Aldidente und Testosteron Teil 3

Aldidente und Testosteron – Teil 3. (1 und 2 siehe weiter unten..)Placeholder Image

 

Dann stand Silvester vor der Tür. Frank hatte sich tagelang den Kopf zerbrochen wie er es anstellen könnte, mit Anke Silvester zu feiern. Mit dem Fotografen würde sie nicht gemeinsam losziehen, denn der war in Neuseeland unterwegs, was er beiläufig mit seiner Gerichts erprobten Fragetechnik herausarbeiten konnte.

Er schlich immer um das Thema herum. Dann ergab sich eine geniale Fügung des Schicksals. Es gibt keine Zufälle, nein dies war eine Fügung. Elke vom Sportverein, die vormals vielversprechende Krankenschwester lief in ihn hinein, als er den Fitnessbereich des Sportvereins betrat. Sie drehten sich einmal in der Drehtür um die Achse, Bissous links rechts und aus Versehen auf den Mund. Ein kurzes, verlegenes Händchenhalten. „Und, was gegen den Bauch unternehmen“, lachte Elke dann, wohl wissend, dass jeder Mann darauf empfindlich reagieren würde. Mit oder ohne Bauch. Frank lief rot an, worauf hin Elke ihm in den Bauch boxte. „Ach, geht doch“, kicherte sie. Melde dich doch mal. Du bist ja völlig abgetaucht. Was ist mit Party-time? Ü-30 und so?“
„Im Moment nicht so“, redete Frank, „viel zu tun“.
„Mit Anke? Die habe ich neulich mal getroffen. Gefällt ihr ganz gut bei dir. Sie könne es eine Weile aushalten, meinte sie.“ Eine kleine Pause entstand, da Frank nicht gern über Anke reden wollte. Elke würde seine Befangenheit bestimmt herausfiltern. Das da mehr war, als der Job. Theoretisch zumindest.
„Schon was vor an Silvester?“, fragte Elke. Ruf doch mal an, wenn du mit uns feiern willst.“ Wer war
mit uns überlegte Frank. „Anke kommt auch“, winkte Elke bereits rückwärts laufend und sich verabschiedend.

Es war ihm schlagartig egal, wer mit uns war. Wahrscheinlich würde Elkes jetziger Lover und ihr Ex-Lover, der vom Dach springende Urs dabei sein. Urs hatte einen Selbstmordversuch unternommen und einen Sturz aus 10 Metern Höhe überlebt. Und war dann auf die sich aufopfernde Krankenschwester Elke getroffen. Alles weitere hatte sich ergeben. Elke hatte ihn auch nach der Entlassung aus dem Krankenhaus betreut. Nur, dass es keine Arztserie war, sondern das wirkliche, das wahre, das psychotische Leben. Urs hatte sich getrennt, hatte Nähe nicht ertragen können. Dann kam er wieder an, wurde wieder aufgenommen. Und hin und her. „Ich fühle mich immer noch verantwortlich“, hatte Elke betont, auch nachdem sie einen neuen Freund hatte. Mehrere, besser gesagt, die es mit einem Urs an der Backe, wie es einer formulierte, nie lange aushielten.

Anke trug eine dünnes Kleid mit einem Gürtel um die Taille der ihre Figur extrem betonte. Dazu trug sie offene Sandalen. Die Fußnägel blau lackiert. Sie war etwas angespannt und hatte beschlossen, sich gleich mit einem Piccolo ein wenig zu lockern. Ihre anfängliche Skepsis bezüglich einer Party mit ihrem Chef war der Neugier gewichen. Außerdem könnte seine Anwesenheit einer möglichen Langeweile auf Elkes Party vorbeugen, so hatte sie es sich überlegt. Die üblichen Verdächtigen, wie Elke und Anke die Gäste bezeichneten, waren anwesend. Zwei befreundete Paare, Bruder und Schwester von Elke, ein noch nicht definierter Freund. Nur Urs fehlte. „Er kommt später“, hoffte Elke. Vielleicht hoffte sie auch, dass er nicht kam. Es gab Fondue mit Käse und Fleisch. In der Küche war zudem ein Buffet aufgebaut, das aus von den Gästen mitgebrachten Salaten, Broten, Käsesorten, Desserts und Snacks bestand. Frank und Anke saßen jeweils an einem Kopf des Tisches und konnten sich eher schlecht als recht unterhalten. Frank empfand die Situation als anstrengend und versuchte sich in höflichen Smalltalk. Smalltalk hasste er.
In der Küche passierte es dann, würde Frank sich später erinnern. Dort,im Rückzugsort jeder Party, wenn es auf der Hauptbühne zu langweilig wurde. In einer Küche war man immer mit etwas beschäftigt. Wein nachschenken, Brot knabbern, den Teller auffüllen. Der Wunsch nach Zwanglosigkeit erfüllte sich am ehesten hier. Die Küche war schmal wie ein Handtuch. Elke wohnte in einem Neubau. Durch die herrschende Enge war jede Küche quasi das klassische Separee für Annäherungsversuche auf Feiern. Anke stand mit einem Glas in der einen, einem Grisini in der anderen Hand vor dem Kühlschrank, der sich in der Ecke direkt hinter der Tür befand. Frank stand mit dem Rücken zu ihr an der Fensterbank und lud seinen Teller voll. Er überlegte angestrengt, was er sagen oder tun sollte. Es war ja schließlich Silvester. Mit Tanz und Spiel. Man durfte locker sein. Aber wie gingen Tanz und Spiel? Wie sollte er locker werden, völlig verkrampft in seiner Rollenambiguität.Und zudem ziemlich statisch mit dem Essen beschäftigt. Er wollte nicht den Mund voll haben, wenn er angesprochen würde, aber auch schon etwas essen und beschäftigt aussehen.

Er stellte seinen Teller wieder ab. Ihm erschien es doch zu unbeholfen, mit einem Teller in der Hand ins Gespräch zu kommen. Wenn es denn dazu kommen würde. Hier hatte sie eindeutig die Oberhand, in der Wohnung ihrer Freundin, privat, und Anke war hier noch attraktiver und selbstbewusst. Und es ging hier nicht um das Officepaket. Es ging um mehr, um alles. Heute Abend würden sich die Weichen stellen, ob es außerhalb der Grenzen des Bürolebens etwas gemeinsames für sie geben würde. Frank war sich sicher, das Anke sich in ihn ein wenig hineinversetzen konnte und wusste, dass er nur aus einem Grunde zu dieser Party gekommen war. Und es waren nicht seine Spielregeln.

Also war ein voller Teller nur ein weiteres Hindernis, dachte Frank. Er schritt auf die Tür zu und sah Anke die Grisinistange abknabbern, was ihn verrückt machte. Er musste an ihr vorbei. Er würde etwas sagen müssen. Dann waren sie auf gleicher Höhe. Beide nur noch mit einem Glas in der Hand. „Mann, jetzt küss mich endlich, zischte sie, zog ihn dabei mit der freien Hand an sich heran, was dazu führte, dass Frank sie mit seinem Körper an den Kühlschrank presste. Und endlich küsste. Vielmehr küsste sie ihn, erst kurz, dann länger und dann solange, bis Elke in die Küche kam und bemerkte „oh“ und „Urs ist immer noch nicht da“. Der kam dann später, fühlte sich unwohl und war wieder gegangen. Womit die leichte Stimmung den Schwung verlor. Frank waren Elkes Ursproblem jetzt gerade mal egal. Er war verwirrt. Nach den Küssen hatte Anke sich wieder zurückgezogen, ihn zwar hin und wieder angeschaut und berührt, aber weitere Küsse hatte es nicht gegeben. „Setzt du mich zu Hause ab?“, hatte sie gefragt, als Frank eine Taxe bestellte.

Zeitzeuge im Video – Widerstand 1933 in Hamburg. Interview mit Heinz Gärtner durch die „Survivors of the Shoah Visual History Foundation“

Video im Anschluss an diesen Text.

Eine Einleitung.

Onkel 1918
„Was machst du da eigentlich immer mit den Stühlen rum, hm?“ Heinrich Gärtner
saß am Küchentisch und sah seinem Sohn Heinz über den Rand der Zeitung zu,
wie dieser Stühle mit Decken drapierte. Heinz ließ sich nicht ablenken. Er war konzentriert bei seiner „Arbeit“. Er verstand gar nicht, was der Onkel, für den er seinen Vater hielt, von ihm wollte. Es war doch klar, hier fährt die Eisenbahn durch den Tunnel. Der Vater sah noch eine Weile schweigend zu und verlor sich in seinen Gedanken. Er war lange weg gewesen in diesem Scheißkrieg. Manchmal ballte er die Fäuste, wenn er sich unbeobachtet fühlte. In Gedanken daran, was er durchmachen musste. Wozu das alles; und jetzt die Kämpfe um die Republik. In den letzten Jahren viel zu wenig Zeit für die Familie. Er ließ Heinz Zeit, ihn als Vater zu sehen. Er hatte verlernt, mit Kindern zu
spielen. Und seine liebe Frau Clara musste alle mit durchbringen, stellte Heinrich mit
Wehmut fest.
Clara saß an der Nähmaschine. Für den kleinen Heinz war das wie ein Lokomotivengeräusch.
Tatatatatatata, tatatatatatatata, tatatatata, tatatatatatatatatat. Tatatatatatatatata.
Tata. Am Bahnhof angekommen. Mit seiner kleinen alten Holzlokomotive, die
sein Vater abgeschliffen und neu bunt lackiert hatte.
Wenn seine Mutter nicht für ihre Kunden nähte, gab es für sie genug für die Kinder
zu schneidern und auszubessern.
Heinz´ Schwester Erna wusch gerade ab und seine Schwester Klara räumte das
Geschirr in den großen Küchenschrank. Sie amüsierten sich köstlich über ihren kleinen
Bruder. Unvermittelt sagte Heinz: „Guck mal Onkel, das ist jetzt Pferd und das Wagen.
Oder ein Bahnhof. Das sieht man doch.“
„Ja, jetzt sehe ich das auch“, lachte Vater Heinrich und freute sich, dass er lachte.
Selten lachte er, seit er aus dem Krieg zurückgekommen war. Er musste sich erst einmal
an das Leben gewöhnen. Sich in dem Durcheinander des Alltags zurechtfinden.
Der einfache Alltag war schon schwer genug. Es gab nun vieles zu regeln, was
vor dem Krieg einfach war und von alleine lief. Der Hunger war das eine Problem, das
andere die neue Republik, die politische Ungewissheit.
Er musste sich in der sozialdemokratischen Partei mit ihren Flügelkämpfen zurecht
finden. Alle mussten außerdem mit sehr wenig Geld auskommen. Richtig satt
bekam er seine Familie nicht. Aber heute war wieder ein Glückstag für die Kinder. Er
freute sich still. Für Heinz gab es eine Sonderration Milch und die Schwestern bekamen
von dem Rest, der übrig blieb.
„Halt doch mal die Decke fest“, forderte Heinz seinen Vater auf. Schweigend half
er seinem Jungen. „Mit der Zeit schaffe ich es vielleicht ganz nach Haus“, dachte Heinrich.
In seinem Kopf erschienen immer wieder die Bilder des Krieges. Die Toten. Der
unglaubliche Lärm der Geschütze. Die Angst vor dem Gas.
Die 12-jährige Erna beobachtete ihren Vater, wie er nun mit ihrem Bruder auf
dem Boden saß. Sie hielt noch die Teller in der Hand, warm vom Abwasch. Sie hatte
ihren Vater vermisst, wenn er immer wieder weg musste. Die Ungewissheit des Wiedersehens.
Nicht alle Väter kamen zurück. Jeder Fronturlaub endete mit einem bitteren
Abschied. Sie war die älteste der Geschwister und lastete sich viel auf, im Haushalt, in
der Schule, bei der Näharbeit, mit der sie ihre Mutter unterstützte. Nur selten hatte ihr
Vater Fronturlaub, wie es ihr immer von den Erwachsenen erklärt wurde. Urlaub! Was
für ein Urlaub, in dem der Vater meistens viel schlief. Sie dachte immer: Urlaub vom
Tod, so müsste es heißen.
Vielleicht konnte sie diese Szene interpretieren, verstehen. Fühlte die Schwere,
mit der der Vater oft am Tisch saß. Empfand das Gewicht, die Unsicherheit seines Eintritts in eine Welt ohne Krieg, seine Rückkehr in die Familie. Er wollte mit keinem Menschen mehr etwas zu tun haben. Sie stellte die Teller ab und nahm ihren Vater flüchtig in den Arm, ungewohnt die Geste, bevor sie sich zu Heinz auf den Boden aus abgeschliffenen, vor langer Zeit überlackierten Holzbohlen setzte. Auf dem abgeräumten
Küchentisch breitete die Mutter ihre Stoffe aus, die sie bis spät in die Nacht schneidern
würde. Heinz improvisierte weiter sein Spiel mit Erna, bis diese schließlich aufstand,
um ihrer Mutter zu helfen. Sie hatte schon frühzeitig gelernt, selbst ständig zu arbeiten,
zu erkennen was notwendig war. Darauf würde sie sich ihr ganzes Leben stützen müssen, sie, der man später nachsagen würde, kein Mann sei gut genug für sie. Sie war für die Familie da, so sah sie ihre Aufgabe in dieser Zeit. Sie kümmerte sich um Heinz, der mit einer Blasenentzündung ein Vierteljahr im Krankenhaus gelegen hatte, um ihre
Schwester Klara, wenn diese vor Hunger Bauchschmerzen hatte und weinte. Vieles blieb
unausgesprochen in dieser Zeit. Die Sehnsucht nach Glück verbarg sie hinter Pflichtgefühl.
Der einzige Mann in ihrem Leben, Franzl, blieb später im Krieg. Ein Bild von
ihm in Uniform – schnieke – bewahrte sie ihr Leben lang gut auf. Ein kurzes Glück mit
einem Offizier im Krieg.

 

Die Texte zu diesem Interview: „Onkel 1918“ „1934“ und „Die Verhaftung“. Aus: „Die Kunst des Selbstrasierens. Hamburger Sozialdemokraten im Widerstand gegen den Nationalsozialismus“.

Lloret de Mar – ein Fest der Internationale

Lloret de Mar – ein Fest der Internationale

Das Haus der älteren Dame liegt oberhalb der lärmenden Stadt in einem kleinen Villengebiet, zu erreichen über eine kurvenreiche Straße, vorbei an abenteuerlich in den Berg gesprengten Villen. Das Haus und sie selbst scheinen mit den 70iger Jahren des letzten Jahrhunderts verbunden zu sein. In einer Welt hinter einer wunderschönen hohen Mauer, mit drei Katzen, die ihr zugelaufen sind. Die ältere Dame geht nur in die Stadt, um zum Arzt, zum Einkaufen oder zur Bank zu gehen. Es kommen der Gärtner, der Poolkeeper und einmal in der Woche eine Freundin.
Der Blick auf das Meer ist von hier aus fast frei, allerdings hat eine koruppte Verwaltung einen Neubau gegenüber erlaubt, der den Meerblick einschränkt. Es ist aber dennoch genug Blick vorhanden, auf das Meer, Lloret und Canyelle. Eine kleine Oase, eine Insel im Lärm der Welt, die mit der vergangenen Zeit scheinbar eine Endlosschleife beschreibt. Der Mann ist lange verstorben, ist aber in Erzählungen lebendig, die die Zeit hier hin und her schaukeln lassen.
Die Stadt, man muss fünf Minuten mit dem Auto hinunter fahren, wabert und bebt in der Juli Hitze. Lloret de Mar feiert die Internationale, die hier vollkommen erscheint. Menschen, die Jugend aus allen Ostblockländern, den Ländern der europäischen Gemeinschaft, aus Asien schleppen sich durch die Straßen der Plastikwelt. Sie sitzen halbnackt in den Restaurant, vertändigen sich wie Primaten, sabbern sich dabei das Eis auf das Kinn, auf die Bluse und aufs Hemd, essen glücklich scheinbar spanische Paella. All you can eat, all you can drink, and all you can hear: Jeder hat einen eigenen Lautsprecher mit eigener Musik dabei, billig zu haben in den Shops. Sie müssen laut sprechen um sich zu verständigen. Keiner hört, all you can app hängen die Köpfe. Aufgespritzte Lippen, Selfies, Fotos, Tatoos. Fröhliche Jugendliche, Gruppe von Jungen und Mädchen die wirklich ihren Spaß haben. Ihnen gehört der öffentliche Raum. Sie nehmen sich die Welt. Wie in Kalle Blomquist, der Meisterdektiv, wo ein alter Mann den Tagen der Kindheit nachhängt: ja, ja, glückliche Tage der Kindheit. Immer wiederholt vor sich hin brabbelt. Ja, ja, glückliche Tage der Kindheit, ja,ja. Und das Meer rauscht dagegen an. Ein Plastikfischer fischt darin, am Strand räumt ein Bagger das yes we can all you eat, drink, hear,cry, trash, der glücklichen Generation beiseite. In der Lloret sind auf großen Fahnen und Schildern riesige Ohren abgebildet, die auffordern, auf das eigenen Lärmen zu achten. Schütze Deine Ohren und die Deiner Mitmenschen!
Der ganze Schmelztiegel ganz ohne jegliche Aggressivität, vielleicht mit etwas Unmut. Manchmal lächelt jemand, fast entschuldigend, dass er da ist, den Weg kreuzt, wenn es sich in der Gasse staut. Ein seltenes, verstehendes Anlächeln unter den vielen Individuen die nur sich selbst sehen und optimieren. Wie eine Feier vor dem Pesttod. Dazu flattern die Fahnen der katalanischen Seperatisten von den Häusern, die Freiheit für die politischen Gefangenen und Freiheit für Puigdemont fordern – und einen eigenständigen Staat Katalonien.
Im Haus der alten Dame ist es ruhig. Das Meer in der Ferne glitzert und der Wind weht leise die Geräusche der all inclusive Welt herauf. Der kleine Pool lädt abseits der Massen glitzernd zum Baden ein. Er bietet nur Platz für wenige Glückliche.
Lloret, ist nicht das Ende, wahrscheinlich nicht. Im Gegenteil, möglicherweise das Pralle Leben, die Lust auf das Heute. Eine unbeschwerte Inbesitznahme der Stadt, des Strandes, der Straßen. Ein Fest des Lebens.

Drehbuch 007 Herzständer. Miniatur von Ripp Corby.

Drehbuch 007/ Herzständer. Miniatur aus dem Leben von Ripp Corby

Ripp hat die Aufgabe, den Plot für ein Drehbuch zu schreiben – wie immer gibt die Jury ihm lediglich drei Minuten Zeit dafür. Was an sich nicht bedauerlich ist, sondern in der Regel sehr effektiv. Mehr Zeit bringt nicht immer mehr Qualität. Der Titel soll „Herzständer“ lauten. Außerdem ist vorgegeben, bestimmte Gegenstände zu berücksichtigen: Stethoskop, Rückenmassage-Selfi, Weihnachtsstern, Plüschkaktus und eine goldene Schallplatte.
007, das bedeutet immer Tote in Hülle und Fülle. Damit muss Ripp also nicht sparen. Er kann seine Szene also voll ausleuchten: Es sieht grausam aus. Diese Grausamkeit wird kreiert – durch die Kombination aus Idylle, Schönheit, eine langsame Kameraführung, deren Bilder in einem Spiegel der sich im Raum befindet, zu hoher Geschwindigkeit gebrochen werden und den – unvermeidlichen – Tod. Die, wie es scheint im ursprünglichen Zustand sehr ansehnliche Frau, liegt auf dem Boden und hält dabei eine goldene Schallplatte im Lebenskampf umklammert. Paradox ist das sie umgebende vollkommene ausgewählte, edle Interieur, das Stageing des Raumes. Der Weihnachtsstern am Tannenbaum leuchtet rosa, ein Plüschhase lieg unter ihrem Kopf, noch halb in der üppigen Geschenkpapierverpackung eingeschlagen.
007 kratzte sich am Rücken. Eine Schusswunde von gestern war noch nicht ansatzweise verheilt. Was gäbe er jetzt für seinen Rückenmassage-Selfi. 007 konzentriert sich. Nichts deutet im ersten Augenblick auf Mord hin. Ein Mann im weißen Kittel und einem Stethoskop in der Hand schüttelt den Kopf. Nichts zu machen, kann das heißen oder Todesursache unklar. Das bleibt offen. Aber vielleicht lassen sich durch die Laboranalysen weitere Erkenntnisse gewinnen, da es Kampfspuren gibt. Fremde DNA und so weiter. Er wird die Haare des Plüschkaktusses unter die Lupe nehmen müssen. Das Unwahrscheinliche ist das Wahrscheinliche. Gift vermutet er. Die Russen. Er gabelt den Plüschhasen auf, was ihm mit seiner Schusswunde im Rücken schwerfällt. Die Anstrengung lässt sein Herz höher schlagen. Er würde sicher bald einen Herzständer brauchen oder Stent, so heißt das Teil wohl korrekt. Oder kommt das vom Plüschhasen? Den legt er schnell wieder auf den Boden. Hier war jetzt erst einmal für ihn nichts mehr zu tun. Aufräumen war Sache der Polizei. 007 muss nach Moskau, zu Wladimir Nitup. Der ist der Schlüssel zu allem.
Ripp lässt den Stift sinken. Drei Minuten sind um.

Ripp Corby Miniatur 2: Puigdemont der Putschdämon

Ein Putschdämon zieht durchs Land. Puigdemont an Seehofers Hand.

Vom Norden bis zum Söderhof. Putsch Dämonen lucken auch von Rechts.

Kein Land in Sicht. Frau Merkel will es nicht.

Zu ungewiss und nicht bequem. Ein internationales Nationalvergehn.

In Madrid die noblen Generäle. Die selbst Putsch und Dämonen vertrauen.

Können immer auf die Deutschen bauen.

Separat ist aber kein Konflikt, wenn die Uhr in Bayern tickt.

Miniatur 1. Von Ripp Corby

Minuten Miniatur (Improvisationslesung von meinem Freund Ripp Corby)

Der perfekte Tag

Ich hatte nur diese eine Chance für einen perfekten Tag in Venedig.

Die Bedingung war, einen Ohren-und Nasenhaarschneider, eine Flamingo-Tapete, eine Krücke, eine Federboa und eine Schokoladenmaske ins Spiel zu bringen.
Ich entschied mich für den Karneval in Venedig.
Beim Karneval wollte ich in die erste Reihe gelangen und ein Selfie machen – und die Belohnung wäre mir sicher.
Ich hatte mich auf diesen perfekten Tag gefreut. Carneval in Venedig, erste Reihe. Das war die Aufgabe.
Ich schneiderte mir aus der Flamingotapete ein luftiges Hemd, fühlte mich beschwingt und frei. Die Federboa schmückte meinen Hals, die Schokoladenmaske tarnte mich. Meine Gesichtshaare hatte ich entfernt, ebenso die Haare in der Nase und in den Ohren mit dem Nasen-und Ohrenschneider beseitigt, für einen perfekten Sitz der Maske.
Wie sollte ich aber nach vorne kommen, weit nach vorne, in die erste Reihe? Die Krücke würde mir helfen, dachte ich. Aber der Trick misslang, weil mindestens 50 Leute auf Krücken und Rollstühlen versuchten, nach vorne zu kommen. Der Versehrtentrick. Bedauerlich für die wirklichen Menschen mit Handicap.
Ich hatte kein Alleinstellungsmerkmal als Versehrter.
Es fing dann auch noch an zu regnen, die Maske zerlief, das Tapetenhemd löste sich auf, wie der Carneval.

Miniatur 1. Karneval. Von Ripp Corby

Eine Drei-Minuten Miniatur (Improvisationslesung von Ripp Corby)

Der perfekte Tag

Ich hatte nur diese eine Chance für einen perfekten Tag in Venedig.

Die Bedingung war, einen Ohren-und Nasenhaarschneider, eine Flamingo-Tapete, eine Krücke, eine Federboa und eine Schokoladenmaske ins Spiel zu bringen.
Ich entschied mich für den Karneval in Venedig.
Beim Karneval wollte ich in die erste Reihe gelangen und ein Selfie machen – und die Belohnung wäre mir sicher.
Ich hatte mich auf diesen perfekten Tag gefreut. Karneval in Venedig, erste Reihe. Das war die Aufgabe.
Ich schneiderte mir aus der Flamingotapete ein luftiges Hemd, fühlte mich beschwingt und frei. Die Federboa schmückte meinen Hals, die Schokoladenmaske tarnte mich. Meine Gesichtshaare hatte ich entfernt, ebenso die Haare in der Nase und in den Ohren mit dem Nasen-und Ohrenschneider beseitigt, für einen perfekten Sitz der Maske.
Wie sollte ich aber nach vorne kommen, weit nach vorne, in die erste Reihe? Die Krücke würde mir helfen, dachte ich. Aber der Trick misslang, weil mindestens 50 Leute auf Krücken und Rollstühlen versuchten, nach vorne zu kommen. Der Versehrtentrick. Bedauerlich für die wirklichen Menschen mit Handicap.
Ich hatte kein Alleinstellungsmerkmal als Versehrter.
Es fing dann auch noch an zu regnen, die Maske zerlief, das Tapetenhemd löste sich auf, wie der Carneval.

Der Bestattermeister

Der Bestattermeister

Gelegentlich treffen sich die Zeit und der Tod im Raum der Zeit zu einem Gedankenaustausch.
Sie sind allein bereits durch Millionen von Jahren verbunden. Wie immer streiten sie sich um die Henne und das Ei. Belustigt gehen sie der Frage nach, wer war zuerst da.
„Ich natürlich, sagte der Tod, denn ohne den Menschen mit seiner Angst vor mir, gab es überhaupt kein Bewusstsein von Zeit.“
„Du bist lediglich mein Gehilfe, Tod, ohne eine Zeit, die im Denken der Menschen vergeht, gäbe es dich nicht.“
„Nun, so einfach ist das nicht. Vielmehr ist es genau anders herum. Da du aber gerade das Thema Gehilfe ansprichst: Ich habe viele Gehilfen. Vertrauenspersonen und schwarze Schafe. Ich denke über eine weitere Professionalisierung im Umgang mit mir nach. In Hamburg habe ich meinen ersten Bestattermeister bekommen.“
„Der hat doch mit dir gar nichts zu tun, Tod.“
„Ich bin seine Geschäftsgrundlage.“
„Nur vorübergehend, eine Weile.
„Für immer.“
„Alles löst sich auf, nur ich nicht. Ich werde noch da sein, wenn du tot bist.“
Tod: „Ich werde niemals sterben.”
„Doch, doch, wenn alle Lebewesen gestorben sind, die Erde verglüht ist, dein Werk vollendet ist, wird es dich nicht mehr geben, du wirst mit untergehen. Genaugenommen wahrscheinlich schon früher, weil die Tiere noch leben, wenn die Menschheit ausgestorben ist. Keiner wird dich fürchten, weil die Tiere in ihrem Verständnis nicht sterblich sind. Ich allein bleibe in meinem weiten Raum, denn ich werde noch lange gebraucht”. Die Zeit streckte sich genüsslich.
„Das ist mir zu philosophisch.“
„Du fürchtest dich vor dir selbst, scheint mir.“
„Es ist weit weg, wenn überhaupt, hypothetisch. Die Menschen werden andere Planeten erobern. Aber lass uns noch ein wenig die Erde genießen. Meine Zeit mit meinen Bestattern.“
„Die sehen dich doch gar nicht. Wenn sie kommen, bist du doch schon wieder weg.“
„Manche spüren mich noch, jedenfalls ein guter Bestattermeister. Wie der aus Hamburg.“
„Ein Profi“
„Ich habe ihn ausgesucht. Eigentlich wollte er Arzt werden. Ich habe ihn eingeladen, sich das Bestatter Handwerk anzusehen. Ein harmloses Praktikum. Er konnte nicht nein sagen.“
„Dennoch: Persönlich sieht er dich nicht.“
„Gut, dann mein Werk. Ich will heute nicht streiten, das hasse ich auf den Tod. Ich kann einiges bieten, sehr flexibel sein.
Einzelne im Schlaf, im Auto im Sekundenschlaf, eine schöne, sehr angenehme Variante. Feuer schicke ich manchmal. Oder ich vernichte Massen. Das brauche ich Dir nicht zu beschreiben. Es nichts auch nichts für meinen Bestattermeister. Aber du kennst ja die Schleifen und meine ertragreichsten Arbeiten. Man sagt, die Zeit wiederholt sich. Oder mit der Zeit wiederholt sich die Geschichte.“
„Nein, nein, wie langweilig. Das bist nicht du, das bin ich. Du kannst nichts wiederholen. Ich muss mich auch nicht wiederholen, dass sagte ich doch bereits. Ich bin immer überall, du kannst, wie auf in der Achterbahn, mit mir oder durch mich zu jedem Zeitpunkt reisen. Das Licht der Sterne hat an jedem Punkt der Reise durch das Weltall eine andere Zeit. Die Menschen lassen mich wiederkehren. Für die Lebewesen unfassbar. Obwohl sie doch die Ewigkeit wollen. Sie wollen ihre Asche als Edelstein gepresst. Meinetwegen als Diamant. Das hast du mir selbst berichtet, lieber Tod. Es ist nicht überall erlaubt, aber es ist möglich. Als Diamant in die Ewigkeit. Die Ewigkeit, das bin ich, nicht du. Ich lasse dich lediglich in mir auftreten. Ohne mich bist du gar nicht anwesend. Würde es mich nicht geben, bliebe nur ein Universum, ein Raum. Erst durch mich wurde er schließlich gekrümmt. Ich kann Schleifen machen, das Universum als Nussschale gestalten. Ich kann die Menschen gegen mich kämpfen lassen. Sinnlos, übrigens. Sie versuchen ihr Leben zu verlängern und denken in der Kategorie der Zeit. Wie absurd. Am Ende stehst Du. Den Menschen wird einfach langweilig, sie erdenken totalitäre Systeme, mit vielen Toten, dein Feld, sodass die Masse an Bedeutung verliert. Es ist also eine Frage der Betrachtung.“
„Das bin ich auch. Es ist, wie du sagst, eine Frage der Betrachtung. Ein gutes Stichwort. Ich empfinde mich als unentbehrlich. Nicht alle teilen meine Meinung. Auch für meinen Bestatter Tobias stellt sich die Frage der Betrachtung. Für ihn bin ich eine professionelle Begegnung. Wie schon gesagt, begegnen wir uns nicht wirklich. Aber er begegnet den Angehörigen der Verstorbenen und spricht mit ihnen über mich. Das ist doch beinahe so, als wäre ich dabei. Also der Bestatter hat es nicht mit dem Tod, mit mir, sondern mit den Angehörigen zu tun.
„Vielleicht kannst du ein schöner Tod sein! Mit deinem Bestatter. Sieh, wie angenehm er sein Geschäft gestaltet. Du kommst durch eine gläserne Eingangstür, Licht durchflutet. Setzt dich in einen bequemen Sessel, Kaffee wird dir auf einem Glastisch serviert. Es ist sehr angenehm für die Hinterbliebenen. Du bist schon fort, oder bist du manchmal noch da?“
Ich bin genauso universell wie du, liebe Zeit, ich kann mit dir überall sein, wie gesagt gleichzeitig, ein unsinniges Wort, ja, ja. Aber ich folge dir einmal in deinen Ausführungen. So genau habe ich mir noch gar nicht alles angesehen. Es gibt natürlich Momente des Bedauerns, kurz. Manchmal passe ich nicht auf. Ich muss ja liefern, wenn die Menschen zu viele Kriege führen. Da kann es schon einmal zu Irrtümern im Alltag kommen.“
„Nehmen wir doch einmal den Alltag in diesem Hamburg da. Genießt du die angenehme Atmosphäre? Freut es dich, dass du die Hauptrolle spielst?“
„Nur der erste Schreck lässt mir die Hauptrolle. Dann sind es der Bestatter und die Hinterbliebenen, die wichtig werden. Ich bin nicht mehr wichtig, denn ich habe nur kurz vorbeigeschaut oder gar nur meinen Hauch gesandt. Im Wesentlichen gebe ich den Menschen den Sinn für ihr Leben. Dafürkönnten sie mir dankbar sein. Das fällt ihnen schwer, ich weiß. Aber ich finde es begrüßenswert, wenn sie den Abschied aus dem Leben gefühlvoll und professionell zu gestalten.“
Weiterlesen „Der Bestattermeister“

Aldidente und Testosteron – wie es weiter geht

Frank der Anwalt gab sich große Mühe, Frau Markmann mit den wesentlichen Prinzipien seiner Ablage, der Korrespondenz und dem Umgang mit seinen Mandanten vertraut zu machen. Schnell stellte er fest, das die Office-Programme und Outlook nicht so ihr Ding waren. Frank war geduldig, zumal er es genoss, wenn Frau Markmann neben ihm saß, was ja unbedingt erforderlich war, wie er fand, wenn man gemeinsam auf den Bildschirm schaute; fragte, und erklärte. Er fühlte sich wohl, wenn sie mit ihren langen, kräftigen Beinen neben ihm saß. Beine, die ihn manchmal leicht touchierten, wenn sie sich vorbeugte, um einen besseren Blick auf den Monitor werfen zu können. Er erklärte ihr das digitale Ablagesystem. Sie wirkte konzentriert, konnte die Aufgaben allerdings nicht besonders schnell erfassen. Frank gestand sich ein, dass er ein wenig enttäuscht war. Eine weitere Enttäuschung in der ersten Woche war ihre Ankündigung, dass sie pünktlich weg müsse. Ein Freund würde sie abholen. Ihr Freund. Das hatte sie gesagt, als er sie zum Essen einlud. Am Abend, nicht mittags. „Ihr Freund ist doch da kein Problem? Oder? Wir könnten uns in lockerer Umgebung einfach mal eine Rückmeldung geben, wie der Einstand so läuft.“
Er sah sie ihr länger als notwendig in die Augen. Sie sog wieder auf ihre spezielle Weise die Luft durch die Nase.

Anke Markmann fühlte sich geschmeichelt, aber dennoch nicht wohl dabei, mit Ihrem Chef Essen zu gehen. Eine unerwünschte Intimität, auf die sie sich vielleicht einlassen müsste. Nicht körperlich, nein, so empfand sie das nicht. Eher als ein Eindringen in Ihre sorgsam gestaltete Fassade. Sie kam gut zurecht in ihrem Leben. Ein Leben mit zwei Kindern von zwei Vätern und dem Attribut der Alleinerziehenden Mutter, mit wenig Geld. Es reichte aus, die kleine Wohnung zu bezahlen und den Kindern das Nötigste zu bieten. Vor allen Dingen Zeit.
Sie hatte es gerade geschafft, sich von Eberhardt zu lösen, dem Fotografen, der immer nur mit ihr ins Bett wollte. Er war ein körperlich ein eher unattraktiver Mann, aber ziemlich auf Sex fixiert. Wann ficken wir wieder, schrieb er ihr auf Postkarten. Sie hatte Lust, aber er war nicht ihr Typ. Eberhardt war viel auf Reisen, sie trafen sich immer spontan und nur zu diesem einen Vergnügen.
Und sie hatte im Alltag Ruhe vor ihm. Alle Freiheit der Welt.
Wie sollte sie ein Abendessen überstehen, ohne diese Welt zu öffnen? Und sie hatte doch im Internet nach dem Traummann gesucht. Neununddreißig war sie jetzt. Da sollte noch etwas kommen. War sie schon bereit dazu, im wirklichen Leben? Ihre Therapeutin hatte ihr dazu geraten. Sich einzulassen auf das Leben.

Frank hatte das mit dem Freund ignoriert. Er war jetzt mitten im Leben, das war seine Zeit, glaubte er. Ich muss zugreifen und nehmen, was mir das Leben anbietet. Geschieden, eine Ex die sich als Schauspielerin verstand und ihren Lebensunterhalt als Sprach-Lehrerin verdiente. Und ein Kind, eine Tochter an der er hing. Außerdem viele Fehlversuche auf Resteficker-Ü-30 Parties, wie er seine Partnersuche bewertete. Konventionen? Was spielen die für ihn noch eine Rolle. Frank dachte sich mutig. Das Abendessen mit Frau Markmann. Er würde das schon hinkriegen. Etwas unverbindliches in vertrauter Umgebung, aber nicht zu nah an ihrem Kiez. Die Palette in Eppendorf. Das würde gehen. Oder doch besser bei ihr um die Ecke. Abendrothsweg. Da gab es ebenfalls genügend Restaurants. Er würde reservieren, sicher ist sicher.
Der Abend in der Palette ein paar Wochen zurück. Frank musste akzeptieren, dass Frau Markmann, Anke nach einem Glas Wein, keine Beziehung wollte. „Ich habe einen Freund, aber nur noch platonisch seit einiger Zeit und fühle mich gut allein mit meiner Tochter“. Sie verschwieg ihre Partnersuche im Internet, ging Frank, wie sie ihren Chef jetzt nannte, ja auch nichts an. „Da haben wir ja etwas, was uns verbindet“, freute sich Frank, obwohl er das mit der Tochter bereits wusste. Er konnte die widersprüchlichen Botschaften von Anke nicht entschlüsseln. Ein knallroter Mund, knallrot lackierte Fußnägel in leichten Sandalen kurz vor Weihnachten. Eine leichte Jacke, darunter eine leichte Bluse. Aber sie will keine Beziehung. „Was treibst du denn so in deiner Freizeit?“, fragte er und biss sich hinterher fast die Zunge ab. Was treibst du, wie blöd war das denn. Doch sie antwortete entspannt, und spielte fast gelangweilt mit ihrer Gabel im Salat herum. „Ich bin mit Freunden unterwegs, und Freundinnen“ ergänzte sie amüsiert, als sie seinen irritierten Blick sah und strich dabei ihm leicht über seine Hand. „Manchmal tanze ich Salsa. Bin aber nicht wirklich eine gute Tänzerin.“
„Ich gehe auch gern tanzen,“ freute sich Frank, wollte aber nicht sagen, wo. Das mit den Ü-Parties war ihm peinlich. Anke hatte darauf nichts gesagt. Er tanzte außerdem Tango, aber noch nicht so gut, dass er sie überreden wollte, mitzukommen. Er fühlte sich noch genötigt, über die Arbeit zu sprechen, wie: freundlich am Telefon sein, vielleicht mal einen Office-Kurs belegen, was sie sich denn so vorstellte. Sie stellte sich flexibles Kommen und Gehen vor.Zu Abschluss des Abends hatte er sie in der Nähe ihrer Wohnung abgesetzt.

Dann stand Silvester vor der Tür.

Die Verhaftung 1936

Text aus: „Die Kunst des Selbstrasierens“. Hamburger Sozialdemokraten im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Feldhausverlag Hamburg.

 

27. April 1936, die Verhaftung

Heinz`Mutter fühlte ihr Blut zu Kopf steigen. Sie amtete schwer. Die Schwestern sahen sich unsicher an, wer würde morgens um sechs Uhr vor der Tür stehen? Die Mutter hatte diesen Tag seit Langem mit heimlichen, oft unterdrückten, abendlichen Tränen erwartet. Da standen sie. „Wohnt hier Heinz Gärtner?“ Eine spitze, laute Stimme, gepolsterte Schultern auf einem langen Mantel. Blasse Gesichter, es schien, als standen Totenköpfe vor der Tür. Ein Blick aus Gesichtern, die einen ersten Eindruck vom Henker zu geben schienen, andererseits aber wieder relativ normal auf Heinz wirkten. Dieser Standard-Gesichtsausdruck der Gestapo, der Ausdruck der Macht sonst unwichtiger Personen, würde sich in den nächsten acht Jahren ihrer Gestapostätigkeit schon noch entwickeln. Die Macht des Systems stand vor der Tür. Die mit dem Speckhaken, wie Heinz sie abfällig, belustigt kennzeichnete. An diesen Speckhaken war jetzt nichts Belustigendes mehr.

Gestapo. Heinz hatte gehofft, dass dieser Tag nicht kommen würde, glaubte aber immer, darauf gefasst zu sein. Auch wenn er es vorher gesehen hatte, dass dieser Tag kommen würde – er hatte diese Möglichkeit immer wieder verdrängt. Der 27. April sollte ein ganz normaler Tag werden. Die Sonne würde heute zwar nicht scheinen, das Kopfsteinpflaster aber wie immer vom Hufgeklapper der Kaltblüter widerhallen, die sich sicher die Straße mit ein paar Automobilen teilen würden. Die Läden würden öffnen. Der Bäcker, der Fahrradladen, der Inhaber wie immer im braunen Cordanzug. Heinz war der Meinung, es müssten mindestens drei Anzüge sein, nicht jeden Tag derselbe. Heute konnte Heinz ihm nicht mehr helfen. Im Sommer letzten Jahres hatte er im Fotoladen assistiert und gelernt, wie man einen Film mithilfe des Sonnenlichts entwickelt. Dann als der Fahrradladen dort eröffnet wurde, hatte er mit geschraubt und geputzt. Die Wohnung in der Peter-Marquard Straße lag etwas im Schatten der Bäume, die die Straße säumten. Eine ruhige Straße, die an den lebendigen Mühlenkamp grenzte.

Heinz überraschten diese Gedanken. Er hätte mehr Angst haben müssen, aber die Tagebücher waren versteckt, in die er seit langer Zeit keine Einträge mehr gemacht hatte. Die Gruppentagebücher gab es noch, aber die waren auch auf dem Dachboden von Tante Bertha untergebracht. Nichts war mehr im Haus, was verdächtig war. Vielleicht hätte ich doch alles vernichten müssen, warf er sich vor. Ich habe kalte Hände, dachte er. Er fühlte sich langsam zu einem steifen Stock werden, die Zeit schien stehen zu bleiben.

Sein Vater drückte ihm fest die Hand. Das schmale Gesicht blass, zum schwarzen Schnauzer in scharfen Kontrast. Auf der Glatze kleine Schweißperlen. Worum es ginge, versuchte er zu fragen. „Wir müssen ihren Sohn mitnehmen, Sie wissen schon warum.“ Diskussionen waren zwecklos, das wussten alle. Alle schwiegen. Heinz, seine Schwestern und seine Mutter. Mach dir keine Sorgen, ich bin heute Abend wieder da, versuchte er sie zu beruhigen. Sie drückte ihn heftig, schluchzte, hielt sich an ihrem Mann Heinrich fest.

Heinz würde sie nie wiedersehen.

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