Sri Lanka. Im Kleinbus nach Kandy

Aus: Ein Haus in Magonna.

Wir starteten unsere Reise nach Kandy in Magonna, wo unser Freund und Reiseorganisator Anjan ca. 100 km östlich von Colombo entfernt in dem für hiesige Verhältnisse luxuriösem Haus in Magonna wohnte. Glücklich mit seiner kleinen Familie hatte er die Schrecken des Tsunamis überwunden. Ich aber das habe ich ja bereits in „Ein Haus in Magonna“ beschrieben.

(Wie es ihm gelungen ist, mit Madu, seiner Cousine, ein neues Leben zu beginnen – davon erzähle ich später).

Anjan jedenfalls konnte viele Rollen übernehmen, er konnte einfach alles. Jetzt war er unser Reiseorganisator.
Kandy war aus seiner Sicht sozusagen ein „Muss“. Museum, Tempel, See, Markt.
Ja, etwas, dass man unbedingt sehen muss, kann man in der Regel eigentlich vergessen. Aber da man nicht allein als Tourist an diesen Orten ist, oder für was man sich sonst womöglich auch hält, Besucher, Freund, egal man ist nie allein unterwegs und fremd. Man bleibt Tourist. Genau genommen ist man das Geld. Eine Erfahrung, die sich später bestätigen sollte.

Aber dieser Plan, Kandy mit dem Zug zu erreichen, erschien zu Beginn aussichtslos, da das Neujahrsfest bevorstand. Viele Menschen, überwiegend Männer, hatten sich auf den Weg zu ihren Familien gemacht. Es fuhren weniger Züge und die waren dann rappel voll. Die Menschen standen in den Türen und mussten die Fahrt über in unbequemer Haltung ausharren und sich die ganze Fahrt über festhalten. In eine solche Konservenbüchse wollten wir uns nicht quetschen. Also fuhr Anjan fuhr mit uns zum Bahnhof, der lediglich aus ein paar Gleisen bestand, um etwas besseres für uns zu erreichen.

Anjan ging in seinem Optimismus davon aus, für uns – wir reisten zu dritt – noch Tickets zu bekommen. Aus einem kleinen Fenster eines Backsteinverschlages blickte ein Mann mit offizieller Mütze heraus. Der Mensch am Schalter verstand nicht, was Anjan wollte. Langsam wurde klar, das er dessen Anliegen, für die nächsten Tage Tickets nach Kandy zu bekommen, an sich schon für absurd hielt. Bedrückt zogen wir ab. Jedenfalls schien Anjan enttäuscht zu sein, ich war eher erleichtert, nicht Zug fahren zu müssen.

Nachdem es mit dem Zug nicht geklappt hatte, organisierte Anjan einen Kleinbus mit Fahrer für uns. Ein Hotel hatten wir bereits gebucht und Anjan hatte dort zur Sicherheit auch noch einmal angerufen um sich die Vereinbarung des Hotelaufenthaltes bestätigen zu lassen. Einer seiner vielen Geschäftspartner oder Freunde, das war nicht immer klar, holte uns frühmorgens ab. Anjan hatte ein kleines Universum um sich herum aufgebaut, das eine Vielzahl von Möglichkeiten bot, ob beim Friseur, im Teeladen, auf dem Markt, wo auch immer, Anjan bekam seine Promotion, wenn wir etwas kauften. Ich glaube, wir zahlten dennoch zu viel.

„Wir bitten nicht, wir sagen nicht danke“, wiederholte er, als ich fragte, ob der Preis für alle o.k. war. Den Preis mit dem Busfahrer hatte er für uns ausgehandelt. Wenn die Fahrer sich um eine angenehme Fahrt bemühten, gab es natürlich etwas obendrauf. Es schien mir, als begegnete Anjan uns in dieser und ähnlichen Situationen, in denen er für uns etwas erledigte, mit einer Mischung aus Dankbarkeit, Untertänigkeit, Selbstbewusstsein und Beharrlichkeit. Mit dem Wunsch verbunden, nach Außen immer freundlich zu wirken. Das bedeutete für Freunde und Gäste, zwischen den Zeilen lesen zu müssen, aktiv zuzuhören und ein Ja auch als Nein zu verstehen. Ähnliches erlebten wir aber auch mit anderen Menschen in Sri Lanka. Anjan musste arbeiten und konnte uns nicht selbst fahren. Das war für ihn ein großes Dilemma zwischen Gastfreundlichkeit und Lebenserhalt, da er es allen recht machen wollte.

Wie schnell die Freundlichkeit aber auch verschwinden konnte, würden wir bald erleben. Wenn man zum Mittel zum Zweck wird.
Die Straßen nach Kandy waren verstopft, der Fahrer war ein dominanter Mensch mit einer entsprechenden Fahrweise, die meinen Puls anstiegen ließ. Er war ständig am telefonieren, gestikulierte aufgeregt und schien sehr ärgerlich und unzufrieden. Wie sich später herausstellte,er permanent versucht, für sich eine „Kommission“ auszuhandeln und die Bedingungen für seine Akkommodation zu klären. Üblicherweise konnten die Fahrer in einem Raum im Hotel übernachten; die kleine Gebühr dafür war im Fahrpreis enthalten. Sein Fahrstil war gewagt, aber man musste tatsächlich einiges riskieren, um voran zu kommen. Nachdem wir die Stadt hinter uns gelassen hatten, entspannte sich der Fahrer etwas.
Wir fuhren lange an Reisfeldern vorbei, auf denen Wasserbüffel grasten, passierten Kokosplantagen und hielten plötzlich an einem kleinen Restaurant für eine Toilettenpause, die eigentlich niemand benötigte.
Schlagartig waren wir von hilfsbereiten freundlichen Großfamilie umgeben. Ein Tisch war bereits gedeckt. Ananas wurde serviert und Getränke angeboten; eine Promotionsstation für unseren Fahrer.

Wir spielten mit, lächelten und nickten in alle Richtungen, da außer unserem Fahrer niemand eine Sprache sprach, die wir verstanden. Wir waren den Veranstaltern ausgeliefert. Die weitere Fahrt zog sich in die Länge. Wegen des Neujahrsfestes waren nicht nur die Züge voll, sondern auch auf den Straßen überlastet. Der Fahrer setzte seine Bemühungen fort, uns vom gebuchten Hotel abzubringen. „Schlechtes Hotel, liegt außerhalb der Stadt, ganz schlecht zu erreichen“. Irgendwann reichte es mir und ich rief selbst im Hotel an, um klar zu machen, dass wir sicher dort einchecken würden. „Lassen Sie sich bloß auf nichts ein, den Fahren geht es immer nur darum, zusätzliches Geld zu verdienen“, wurde mir geraten. Dann schien es auf den ersten Blick, dass der Fahrer recht hatte, denn der Weg zum Hotel hinauf erwies sich als einer mit Schlaglöchern übersäten Straße, sehr steil und für Fußgänger nicht besonders einladend, vorbei an Bruchbuden neben denen Müll am Straßenrand aufgetürmt war oder einfach verstreut herumlag. Den ersten Impuls umzudrehen überwanden wir, obwohl auch der Fahrer insistierte. „Ich kenne ein viel besseres Hotel, mit Swimmingpool“, drängte er. Wir erreichten das Hotel, das ziemlich am Ende der Straße gelegen war.

Der Fahrer wollte mit uns kommen, um die Hotelzimmer zu begutachten. Die Hotelbesitzerin stoppte ihn und giftete: „This is not your job.“ Er zog sich maulig zurück. Wir schauten uns die Zimmer an, die der enthusiastischen Beschreibung im Reiseführer in etwa entsprachen. In der Tat hatte das Hotel einen gewissen Charme; wenn man hart wäre, könnte man sagen, eine sehr gute Jugendherberge, liebevoll eingerichtet. Zwei große Zimmer, zwei Bäder, durch eine Schiebetür voneinander getrennte Räume. Alles zusammen etwa 60m². Ein herrliche Dachterrasse mit Blick über Kandy und auf die umliegenden Berge. Zurück in der Hotelhalle war unser Fahrer zwischenzeitlich am Verhandeln. Eine Unterkunft direkt im Hotel gab es für ihn nicht.
„Nehmen Sie sich vor dem Fahrer in Acht“, riet uns die Hotelbesitzerin des Sharon Inn auf Deutsch.“Er hat hier schon mehrfach angerufen“.

Anjan würde das sicher nicht gefallen, obwohl dieses Spiel sicher nicht neu für ihn war. Fakt war, dass Anjan die Akkommodation geklärt hatte. Ich konnte nachempfinden, wie es Anjan ging. Sensibel wie er war, musste er recht verzweifelt sein, kann er es nicht allen recht machen konnte. Niemand im Hotel konnte sich an das Gespräch mit ihm erinnern. Der Sohn der aus Deutschland stammenden Frau, ein nassforscher Bachelor Anwärter, der in London studierte, wollte uns alle abfertigen und erwies sich Anjan am Telefon gegenüber als ausgewiesenes koloniales Ekelpaket. Glücklicherweise kam dann der Vater, grade dem Siesta-Bett entstiegen, dazu und klärte die Situation dann recht sympathisch, als wir schon fast wieder im Auto saßen. „Hier,“ sagte er zu uns gewandt, mit dem Gästebuch in der Hand, „nur zufriedene begeisterte Gäste!“ Dann zum Fahrer: “Du kannst in einem anderen Hotel übernachten. Ich gebe Dir 1000 Rupien – da“, er streckte ihm den Schein entgegen und beschrieb ihm den Weg. Zu uns gewandt sagte der Fahrer: „Dann kann ich euch aber nicht mehr in die Stadt fahren, das ist mir zu umständlich.“

„Dann bis morgen 10.00 Uhr“, sagte ich ohne Lust auf weitere Diskussionen und zog innerlich 500 Rupien von seinem Trinkgeld ab, die wir für ein Tuctuc Taxi ausgeben würden. Wir kamen so langsam in Sri Lanka an.
Die Geschichte mit dem Fahrer war aber leider noch nicht zu Ende, er entwickelte sich zur Hauptperson dieses Ausflugs. „Das Hotel kostet 2500 Rupien“ beschwerte er sich am Telefon.
„Alles ok, wenn er einen Beleg vorzeigt, das er dort übernachtet hat, kläre ich den Rest“, sagte der Hotelbesitzer. Am nächsten Tag kam kein Beleg und es gab auch nichts zu regeln Er hatte privat bei Freunden oder Familie übernachtet.
Zu Fuß machten wir uns auf den Weg in die Stadt. Es war 15.00 Uhr geworden. Zwischen durch erkundigte Anjan sich per SMS, ob alles o.k. sei. Alles o.k. . Der Fahrer, der später losgefahren war, pickte uns entgegen seiner ursprünglichen Ankündigung auf und fuhr mit uns in die Stadt. Am Milchsee stiegen wir aus und spazierten zum Zentrum. Eine bunte gemischte Kulisse aus westlichen Supermärkten, einem Einkaufszentrum, kleinen Läden, McDonalds und dem regionale Markt mit seinen quirligen Händlern nahm uns in sich auf. Unter den vielen Verkäufern gewann ein kleiner freundlicher Mann unsere Aufmerksamkeit. Er begleitete uns zu einem Stand, dann zum nächsten und so fort, als gehöre der Markt ihm. Zwischen seinen scherzenden Konkurrenten und Freunden ging es über den ganzen Markt. Eine Hose, ein Sarong – Wicket super fine -, T-shirts, Schal. Was nicht passte, wurde in einer kleinen Schneiderei genäht, die dem sympathischen, geschäftstüchtigen Männchen gehörte. Die übliche Preisverhandlung ging bestimmt gut für ihn aus. Die Preisverhandlung wurde von einigen Marktteilnehmern aufmerksam verfolgt. Passanten sprachen uns an, woher wir kämen, erzählten von sich, vom Studium, von der Arbeit, wo sie wohnten. Der Händler schleuste uns noch zu anderen Ständen, zeigte uns dann den Weg zum Zahntempel. An dieser Stelle kam mein Sarong zum Einsatz, da ich die Sicherheitskontrolle nur mit bedeckten Knien passieren durfte. Er rutschte mir immer wieder von den Hüften. Zweimal halfen mir Besucher des Tempels, meinen Sarong angemessen und „haltbar“ zu knoten. Im Tempel selbst erwartete uns das übliche Verfahren. Eintritt, Schuhe ausziehen und überall auf dem Tempelgelände die Aufforderung, zu spenden. „Welcome to the Sacred Tempel of the Tooth Relic“. Wir wollten Buddhas Zahn sehen, was uns aber in der Menge nicht gelangt, da jeder nur einen Bruchteil einer Sekunde durch ein kleines Fenster blicken durfte, bevor man weitergeschoben wurde.
Die berühmte Zeremonie war unübersichtlich – hatte sie überhaupt stattgefunden? Unsere Tochter meinte, für das Geld sei ihr zu wenig geboten worden. Mönche drängten, ja rempelten die Besucher zur Seite.
Es regnete inzwischen warm auf uns herab. Mit dem TucTuc ging es zurück ins Hotel. Das Diner wurde in einem Raum serviert, der einer griechischen Kneipe nahe kam. An die sieben Holztische für etwa 30 Personen. Überwiegend eher Reisende als die üblichen Touristen. Das Essen war übersichtlich aber gut.

Am nächsten Tag, nach einer kurzen Stadtbesichtigung und Mittagessen im White House, ging es mit unserem jetzt sprachlosen Fahrer in einem unverschämten Höllentempo zurück und er machte klar, wer hier die Macht hatte.

Er wollte noch für das Neujahrsfest einkaufen, meinte er später nach unsere Beschwerde. Anjan fragte, uns wie die Fahrt war. „Mit dem Fahrer nicht nochmal“ sagte ich. Eine klare Ansage, die ein wenig schmerzte. Daran würde Anjan noch mit dem Driver diskutieren. Where are we? What the hell ist going on? Diese Reise hinterließ Fragen. Was muss man sich und anderen Kulturen wirklich antun?

Vom Dachboden: Hamburg im Griff der Nationalsozialisten

Weiteres vom Dachboden
1935, Hamburg im Griff der Nazis. Widerstand, Helfer aus Justiz und Wirtschaft.

Seit zwei Jahren war Hamburg im Griff der Nationalsozialisten.

Das Straßenbild hatte sich entsprechend verändert. Überall Hakenkreuzfahnen,marschierende SA-Trupps, das Deutsche Jungvolk oder eine Mädelschar. „Die Fahnehoch“-Gesänge gingen den jungen Genossen der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ) an die Nieren. Auch die Nazis in den Wohnblocks schränkten die Bewegungsfreiheit zunehmend ein. Es war schwieriger geworden, sich politisch zu betätigen und Informationen auszutauschen.

Es war der Gestapo durch Zufall gelungen, Widerstandsgruppen in verschiedenen Stadtteilen auf die Spur zu kommen. Die Jugendorganisation der SPD hatte beschlossen Widerstand zu leisten, nachdem die prominenten sozialdemokratischen Führer ins Ausland abgesetzt hatten. Heute saßen die Genossen in einer der der Gruppen die den Decknamen „Paul Singer“ führte. Sie saßen in Winterhude, aufgebracht bei Ernst in derWohnung. Aufgebracht – und auch bedrückt. Einige wirkten hilflos. Sie hatten gerade erfahren, dass Genossinnen und Genossen den bitteren Weg in Konzentrationslager, Gefängnisse und Zuchthäuser des Dritten Reiches antreten mussten, obwohl viele minderjährigwaren. „Ich habe hier ein Dokument von Oberstaatsanwalt Dr. Reuter.“ Walther hielt ein Stück Papier in der Hand. Er hatte es nicht mehr ausgehalten, für sich allein zu grübeln und hatte sich der Gruppe wieder angeschlossen. „Ihr alle kennt das Konzentrationslager in Fuhlsbüttel. Das muss ich Euch ja nicht mehr erklären. Ich lese das mal vor, damit ihr wisst, was auf euch zukommt. Das hat Reuther sogar an das oberste Parteigericht geschrieben:
„Im KZ Fuhlsbüttel werden, wenn Selbstmord ,feststeht‘, unter Umgehung der gesetzlich vorgeschriebenen Leichenschau usw. die Leichname der Feuerbestattung
zugeführt; alles geschieht mit Wissen und zum Teil unter Druck des Reichsstatthalters,
der in solchen Fällen die Attestierung wünscht und dadurch jedenfalls mitverantwortlich
wird. Beispiel: Wenn ich ins KZ eingeliefert und totgeprügelt werde, dann hängt
man mir im warmen Zustand noch schnell eine Schlinge um den Hals, so dass eine
Strangulationsmarke entsteht, und meine Frau bekommt dann die Mitteilung, ihr Mann
habe, offenbar unter Bewusstsein seiner Schuld, durch Selbstmord seinem Leben ein
Ende gemacht. Denn die untergeordneten Organe, die die Totprügelung direkt zu verantworten haben, finden auch noch einen Physikus, einen Arzt, der einen Totenschein aufgrund eines Befundes mit Strangulationsmarke ausstellt, dass die Todesursache offenbar Selbstmord durch erhängen ist. Gerade ist Heinz Westermann, unser ehemaliger Bürgerschaftsabgeordneter, im KZ ermordet worden. Ich hab gehört, ihm haben sie die Lungen zertreten. Der KZ-Arzt hat sich geweigert, Tod durch Lungenentzündung zu bescheinigen. Da haben sie einen SS-Arzt geholt.“ Walther hatte jetzt Schweißperlen auf der Stirn. Obwohl er bei einigen Aktionen nicht mitmachen wollte, nahm er doch wieder an Gruppenabenden teil. Die Genossen schwiegen betroffen. Dann fragte Lucie: „Woher hast du diese Informationen?“ Ihr schossen die Tränen in die Augen. Sie war in letzter Zeit immer ängstlicher geworden. Walther schwieg einen Augenblick. „Darf ich nicht sagen, aber das stimmt so“, presste er heraus. „Wir müssen weitermachen“, schlug Ernst vor. „Noch sind wir nicht im Blick der Gestapo, weil sie noch mit den Kommunisten beschäftigt sind.“ „Völlige Fehleinschätzung“, schrie Walther. „Beruhigt euch“, schrie jetzt auch Lucie. „Die Menschen müssen doch langsambegreifen, was in Deutschland vor sich geht. Wir dürfen nicht aufgeben. Die Militarisierung ist doch unübersehbar. Und wer will schon wieder Krieg?“ Sie saß in einem langen, grauen Rock auf dem Stubentisch. Lucie arbeitete als Sekretärin in der Schlosserei Braun & Lübbe am Mühlenkamp. Hin und wieder konnte sie etwas Papier mitbringen und Texte auf ihrer Schreibmaschine im Büro entwerfen. Aber auch dort war es gefährlich, jederzeit konnte sie entdeckt werden. Zu viele Überstunden fielen auf. Sie wusste selbst nicht, wie lange sie das noch durchhalten würde. „Ich möchte nicht im Kola-FU landen, ehrlich gesagt fehlt mir der Mut“. Walther

schämte sich. „Wir müssen ja keine Helden sein“, beruhigte Heinz, obwohl er nicht so dachte. „Wir haben uns entschieden, nicht mit Gewalt vorzugehen. Aber Aufklärung, das ist unsere Pflicht, finde ich“. „Dafür gehst du aber auch schon in den Knast“, entgegnete Walther. „Ich nehme es keinem übel, wenn er eine Weile nicht mehr mitmachen möchte“,Lucie strich sich mit beiden Händen durch ihre dichten braunen Locken. Sie blickte zu Boden. „So war das nicht gemeint.“ Walther setzte sich etwas aufrechter hin. „Ich finde das auch nicht angemessen, wo ich wieder dabei bin, so etwas zu sagen. Aber der Tod vom Genossen Westermann hat mich eben getroffen. Hat mir klar gemacht, was es bedeutet, Flugblätter zu verteilen und Zettel an Laternenmasten zu kleben. In jedem Treppenhaus muss man aufpassen, dass man nicht von einem Nazi erwischt wird, wenn man im fünften Stockwerk die Tarnschriften ‚Platons Nachtmahl‘ oder ‚die Kunst des Selbstrasierens‘ auslegt und zum Widerstand aufruft. Und dann sehen muss, dass man schnell wieder aus dem Haus verschwindet. Solange der Protest verdeckter war, ging es mir einfacher damit. Zettel ankleben, das war noch einfacher. Aber wenn der Weg im Treppenhaus versperrt ist, wird es eng, im wahrsten Sinne.“
„Wir können doch beides machen, subtilen Protest und mehr öffentlichen Protest. Jeder soll entscheiden, wie weit er gehen will.“ „Macht euch doch nichts vor“, warf Fritz, ein Genosse, der etwa 19 Jahre alt war. „Wenn die Gruppe auffliegt, kann doch keiner sagen, er hätte nur bei ‚Wilhelm Tell‘ in der Oper an der und der Stelle etwas lauter geklatscht, um die Nazis lächerlich zu machen und Protest zum Ausdruck zu bringen. Also ich meine, wer dabei ist, ist dabei. Wer gehen will, kann gehen. Da hat Lucie recht. Keiner ist da sauer auf den. Ich denke, die Ereignisse spitzen sich zu. Mit Wandern und Musik müssen wir weitermachen. In der Zusammenarbeit mit anderen Gruppen sollten wir noch vorsichtiger sein. Wir dürfen uns nicht gegenseitig gefährden.“ Alle blieben. Sie reichten sich die Hände. „Lasst uns jetzt die weiteren Aktionen vorbereiten“, schlug Heinz vor.
Die Henker

„Nehmen Sie doch das Handbeil, das ist ja jetzt gesetzlich zulässig.“ Max Lahts, Präsident des Strafvollzugsamtes, einer der willigen Vollstrecker des Gauleiters Kaufmann, lächelte zu diesen Worten. „Die Guillotine ist sicherer, wir haben noch keine Henker, die mit dem Handbeil Erfahrung haben, entgegnete der Lübecker Staatsanwalt, der gekommen war, um sich die Hamburger Guillotine auszuleihen. „Wir sind in Hamburg schon seit 1934 erfolgreich mit dieser Methode. Sie kennen ja die Einstellung vom Reichsstatthalter Kaufmann: Die Guillotine als Überbleibsel der Revolution gehört abgeschafft. Die Todesstrafe soll mit dem Handbeil vollstreckt werden. Gut, natürlich, grundsätzlich habe ich aus praktischen Gesichtspunkten nichts dagegen. Wollen Sie sich aber wirklich gegen Kaufmann stellen? Der hat im Moment Oberwasser.“ Max Lahts war sich nicht sicher, ob er seinen Vorgesetzten, seinen Gauleiter Kaufmann, der zwischenzeitlich zum Reichsstatthalter befördert worden war, überzeugen könnte. „Sie könnten hier eine Ausnahme machen, wenn die Fachleute fehlen.“ „Gut, ausnahmsweise lässt sich das vielleicht einrichten, ich prüfe das.“ Der Lübecker Staatsanwalt bedankte sich. „Wir wollen den Kutscher Johannes Fick noch in diesem Jahr hinrichten.“ „Wenn es klappt, sollten wir noch über die Kostenübernahme sprechen. Wir müssten für den Transport zwei Mann abstellen, die Verladung dauert etwa zwei Stun- den, der Aufbau drei bis vier Stunden, wenn drei geeignete Beamte mitfahren. Ach, die Maschine muss hinterher noch gereinigt werden. Dann das Ganze retour.“ „Ich denke, die Kosten spielen keine Rolle,“ erwiderte der Staatsanwalt erleichtert ob der sich abzeichnenden Lösung. „Wissen Sie was, bringen Sie den Mann doch einfach nach Hamburg!“ sagte Lahts. Der Lübecker suchte Gründe dafür, das Urteil in seiner Stadt zu vollstrecken und insistierte: „Wir müssen uns auch als Juristen hier klar verhalten.“

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Aserbaidschanischer Traum – eine Frau in Baku

Das Präsidentenhandy klingelte. Mahammad, der Präsident der sozialen Organisation, in der Narmina Geschäftsführerin war, rief sie heute Morgen bereits zum vierten Mal an. Das erste Mal erwischte er sie unter der Dusche, wo sie verzweifelt versuchte, mit den seifigen Händen Haltung zu bewahren und das Frösteln aus ihrer Stimme herauszuhalten. Sie hatte das Wasser mit ihren glitschigen Händen abgedreht und nahm nackt und nass die ersten Aufträge des Tages entgegen. Aufträge, die häufig mit ihren eigentlichen Aufgaben nichts zu tun hatten, sondern meistens mehr mit seinen Bankgeschäften. Geschäfte, die für Mahammad Sein oder Nichtsein zu bedeuten schienen. Nun musste sie sich beeilen, das Frühstück fiel aus. Ihr Fahrer wartete bereits seit einer Weile vor Ihrem Haus.

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Aldidente und Testosteron

1. Kapitel

Sie platzte förmlich in sein Büro. Atemlos. Groß, und natürlich blond, wie er es sich erträumt hatte; in den Tagen mit wenigen Mandanten, den Blick in den Hirschpark gerichtet, an den die Villa angrenzte. Hier hatte er als ´ Frank der Anwalt` in einem Anflug von Optimismus seine Kanzlei eingerichtet. Ihr Händedruck war vorsichtig, ihr Arm ausgestreckt und ihre Hand etwas feucht. So machte sie auf ihn Eindruck; aber die Furcht, die eine schöne Frau, zudem eine große, schlanke Frau bei ihm auslöste, wurde somit gleich relativiert. Auch Ihre Entschuldigung für die Verspätung, „das schwer zu erreichende Haus“, gefiel ihm. „Ich musste außerdem meine Tochter erste einmal unterbringen, die ist früher aus der Schule gekommen“. Er spürte ihre ganze Schwäche in diesen zwei Entschuldigungen in diesem Augenblick. Als verheirateter Mann im besten Alter, kurz vor fünfzig und dem Abfall des Testosteronspiegels, hatte diese Begegnung etwas von Gegenläufigkeit in der Abwärtsspirale seines Lebens. Zu Hause ausgezogen, von der Frau geflüchtet aus dem Würgegriff der Hollywoodschaukel und dem unbedingt erforderlichen neuen Möbeln, auf der Suche nach einer neuen Sekretärin. Möglichst einer fürsorglichen Person.
„Ja, ja“, sagte er etwas blöde und gab ihr gleich noch einmal die Hand. Als Anwalt brauchte er eine gute Sekretärin, eine sehr gute, dennoch, es war nach diesem ultimativen Moment gleich klar, dass er sie nicht weiter zu ihren Fähigkeiten und Referenzen befragen würde.

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