Das volle Glas

Das volle Glas

Der Mann am Schreibtisch liest die Glückwunschkarten. Viele haben eine 50 mit Herzen, Luftballons oder Cabrios als Motiv auf der Klappseite. Fünfzig. Das Glas ist halb leer. Die meisten Schlachten sind scheinbar geschlagen. Die kleinen Tode einiger Ziele gestorben. Der BMI akzeptabel.
Die Frau hinter ihm packt die Koffer, einen großen und einen fürs Handgepäck. Sie richtet sich auf, noch in Unterwäsche, wählt ein Kleid mit durchgehenden Knöpfen. Das Kleid ist schlank geschnitten, über der linken Brustseite wirft es Falten oberhalb der großen Narbe.
Er sieht sie im Spiegel der Schranktür. Sie sieht, dass er sie sieht, und für einen Augenblick bleiben beide in dieser doppelten Betrachtung gefangen. Dann dreht sie sich um.
„Du kannst ruhig fragen.“
„Was denn?“
„Ob ich das Kleid anziehen kann. Ob ich die Reise schaffe. Ob ich überhaupt noch irgendetwas schaffe.“

Er legt die Karte mit dem Cabrio auf den Stapel. Auf der Innenseite steht: Jetzt beginnt die beste Zeit deines Lebens. Er hat den Satz bereits dreimal gelesen, ohne zu wissen, ob er ihn für eine Verheißung oder eine Beleidigung halten soll.
„Ich wollte nur wissen, ob du Hilfe brauchst.“
„Ich brauche Hilfe beim Koffer. Nicht beim Anziehen.“

Sie sagt es nicht unfreundlich. Gerade das macht es schwierig. Seit Monaten besteht ihre Ehe aus solchen kleinen Grenzverhandlungen. Darf er fragen, ob sie Schmerzen hat? Darf er ihr den Einkauf abnehmen, ohne dass sie sich entmündigt fühlt? Darf er müde sein, wenn sie es ist? Darf er sich auf etwas freuen, das sie vielleicht nicht mehr erleben wird?
Sie schließt die obersten Knöpfe. Der Stoff legt sich über die Narbe, als müsse er eine neue Landschaft lernen. Früher hat er ihren Körper gekannt, ohne hinzusehen. Jetzt schaut er zu oft und zugleich nicht genau genug. Er fürchtet, sie zu verletzen, und verletzt sie mit seiner Vorsicht.
„Das blaue Tuch?“, fragt sie.
„Das aus Portugal?“
„Nein, das andere blaue Tuch, das wir seit siebenundzwanzig Jahren besitzen.“
Er lacht. Sie auch, kurz. Es ist ein kleines Geräusch, aber es verändert die Luft im Zimmer.
„Es ist eigentlich Dein Tuch“.

Sie hatten sich mit dreiundzwanzig kennengelernt, in einer Küche, die nach angebranntem Reis roch. Er war zu einer Party gekommen, auf der er niemanden kannte, und sie hatte ihm erklärt, dass der Gastgeber ein Idiot sei, aber immerhin guten Wein besitze. Später standen sie auf dem Balkon und sahen auf die beleuchteten Fenster gegenüber. Sie erzählte ihm, sie wolle einmal am Meer leben. Er sagte, er wolle ein Haus mit einer Bibliothek. Keiner von beiden hatte Geld, und beide sprachen, als sei die Zukunft ein Grundstück, das ihnen bereits gehörte.

Es folgten Jahre, die sich im Rückblick wie ein einziger langer Sommer ausnahmen, obwohl sie aus gewöhnlichen Tagen bestanden. Sie arbeiteten, kauften ein Auto, das im Winter nicht ansprang, und stritten über die richtige Art, eine Spülmaschine einzuräumen. Sie heirateten in einem Rathaus mit gelben Vorhängen. Ihre Mutter weinte, sein Vater machte zu viele Fotos. Auf der Hochzeitsreise verloren sie einen Koffer und fanden ein kleines Restaurant, in dem sie drei Abende hintereinander aßen, weil sie sich nichts anderes leisten konnten und weil es dort die besten gegrillten Sardinen ihres Lebens gab.

Dann kamen die Kinder. Zuerst ein Junge, der nicht schlafen wollte, später ein Mädchen, das alles wissen wollte. Die Nächte wurden kürzer, die Rechnungen länger. Sie kauften ein Haus mit einem undichten Dach und einem Garten, in dem zunächst nur Brennnesseln wuchsen. Er bekam eine Stelle, die ihn oft fortführte. Sie baute ihre eigene Arbeit auf, zunächst am Küchentisch, später in einem kleinen Büro. Sie waren nicht immer gerecht zueinander. Es gab Jahre, in denen sie einander mehr organisierten als liebten, und Abende, an denen sie vor Erschöpfung nur noch über Mülltonnen, Elternabende und die nächste Steuererklärung sprachen.

Aber es gab auch die anderen Dinge. Die Sommer an der Ostsee, als die Kinder noch glaubten, man könne Muscheln oder kleine mit dem Kescher gefangenen Fische verkaufen und davon reich werden. Die Reise nach Italien, auf der sie sich verirrten und schließlich in einem Dorf landeten, dessen Namen sie nie wieder erinnerten. Die Nächte auf der Terrasse, wenn die Kinder schliefen und sie Wein tranken, obwohl am nächsten Morgen beide früh aufstehen mussten. Die Versöhnungen nach Streitigkeiten, bei denen keiner mehr wusste, worum es ursprünglich gegangen war.

Sie hatten ein gutes Leben. Kein makelloses, kein besonders außergewöhnliches. Ein Leben, das sich aus Arbeit, Glück, Fehlern und einer erstaunlichen Menge gegenseitiger Nachsicht zusammensetzte. Sie hatten es nicht bemerkt, während es entstand. Erst jetzt, da es bedroht war, erschien es ihnen wie ein Kunstwerk, an dem sie jahrzehntelang gearbeitet hatten, ohne je einen Entwurf zu besitzen.

Der Hund war gestorben. Die Kinder waren ausgezogen. Das Haus war stiller geworden, und sie hatten begonnen, diese Stille zu genießen. Sie planten Reisen, sprachen über weniger Arbeit, über ein kleines Haus am Wasser, über die Frage, ob man mit sechzig noch einmal etwas völlig Neues anfangen könne.
Dann hatte sie beim Duschen die Verhärtung gespürt.

II

Der erste Arzttermin war an einem Dienstag gewesen. Draußen hatte es geregnet, und im Wartezimmer stand ein Aquarium mit drei Fischen, die immer dieselbe Strecke schwammen. Sie hatte später gesagt, sie könne sich an jedes Detail erinnern: den Geruch des Desinfektionsmittels, die zu warme Heizung, den Fleck auf dem Teppich. Nur die Worte des Arztes seien ihr wie durch Wasser entgegengekommen.

Danach wurde die Zeit in Termine zerlegt. Untersuchungen, Befunde, Operation, Gespräche. Es gab Tage, an denen sie sich tapfer fühlte, und andere, an denen sie das Wort Tapferkeit nicht ertragen konnte. Freunde schickten Blumen und Nachrichten. Manche schrieben, sie müsse positiv denken. Andere erzählten Geschichten von Menschen, die alles überstanden hatten. Sie wusste, dass es gut gemeint war, und hasste es trotzdem manchmal. Nicht, weil sie die Hoffnung verachtete, sondern weil sie die Pflicht zur Hoffnung erschöpfte.

Er lernte, Verbandsmaterial zu kaufen, ohne vor dem Regal zu stehen wie ein Mann, der eine fremde Sprache entziffern muss. Er lernte, welche Fragen man beim Arzt stellen sollte, und dass man die Antworten am besten aufschrieb. Er lernte auch, dass Liebe nicht immer hilft. Manchmal saß er neben ihr und konnte nichts tun, während sie vor Schmerzen oder Angst weinte. Er hätte ihr alles abgenommen, wenn es möglich gewesen wäre. Gerade die Unmöglichkeit machte ihn gelegentlich wütend.
Einmal, mitten in der Nacht, hatte sie gesagt: „Du musst nicht immer so tun, als wäre alles gut.“
Er hatte geantwortet: „Ich tue nicht so.“
„Doch. Du machst Pläne. Du redest vom nächsten Sommer. Du sagst, wir schaffen das.“
„Was soll ich denn sonst sagen?“
Sie hatte ihn lange angesehen.
„Vielleicht, dass du auch Angst hast.“

Da hatte er zum ersten Mal vor ihr geweint. Nicht schön, nicht beherrscht. Er hatte das Gesicht in die Hände gelegt und gesagt, dass er nicht wisse, wie er ohne sie leben solle. Sie hatte ihn an sich gezogen, obwohl die Bewegung ihr wehtat.

„Endlich“, sagte sie nur.

III

Jetzt, am Tag nach seinem fünfzigsten Geburtstag, steht der Koffer offen auf dem Bett. Sie hat beschlossen, dass sie fahren: vier Tage ans Meer, in ein Hotel, das sie früher schon einmal besucht haben. Kein großes Abenteuer, keine Weltreise. Nur ein Ortswechsel, den sie sich beide wünschen und vor dem sie beide Ängste haben.
Er faltet ein Hemd, legt es wieder auseinander und faltet es erneut.„Du packst, als müssten wir auswandern“, sagt sie.„Ich möchte nur nichts vergessen.“
„Dann vergiss nicht, dass wir Urlaub machen.“
Er sieht sie an. Sie steht vor dem Spiegel und versucht, das Tuch so zu binden, dass es nicht wie eine Verkleidung wirkt. Er möchte ihr sagen, dass sie schön ist. Das Wort liegt ihm auf der Zunge, aber er fürchtet, es könne wie Trost klingen.
„Das steht dir“, sagt er schließlich.
Sie betrachtet sich noch einmal.
„Es ist ein Kleid“, antwortet sie.
„Ich weiß.“
„Du darfst auch sagen, dass ich schön aussehe.“
Er lächelt, und diesmal sagt er es. Sie nickt, als habe er eine Prüfung bestanden, deren Regeln sie beide erst lernen müssen.

Auf dem Weg zum Flughafen fährt er zu vorsichtig. Sie bemerkt es an der Art, wie er vor jeder Kurve bremst. Früher hatte sie ihn wegen seiner Ungeduld am Steuer ermahnt. Jetzt möchte sie ihn auffordern, schneller zu fahren, nur um für einen Augenblick wieder die alte Frau zu sein, die sich über ihren Mann ärgert.
Stattdessen legt sie die Hand auf seinen Oberschenkel.
„Du kannst ganz normal fahren.“
„Ich fahre normal.“
„Du fährst, als transportierten wir eine Ming-Vase.“
Er lacht. „Eine sehr kostbare.“
„Eine sehr genervte.“

Am Flughafen sitzen sie zwischen Menschen, die in ihre eigenen Zukünfte unterwegs sind. Ein Kind schläft auf dem Schoß seines Vaters. Zwei junge Frauen vergleichen Fotos auf ihren Telefonen. Ein älteres Paar teilt sich ein belegtes Brötchen. Niemand sieht ihnen an, was sie mit sich tragen. Das empfindet sie als Erleichterung. Die Welt verlangt hier nichts von ihr. Sie ist eine Reisende unter Reisenden, mit einem Pass, einem Boardingpass und einem Koffer, dessen Rollen auf dem Boden klappern.
Er kontrolliert zum dritten Mal die Medikamente.
„Sie sind noch da“, sagt sie.
„Ich weiß.“
„Dann gib Ruhe.“
Er steckt die Tasche weg. Nach einer Weile fragt sie: „Fürchtest Du Dich?“
Er sieht auf die Flugzeuge hinter der Scheibe.
„Ja.“
„Wovor?“
„Dass es dir schlecht geht. Dass wir zu weit weg sind. Dass ich etwas übersehe.“
Sie nickt. Dann sagt sie: „Ich habe Angst, dass du irgendwann nur noch aufpasst.“
Er versteht nicht sofort.
„Auf mich“, erklärt sie. „Dass du mich ansiehst und nur noch siehst, was passieren könnte.“
Er möchte widersprechen, aber sie legt ihre Hand auf seine.
„Ich weiß, dass du mich liebst. Es ist nur manchmal unglaublich, so geliebt zu werden.“Er schaut sie an, und sie sieht, dass sie ihn getroffen hat.
„Nicht deine Liebe“, sagt sie leiser. „Die Lage. Dass ich dich brauche und gleichzeitig nicht brauchen will. Dass du mir helfen sollst und ich es nicht immer annehmen kann. Dass wir beide ständig versuchen, dem anderen etwas zu ersparen, und dabei kaum noch miteinander reden.“
Er denkt lange darüber nach.
„Ich weiß manchmal nicht, was richtig ist.“
„Ich auch nicht.“
Sie sitzen nebeneinander, und zum ersten Mal seit Wochen muss keiner von ihnen eine Lösung finden.

IV

Das Meer empfängt sie mit Wind und einem Himmel, der aussieht, als habe jemand graue Farbe in Wasser gerührt. Ihr Zimmer liegt im dritten Stock. Vom Balkon aus sieht man die Promenade, die Dünen und dahinter die breite, unruhige Fläche des Wassers.
Sie öffnet die Balkontür. Die Luft riecht nach Salz, feuchtem Holz und dem fernen Fett einer Fischbude. Für einen Augenblick schließt sie die Augen.
„Das habe ich vermisst“, sagt sie.
Er stellt die Koffer ab und tritt neben sie. Sie stehen so lange dort, bis ihnen kalt wird.

Am Nachmittag gehen sie spazieren. Sie trägt einen Mantel, obwohl es nicht besonders kalt ist, und er passt sein Tempo ihrem an. Früher wäre sie vorausgegangen, hätte sich nach ihm umgedreht und gerufen, er solle nicht so trödeln. Jetzt gehen sie langsam, und beide tun so, als sei es eine Entscheidung, die sie gemeinsam getroffen haben.
Vor einem Café bleibt sie stehen.
„Kuchen?“
„Du hast vorhin gesagt, du hast keinen Hunger.“
„Vorhin war vorhin.“
Sie bestellen Kaffee und ein Stück Apfelkuchen mit Sahne. Er schiebt ihr die größere Hälfte zu. Sie schiebt sie zurück.
„Ich kann mir meinen Kuchen selbst einteilen.“
„Entschuldigung.“
Sie seufzt. „Du musst dich nicht für jeden Handgriff entschuldigen.“

Er nimmt die Gabel wieder auf. Draußen läuft ein Hund über den Strand, verfolgt von einem Mann, der vergeblich seinen Namen ruft.
„Ich habe gestern den Arztbrief gelesen“, sagt sie.
Er legt die Gabel ab.
„Den ganzen?“
Sie nickt.
„Auch die Stelle mit den fünf Jahren.“
Er schaut hinaus. Die Wellen kommen in schrägen Linien auf den Strand zu.
„Statistiken sind keine Vorhersagen“, sagt er.
„Ich weiß.“
„Und der Arzt hat gesagt, dass—“
„Ich weiß, was der Arzt gesagt hat.“

Er verstummt. Sie betrachtet den Kuchen, als könne sie darin eine Antwort finden.

„Manchmal denke ich, ich werde wieder gesund und wir machen einfach weiter. Und dann denke ich, vielleicht ist das alles schon der Anfang vom Ende. Ich weiß nicht, wie man mit beidem gleichzeitig leben soll.“

Er nimmt ihre Hand.

„Ich auch nicht.“

Sie sieht ihn an. Es ist eine einfache Antwort, und gerade deshalb kann sie sie annehmen.

„Ich will nicht, dass du dein Leben aufgibst“, sagt sie.

„Das tue ich nicht.“

„Doch, ein bisschen schon. Du sagst Verabredungen ab. Du gehst nicht mehr zum Sport. Du sitzt abends neben mir, obwohl du lieber mit deinen Freunden unterwegs wärst.“

„Ich bin gern bei dir.“

„Das glaube ich dir. Aber ich will nicht, dass du irgendwann zurückblickst und denkst, ich hätte dir alles genommen.“

Er zieht die Hand zurück, nicht aus Ärger, sondern weil er plötzlich nicht weiß, wohin mit ihr.

„Du nimmst mir nichts.“

„Noch nicht.“

Das Wort bleibt zwischen ihnen liegen. Sie bereut es sofort, aber sie nimmt es nicht zurück. Es gehört zu den Gedanken, die sie sonst nur nachts zulässt.

Er sagt schließlich: „Ich habe manchmal Angst, dass ich mich auf etwas freue und du denkst, ich hätte dich vergessen.“

Sie sieht ihn überrascht an.

„Auf was denn?“

„Auf einen Abend mit Freunden. Auf eine Reise. Auf irgendetwas, das nichts mit der Krankheit zu tun hat.“

Sie nickt langsam.

„Dann musst du es mir sagen.“

„Und du musst mir sagen, wenn du allein sein willst.“

„Das kann ich.“

„Ohne dass ich beleidigt bin.“

Sie lächelt. „Das wird schwieriger.“

Er lacht, und sie lacht mit. Dann wird sie wieder ernst.

„Ich möchte, dass wir ein Leben haben. Nicht nur eine Behandlung.“

Er sieht sie an und weiß, dass dies der Satz ist, auf den er seit Monaten gewartet hat, ohne ihn selbst formulieren zu können.

V

Am nächsten Morgen scheint die Sonne. Sie frühstücken spät und fahren mit einem kleinen Ausflugsschiff hinaus. Das Deck ist fast leer. Sie sitzen nebeneinander, eingewickelt in Jacken, während die Küste langsam hinter ihnen zurückweicht.

Sie erzählt ihm von einem Traum, den sie in der Nacht gehabt hat. Darin waren die Kinder wieder klein gewesen, und sie hatten alle zusammen in ihrem alten Auto gesessen. Niemand wusste, wohin sie fuhren, aber alle waren glücklich. Er erinnert sich an dieses Auto, an den Geruch der Polster und die klemmende Beifahrertür. Er erinnert sich auch daran, wie sie einmal mitten in Frankreich eine Panne hatten und drei Stunden auf Hilfe warteten. Die Kinder hatten im Straßengraben Blumen gepflückt, und sie hatten sich gestritten, weil er die Warnweste nicht finden konnte.

„Das war ein schrecklicher Tag“, sagt er.

„Nein“, antwortet sie. „Das war ein wunderbarer Tag mit einer schrecklichen Stunde.“

Er denkt darüber nach. Vielleicht ist das eine der Fähigkeiten, die sie immer besessen hat: einem Tag nicht zu erlauben, nur aus seinem schlimmsten Augenblick zu bestehen.

Später stehen sie an der Reling. Das Schiff bewegt sich schwer durch die Wellen. Sie hält sich fest, und er steht dicht hinter ihr, ohne sie zu berühren.

„Du darfst“, sagt sie.

Er legt die Arme um sie. Sie lehnt sich zurück, und für einen Moment ist es wie früher, als sie sich auf Fähren, Bahnsteigen oder in fremden Städten aneinander lehnten, ohne darüber nachzudenken.

„Ich habe Angst vor dem Sterben“, sagt sie plötzlich.

Er hält sie fester.

„Ich weiß.“

„Nein. Ich meine nicht nur vor dem Tod. Ich habe Angst davor, dass ich vorher nicht mehr ich selbst bin. Dass ich nur noch aus Schmerzen bestehe. Dass ich euch zur Last falle.“

Er sucht nach einem Satz, der ihr helfen könnte, und findet keinen. Schließlich sagt er: „Ich kann dir nicht versprechen, dass es nicht schwer wird.“

Sie nickt.

„Aber ich kann dir versprechen, dass du nicht erst etwas leisten musst, damit ich bei dir bleibe.“

Sie dreht sich in seinen Armen um. Der Wind weht ihr das Haar ins Gesicht.

„Das ist schön“, sagt sie. „Und trotzdem möchte ich nicht, dass du dich opferst.“

„Vielleicht müssen wir lernen, Hilfe anzunehmen. Von anderen. Nicht nur voneinander.“

Sie sieht ihn an, als prüfe sie, ob er es ernst meint.

„Das wäre vielleicht vernünftig.“

„Ein ungewohntes Konzept für uns.“

Sie lächelt. Dann küsst sie ihn, mitten auf dem Deck, während hinter ihnen ein Möwenschwarm aufsteigt.

VI

Am letzten Abend gehen sie noch einmal an den Strand. Die Sonne steht tief, und das Wasser hat die Farbe von geschmolzenem Zinn. Sie zieht die Schuhe aus und trägt sie in einer Hand. Er nimmt ihr die andere ab, nicht weil sie es braucht, sondern weil sie ihm die Schuhe hinhält.

Sie gehen bis zu einer Stelle, an der die Promenade hinter den Dünen verschwindet. Dort setzen sie sich auf eine Bank. Vor ihnen liegt das Meer, hinter ihnen das Land, auf dem ihr Leben stattgefunden hat.

„Was machen wir eigentlich mit deinem Geburtstag?“, fragt sie.

„Der ist vorbei.“

„Du hast ihn nicht gefeiert.“

„Wir waren hier.“

„Das ist keine Feier.“

Er zuckt mit den Schultern. „Vielleicht nächstes Jahr.“

Sie dreht sich zu ihm.

„Nein.“

Er sieht sie an.

„Nicht nächstes Jahr. Wir feiern, wenn wir zurückkommen. Mit den Kindern, unseren Freunden, gutem Essen. Und du hörst auf, so zu tun, als wäre fünfzig eine Beerdigung.“

Er lacht, aber sie bleibt ernst.

„Ich will nicht, dass wir alles auf später verschieben.“

Er nickt. Dann sagt er: „Und ich will nicht, dass wir so tun, als müssten wir jetzt jeden Tag besonders machen.“

Sie überlegt.

„Das stimmt auch.“

Sie sitzen eine Weile schweigend. Ein Junge wirft Steine ins Wasser. Seine Mutter ruft ihn zurück, weil es dunkel wird. Er wirft noch einen, dann läuft er los.

„Vielleicht ist das unsere Aufgabe“, sagt sie schließlich. „Nicht jeden Tag besonders machen. Sondern die gewöhnlichen Tage nicht verlieren.“

Er nimmt ihre Hand.

„Und wenn einer davon schrecklich ist?“

Sie denkt an das Auto in Frankreich, an die Kinder im Straßengraben, an die Blumen, die sie damals in einer leeren Wasserflasche mit nach Hause genommen hatten.

„Dann ist es vielleicht ein guter Tag mit einer schrecklichen Stunde.“

Er lächelt. Sie lehnt den Kopf an seine Schulter.

Als sie später zum Hotel zurückgehen, ist der Himmel über dem Wasser noch hell. Sie sprechen über die Feier, über die Kinder, über den Garten, der im Herbst zurückgeschnitten werden muss. Sie sprechen auch über den nächsten Arzttermin, aber nicht lange. Es gibt nichts Neues zu entscheiden.

Im Zimmer stellt er die beiden Koffer nebeneinander. Sie zieht das Kleid aus und legt es über einen Stuhl. Im Spiegel sieht sie die Narbe, die Falten der Haut, die Stelle, an der ihr Körper nicht mehr aussieht wie früher. Sie betrachtet sich lange. Dann nimmt sie das blaue Tuch ab und legt es dazu.

Er kommt aus dem Bad und bleibt in der Tür stehen.

„Was?“, fragt sie.

„Nichts.“

Sie hebt eine Augenbraue.

Er geht zu ihr und legt die Hand auf ihre Hüfte.

„Du bist schön“, sagt er.

Sie sieht ihn an. Diesmal fragt sie nicht, ob er es nur sagt, weil er sie liebt.

„Ich weiß“, antwortet sie leise.

Später liegen sie im Bett, das Fenster einen Spalt geöffnet. Von draußen dringt das Rauschen des Meeres herein, gleichmäßig und unermüdlich. Sie schläft zuerst ein. Er bleibt noch wach und denkt an die Glückwunschkarten, die zu Hause auf dem Schreibtisch liegen. An die fünfzig, die Herzen, die Luftballons, das Cabrio. An den Satz von der besten Zeit des Lebens.

Er weiß nicht, ob sie noch vor ihnen liegt. Vielleicht ist sie längst gewesen. Vielleicht besteht sie aus allem zusammen: den Jahren, die sie hatten, und den Tagen, die ihnen bleiben. Er weiß nur, dass er nicht mehr versuchen möchte, die Zukunft durch Vorsicht zu beherrschen.

Neben ihm bewegt sie sich im Schlaf und sucht seine Hand. Er gibt sie ihr. Sie waren beide wach.

Am nächsten Morgen werden sie nach Hause fahren. Es wird weitere Untersuchungen geben, vielleicht gute Nachrichten und schlechte, Tage voller Mut und Tage, an denen keiner von beiden welchen hat. Sie werden sich streiten, sich entschuldigen, lachen und müde sein. Sie werden Hilfe brauchen und sie manchmal ablehnen. Sie werden Pläne machen, obwohl sie wissen, dass Pläne keine Garantien sind.

„Ich muss dir noch von meinem Gespräch mit dem Psychologen erzählen“, sagt sie. „Das passt hier gut hin, finde ich. Er stellte ein Glas vor mich, zu achtzig Prozent mit Wasser gefüllt, unten ein kleiner Hahn. Dann fragte er nach einer Weile, wofür das Wasser aus meiner Sicht stehen würde. Ein interessantes Glas, mit diesem Hahn unten.
Ich sagte, für alles, was sich nicht abstellen lässt. Für die Krankheit, die Sorgen, die Verpflichtungen, die Beziehungen und die Erwartungen.
Er wartete einen Moment. Dann sollte ich beschreiben, was ich ablassen würde.
Ich wollte mein Leben nicht in brauchbare und unbrauchbare Teile zerlegen. Die Kinder konnten anstrengend sein und ihr trotzdem fehlen. Könnte ich Dich freilassen? Selbst die Angst gehörte inzwischen zu mir.

Vielleicht war genau das ihr Problem mit dem Glas: nicht, dass es zu voll war, sondern dass so viel hineingegossen worden war, ohne sie zu fragen.

„Und?“, fragte er.

„Ich wollte das Wasser austauschen.“

Er lächelte ein wenig.

„Natürlich.“

Vor ihnen lag das Meer, unvernünftig groß und für therapeutische Zwecke eher ungeeignet. Vielleicht wirkte es gerade deshalb therapeutisch.

Sie brauchte ein Meer, dachte sie. Kein Glas mit kleinem Hahn. Keine Aufforderung, etwas abzulassen.

Ein Meer, in das alles hineinpasste.

Sie sah hinaus und lächelte.

Diesmal bemerkte er es.

Und irgendwann werden sie wieder ans Meer fahren.

Nicht, weil sie sicher sind.

Sondern weil sie leben.

Corona bei den Hillbillies

Während Donald in Israel das neue Golfresort plant, geht alles andere seinen Gang. Hier im Krankenhaus. Hier mit einer neuen Corona Generation. Wer interessiert sich für Donald? Für seine Vorlieben und Ein- Stellungen? Wo das Leben ist, riecht das Zimmer gesund nach Desinfektionsmitteln und abgestandenem Kaffee. Was noch? Monitorpiepen, das gleichmäßige Zischen von Sauerstoff, irgendwo auf dem Flur flucht ein Pfleger leise vor sich hin. Ich liege da mit aufgesägtem Brustbein, frischer Narbe, frisch repariertem Herzen – wieder einmal – und einer Krebsdiagnose, die sich anfühlt wie ein schlechter Witz mit Pointe aus Stahl.
Draußen schneit es über Buffalo. Der Wind vom Lake Erie pfeift gegen die Scheiben wie ein beleidigter Gott.
Und dann sitzt sie plötzlich da.
Corona.
Nicht als Virus, nicht als Grafik aus den Nachrichten, sondern als Frau mit zu großen Augen und einem Mantel, der aussieht wie aus Krankenhauslaken genäht. Ihre Stimme kratzt wie trockener Husten.
„Na“, sagt sie, „wir zwei schon wieder.“
Ich drehe den Kopf ein Stück. „Du hast ein Talent für Timing.“
Sie lächelt schief. „Du auch. Herzinfarkt während einer Krebsdiagnose – das ist fast schon Performancekunst.“
„Fick dich.“
„Oh, ich ficke niemanden“, sagt sie ruhig. „Ich decke nur auf.“
Draußen schiebt sich ein Schneepflug durch die Straße. Buffalo im Winter ist wie Amerika im Dauerzustand: hart, weiß, laut und immer kurz davor, im Eis stecken zu bleiben.
„Weißt du“, sagt sie und rückt näher an mein Bett, „in Buffalo haben sie gemerkt, was ich wirklich bin.“
„Ein Virus.“
„Nein. Ein Scheinwerfer.“
Sie lehnt sich zurück. „Ich habe nur beleuchtet, was längst da war. Die Familien im East Side-Viertel, schwarz, arm, drei Jobs, kein Krankenversicherungsschutz. Und die Familien draußen in den Vororten, weiß gestrichene Zäune, Homeoffice, Aktienportfolios, Sauerteigbrot.“
Ich lache trocken, was sofort wehtut. „Du willst mir erzählen, du bist sozialkritisch?“
„Ich bin konsequent“, sagt sie. „Ich gehe dorthin, wo Menschen eng sind. Wo sie Bus fahren müssen. Wo sie in Pflegeheimen arbeiten, in Schlachthöfen, in Krankenhäusern wie diesem.“
Sie tippt gegen meine Infusionsleitung. „Reichtum kann Abstand kaufen. Armut nicht.“
Ich denke an Jane Walker. Jane mit den dünnen Handgelenken und den immer zu großen Träumen. Jane, die immer die schlimmsten Karten zieht. Kranker Vater, Schulden, ein Mann, der schneller verschwand als das Geld auf dem Konto. Und dann ich, hier, operiert, wiederbelebt, während sie irgendwo Rechnungen sortiert.
„Warum kriegen manche die tollen Ehepartner“, murmele ich, „die sicheren Häuser, die gesunden Gene – und andere nicht?“
Corona zuckt mit den Schultern. „Weil Amerika nie gerecht verteilt hat. Nicht Liebe, nicht Geld, nicht Luft.“
„Jetzt klingst du wie eine Soziologie-Professorin.“
„Vielleicht bin ich das“, sagt sie. „Oder vielleicht bin ich nur das Echo von Jahrhunderten. Sklaverei, Redlining, Hypotheken, die nur in bestimmten Vierteln genehmigt werden. Schulen, die von Grundsteuern leben. Reichtum, der vererbt wird wie ein Familienrezept.“
Sie beugt sich vor. „Weißt du, was der wahre Unterschied zwischen schwarz und weiß in diesem Land ist?“
„Sag’s mir.“
„Fehler.“
Ich runzle die Stirn.
„Weiße Familien dürfen Fehler machen“, fährt sie fort. „Ein missglücktes Studium, eine gescheiterte Firma, eine Sucht. Schau Dir Donald an. Das Gegenteil funktioniert auch. J.D. ist ein Beispiel. Ein Film im Film . Es gibt oft ein Netz. Elternhaus. Erspartes. Gestolenes. Kontakte. Schwarze Familien? Ein Fehler kann alles kippen. Kein Netz. Nur Beton.“
Das Piepen meines Monitors beschleunigt sich ein wenig.
„Und du?“ frage ich. „Warum ich? Krebs, Herz, du auf Besuch?“
Sie sieht mich lange an. „Weil dein Körper auch Amerika ist.“
„Ach, jetzt wird’s pathetisch.“
„Nein. Realistisch. Dein Herzinfarkt – Stress. Dein Krebs – vielleicht Pech, vielleicht Umwelt, vielleicht Jahre von Druck. Du hast gearbeitet, gekämpft, getragen. Für wen? Für welche Familie? Für welches Bild von Erfolg?“
Ich schweige.
„Du glaubst, du bist hier nur wegen Biologie“, sagt sie leise. „Aber dein Herz hat Jahrzehnte von Erwartungen geschluckt. Stark sein. Funktionieren. Nicht jammern. Vor allem nicht als Mann. Vor allem nicht als jemand, der sich mit Leuten wie Jane Walker solidarisch fühlt, aber trotzdem im System mitspielt.“
„Du gibst mir also die Schuld?“
„Nein“, sagt sie. „Ich gebe niemandem die Schuld. Ich bin nur die Rechnung.“
Der Wind heult gegen die Scheibe. Buffalo ist ein rostiger Traum aus Stahl und Schnee. Fabriken, die dichtgemacht haben. Familien, die geblieben sind. Schwarze Nachbarschaften, die nie die Kredite bekamen. Weiße Viertel, die vom Erbe leben.
„Weißt du“, sage ich nach einer Weile, „Jane trifft es immer am härtesten. Leute wie sie. Immer die schlimmsten Opfer.“
Corona nickt. „Weil sie näher am Abgrund leben. Wenn ich komme, stoße ich nur leicht.“
„Und die anderen?“
„Die rutschen ein Stück. Verlieren vielleicht Geld. Vielleicht Ansehen. Aber sie fallen selten ganz.“
Ich starre an die Decke. „Also was jetzt?“
„Jetzt?“ Sie steht auf. „Jetzt heilst du. Oder du stirbst. Wie immer.“
„Das ist alles?“
Sie geht zur Tür, dreht sich noch einmal um. „Nein. Das ist der biologische Teil.“
„Und der andere?“
„Der andere“, sagt sie, „ist die Frage, was du tust, wenn du hier rauskommst. Bleibst du Teil der Maschine, die Jane Walker zermahlt? Oder brichst du irgendwo ein Zahnrad heraus?“
Sie lächelt – kein freundliches Lächeln, eher ein wissendes.
„Ich komme nicht nur, um zu zerstören“, sagt sie. „Ich komme, um sichtbar zu machen.“
Die Tür schwingt auf. Ein echter Pfleger tritt ein, müde Augen, dunkle Haut, Akzent aus dem Süden. Er prüft meine Werte, richtet die Decke.
Corona ist verschwunden.
Draußen fällt weiter Schnee auf Buffalo. Weiß über Schwarz, kalt über warm, reich über arm. Aber unter allem pulsiert etwas. Ein Herz.

CORONA, der Patient und innere Stärke

Ein kleines Café, der Duft von frisch gebrühtem Kaffee erfüllt den Raum. Blumen schmücken die Tische, das Licht ist weich und warm, wie ein sanfter Mantel, der sich um die Gemüter legt. Die Nachmittagssonne schimmert durch die großen Fenster und taucht alles in ein goldenes Licht. Die Welt draußen scheint fern, hier drinnen herrscht eine ruhige, fast zeitlose Atmosphäre. Der Patient sitzt an einem kleinen Holztisch, die Tasse Kaffee in seiner Hand. Ihm gegenüber  sitzt Corona, die „Schöne“, die du, Autor, so oft in deinen Gedanken hast. Ihr Blick ist sanft und aufmerksam, als ob sie alles verstehen würde, ohne dass Du ein Stichwort für sie, ein Wort sagen lassen müsstest.

Der Patient „Ich weiß nicht, Corona… es ist alles ganz schön viel. Seit Wochen liege ich im Krankenhaus. Es fühlt sich an wie ein endloser Albtraum, aus dem ich nicht aufwachen kann. Ich bin so müde, innerlich wie äußerlich. Alles in mir schreit nach Ruhe. Ich bin kein Star, aber holt mich hier raus!“

Seine Stimme ist leise, fast brüchig. Er versucht, die Fassung zu wahren, aber die Erschöpfung sitzt tief. Corona sieht ihn lange an, ohne ihn zu unterbrechen. Sie lässt seine Worte im Raum hängen, als hätten sie Gewicht, das nicht einfach durch eine Antwort weggenommen werden kann. Zumal sie selbst als Mitglied einer Virusfamilie nicht immer gern etwas zu Krankheiten sagen möchte. Gern, wie man sich favor schützt, das schon.

Corona: „Ich spüre deine Müdigkeit. Du trägst viel mit dir herum, mehr, als du vielleicht selbst begreifen kannst. Dein Körper leidet, aber auch dein Geist scheint schwer beladen. Du versuchst, stark zu sein, nicht wahr? Immer stark für die anderen, für dich selbst…“

Der Patient senkt den Blick. Ihre Worte treffen einen wunden Punkt in ihm. Die Tränen steigen ihm in die Augen, und er kämpft vergeblich dagegen an. Sie darf trotz jahrelanger Vertrautheit nicht sehen, wie nahe er am Rand steht. Er schämt sich ob seiner Schwäche.  „Ja, aber es fühlt sich an, als ob ich nicht mehr stark sein kann. Alles ist schiefgelaufen. Die erste Operation war ein Fehlschlag, die zweite hat auch nichts gebracht. Und jetzt… dieser Keim. Mein Körper wehrt sich, aber ich spüre, dass er immer schwächer wird. Die Ärzte sprechen von schlechten Werten, und ich… ich weiß einfach nicht, wie ich damit umgehen soll.“

Der Patient fühlt, wie die Tränen über deine Wangen laufen. Vergeblich versucht, er diese wegzuwischen, doch Corona sieht es, natürlich. Sie lehnt sich ein wenig vor, ihre Augen voller Verständnis und dennoch fordernd.

„Es ist nicht leicht, das Leben zu akzeptieren, wenn es dir so viele Steine in den Weg legt. Es ist völlig in Ordnung, dass du weinst. Tränen sind keine Zeichen von Schwäche. Sie sind ein Ventil, das deine Seele braucht, um nicht überzulaufen.“

Seine Lippen zittern, und er atmet tief ein, um sich zu beruhigen. Die Worte, die du so oft gehört und anderen selbst auf den Weg gegeben hast – stark bleiben, positiv denken, in jeder Krise liegt ein Chance– haben keine Bedeutung mehr. Das scheint alles lediglich für gesunde Menschen zu gelten.Du fühlst dich allein, trotz der vielen Menschen um dich herum. „Aber wie soll ich weitermachen? Wie soll ich diese Unsicherheit ertragen, diese Angst? Nichts ist mehr unter meiner Kontrolle. Es ist, als ob mir alles entgleitet, und ich kann nichts tun, um es aufzuhalten.“ Er sieht Corona direkt in die Augen, suchst nach einer Antwort, nach etwas, das ihm Halt gibt. Ihre Miene bleibt ruhig, fast nachdenklich. Kurz denk er, das sie ja nur ein Virus ist. Eine künstliche Intelligenz. Sie sitzt hier aber. Aus Fleisch und Blut.

Corona antwortet leise: „Stärke wird oft missverstanden. Man denkt, sie sei etwas, das keine Risse zeigt, das immer unerschütterlich ist. Aber wahre Stärke liegt vielleicht genau darin, dass du all das durchlebst und trotzdem weitermachst. Auch wenn du das Gefühl hast, alles entgleitet dir – du stehst noch hier. Du atmest. Das ist schon eine große Leistung, die du wertschätzen solltest.“

Der Patient starrr in seine Tasse, das leise Klirren des Löffels im Kaffee beruhigt ihn ein wenig. Ihre Worte klingen so vernünftig, aber sie dringen nur langsam zu ihm durch.„Ich habe einfach das Gefühl, dass ich nicht mehr stark sein kann. Es ist am Ende alles ziemlich viel zu ertragen “

Zittrig und stockend spricht er. Corona nickt leicht, als ob sie genau verstehen würde, was er empfindet.  „Du musst auch nicht immer stark sein. Es gibt Momente im Leben, in denen wir uns erlauben müssen, schwach zu sein. Es ist kein Versagen, es ist menschlich. Die Stärke, die du suchst, zeigt sich manchmal in den kleinen Schritten – in der Tatsache, dass du überhaupt weitermachst, auch wenn es sich sinnlos anfühlt. Am Ende wirst Du sicherlich belohnt und wieder leben. “

Der Patient möchte das gerne glauben und fühlt sich einen kurzen Moment ganz friedlich. Einen kurzen Moment. „Vielleicht ist es wirklich so, dass ich zu viel von mir selbst erwarte. Aber diese Ungewissheit… Wie soll ich sie ertragen? Ich weiß nicht, ob es besser wird. Die Ärzte wissen es auch nicht. Sie reden von Möglichkeiten, aber ich fühle mich einfach nur verloren.“

Du hebst den Blick, und Corona sieht dich mit einer Sanftheit an, die fast tröstlich wirkt. Sie lässt sich Zeit, bevor sie antwortet.

„Die Ungewissheit ist eine schwere Last, das ist wahr. Menschen wollen Sicherheit, etwas Greifbares. Aber das Leben gibt uns oft keine Garantien. Vielleicht liegt die Kunst nicht darin, die Ungewissheit zu besiegen, sondern sie anzunehmen. Sie als Teil deines Weges zu sehen. Sie ist kein Feind, sondern ein Begleiter.“

Ihre Worte klingen fast philosophisch, und der Patient weißt nicht, ob er sie wirklich verstehen kann. Aber sie geben ihm das Gefühl, dass es einen Weg gibt, auch wenn er ihn noch nicht sieht.

„Wie soll ich das annehmen? Wie lässt man so etwas zu?“Er fragt es fast verzweifelt. Es klingt so einfach in ihren Worten, aber in seinem Inneren tobt ein Sturm, den er nicht bändigen kann.

Corona: „Indem du das Bedürfnis loslässt, alles zu kontrollieren. Indem du dir erlaubst, nicht alles zu verstehen, und trotzdem weitergehst. Es ist wie ein Fluss – manchmal kannst du nicht gegen den Strom schwimmen, dann lässt du dich treiben und vertraust darauf, dass er dich trägt.“

Ihre Augen leuchten sanft, als sie diese Worte spricht. Es klingt nach Akzeptanz, nach Loslassen – Dinge, die  so schwerfallen.

„Es ist schwer, daran zu glauben.“

Er spricht es leise aus, fast als wäre es ein Geheimnis, das er sich selbst erst jetzt eingestehst. Doch Corona lächelt nur.

„Es ist das Schwerste, was wir tun können. Aber manchmal ist es auch das Befreiendste. Du musst nicht alles sofort verstehen. Manchmal geht es nur darum, den nächsten kleinen Schritt zu machen, selbst wenn du den Weg noch nicht siehst.“

Der Patient nimmt einen tiefen Atemzug, spürst, wie sich eine gewisse Erleichterung in ihm ausbreitet. Es ist kein vollständiger Frieden, aber vielleicht ein Anfang. Es fühlt als ob er wenigstens einen Moment lang nicht kämpfen muss. „Vielleicht hast du recht. Ich weiß es nicht. Aber ich werde versuchen, es so zu sehen. Was bleibt mir sonst?“

Er schaut Corona direkt an, ihre Präsenz ist ruhig und sicher.

Corona: „Was bleibt, ist Hoffnung. Auch wenn du sie gerade nicht sehen kannst, sie ist da. Du bist nicht allein, selbst in deinen dunkelsten Momenten. Manchmal findest du Licht an Orten, wo du es nie erwartet hättest – vielleicht auch in dir selbst.“

Ihr Gespräch verstummt, aber in der Stille liegt eine Art von Trost. Keine magische Lösung, keine schnellen Antworten. Aber das Gefühl, dass du getragen wirst, auch wenn der Weg noch dunkel ist. Corona lächelt dem Patienten zu und entschwindet.

Miniatur: X-Mas mit Elon

„Die Algorithmen fliegen nur so herum und finden keinen Halt in der interstellaren Zivilisation…“ Ripp Corby

Last X-Mas mit Elon.

In den letzten Monaten zeichnete sich immer deutlicher ab, dass Weihnachten, der Heilige Abend, nicht die Geburt des Heilands ankündigen würde, sondern dessen Abflug. Dessen verstörender Wirkung war Elon Musk sich bewusst. Darauf hatte er hingearbeitet, darauf hatte er sich vorbereitet. Der Baum ist geschmückt, die Kerzen leuchten und spiegeln sich in den Tannenbaumkugeln. Das Lied von Wham! „Last Christmas“ inspiriert Elon zu einem finalen Sound für seine Reise. Er schreitet in seinem regenbogenfarbenen Raumanzug auf die MarsX zu, schaut auf seine Uhr, um die letzten Tweeds auf X zu versenden, bevor er das System abschaltet und lediglich eine simulierte Kommunikation in einer Endlosschleife zurücklässt. Es wird für alle auf diesem Planeten der Tag X sein. Definitiv, mit absoluter Gewissheit das Last X-Mas. Die Temperaturen lassen die Meere dampfen, die Wälder im Feuerschein glühen und die Berge im Widerschein leuchten. Die Meere werden auf die Wälder treffen und ein einzigartiges Schauspiel darbieten. Elon ist völlig aus dem Häuschen, singt und tanzt. Er zwingt sich, die erforderliche Checks durchzuführen. Er hat sein Raumschiff „X-Stern von Bethlehem“ mit seinem Cybertruck rechtzeitig erreicht, bevor die Systeme in der flimmernden Hitze der Weihnachtsnacht versagen würden. Der Fahrstuhl bringt ihn in die Raumkapsel. Er dreht sich noch einmal um, winkt den Robotern zu, die ihn auf die Reise schicken, die zukünftig niemand mehr brauchen wird, winkt in die entfernt flimmernde Sonne und die Richtung, wo er den Mars vermutet.

Der rotglühende Planet wird kleiner im Sichtfenster, das von Plakaten einer roten Erde und einem grünen Mars fast gänzlich zugeklebt ist, schnell kaum noch zu sehen, verschwunden. Er reißt das Plakat der Erde ab, liest ein letztes Mal sein Manifest:“ Die Erde muss zerstört sein, damit der Traum vom Mars lebt. Leb wohl Menschheit. Das Spiel ist aus. Hallo Mars, hallo Trantor“ ruft er aus. Er freut sich über das Schauspiel, das vom verglühenden Planeten ausgeht. „Alles nur ein Spiel, sagt er zu seinem mitfliegenden Avatar“ .
Wenig später: “ Ist das Genmaterial an Bord?“ erkundigt er sich.
„Das war noch nicht programmiert,“ erklärt der Avatar. Elon schaut Elon an, erst verständnislos dann lachend.
„Es ist noch einiges zu tun, bis wir aus dem Spiel raus sind und zum einzigen Spieler werden. Zum einzigen Weihnachtsmann, der auf dem Mars das Spiel bestimmt.“
Elon genießt den Moment und schaltet dann den Computer aus. „Machen wir Schluss für heute. Zeit für eine Weihnachtspause.“
Elon steht auf und geht in die Halle zu den Gästen, die das Spektakel auf einer Leinwand verfolgt haben.

Applaus.

Corona 6. Teil. Herr Prill wandert aus.

Corona 6
Herr Prill wandert aus.

Die Plätze im Calligo-Café sind gut besetzt. Hier gibt es die feinsten Kaffeesorten im Angebot, Gebäck und Snacks dazu. Für jeden ist etwas dabei. Drinnen bestellt man wieder, wie vor Coronas Zeit, bedient wird am Tisch. Morgens ist es ein Rentner-Café, die ihre Stammplätze besetzen, mittags kommen Schüler und Büromenschen, nachmittags kommt gemischtes Publikum. Die Zeit, in der man leicht einen Platz bekam, weil alle fürchteten, sich anzustecken, ist vorüber. Die schöne Corona habe ich länger nicht getroffen. Als wäre der Gesprächsstoff ausgegangen. Sie würde vielleicht angesichts der Weltlage sagen, der alltägliche Gesprächsstoff sei zerbombt. Die Sonne strahlt am hellblauen, wolkenlosen Himmel und taucht den Platz der Kleinstadt am Rande Hamburgs in italienisches Flair. Dazu gehört die Wanderbaustelle mit Presslufthammer, Planierraupe und rätselhaften Absperrungen, die sich im Kreis zu drehen scheinen. Die Fertigstellung zögert sich auch hinaus, weil Gäste den Arbeitern immer wieder Kaffee spendieren; in der Hoffnung auf eine Ruhepause. Ein Wimmelbild auf dem Platz, Gedränge auf den Sitzplätzen unter den wenigen Schirmen. Fahrradfahrer sausen an den Tischen vorbei. In der Sonne ist es nicht lange auszuhalten, wenn man keinen geschützten Platz hat. Sonnengeschützt ist lediglich noch ein Platz auf der Bank vor dem Schaufenster des Cafés frei. Dort sitzt ein Mann in kurzen Sporthosen, in einem Bayern-München Shirt und einer abgewetzten Kappe desselben Vereines. In sich versunken, verloren in Gedanken wahrscheinlich, oder anderswo verloren.  Soll ich mich neben diesen Mann setzten? Meistens sitzen dort die Raucher, mit dem Aschenbecher neben sich auf der Bank. Alternativ die Telefonierer oder Hundehalter. Oder alles miteinander kombiniert. Hund, Handy, Zigarette. Der Mann, im alten Bayerndress aus den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts, schaut zu Boden; scheint nicht hier zu sein. Ich stehe unentschlossen, blicke mich um, sehe die schöne Corona vorbeischlendern. Als hätte sie gewusst, dass ich jetzt hier bin. Unsere Blicke treffen sich. Sie zwinkert mir zu und läuft aber weiter und hält sich dabei ihren Zeigefinger vor die Lippen. Die habe ich hier lange nicht gesehen. Es gäbe einiges zu bereden. Unser letztes Gespräch über den Baum der Erkenntnis ist bereits ein Jahr her. Wie geht es ihr wohl? Zuletzt hatten wir uns über die ungleich verteilten Lebenschancen unterhalten und die Auswirkungen der künstlichen Intelligenz. Schlägt ein Virus die künstliche Intelligenz? Weg ist sie. Ich schaue hinüber zu der Bank mit dem Bayern. Es ist heiß. Seit Wochen. Ein Platz im Schatten ist besser als „ein Platz an der Sonne“.
„Ist hier frei?“
„Ja, ja, natürlich, bitte.“

Da kommt auch schon mein Latte Macchiato. „Sitzt du hier auf der Bank?“, werde ich gnadenlos geduzt.
Ich nehme das Glas entgegen und setzte mich. Der Herr rückt ein wenig zur Seite, wobei er seinen To-go Becher in der einen Hand und einen Stoffbeutel in der anderen hält. Den Stoffbeutel legt er auf die mir abgewandte Seite, den Becher behält er in der Hand, die er auf seinem Schoß ablegt.

Ich blicke kurz in ein Gesicht, das man als „offen“ bezeichnen würde. Eventuell auch als unschuldig. Vernarbt ohne das Narben zu sehen sind.

„Sind Sie Raucher?“, frage ich sicherheitshalber.
„Nein, nein.“ Er hebt abwehrend die Hände. Dann stellt er den Kaffeebecher ab. „ich habe nie geraucht. Aber ich hatte einmal einen Freund, der hatte so dermaßen geraucht, dass er gelbe Finger hatte. Der stank wie Hölle und seine Bude ebenfalls. Der hatte noch Gardinen, die waren auch gelb. Die Wände waren mal weiß gewesen. Gelb! Nee, ich bin jetzt einundfünfzig, da fang ich doch nicht mit dem Rauchen an.“ Er schüttelt den Kopf, als wäre ich nicht richtig informiert oder Schlimmeres. Er schaut mich fragend an. „Ich frage nur, weil meistens Raucher auf den Bänken sitzen. Wenn Sie Raucher wären, hätte ich mich doch in die Sonne gesetzt.“
„Um Gottes Willen, ich rauche nicht.“
„Ich habe an meinem 40ten Geburtstag aufgehört zu rauchen“, erkläre ich mich. Ich habe einfach beschlossen, nicht mehr zu rauchen. Die einzige ultimative Methode. Ich habe beschlossen, nicht mehr zu stinken.“
„Nee, nee, genau. Ich bin ja auch Vorbild für meine Jungs“. Er nickt bestätigend heftig mit dem Kopf.
„Sie sind Bayern Fan? Oder kommen Sie aus Bayern?“ spreche ich an.Ich habe jedes Jahr Urlaub in Bayern gemacht. Ich liebe die bayrische Lebensart. Dieses ganze Ursprüngliche, die direkte Art der Menschen da und das Gemütliche. Die Menschen sind so echt und herzlich. Ich war immer mit meinen Jungs da. In Bernau am Chiemsee. Das ist immer wieder wie Heimat. Wenn wir da ankommen, fühlen wir uns gleich wie zuhause. Wir sind immer im selben Haus untergebracht. Man kann viel unternehmen. Für die Kinder ist natürlich der See ideal. Wir wandern und machen Touren mit dem Fahrrad. Die Kinder waren immer begeistert. Meine Frau hatte dazu keine Lust, als wir noch zusammen waren. Sie wollte lieber ans Meer. Mallorca oder Malediven. Nur Flausen im Kopf. Meine Frau macht Stress, weil ich mit den Kindern wegziehe und sie in Ahrensburg bleibt. Dabei hat sie unser Leben vorher auch nicht interessiert.“
„Aber jetzt?“

Er zuckt nur mit den Schultern.
„Immerhin haben Sie in Ahrensburg gewohnt und waren theoretisch erreichbar? Das hat ihr vielleicht ein sicheres Gefühl gegeben?“
„Sie hat sich nur für sich interessiert. Bin ich schön? Wie komme ich auf Insta rüber. Wie komme ich zu mehr Unterhalt. Der Richter ist schön auf sie reingefallen, was den Unterhalt betrifft. Schwamm drüber.  Ich kann auf ihre Gefühle keine Rücksicht nehmen. Der Junge, mein Jüngster war immer etwas zurück, lernbehindert würde man sagen. Das hat sie gestört. Sie hat ihn immer vor anderen Leuten versteckt. Es war für mich eine Schande. Ich habe mich für sie geschämt. Ich kann heute keine Rücksicht mehr nehmen. Jetzt bin ich 51, wie gesagt, ich wiederhole mich. Immer gearbeitet. In der Logistik. Als Facharbeiter. Wegen Corona arbeitslos geworden. Ich habe 20 Jahre lang in der Firma am Flughafen gearbeitet. Dann kam Corona. Ein verfluchtes Virus. Es hat mein Leben zerstört.“
Corona war doch lange nicht mehr hier, wende ich ein. Ich blicke mich um; sie ist nicht zu sehen.
„Wie meinen Sie das?“
Ich entscheide mich, die Frage zu überhören. Es ist nicht nachvollziehbar, dass ich die schöne Corona und ihre Schwestern getroffen hatte. Corona ist jetzt nicht mehr entscheidend für den Gang der Geschichte des Herrn Prill. Sie hat ihm jedoch den nötigen Stoß versetzt. Er will erzählen, nicht zuhören. Dass er seine Arbeit durch Corona verloren hatte, spielt eine wichtige Rolle.  Schließlich hat diese Tatsache seinem Leben eine neue Richtung gegeben. Zum Guten, wie es aussieht. Die Chance in der Krise. „Eine Abfindung gab es, eine Auffanggesellschaft, aber keine neue Arbeit. Warum nicht in Bayern neu anfangen? Ich habe entschieden, dass ich das darf. Ich liebe den Blick auf die Kampenwand. Von dem Fenster unserer Ferienwohnung „Sylvia“, in Bernau, direkt am See gelegen, ist sie gut zu sehen. Dieser weite Blick, diese Ruhe! Nicht so wie hier, ein Gewimmel, ein Durcheinander, alles unpersönliche Begegnungen. Mit den Jungs wandere ich auf die zersplitterten Gipfel. Und die Kultur. Die Inseln auf dem Chiemsee. Ich könnte den ganzen Tag damit verbringen, mit dem Boot von Insel zu Insel zu fahren. Ich genieße die Gärten der Fraueninsel. Und erst das Schloss auf der Herreninsel. In Bernau fühle ich mich zuhause. Meine Kollegen sagen, so ein Quatsch Herr Prill. Man fühlt sich dort zuhause, wo man geboren ist. Kann man nicht ganz woanders zuhause sein? Dort ist mein zuhause!“ Er nimmt einen Schluck aus seinem Becher. Seine Augen werden feucht, er trinkt, er atmet tief. Ein paar Tränen wischt er weg. Wir schauen auf den Platz, bis er weiterspricht. Er lehnt sich zurück, beugt sich vor. „Ich darf einmal in meinem Leben etwas tun, was gut für mich ist. Wenn ich in Bernau durch die Birkenallee laufe und auf die Kampenwand schaue. Die Birkenallee heißt Birkenallee, weil dort so viele Birken stehen“, erläutert er und nickt mir zu, damit ich das besser verstehe, denke ich.
„Da ziehe ich mit meinen Jungs hin. Auch wenn die Mutter weiter dagegen angeht.“ Er zerdrückt den leeren Kaffeebecher und nimmt seine geschundene Bayernmütze ab.
„Und die Jungs? Wie sehen die das?“

 „Sie sind glücklich, dass wir dorthin ziehen. Meine Jungs sind 15 und 18 Jahre alt. Der 15jährige ist durch seine Lernbehinderung sehr eingeschränkt. Meine Sorge war groß, für ihn nicht zu finden. Schließlich sollte alles organisiert sein, bis ich daran denken konnte, ernst zu machen. Für den habe ich schon eine Schule mit einer Werkklasse organisiert. Ich hatte mir das schwieriger vorgestellt. Es ging ganz einfach! Unglaublich. Ich habe ein paar Schulen angerufen und konnte mir die Schule aussuchen. Und der 18jährige kann sowieso machen, was er will. Ihm habe ich einen Ausbildungsplatz besorgt. Da kann seine Mutter nichts machen. Wir wandern aus!“ Er steht auf und drückt meine Hand. „Danke, dass Sie mir zugehört haben, ohne wie alle anderen zu sagen, dass ich bekloppt bin.“

Danken Sie der schönen Corona, lächle ich in mich hinein.