Krebsgesang

Das Glas ist voll

Der Mann am Schreibtisch liest die Glückwunschkarten. Viele haben eine 50 mit Herzen, Luftballons oder Cabrios als Motiv auf der Klappseite. Fünfzig. Das Glas ist halb leer. Die meisten Schlachten sind scheinbar geschlagen. Die kleinen Tode einiger Ziele gestorben. Der BMI akzeptabel.
Die Frau hinter ihm packt die Koffer, einen großen und einen fürs Handgepäck. Sie richtet sich auf, noch in Unterwäsche, wählt ein Kleid mit durchgehenden Knöpfen. Das Kleid ist schlank geschnitten, über der linken Brustseite wirft es Falten oberhalb der großen Narbe.
Er sieht sie im Spiegel der Schranktür. Sie sieht, dass er sie sieht, und für einen Augenblick bleiben beide in dieser doppelten Betrachtung gefangen. Dann dreht sie sich um.
„Du kannst ruhig fragen.“
„Was denn?“
„Ob ich das Kleid anziehen kann. Ob ich die Reise schaffe. Ob ich überhaupt noch irgendetwas schaffe.“

Er legt die Karte mit dem Cabrio auf den Stapel. Auf der Innenseite steht: Jetzt beginnt die beste Zeit deines Lebens. Er hat den Satz bereits dreimal gelesen, ohne zu wissen, ob er ihn für eine Verheißung oder eine Beleidigung halten soll.
„Ich wollte nur wissen, ob du Hilfe brauchst.“
„Ich brauche Hilfe beim Koffer. Nicht beim Anziehen.“

Sie sagt es nicht unfreundlich. Gerade das macht es schwierig. Seit Monaten besteht ihre Ehe aus solchen kleinen Grenzverhandlungen. Darf er fragen, ob sie Schmerzen hat? Darf er ihr den Einkauf abnehmen, ohne dass sie sich entmündigt fühlt? Darf er müde sein, wenn sie es ist? Darf er sich auf etwas freuen, das sie vielleicht nicht mehr erleben wird?
Sie schließt die obersten Knöpfe. Der Stoff legt sich über die Narbe, als müsse er eine neue Landschaft lernen. Früher hat er ihren Körper gekannt, ohne hinzusehen. Jetzt schaut er zu oft und zugleich nicht genau genug. Er fürchtet, sie zu verletzen, und verletzt sie mit seiner Vorsicht.
„Das blaue Tuch?“, fragt sie.
„Das aus Portugal?“
„Nein, das andere blaue Tuch, das wir seit siebenundzwanzig Jahren besitzen.“
Er lacht. Sie auch, kurz. Es ist ein kleines Geräusch, aber es verändert die Luft im Zimmer.
„Es ist eigentlich Dein Tuch“.

Sie hatten sich mit dreiundzwanzig kennengelernt, in einer Küche, die nach angebranntem Reis roch. Er war zu einer Party gekommen, auf der er niemanden kannte, und sie hatte ihm erklärt, dass der Gastgeber ein Idiot sei, aber immerhin guten Wein besitze. Später standen sie auf dem Balkon und sahen auf die beleuchteten Fenster gegenüber. Sie erzählte ihm, sie wolle einmal am Meer leben. Er sagte, er wolle ein Haus mit einer Bibliothek. Keiner von beiden hatte Geld, und beide sprachen, als sei die Zukunft ein Grundstück, das ihnen bereits gehörte.

Es folgten Jahre, die sich im Rückblick wie ein einziger langer Sommer ausnahmen, obwohl sie aus gewöhnlichen Tagen bestanden. Sie arbeiteten, kauften ein Auto, das im Winter nicht ansprang, und stritten über die richtige Art, eine Spülmaschine einzuräumen. Sie heirateten in einem Rathaus mit gelben Vorhängen. Ihre Mutter weinte, sein Vater machte zu viele Fotos. Auf der Hochzeitsreise verloren sie einen Koffer und fanden ein kleines Restaurant, in dem sie drei Abende hintereinander aßen, weil sie sich nichts anderes leisten konnten und weil es dort die besten gegrillten Sardinen ihres Lebens gab.

Dann kamen die Kinder. Zuerst ein Junge, der nicht schlafen wollte, später ein Mädchen, das alles wissen wollte. Die Nächte wurden kürzer, die Rechnungen länger. Sie kauften ein Haus mit einem undichten Dach und einem Garten, in dem zunächst nur Brennnesseln wuchsen. Er bekam eine Stelle, die ihn oft fortführte. Sie baute ihre eigene Arbeit auf, zunächst am Küchentisch, später in einem kleinen Büro. Sie waren nicht immer gerecht zueinander. Es gab Jahre, in denen sie einander mehr organisierten als liebten, und Abende, an denen sie vor Erschöpfung nur noch über Mülltonnen, Elternabende und die nächste Steuererklärung sprachen.

Aber es gab auch die anderen Dinge. Die Sommer an der Ostsee, als die Kinder noch glaubten, man könne Muscheln oder kleine mit dem Kescher gefangenen Fische verkaufen und davon reich werden. Die Reise nach Italien, auf der sie sich verirrten und schließlich in einem Dorf landeten, dessen Namen sie nie wieder erinnerten. Die Nächte auf der Terrasse, wenn die Kinder schliefen und sie Wein tranken, obwohl am nächsten Morgen beide früh aufstehen mussten. Die Versöhnungen nach Streitigkeiten, bei denen keiner mehr wusste, worum es ursprünglich gegangen war.

Sie hatten ein gutes Leben. Kein makelloses, kein besonders außergewöhnliches. Ein Leben, das sich aus Arbeit, Glück, Fehlern und einer erstaunlichen Menge gegenseitiger Nachsicht zusammensetzte. Sie hatten es nicht bemerkt, während es entstand. Erst jetzt, da es bedroht war, erschien es ihnen wie ein Kunstwerk, an dem sie jahrzehntelang gearbeitet hatten, ohne je einen Entwurf zu besitzen.

Der Hund war gestorben. Die Kinder waren ausgezogen. Das Haus war stiller geworden, und sie hatten begonnen, diese Stille zu genießen. Sie planten Reisen, sprachen über weniger Arbeit, über ein kleines Haus am Wasser, über die Frage, ob man mit sechzig noch einmal etwas völlig Neues anfangen könne.
Dann hatte sie beim Duschen die Verhärtung gespürt.

II

Der erste Arzttermin war an einem Dienstag gewesen. Draußen hatte es geregnet, und im Wartezimmer stand ein Aquarium mit drei Fischen, die immer dieselbe Strecke schwammen. Sie hatte später gesagt, sie könne sich an jedes Detail erinnern: den Geruch des Desinfektionsmittels, die zu warme Heizung, den Fleck auf dem Teppich. Nur die Worte des Arztes seien ihr wie durch Wasser entgegengekommen.

Danach wurde die Zeit in Termine zerlegt. Untersuchungen, Befunde, Operation, Gespräche. Es gab Tage, an denen sie sich tapfer fühlte, und andere, an denen sie das Wort Tapferkeit nicht ertragen konnte. Freunde schickten Blumen und Nachrichten. Manche schrieben, sie müsse positiv denken. Andere erzählten Geschichten von Menschen, die alles überstanden hatten. Sie wusste, dass es gut gemeint war, und hasste es trotzdem manchmal. Nicht, weil sie die Hoffnung verachtete, sondern weil sie die Pflicht zur Hoffnung erschöpfte.

Er lernte, Verbandsmaterial zu kaufen, ohne vor dem Regal zu stehen wie ein Mann, der eine fremde Sprache entziffern muss. Er lernte, welche Fragen man beim Arzt stellen sollte, und dass man die Antworten am besten aufschrieb. Er lernte auch, dass Liebe nicht immer hilft. Manchmal saß er neben ihr und konnte nichts tun, während sie vor Schmerzen oder Angst weinte. Er hätte ihr alles abgenommen, wenn es möglich gewesen wäre. Gerade die Unmöglichkeit machte ihn gelegentlich wütend.
Einmal, mitten in der Nacht, hatte sie gesagt: „Du musst nicht immer so tun, als wäre alles gut.“
Er hatte geantwortet: „Ich tue nicht so.“
„Doch. Du machst Pläne. Du redest vom nächsten Sommer. Du sagst, wir schaffen das.“
„Was soll ich denn sonst sagen?“
Sie hatte ihn lange angesehen.
„Vielleicht, dass du auch Angst hast.“

Da hatte er zum ersten Mal vor ihr geweint. Nicht schön, nicht beherrscht. Er hatte das Gesicht in die Hände gelegt und gesagt, dass er nicht wisse, wie er ohne sie leben solle. Sie hatte ihn an sich gezogen, obwohl die Bewegung ihr wehtat.

„Endlich“, sagte sie nur.

III

Jetzt, am Tag nach seinem fünfzigsten Geburtstag, steht der Koffer offen auf dem Bett. Sie hat beschlossen, dass sie fahren: vier Tage ans Meer, in ein Hotel, das sie früher schon einmal besucht haben. Kein großes Abenteuer, keine Weltreise. Nur ein Ortswechsel, den sie sich beide wünschen und vor dem sie beide Ängste haben.
Er faltet ein Hemd, legt es wieder auseinander und faltet es erneut.„Du packst, als müssten wir auswandern“, sagt sie.„Ich möchte nur nichts vergessen.“
„Dann vergiss nicht, dass wir Urlaub machen.“
Er sieht sie an. Sie steht vor dem Spiegel und versucht, das Tuch so zu binden, dass es nicht wie eine Verkleidung wirkt. Er möchte ihr sagen, dass sie schön ist. Das Wort liegt ihm auf der Zunge, aber er fürchtet, es könne wie Trost klingen.
„Das steht dir“, sagt er schließlich.
Sie betrachtet sich noch einmal.
„Es ist ein Kleid“, antwortet sie.
„Ich weiß.“
„Du darfst auch sagen, dass ich schön aussehe.“
Er lächelt, und diesmal sagt er es. Sie nickt, als habe er eine Prüfung bestanden, deren Regeln sie beide erst lernen müssen.

Auf dem Weg zum Flughafen fährt er zu vorsichtig. Sie bemerkt es an der Art, wie er vor jeder Kurve bremst. Früher hatte sie ihn wegen seiner Ungeduld am Steuer ermahnt. Jetzt möchte sie ihn auffordern, schneller zu fahren, nur um für einen Augenblick wieder die alte Frau zu sein, die sich über ihren Mann ärgert.
Stattdessen legt sie die Hand auf seinen Oberschenkel.
„Du kannst ganz normal fahren.“
„Ich fahre normal.“
„Du fährst, als transportierten wir eine Ming-Vase.“
Er lacht. „Eine sehr kostbare.“
„Eine sehr genervte.“

Am Flughafen sitzen sie zwischen Menschen, die in ihre eigenen Zukünfte unterwegs sind. Ein Kind schläft auf dem Schoß seines Vaters. Zwei junge Frauen vergleichen Fotos auf ihren Telefonen. Ein älteres Paar teilt sich ein belegtes Brötchen. Niemand sieht ihnen an, was sie mit sich tragen. Das empfindet sie als Erleichterung. Die Welt verlangt hier nichts von ihr. Sie ist eine Reisende unter Reisenden, mit einem Pass, einem Boardingpass und einem Koffer, dessen Rollen auf dem Boden klappern.
Er kontrolliert zum dritten Mal die Medikamente.
„Sie sind noch da“, sagt sie.
„Ich weiß.“
„Dann gib Ruhe.“
Er steckt die Tasche weg. Nach einer Weile fragt sie: „Fürchtest Du Dich?“
Er sieht auf die Flugzeuge hinter der Scheibe.
„Ja.“
„Wovor?“
„Dass es dir schlecht geht. Dass wir zu weit weg sind. Dass ich etwas übersehe.“
Sie nickt. Dann sagt sie: „Ich habe Angst, dass du irgendwann nur noch aufpasst.“
Er versteht nicht sofort.
„Auf mich“, erklärt sie. „Dass du mich ansiehst und nur noch siehst, was passieren könnte.“
Er möchte widersprechen, aber sie legt ihre Hand auf seine.
„Ich weiß, dass du mich liebst. Es ist nur manchmal unglaublich, so geliebt zu werden.“Er schaut sie an, und sie sieht, dass sie ihn getroffen hat.
„Nicht deine Liebe“, sagt sie leiser. „Die Lage. Dass ich dich brauche und gleichzeitig nicht brauchen will. Dass du mir helfen sollst und ich es nicht immer annehmen kann. Dass wir beide ständig versuchen, dem anderen etwas zu ersparen, und dabei kaum noch miteinander reden.“
Er denkt lange darüber nach.
„Ich weiß manchmal nicht, was richtig ist.“
„Ich auch nicht.“
Sie sitzen nebeneinander, und zum ersten Mal seit Wochen muss keiner von ihnen eine Lösung finden.

IV

Das Meer empfängt sie mit Wind und einem Himmel, der aussieht, als habe jemand graue Farbe in Wasser gerührt. Ihr Zimmer liegt im dritten Stock. Vom Balkon aus sieht man die Promenade, die Dünen und dahinter die breite, unruhige Fläche des Wassers.
Sie öffnet die Balkontür. Die Luft riecht nach Salz, feuchtem Holz und dem fernen Fett einer Fischbude. Für einen Augenblick schließt sie die Augen.
„Das habe ich vermisst“, sagt sie.
Er stellt die Koffer ab und tritt neben sie. Sie stehen so lange dort, bis ihnen kalt wird.

Am Nachmittag gehen sie spazieren. Sie trägt einen Mantel, obwohl es nicht besonders kalt ist, und er passt sein Tempo ihrem an. Früher wäre sie vorausgegangen, hätte sich nach ihm umgedreht und gerufen, er solle nicht so trödeln. Jetzt gehen sie langsam, und beide tun so, als sei es eine Entscheidung, die sie gemeinsam getroffen haben.
Vor einem Café bleibt sie stehen.
„Kuchen?“
„Du hast vorhin gesagt, du hast keinen Hunger.“
„Vorhin war vorhin.“
Sie bestellen Kaffee und ein Stück Apfelkuchen mit Sahne. Er schiebt ihr die größere Hälfte zu. Sie schiebt sie zurück.
„Ich kann mir meinen Kuchen selbst einteilen.“
„Entschuldigung.“
Sie seufzt. „Du musst dich nicht für jeden Handgriff entschuldigen.“

Er nimmt die Gabel wieder auf. Draußen läuft ein Hund über den Strand, verfolgt von einem Mann, der vergeblich seinen Namen ruft.
„Ich habe gestern den Arztbrief gelesen“, sagt sie.
Er legt die Gabel ab.
„Den ganzen?“
Sie nickt.
„Auch die Stelle mit den fünf Jahren.“
Er schaut hinaus. Die Wellen kommen in schrägen Linien auf den Strand zu.
„Statistiken sind keine Vorhersagen“, sagt er.
„Ich weiß.“
„Und der Arzt hat gesagt, dass—“
„Ich weiß, was der Arzt gesagt hat.“

Er verstummt. Sie betrachtet den Kuchen, als könne sie darin eine Antwort finden.

„Manchmal denke ich, ich werde wieder gesund und wir machen einfach weiter. Und dann denke ich, vielleicht ist das alles schon der Anfang vom Ende. Ich weiß nicht, wie man mit beidem gleichzeitig leben soll.“

Er nimmt ihre Hand.

„Ich auch nicht.“

Sie sieht ihn an. Es ist eine einfache Antwort, und gerade deshalb kann sie sie annehmen.

„Ich will nicht, dass du dein Leben aufgibst“, sagt sie.

„Das tue ich nicht.“

„Doch, ein bisschen schon. Du sagst Verabredungen ab. Du gehst nicht mehr zum Sport. Du sitzt abends neben mir, obwohl du lieber mit deinen Freunden unterwegs wärst.“

„Ich bin gern bei dir.“

„Das glaube ich dir. Aber ich will nicht, dass du irgendwann zurückblickst und denkst, ich hätte dir alles genommen.“

Er zieht die Hand zurück, nicht aus Ärger, sondern weil er plötzlich nicht weiß, wohin mit ihr.

„Du nimmst mir nichts.“

„Noch nicht.“

Das Wort bleibt zwischen ihnen liegen. Sie bereut es sofort, aber sie nimmt es nicht zurück. Es gehört zu den Gedanken, die sie sonst nur nachts zulässt.

Er sagt schließlich: „Ich habe manchmal Angst, dass ich mich auf etwas freue und du denkst, ich hätte dich vergessen.“

Sie sieht ihn überrascht an.

„Auf was denn?“

„Auf einen Abend mit Freunden. Auf eine Reise. Auf irgendetwas, das nichts mit der Krankheit zu tun hat.“

Sie nickt langsam.

„Dann musst du es mir sagen.“

„Und du musst mir sagen, wenn du allein sein willst.“

„Das kann ich.“

„Ohne dass ich beleidigt bin.“

Sie lächelt. „Das wird schwieriger.“

Er lacht, und sie lacht mit. Dann wird sie wieder ernst.

„Ich möchte, dass wir ein Leben haben. Nicht nur eine Behandlung.“

Er sieht sie an und weiß, dass dies der Satz ist, auf den er seit Monaten gewartet hat, ohne ihn selbst formulieren zu können.

V

Am nächsten Morgen scheint die Sonne. Sie frühstücken spät und fahren mit einem kleinen Ausflugsschiff hinaus. Das Deck ist fast leer. Sie sitzen nebeneinander, eingewickelt in Jacken, während die Küste langsam hinter ihnen zurückweicht.

Sie erzählt ihm von einem Traum, den sie in der Nacht gehabt hat. Darin waren die Kinder wieder klein gewesen, und sie hatten alle zusammen in ihrem alten Auto gesessen. Niemand wusste, wohin sie fuhren, aber alle waren glücklich. Er erinnert sich an dieses Auto, an den Geruch der Polster und die klemmende Beifahrertür. Er erinnert sich auch daran, wie sie einmal mitten in Frankreich eine Panne hatten und drei Stunden auf Hilfe warteten. Die Kinder hatten im Straßengraben Blumen gepflückt, und sie hatten sich gestritten, weil er die Warnweste nicht finden konnte.

„Das war ein schrecklicher Tag“, sagt er.

„Nein“, antwortet sie. „Das war ein wunderbarer Tag mit einer schrecklichen Stunde.“

Er denkt darüber nach. Vielleicht ist das eine der Fähigkeiten, die sie immer besessen hat: einem Tag nicht zu erlauben, nur aus seinem schlimmsten Augenblick zu bestehen.

Später stehen sie an der Reling. Das Schiff bewegt sich schwer durch die Wellen. Sie hält sich fest, und er steht dicht hinter ihr, ohne sie zu berühren.

„Du darfst“, sagt sie.

Er legt die Arme um sie. Sie lehnt sich zurück, und für einen Moment ist es wie früher, als sie sich auf Fähren, Bahnsteigen oder in fremden Städten aneinander lehnten, ohne darüber nachzudenken.

„Ich habe Angst vor dem Sterben“, sagt sie plötzlich.

Er hält sie fester.

„Ich weiß.“

„Nein. Ich meine nicht nur vor dem Tod. Ich habe Angst davor, dass ich vorher nicht mehr ich selbst bin. Dass ich nur noch aus Schmerzen bestehe. Dass ich euch zur Last falle.“

Er sucht nach einem Satz, der ihr helfen könnte, und findet keinen. Schließlich sagt er: „Ich kann dir nicht versprechen, dass es nicht schwer wird.“

Sie nickt.

„Aber ich kann dir versprechen, dass du nicht erst etwas leisten musst, damit ich bei dir bleibe.“

Sie dreht sich in seinen Armen um. Der Wind weht ihr das Haar ins Gesicht.

„Das ist schön“, sagt sie. „Und trotzdem möchte ich nicht, dass du dich opferst.“

„Vielleicht müssen wir lernen, Hilfe anzunehmen. Von anderen. Nicht nur voneinander.“

Sie sieht ihn an, als prüfe sie, ob er es ernst meint.

„Das wäre vielleicht vernünftig.“

„Ein ungewohntes Konzept für uns.“

Sie lächelt. Dann küsst sie ihn, mitten auf dem Deck, während hinter ihnen ein Möwenschwarm aufsteigt.

VI

Am letzten Abend gehen sie noch einmal an den Strand. Die Sonne steht tief, und das Wasser hat die Farbe von geschmolzenem Zinn. Sie zieht die Schuhe aus und trägt sie in einer Hand. Er nimmt ihr die andere ab, nicht weil sie es braucht, sondern weil sie ihm die Schuhe hinhält.

Sie gehen bis zu einer Stelle, an der die Promenade hinter den Dünen verschwindet. Dort setzen sie sich auf eine Bank. Vor ihnen liegt das Meer, hinter ihnen das Land, auf dem ihr Leben stattgefunden hat.

„Was machen wir eigentlich mit deinem Geburtstag?“, fragt sie.

„Der ist vorbei.“

„Du hast ihn nicht gefeiert.“

„Wir waren hier.“

„Das ist keine Feier.“

Er zuckt mit den Schultern. „Vielleicht nächstes Jahr.“

Sie dreht sich zu ihm.

„Nein.“

Er sieht sie an.

„Nicht nächstes Jahr. Wir feiern, wenn wir zurückkommen. Mit den Kindern, unseren Freunden, gutem Essen. Und du hörst auf, so zu tun, als wäre fünfzig eine Beerdigung.“

Er lacht, aber sie bleibt ernst.

„Ich will nicht, dass wir alles auf später verschieben.“

Er nickt. Dann sagt er: „Und ich will nicht, dass wir so tun, als müssten wir jetzt jeden Tag besonders machen.“

Sie überlegt.

„Das stimmt auch.“

Sie sitzen eine Weile schweigend. Ein Junge wirft Steine ins Wasser. Seine Mutter ruft ihn zurück, weil es dunkel wird. Er wirft noch einen, dann läuft er los.

„Vielleicht ist das unsere Aufgabe“, sagt sie schließlich. „Nicht jeden Tag besonders machen. Sondern die gewöhnlichen Tage nicht verlieren.“

Er nimmt ihre Hand.

„Und wenn einer davon schrecklich ist?“

Sie denkt an das Auto in Frankreich, an die Kinder im Straßengraben, an die Blumen, die sie damals in einer leeren Wasserflasche mit nach Hause genommen hatten.

„Dann ist es vielleicht ein guter Tag mit einer schrecklichen Stunde.“

Er lächelt. Sie lehnt den Kopf an seine Schulter.

Als sie später zum Hotel zurückgehen, ist der Himmel über dem Wasser noch hell. Sie sprechen über die Feier, über die Kinder, über den Garten, der im Herbst zurückgeschnitten werden muss. Sie sprechen auch über den nächsten Arzttermin, aber nicht lange. Es gibt nichts Neues zu entscheiden.

Im Zimmer stellt er die beiden Koffer nebeneinander. Sie zieht das Kleid aus und legt es über einen Stuhl. Im Spiegel sieht sie die Narbe, die Falten der Haut, die Stelle, an der ihr Körper nicht mehr aussieht wie früher. Sie betrachtet sich lange. Dann nimmt sie das blaue Tuch ab und legt es dazu.

Er kommt aus dem Bad und bleibt in der Tür stehen.

„Was?“, fragt sie.

„Nichts.“

Sie hebt eine Augenbraue.

Er geht zu ihr und legt die Hand auf ihre Hüfte.

„Du bist schön“, sagt er.

Sie sieht ihn an. Diesmal fragt sie nicht, ob er es nur sagt, weil er sie liebt.

„Ich weiß“, antwortet sie leise.

Später liegen sie im Bett, das Fenster einen Spalt geöffnet. Von draußen dringt das Rauschen des Meeres herein, gleichmäßig und unermüdlich. Sie schläft zuerst ein. Er bleibt noch wach und denkt an die Glückwunschkarten, die zu Hause auf dem Schreibtisch liegen. An die fünfzig, die Herzen, die Luftballons, das Cabrio. An den Satz von der besten Zeit des Lebens.

Er weiß nicht, ob sie noch vor ihnen liegt. Vielleicht ist sie längst gewesen. Vielleicht besteht sie aus allem zusammen: den Jahren, die sie hatten, und den Tagen, die ihnen bleiben. Er weiß nur, dass er nicht mehr versuchen möchte, die Zukunft durch Vorsicht zu beherrschen.

Neben ihm bewegt sie sich im Schlaf und sucht seine Hand. Er gibt sie ihr. Sie waren beide wach.

Am nächsten Morgen werden sie nach Hause fahren. Es wird weitere Untersuchungen geben, vielleicht gute Nachrichten und schlechte, Tage voller Mut und Tage, an denen keiner von beiden welchen hat. Sie werden sich streiten, sich entschuldigen, lachen und müde sein. Sie werden Hilfe brauchen und sie manchmal ablehnen. Sie werden Pläne machen, obwohl sie wissen, dass Pläne keine Garantien sind.

„Ich muss dir noch von meinem Gespräch mit dem Psychologen erzählen“, sagt sie. „Das passt hier gut hin, finde ich. Er stellte ein Glas vor mich, zu achtzig Prozent mit Wasser gefüllt, unten ein kleiner Hahn. Dann fragte er nach einer Weile, wofür das Wasser aus meiner Sicht stehen würde. Ein interessantes Glas, mit diesem Hahn unten.
Ich sagte, für alles, was sich nicht abstellen lässt. Für die Krankheit, die Sorgen, die Verpflichtungen, die Beziehungen und die Erwartungen.
Er wartete einen Moment. Dann sollte ich beschreiben, was ich ablassen würde.
Ich wollte mein Leben nicht in brauchbare und unbrauchbare Teile zerlegen. Die Kinder konnten anstrengend sein und ihr trotzdem fehlen. Könnte ich Dich freilassen? Selbst die Angst gehörte inzwischen zu mir.

Vielleicht war genau das ihr Problem mit dem Glas: nicht, dass es zu voll war, sondern dass so viel hineingegossen worden war, ohne sie zu fragen.

„Und?“, fragte er.

„Ich wollte das Wasser austauschen.“

Er lächelte ein wenig.

„Natürlich.“

Vor ihnen lag das Meer, unvernünftig groß und für therapeutische Zwecke eher ungeeignet. Vielleicht wirkte es gerade deshalb therapeutisch.

Sie brauchte ein Meer, dachte sie. Kein Glas mit kleinem Hahn. Keine Aufforderung, etwas abzulassen.

Ein Meer, in das alles hineinpasste.

Sie sah hinaus und lächelte.

Diesmal bemerkte er es.

Und irgendwann werden sie wieder ans Meer fahren.

Nicht, weil sie sicher sind.

Sondern weil sie leben.

Corona 6. Teil. Herr Prill wandert aus.

Corona 6
Herr Prill wandert aus.

Die Plätze im Calligo-Café sind gut besetzt. Hier gibt es die feinsten Kaffeesorten im Angebot, Gebäck und Snacks dazu. Für jeden ist etwas dabei. Drinnen bestellt man wieder, wie vor Coronas Zeit, bedient wird am Tisch. Morgens ist es ein Rentner-Café, die ihre Stammplätze besetzen, mittags kommen Schüler und Büromenschen, nachmittags kommt gemischtes Publikum. Die Zeit, in der man leicht einen Platz bekam, weil alle fürchteten, sich anzustecken, ist vorüber. Die schöne Corona habe ich länger nicht getroffen. Als wäre der Gesprächsstoff ausgegangen. Sie würde vielleicht angesichts der Weltlage sagen, der alltägliche Gesprächsstoff sei zerbombt. Die Sonne strahlt am hellblauen, wolkenlosen Himmel und taucht den Platz der Kleinstadt am Rande Hamburgs in italienisches Flair. Dazu gehört die Wanderbaustelle mit Presslufthammer, Planierraupe und rätselhaften Absperrungen, die sich im Kreis zu drehen scheinen. Die Fertigstellung zögert sich auch hinaus, weil Gäste den Arbeitern immer wieder Kaffee spendieren; in der Hoffnung auf eine Ruhepause. Ein Wimmelbild auf dem Platz, Gedränge auf den Sitzplätzen unter den wenigen Schirmen. Fahrradfahrer sausen an den Tischen vorbei. In der Sonne ist es nicht lange auszuhalten, wenn man keinen geschützten Platz hat. Sonnengeschützt ist lediglich noch ein Platz auf der Bank vor dem Schaufenster des Cafés frei. Dort sitzt ein Mann in kurzen Sporthosen, in einem Bayern-München Shirt und einer abgewetzten Kappe desselben Vereines. In sich versunken, verloren in Gedanken wahrscheinlich, oder anderswo verloren.  Soll ich mich neben diesen Mann setzten? Meistens sitzen dort die Raucher, mit dem Aschenbecher neben sich auf der Bank. Alternativ die Telefonierer oder Hundehalter. Oder alles miteinander kombiniert. Hund, Handy, Zigarette. Der Mann, im alten Bayerndress aus den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts, schaut zu Boden; scheint nicht hier zu sein. Ich stehe unentschlossen, blicke mich um, sehe die schöne Corona vorbeischlendern. Als hätte sie gewusst, dass ich jetzt hier bin. Unsere Blicke treffen sich. Sie zwinkert mir zu und läuft aber weiter und hält sich dabei ihren Zeigefinger vor die Lippen. Die habe ich hier lange nicht gesehen. Es gäbe einiges zu bereden. Unser letztes Gespräch über den Baum der Erkenntnis ist bereits ein Jahr her. Wie geht es ihr wohl? Zuletzt hatten wir uns über die ungleich verteilten Lebenschancen unterhalten und die Auswirkungen der künstlichen Intelligenz. Schlägt ein Virus die künstliche Intelligenz? Weg ist sie. Ich schaue hinüber zu der Bank mit dem Bayern. Es ist heiß. Seit Wochen. Ein Platz im Schatten ist besser als „ein Platz an der Sonne“.
„Ist hier frei?“
„Ja, ja, natürlich, bitte.“

Da kommt auch schon mein Latte Macchiato. „Sitzt du hier auf der Bank?“, werde ich gnadenlos geduzt.
Ich nehme das Glas entgegen und setzte mich. Der Herr rückt ein wenig zur Seite, wobei er seinen To-go Becher in der einen Hand und einen Stoffbeutel in der anderen hält. Den Stoffbeutel legt er auf die mir abgewandte Seite, den Becher behält er in der Hand, die er auf seinem Schoß ablegt.

Ich blicke kurz in ein Gesicht, das man als „offen“ bezeichnen würde. Eventuell auch als unschuldig. Vernarbt ohne das Narben zu sehen sind.

„Sind Sie Raucher?“, frage ich sicherheitshalber.
„Nein, nein.“ Er hebt abwehrend die Hände. Dann stellt er den Kaffeebecher ab. „ich habe nie geraucht. Aber ich hatte einmal einen Freund, der hatte so dermaßen geraucht, dass er gelbe Finger hatte. Der stank wie Hölle und seine Bude ebenfalls. Der hatte noch Gardinen, die waren auch gelb. Die Wände waren mal weiß gewesen. Gelb! Nee, ich bin jetzt einundfünfzig, da fang ich doch nicht mit dem Rauchen an.“ Er schüttelt den Kopf, als wäre ich nicht richtig informiert oder Schlimmeres. Er schaut mich fragend an. „Ich frage nur, weil meistens Raucher auf den Bänken sitzen. Wenn Sie Raucher wären, hätte ich mich doch in die Sonne gesetzt.“
„Um Gottes Willen, ich rauche nicht.“
„Ich habe an meinem 40ten Geburtstag aufgehört zu rauchen“, erkläre ich mich. Ich habe einfach beschlossen, nicht mehr zu rauchen. Die einzige ultimative Methode. Ich habe beschlossen, nicht mehr zu stinken.“
„Nee, nee, genau. Ich bin ja auch Vorbild für meine Jungs“. Er nickt bestätigend heftig mit dem Kopf.
„Sie sind Bayern Fan? Oder kommen Sie aus Bayern?“ spreche ich an.Ich habe jedes Jahr Urlaub in Bayern gemacht. Ich liebe die bayrische Lebensart. Dieses ganze Ursprüngliche, die direkte Art der Menschen da und das Gemütliche. Die Menschen sind so echt und herzlich. Ich war immer mit meinen Jungs da. In Bernau am Chiemsee. Das ist immer wieder wie Heimat. Wenn wir da ankommen, fühlen wir uns gleich wie zuhause. Wir sind immer im selben Haus untergebracht. Man kann viel unternehmen. Für die Kinder ist natürlich der See ideal. Wir wandern und machen Touren mit dem Fahrrad. Die Kinder waren immer begeistert. Meine Frau hatte dazu keine Lust, als wir noch zusammen waren. Sie wollte lieber ans Meer. Mallorca oder Malediven. Nur Flausen im Kopf. Meine Frau macht Stress, weil ich mit den Kindern wegziehe und sie in Ahrensburg bleibt. Dabei hat sie unser Leben vorher auch nicht interessiert.“
„Aber jetzt?“

Er zuckt nur mit den Schultern.
„Immerhin haben Sie in Ahrensburg gewohnt und waren theoretisch erreichbar? Das hat ihr vielleicht ein sicheres Gefühl gegeben?“
„Sie hat sich nur für sich interessiert. Bin ich schön? Wie komme ich auf Insta rüber. Wie komme ich zu mehr Unterhalt. Der Richter ist schön auf sie reingefallen, was den Unterhalt betrifft. Schwamm drüber.  Ich kann auf ihre Gefühle keine Rücksicht nehmen. Der Junge, mein Jüngster war immer etwas zurück, lernbehindert würde man sagen. Das hat sie gestört. Sie hat ihn immer vor anderen Leuten versteckt. Es war für mich eine Schande. Ich habe mich für sie geschämt. Ich kann heute keine Rücksicht mehr nehmen. Jetzt bin ich 51, wie gesagt, ich wiederhole mich. Immer gearbeitet. In der Logistik. Als Facharbeiter. Wegen Corona arbeitslos geworden. Ich habe 20 Jahre lang in der Firma am Flughafen gearbeitet. Dann kam Corona. Ein verfluchtes Virus. Es hat mein Leben zerstört.“
Corona war doch lange nicht mehr hier, wende ich ein. Ich blicke mich um; sie ist nicht zu sehen.
„Wie meinen Sie das?“
Ich entscheide mich, die Frage zu überhören. Es ist nicht nachvollziehbar, dass ich die schöne Corona und ihre Schwestern getroffen hatte. Corona ist jetzt nicht mehr entscheidend für den Gang der Geschichte des Herrn Prill. Sie hat ihm jedoch den nötigen Stoß versetzt. Er will erzählen, nicht zuhören. Dass er seine Arbeit durch Corona verloren hatte, spielt eine wichtige Rolle.  Schließlich hat diese Tatsache seinem Leben eine neue Richtung gegeben. Zum Guten, wie es aussieht. Die Chance in der Krise. „Eine Abfindung gab es, eine Auffanggesellschaft, aber keine neue Arbeit. Warum nicht in Bayern neu anfangen? Ich habe entschieden, dass ich das darf. Ich liebe den Blick auf die Kampenwand. Von dem Fenster unserer Ferienwohnung „Sylvia“, in Bernau, direkt am See gelegen, ist sie gut zu sehen. Dieser weite Blick, diese Ruhe! Nicht so wie hier, ein Gewimmel, ein Durcheinander, alles unpersönliche Begegnungen. Mit den Jungs wandere ich auf die zersplitterten Gipfel. Und die Kultur. Die Inseln auf dem Chiemsee. Ich könnte den ganzen Tag damit verbringen, mit dem Boot von Insel zu Insel zu fahren. Ich genieße die Gärten der Fraueninsel. Und erst das Schloss auf der Herreninsel. In Bernau fühle ich mich zuhause. Meine Kollegen sagen, so ein Quatsch Herr Prill. Man fühlt sich dort zuhause, wo man geboren ist. Kann man nicht ganz woanders zuhause sein? Dort ist mein zuhause!“ Er nimmt einen Schluck aus seinem Becher. Seine Augen werden feucht, er trinkt, er atmet tief. Ein paar Tränen wischt er weg. Wir schauen auf den Platz, bis er weiterspricht. Er lehnt sich zurück, beugt sich vor. „Ich darf einmal in meinem Leben etwas tun, was gut für mich ist. Wenn ich in Bernau durch die Birkenallee laufe und auf die Kampenwand schaue. Die Birkenallee heißt Birkenallee, weil dort so viele Birken stehen“, erläutert er und nickt mir zu, damit ich das besser verstehe, denke ich.
„Da ziehe ich mit meinen Jungs hin. Auch wenn die Mutter weiter dagegen angeht.“ Er zerdrückt den leeren Kaffeebecher und nimmt seine geschundene Bayernmütze ab.
„Und die Jungs? Wie sehen die das?“

 „Sie sind glücklich, dass wir dorthin ziehen. Meine Jungs sind 15 und 18 Jahre alt. Der 15jährige ist durch seine Lernbehinderung sehr eingeschränkt. Meine Sorge war groß, für ihn nicht zu finden. Schließlich sollte alles organisiert sein, bis ich daran denken konnte, ernst zu machen. Für den habe ich schon eine Schule mit einer Werkklasse organisiert. Ich hatte mir das schwieriger vorgestellt. Es ging ganz einfach! Unglaublich. Ich habe ein paar Schulen angerufen und konnte mir die Schule aussuchen. Und der 18jährige kann sowieso machen, was er will. Ihm habe ich einen Ausbildungsplatz besorgt. Da kann seine Mutter nichts machen. Wir wandern aus!“ Er steht auf und drückt meine Hand. „Danke, dass Sie mir zugehört haben, ohne wie alle anderen zu sagen, dass ich bekloppt bin.“

Danken Sie der schönen Corona, lächle ich in mich hinein.

Margot (Ein Leben in Briefen) Teil 3

Tagebuch

Ein Leben in Briefen
Margots Tagebuch

 Liebes Tagebuch,

Briefe schreibe ich gern, aber man muss ja auch einmal etwas für sich behalten. Was mir schwerfällt, da ich immer geradeheraus rede. Insbesondere die Gedanken die unkontrolliert kommen und wieder verschwinden sollte ich für mich behalten. Gedanken, die dennoch ihre Spuren hinterlassen. Ich kann schließlich nicht alles in Briefen schreiben und probier’s mal hier, mich auszuquatschen. Mein Liebster ist schon lange weg, ein paar Tage jedenfalls. Mit seinen Parteigenossen in Puan Klent  auf Sylt. Genießet Genossen sag ich immer. Es gibt in den Tagungshäusern nämlich immer etwas Gutes zu essen. Was man in Hamburg nicht für alle sagen kann. Ich untertreibe. Die meisten schieben Kohldampf. Und nach der Arbeit gehen sie in den Nordseewellen baden. Sie wollen die Welt ein wenig besser machen, glaube ich.
Was ist das eigentlich für eine Arbeit, die freiwillige Selbstkontrolle. Sie gucken den ganzen Tag Filme, die das gemeine Volk nicht sehen darf. Das gemeine Volk. Ist doppelsinnig schön zutreffend, wie ich finde. Nichts soll durchkommen, was die schädlichen nationalen Gedanken animiert. Und nicht zu viel Gewalt und nacktes Fleisch darf zu sehen sein. Ein gemeines sich gemeinmachendes, gemein bleibendes Volk soll gerettet werden. Die Denunzianten, die jetzt freundlich grüßen und hinter vorgehaltener Hand beim Milchmann die Juden bedauern, die nicht mehr in ihrer großen Wohnung sind. Angeblich weggezogen, weil es ihnen hier nicht mehr gefiel.
Jedenfalls scheint die Arbeit wichtig zu sein. Natürlich politisch. Heinz ist ein politischer Mensch durch und durch. Das erstaunliche ist, dass er seine Überzeugung auch lebt. Soweit ich das beurteilen kann. Ziemlich gefährlich kann das sein, nicht nur für ihn, sondern auch für mich? Das frage ich manchmal. Schließlich hatte die Gestapo ihn verhaftet und er wurde für fast zwei Jahre eingebuchtet. Erst im KZ Fuhlsbüttel, dann auf Hahnöfersand. Ist mir gar nicht aufgefallen, als ich mit Adsche da vorbeigesegelt bin. Komisch, das habe ich nicht gewusst. Bin ich auch eine von denen, die nichts gewusst haben? Aber nein, schließlich habe ich beim Sport in der Schule nicht diesen absurden Gruß gemacht. Meine Hand war oft mit Gips verbunden. Das war meine Ausrede. Jedenfalls hatte Heinz da im Gefängnis gesessen, als ich vorbeigesegelt bin. Aber ich war auch erst 15 Jahre alt. Damals konnte ich nicht ahnen, was da für ein Mann sitzt. Einer der eine Haltung hat. Für die Gleichberechtigung von Mann und Frau ist er.  Darüber hat er schon als 15jähriger in seiner Schulabschlussarbeit geschrieben und Engels „Die Frau und der Sozialismus“ durchgearbeitet. Die Frau sollte genau so arbeiten wie ein Mann, überall mitbestimmen und Verantwortung tragen. Was wir Frauen wohl im Krieg gemacht haben. Männerarbeit! Also um Arbeit brauche ich mich auch heute nicht zu sorgen. Arbeit habe ich. Ich muss nur noch dauerhaft eingestellt werden. Aber die Geschäfte scheinen zu laufen. Vergessen sollte man die letzten Jahre vielleicht? Es hat sich unglaublich viel eingefressen. Welche weißgewaschenen Nazis wohl noch auftauchen? Wenn aber doch das Leben weitergeht? Schließlich darf man leben. Man muss!!! Es ist unendlich viel wieder aufzubauen. Was alles noch zerstört ist! Die Hamburger Straße, halb Winterhude, halb Hamburg. Wo soll das Geld herkommen? Ich habe jedenfalls keines über. Mein Bettlaken wird wohl mein Hochzeitskleid werden. Ob Heinz sich auch solche Gedanken macht? Ich hoffe, er hat die Hochzeit auf einem seiner vielen Zettel. Er schreibt alles Mögliche auf. Seine Zettel sind auf dem Tisch verteilt. Das er da durchblickt. An die Hochzeit werde ich ihn schon erinnern.

Hamburg 26. August 1949

Lieber Heinzelmann!

Ich hatte mal wieder mit einem Gruß von der Nordsee gerechnet. Pech, Du hattest wohl keine Zeit zu schreiben. Dafür lagen die beiden beiliegenden Reklamen im Briefkasten. Ich schicke sie dir mit.  Du sollst ja auch informiert sein. Hast du kein Geld mehr für Porto? Ach, du willst wohl noch mal 14 Tage frei sein was, mein Liebling? Ich zähle die Tage an den Fingern ab, bis du wiederkommst. Ich bemühe mich um viel Arbeit, damit ich das Alleinsein nicht zu sehr merke. Und du vergisst mich in der schönen Luft, Sonnenschein und Wasser. Wir haben Gewitter hier. Es blitzt und donnert wie doll, doch die Leute sind auf dem Balkon und auf der Straße. Da kann ich mich doch nicht fürchten. Ich habe den Tisch ans Fenster gestellt. Eine Abkühlung kann man das nicht nennen. Tagelang herrschen über 25°.
Heute wäre ich bald umgekommen im Geschäft. Die vielen Menschen in einem Raum. Es klappern die Schreibmaschinen, dass ich Kopfschmerzen bekomme. 11 Schreibmaschinen sind es schon. Man kann den Vorkämpfern für den Achtstundentag nur dankbar sein viel länger hält man es gewiss nicht aus, wir sind alle gegen Feierabend leicht gereizt. Vom Geschäft bin ich noch zu dir deine Wohnung, habe mich erholt, mir eine warme Milch gemacht und die Gardine vom Fenster abgenommen. Ist ja eher eine Decke. Ich habe sie gewaschen. Schäme dich, wie lange hatte sie kein Wasser gesehen? Zehnmal mindestens gespült und zweimal mit neuem Wasser gewaschen. Das schwere Ding. Wenn dir sonst noch etwas einfällt was gemacht werden muss, dann schreibe.
Ich habe die heute wieder Papier mitgebracht. Und da du hoffentlich nicht wieder ein Schlafanzug dort kaufen willst, könntest du zur Abwechslung mal eine Rolle Band mitbringen. Oder hast Du Deinen Schlafanzug schon wieder vergessen?
Heute hat mein Chef gefragt, ob ich womöglich noch in der Kirche bin. Weiß wer will, wo er das wieder her hat. Ich soll jetzt an einem Morgen frei bekommen und mich abmelden. Er schwärmt von „Anna“. Ich habe noch keine Anna gesehen. Ich habe heute ein neues Buch zu lesen angefangen und werde nachher noch ein Weilchen lesen.  (Joseph mit dem Manifest). Dann noch Strümpfe stopfen. Dabei ist es schon wieder recht spät. Man kommt zu nichts. Ja, nein, ja, nein, ja, nein, ja. Du hast Glück gehabt; ich habe eben an den Knöpfen abgezählt, ob ich diesen Brief morgen einstecke oder am Sonntag mit meinen Zeilen von morgen. Also geht der Brief auf die Reise, mit meinen besten Wünschen begleitet.

Ich küsse dich herzlich.

Immer deine Nicki.

P.S.: Ich habe ein Tagebuch eingerichtet. Mit dem kann ich mich wenigstens richtig unterhalten und bekomme sofort Antworten. Kein Grund, eifersüchtig zu sein!

Margot. Ein Leben in Briefen

Briefe an Heinz

Manchmal nahm ich den Alsterdampfer bis zur Anlegestelle Leinpfad. Ich gönnte mir den Luxus für das Gefühl, wie eine Dame mit eleganten Schritten aus einer Kutsche zu steigen. Den Weg zum gegenüberliegenden Tanzlokal konnte ich, im Sommer zumindest, ohne Mantel zurücklegen und sparte das Geld für die Garderobe. Das Winterhuder Fährhaus hatte eine riesige, blanke Tanzfläche, die von Caféhaustischen umstellt war. Reste aus besserer und schlechterer Zeit, angestaubter Charme der 30iger Jahre. In Eppendorf waren die meisten Bürgerhäuser von den Bomben der Engländer verschont geblieben. Ein Glück für das Fährhaus und die Tänzer und Tänzerinnen und alle, die für eine kurze Zeit vergessen wollten was war und ist oder die Wärme eines Tänzers suchten.

Das Tanzlokal war  immer rappelvoll. Bei dem Frauenüberschuss war es für die Männer ein leichtes, Tanzpartnerinnen zu finden. Heinz war ein guter Tänzer und sehr musikverliebt. Wir tanzten an den Wochenenden im Winterhuder Fährhaus zusammen. Er tanzte nicht nur mit mir. Aber er wurde mein Heinz.

Ein Jahr bevor wir uns kennenlernten, kam Heinz zurück in diese Stadt. Seine Stadt, sein so geliebtes Hamburg. Das war im Oktober 1946. Zurück in die Kälte der Ruinen, zurück zwischen die Menschen, die man nicht wiedererkannte, wenn man in der Nazizeit wegging und dann in der Zeit der Wolfsmenschen zurückkam. In dieses Durcheinander der Vertriebenen und Getriebenen. In ein Land der Nazis, die plötzlich keine mehr waren. Nur ein Versehen. Ich war nicht dabei. Man hat auf dem Mond gewohnt. Da hat man nichts gewusst. Wie auch. Alles gelogen. Das Leben muss ja weitergehen.
Heinz hatte Hamburg1943 zum letzten Mal gesehen, bevor er, als politisch Unzuverlässiger, Widerstandskämpfer und ehemaliger KZ -Insasse an die Ostfront geschickt wurde. 1946 kam er endlich zurück in diese zerbombte Stadt. Trümmerlandschaft. 50.000 Tote. Mörderische Kälte im Winter 1947. Für ihn war der Krieg sicher viel schlimmer als für mich die Zeit hier gewesen ist. Nach dem Krieg hatte ich schnell wieder Arbeit.

Meine Mutter war früh tot, ich war gerade 17 Jahre alt geworden. Mein Vater war Kapitän und ständig auf See. Als meine Mutter gestorben war, zog bald darauf eine Stiefmutter ein. Von da an war ich ein ungeliebtes Kind. Wir bewohnten ein schönes kleines Fischerhaus direkt an der Elbe. Mit meinem Freund Adsche floh ich so oft es möglich war, in unsere kleine Jolle auf die Elbe. Rüber nach Hans-Kalb-Sand, wo wir uns in der Sonne ausstrecken und die dicken Pötte beobachten konnten. Adsche wollte nicht mit Adolf verwechselt werden, wegen des Schnauzbärtigen. Weil eben viele dachten, Adsche wäre eine Kurzform von Adolf. Dabei hieß er Arthur. Der Bär. Außerdem war er spindeldürr. Meine Eltern hatten mir immer wieder verboten mit ihm zu segeln, weil wir im Fall der Fälle über die Reling pinkeln mussten. Das war unfein und gehörte sich nicht für ein junges Mädchen. Aber mein Vater war meist auf See, meine Mutter hütete, oft kränkelnd, das Haus. Wir segelten. Und pinkelten.
Ich machte noch meine Ausbildung zur Sekretärin, dann war Krieg. Und ich war weg von allem. Der Krieg in Frankreich wurde zur schönsten Zeit meines Lebens. Also nicht der Krieg, aber die Zeit. Gekämpft wurde nicht, da wo ich war.  Das dachte ich damals und es blieb mein Leben lang wahr. Ich war in Angers stationiert, gerade 22 Jahre alt und sollte als erstes voulez vous couchez avec moi lernen. Ich lachte darüber und genoss das französische Leben unter der Nazibesatzung. Ich sollte auf den Tischen tanzen und rückwärts lachen, was ich gut konnte. Ich tanzte und lachte. Dann kam der Ami, Rückzug, und der Rest ist Geschichte.

Zurück in Hamburg, bekam ich glücklicherweise eine Anstellung in einem Büro als Stenotypistin und Sekretärin. Geld gab es nicht viel, aber es reichte, denn zu kaufen gab es kaum etwas und ich wohnte möbliert. Dennoch waren in dieser kalten Zeit, in dieser Ruinenwelt, unter den unvorstellbar schrägen, abgerissenen Gestalten, auch Menschen voller Lebenslust. Wie Heinz. Mein Liebster. Ich habe ihn beim Tanzen im Winterhuder Fährhaus kennengelernt. Nett und höflich getanzt, später verabredet, allerdings bin ich erst mal zwei Wochen weg, hatte er gesagt. Schlawiner, was für ein Korb! Den sehe ich nie wieder, hatte ich mir gedacht. Irrtum. Verliebt, verlobt verheiratet. Wer glaubt denn daran. Er kam tatsächlich wieder. Ein Mann ein Wort. Aber immer wieder weg, dass war er häufig. Ein sozialdemokratischer Sozialist, ein Widerstandskämpfer, unterwegs, Deutschland neu aufbauen. Das was war, die Schmerzen hinter sich lassen: KZ, Krieg, Kriegsgefangenschaft.

Ich schrieb ihm fleißig, wenn er unterwegs war. Briefe, in denen mein zukünftiges Leben bereits abzulesen war. Das hätte mir trotz der vielen Tänze und den Hochzeitsplänen auffallen müssen.

23.8.1949

Ringlein, Ringlein du musst wandern! Ja, von deiner Hand in meine Hand und umgekehrt. Ich wollte ja damit angeben aber die Zeit langte nicht hin und nicht her. Am Nachmittag rief mich gestern meine Schwester an und bat, ich solle doch zum Essen kommen. Gut, wollte kein Spielverderber sein und fuhr hin. Es gab… Fisch…. (Kommentar überflüssig). Bin schon um 20:00 Uhr wieder gefahren. Musste doch erst zu mir und danach zu euch. Es hatte sich an beiden Stellen nichts verändert. Nur so leer und öde war das. Ich bin dann auch gleich schlafen gegangen. Und konnte noch so viel rufen: ich will in „Aam“.. Leider sind meine schützenden Arme zurzeit mit allem was dazugehört auf Reisen und ich muss sagen, das Bett kommt mir viel zu groß vor. Geschlafen habe ich ja ganz gut aber es geht doch nichts über die Gemütlichkeit, ich meine damit, auf der Kante zu schlafen. Gelandet bist du gut, wirst du mir sicher schon in einem langen Brief geschrieben haben. Du bist so ein Goldfasan, gehst weg, ohne mir deine Adresse hier zu lassen. Muss ich warten, bis Post von dir eintrudelt. Trotzdem will ich meine ersten Gedanken zu Papier bringen. Denn die ist günstig. Der Chef ist auf Reisen und mein Block ist nicht gerade übervoll. Sind noch die Reste von gestern.

Heute geht es zu deiner Schwester Klara ich will deine Sachen hinbringen und deine Hose abholen. Anschließend sehe ich zu, dass ich rechtzeitig Land gewinne und wieder früh in die Falle komme. Irgendwie muss ich mich ja auch erholen. Ach, es ist alles so mordslangweilig und ich denke morgens schon wieder ans Schlafen. Ist ja auch sinnlos so allein. 14 Tage bist du weg. Gott, dazwischen liegt auch noch ein Sonntag: Ich werde mich nicht mit deiner Schwester Erna treffen, bleibe wieder für mich allein, tue was mir gerade einfällt. Ich will mich dann mal dazu aufschwingen, einen Zettel anzulegen und immer wieder ein Strich zu machen, wenn die Sache erledigt ist. Vielleicht kommen mir die Angelegenheit so etwas spannender vor? Heute Nacht wusste ich so unendlich viel, was ich dir schreiben wollte, jetzt ist mein Kopf hohl. Komm man lieber mal her und dann mache ich es mündlich. Wer weiß, vielleicht langt es heute Abend noch zu ein paar Zeilen und mir gehen die Sachen leichter aus der Hand.
Meine Wirtin hat mir einen Knust Brot mit einem Zettel hingelegt und mich darum gebeten, den ollen Knust zu vertilgen, da er sonst trocken würde. Der Knust. Herrlich. Du lässt ein paar Hemden nebst Socken hier und meine Wirtin ein altes Brot. Was bin ich euch doch wert!!! Scherz beiseite, die Zeiten sind zu ernst. Mein Schwager hat sich nun fest auf den 15. zur Feier eingerichtet und will sich noch einmal erkundigen was der Alkohol bei ihm im Geschäft kostet. Soll ein bis zwei Mark billiger sein als im Laden. Für ihn würden Bier und Kümmel genügen. Er will auch etwa gegen 12:00 Uhr wieder am Hauptbahnhof sein. Wegen der Haft-Entschädigung schicke ich dir einen Abschnitt aus dem Abendblatt mit. Sollte ich noch was im Echo finden, leg ich ihn auch noch bei. Heute will ich mal einen Anlauf nehmen und fragen, wie es aussieht mit dem Hierbleiben in der Firma. Langsam wird es Zeit, dass man aufgeklärt wird. Unter anderen ist unserem Betriebstischler auch gekündigt.
Fortsetzung folgt mein Liebster…

Briefe an Heinz

Das Klopapier Dilemma

Das Klopapierdilemma – aus der Rolle gefallen

Begegnungen auf der Toilette.

Ich muss die Erkenntnis vorwegschicken: Menschen, die sich mit der angemessenen, richtigen Ausrichtung der Klopapierrolle beschäftigen, sind überwiegend sensible, vulnerable und emphatische Personen. Sie beschäftigen sich häufig mit ihrem eigenen Leben, dem Sinn darin, auf der Suche nach sich selbst. Nicht alle; selbstverständlich. Es gibt auch Perfektionisten, denen eine gewisse Zwanghaftigkeit nachgesagt wird. Untersuchungen zeigen, dass die Toilettenrollenphilosophie weltweit ein Thema ist. Jedenfalls dort, wo diese Rollen benutzt werden, beziehungsweise, die Menschen sich diesen Luxus leisten. Die Hälfte der Menschheit fällt also schon einmal aus sozialen und ökonomischen Gründen aus dieser Betrachtung heraus. Untersuchungen haben ergeben, dass etwa zweidrittel der Betroffenen die Rolle so platzieren, dass man sie nach vorne hin abrollen kann. Den Nutzenden zugewandt. Betrachten wir den für uns relevanten Bereich. Ich war kürzlich auf einer Party gemeinsam mit Menschen mittleren Alters. Die Toilette wurde im üblichen Maß und Stil frequentiert. Die Art und Weise der Toilettenrollenbefestigung wurde beiläufig erwähnt, ich weiß nicht mehr ob Mann oder Frau. Doch, es eine Frau, die das falsch aufgehängte Papier anmerkte. Ja, sie sagte falsch. Ihr Mann prustete ein zurückgehaltenes Lachen, in dem er die Worte, wie kann man die falsch aufhängen, hervorbrachte. Bei mir hat sie noch funktioniert, fügte er an. Funktioniert? Es gibt nur richtig oder falsch, entgegnete die Frau. Dir ist es ja egal. Die anwesenden Frauen stimmten zu, dass es nur ein richtig gäbe, die Männer bestätigten die Egal Halterung der Klopapierrolle. Die Anzahl der Lagen sei entscheidend. Und hart oder soft. Die Meinung verfestigte sich allerdings, dass etwas in der Beziehung nicht stimmen würde, wenn das mit der Klopapierrolle ein Thema wäre. Ein Scheißthema sagte jemand. Es gibt kein richtiges Leben im falschen ein anderer. Ich gucke mal sagt jemand und verschwindet auf die Toilette. Berichtet von seiner empirischen Erfahrung und der Nachforschung im WWW: Das Wort Klopapier wird häufig im Zusammenhang mit folgenden Begriffen verwendet: Corona, Toilettenpapier, Rolle, Badezimmer, Höcke, Björn, Kisten, Fußball, Hamsterkäufe. Ein beliebtes Anwendungsbeispiel: Die Rolle ist leer. In diesem Fall ist schwer erkennbar, ob sie richtig oder falsch angebracht wurde. Ein Fazit des Gespräches: Richtig steht für weiblich, falsch für männlich. Eine achtlos männlich aufgehängte Rolle würde auf ein Beziehungsproblem hinweisen. So etwa: „Geht mir am Arsch vorbei“. Einwand: Umgekehrt könnte die Reklamation dieses als fehlerhaft wahrgenommene Aufhängen erst recht auf ein Problem hinweisen. Ursache und Wirkung würden vertauscht. Die Wirkung ist gleichermaßen die Ursache.

Als eine Leitplanke für Beziehungen gibt es eine Lösung: Ein Rollenhalter mit Deckel. Hier lässt sich die Rolle richtig aufhängen. Das verhindert allerdings nicht die Haare im Waschbecken und die falsch ausgedrückte Zahnpastatube.