich brauche Hilfe beim Koffer. Nicht beim Anziehen.“

Sie sagt es nicht unfreundlich. Gerade das macht es schwierig. Seit Monaten besteht ihre Ehe aus solchen kleinen Grenzverhandlungen. Darf er fragen, ob sie Schmerzen hat? Darf er ihr den Einkauf abnehmen, ohne dass sie sich entmündigt fühlt? Darf er müde sein, wenn sie es ist? Darf er sich auf etwas freuen, das sie vielleicht nicht mehr erleben wird?
Sie schließt die obersten Knöpfe. Der Stoff legt sich über die Narbe, als müsse er eine neue Landschaft lernen. Früher hat er ihren Körper gekannt, ohne hinzusehen. Jetzt schaut er zu oft und zugleich nicht genau genug. Er fürchtet, sie zu verletzen, und verletzt sie mit seiner Vorsicht.
„Das blaue Tuch?“, fragt sie.
„Das aus Portugal?“
„Nein, das andere blaue Tuch, das wir seit siebenundzwanzig Jahren besitzen.“
Er lacht. Sie auch, kurz. Es ist ein kleines Geräusch, aber es verändert die Luft im Zimmer.
„Es ist eigentlich Dein Tuch“.

Sie hatten sich mit dreiundzwanzig kennengelernt, in einer Küche, die nach angebranntem Reis roch. Er war zu einer Party gekommen, auf der er niemanden kannte, und sie hatte ihm erklärt, dass der Gastgeber ein Idiot sei, aber immerhin guten Wein besitze. Später standen sie auf dem Balkon und sahen auf die beleuchteten Fenster gegenüber. Sie erzählte ihm, sie wolle einmal am Meer leben. Er sagte, er wolle ein Haus mit einer Bibliothek. Keiner von beiden hatte Geld, und beide sprachen, als sei die Zukunft ein Grundstück, das ihnen bereits gehörte.

Es folgten Jahre, die sich im Rückblick wie ein einziger langer Sommer ausnahmen, obwohl sie aus gewöhnlichen Tagen bestanden. Sie arbeiteten, kauften ein Auto, das im Winter nicht ansprang, und stritten über die richtige Art, eine Spülmaschine einzuräumen. Sie heirateten in einem Rathaus mit gelben Vorhängen. Ihre Mutter weinte, sein Vater machte zu viele Fotos. Auf der Hochzeitsreise verloren sie einen Koffer und fanden ein kleines Restaurant, in dem sie drei Abende hintereinander aßen, weil sie sich nichts anderes leisten konnten und weil es dort die besten gegrillten Sardinen ihres Lebens gab.

Dann kamen die Kinder. Zuerst ein Junge, der nicht schlafen wollte, später ein Mädchen, das alles wissen wollte. Die Nächte wurden kürzer, die Rechnungen länger. Sie kauften ein Haus mit einem undichten Dach und einem Garten, in dem zunächst nur Brennnesseln wuchsen. Er bekam eine Stelle, die ihn oft fortführte. Sie baute ihre eigene Arbeit auf, zunächst am Küchentisch, später in einem kleinen Büro. Sie waren nicht immer gerecht zueinander. Es gab Jahre, in denen sie einander mehr organisierten als liebten, und Abende, an denen sie vor Erschöpfung nur noch über Mülltonnen, Elternabende und die nächste Steuererklärung sprachen.

Aber es gab auch die anderen Dinge. Die Sommer an der Ostsee, als die Kinder noch glaubten, man könne Muscheln oder kleine mit dem Kescher gefangenen Fische verkaufen und davon reich werden. Die Reise nach Italien, auf der sie sich verirrten und schließlich in einem Dorf landeten, dessen Namen sie nie wieder erinnerten. Die Nächte auf der Terrasse, wenn die Kinder schliefen und sie Wein tranken, obwohl am nächsten Morgen beide früh aufstehen mussten. Die Versöhnungen nach Streitigkeiten, bei denen keiner mehr wusste, worum es ursprünglich gegangen war.

Sie hatten ein gutes Leben. Kein makelloses, kein besonders außergewöhnliches. Ein Leben, das sich aus Arbeit, Glück, Fehlern und einer erstaunlichen Menge gegenseitiger Nachsicht zusammensetzte. Sie hatten es nicht bemerkt, während es entstand. Erst jetzt, da es bedroht war, erschien es ihnen wie ein Kunstwerk, an dem sie jahrzehntelang gearbeitet hatten, ohne je einen Entwurf zu besitzen.

Der Hund war gestorben. Die Kinder waren ausgezogen. Das Haus war stiller geworden, und sie hatten begonnen, diese Stille zu genießen. Sie planten Reisen, sprachen über weniger Arbeit, über ein kleines Haus am Wasser, über die Frage, ob man mit sechzig noch einmal etwas völlig Neues anfangen könne.
Dann hatte sie beim Duschen die Verhärtung gespürt.

II

Der erste Arzttermin war an einem Dienstag gewesen. Draußen hatte es geregnet, und im Wartezimmer stand ein Aquarium mit drei Fischen, die immer dieselbe Strecke schwammen. Sie hatte später gesagt, sie könne sich an jedes Detail erinnern: den Geruch des Desinfektionsmittels, die zu warme Heizung, den Fleck auf dem Teppich. Nur die Worte des Arztes seien ihr wie durch Wasser entgegengekommen.

Danach wurde die Zeit in Termine zerlegt. Untersuchungen, Befunde, Operation, Gespräche. Es gab Tage, an denen sie sich tapfer fühlte, und andere, an denen sie das Wort Tapferkeit nicht ertragen konnte. Freunde schickten Blumen und Nachrichten. Manche schrieben, sie müsse positiv denken. Andere erzählten Geschichten von Menschen, die alles überstanden hatten. Sie wusste, dass es gut gemeint war, und hasste es trotzdem manchmal. Nicht, weil sie die Hoffnung verachtete, sondern weil sie die Pflicht zur Hoffnung erschöpfte.

Er lernte, Verbandsmaterial zu kaufen, ohne vor dem Regal zu stehen wie ein Mann, der eine fremde Sprache entziffern muss. Er lernte, welche Fragen man beim Arzt stellen sollte, und dass man die Antworten am besten aufschrieb. Er lernte auch, dass Liebe nicht immer hilft. Manchmal saß er neben ihr und konnte nichts tun, während sie vor Schmerzen oder Angst weinte. Er hätte ihr alles abgenommen, wenn es möglich gewesen wäre. Gerade die Unmöglichkeit machte ihn gelegentlich wütend.
Einmal, mitten in der Nacht, hatte sie gesagt: „Du musst nicht immer so tun, als wäre alles gut.“
Er hatte geantwortet: „Ich tue nicht so.“
„Doch. Du machst Pläne. Du redest vom nächsten Sommer. Du sagst, wir schaffen das.“
„Was soll ich denn sonst sagen?“
Sie hatte ihn lange angesehen.
„Vielleicht, dass du auch Angst hast.“

Da hatte er zum ersten Mal vor ihr geweint. Nicht schön, nicht beherrscht. Er hatte das Gesicht in die Hände gelegt und gesagt, dass er nicht wisse, wie er ohne sie leben solle. Sie hatte ihn an sich gezogen, obwohl die Bewegung ihr wehtat.

„Endlich“, sagte sie nur.

III

Jetzt, am Tag nach seinem fünfzigsten Geburtstag, steht der Koffer offen auf dem Bett. Sie hat beschlossen, dass sie fahren: vier Tage ans Meer, in ein Hotel, das sie früher schon einmal besucht haben. Kein großes Abenteuer, keine Weltreise. Nur ein Ortswechsel, den sie sich beide wünschen und vor dem sie beide Ängste haben.
Er faltet ein Hemd, legt es wieder auseinander und faltet es erneut.„Du packst, als müssten wir auswandern“, sagt sie.„Ich möchte nur nichts vergessen.“
„Dann vergiss nicht, dass wir Urlaub machen.“
Er sieht sie an. Sie steht vor dem Spiegel und versucht, das Tuch so zu binden, dass es nicht wie eine Verkleidung wirkt. Er möchte ihr sagen, dass sie schön ist. Das Wort liegt ihm auf der Zunge, aber er fürchtet, es könne wie Trost klingen.
„Das steht dir“, sagt er schließlich.
Sie betrachtet sich noch einmal.
„Es ist ein Kleid“, antwortet sie.
„Ich weiß.“
„Du darfst auch sagen, dass ich schön aussehe.“
Er lächelt, und diesmal sagt er es. Sie nickt, als habe er eine Prüfung bestanden, deren Regeln sie beide erst lernen müssen.

Auf dem Weg zum Flughafen fährt er zu vorsichtig. Sie bemerkt es an der Art, wie er vor jeder Kurve bremst. Früher hatte sie ihn wegen seiner Ungeduld am Steuer ermahnt. Jetzt möchte sie ihn auffordern, schneller zu fahren, nur um für einen Augenblick wieder die alte Frau zu sein, die sich über ihren Mann ärgert.
Stattdessen legt sie die Hand auf seinen Oberschenkel.
„Du kannst ganz normal fahren.“
„Ich fahre normal.“
„Du fährst, als transportierten wir eine Ming-Vase.“
Er lacht. „Eine sehr kostbare.“
„Eine sehr genervte.“

Am Flughafen sitzen sie zwischen Menschen, die in ihre eigenen Zukünfte unterwegs sind. Ein Kind schläft auf dem Schoß seines Vaters. Zwei junge Frauen vergleichen Fotos auf ihren Telefonen. Ein älteres Paar teilt sich ein belegtes Brötchen. Niemand sieht ihnen an, was sie mit sich tragen. Das empfindet sie als Erleichterung. Die Welt verlangt hier nichts von ihr. Sie ist eine Reisende unter Reisenden, mit einem Pass, einem Boardingpass und einem Koffer, dessen Rollen auf dem Boden klappern.
Er kontrolliert zum dritten Mal die Medikamente.
„Sie sind noch da“, sagt sie.
„Ich weiß.“
„Dann gib Ruhe.“
Er steckt die Tasche weg. Nach einer Weile fragt sie: „Fürchtest Du Dich?“
Er sieht auf die Flugzeuge hinter der Scheibe.
„Ja.“
„Wovor?“
„Dass es dir schlecht geht. Dass wir zu weit weg sind. Dass ich etwas übersehe.“
Sie nickt. Dann sagt sie: „Ich habe Angst, dass du irgendwann nur noch aufpasst.“
Er versteht nicht sofort.
„Auf mich“, erklärt sie. „Dass du mich ansiehst und nur noch siehst, was passieren könnte.“
Er möchte widersprechen, aber sie legt ihre Hand auf seine.
„Ich weiß, dass du mich liebst. Es ist nur manchmal unglaublich, so geliebt zu werden.“Er schaut sie an, und sie sieht, dass sie ihn getroffen hat.
„Nicht deine Liebe“, sagt sie leiser. „Die Lage. Dass ich dich brauche und gleichzeitig nicht brauchen will. Dass du mir helfen sollst und ich es nicht immer annehmen kann. Dass wir beide ständig versuchen, dem anderen etwas zu ersparen, und dabei kaum noch miteinander reden.“
Er denkt lange darüber nach.
„Ich weiß manchmal nicht, was richtig ist.“
„Ich auch nicht.“
Sie sitzen nebeneinander, und zum ersten Mal seit Wochen muss keiner von ihnen eine Lösung finden.

IV

Das Meer empfängt sie mit Wind und einem Himmel, der aussieht, als habe jemand graue Farbe in Wasser gerührt. Ihr Zimmer liegt im dritten Stock. Vom Balkon aus sieht man die Promenade, die Dünen und dahinter die breite, unruhige Fläche des Wassers.
Sie öffnet die Balkontür. Die Luft riecht nach Salz, feuchtem Holz und dem fernen Fett einer Fischbude. Für einen Augenblick schließt sie die Augen.
„Das habe ich vermisst“, sagt sie.
Er stellt die Koffer ab und tritt neben sie. Sie stehen so lange dort, bis ihnen kalt wird.

Am Nachmittag gehen sie spazieren. Sie trägt einen Mantel, obwohl es nicht besonders kalt ist, und er passt sein Tempo ihrem an. Früher wäre sie vorausgegangen, hätte sich nach ihm umgedreht und gerufen, er solle nicht so trödeln. Jetzt gehen sie langsam, und beide tun so, als sei es eine Entscheidung, die sie gemeinsam getroffen haben.
Vor einem Café bleibt sie stehen.
„Kuchen?“
„Du hast vorhin gesagt, du hast keinen Hunger.“
„Vorhin war vorhin.“
Sie bestellen Kaffee und ein Stück Apfelkuchen mit Sahne. Er schiebt ihr die größere Hälfte zu. Sie schiebt sie zurück.
„Ich kann mir meinen Kuchen selbst einteilen.“
„Entschuldigung.“
Sie seufzt. „Du musst dich nicht für jeden Handgriff entschuldigen.“

Er nimmt die Gabel wieder auf. Draußen läuft ein Hund über den Strand, verfolgt von einem Mann, der vergeblich seinen Namen ruft.
„Ich habe gestern den Arztbrief gelesen“, sagt sie.
Er legt die Gabel ab.
„Den ganzen?“
Sie nickt.
„Auch die Stelle mit den fünf Jahren.“
Er schaut hinaus. Die Wellen kommen in schrägen Linien auf den Strand zu.
„Statistiken sind keine Vorhersagen“, sagt er.
„Ich weiß.“
„Und der Arzt hat gesagt, dass—“
„Ich weiß, was der Arzt gesagt hat.“

Er verstummt. Sie betrachtet den Kuchen, als könne sie darin eine Antwort finden.

„Manchmal denke ich, ich werde wieder gesund und wir machen einfach weiter. Und dann denke ich, vielleicht ist das alles schon der Anfang vom Ende. Ich weiß nicht, wie man mit beidem gleichzeitig leben soll.“

Er nimmt ihre Hand.

„Ich auch nicht.“

Sie sieht ihn an. Es ist eine einfache Antwort, und gerade deshalb kann sie sie annehmen.

„Ich will nicht, dass du dein Leben aufgibst“, sagt sie.

„Das tue ich nicht.“

„Doch, ein bisschen schon. Du sagst Verabredungen ab. Du gehst nicht mehr zum Sport. Du sitzt abends neben mir, obwohl du lieber mit deinen Freunden unterwegs wärst.“

„Ich bin gern bei dir.“

„Das glaube ich dir. Aber ich will nicht, dass du irgendwann zurückblickst und denkst, ich hätte dir alles genommen.“

Er zieht die Hand zurück, nicht aus Ärger, sondern weil er plötzlich nicht weiß, wohin mit ihr.

„Du nimmst mir nichts.“

„Noch nicht.“

Das Wort bleibt zwischen ihnen liegen. Sie bereut es sofort, aber sie nimmt es nicht zurück. Es gehört zu den Gedanken, die sie sonst nur nachts zulässt.

Er sagt schließlich: „Ich habe manchmal Angst, dass ich mich auf etwas freue und du denkst, ich hätte dich vergessen.“

Sie sieht ihn überrascht an.

„Auf was denn?“

„Auf einen Abend mit Freunden. Auf eine Reise. Auf irgendetwas, das nichts mit der Krankheit zu tun hat.“

Sie nickt langsam.

„Dann musst du es mir sagen.“

„Und du musst mir sagen, wenn du allein sein willst.“

„Das kann ich.“

„Ohne dass ich beleidigt bin.“

Sie lächelt. „Das wird schwieriger.“

Er lacht, und sie lacht mit. Dann wird sie wieder ernst.

„Ich möchte, dass wir ein Leben haben. Nicht nur eine Behandlung.“

Er sieht sie an und weiß, dass dies der Satz ist, auf den er seit Monaten gewartet hat, ohne ihn selbst formulieren zu können.

V

Am nächsten Morgen scheint die Sonne. Sie frühstücken spät und fahren mit einem kleinen Ausflugsschiff hinaus. Das Deck ist fast leer. Sie sitzen nebeneinander, eingewickelt in Jacken, während die Küste langsam hinter ihnen zurückweicht.

Sie erzählt ihm von einem Traum, den sie in der Nacht gehabt hat. Darin waren die Kinder wieder klein gewesen, und sie hatten alle zusammen in ihrem alten Auto gesessen. Niemand wusste, wohin sie fuhren, aber alle waren glücklich. Er erinnert sich an dieses Auto, an den Geruch der Polster und die klemmende Beifahrertür. Er erinnert sich auch daran, wie sie einmal mitten in Frankreich eine Panne hatten und drei Stunden auf Hilfe warteten. Die Kinder hatten im Straßengraben Blumen gepflückt, und sie hatten sich gestritten, weil er die Warnweste nicht finden konnte.

„Das war ein schrecklicher Tag“, sagt er.

„Nein“, antwortet sie. „Das war ein wunderbarer Tag mit einer schrecklichen Stunde.“

Er denkt darüber nach. Vielleicht ist das eine der Fähigkeiten, die sie immer besessen hat: einem Tag nicht zu erlauben, nur aus seinem schlimmsten Augenblick zu bestehen.

Später stehen sie an der Reling. Das Schiff bewegt sich schwer durch die Wellen. Sie hält sich fest, und er steht dicht hinter ihr, ohne sie zu berühren.

„Du darfst“, sagt sie.

Er legt die Arme um sie. Sie lehnt sich zurück, und für einen Moment ist es wie früher, als sie sich auf Fähren, Bahnsteigen oder in fremden Städten aneinander lehnten, ohne darüber nachzudenken.

„Ich habe Angst vor dem Sterben“, sagt sie plötzlich.

Er hält sie fester.

„Ich weiß.“

„Nein. Ich meine nicht nur vor dem Tod. Ich habe Angst davor, dass ich vorher nicht mehr ich selbst bin. Dass ich nur noch aus Schmerzen bestehe. Dass ich euch zur Last falle.“

Er sucht nach einem Satz, der ihr helfen könnte, und findet keinen. Schließlich sagt er: „Ich kann dir nicht versprechen, dass es nicht schwer wird.“

Sie nickt.

„Aber ich kann dir versprechen, dass du nicht erst etwas leisten musst, damit ich bei dir bleibe.“

Sie dreht sich in seinen Armen um. Der Wind weht ihr das Haar ins Gesicht.

„Das ist schön“, sagt sie. „Und trotzdem möchte ich nicht, dass du dich opferst.“

„Vielleicht müssen wir lernen, Hilfe anzunehmen. Von anderen. Nicht nur voneinander.“

Sie sieht ihn an, als prüfe sie, ob er es ernst meint.

„Das wäre vielleicht vernünftig.“

„Ein ungewohntes Konzept für uns.“

Sie lächelt. Dann küsst sie ihn, mitten auf dem Deck, während hinter ihnen ein Möwenschwarm aufsteigt.

VI

Am letzten Abend gehen sie noch einmal an den Strand. Die Sonne steht tief, und das Wasser hat die Farbe von geschmolzenem Zinn. Sie zieht die Schuhe aus und trägt sie in einer Hand. Er nimmt ihr die andere ab, nicht weil sie es braucht, sondern weil sie ihm die Schuhe hinhält.

Sie gehen bis zu einer Stelle, an der die Promenade hinter den Dünen verschwindet. Dort setzen sie sich auf eine Bank. Vor ihnen liegt das Meer, hinter ihnen das Land, auf dem ihr Leben stattgefunden hat.

„Was machen wir eigentlich mit deinem Geburtstag?“, fragt sie.

„Der ist vorbei.“

„Du hast ihn nicht gefeiert.“

„Wir waren hier.“

„Das ist keine Feier.“

Er zuckt mit den Schultern. „Vielleicht nächstes Jahr.“

Sie dreht sich zu ihm.

„Nein.“

Er sieht sie an.

„Nicht nächstes Jahr. Wir feiern, wenn wir zurückkommen. Mit den Kindern, unseren Freunden, gutem Essen. Und du hörst auf, so zu tun, als wäre fünfzig eine Beerdigung.“

Er lacht, aber sie bleibt ernst.

„Ich will nicht, dass wir alles auf später verschieben.“

Er nickt. Dann sagt er: „Und ich will nicht, dass wir so tun, als müssten wir jetzt jeden Tag besonders machen.“

Sie überlegt.

„Das stimmt auch.“

Sie sitzen eine Weile schweigend. Ein Junge wirft Steine ins Wasser. Seine Mutter ruft ihn zurück, weil es dunkel wird. Er wirft noch einen, dann läuft er los.

„Vielleicht ist das unsere Aufgabe“, sagt sie schließlich. „Nicht jeden Tag besonders machen. Sondern die gewöhnlichen Tage nicht verlieren.“

Er nimmt ihre Hand.

„Und wenn einer davon schrecklich ist?“

Sie denkt an das Auto in Frankreich, an die Kinder im Straßengraben, an die Blumen, die sie damals in einer leeren Wasserflasche mit nach Hause genommen hatten.

„Dann ist es vielleicht ein guter Tag mit einer schrecklichen Stunde.“

Er lächelt. Sie lehnt den Kopf an seine Schulter.

Als sie später zum Hotel zurückgehen, ist der Himmel über dem Wasser noch hell. Sie sprechen über die Feier, über die Kinder, über den Garten, der im Herbst zurückgeschnitten werden muss. Sie sprechen auch über den nächsten Arzttermin, aber nicht lange. Es gibt nichts Neues zu entscheiden.

Im Zimmer stellt er die beiden Koffer nebeneinander. Sie zieht das Kleid aus und legt es über einen Stuhl. Im Spiegel sieht sie die Narbe, die Falten der Haut, die Stelle, an der ihr Körper nicht mehr aussieht wie früher. Sie betrachtet sich lange. Dann nimmt sie das blaue Tuch ab und legt es dazu.

Er kommt aus dem Bad und bleibt in der Tür stehen.

„Was?“, fragt sie.

„Nichts.“

Sie hebt eine Augenbraue.

Er geht zu ihr und legt die Hand auf ihre Hüfte.

„Du bist schön“, sagt er.

Sie sieht ihn an. Diesmal fragt sie nicht, ob er es nur sagt, weil er sie liebt.

„Ich weiß“, antwortet sie leise.

Später liegen sie im Bett, das Fenster einen Spalt geöffnet. Von draußen dringt das Rauschen des Meeres herein, gleichmäßig und unermüdlich. Sie schläft zuerst ein. Er bleibt noch wach und denkt an die Glückwunschkarten, die zu Hause auf dem Schreibtisch liegen. An die fünfzig, die Herzen, die Luftballons, das Cabrio. An den Satz von der besten Zeit des Lebens.

Er weiß nicht, ob sie noch vor ihnen liegt. Vielleicht ist sie längst gewesen. Vielleicht besteht sie aus allem zusammen: den Jahren, die sie hatten, und den Tagen, die ihnen bleiben. Er weiß nur, dass er nicht mehr versuchen möchte, die Zukunft durch Vorsicht zu beherrschen.

Neben ihm bewegt sie sich im Schlaf und sucht seine Hand. Er gibt sie ihr. Sie waren beide wach.

Am nächsten Morgen werden sie nach Hause fahren. Es wird weitere Untersuchungen geben, vielleicht gute Nachrichten und schlechte, Tage voller Mut und Tage, an denen keiner von beiden welchen hat. Sie werden sich streiten, sich entschuldigen, lachen und müde sein. Sie werden Hilfe brauchen und sie manchmal ablehnen. Sie werden Pläne machen, obwohl sie wissen, dass Pläne keine Garantien sind.

„Ich muss dir noch von meinem Gespräch mit dem Psychologen erzählen“, sagt sie. „Das passt hier gut hin, finde ich. Er stellte ein Glas vor mich, zu achtzig Prozent mit Wasser gefüllt, unten ein kleiner Hahn. Dann fragte er nach einer Weile, wofür das Wasser aus meiner Sicht stehen würde. Ein interessantes Glas, mit diesem Hahn unten.
Ich sagte, für alles, was sich nicht abstellen lässt. Für die Krankheit, die Sorgen, die Verpflichtungen, die Beziehungen und die Erwartungen.
Er wartete einen Moment. Dann sollte ich beschreiben, was ich ablassen würde.
Ich wollte mein Leben nicht in brauchbare und unbrauchbare Teile zerlegen. Die Kinder konnten anstrengend sein und ihr trotzdem fehlen. Könnte ich Dich freilassen? Selbst die Angst gehörte inzwischen zu mir.

Vielleicht war genau das ihr Problem mit dem Glas: nicht, dass es zu voll war, sondern dass so viel hineingegossen worden war, ohne sie zu fragen.

„Und?“, fragte er.

„Ich wollte das Wasser austauschen.“

Er lächelte ein wenig.

„Natürlich.“

Vor ihnen lag das Meer, unvernünftig groß und für therapeutische Zwecke eher ungeeignet. Vielleicht wirkte es gerade deshalb therapeutisch.

Sie brauchte ein Meer, dachte sie. Kein Glas mit kleinem Hahn. Keine Aufforderung, etwas abzulassen.

Ein Meer, in das alles hineinpasste.

Sie sah hinaus und lächelte.

Diesmal bemerkte er es.

Und irgendwann werden sie wieder ans Meer fahren.

Nicht, weil sie sicher sind.

Sondern weil sie leben.

Corona bei den Hillbillies

Während Donald in Israel das neue Golfresort plant, geht alles andere seinen Gang. Hier im Krankenhaus. Hier mit einer neuen Corona Generation. Wer interessiert sich für Donald? Für seine Vorlieben und Ein- Stellungen? Wo das Leben ist, riecht das Zimmer gesund nach Desinfektionsmitteln und abgestandenem Kaffee. Was noch? Monitorpiepen, das gleichmäßige Zischen von Sauerstoff, irgendwo auf dem Flur flucht ein Pfleger leise vor sich hin. Ich liege da mit aufgesägtem Brustbein, frischer Narbe, frisch repariertem Herzen – wieder einmal – und einer Krebsdiagnose, die sich anfühlt wie ein schlechter Witz mit Pointe aus Stahl.
Draußen schneit es über Buffalo. Der Wind vom Lake Erie pfeift gegen die Scheiben wie ein beleidigter Gott.
Und dann sitzt sie plötzlich da.
Corona.
Nicht als Virus, nicht als Grafik aus den Nachrichten, sondern als Frau mit zu großen Augen und einem Mantel, der aussieht wie aus Krankenhauslaken genäht. Ihre Stimme kratzt wie trockener Husten.
„Na“, sagt sie, „wir zwei schon wieder.“
Ich drehe den Kopf ein Stück. „Du hast ein Talent für Timing.“
Sie lächelt schief. „Du auch. Herzinfarkt während einer Krebsdiagnose – das ist fast schon Performancekunst.“
„Fick dich.“
„Oh, ich ficke niemanden“, sagt sie ruhig. „Ich decke nur auf.“
Draußen schiebt sich ein Schneepflug durch die Straße. Buffalo im Winter ist wie Amerika im Dauerzustand: hart, weiß, laut und immer kurz davor, im Eis stecken zu bleiben.
„Weißt du“, sagt sie und rückt näher an mein Bett, „in Buffalo haben sie gemerkt, was ich wirklich bin.“
„Ein Virus.“
„Nein. Ein Scheinwerfer.“
Sie lehnt sich zurück. „Ich habe nur beleuchtet, was längst da war. Die Familien im East Side-Viertel, schwarz, arm, drei Jobs, kein Krankenversicherungsschutz. Und die Familien draußen in den Vororten, weiß gestrichene Zäune, Homeoffice, Aktienportfolios, Sauerteigbrot.“
Ich lache trocken, was sofort wehtut. „Du willst mir erzählen, du bist sozialkritisch?“
„Ich bin konsequent“, sagt sie. „Ich gehe dorthin, wo Menschen eng sind. Wo sie Bus fahren müssen. Wo sie in Pflegeheimen arbeiten, in Schlachthöfen, in Krankenhäusern wie diesem.“
Sie tippt gegen meine Infusionsleitung. „Reichtum kann Abstand kaufen. Armut nicht.“
Ich denke an Jane Walker. Jane mit den dünnen Handgelenken und den immer zu großen Träumen. Jane, die immer die schlimmsten Karten zieht. Kranker Vater, Schulden, ein Mann, der schneller verschwand als das Geld auf dem Konto. Und dann ich, hier, operiert, wiederbelebt, während sie irgendwo Rechnungen sortiert.
„Warum kriegen manche die tollen Ehepartner“, murmele ich, „die sicheren Häuser, die gesunden Gene – und andere nicht?“
Corona zuckt mit den Schultern. „Weil Amerika nie gerecht verteilt hat. Nicht Liebe, nicht Geld, nicht Luft.“
„Jetzt klingst du wie eine Soziologie-Professorin.“
„Vielleicht bin ich das“, sagt sie. „Oder vielleicht bin ich nur das Echo von Jahrhunderten. Sklaverei, Redlining, Hypotheken, die nur in bestimmten Vierteln genehmigt werden. Schulen, die von Grundsteuern leben. Reichtum, der vererbt wird wie ein Familienrezept.“
Sie beugt sich vor. „Weißt du, was der wahre Unterschied zwischen schwarz und weiß in diesem Land ist?“
„Sag’s mir.“
„Fehler.“
Ich runzle die Stirn.
„Weiße Familien dürfen Fehler machen“, fährt sie fort. „Ein missglücktes Studium, eine gescheiterte Firma, eine Sucht. Schau Dir Donald an. Das Gegenteil funktioniert auch. J.D. ist ein Beispiel. Ein Film im Film . Es gibt oft ein Netz. Elternhaus. Erspartes. Gestolenes. Kontakte. Schwarze Familien? Ein Fehler kann alles kippen. Kein Netz. Nur Beton.“
Das Piepen meines Monitors beschleunigt sich ein wenig.
„Und du?“ frage ich. „Warum ich? Krebs, Herz, du auf Besuch?“
Sie sieht mich lange an. „Weil dein Körper auch Amerika ist.“
„Ach, jetzt wird’s pathetisch.“
„Nein. Realistisch. Dein Herzinfarkt – Stress. Dein Krebs – vielleicht Pech, vielleicht Umwelt, vielleicht Jahre von Druck. Du hast gearbeitet, gekämpft, getragen. Für wen? Für welche Familie? Für welches Bild von Erfolg?“
Ich schweige.
„Du glaubst, du bist hier nur wegen Biologie“, sagt sie leise. „Aber dein Herz hat Jahrzehnte von Erwartungen geschluckt. Stark sein. Funktionieren. Nicht jammern. Vor allem nicht als Mann. Vor allem nicht als jemand, der sich mit Leuten wie Jane Walker solidarisch fühlt, aber trotzdem im System mitspielt.“
„Du gibst mir also die Schuld?“
„Nein“, sagt sie. „Ich gebe niemandem die Schuld. Ich bin nur die Rechnung.“
Der Wind heult gegen die Scheibe. Buffalo ist ein rostiger Traum aus Stahl und Schnee. Fabriken, die dichtgemacht haben. Familien, die geblieben sind. Schwarze Nachbarschaften, die nie die Kredite bekamen. Weiße Viertel, die vom Erbe leben.
„Weißt du“, sage ich nach einer Weile, „Jane trifft es immer am härtesten. Leute wie sie. Immer die schlimmsten Opfer.“
Corona nickt. „Weil sie näher am Abgrund leben. Wenn ich komme, stoße ich nur leicht.“
„Und die anderen?“
„Die rutschen ein Stück. Verlieren vielleicht Geld. Vielleicht Ansehen. Aber sie fallen selten ganz.“
Ich starre an die Decke. „Also was jetzt?“
„Jetzt?“ Sie steht auf. „Jetzt heilst du. Oder du stirbst. Wie immer.“
„Das ist alles?“
Sie geht zur Tür, dreht sich noch einmal um. „Nein. Das ist der biologische Teil.“
„Und der andere?“
„Der andere“, sagt sie, „ist die Frage, was du tust, wenn du hier rauskommst. Bleibst du Teil der Maschine, die Jane Walker zermahlt? Oder brichst du irgendwo ein Zahnrad heraus?“
Sie lächelt – kein freundliches Lächeln, eher ein wissendes.
„Ich komme nicht nur, um zu zerstören“, sagt sie. „Ich komme, um sichtbar zu machen.“
Die Tür schwingt auf. Ein echter Pfleger tritt ein, müde Augen, dunkle Haut, Akzent aus dem Süden. Er prüft meine Werte, richtet die Decke.
Corona ist verschwunden.
Draußen fällt weiter Schnee auf Buffalo. Weiß über Schwarz, kalt über warm, reich über arm. Aber unter allem pulsiert etwas. Ein Herz.

Unsichtbar. Erinnerung an die schöne Corona

Ich habe die schöne Corona, das Virus in der Gestalt einer Frau im gepunkteten Sommerkleid, immer mal wieder im Caligo Café getroffen. Ein Cafe` am Marktplatz in Ahrensburg, einer Kleinstadt mit 35.000 Einwohnern. Ihre Anwesenheit wirkte immer zugleich beruhigend und beunruhigend, wie eine vertraute Melodie mit einem verstörenden Unterton. Sie war freundlich und interessiert, und ihre Augen funkelten häufig, wenn sie sprach und argumentierte. Im Laufe der Zeit hatte ich die Angst vor einer Ansteckung verloren. Wenn ich anderen von ihr erzählte wurde nur gelacht oder eine nachlässige Handbewegung beendete das Gespräch.

Unsere Gespräche begannen oft beiläufig, über den Geschmack des Kaffees oder das Wetter, doch schnell lenkte Corona das Gespräch in tiefere Gewässer. Die Risikogesellschaft, den Baum der Erkenntnis, diese Themen beschäftigten Sie. Eines Nachmittags, während die Sonne warm durch die Fenster schien, sprach sie über den biblischen Baum der Erkenntnis und die Vertreibung aus dem Paradies. „Die Menschheit hat daraus nicht gelernt,“ sagte sie mit einem sanften Lächeln. „Wir streben nach Wissen und Macht, ohne die Konsequenzen zu bedenken, schlussfolgerte sie.

Ihre Stimme wurde ernster, wenn sie die Gegenwart beschrieb. „Unsere Gesellschaft ist zu einer Risikogesellschaft geworden. Wir jagen dem Profit hinterher und verschwenden Ressourcen, als wären sie unendlich. Doch die Natur wehrt sich. Viren wie ich sind eine natürliche Reaktion, eine logische Schlussfolgerung.“

Ich hörte fasziniert zu, wie sie weitere Generationen von Viren voraussagte, die das Leben, wie wir es kennen, zerstören würden. „Alles wird sich auflösen,“ sagte sie, „die Gewissheit verschwinden.“ Ihr Blick schien in die Ferne zu schweifen, als sie fragte: „Wie löst man sich auf, erst innerlich und dann äußerlich? Oder umgekehrt?“

In den folgenden Wochen entwickelten sich unsere Treffen im Café zu philosophischen Exkursionen durch die Zeit und das menschliche Bewusstsein. Corona sprach über das Anthropozän, jene Ära, in der der Mensch zum dominierenden Einflussfaktor auf die Erde geworden ist. Sie erklärte, dass die biblische Geschichte vom Baum der Erkenntnis als Metapher für die menschliche Hybris zu verstehen sei: Unser Streben nach Wissen und Kontrolle hat uns aus dem „Paradies“ einer harmonischen Existenz mit der Natur vertrieben. Ideologien leben wieder auf, die Menschen werden auch im Westen auf das große Sterben vorbereitet. Darauf, dass es den Tod gibt. Syrien, Ukraine, Sudan, Kongo und Palästina rücken näher, wie wir Viren auch. Sie lächelte. „Wie ihr Euch bemüht! Philosophisch betrachtet,“ sagte sie eines Abends, als die Dämmerung das Café in ein warmes Licht tauchte, „ist das Streben nach unendlichem Wachstum und Fortschritt die zentrale Illusion unserer Zeit. Wir glauben, durch Technologie und Wissenschaft alles in den Griff bekommen zu können, doch wir verkennen die Grenzen unserer Macht. Die Risikogesellschaft, wie ich sie nenne, ist geprägt durch eine ständige Verlagerung von Risiken: Anstatt sie zu minimieren, schaffen wir neue, oft komplexere Gefahren.“

Sie sprach weiter, ihre Stimme weich und eindringlich. „Aus psychologischer Sicht führt der innere Zerfall zu einer Krise des Selbstverständnisses. Unsere Identitäten sind eng mit unseren Vorstellungen von Fortschritt und Kontrolle verknüpft. Wenn diese Illusionen fallen, verlieren wir den Boden unter den Füßen. Die Unsicherheit und Angst, die daraus entstehen, führen zu einer inneren Auflösung. Wir beginnen, an unseren Werten und Überzeugungen zu zweifeln, was in einer kollektiven Identitätskrise mündet. Die Demokratien werden zerfallen, ohne das die Zusammenhänge verstanden werden, die große Gier und die große Angst, die alles antreibt.“

Während sie sprach, schien das Café sich in einen stillen Ort der Reflexion zu verwandeln. Ihre Worte hallten in mir nach, als sie über die ökonomischen Aspekte unserer Zeit sprach. „Unser Streben nach unendlichem Wachstum ist ein fundamentaler Fehler. Unsere Wirtschaftssysteme basieren auf der Ausbeutung endlicher Ressourcen und einem kontinuierlichen Wachstum, das die planetaren Grenzen missachtet. Diese ökonomische Struktur führt zwangsläufig zu ökologischen und sozialen Katastrophen. Die Zerstörung von Lebensräumen, die Klimakrise und die Verbreitung von Krankheiten sind direkte Folgen dieser Wachstumslogik.“

Corona seufzte und legte ihre Hände auf den Tisch, als würde sie das Gewicht der Welt auf ihren Schultern spüren. „Ökologisch gesehen ist die Natur ein komplexes und empfindliches System. Viren, wie ich selbst, sind Teil dieses Systems und reagieren auf Ungleichgewichte. Die ständige Ausbeutung und Zerstörung natürlicher Lebensräume setzt Kräfte frei, die wir nicht kontrollieren können. Das Auftreten neuer Viren und Pandemien ist eine logische Konsequenz unseres Handelns.“

In diesen Momenten im Café erschien mir Corona nicht mehr nur als Bedrohung, sondern als Mahnerin und Lehrerin. Sie brachte die tieferen Zusammenhänge unserer Existenz im Anthropozän zum Vorschein und forderte uns auf, über unsere Rolle in dieser Welt nachzudenken und Verantwortung zu übernehmen.

Eines Nachmittags, als die letzten Sonnenstrahlen durch die Blätter der Bäume vor dem Fenster tanzten, fasste sie alles zusammen. „Die Auflösung beginnt zuerst innerlich. Unsere inneren Werte und Überzeugungen erodieren unter dem Druck der äußeren Krisen. Wenn wir erkennen, dass unser Lebensstil und unsere wirtschaftlichen Systeme nicht nachhaltig sind, zerbricht das Bild, das wir von uns selbst und unserer Rolle in der Welt haben. Diese innere Auflösung manifestiert sich schließlich äußerlich in sozialen und ökologischen Zusammenbrüchen.“

Sie nahm einen letzten Schluck ihres Kaffees und schaute mich an, ihre Augen voller Weisheit und Mitgefühl. „Doch es gibt auch Hoffnung,“ sagte sie leise. „Die Auflösung kann eine Chance zur Transformation sein. Wenn wir bereit sind, unsere Denkweisen und Lebensstile radikal zu ändern, können wir aus der Krise eine neue, nachhaltigere Gesellschaft formen. Dies erfordert jedoch Mut und die Bereitschaft, unbequeme Wahrheiten zu akzeptieren und daraus zu lernen.“

In diesem Moment begriff ich, dass unsere Treffen im Café nicht nur zufällige Begegnungen waren, sondern tiefe Lektionen über das Leben im Anthropozän. Corona war nicht nur ein Virus in menschlicher Gestalt, sondern ein Spiegel unserer eigenen Existenz und eine Mahnung, die Natur und unser eigenes Selbst neu zu verstehen.


Im Schatten der Café-Bäume, während der Wind sanft durch die Blätter flüsterte, erzählte Corona mir eine Geschichte, die mir das Herz zusammenzog. Sie sprach von einer Welt, in der die Menschen im Einklang mit der Natur lebten, bevor die Gier und der Hunger nach mehr sie erfassten. In dieser fernen Zeit, so erzählte sie, hatten die Menschen das Geheimnis der Harmonie entdeckt: das Gleichgewicht zwischen Geben und Nehmen, das Bewusstsein für die Endlichkeit der Ressourcen und den Respekt vor allen Lebensformen.

Aber mit der Zeit wuchsen ihre Ambitionen. Sie bauten Städte, die in den Himmel ragten, Maschinen, die die Erde durchpflügten, und Systeme, die mehr verlangten, als die Erde zu geben bereit war. „Es war, als hätten sie das Paradies mit eigenen Händen verlassen,“ sagte Corona. „Und in ihrem Streben nach Fortschritt haben sie die grundlegende Wahrheit vergessen, dass alles miteinander verbunden ist.“

Ihr Blick wurde melancholisch, als sie von den ersten Anzeichen des Zerfalls sprach. „Die Natur begann zu reagieren. Kleine Veränderungen zuerst – ein ungewöhnlich starker Sturm hier, eine Dürre dort. Aber die Menschen sahen diese Warnzeichen nicht. Sie waren zu sehr mit sich selbst beschäftigt, gefangen in ihrem eigenen Netz aus Erwartungen und Träumen.“

Mit jedem Treffen schien Corona mehr über die tieferen Zusammenhänge unserer Existenz preiszugeben. Sie sprach von den psychologischen Auswirkungen des unermüdlichen Strebens nach mehr. „Der innere Zerfall,“ sagte sie, „beginnt, wenn die Menschen ihre Verbindung zur Natur verlieren. Sie fühlen sich entwurzelt, isoliert in einer Welt, die sie selbst geschaffen haben. Ihre Identität, einst fest verankert in der Gemeinschaft und der Natur, wird fragil und brüchig.“

Corona erzählte mir von der Krise des Selbstverständnisses, die viele Menschen durchlebten. „Wenn sie erkennen, dass ihr Lebensstil auf Kosten anderer Lebewesen und künftiger Generationen geht, beginnt eine innere Auflösung. Sie zweifeln an ihren Werten, ihren Überzeugungen, an allem, was sie einst für selbstverständlich hielten. Diese Unsicherheit breitet sich aus wie ein Virus und erfasst ganze Gesellschaften.“

Ihre Worte hallten in mir nach, während ich über die ökonomischen und ökologischen Verflechtungen unserer Zeit nachdachte. „Unsere Wirtschaftssysteme,“ erklärte sie, „sind darauf ausgelegt, immer weiter zu wachsen. Aber dieses Wachstum ist eine Illusion. Es basiert auf der Ausbeutung endlicher Ressourcen, auf der Annahme, dass die Erde unendlich viel geben kann. Doch die Wahrheit ist, dass wir die Grenzen längst überschritten haben.“

Mit einem traurigen Lächeln fügte sie hinzu: „Die ökologische Krise ist keine ferne Bedrohung mehr. Sie ist hier, sie ist jetzt. Viren wie ich sind nur ein Symptom eines kranken Systems. Die Natur wehrt sich, und das Auftreten neuer Krankheiten ist nur eine der vielen Möglichkeiten, wie sie versucht, das Gleichgewicht wiederherzustellen.“

Eines Abends, als der Himmel in tiefes Blau getaucht war und die ersten Sterne zu leuchten begannen, fasste Corona ihre Gedanken in einer eindringlichen Warnung zusammen. „Die Auflösung beginnt innerlich,“ sagte sie. „Unsere Werte und Überzeugungen erodieren unter dem Druck der äußeren Krisen. Diese innere Auflösung manifestiert sich schließlich äußerlich in sozialen und ökologischen Zusammenbrüchen.“

Sie sah mich mit einem Blick an, der tief in meine Seele zu dringen schien. „Aber es gibt Hoffnung,“ sagte sie leise. „Die Auflösung kann auch eine Chance zur Transformation sein. Wenn wir bereit sind, unsere Denkweisen und Lebensstile radikal zu ändern, können wir aus der Krise eine neue, nachhaltigere Gesellschaft formen. Dies erfordert Mut und die Bereitschaft, unbequeme Wahrheiten zu akzeptieren und daraus zu lernen.“

In diesem Moment begriff ich, dass unsere Treffen im Café nicht nur zufällige Begegnungen waren, sondern tiefe Lektionen über das Leben im Anthropozän. Corona war nicht nur ein Virus in menschlicher Gestalt, sondern ein Spiegel unserer eigenen Existenz und eine Mahnung, die Natur und unser eigenes Selbst neu zu verstehen. Und so verließ ich das Café an jenem Abend mit dem Gefühl, dass ich nicht nur einem Virus, sondern einer weisenden Stimme der Natur begegnet war, die uns alle zur Umkehr und zur Besinnung aufrief.

Margot. Ein Leben in Briefen

Briefe an Heinz

Manchmal nahm ich den Alsterdampfer bis zur Anlegestelle Leinpfad. Ich gönnte mir den Luxus für das Gefühl, wie eine Dame mit eleganten Schritten aus einer Kutsche zu steigen. Den Weg zum gegenüberliegenden Tanzlokal konnte ich, im Sommer zumindest, ohne Mantel zurücklegen und sparte das Geld für die Garderobe. Das Winterhuder Fährhaus hatte eine riesige, blanke Tanzfläche, die von Caféhaustischen umstellt war. Reste aus besserer und schlechterer Zeit, angestaubter Charme der 30iger Jahre. In Eppendorf waren die meisten Bürgerhäuser von den Bomben der Engländer verschont geblieben. Ein Glück für das Fährhaus und die Tänzer und Tänzerinnen und alle, die für eine kurze Zeit vergessen wollten was war und ist oder die Wärme eines Tänzers suchten.

Das Tanzlokal war  immer rappelvoll. Bei dem Frauenüberschuss war es für die Männer ein leichtes, Tanzpartnerinnen zu finden. Heinz war ein guter Tänzer und sehr musikverliebt. Wir tanzten an den Wochenenden im Winterhuder Fährhaus zusammen. Er tanzte nicht nur mit mir. Aber er wurde mein Heinz.

Ein Jahr bevor wir uns kennenlernten, kam Heinz zurück in diese Stadt. Seine Stadt, sein so geliebtes Hamburg. Das war im Oktober 1946. Zurück in die Kälte der Ruinen, zurück zwischen die Menschen, die man nicht wiedererkannte, wenn man in der Nazizeit wegging und dann in der Zeit der Wolfsmenschen zurückkam. In dieses Durcheinander der Vertriebenen und Getriebenen. In ein Land der Nazis, die plötzlich keine mehr waren. Nur ein Versehen. Ich war nicht dabei. Man hat auf dem Mond gewohnt. Da hat man nichts gewusst. Wie auch. Alles gelogen. Das Leben muss ja weitergehen.
Heinz hatte Hamburg1943 zum letzten Mal gesehen, bevor er, als politisch Unzuverlässiger, Widerstandskämpfer und ehemaliger KZ -Insasse an die Ostfront geschickt wurde. 1946 kam er endlich zurück in diese zerbombte Stadt. Trümmerlandschaft. 50.000 Tote. Mörderische Kälte im Winter 1947. Für ihn war der Krieg sicher viel schlimmer als für mich die Zeit hier gewesen ist. Nach dem Krieg hatte ich schnell wieder Arbeit.

Meine Mutter war früh tot, ich war gerade 17 Jahre alt geworden. Mein Vater war Kapitän und ständig auf See. Als meine Mutter gestorben war, zog bald darauf eine Stiefmutter ein. Von da an war ich ein ungeliebtes Kind. Wir bewohnten ein schönes kleines Fischerhaus direkt an der Elbe. Mit meinem Freund Adsche floh ich so oft es möglich war, in unsere kleine Jolle auf die Elbe. Rüber nach Hans-Kalb-Sand, wo wir uns in der Sonne ausstrecken und die dicken Pötte beobachten konnten. Adsche wollte nicht mit Adolf verwechselt werden, wegen des Schnauzbärtigen. Weil eben viele dachten, Adsche wäre eine Kurzform von Adolf. Dabei hieß er Arthur. Der Bär. Außerdem war er spindeldürr. Meine Eltern hatten mir immer wieder verboten mit ihm zu segeln, weil wir im Fall der Fälle über die Reling pinkeln mussten. Das war unfein und gehörte sich nicht für ein junges Mädchen. Aber mein Vater war meist auf See, meine Mutter hütete, oft kränkelnd, das Haus. Wir segelten. Und pinkelten.
Ich machte noch meine Ausbildung zur Sekretärin, dann war Krieg. Und ich war weg von allem. Der Krieg in Frankreich wurde zur schönsten Zeit meines Lebens. Also nicht der Krieg, aber die Zeit. Gekämpft wurde nicht, da wo ich war.  Das dachte ich damals und es blieb mein Leben lang wahr. Ich war in Angers stationiert, gerade 22 Jahre alt und sollte als erstes voulez vous couchez avec moi lernen. Ich lachte darüber und genoss das französische Leben unter der Nazibesatzung. Ich sollte auf den Tischen tanzen und rückwärts lachen, was ich gut konnte. Ich tanzte und lachte. Dann kam der Ami, Rückzug, und der Rest ist Geschichte.

Zurück in Hamburg, bekam ich glücklicherweise eine Anstellung in einem Büro als Stenotypistin und Sekretärin. Geld gab es nicht viel, aber es reichte, denn zu kaufen gab es kaum etwas und ich wohnte möbliert. Dennoch waren in dieser kalten Zeit, in dieser Ruinenwelt, unter den unvorstellbar schrägen, abgerissenen Gestalten, auch Menschen voller Lebenslust. Wie Heinz. Mein Liebster. Ich habe ihn beim Tanzen im Winterhuder Fährhaus kennengelernt. Nett und höflich getanzt, später verabredet, allerdings bin ich erst mal zwei Wochen weg, hatte er gesagt. Schlawiner, was für ein Korb! Den sehe ich nie wieder, hatte ich mir gedacht. Irrtum. Verliebt, verlobt verheiratet. Wer glaubt denn daran. Er kam tatsächlich wieder. Ein Mann ein Wort. Aber immer wieder weg, dass war er häufig. Ein sozialdemokratischer Sozialist, ein Widerstandskämpfer, unterwegs, Deutschland neu aufbauen. Das was war, die Schmerzen hinter sich lassen: KZ, Krieg, Kriegsgefangenschaft.

Ich schrieb ihm fleißig, wenn er unterwegs war. Briefe, in denen mein zukünftiges Leben bereits abzulesen war. Das hätte mir trotz der vielen Tänze und den Hochzeitsplänen auffallen müssen.

23.8.1949

Ringlein, Ringlein du musst wandern! Ja, von deiner Hand in meine Hand und umgekehrt. Ich wollte ja damit angeben aber die Zeit langte nicht hin und nicht her. Am Nachmittag rief mich gestern meine Schwester an und bat, ich solle doch zum Essen kommen. Gut, wollte kein Spielverderber sein und fuhr hin. Es gab… Fisch…. (Kommentar überflüssig). Bin schon um 20:00 Uhr wieder gefahren. Musste doch erst zu mir und danach zu euch. Es hatte sich an beiden Stellen nichts verändert. Nur so leer und öde war das. Ich bin dann auch gleich schlafen gegangen. Und konnte noch so viel rufen: ich will in „Aam“.. Leider sind meine schützenden Arme zurzeit mit allem was dazugehört auf Reisen und ich muss sagen, das Bett kommt mir viel zu groß vor. Geschlafen habe ich ja ganz gut aber es geht doch nichts über die Gemütlichkeit, ich meine damit, auf der Kante zu schlafen. Gelandet bist du gut, wirst du mir sicher schon in einem langen Brief geschrieben haben. Du bist so ein Goldfasan, gehst weg, ohne mir deine Adresse hier zu lassen. Muss ich warten, bis Post von dir eintrudelt. Trotzdem will ich meine ersten Gedanken zu Papier bringen. Denn die ist günstig. Der Chef ist auf Reisen und mein Block ist nicht gerade übervoll. Sind noch die Reste von gestern.

Heute geht es zu deiner Schwester Klara ich will deine Sachen hinbringen und deine Hose abholen. Anschließend sehe ich zu, dass ich rechtzeitig Land gewinne und wieder früh in die Falle komme. Irgendwie muss ich mich ja auch erholen. Ach, es ist alles so mordslangweilig und ich denke morgens schon wieder ans Schlafen. Ist ja auch sinnlos so allein. 14 Tage bist du weg. Gott, dazwischen liegt auch noch ein Sonntag: Ich werde mich nicht mit deiner Schwester Erna treffen, bleibe wieder für mich allein, tue was mir gerade einfällt. Ich will mich dann mal dazu aufschwingen, einen Zettel anzulegen und immer wieder ein Strich zu machen, wenn die Sache erledigt ist. Vielleicht kommen mir die Angelegenheit so etwas spannender vor? Heute Nacht wusste ich so unendlich viel, was ich dir schreiben wollte, jetzt ist mein Kopf hohl. Komm man lieber mal her und dann mache ich es mündlich. Wer weiß, vielleicht langt es heute Abend noch zu ein paar Zeilen und mir gehen die Sachen leichter aus der Hand.
Meine Wirtin hat mir einen Knust Brot mit einem Zettel hingelegt und mich darum gebeten, den ollen Knust zu vertilgen, da er sonst trocken würde. Der Knust. Herrlich. Du lässt ein paar Hemden nebst Socken hier und meine Wirtin ein altes Brot. Was bin ich euch doch wert!!! Scherz beiseite, die Zeiten sind zu ernst. Mein Schwager hat sich nun fest auf den 15. zur Feier eingerichtet und will sich noch einmal erkundigen was der Alkohol bei ihm im Geschäft kostet. Soll ein bis zwei Mark billiger sein als im Laden. Für ihn würden Bier und Kümmel genügen. Er will auch etwa gegen 12:00 Uhr wieder am Hauptbahnhof sein. Wegen der Haft-Entschädigung schicke ich dir einen Abschnitt aus dem Abendblatt mit. Sollte ich noch was im Echo finden, leg ich ihn auch noch bei. Heute will ich mal einen Anlauf nehmen und fragen, wie es aussieht mit dem Hierbleiben in der Firma. Langsam wird es Zeit, dass man aufgeklärt wird. Unter anderen ist unserem Betriebstischler auch gekündigt.
Fortsetzung folgt mein Liebster…

Briefe an Heinz

Hongkong Poem

Hope

Whoever rides a tiger cannot jump off whenever he likes

A long time ago two brothers sat in front of their filled rice bowls
The smaller one owned the larger one
brightly painted, filled with a large portion
of rice and vegetables.

The bigger brother was always hungry
his bowl however,
was much smaller and of raw clay

When the big brother grew up
 he was afraid of his family
because of his weakness
 opposite the strength of the little brother
 with its colorful
well-filled bowl would despise

He decided to keep all the rice seedlings,
that his little brother had planted to tear out.

 „What use is an unfilled colorful bowl in frontof which one sits on an empty stomach „.

So he started uproot all rice plants.
But where the rice plants were,
they shot Copper rods from the ground
that belonged to the little brother
The copper began to glow

And the people reported
 what the big brother didn’t like to hear.
He climbed the high mountain outside the city gates,
because he wanted to convince himself.

„Only who has climbed the height of the mountain, can overlook the plain”.

He saw that a little copper glowed in his fields too.
He wanted to make nails out of it.
But he knew better:

“You don’t make nails out of good copper”.

How was he supposed to satisfy
this kind of glowing hunger?
He went down the mountain
and lit a thousand torches
whose smoke the glow should go out.

The little brother said nothing about it.
„The quiet one has a strong voice,“ he told himself.
Big brother knocked furiously at his little brother’s door.
The little brother’s wife warned against opening the door.

“The empty kettle makes the biggest noise and it cooks dry the fastest „

said the little brother
you must not be afraid
„But what if
the fear is outside?“ “

I have faith,” said the little brother and opened the door.
„You see, there is nobody there“.

Azerbaijani Dream – a Woman in Baku

Azerbaijani Dream – a Woman in Baku

The presidential phone rang. Mahammad, the president of the social organization where Narmina was chief executive, called her for the fourth time this morning. The first time he caught her in the shower, where she desperately tried to keep up with her soapy hands and keep the frying out of her voice. She had turned off the water with her slippery hands and took the first orders of the day naked and wet. Orders that often had nothing to do with their actual tasks, but mostly more with their banking operations. Business that seemed to mean being or not being for Mahammad. What was probably the case, she knew. In his main business, he was the owner of a private bank. And the license was valid only as long as the President allowed it. Now she had to hurry up, the breakfast was cancelled. Her driver has been waiting in front of your house for a while. Mostly patient, only the respective driving style gave her a glimpse of his state of mind.
Because it was already after 9 a.m., Narmina had hastily said goodbye to her husband and son. Her daughter Seyla was still asleep. At the age of 21, still unmarried, this power-consuming person inevitably lived in his parents‘ house. This was a matter of course for an unmarried young woman.
Narmina, however, was increasingly reluctant to endure Seyla’s whims. Seyla wasn’t even able to clean up, shop or prepare herself for food. When there was nothing to eat, she starved. Narmina then approached her, slammed her with the doors or said that her mother could be glad she wasn’t married yet. Not only this evil-happyness and ungratefulness, Narmina wanted to remove everything from her life. Her husband Adil, her daughter and also her son Dzhamil, whom she had to give birth to for her second husband, as she had promised before the wedding. Adil was her second husband after a failed first marriage. Adil, once her great love. Or was it the other way around, had she been more his great love? What did she want? She didn’t know anymore. Narmina liked to get up late; she loved to be alone in the world of nightshade for as long as possible or to dream her dream. Her recurring dream, which led her far away, in which her body and thoughts felt light. She enjoyed the slow awakening extensively, longer than it was supposed to be. Still, she had never slept. Sliding into the day in this way was simply necessary, as she always fell asleep late when the helpful, sleep-bringing tablets finally showed their effect.
As she got into the car, she just saw her son’s nanny going into the house. The car arrived; with one last glance, Narmina captured everything that caused her to die inwardly. The place where she lived in a protective cover and not as a wife, mother and wife. Let alone as a lady who heard her quietly in herself. She designed her facade according to the needs of her self. Perfectly made up in a tight dress and on high heels. She was very different from the woman who gave birth to her daughter at the age of 19 after marrying her first husband. Then the Soviet republic fell apart, Azerbaijan had oriented itself to the west; Narmina could not and did not want to settle for this life over time. She wanted to study. Her husband could not bear an educated woman by his side. Every book she read, she had to pay with beatings and humiliations. Locked in her room, she studied the books she had smuggled into the house hidden in her clothes. True to the commandments of Islam: To use intelligence and to gain knowledge is not only the obligation for every man, but also for every woman. But if she kept these rules to him, he beat her. The family urged them to come to their senses. She should be obedient.
The driver honked through the traffic, for which there seemed to be no rules. He wanted to deliver his boss quickly in the office so that he could get another drug for his wife. Although he only had to drive a few times a day, he had a long day’s work ahead of him. He often spent his time waiting in the canteen, which was more like a kitchen, until late in the evening. Sometimes he also spent hours in front of ministries or restaurants. His main occupation was waiting.  He hurried to drive through the chaos. Those who drove the fastest, honked the loudest or even used the oncoming lane had priority. The phone rang. The president of the organization was back. In real life, Mahammad was a private banker, a friend of the great president, Alijew. Narmina knew the dependencies very well for a long time. Sometimes her boss went to Malta with the President. She called these trips „feeding pigeons.“ As a former World Bank employee, she had a clue what these trips meant. Wealth alone, however, did not necessarily free up here in Baku. Even if one of the presidential luxury allowed you to fly to Italy once a weekend to relax in a wellness oasis.
Mahammad did this regularly, mostly with his wife. But a mistake, a false political word, could undo all of this. The risk of losing his banking license drove him to control everyone else around him in order to stay in the game. But however critical she wanted to see it, the weekends on which her president was recovering were also the more pleasant ones for Narmina. The phone then remained silent for a long time.
Traffic stopped once again. Narmina wanted to get to her desk quickly. The president had been brief on his last call and only gave an instruction, but called again every five minutes because he had something else to correct or something to correct that he needed immediately. At a pace, progress was made. Slowly, the haze bell also descended over Baku, the city of the winds, but they did not blew strong enough to stop the smog. They only caused the dust that came from the countless construction sites to swirl and lay down on the body. The driver turned the car on the six-lane road, left behind the newly built magnificent buildings in recent years and turned into a small side street littered with potholes. The dust forced him to keep the car windows closed despite the heat. Houses destroyed by paid tenants, walls with broken plaster and construction debris formed the backdrop for the journey on slip roads. Houses from which one had to get out in time, if it suddenly burned at night, because one had not been willing to disappear for 30,000 Manat and to look for an apartment far outside the city. The mafia of ground speculators worked ruthlessly and successfully. With the passing ruins, these thoughts evaporated. Their thoughts were now directed at the last congress of the organization, in which Aydin had also participated, after the calls. The predecessor of their current boss. Aydin had built up the organization and had been very successful with his team. Unexpected success in an organization designed solely to preserve an entrepreneur’s appearance of social engagement was a thorn in the side of some. He had gone too far with his social commitment. That’s why Aydin had to change his job, and his team was also replaced. Now he was the right hand of a minister, Narmina his successor. She had never known what exactly it was about. This was a condition for private wealth: One had to give oneanother a social touch, to engage socially or at least successfully to preserve the appearance of the social. Failing upwards was a pleasant version of possible sanctions if one misinterpreted his role. These days he offered Narmina a job in the ministry. With the prospect of earning three times the current salary. She felt a little insecurity. Why did he do that? She sometimes considered a change, after all, the offer was tempting.  A power play, perhaps. It would be a 9 a.m. to 7 p.m. job with good pay. Charming, but the third or fourth position in the line. She knew similar structures through her many years of work at the World Bank. In her organization, she could now determine a lot – but was persecuted: from the president in the shower and to the bedroom; From the thoughts she made about her co-workers when she wasn’t already half dead in bed, dead in her ladylike shell. Yes, Lady wanted her to be, to feel like a lady. She repeated that like a mantra. Ten centimetre high heels, tight blue dress; The sad-looking brown eyes, which they looked at in the mirror in the morning, were hidden behind the large dark sunglasses and her hair was tied tightly to the back. Every day she had to prove herself in a role that she is only supposed to But her version of being able to make a difference here drove her. After all, she had a free hand to replace some people. The president’s school friends, the distant uncles, a cousin, perhaps, or those who provided good relationships in a mutual utility? Maybe. Then there was the spy in the office. She certainly wouldn’t get rid of it. That was the place in every organization. Someone who doesn’t really work. She tried not to be impressed. When Narmina finally arrived at the office, everything was quiet, as always. As usual, the men sat in front of their PC, phoned or were neven there.

Her assistant was a bright young woman, slim, clear-eyed, listening. The same was true of the other younger women in her office, all of whom exuded more energy than most male colleagues. They knew little about their employer’s background. Nobody here had too much expectation. Commitment has been carefully demonstrated, always with the possibility of taking a step back. play from 9 a.m. to 2 p.m. The doctor had forbidden her from anything else. After that, it would not consume renewable energy. She was exhausted by the various roles she had to play. Refuted by the social contradictions. But her version of being able to make a difference here drove her. After all, she had a free hand to replace some people. The president’s school friends, the distant uncles, a cousin, perhaps, or those who provided good relationships in a mutual utility? Maybe. Then there was the spy in the office. She certainly wouldn’t get rid of it. That was the place in every organization. Someone who doesn’t really work. She tried not to be impressed.

When Narmina finally arrived at the office, everything was quiet, as always. As usual, the men sat in front of their PC, phoned or were neven there.Her assistant was a bright young woman, slim, clear-eyed, listening. The same was true of the other younger women in her office, all of whom exuded more energy than most male colleagues. They knew little about their employer’s background. Nobody here had too much expectation. Commitment has been carefully demonstrated, always with the possibility of taking a step back.
Others were unwilling to make an effort without additional pay, expressing their demotivation with silence, flight into illness, or verbally aggressive. Working with the employees was comparatively like working with a pile of sand. Whenever someone she had built up had worked her way up, dared, the sand have to gave in with a smile.
At noon, Narmina fled when it wasn’t too hot. Out on the dusty streets, into the building noise to buy fruit, bread or food in one of the small shops. Of these shops, there were hundreds of shops scattered across the city on every small street corner; often only small covers, as glued to the house wall. Sometimes Narmina bought some cake from a baker, who handed her the parcel straight out of the bakery through a window out onto the street. A short distance down the street, four benches stood in front of two tables in the sunshine in front of a seemingly dilapidated building. Inside was a restaurant with surprisingly acceptable cuisine. A few times she had sat there in the sun before. Inside, businessmen mostly sat. Every now and then she made room by donning her red dress. The power of this color intimidated, she quickly realized. She loved this dress simply because she felt comfortable in it and didn’t see it as a message. Well, if it was also useful to protect her facade when it was exhausted. That was one of their little escapes. Sometimes Narmina hung on to a daydream in which she was alone, smelling the salty sea, getting out of the way of everything, her family, her boss, her thoughts, her daugh She was allowed to do everything That Narmina was not allowed to do. The son she had born for her husband was not easily accessible to her. The son who was a condition for their connection. Father and son experienced a lot together, played on the computer or watched football. When her husband wasn’t sitting in front of the TV, he chatted on Facebook or played on the PC. I have three children at home, she thought. Her husband had the time she lacked. As an independent lawyer, he was underutilized, partly because he worked mainly for the political opposition. His wealthy family had disinherited him after the marriage and excluded him from the privileges of the upper class. He had to leave the apartment where he had lived, lost his car and his share of the family fortune. When he met Narmina, he had been a rich man. He could afford everything at that time and lived in carefree luxury. Now he was no longer even able to feed his family. He can’t protect me, so I have to work, she said. Although not so under this pressure. It must have been love, otherwise it was unexplainable that he took this shame upon himself. They did not marry a divorced woman with a child. And to accept the loss of his wealth, yes, that was love. But love does not last forever when status and income are lost. In the evening, Narmina set off for this home. It was already after 7 p.m. and the driver had it easier now, because the traffic had already levelled off at that time. In the distance, the three high-rise buildings ignited in the play of light glowed near the promenade, before which the water features illuminated with changing colours glistened. Starbucks, KFC, McDonald’s added to the facade. With her boss on her ear, she entered the house. In the semi-darkness the screen flickered, the jerseys of two football teams hung on two chairs. A few half-full plates of leftovers from dinner and bowls of nuts were on the table. Narmina hated that. The nanny was now 65 years old, she couldn’t clean properly anymore. And she didn’t care, she knew that. For Dzhamil, the nanny was the right mother. She had been there for him every day for 12 years, playing with the boy, cooking his favorite dishes for him. If she were released, she would not even be able to visit. So Narmina cleaned himself. She did not endure stickiness and dirt, even in a small dose. Her husband did nothing. She had sent him off for shopping a few times, with the result that he called her more often from the store and asked what milk he should bring, how much fat it should have and what rice he had to take. Every other weekend he went to his mother. With his son. Narmina was never allowed to join. The mother-in-law worked consistently to get her son divorced. At just 40 years old, he would still be young enough to be able to afford to start a new family with a virgin with the help of his family fortune. But she also enjoyed being alone, but always accompanied by this trace of poison. After the housework on Saturday night, she showered, took her tablets and then tried to sleep. If she was lucky, she dreamed of her dream. As in heaven filled with weightlessness. Liberated from the earthly. Sometimes she didn’t seem to care what the way out of her life would be. Illusion, death or hope? Perhaps as in death with full consciousness, in the hereafter merged with the universe. In a space that is to come after all existence. Very close to God without being dead. At itself, in the blue sea on the Bosphorus. Alone, without family. She misses nothing, is simply herself in this dream and can shape her reality. No children, no husband, no mother-in-law. A small apartment and time to read a book on the beach. She herself is surprised at how easy it makes this thought of not missing anything in another place in another time.

The phone rang. It was Adil.

Ein Haus in Alutgama

Ein Haus in Alutgama (Alutgama-Road-Tsunami)

Weihnachten 2004

Abends

Dunkel war das Wasser, so als würde sich ein riesiger Schatten aus dem Universum darüber ausbreiten. Niemals war ihm das Meer so unwirklich und fremd erschienen. Obwohl er es doch als Fischer so gut kannte. Sakthivel hatte das Wasser noch nie so tiefschwarz gesehen. Nach der Riesenwelle türmte sich das Meer in den Straßen und riss Häuser auseinander. Das Wasser lärmte ungebändigt. Dennoch spürte er eine Stille in diesem Tosen, die ihn nur seinen Herzschlag hören ließ. Alles war so weit entfernt, die Zeit war keine Dimension mehr. Die schwarze Fläche breitete sich jetzt zu seinen Füßen aus, obwohl er auf der höchsten Stelle des Berges stand.

Frühjahr 2015

Es hatte eine Weile gedauert, bis wir ins Gespräch kamen. Mich hatte Sakthivels Leben schon seit Jahren interessiert. Auch weil mein Freund Tjark sein Leben mit dem von Sakthivel verbunden hatte und zu befürchten war, dass er sich darin verlor, indem er sich in eine fremden Kultur, eine anderen Welt projizierte. Er schenkte den Menschen in Beruwala viel Vertrauen und Zuversicht. Tjark beschrieb mich bei Sakthivel als Freund der dessen Geschichte gern hören und ihn kennenlernen wollte. Ich war mit einer Portion Vorurteilen gegenüber dem Glück und der befürchteten Illusion, aber auch sehr neugierig angereist. Tjark war so glücklich, wenn er nach Skri Lanka zu seinem Freund reiste. Ein Freund, der trotz seiner Schicksalsschläge immer lächelte und seine Mister Tjark aus Deutschland umsorgte.

Mir war die Kultur auf Sri Lanka noch völlig fremd. Ich hatte mich mit Buddhismus beschäftigt, wusste aber nicht, wie man hier ein sehr persönliches Gespräch beginnt. Mit diesen lächelnden Menschen, für die alles immer o.k. ist.
Saktivel begrüßte mich am Flughafen in Colombo wie einen alten Freund mit Bissous links und rechts auf die Wange. Später sagte er, Mr. Tjark hätte ihm angekündigt, dass ich schreiben wolle, über ihn und seine Familie.

Am ersten Abend, ich war müde nach der langen Reise, hatte alle Lichter gelöscht und die Kerzen ausgeblasen, die gegen die Mücken helfen sollten. Ich war im Begriff ins Bett zu gehen, als Sakthivel zu mir auf die Terrasse kam und sagte we can talk now. Es war jetzt fast stockdunkel, was unsere Gesichter in der Kulisse des Dschungels verschwinden ließ. Danach schwieg er eine Weile. Ich war überrascht, da ich mich auf einige Tage des Kennenlernens eingestellt hatte. Ok, sagte ich nach einiger Zeit, in der wir nur den Geräuschen der Tiere gelauscht hatten, und erzählte ihm, wie ich Tjark vor 35 Jahren kennengelernt hatte, erst als Kollege, dann als Freund und schließlich als ein wichtiger, vertrauter Spiegel in meinem Leben. Ich wusste, dass Tjark und Sakthivel viel Vertrauen zueinander hatten. Und dass er dieses Vertrauen auf mich übertrug und seine Geschichte erzählte. Von dem Tag an, der sein Leben verändern sollte.

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