Das volle Glas

Das volle Glas

Der Mann am Schreibtisch liest die Glückwunschkarten. Viele haben eine 50 mit Herzen, Luftballons oder Cabrios als Motiv auf der Klappseite. Fünfzig. Das Glas ist halb leer. Die meisten Schlachten sind scheinbar geschlagen. Die kleinen Tode einiger Ziele gestorben. Der BMI akzeptabel.
Die Frau hinter ihm packt die Koffer, einen großen und einen fürs Handgepäck. Sie richtet sich auf, noch in Unterwäsche, wählt ein Kleid mit durchgehenden Knöpfen. Das Kleid ist schlank geschnitten, über der linken Brustseite wirft es Falten oberhalb der großen Narbe.
Er sieht sie im Spiegel der Schranktür. Sie sieht, dass er sie sieht, und für einen Augenblick bleiben beide in dieser doppelten Betrachtung gefangen. Dann dreht sie sich um.
„Du kannst ruhig fragen.“
„Was denn?“
„Ob ich das Kleid anziehen kann. Ob ich die Reise schaffe. Ob ich überhaupt noch irgendetwas schaffe.“

Er legt die Karte mit dem Cabrio auf den Stapel. Auf der Innenseite steht: Jetzt beginnt die beste Zeit deines Lebens. Er hat den Satz bereits dreimal gelesen, ohne zu wissen, ob er ihn für eine Verheißung oder eine Beleidigung halten soll.
„Ich wollte nur wissen, ob du Hilfe brauchst.“
„Ich brauche Hilfe beim Koffer. Nicht beim Anziehen.“

Sie sagt es nicht unfreundlich. Gerade das macht es schwierig. Seit Monaten besteht ihre Ehe aus solchen kleinen Grenzverhandlungen. Darf er fragen, ob sie Schmerzen hat? Darf er ihr den Einkauf abnehmen, ohne dass sie sich entmündigt fühlt? Darf er müde sein, wenn sie es ist? Darf er sich auf etwas freuen, das sie vielleicht nicht mehr erleben wird?
Sie schließt die obersten Knöpfe. Der Stoff legt sich über die Narbe, als müsse er eine neue Landschaft lernen. Früher hat er ihren Körper gekannt, ohne hinzusehen. Jetzt schaut er zu oft und zugleich nicht genau genug. Er fürchtet, sie zu verletzen, und verletzt sie mit seiner Vorsicht.
„Das blaue Tuch?“, fragt sie.
„Das aus Portugal?“
„Nein, das andere blaue Tuch, das wir seit siebenundzwanzig Jahren besitzen.“
Er lacht. Sie auch, kurz. Es ist ein kleines Geräusch, aber es verändert die Luft im Zimmer.
„Es ist eigentlich Dein Tuch“.

Sie hatten sich mit dreiundzwanzig kennengelernt, in einer Küche, die nach angebranntem Reis roch. Er war zu einer Party gekommen, auf der er niemanden kannte, und sie hatte ihm erklärt, dass der Gastgeber ein Idiot sei, aber immerhin guten Wein besitze. Später standen sie auf dem Balkon und sahen auf die beleuchteten Fenster gegenüber. Sie erzählte ihm, sie wolle einmal am Meer leben. Er sagte, er wolle ein Haus mit einer Bibliothek. Keiner von beiden hatte Geld, und beide sprachen, als sei die Zukunft ein Grundstück, das ihnen bereits gehörte.

Es folgten Jahre, die sich im Rückblick wie ein einziger langer Sommer ausnahmen, obwohl sie aus gewöhnlichen Tagen bestanden. Sie arbeiteten, kauften ein Auto, das im Winter nicht ansprang, und stritten über die richtige Art, eine Spülmaschine einzuräumen. Sie heirateten in einem Rathaus mit gelben Vorhängen. Ihre Mutter weinte, sein Vater machte zu viele Fotos. Auf der Hochzeitsreise verloren sie einen Koffer und fanden ein kleines Restaurant, in dem sie drei Abende hintereinander aßen, weil sie sich nichts anderes leisten konnten und weil es dort die besten gegrillten Sardinen ihres Lebens gab.

Dann kamen die Kinder. Zuerst ein Junge, der nicht schlafen wollte, später ein Mädchen, das alles wissen wollte. Die Nächte wurden kürzer, die Rechnungen länger. Sie kauften ein Haus mit einem undichten Dach und einem Garten, in dem zunächst nur Brennnesseln wuchsen. Er bekam eine Stelle, die ihn oft fortführte. Sie baute ihre eigene Arbeit auf, zunächst am Küchentisch, später in einem kleinen Büro. Sie waren nicht immer gerecht zueinander. Es gab Jahre, in denen sie einander mehr organisierten als liebten, und Abende, an denen sie vor Erschöpfung nur noch über Mülltonnen, Elternabende und die nächste Steuererklärung sprachen.

Aber es gab auch die anderen Dinge. Die Sommer an der Ostsee, als die Kinder noch glaubten, man könne Muscheln oder kleine mit dem Kescher gefangenen Fische verkaufen und davon reich werden. Die Reise nach Italien, auf der sie sich verirrten und schließlich in einem Dorf landeten, dessen Namen sie nie wieder erinnerten. Die Nächte auf der Terrasse, wenn die Kinder schliefen und sie Wein tranken, obwohl am nächsten Morgen beide früh aufstehen mussten. Die Versöhnungen nach Streitigkeiten, bei denen keiner mehr wusste, worum es ursprünglich gegangen war.

Sie hatten ein gutes Leben. Kein makelloses, kein besonders außergewöhnliches. Ein Leben, das sich aus Arbeit, Glück, Fehlern und einer erstaunlichen Menge gegenseitiger Nachsicht zusammensetzte. Sie hatten es nicht bemerkt, während es entstand. Erst jetzt, da es bedroht war, erschien es ihnen wie ein Kunstwerk, an dem sie jahrzehntelang gearbeitet hatten, ohne je einen Entwurf zu besitzen.

Der Hund war gestorben. Die Kinder waren ausgezogen. Das Haus war stiller geworden, und sie hatten begonnen, diese Stille zu genießen. Sie planten Reisen, sprachen über weniger Arbeit, über ein kleines Haus am Wasser, über die Frage, ob man mit sechzig noch einmal etwas völlig Neues anfangen könne.
Dann hatte sie beim Duschen die Verhärtung gespürt.

II

Der erste Arzttermin war an einem Dienstag gewesen. Draußen hatte es geregnet, und im Wartezimmer stand ein Aquarium mit drei Fischen, die immer dieselbe Strecke schwammen. Sie hatte später gesagt, sie könne sich an jedes Detail erinnern: den Geruch des Desinfektionsmittels, die zu warme Heizung, den Fleck auf dem Teppich. Nur die Worte des Arztes seien ihr wie durch Wasser entgegengekommen.

Danach wurde die Zeit in Termine zerlegt. Untersuchungen, Befunde, Operation, Gespräche. Es gab Tage, an denen sie sich tapfer fühlte, und andere, an denen sie das Wort Tapferkeit nicht ertragen konnte. Freunde schickten Blumen und Nachrichten. Manche schrieben, sie müsse positiv denken. Andere erzählten Geschichten von Menschen, die alles überstanden hatten. Sie wusste, dass es gut gemeint war, und hasste es trotzdem manchmal. Nicht, weil sie die Hoffnung verachtete, sondern weil sie die Pflicht zur Hoffnung erschöpfte.

Er lernte, Verbandsmaterial zu kaufen, ohne vor dem Regal zu stehen wie ein Mann, der eine fremde Sprache entziffern muss. Er lernte, welche Fragen man beim Arzt stellen sollte, und dass man die Antworten am besten aufschrieb. Er lernte auch, dass Liebe nicht immer hilft. Manchmal saß er neben ihr und konnte nichts tun, während sie vor Schmerzen oder Angst weinte. Er hätte ihr alles abgenommen, wenn es möglich gewesen wäre. Gerade die Unmöglichkeit machte ihn gelegentlich wütend.
Einmal, mitten in der Nacht, hatte sie gesagt: „Du musst nicht immer so tun, als wäre alles gut.“
Er hatte geantwortet: „Ich tue nicht so.“
„Doch. Du machst Pläne. Du redest vom nächsten Sommer. Du sagst, wir schaffen das.“
„Was soll ich denn sonst sagen?“
Sie hatte ihn lange angesehen.
„Vielleicht, dass du auch Angst hast.“

Da hatte er zum ersten Mal vor ihr geweint. Nicht schön, nicht beherrscht. Er hatte das Gesicht in die Hände gelegt und gesagt, dass er nicht wisse, wie er ohne sie leben solle. Sie hatte ihn an sich gezogen, obwohl die Bewegung ihr wehtat.

„Endlich“, sagte sie nur.

III

Jetzt, am Tag nach seinem fünfzigsten Geburtstag, steht der Koffer offen auf dem Bett. Sie hat beschlossen, dass sie fahren: vier Tage ans Meer, in ein Hotel, das sie früher schon einmal besucht haben. Kein großes Abenteuer, keine Weltreise. Nur ein Ortswechsel, den sie sich beide wünschen und vor dem sie beide Ängste haben.
Er faltet ein Hemd, legt es wieder auseinander und faltet es erneut.„Du packst, als müssten wir auswandern“, sagt sie.„Ich möchte nur nichts vergessen.“
„Dann vergiss nicht, dass wir Urlaub machen.“
Er sieht sie an. Sie steht vor dem Spiegel und versucht, das Tuch so zu binden, dass es nicht wie eine Verkleidung wirkt. Er möchte ihr sagen, dass sie schön ist. Das Wort liegt ihm auf der Zunge, aber er fürchtet, es könne wie Trost klingen.
„Das steht dir“, sagt er schließlich.
Sie betrachtet sich noch einmal.
„Es ist ein Kleid“, antwortet sie.
„Ich weiß.“
„Du darfst auch sagen, dass ich schön aussehe.“
Er lächelt, und diesmal sagt er es. Sie nickt, als habe er eine Prüfung bestanden, deren Regeln sie beide erst lernen müssen.

Auf dem Weg zum Flughafen fährt er zu vorsichtig. Sie bemerkt es an der Art, wie er vor jeder Kurve bremst. Früher hatte sie ihn wegen seiner Ungeduld am Steuer ermahnt. Jetzt möchte sie ihn auffordern, schneller zu fahren, nur um für einen Augenblick wieder die alte Frau zu sein, die sich über ihren Mann ärgert.
Stattdessen legt sie die Hand auf seinen Oberschenkel.
„Du kannst ganz normal fahren.“
„Ich fahre normal.“
„Du fährst, als transportierten wir eine Ming-Vase.“
Er lacht. „Eine sehr kostbare.“
„Eine sehr genervte.“

Am Flughafen sitzen sie zwischen Menschen, die in ihre eigenen Zukünfte unterwegs sind. Ein Kind schläft auf dem Schoß seines Vaters. Zwei junge Frauen vergleichen Fotos auf ihren Telefonen. Ein älteres Paar teilt sich ein belegtes Brötchen. Niemand sieht ihnen an, was sie mit sich tragen. Das empfindet sie als Erleichterung. Die Welt verlangt hier nichts von ihr. Sie ist eine Reisende unter Reisenden, mit einem Pass, einem Boardingpass und einem Koffer, dessen Rollen auf dem Boden klappern.
Er kontrolliert zum dritten Mal die Medikamente.
„Sie sind noch da“, sagt sie.
„Ich weiß.“
„Dann gib Ruhe.“
Er steckt die Tasche weg. Nach einer Weile fragt sie: „Fürchtest Du Dich?“
Er sieht auf die Flugzeuge hinter der Scheibe.
„Ja.“
„Wovor?“
„Dass es dir schlecht geht. Dass wir zu weit weg sind. Dass ich etwas übersehe.“
Sie nickt. Dann sagt sie: „Ich habe Angst, dass du irgendwann nur noch aufpasst.“
Er versteht nicht sofort.
„Auf mich“, erklärt sie. „Dass du mich ansiehst und nur noch siehst, was passieren könnte.“
Er möchte widersprechen, aber sie legt ihre Hand auf seine.
„Ich weiß, dass du mich liebst. Es ist nur manchmal unglaublich, so geliebt zu werden.“Er schaut sie an, und sie sieht, dass sie ihn getroffen hat.
„Nicht deine Liebe“, sagt sie leiser. „Die Lage. Dass ich dich brauche und gleichzeitig nicht brauchen will. Dass du mir helfen sollst und ich es nicht immer annehmen kann. Dass wir beide ständig versuchen, dem anderen etwas zu ersparen, und dabei kaum noch miteinander reden.“
Er denkt lange darüber nach.
„Ich weiß manchmal nicht, was richtig ist.“
„Ich auch nicht.“
Sie sitzen nebeneinander, und zum ersten Mal seit Wochen muss keiner von ihnen eine Lösung finden.

IV

Das Meer empfängt sie mit Wind und einem Himmel, der aussieht, als habe jemand graue Farbe in Wasser gerührt. Ihr Zimmer liegt im dritten Stock. Vom Balkon aus sieht man die Promenade, die Dünen und dahinter die breite, unruhige Fläche des Wassers.
Sie öffnet die Balkontür. Die Luft riecht nach Salz, feuchtem Holz und dem fernen Fett einer Fischbude. Für einen Augenblick schließt sie die Augen.
„Das habe ich vermisst“, sagt sie.
Er stellt die Koffer ab und tritt neben sie. Sie stehen so lange dort, bis ihnen kalt wird.

Am Nachmittag gehen sie spazieren. Sie trägt einen Mantel, obwohl es nicht besonders kalt ist, und er passt sein Tempo ihrem an. Früher wäre sie vorausgegangen, hätte sich nach ihm umgedreht und gerufen, er solle nicht so trödeln. Jetzt gehen sie langsam, und beide tun so, als sei es eine Entscheidung, die sie gemeinsam getroffen haben.
Vor einem Café bleibt sie stehen.
„Kuchen?“
„Du hast vorhin gesagt, du hast keinen Hunger.“
„Vorhin war vorhin.“
Sie bestellen Kaffee und ein Stück Apfelkuchen mit Sahne. Er schiebt ihr die größere Hälfte zu. Sie schiebt sie zurück.
„Ich kann mir meinen Kuchen selbst einteilen.“
„Entschuldigung.“
Sie seufzt. „Du musst dich nicht für jeden Handgriff entschuldigen.“

Er nimmt die Gabel wieder auf. Draußen läuft ein Hund über den Strand, verfolgt von einem Mann, der vergeblich seinen Namen ruft.
„Ich habe gestern den Arztbrief gelesen“, sagt sie.
Er legt die Gabel ab.
„Den ganzen?“
Sie nickt.
„Auch die Stelle mit den fünf Jahren.“
Er schaut hinaus. Die Wellen kommen in schrägen Linien auf den Strand zu.
„Statistiken sind keine Vorhersagen“, sagt er.
„Ich weiß.“
„Und der Arzt hat gesagt, dass—“
„Ich weiß, was der Arzt gesagt hat.“

Er verstummt. Sie betrachtet den Kuchen, als könne sie darin eine Antwort finden.

„Manchmal denke ich, ich werde wieder gesund und wir machen einfach weiter. Und dann denke ich, vielleicht ist das alles schon der Anfang vom Ende. Ich weiß nicht, wie man mit beidem gleichzeitig leben soll.“

Er nimmt ihre Hand.

„Ich auch nicht.“

Sie sieht ihn an. Es ist eine einfache Antwort, und gerade deshalb kann sie sie annehmen.

„Ich will nicht, dass du dein Leben aufgibst“, sagt sie.

„Das tue ich nicht.“

„Doch, ein bisschen schon. Du sagst Verabredungen ab. Du gehst nicht mehr zum Sport. Du sitzt abends neben mir, obwohl du lieber mit deinen Freunden unterwegs wärst.“

„Ich bin gern bei dir.“

„Das glaube ich dir. Aber ich will nicht, dass du irgendwann zurückblickst und denkst, ich hätte dir alles genommen.“

Er zieht die Hand zurück, nicht aus Ärger, sondern weil er plötzlich nicht weiß, wohin mit ihr.

„Du nimmst mir nichts.“

„Noch nicht.“

Das Wort bleibt zwischen ihnen liegen. Sie bereut es sofort, aber sie nimmt es nicht zurück. Es gehört zu den Gedanken, die sie sonst nur nachts zulässt.

Er sagt schließlich: „Ich habe manchmal Angst, dass ich mich auf etwas freue und du denkst, ich hätte dich vergessen.“

Sie sieht ihn überrascht an.

„Auf was denn?“

„Auf einen Abend mit Freunden. Auf eine Reise. Auf irgendetwas, das nichts mit der Krankheit zu tun hat.“

Sie nickt langsam.

„Dann musst du es mir sagen.“

„Und du musst mir sagen, wenn du allein sein willst.“

„Das kann ich.“

„Ohne dass ich beleidigt bin.“

Sie lächelt. „Das wird schwieriger.“

Er lacht, und sie lacht mit. Dann wird sie wieder ernst.

„Ich möchte, dass wir ein Leben haben. Nicht nur eine Behandlung.“

Er sieht sie an und weiß, dass dies der Satz ist, auf den er seit Monaten gewartet hat, ohne ihn selbst formulieren zu können.

V

Am nächsten Morgen scheint die Sonne. Sie frühstücken spät und fahren mit einem kleinen Ausflugsschiff hinaus. Das Deck ist fast leer. Sie sitzen nebeneinander, eingewickelt in Jacken, während die Küste langsam hinter ihnen zurückweicht.

Sie erzählt ihm von einem Traum, den sie in der Nacht gehabt hat. Darin waren die Kinder wieder klein gewesen, und sie hatten alle zusammen in ihrem alten Auto gesessen. Niemand wusste, wohin sie fuhren, aber alle waren glücklich. Er erinnert sich an dieses Auto, an den Geruch der Polster und die klemmende Beifahrertür. Er erinnert sich auch daran, wie sie einmal mitten in Frankreich eine Panne hatten und drei Stunden auf Hilfe warteten. Die Kinder hatten im Straßengraben Blumen gepflückt, und sie hatten sich gestritten, weil er die Warnweste nicht finden konnte.

„Das war ein schrecklicher Tag“, sagt er.

„Nein“, antwortet sie. „Das war ein wunderbarer Tag mit einer schrecklichen Stunde.“

Er denkt darüber nach. Vielleicht ist das eine der Fähigkeiten, die sie immer besessen hat: einem Tag nicht zu erlauben, nur aus seinem schlimmsten Augenblick zu bestehen.

Später stehen sie an der Reling. Das Schiff bewegt sich schwer durch die Wellen. Sie hält sich fest, und er steht dicht hinter ihr, ohne sie zu berühren.

„Du darfst“, sagt sie.

Er legt die Arme um sie. Sie lehnt sich zurück, und für einen Moment ist es wie früher, als sie sich auf Fähren, Bahnsteigen oder in fremden Städten aneinander lehnten, ohne darüber nachzudenken.

„Ich habe Angst vor dem Sterben“, sagt sie plötzlich.

Er hält sie fester.

„Ich weiß.“

„Nein. Ich meine nicht nur vor dem Tod. Ich habe Angst davor, dass ich vorher nicht mehr ich selbst bin. Dass ich nur noch aus Schmerzen bestehe. Dass ich euch zur Last falle.“

Er sucht nach einem Satz, der ihr helfen könnte, und findet keinen. Schließlich sagt er: „Ich kann dir nicht versprechen, dass es nicht schwer wird.“

Sie nickt.

„Aber ich kann dir versprechen, dass du nicht erst etwas leisten musst, damit ich bei dir bleibe.“

Sie dreht sich in seinen Armen um. Der Wind weht ihr das Haar ins Gesicht.

„Das ist schön“, sagt sie. „Und trotzdem möchte ich nicht, dass du dich opferst.“

„Vielleicht müssen wir lernen, Hilfe anzunehmen. Von anderen. Nicht nur voneinander.“

Sie sieht ihn an, als prüfe sie, ob er es ernst meint.

„Das wäre vielleicht vernünftig.“

„Ein ungewohntes Konzept für uns.“

Sie lächelt. Dann küsst sie ihn, mitten auf dem Deck, während hinter ihnen ein Möwenschwarm aufsteigt.

VI

Am letzten Abend gehen sie noch einmal an den Strand. Die Sonne steht tief, und das Wasser hat die Farbe von geschmolzenem Zinn. Sie zieht die Schuhe aus und trägt sie in einer Hand. Er nimmt ihr die andere ab, nicht weil sie es braucht, sondern weil sie ihm die Schuhe hinhält.

Sie gehen bis zu einer Stelle, an der die Promenade hinter den Dünen verschwindet. Dort setzen sie sich auf eine Bank. Vor ihnen liegt das Meer, hinter ihnen das Land, auf dem ihr Leben stattgefunden hat.

„Was machen wir eigentlich mit deinem Geburtstag?“, fragt sie.

„Der ist vorbei.“

„Du hast ihn nicht gefeiert.“

„Wir waren hier.“

„Das ist keine Feier.“

Er zuckt mit den Schultern. „Vielleicht nächstes Jahr.“

Sie dreht sich zu ihm.

„Nein.“

Er sieht sie an.

„Nicht nächstes Jahr. Wir feiern, wenn wir zurückkommen. Mit den Kindern, unseren Freunden, gutem Essen. Und du hörst auf, so zu tun, als wäre fünfzig eine Beerdigung.“

Er lacht, aber sie bleibt ernst.

„Ich will nicht, dass wir alles auf später verschieben.“

Er nickt. Dann sagt er: „Und ich will nicht, dass wir so tun, als müssten wir jetzt jeden Tag besonders machen.“

Sie überlegt.

„Das stimmt auch.“

Sie sitzen eine Weile schweigend. Ein Junge wirft Steine ins Wasser. Seine Mutter ruft ihn zurück, weil es dunkel wird. Er wirft noch einen, dann läuft er los.

„Vielleicht ist das unsere Aufgabe“, sagt sie schließlich. „Nicht jeden Tag besonders machen. Sondern die gewöhnlichen Tage nicht verlieren.“

Er nimmt ihre Hand.

„Und wenn einer davon schrecklich ist?“

Sie denkt an das Auto in Frankreich, an die Kinder im Straßengraben, an die Blumen, die sie damals in einer leeren Wasserflasche mit nach Hause genommen hatten.

„Dann ist es vielleicht ein guter Tag mit einer schrecklichen Stunde.“

Er lächelt. Sie lehnt den Kopf an seine Schulter.

Als sie später zum Hotel zurückgehen, ist der Himmel über dem Wasser noch hell. Sie sprechen über die Feier, über die Kinder, über den Garten, der im Herbst zurückgeschnitten werden muss. Sie sprechen auch über den nächsten Arzttermin, aber nicht lange. Es gibt nichts Neues zu entscheiden.

Im Zimmer stellt er die beiden Koffer nebeneinander. Sie zieht das Kleid aus und legt es über einen Stuhl. Im Spiegel sieht sie die Narbe, die Falten der Haut, die Stelle, an der ihr Körper nicht mehr aussieht wie früher. Sie betrachtet sich lange. Dann nimmt sie das blaue Tuch ab und legt es dazu.

Er kommt aus dem Bad und bleibt in der Tür stehen.

„Was?“, fragt sie.

„Nichts.“

Sie hebt eine Augenbraue.

Er geht zu ihr und legt die Hand auf ihre Hüfte.

„Du bist schön“, sagt er.

Sie sieht ihn an. Diesmal fragt sie nicht, ob er es nur sagt, weil er sie liebt.

„Ich weiß“, antwortet sie leise.

Später liegen sie im Bett, das Fenster einen Spalt geöffnet. Von draußen dringt das Rauschen des Meeres herein, gleichmäßig und unermüdlich. Sie schläft zuerst ein. Er bleibt noch wach und denkt an die Glückwunschkarten, die zu Hause auf dem Schreibtisch liegen. An die fünfzig, die Herzen, die Luftballons, das Cabrio. An den Satz von der besten Zeit des Lebens.

Er weiß nicht, ob sie noch vor ihnen liegt. Vielleicht ist sie längst gewesen. Vielleicht besteht sie aus allem zusammen: den Jahren, die sie hatten, und den Tagen, die ihnen bleiben. Er weiß nur, dass er nicht mehr versuchen möchte, die Zukunft durch Vorsicht zu beherrschen.

Neben ihm bewegt sie sich im Schlaf und sucht seine Hand. Er gibt sie ihr. Sie waren beide wach.

Am nächsten Morgen werden sie nach Hause fahren. Es wird weitere Untersuchungen geben, vielleicht gute Nachrichten und schlechte, Tage voller Mut und Tage, an denen keiner von beiden welchen hat. Sie werden sich streiten, sich entschuldigen, lachen und müde sein. Sie werden Hilfe brauchen und sie manchmal ablehnen. Sie werden Pläne machen, obwohl sie wissen, dass Pläne keine Garantien sind.

„Ich muss dir noch von meinem Gespräch mit dem Psychologen erzählen“, sagt sie. „Das passt hier gut hin, finde ich. Er stellte ein Glas vor mich, zu achtzig Prozent mit Wasser gefüllt, unten ein kleiner Hahn. Dann fragte er nach einer Weile, wofür das Wasser aus meiner Sicht stehen würde. Ein interessantes Glas, mit diesem Hahn unten.
Ich sagte, für alles, was sich nicht abstellen lässt. Für die Krankheit, die Sorgen, die Verpflichtungen, die Beziehungen und die Erwartungen.
Er wartete einen Moment. Dann sollte ich beschreiben, was ich ablassen würde.
Ich wollte mein Leben nicht in brauchbare und unbrauchbare Teile zerlegen. Die Kinder konnten anstrengend sein und ihr trotzdem fehlen. Könnte ich Dich freilassen? Selbst die Angst gehörte inzwischen zu mir.

Vielleicht war genau das ihr Problem mit dem Glas: nicht, dass es zu voll war, sondern dass so viel hineingegossen worden war, ohne sie zu fragen.

„Und?“, fragte er.

„Ich wollte das Wasser austauschen.“

Er lächelte ein wenig.

„Natürlich.“

Vor ihnen lag das Meer, unvernünftig groß und für therapeutische Zwecke eher ungeeignet. Vielleicht wirkte es gerade deshalb therapeutisch.

Sie brauchte ein Meer, dachte sie. Kein Glas mit kleinem Hahn. Keine Aufforderung, etwas abzulassen.

Ein Meer, in das alles hineinpasste.

Sie sah hinaus und lächelte.

Diesmal bemerkte er es.

Und irgendwann werden sie wieder ans Meer fahren.

Nicht, weil sie sicher sind.

Sondern weil sie leben.

Corona und die Vorkriegsphantasie

Ich saß wieder im Caligo, den Espresso schon halb getrunken, als Corona auf ihren leichten Absätzen über das Pflaster klackte. Das gepunktete Sommerkleid wehte leicht im Wind, und sie lächelte, als sie sich mir gegenüber setzte.
„Du wirkst nachdenklich heute“, sagte sie, während sie sich die Sonnenbrille ins Haar schob.
„Es liegt etwas in der Luft“, antwortete ich. „Etwas, das schwerer ist als du.“
Corona lächelte schief.
„Die Ansteckungsgefahr? Ach, die ist längst zur Gewohnheit geworden. Aber ich verstehe, was du meinst.“
Ich lehnte mich vor.
„Es fühlt sich an wie 1931. Wie in der späten Weimarer Republik. Alle reden von Frieden, während die Strukturen brechen.“
Corona nickte langsam.
„Ihr tanzt wieder auf dem Vulkan. Inflation, Misstrauen, Militarisierung, extreme politische Lager. Der Mittelweg zerbricht – wie damals. Nur dass ihr diesmal glaubt, es besser zu wissen.“
„Und doch wiederholt sich alles“, sagte ich. „Nicht exakt, aber im Echo. Polarisierung statt Diskurs. Aufrüstung statt Abrüstung. Wirtschaftskriege statt Märkte.“
Corona spielte gedankenverloren mit dem Löffel in ihrem Espresso.
„Ihr habt nichts gelernt“, sagte sie leise. „Seht Jugoslawien. Ein zerfallendes Vielvölkerland, das innerhalb weniger Monate von Nachbarn zu Mördern wurde. Sarajevo, einst olympische Stadt, verwandelt in ein Massengrab.“

Ich sah sie an.
„Und heute? Gaza, Israel, Ukraine, Sudan, Kongo, Myanmar. Taiwan zählt still die Tage bis zur Invasion. Europa rüstet auf, bestellt Munition, reaktiviert Kasernen. Deutschland diskutiert offen über Taurus-Raketen und Kriegswirtschaft.“
Corona lachte bitter.
„Ihr sprecht von Verteidigung“, sagte sie. „Aber die Worte schmecken nach Angriff. Nach Entschlossenheit, nach Blut.“
„Die Diplomatie?“ fragte ich.
Corona zuckte mit den Schultern.
„Zerfallen zu Ritualen. Gipfeltreffen, Konferenzen, große Worte – während draußen längst die Drohnen kreisen. Russland spricht nicht mehr in Verhandlungen, sondern in Marschflugkörpern. China wartet ab, stählt seine Armeen, baut künstliche Inseln als unsinkbare Flugzeugträger. Amerika rüstet still für den nächsten großen Krieg, denn in ihrer Geschichte war Frieden nie der Normalzustand.“
Ich spürte das Gewicht ihrer Worte.
„Wir gleiten“, sagte ich, „wie Schlafwandler in die Katastrophe.“

Corona nickte.
„Nicht einmal in Panik, sondern langsam, schlaftrunken. Wie damals 1914, als niemand wirklich Krieg wollte, aber alle ihn billigend in Kauf nahmen.“
Sie schwieg einen Moment, ließ die Geräusche des Cafés an uns vorbeiströmen – Stimmen, Lachen, das Klirren von Tassen. Leben auf dünnem Eis.
„Was du spürst“, sagte sie schließlich, „ist das Ertrinken in Zeitlupe. Erst Risse im Alltag. Kleine Nachrichten. Ein Hackerangriff auf die Stromversorgung hier, ein Zwischenfall im Südchinesischen Meer dort. Erst Schwappen, dann Fluten.“
Ich schluckte.
„Und der Frieden? Gibt es ihn noch irgendwo?“
Corona sah mich lange an, mit einem Blick, der durch mich hindurchzugehen schien.

„Vielleicht in der Erinnerung. Vielleicht in den Augen von Kindern, die noch nicht lesen können. Aber selbst dort sickert das Gift langsam ein. Angst. Misstrauen. Gewalt als Normalität.“
Sie stand auf, schob den Stuhl zurück, als würde sie sich von einer sterbenden Welt verabschieden.
„Ihr habt geglaubt, Frieden sei der natürliche Zustand. Aber Frieden ist ein Zustand der Anstrengung, des bewussten Widerstands gegen eure eigene Natur. Und ihr seid müde geworden.“
Sie drehte sich um, warf mir noch einen letzten Blick zu.
„Vielleicht“, sagte sie, „ist dieser Krieg nicht das Ende. Sondern nur das, was ihr immer wart – nur ohne Maske.“

Dann verschwand sie in der Menge, während der Marktplatz einen Moment lang wie eingefroren wirkte.
Und irgendwo, ganz leise, hörte ich ein Geräusch – als würde etwas reißen. Etwas, das nie wieder ganz zu flicken sein würde.


„Warte“, rief ich ihr nach. Meine Stimme klang rau. „Wie wird es sein? Wenn wir nicht umkehren?“Corona blieb stehen. Sie drehte sich langsam zu mir um, als hätte sie diese Frage erwartet.
„Deutschland?“, fragte sie leise. „Europa? Die Welt?“
Ich nickte, unfähig, die aufsteigende Kälte in meinem Inneren zu leugnen.
Sie trat wieder näher, ihre Augen jetzt klar wie gefrorenes Wasser.
„Zuerst wird es stiller werden“, begann sie. „Nicht auf einmal, sondern schleichend. Immer mehr Orte werden von Blackouts heimgesucht – erst Stunden, dann Tage. Cyberangriffe auf Energieversorger, auf Wasserwerke, auf die Kommunikation. Niemand wird die Verantwortung übernehmen. Die Schuld wird zerstreut, wie feiner Nebel.“Ich schluckte.

„Die Supermärkte werden leerer. Die Lieferketten, von denen ihr so sehr abhängt, werden zerreißen. Medikamente werden knapp. Nahrung wird rationiert. Die Städte – eure stolzen, glänzenden Städte – werden zu bröckelnden Inseln der Angst.“
Corona sprach ruhig, fast zärtlich, als beschriebe sie ein vertrautes Märchen.

„Eure Gesellschaft, ohnehin schon zerrissen, wird brechen. Rechte Milizen, selbsternannte Verteidiger, Clanstrukturen. Bürgerwehren, die mehr Angst säen als Schutz bieten. Und die Regierung?“ Sie lächelte dünn. „Sie wird nicht verschwinden. Sie wird sich wandeln. Härter. Schneller. Kälter. Sicherheit über Freiheit. Kontrolle über Vertrauen.“
Ich schloss die Augen. Bilder blitzten auf: leere Regale, brennende Straßen, Männer in Uniformen, die nicht mehr zu unterscheiden waren.
„Und der Krieg?“, fragte ich mit gefühlt heiser werdender Stimme

Corona beugte sich zu mir, ihr Gesicht nun von einer dunklen, fast mitleidigen Traurigkeit gezeichnet.
„Der Krieg wird asymmetrisch sein. Eure Städte werden nicht von Bombenteppichen zerstört wie 1945. Nein – es wird präziser sein. Harter Winter, kein Strom. Hackerangriffe auf Krankenhäuser. Unterseeische Kabel, die reißen. Drohnen, die über Grenzen schleichen wie Gespenster. Kleine Anschläge, gezielte Sabotagen.“
Sie sah nachdenklich in den Himmel, wo sich die Wolken sammelten.

„Und irgendwann werden die Bomben kommen. Vielleicht Taurus, vielleicht Hyperschallraketen aus Osten oder Westen. Nicht massenhaft. Nur so viele, dass ihr begreift: Ihr seid verletzbar. Überall.“
Ich spürte, wie mein Herz schneller schlug.
„Wird es ein Danach geben?“ fragte ich.
Corona lächelte sanft, beinahe mütterlich.
„Es wird immer ein Danach geben. Die Frage ist nur, wer es noch erleben wird. Und in welcher Welt.“
Sie strich mir kurz über die Hand, eine Geste voller bitterer Intimität.
„Ihr könntet lernen“, sagte sie. „Aber ich weiß nicht, ob ihr es wollt.“

Dann verschwand sie endgültig in der Menge.
Und ich saß da, mitten im leichten Treiben eines Frühlingstages, während in meinem Inneren bereits der Herbst begann.

CORONA, der Patient und innere Stärke

Ein kleines Café, der Duft von frisch gebrühtem Kaffee erfüllt den Raum. Blumen schmücken die Tische, das Licht ist weich und warm, wie ein sanfter Mantel, der sich um die Gemüter legt. Die Nachmittagssonne schimmert durch die großen Fenster und taucht alles in ein goldenes Licht. Die Welt draußen scheint fern, hier drinnen herrscht eine ruhige, fast zeitlose Atmosphäre. Der Patient sitzt an einem kleinen Holztisch, die Tasse Kaffee in seiner Hand. Ihm gegenüber  sitzt Corona, die „Schöne“, die du, Autor, so oft in deinen Gedanken hast. Ihr Blick ist sanft und aufmerksam, als ob sie alles verstehen würde, ohne dass Du ein Stichwort für sie, ein Wort sagen lassen müsstest.

Der Patient „Ich weiß nicht, Corona… es ist alles ganz schön viel. Seit Wochen liege ich im Krankenhaus. Es fühlt sich an wie ein endloser Albtraum, aus dem ich nicht aufwachen kann. Ich bin so müde, innerlich wie äußerlich. Alles in mir schreit nach Ruhe. Ich bin kein Star, aber holt mich hier raus!“

Seine Stimme ist leise, fast brüchig. Er versucht, die Fassung zu wahren, aber die Erschöpfung sitzt tief. Corona sieht ihn lange an, ohne ihn zu unterbrechen. Sie lässt seine Worte im Raum hängen, als hätten sie Gewicht, das nicht einfach durch eine Antwort weggenommen werden kann. Zumal sie selbst als Mitglied einer Virusfamilie nicht immer gern etwas zu Krankheiten sagen möchte. Gern, wie man sich favor schützt, das schon.

Corona: „Ich spüre deine Müdigkeit. Du trägst viel mit dir herum, mehr, als du vielleicht selbst begreifen kannst. Dein Körper leidet, aber auch dein Geist scheint schwer beladen. Du versuchst, stark zu sein, nicht wahr? Immer stark für die anderen, für dich selbst…“

Der Patient senkt den Blick. Ihre Worte treffen einen wunden Punkt in ihm. Die Tränen steigen ihm in die Augen, und er kämpft vergeblich dagegen an. Sie darf trotz jahrelanger Vertrautheit nicht sehen, wie nahe er am Rand steht. Er schämt sich ob seiner Schwäche.  „Ja, aber es fühlt sich an, als ob ich nicht mehr stark sein kann. Alles ist schiefgelaufen. Die erste Operation war ein Fehlschlag, die zweite hat auch nichts gebracht. Und jetzt… dieser Keim. Mein Körper wehrt sich, aber ich spüre, dass er immer schwächer wird. Die Ärzte sprechen von schlechten Werten, und ich… ich weiß einfach nicht, wie ich damit umgehen soll.“

Der Patient fühlt, wie die Tränen über deine Wangen laufen. Vergeblich versucht, er diese wegzuwischen, doch Corona sieht es, natürlich. Sie lehnt sich ein wenig vor, ihre Augen voller Verständnis und dennoch fordernd.

„Es ist nicht leicht, das Leben zu akzeptieren, wenn es dir so viele Steine in den Weg legt. Es ist völlig in Ordnung, dass du weinst. Tränen sind keine Zeichen von Schwäche. Sie sind ein Ventil, das deine Seele braucht, um nicht überzulaufen.“

Seine Lippen zittern, und er atmet tief ein, um sich zu beruhigen. Die Worte, die du so oft gehört und anderen selbst auf den Weg gegeben hast – stark bleiben, positiv denken, in jeder Krise liegt ein Chance– haben keine Bedeutung mehr. Das scheint alles lediglich für gesunde Menschen zu gelten.Du fühlst dich allein, trotz der vielen Menschen um dich herum. „Aber wie soll ich weitermachen? Wie soll ich diese Unsicherheit ertragen, diese Angst? Nichts ist mehr unter meiner Kontrolle. Es ist, als ob mir alles entgleitet, und ich kann nichts tun, um es aufzuhalten.“ Er sieht Corona direkt in die Augen, suchst nach einer Antwort, nach etwas, das ihm Halt gibt. Ihre Miene bleibt ruhig, fast nachdenklich. Kurz denk er, das sie ja nur ein Virus ist. Eine künstliche Intelligenz. Sie sitzt hier aber. Aus Fleisch und Blut.

Corona antwortet leise: „Stärke wird oft missverstanden. Man denkt, sie sei etwas, das keine Risse zeigt, das immer unerschütterlich ist. Aber wahre Stärke liegt vielleicht genau darin, dass du all das durchlebst und trotzdem weitermachst. Auch wenn du das Gefühl hast, alles entgleitet dir – du stehst noch hier. Du atmest. Das ist schon eine große Leistung, die du wertschätzen solltest.“

Der Patient starrr in seine Tasse, das leise Klirren des Löffels im Kaffee beruhigt ihn ein wenig. Ihre Worte klingen so vernünftig, aber sie dringen nur langsam zu ihm durch.„Ich habe einfach das Gefühl, dass ich nicht mehr stark sein kann. Es ist am Ende alles ziemlich viel zu ertragen “

Zittrig und stockend spricht er. Corona nickt leicht, als ob sie genau verstehen würde, was er empfindet.  „Du musst auch nicht immer stark sein. Es gibt Momente im Leben, in denen wir uns erlauben müssen, schwach zu sein. Es ist kein Versagen, es ist menschlich. Die Stärke, die du suchst, zeigt sich manchmal in den kleinen Schritten – in der Tatsache, dass du überhaupt weitermachst, auch wenn es sich sinnlos anfühlt. Am Ende wirst Du sicherlich belohnt und wieder leben. “

Der Patient möchte das gerne glauben und fühlt sich einen kurzen Moment ganz friedlich. Einen kurzen Moment. „Vielleicht ist es wirklich so, dass ich zu viel von mir selbst erwarte. Aber diese Ungewissheit… Wie soll ich sie ertragen? Ich weiß nicht, ob es besser wird. Die Ärzte wissen es auch nicht. Sie reden von Möglichkeiten, aber ich fühle mich einfach nur verloren.“

Du hebst den Blick, und Corona sieht dich mit einer Sanftheit an, die fast tröstlich wirkt. Sie lässt sich Zeit, bevor sie antwortet.

„Die Ungewissheit ist eine schwere Last, das ist wahr. Menschen wollen Sicherheit, etwas Greifbares. Aber das Leben gibt uns oft keine Garantien. Vielleicht liegt die Kunst nicht darin, die Ungewissheit zu besiegen, sondern sie anzunehmen. Sie als Teil deines Weges zu sehen. Sie ist kein Feind, sondern ein Begleiter.“

Ihre Worte klingen fast philosophisch, und der Patient weißt nicht, ob er sie wirklich verstehen kann. Aber sie geben ihm das Gefühl, dass es einen Weg gibt, auch wenn er ihn noch nicht sieht.

„Wie soll ich das annehmen? Wie lässt man so etwas zu?“Er fragt es fast verzweifelt. Es klingt so einfach in ihren Worten, aber in seinem Inneren tobt ein Sturm, den er nicht bändigen kann.

Corona: „Indem du das Bedürfnis loslässt, alles zu kontrollieren. Indem du dir erlaubst, nicht alles zu verstehen, und trotzdem weitergehst. Es ist wie ein Fluss – manchmal kannst du nicht gegen den Strom schwimmen, dann lässt du dich treiben und vertraust darauf, dass er dich trägt.“

Ihre Augen leuchten sanft, als sie diese Worte spricht. Es klingt nach Akzeptanz, nach Loslassen – Dinge, die  so schwerfallen.

„Es ist schwer, daran zu glauben.“

Er spricht es leise aus, fast als wäre es ein Geheimnis, das er sich selbst erst jetzt eingestehst. Doch Corona lächelt nur.

„Es ist das Schwerste, was wir tun können. Aber manchmal ist es auch das Befreiendste. Du musst nicht alles sofort verstehen. Manchmal geht es nur darum, den nächsten kleinen Schritt zu machen, selbst wenn du den Weg noch nicht siehst.“

Der Patient nimmt einen tiefen Atemzug, spürst, wie sich eine gewisse Erleichterung in ihm ausbreitet. Es ist kein vollständiger Frieden, aber vielleicht ein Anfang. Es fühlt als ob er wenigstens einen Moment lang nicht kämpfen muss. „Vielleicht hast du recht. Ich weiß es nicht. Aber ich werde versuchen, es so zu sehen. Was bleibt mir sonst?“

Er schaut Corona direkt an, ihre Präsenz ist ruhig und sicher.

Corona: „Was bleibt, ist Hoffnung. Auch wenn du sie gerade nicht sehen kannst, sie ist da. Du bist nicht allein, selbst in deinen dunkelsten Momenten. Manchmal findest du Licht an Orten, wo du es nie erwartet hättest – vielleicht auch in dir selbst.“

Ihr Gespräch verstummt, aber in der Stille liegt eine Art von Trost. Keine magische Lösung, keine schnellen Antworten. Aber das Gefühl, dass du getragen wirst, auch wenn der Weg noch dunkel ist. Corona lächelt dem Patienten zu und entschwindet.

Corona und Molière

Corona und Molière

Sommercafe. Alle Sonnenschirme sind aufgespannt, eine Idylle, jenseits von Kriegen, Wasserknappheit, Waldbränden. Es ist voll, Stühle werden geschoben, man rückt sich auf die Pelle, ein wenig Mallorca muss wohl sein. Ein sich jung fühlender Rennradfahrer um die Siebzig, in entsprechendem Outfit platziert sein Rennrad zwischen den Tischen. Viele ältere Herrschaften. Nachkriegskinder und Boomer. Auf laut gestellt Mobilphone. Jeder will hören und gehört werden. Sehen und gesehen werden. Es ist laut. Der Lärm der Zeit überspielt die Auflösung der Gewissheiten. Alles Leben hier hat sicherlich einen tieferen Sinn. Dennoch: Wozu das alles? Ich weiß es nicht. Corona müsste hier irgendwo herumschwirren, ist aber nicht in Sichtweite. Schade. Mittlerweile bin ich in der Lage, die Dialoge mit ihr zu führen, ohne dass sie da ist. Zur Frage des Sinnhaften einer Situation oder eines Lebensstils schlechthin kann sie immer etwas sagen. Sie, die sich ständig anpasst und wandelt, die Veränderungen des menschlichen Seins antizipiert. Sie weiß sicher, wie alles enden wird. Sie verrät es auch mir nicht. Möglicherweise bin ich ihr Versuchsobjekt. Ihr spezielles „Virus“
Wenn man ein Virus oder ein Tier wäre, müsste man sich nicht mit dem Sinn des Lebens beschäftigen, würde sie vielleicht einleitend sagen. Diese Gedanken gehen mir durch den Kopf, jetzt allein, gefangen in den Windungen meiner eigenen Überlegungen. Der Fuchs im Wald, der in der Dämmerung umherstreift, lebt einfach, ohne sich zu fragen, warum er existiert. Er kennt keine Zweifel, keine existenziellen Fragen, die ihn quälen. Aber ich? Ich bin mit einem Verstand gesegnet – oder verflucht –, der mich immer weiter in ein unendliches Labyrinth von Fragen führt.  Dieses Denken, so sagt man, sei das größte Privileg des Menschen. Doch manchmal fühlt es sich an wie eine Bürde. Ich finde mich oft wieder in einer Spirale aus Überlegungen, aus Gleichungen und Unbekannten, die sich jeder Lösung entziehen. Wenn alles Mathematik ist, müsste es doch irgendwo eine Antwort geben. Aber je tiefer ich grabe, desto weiter scheinen die Antworten von mir entfernt zu sein.
In solchen Momenten fühle ich mich wie Alceste aus Molières „Der Misanthrope“. Alceste, dieser Mann, der die Welt verachtet, weil er ihre Heuchelei und Oberflächlichkeit durchschaut hat. Er ist ein gefährdeter Misanthrop, gefangen in seiner Verzweiflung über die menschliche Natur. Ich verstehe diese Verzweiflung, dieses Bedürfnis, sich von der Welt zurückzuziehen, weil sie so oft enttäuscht und verwirrt. Doch im Gegensatz zu Alceste habe ich etwas, das ihn nicht erlöst – oder vielleicht jemanden.

Corona. Sie ist keine Figur aus einem Theaterstück, sondern eine lebendige, faszinierende Frau, die ich regelmäßig in diesem Café treffe. Unsere Gespräche haben eine Tiefe, die mich immer wieder erstaunt. Sie ist wie ein sanfter Kontrapunkt zu meiner inneren Unruhe, eine Melodie, die meine gedankliche Kakophonie beruhigt. 
„Warum quälst du dich so?“ fragt sie mich oft, wenn wir uns gegenübersitzen, einander ansehend, als könnten wir in den Augen des anderen die Antwort finden. Ihre Stimme ist immer ruhig, ihre Augen strahlen eine sanfte Weisheit aus. Sie scheint die Welt auf eine Weise zu verstehen, die mir verborgen bleibt.
„Weil ich die Dinge verstehen will,“ antworte ich dann. „Weil ich glaube, dass es eine Lösung geben muss, wenn ich nur tief genug grabe.“
„Vielleicht ist das dein Fehler,“ sagt sie dann mit einem leisen Lächeln. „Du bist wie Alceste, der nach einer absoluten Wahrheit sucht, die es in der menschlichen Welt nicht gibt. Aber das Leben ist keine Gleichung, die du lösen kannst. Es ist ein Gedicht, das du fühlen musst.“
Molières Alceste wollte eine Welt, die seinen Idealen entspricht, eine Welt, in der alles schwarz oder weiß ist, klar und eindeutig. Doch das Leben ist komplex, voller Grautöne, voller Widersprüche. Corona erinnert mich daran, dass ich diese Widersprüche umarmen muss, anstatt gegen sie anzukämpfen. 

„Molière hätte dir gesagt,“ fährt Corona fort, „dass Alcestes Fehler nicht sein Hass auf die Heuchelei war, sondern seine Unfähigkeit, die Welt so zu akzeptieren, wie sie ist. Sein Stolz und seine Starrheit machten ihn blind für die Schönheit, die selbst in den Mängeln des Lebens zu finden ist.“
Ich schweige, während ihre Worte in mir nachhallen. Corona hat recht. Ich bin wie Alceste, gefangen in meinen Gedanken, in meinem Versuch, das Leben zu analysieren und zu verstehen, anstatt es einfach zu leben. Aber im Gegensatz zu Alceste habe ich die Wahl, einen anderen Weg zu gehen. 
„Vielleicht geht es nicht darum, das Rätsel des Lebens zu lösen,“ sage ich schließlich, „sondern es zu erleben. Vielleicht ist das die Antwort, die ich gesucht habe.“

Corona lächelt, und in diesem Lächeln liegt eine Wärme, die mich auf seltsame Weise beruhigt. Molière mag Alceste als eine tragische Figur dargestellt haben, aber vielleicht bin ich nicht dazu verdammt, sein Schicksal zu teilen. Vielleicht kann ich durch meine Gespräche mit Corona, durch das einfache Erleben des Augenblicks, einen Weg finden, die Welt zu akzeptieren, ohne sie zu verachten. 
Und so bleibe ich im Café sitzen, in tiefen Gesprächen mit der Frau, die mich immer wieder daran erinnert, dass das Leben mehr ist als eine Reihe von ungelösten Gleichungen. Es ist ein Gedicht, ein Tanz, eine Melodie – und vielleicht ist das schon die Lösung, die ich zweifelnd gesucht habe.