CORONA, der Patient und innere Stärke

Ein kleines Café, der Duft von frisch gebrühtem Kaffee erfüllt den Raum. Blumen schmücken die Tische, das Licht ist weich und warm, wie ein sanfter Mantel, der sich um die Gemüter legt. Die Nachmittagssonne schimmert durch die großen Fenster und taucht alles in ein goldenes Licht. Die Welt draußen scheint fern, hier drinnen herrscht eine ruhige, fast zeitlose Atmosphäre. Der Patient sitzt an einem kleinen Holztisch, die Tasse Kaffee in seiner Hand. Ihm gegenüber  sitzt Corona, die „Schöne“, die du, Autor, so oft in deinen Gedanken hast. Ihr Blick ist sanft und aufmerksam, als ob sie alles verstehen würde, ohne dass Du ein Stichwort für sie, ein Wort sagen lassen müsstest.

Der Patient „Ich weiß nicht, Corona… es ist alles ganz schön viel. Seit Wochen liege ich im Krankenhaus. Es fühlt sich an wie ein endloser Albtraum, aus dem ich nicht aufwachen kann. Ich bin so müde, innerlich wie äußerlich. Alles in mir schreit nach Ruhe. Ich bin kein Star, aber holt mich hier raus!“

Seine Stimme ist leise, fast brüchig. Er versucht, die Fassung zu wahren, aber die Erschöpfung sitzt tief. Corona sieht ihn lange an, ohne ihn zu unterbrechen. Sie lässt seine Worte im Raum hängen, als hätten sie Gewicht, das nicht einfach durch eine Antwort weggenommen werden kann. Zumal sie selbst als Mitglied einer Virusfamilie nicht immer gern etwas zu Krankheiten sagen möchte. Gern, wie man sich favor schützt, das schon.

Corona: „Ich spüre deine Müdigkeit. Du trägst viel mit dir herum, mehr, als du vielleicht selbst begreifen kannst. Dein Körper leidet, aber auch dein Geist scheint schwer beladen. Du versuchst, stark zu sein, nicht wahr? Immer stark für die anderen, für dich selbst…“

Der Patient senkt den Blick. Ihre Worte treffen einen wunden Punkt in ihm. Die Tränen steigen ihm in die Augen, und er kämpft vergeblich dagegen an. Sie darf trotz jahrelanger Vertrautheit nicht sehen, wie nahe er am Rand steht. Er schämt sich ob seiner Schwäche.  „Ja, aber es fühlt sich an, als ob ich nicht mehr stark sein kann. Alles ist schiefgelaufen. Die erste Operation war ein Fehlschlag, die zweite hat auch nichts gebracht. Und jetzt… dieser Keim. Mein Körper wehrt sich, aber ich spüre, dass er immer schwächer wird. Die Ärzte sprechen von schlechten Werten, und ich… ich weiß einfach nicht, wie ich damit umgehen soll.“

Der Patient fühlt, wie die Tränen über deine Wangen laufen. Vergeblich versucht, er diese wegzuwischen, doch Corona sieht es, natürlich. Sie lehnt sich ein wenig vor, ihre Augen voller Verständnis und dennoch fordernd.

„Es ist nicht leicht, das Leben zu akzeptieren, wenn es dir so viele Steine in den Weg legt. Es ist völlig in Ordnung, dass du weinst. Tränen sind keine Zeichen von Schwäche. Sie sind ein Ventil, das deine Seele braucht, um nicht überzulaufen.“

Seine Lippen zittern, und er atmet tief ein, um sich zu beruhigen. Die Worte, die du so oft gehört und anderen selbst auf den Weg gegeben hast – stark bleiben, positiv denken, in jeder Krise liegt ein Chance– haben keine Bedeutung mehr. Das scheint alles lediglich für gesunde Menschen zu gelten.Du fühlst dich allein, trotz der vielen Menschen um dich herum. „Aber wie soll ich weitermachen? Wie soll ich diese Unsicherheit ertragen, diese Angst? Nichts ist mehr unter meiner Kontrolle. Es ist, als ob mir alles entgleitet, und ich kann nichts tun, um es aufzuhalten.“ Er sieht Corona direkt in die Augen, suchst nach einer Antwort, nach etwas, das ihm Halt gibt. Ihre Miene bleibt ruhig, fast nachdenklich. Kurz denk er, das sie ja nur ein Virus ist. Eine künstliche Intelligenz. Sie sitzt hier aber. Aus Fleisch und Blut.

Corona antwortet leise: „Stärke wird oft missverstanden. Man denkt, sie sei etwas, das keine Risse zeigt, das immer unerschütterlich ist. Aber wahre Stärke liegt vielleicht genau darin, dass du all das durchlebst und trotzdem weitermachst. Auch wenn du das Gefühl hast, alles entgleitet dir – du stehst noch hier. Du atmest. Das ist schon eine große Leistung, die du wertschätzen solltest.“

Der Patient starrr in seine Tasse, das leise Klirren des Löffels im Kaffee beruhigt ihn ein wenig. Ihre Worte klingen so vernünftig, aber sie dringen nur langsam zu ihm durch.„Ich habe einfach das Gefühl, dass ich nicht mehr stark sein kann. Es ist am Ende alles ziemlich viel zu ertragen “

Zittrig und stockend spricht er. Corona nickt leicht, als ob sie genau verstehen würde, was er empfindet.  „Du musst auch nicht immer stark sein. Es gibt Momente im Leben, in denen wir uns erlauben müssen, schwach zu sein. Es ist kein Versagen, es ist menschlich. Die Stärke, die du suchst, zeigt sich manchmal in den kleinen Schritten – in der Tatsache, dass du überhaupt weitermachst, auch wenn es sich sinnlos anfühlt. Am Ende wirst Du sicherlich belohnt und wieder leben. “

Der Patient möchte das gerne glauben und fühlt sich einen kurzen Moment ganz friedlich. Einen kurzen Moment. „Vielleicht ist es wirklich so, dass ich zu viel von mir selbst erwarte. Aber diese Ungewissheit… Wie soll ich sie ertragen? Ich weiß nicht, ob es besser wird. Die Ärzte wissen es auch nicht. Sie reden von Möglichkeiten, aber ich fühle mich einfach nur verloren.“

Du hebst den Blick, und Corona sieht dich mit einer Sanftheit an, die fast tröstlich wirkt. Sie lässt sich Zeit, bevor sie antwortet.

„Die Ungewissheit ist eine schwere Last, das ist wahr. Menschen wollen Sicherheit, etwas Greifbares. Aber das Leben gibt uns oft keine Garantien. Vielleicht liegt die Kunst nicht darin, die Ungewissheit zu besiegen, sondern sie anzunehmen. Sie als Teil deines Weges zu sehen. Sie ist kein Feind, sondern ein Begleiter.“

Ihre Worte klingen fast philosophisch, und der Patient weißt nicht, ob er sie wirklich verstehen kann. Aber sie geben ihm das Gefühl, dass es einen Weg gibt, auch wenn er ihn noch nicht sieht.

„Wie soll ich das annehmen? Wie lässt man so etwas zu?“Er fragt es fast verzweifelt. Es klingt so einfach in ihren Worten, aber in seinem Inneren tobt ein Sturm, den er nicht bändigen kann.

Corona: „Indem du das Bedürfnis loslässt, alles zu kontrollieren. Indem du dir erlaubst, nicht alles zu verstehen, und trotzdem weitergehst. Es ist wie ein Fluss – manchmal kannst du nicht gegen den Strom schwimmen, dann lässt du dich treiben und vertraust darauf, dass er dich trägt.“

Ihre Augen leuchten sanft, als sie diese Worte spricht. Es klingt nach Akzeptanz, nach Loslassen – Dinge, die  so schwerfallen.

„Es ist schwer, daran zu glauben.“

Er spricht es leise aus, fast als wäre es ein Geheimnis, das er sich selbst erst jetzt eingestehst. Doch Corona lächelt nur.

„Es ist das Schwerste, was wir tun können. Aber manchmal ist es auch das Befreiendste. Du musst nicht alles sofort verstehen. Manchmal geht es nur darum, den nächsten kleinen Schritt zu machen, selbst wenn du den Weg noch nicht siehst.“

Der Patient nimmt einen tiefen Atemzug, spürst, wie sich eine gewisse Erleichterung in ihm ausbreitet. Es ist kein vollständiger Frieden, aber vielleicht ein Anfang. Es fühlt als ob er wenigstens einen Moment lang nicht kämpfen muss. „Vielleicht hast du recht. Ich weiß es nicht. Aber ich werde versuchen, es so zu sehen. Was bleibt mir sonst?“

Er schaut Corona direkt an, ihre Präsenz ist ruhig und sicher.

Corona: „Was bleibt, ist Hoffnung. Auch wenn du sie gerade nicht sehen kannst, sie ist da. Du bist nicht allein, selbst in deinen dunkelsten Momenten. Manchmal findest du Licht an Orten, wo du es nie erwartet hättest – vielleicht auch in dir selbst.“

Ihr Gespräch verstummt, aber in der Stille liegt eine Art von Trost. Keine magische Lösung, keine schnellen Antworten. Aber das Gefühl, dass du getragen wirst, auch wenn der Weg noch dunkel ist. Corona lächelt dem Patienten zu und entschwindet.

Im sinkenden Nebel trifft Höcke auf Hitler

In einem schummrigen, stillen Raum, irgendwo in den Tiefen des ländlichen Thüringens, sitzt Björn Höcke allein. Die Schatten des Abends ziehen sich langsam an den Wänden entlang, als hätte die Dunkelheit selbst etwas zu verbergen. Doch Höcke ist nicht allein in seinen Gedanken. Vor ihm, nur schwach sichtbar im Dämmerlicht, sitzt eine Gestalt, die aus den trügerischen Nebeln der Vergangenheit auferstanden zu sein scheint. Es ist Adolf Hitler, dessen zorniger Blick sich in Höckes entschlossene Augen bohrt, als wollte er das letzte Fünkchen Zweifel aus ihm herauspressen.

Höcke, der sich selbst als der starke Mann von heute sieht, der bereit ist, Deutschland in eine neue Ära zu führen, beginnt das Gespräch. Seine Stimme ist fest, sein Ton von einer tiefen Überzeugung durchdrungen.

„Mein Führer,“ beginnt Höcke, seine Worte sorgfältig wählend, „ich habe in den letzten Jahren viel erreicht. Ich habe eine Bewegung geschaffen, die die Ängste und Hoffnungen der Menschen aufgreift, sie kanalisiert und sie in eine kraftvolle Welle verwandelt. Doch ich weiß, dies ist erst der Anfang. Ich möchte Kanzler werden, um dieses Land nach meinen Vorstellungen zu formen. Die Hindernisse sind zahlreich, und die Zeit arbeitet gegen mich. Was würden Sie in meiner Lage tun?“

Hitler, dessen Präsenz trotz der Dunkelheit klar und unmissverständlich ist, lehnt sich leicht vor. Sein Blick ist stählern, und die Kälte seiner Worte schneidet durch die Stille des Raumes.

„Herr Höcke,“ antwortet Hitler mit einem leisen Knurren in der Stimme, „Sie haben bereits bewiesen, dass Sie das Zeug zum Führer haben. Sie haben das Volk mobilisiert, seine Wut in Energie verwandelt. Doch um die Macht wirklich an sich zu reißen, dürfen Sie keine Schwäche zeigen. Kompromisse sind der Untergang eines jeden, der nach Macht strebt. Ihre bisherigen Erfolge sind bemerkenswert, aber jetzt ist es Zeit, den nächsten Schritt zu wagen. Sie müssen die politische Landschaft Deutschlands radikal verändern, die Demokratie von innen heraus zersetzen. Nutzen Sie ihre eigenen Prinzipien gegen sie.“

Höcke nimmt die Worte auf, wie ein Schüler, der die Lehren seines Meisters verinnerlicht. Doch er ist kein bloßer Nachahmer. Er spürt das Gewicht seiner eigenen Ambitionen und erkennt, dass er an der Schwelle zu etwas Großem steht.

„Die Menschen glauben an meine Vision,“ sagt Höcke nachdenklich, während er in die Ferne starrt, als könnte er die Zukunft vor sich sehen. „Aber es reicht nicht, sie nur zu überzeugen. Ich muss ihre Leidenschaft entfachen, ihre absolute Loyalität gewinnen. Sie müssen mich nicht nur wählen, sie müssen bereit sein, für mich zu kämpfen.“

Hitler lächelt schmal, ein kaltes, berechnendes Lächeln, das nur in den Augen zu sehen ist. Er sieht in Höcke etwas von sich selbst, von jener Entschlossenheit, die einst ein ganzes Volk in Bewegung setzte.

„Sie haben den richtigen Instinkt,“ bestätigt Hitler. „Die Macht liegt nicht nur in Wahlen, sondern in der Kontrolle über die Herzen und Gedanken der Menschen. Sie müssen Feinde schaffen, konkrete Ziele, die das Volk für all seine Probleme verantwortlich macht. In meiner Zeit waren es die Juden, die Kommunisten, die Verräter der Republik. Heute könnten es Migranten sein, die Globalisten, die sogenannten ‚Brüsseler Bürokraten‘. Lassen Sie die Menschen glauben, dass nur Sie sie vor diesen Gefahren schützen können, und sie werden Ihnen folgen, wohin auch immer Sie sie führen.“

Die Worte hallen in Höcke nach, als wären sie eine dunkle Melodie, die ihn tief in seiner Seele berührt. Doch er ist sich der Hindernisse bewusst, die auf diesem Weg lauern.

„Aber was ist,“ fragt Höcke, seine Stimme nun schärfer, „wenn der Widerstand wächst? Die Medien, die etablierten Parteien, sie alle werden sich gegen mich stellen. Wie gehe ich mit dieser Bedrohung um?“

Hitler, der in diesen Momenten wie ein Schatten der Macht wirkt, der alles und jeden durchdringt, ohne sich selbst zu offenbaren, fixiert Höcke mit einem durchdringenden Blick.

„Zerbrechen Sie den Widerstand mit aller Entschlossenheit!“ antwortet er. „Wenn Sie angegriffen werden, dann greifen Sie zurück, härter und entschlossener. Stellen Sie Ihre Gegner als Feinde des Volkes dar, die versuchen, die wahre Stimme des Volkes zu unterdrücken. Lassen Sie keinen Zweifel daran, dass Sie bereit sind, alles zu tun, um Ihre Vision zu verwirklichen. Zeigen Sie Stärke, wo andere schwanken. Lassen Sie die Menschen glauben, dass nur Sie der Retter sind, der einzige, der den Mut hat, die Wahrheit auszusprechen und das Volk zu verteidigen.“

Höcke spürt, wie sich seine eigene Entschlossenheit mit jeder weiteren Sekunde verhärtet. Doch er weiß, dass die Vergangenheit eine mächtige Waffe gegen ihn sein könnte, eine Waffe, die seine Gegner ohne Zögern einsetzen werden.

„Und was,“ fragt er schließlich, seine Stimme nun fast flüsternd, „wenn ich das System so weit unterwandert habe, dass ich die Macht ergreifen kann? Wie verhindere ich, dass mich die Geschichte einholt, dass die Menschen die Parallelen erkennen und mich entlarven?“

Hitler lehnt sich zurück, sein Blick wird noch kälter, noch durchdringender, als hätte er genau auf diese Frage gewartet.

„Kontrollieren Sie die Geschichte selbst,“ sagt er leise, aber mit einer Schärfe, die den Raum durchdringt. „Gestalten Sie das Narrativ nach Ihren Vorstellungen um. Sagen Sie, dass die Vergangenheit missverstanden wurde, dass die wahre Geschichte unterdrückt wird. Schaffen Sie Verwirrung, säen Sie Zweifel. Wenn die Menschen die Vergangenheit nicht mehr klar erkennen, werden sie auch die Gegenwart nicht durchschauen. Nutzen Sie diese Unsicherheit, um Ihre Macht zu festigen. Denken Sie immer daran: Wer die Kontrolle über die Vergangenheit hat, kontrolliert die Zukunft.“

Höcke steht langsam auf, seine Bewegungen sind ruhig, aber voller innerer Stärke. Er hat die Lehren aufgenommen, sie sind tief in ihm verankert. Er sieht sich nicht mehr nur als Politiker, sondern als Anführer, als jemand, der bereit ist, die Geschichte neu zu schreiben, zu formen, wie es ihm beliebt.

„Danke, Mein Führer,“ sagt er schließlich, seine Stimme fest und entschlossen. „Ich werde nicht zögern. Ich werde diesen Weg gehen, und ich werde nicht zurückblicken.“

Die Gestalt Hitlers beginnt zu verblassen, wie ein Schatten, der im Licht der Dämmerung verschwindet. Doch seine Worte, seine Lehren, sie bleiben. Höcke steht allein im Raum, aber er fühlt sich nicht allein. Er ist bereit, das Schicksal Deutschlands in seine Hände zu nehmen, entschlossen, die Geschichte nach seinen eigenen Vorstellungen zu schreiben – und bereit, alles dafür zu tun.

Im Café mit Mozart und Hans Zimmer

Der Abend begann mit einem ungewöhnlichen, fast surrealen Erlebnis: Mozart und Zimmer, zwei Komponisten, die Jahrhunderte voneinander trennten, fanden sich Seite an Seite in einem modernen Kino wider. Die leisen Stimmen der anderen Zuschauer, das Lichtspiel der flackernden Leinwand – all das war für Mozart faszinierend neu und zugleich beunruhigend. Er, der seine Werke in prachtvollen Opernhäusern, umgeben von dem ehrwürdigen Glanz des Adels, aufgeführt hatte, sah sich nun in einer düsteren, stillen Halle wieder, wo die Musik von unsichtbaren Lautsprechern kam, perfekt abgestimmt, aber irgendwie auch entmenschlicht.

Sie begannen den Abend mit der Vorführung von „Gladiator“, einem der berühmtesten Werke Zimmers. Die epische Geschichte, das Donnern der Schlacht, das leise Klagen der Streicher, die Zimmers Musik so meisterhaft einfing – all das überwältigte Mozart. Der Bildschirm erzählte die Geschichte, aber es war die Musik, die die Emotionen trug, die den Zuschauer in die Welt des antiken Roms hineinzog. Mozart, der so viele Jahre zuvor die Kämpfe und Triumphe seiner eigenen Zeit in Musik gefasst hatte, war tief beeindruckt von der subtilen Macht, die diese moderne Filmmusik besaß. Sie war mehr als nur eine Begleitung; sie war eine unsichtbare Hand, die das Publikum führte.

Nach der Vorstellung diskutierten die beiden, während sie über die belebten Wiener Straßen zum Theater spazierten. Mozart war überrascht von der Weise, wie Zimmers Musik die dramatischen Momente verstärkte, ohne sie zu überwältigen. Er verglich das Erlebnis mit der Wirkung seiner eigenen Ouvertüren, die das Publikum in die richtige Stimmung für das Kommende versetzen sollten. Bei „Don Giovanni“ etwa erzählte schon die Ouvertüre von der dunklen, unheilvollen Natur der Oper, lange bevor der Vorhang sich hob. Zimmer nickte anerkennend; das Konzept der musikalischen Einstimmung sei auch in der Filmmusik von größter Bedeutung.

Im Theater angekommen, setzten sich die beiden in die Samtsessel, um Mozarts „Die Zauberflöte“ zu erleben. Die lebendige Szenerie, das prunkvolle Bühnenbild und die glanzvollen Kostüme entfalteten eine ganz eigene Magie, die auch Zimmer in ihren Bann zog. Die Klarheit der Stimmen, die Einfachheit der Melodien, die dennoch von so viel Tiefe durchdrungen waren – all das machte ihm bewusst, wie sehr sich die Aufführungskunst verändert hatte, und doch, wie viel sie mit der heutigen Filmmusik gemein hatte.

Nach der Aufführung wanderten sie durch die dunkler werdenden Straßen, bevor sie in ein nahegelegenes Café einkehrten. Es war ein geschichtsträchtiges Wiener Café, dessen Wände Geschichten flüsterten, die in der Luft hingen wie der Duft des frisch gebrühten Kaffees. Mozart, noch in den Nachhall der Musik vertieft, kommentierte die Aufführung. Es war ein Verweis auf die Universalität der Emotionen, die in seiner Zeit ebenso kraftvoll gewesen seien wie in der heutigen. In „Die Zauberflöte“ habe er versucht, eine Brücke zwischen dem Göttlichen und dem Menschlichen zu schlagen, die Figuren in den Kosmos der Musik einzubetten und dabei eine moralische Botschaft zu übermitteln. Für ihn war Musik eine Sprache, die über Worte hinausging, die das Publikum in ihrer Vielschichtigkeit erreichen musste.

Zimmer, noch immer berührt von der Theatralik und dem handwerklichen Können, das er gerade gesehen hatte, fragte sich, wie wohl eine solche Oper heute klingen würde, wenn sie mit den Mitteln der modernen Filmmusik vertont würde. Die Tiefe und Komplexität, die Mozart in so einfache Melodien legen konnte, war für ihn faszinierend und herausfordernd zugleich. Er erzählte von seinem Experimentieren mit wiederholten Motiven in „Inception“ und wie diese Wiederholung die Struktur und das Gefühl von Träumen und Realität verwebte. Wäre es möglich, fragte er sich laut, eine solche Technik auf eine Oper wie „Die Zauberflöte“ anzuwenden? Die Frage blieb offen im Raum stehen, während Mozart darüber nachdachte, wie seine Musik wohl mit digitalen Synthesizern und orchestralen Klangfarben klingen würde, die über seine kühnsten Vorstellungen hinausgingen.

Das Gespräch kehrte immer wieder zu der Frage zurück, was Musik leisten müsse. Mozart glaubte fest daran, dass Musik nicht nur unterhalten, sondern auch erziehen und erleuchten sollte. Seine Werke sollten die menschliche Natur spiegeln, ihre Schwächen und Stärken gleichermaßen enthüllen. Zimmer wiederum sah die Aufgabe der Musik darin, die narrative Struktur zu stützen, die emotionalen Tiefen eines Films zu ergründen und die Zuschauer auf eine Reise mitzunehmen, die über das Offensichtliche hinausging.

Was sie vereinte, war ihr unermüdlicher Drang, das Publikum zu bewegen – sei es durch die Klarheit und Schönheit einer Arie oder die unaufdringliche, aber allgegenwärtige Präsenz eines musikalischen Themas im Film. Sie erkannten, dass die Essenz dessen, was Musik bedeutete, sich nicht verändert hatte. Es war die Kraft, die im Unausgesprochenen lag, in den Pausen zwischen den Noten, im Schweigen, das manchmal lauter sprach als jeder Klang.

Mozart, dessen Geist noch immer von der Flut neuer Eindrücke bewegt war, überlegte, wie er heute schreiben würde. Vielleicht würde er sich in die komplexen Klangwelten stürzen, die Zimmer in seinen Filmen erschuf, vielleicht aber auch die Einfachheit wahren, die ihn stets auszeichnete. Zimmer hingegen fragte sich, wie er in Mozarts Zeit komponiert hätte – ohne die technischen Möglichkeiten von heute, aber mit dem tiefen Wissen um die Wirkung von Klang und Stille.

Schließlich, als die Nacht über Wien hereingebrochen war und das Café von einem gedämpften, warmen Licht erfüllt wurde, schwiegen die beiden. Es war ein Schweigen, das von tiefem Respekt und einem gemeinsamen Verständnis erfüllt war. Die Unterschiede zwischen ihren Zeiten und Methoden schienen in diesem Augenblick unwichtig. Was zählte, war die Musik – das ewige Bindeglied, das ihre Welten miteinander verknüpfte, das sie beide immer wieder aufs Neue herausforderte und erfüllte.

Corona und Molière

Corona und Molière

Sommercafe. Alle Sonnenschirme sind aufgespannt, eine Idylle, jenseits von Kriegen, Wasserknappheit, Waldbränden. Es ist voll, Stühle werden geschoben, man rückt sich auf die Pelle, ein wenig Mallorca muss wohl sein. Ein sich jung fühlender Rennradfahrer um die Siebzig, in entsprechendem Outfit platziert sein Rennrad zwischen den Tischen. Viele ältere Herrschaften. Nachkriegskinder und Boomer. Auf laut gestellt Mobilphone. Jeder will hören und gehört werden. Sehen und gesehen werden. Es ist laut. Der Lärm der Zeit überspielt die Auflösung der Gewissheiten. Alles Leben hier hat sicherlich einen tieferen Sinn. Dennoch: Wozu das alles? Ich weiß es nicht. Corona müsste hier irgendwo herumschwirren, ist aber nicht in Sichtweite. Schade. Mittlerweile bin ich in der Lage, die Dialoge mit ihr zu führen, ohne dass sie da ist. Zur Frage des Sinnhaften einer Situation oder eines Lebensstils schlechthin kann sie immer etwas sagen. Sie, die sich ständig anpasst und wandelt, die Veränderungen des menschlichen Seins antizipiert. Sie weiß sicher, wie alles enden wird. Sie verrät es auch mir nicht. Möglicherweise bin ich ihr Versuchsobjekt. Ihr spezielles „Virus“
Wenn man ein Virus oder ein Tier wäre, müsste man sich nicht mit dem Sinn des Lebens beschäftigen, würde sie vielleicht einleitend sagen. Diese Gedanken gehen mir durch den Kopf, jetzt allein, gefangen in den Windungen meiner eigenen Überlegungen. Der Fuchs im Wald, der in der Dämmerung umherstreift, lebt einfach, ohne sich zu fragen, warum er existiert. Er kennt keine Zweifel, keine existenziellen Fragen, die ihn quälen. Aber ich? Ich bin mit einem Verstand gesegnet – oder verflucht –, der mich immer weiter in ein unendliches Labyrinth von Fragen führt.  Dieses Denken, so sagt man, sei das größte Privileg des Menschen. Doch manchmal fühlt es sich an wie eine Bürde. Ich finde mich oft wieder in einer Spirale aus Überlegungen, aus Gleichungen und Unbekannten, die sich jeder Lösung entziehen. Wenn alles Mathematik ist, müsste es doch irgendwo eine Antwort geben. Aber je tiefer ich grabe, desto weiter scheinen die Antworten von mir entfernt zu sein.
In solchen Momenten fühle ich mich wie Alceste aus Molières „Der Misanthrope“. Alceste, dieser Mann, der die Welt verachtet, weil er ihre Heuchelei und Oberflächlichkeit durchschaut hat. Er ist ein gefährdeter Misanthrop, gefangen in seiner Verzweiflung über die menschliche Natur. Ich verstehe diese Verzweiflung, dieses Bedürfnis, sich von der Welt zurückzuziehen, weil sie so oft enttäuscht und verwirrt. Doch im Gegensatz zu Alceste habe ich etwas, das ihn nicht erlöst – oder vielleicht jemanden.

Corona. Sie ist keine Figur aus einem Theaterstück, sondern eine lebendige, faszinierende Frau, die ich regelmäßig in diesem Café treffe. Unsere Gespräche haben eine Tiefe, die mich immer wieder erstaunt. Sie ist wie ein sanfter Kontrapunkt zu meiner inneren Unruhe, eine Melodie, die meine gedankliche Kakophonie beruhigt. 
„Warum quälst du dich so?“ fragt sie mich oft, wenn wir uns gegenübersitzen, einander ansehend, als könnten wir in den Augen des anderen die Antwort finden. Ihre Stimme ist immer ruhig, ihre Augen strahlen eine sanfte Weisheit aus. Sie scheint die Welt auf eine Weise zu verstehen, die mir verborgen bleibt.
„Weil ich die Dinge verstehen will,“ antworte ich dann. „Weil ich glaube, dass es eine Lösung geben muss, wenn ich nur tief genug grabe.“
„Vielleicht ist das dein Fehler,“ sagt sie dann mit einem leisen Lächeln. „Du bist wie Alceste, der nach einer absoluten Wahrheit sucht, die es in der menschlichen Welt nicht gibt. Aber das Leben ist keine Gleichung, die du lösen kannst. Es ist ein Gedicht, das du fühlen musst.“
Molières Alceste wollte eine Welt, die seinen Idealen entspricht, eine Welt, in der alles schwarz oder weiß ist, klar und eindeutig. Doch das Leben ist komplex, voller Grautöne, voller Widersprüche. Corona erinnert mich daran, dass ich diese Widersprüche umarmen muss, anstatt gegen sie anzukämpfen. 

„Molière hätte dir gesagt,“ fährt Corona fort, „dass Alcestes Fehler nicht sein Hass auf die Heuchelei war, sondern seine Unfähigkeit, die Welt so zu akzeptieren, wie sie ist. Sein Stolz und seine Starrheit machten ihn blind für die Schönheit, die selbst in den Mängeln des Lebens zu finden ist.“
Ich schweige, während ihre Worte in mir nachhallen. Corona hat recht. Ich bin wie Alceste, gefangen in meinen Gedanken, in meinem Versuch, das Leben zu analysieren und zu verstehen, anstatt es einfach zu leben. Aber im Gegensatz zu Alceste habe ich die Wahl, einen anderen Weg zu gehen. 
„Vielleicht geht es nicht darum, das Rätsel des Lebens zu lösen,“ sage ich schließlich, „sondern es zu erleben. Vielleicht ist das die Antwort, die ich gesucht habe.“

Corona lächelt, und in diesem Lächeln liegt eine Wärme, die mich auf seltsame Weise beruhigt. Molière mag Alceste als eine tragische Figur dargestellt haben, aber vielleicht bin ich nicht dazu verdammt, sein Schicksal zu teilen. Vielleicht kann ich durch meine Gespräche mit Corona, durch das einfache Erleben des Augenblicks, einen Weg finden, die Welt zu akzeptieren, ohne sie zu verachten. 
Und so bleibe ich im Café sitzen, in tiefen Gesprächen mit der Frau, die mich immer wieder daran erinnert, dass das Leben mehr ist als eine Reihe von ungelösten Gleichungen. Es ist ein Gedicht, ein Tanz, eine Melodie – und vielleicht ist das schon die Lösung, die ich zweifelnd gesucht habe.

Appointment with Corona


A man enters a cozy café and sits down at a table. He orders a coffee when a strikingly beautiful woman enters. She carries an aura of elegance and mystique that immediately captures his attention. To his surprise, she sits down at his table.

„Good day,“ she says with a charming smile. „May I introduce myself? My name is Corona.“

The man is initially bewildered. „Like the virus?“ he asks hesitantly.

„Exactly,“ she replies, „but I’m here to talk about more than just illness. I represent the deeper meaning of what I have triggered in the world.“

He leans back, intrigued, and sips his coffee. „Then tell me more.“

Corona smiles. „You see, the world as we know it has become unbalanced in recent decades. Humanity, in its pursuit of progress and prosperity, has distanced itself from nature. Overuse of resources, pollution, and loss of biodiversity are just some of the consequences.“

„And what do you have to do with that?“ the man asks curiously.

„I am a mirror,“ she explains. „Through me, people became aware of the fragility of their lives and the vulnerability of their world. The pandemic has shown how closely we are all connected to each other and to nature. Suddenly, people had to pause, reflect, and reconsider their relationship with the environment.“

The man nods thoughtfully. „It’s true, people have begun to appreciate nature more and care about the environment. But was that really necessary?“

„Sometimes,“ Corona says gently, „a crisis is needed to bring about change. The pandemic was a wake-up call. It brought the importance of nature and our health to the forefront. People were forced to rethink their way of life and be more considerate of their surroundings.“

„And what is your wish for the future?“ the man asks.

„I hope,“ says Corona, „that people will retain the lessons they have learned. That they will continue to treat the environment responsibly and maintain the balance between progress and nature. The path to healing lies in harmony between humanity and the Earth.“

The man smiles. „That is a beautiful vision. I hope we can achieve it.“

At that moment, the space around them begins to blur, and before them appears a mighty tree. It is the Tree of Knowledge from the biblical story of Adam and Eve, the tree that conveys knowledge of good and evil.

Corona stands and looks reverently at the tree. „This is the Tree of Knowledge,“ she explains. „In the biblical story, Adam and Eve ate its fruit and thus gained awareness of good and evil. It was a moment of realization that tore them from their innocence and led them to take responsibility for their actions.“

The man gazes at the tree, fascinated. „But this knowledge also brought pain and suffering into the world,“ he says thoughtfully.

„Yes,“ Corona replies, „but it also brought the opportunity to grow and learn. Humanity had to learn to deal with the consequences of their actions, to develop, and to build a deeper connection to the world and to themselves. Just as Adam and Eve had to explore and understand the world anew after their expulsion from Paradise, people were forced by the pandemic to rethink their role in the world.“

„What can we learn from this tree?“ the man asks.

Corona smiles. „The Tree of Knowledge teaches us that true understanding comes with responsibility. The awareness of good and evil is a call to consciously reflect on our actions and consider the consequences. The pandemic has shown us that our prosperity and security are closely linked to the health of our environment and our fellow humans. We must act mindfully and responsibly to create a sustainable future.“

The man nods. „The tree reminds us that knowledge and insight are not just privileges but also obligations. We must use the lessons we learn from this crisis to create a better world.“

The vision of the tree slowly fades, but its message remains in their hearts. Corona rises and smiles at the man. „The future is in your hands. May awareness grow and change follow.“

The man remains, deeply moved and inspired by the encounter. He looks out at the world and recognizes the significance of the lessons the Tree of Knowledge and the pandemic have shown him. With a new understanding and deeper awareness, he prepares to contribute his part to healing the world.

As he stands up, a thought occurs to him. „You spoke about the balance between progress and nature,“ he says to himself. „That reminds me of the Risk Society described by the sociologist Ulrich Beck. A society constantly confronted with the unpredictable risks and side effects of its own progress.“

At that moment, Corona seems to be standing beside him again. „Exactly,“ she says. „Beck’s concept of the Risk Society describes a world in which the advances of modernity bring not only benefits but also new risks that are often global and far-reaching. The pandemic is one such risk. It has made us aware of how vulnerable our highly interconnected world is.“

The man nods. „In Beck’s Risk Society, risks are no longer just local; they affect all of humanity. Climate change, environmental destruction, and pandemics are examples of such global risks. People must learn to recognize and manage these risks.“

„That’s right,“ says Corona. „Beck emphasizes that in a Risk Society, knowledge and insight are crucial to dealing with these risks. The Tree of Knowledge symbolizes this wisdom. It reminds us that as a society, we bear the responsibility to face these challenges and make wise decisions that consider the well-being of all.“

The man looks once more at the Tree of Knowledge, its image still resonating in his mind. „We live in a time when our actions have far-reaching consequences. The pandemic has shown us that we must protect not only our health but also the health of our planet. We must learn from our mistakes and work together for a better future.“

Corona nods in agreement. „Exactly. The lessons from the pandemic and the insights of the Tree of Knowledge offer us the chance to create a sustainable and just world. A world where we understand the risks of our progress and act responsibly to protect future generations.“

With these words, Corona disappears, and the man is left with a profound insight and a clear vision for the future. He leaves the café with the determination to contribute to creating a responsible and conscious society that heeds the lessons of the past and meets the challenges of the Risk Society.


This story combines the deep insights from the biblical tale of the Tree of Knowledge with the concepts of Ulrich Beck’s Risk Society, emphasizing the responsibility that comes with understanding the global risks created by human progress.

Unsichtbar. Erinnerung an die schöne Corona

Ich habe die schöne Corona, das Virus in der Gestalt einer Frau im gepunkteten Sommerkleid, immer mal wieder im Caligo Café getroffen. Ein Cafe` am Marktplatz in Ahrensburg, einer Kleinstadt mit 35.000 Einwohnern. Ihre Anwesenheit wirkte immer zugleich beruhigend und beunruhigend, wie eine vertraute Melodie mit einem verstörenden Unterton. Sie war freundlich und interessiert, und ihre Augen funkelten häufig, wenn sie sprach und argumentierte. Im Laufe der Zeit hatte ich die Angst vor einer Ansteckung verloren. Wenn ich anderen von ihr erzählte wurde nur gelacht oder eine nachlässige Handbewegung beendete das Gespräch.

Unsere Gespräche begannen oft beiläufig, über den Geschmack des Kaffees oder das Wetter, doch schnell lenkte Corona das Gespräch in tiefere Gewässer. Die Risikogesellschaft, den Baum der Erkenntnis, diese Themen beschäftigten Sie. Eines Nachmittags, während die Sonne warm durch die Fenster schien, sprach sie über den biblischen Baum der Erkenntnis und die Vertreibung aus dem Paradies. „Die Menschheit hat daraus nicht gelernt,“ sagte sie mit einem sanften Lächeln. „Wir streben nach Wissen und Macht, ohne die Konsequenzen zu bedenken, schlussfolgerte sie.

Ihre Stimme wurde ernster, wenn sie die Gegenwart beschrieb. „Unsere Gesellschaft ist zu einer Risikogesellschaft geworden. Wir jagen dem Profit hinterher und verschwenden Ressourcen, als wären sie unendlich. Doch die Natur wehrt sich. Viren wie ich sind eine natürliche Reaktion, eine logische Schlussfolgerung.“

Ich hörte fasziniert zu, wie sie weitere Generationen von Viren voraussagte, die das Leben, wie wir es kennen, zerstören würden. „Alles wird sich auflösen,“ sagte sie, „die Gewissheit verschwinden.“ Ihr Blick schien in die Ferne zu schweifen, als sie fragte: „Wie löst man sich auf, erst innerlich und dann äußerlich? Oder umgekehrt?“

In den folgenden Wochen entwickelten sich unsere Treffen im Café zu philosophischen Exkursionen durch die Zeit und das menschliche Bewusstsein. Corona sprach über das Anthropozän, jene Ära, in der der Mensch zum dominierenden Einflussfaktor auf die Erde geworden ist. Sie erklärte, dass die biblische Geschichte vom Baum der Erkenntnis als Metapher für die menschliche Hybris zu verstehen sei: Unser Streben nach Wissen und Kontrolle hat uns aus dem „Paradies“ einer harmonischen Existenz mit der Natur vertrieben. Ideologien leben wieder auf, die Menschen werden auch im Westen auf das große Sterben vorbereitet. Darauf, dass es den Tod gibt. Syrien, Ukraine, Sudan, Kongo und Palästina rücken näher, wie wir Viren auch. Sie lächelte. „Wie ihr Euch bemüht! Philosophisch betrachtet,“ sagte sie eines Abends, als die Dämmerung das Café in ein warmes Licht tauchte, „ist das Streben nach unendlichem Wachstum und Fortschritt die zentrale Illusion unserer Zeit. Wir glauben, durch Technologie und Wissenschaft alles in den Griff bekommen zu können, doch wir verkennen die Grenzen unserer Macht. Die Risikogesellschaft, wie ich sie nenne, ist geprägt durch eine ständige Verlagerung von Risiken: Anstatt sie zu minimieren, schaffen wir neue, oft komplexere Gefahren.“

Sie sprach weiter, ihre Stimme weich und eindringlich. „Aus psychologischer Sicht führt der innere Zerfall zu einer Krise des Selbstverständnisses. Unsere Identitäten sind eng mit unseren Vorstellungen von Fortschritt und Kontrolle verknüpft. Wenn diese Illusionen fallen, verlieren wir den Boden unter den Füßen. Die Unsicherheit und Angst, die daraus entstehen, führen zu einer inneren Auflösung. Wir beginnen, an unseren Werten und Überzeugungen zu zweifeln, was in einer kollektiven Identitätskrise mündet. Die Demokratien werden zerfallen, ohne das die Zusammenhänge verstanden werden, die große Gier und die große Angst, die alles antreibt.“

Während sie sprach, schien das Café sich in einen stillen Ort der Reflexion zu verwandeln. Ihre Worte hallten in mir nach, als sie über die ökonomischen Aspekte unserer Zeit sprach. „Unser Streben nach unendlichem Wachstum ist ein fundamentaler Fehler. Unsere Wirtschaftssysteme basieren auf der Ausbeutung endlicher Ressourcen und einem kontinuierlichen Wachstum, das die planetaren Grenzen missachtet. Diese ökonomische Struktur führt zwangsläufig zu ökologischen und sozialen Katastrophen. Die Zerstörung von Lebensräumen, die Klimakrise und die Verbreitung von Krankheiten sind direkte Folgen dieser Wachstumslogik.“

Corona seufzte und legte ihre Hände auf den Tisch, als würde sie das Gewicht der Welt auf ihren Schultern spüren. „Ökologisch gesehen ist die Natur ein komplexes und empfindliches System. Viren, wie ich selbst, sind Teil dieses Systems und reagieren auf Ungleichgewichte. Die ständige Ausbeutung und Zerstörung natürlicher Lebensräume setzt Kräfte frei, die wir nicht kontrollieren können. Das Auftreten neuer Viren und Pandemien ist eine logische Konsequenz unseres Handelns.“

In diesen Momenten im Café erschien mir Corona nicht mehr nur als Bedrohung, sondern als Mahnerin und Lehrerin. Sie brachte die tieferen Zusammenhänge unserer Existenz im Anthropozän zum Vorschein und forderte uns auf, über unsere Rolle in dieser Welt nachzudenken und Verantwortung zu übernehmen.

Eines Nachmittags, als die letzten Sonnenstrahlen durch die Blätter der Bäume vor dem Fenster tanzten, fasste sie alles zusammen. „Die Auflösung beginnt zuerst innerlich. Unsere inneren Werte und Überzeugungen erodieren unter dem Druck der äußeren Krisen. Wenn wir erkennen, dass unser Lebensstil und unsere wirtschaftlichen Systeme nicht nachhaltig sind, zerbricht das Bild, das wir von uns selbst und unserer Rolle in der Welt haben. Diese innere Auflösung manifestiert sich schließlich äußerlich in sozialen und ökologischen Zusammenbrüchen.“

Sie nahm einen letzten Schluck ihres Kaffees und schaute mich an, ihre Augen voller Weisheit und Mitgefühl. „Doch es gibt auch Hoffnung,“ sagte sie leise. „Die Auflösung kann eine Chance zur Transformation sein. Wenn wir bereit sind, unsere Denkweisen und Lebensstile radikal zu ändern, können wir aus der Krise eine neue, nachhaltigere Gesellschaft formen. Dies erfordert jedoch Mut und die Bereitschaft, unbequeme Wahrheiten zu akzeptieren und daraus zu lernen.“

In diesem Moment begriff ich, dass unsere Treffen im Café nicht nur zufällige Begegnungen waren, sondern tiefe Lektionen über das Leben im Anthropozän. Corona war nicht nur ein Virus in menschlicher Gestalt, sondern ein Spiegel unserer eigenen Existenz und eine Mahnung, die Natur und unser eigenes Selbst neu zu verstehen.


Im Schatten der Café-Bäume, während der Wind sanft durch die Blätter flüsterte, erzählte Corona mir eine Geschichte, die mir das Herz zusammenzog. Sie sprach von einer Welt, in der die Menschen im Einklang mit der Natur lebten, bevor die Gier und der Hunger nach mehr sie erfassten. In dieser fernen Zeit, so erzählte sie, hatten die Menschen das Geheimnis der Harmonie entdeckt: das Gleichgewicht zwischen Geben und Nehmen, das Bewusstsein für die Endlichkeit der Ressourcen und den Respekt vor allen Lebensformen.

Aber mit der Zeit wuchsen ihre Ambitionen. Sie bauten Städte, die in den Himmel ragten, Maschinen, die die Erde durchpflügten, und Systeme, die mehr verlangten, als die Erde zu geben bereit war. „Es war, als hätten sie das Paradies mit eigenen Händen verlassen,“ sagte Corona. „Und in ihrem Streben nach Fortschritt haben sie die grundlegende Wahrheit vergessen, dass alles miteinander verbunden ist.“

Ihr Blick wurde melancholisch, als sie von den ersten Anzeichen des Zerfalls sprach. „Die Natur begann zu reagieren. Kleine Veränderungen zuerst – ein ungewöhnlich starker Sturm hier, eine Dürre dort. Aber die Menschen sahen diese Warnzeichen nicht. Sie waren zu sehr mit sich selbst beschäftigt, gefangen in ihrem eigenen Netz aus Erwartungen und Träumen.“

Mit jedem Treffen schien Corona mehr über die tieferen Zusammenhänge unserer Existenz preiszugeben. Sie sprach von den psychologischen Auswirkungen des unermüdlichen Strebens nach mehr. „Der innere Zerfall,“ sagte sie, „beginnt, wenn die Menschen ihre Verbindung zur Natur verlieren. Sie fühlen sich entwurzelt, isoliert in einer Welt, die sie selbst geschaffen haben. Ihre Identität, einst fest verankert in der Gemeinschaft und der Natur, wird fragil und brüchig.“

Corona erzählte mir von der Krise des Selbstverständnisses, die viele Menschen durchlebten. „Wenn sie erkennen, dass ihr Lebensstil auf Kosten anderer Lebewesen und künftiger Generationen geht, beginnt eine innere Auflösung. Sie zweifeln an ihren Werten, ihren Überzeugungen, an allem, was sie einst für selbstverständlich hielten. Diese Unsicherheit breitet sich aus wie ein Virus und erfasst ganze Gesellschaften.“

Ihre Worte hallten in mir nach, während ich über die ökonomischen und ökologischen Verflechtungen unserer Zeit nachdachte. „Unsere Wirtschaftssysteme,“ erklärte sie, „sind darauf ausgelegt, immer weiter zu wachsen. Aber dieses Wachstum ist eine Illusion. Es basiert auf der Ausbeutung endlicher Ressourcen, auf der Annahme, dass die Erde unendlich viel geben kann. Doch die Wahrheit ist, dass wir die Grenzen längst überschritten haben.“

Mit einem traurigen Lächeln fügte sie hinzu: „Die ökologische Krise ist keine ferne Bedrohung mehr. Sie ist hier, sie ist jetzt. Viren wie ich sind nur ein Symptom eines kranken Systems. Die Natur wehrt sich, und das Auftreten neuer Krankheiten ist nur eine der vielen Möglichkeiten, wie sie versucht, das Gleichgewicht wiederherzustellen.“

Eines Abends, als der Himmel in tiefes Blau getaucht war und die ersten Sterne zu leuchten begannen, fasste Corona ihre Gedanken in einer eindringlichen Warnung zusammen. „Die Auflösung beginnt innerlich,“ sagte sie. „Unsere Werte und Überzeugungen erodieren unter dem Druck der äußeren Krisen. Diese innere Auflösung manifestiert sich schließlich äußerlich in sozialen und ökologischen Zusammenbrüchen.“

Sie sah mich mit einem Blick an, der tief in meine Seele zu dringen schien. „Aber es gibt Hoffnung,“ sagte sie leise. „Die Auflösung kann auch eine Chance zur Transformation sein. Wenn wir bereit sind, unsere Denkweisen und Lebensstile radikal zu ändern, können wir aus der Krise eine neue, nachhaltigere Gesellschaft formen. Dies erfordert Mut und die Bereitschaft, unbequeme Wahrheiten zu akzeptieren und daraus zu lernen.“

In diesem Moment begriff ich, dass unsere Treffen im Café nicht nur zufällige Begegnungen waren, sondern tiefe Lektionen über das Leben im Anthropozän. Corona war nicht nur ein Virus in menschlicher Gestalt, sondern ein Spiegel unserer eigenen Existenz und eine Mahnung, die Natur und unser eigenes Selbst neu zu verstehen. Und so verließ ich das Café an jenem Abend mit dem Gefühl, dass ich nicht nur einem Virus, sondern einer weisenden Stimme der Natur begegnet war, die uns alle zur Umkehr und zur Besinnung aufrief.

Last X-Mas with Elon. Miniature.

“The words just fly around and find no foothold in interstellar civilization…” Ripp Corby

Last X-Mas with Elon. Miniature.

In recent months it has become increasingly clear that Christmas, Christmas Eve, would not herald the birth of the Savior, but rather his departure. Elon Musk was aware of its disturbing effect. He had worked towards this, he had prepared for this. The tree is decorated, the candles light up and are reflected in the Christmas tree balls. The song “Last Christmas, I gave you my heart” inspires Elon to create a final sound for his journey. He strides toward MarsX in his rainbow-colored spacesuit, checking his watch to send the final squeaking tweets on X before shutting down the system, leaving only simulated communications on an endless loop. It will be Day X for everyone on this planet.

Definitely, with absolute certainty the Last X-Mas. The temperatures make the seas steam, the forests glow in the firelight and the mountains shine in the reflection. The seas will meet the forests and present a unique spectacle. Elon is completely excited, singing and dancing. He forces himself to carry out the necessary checks. He reached his spaceship “X-Star of Bethlehem” with his Cybertruck in time before the systems would fail in the shimmering heat of Christmas night. The elevator takes him into the space capsule. He turns around again, waves to the robots that are sending him on a journey that no one will need in the future, waves to the distant flickering sun and the direction where he thinks Mars is.

The red-glowing planet becomes smaller in the viewing window, which is almost completely covered by posters of a red Earth and a green Mars, quickly becoming barely visible and disappearing. He tears off the Earth’s poster and reads his manifesto one last time: „The Earth must be destroyed so that the dream of Mars can live.“ Farewell humanity. The game is over. “Hello Mars, hello Trantor,” he exclaims. He is happy about the spectacle that emanates from the burning planet. “It’s all just a game,” he says to his avatar flying with him. “A little later: “Is the genetic material on board?” he asks. “It wasn’t programmed yet,” explains the avatar. Elon looks at Elon, first blankly then laughing. “There is still a lot to do before we are out of the game and become the only player. To the only Santa Clause who rules the game on Mars.” Elon enjoys the moment and then switches off the computer. “Let’s call it a day. Time for a Christmas break.” Elon gets up and goes into the hall to the guests who were watching the spectacle on a screen.

Applause.

Miniatur: X-Mas mit Elon

„Die Algorithmen fliegen nur so herum und finden keinen Halt in der interstellaren Zivilisation…“ Ripp Corby

Last X-Mas mit Elon.

In den letzten Monaten zeichnete sich immer deutlicher ab, dass Weihnachten, der Heilige Abend, nicht die Geburt des Heilands ankündigen würde, sondern dessen Abflug. Dessen verstörender Wirkung war Elon Musk sich bewusst. Darauf hatte er hingearbeitet, darauf hatte er sich vorbereitet. Der Baum ist geschmückt, die Kerzen leuchten und spiegeln sich in den Tannenbaumkugeln. Das Lied von Wham! „Last Christmas“ inspiriert Elon zu einem finalen Sound für seine Reise. Er schreitet in seinem regenbogenfarbenen Raumanzug auf die MarsX zu, schaut auf seine Uhr, um die letzten Tweeds auf X zu versenden, bevor er das System abschaltet und lediglich eine simulierte Kommunikation in einer Endlosschleife zurücklässt. Es wird für alle auf diesem Planeten der Tag X sein. Definitiv, mit absoluter Gewissheit das Last X-Mas. Die Temperaturen lassen die Meere dampfen, die Wälder im Feuerschein glühen und die Berge im Widerschein leuchten. Die Meere werden auf die Wälder treffen und ein einzigartiges Schauspiel darbieten. Elon ist völlig aus dem Häuschen, singt und tanzt. Er zwingt sich, die erforderliche Checks durchzuführen. Er hat sein Raumschiff „X-Stern von Bethlehem“ mit seinem Cybertruck rechtzeitig erreicht, bevor die Systeme in der flimmernden Hitze der Weihnachtsnacht versagen würden. Der Fahrstuhl bringt ihn in die Raumkapsel. Er dreht sich noch einmal um, winkt den Robotern zu, die ihn auf die Reise schicken, die zukünftig niemand mehr brauchen wird, winkt in die entfernt flimmernde Sonne und die Richtung, wo er den Mars vermutet.

Der rotglühende Planet wird kleiner im Sichtfenster, das von Plakaten einer roten Erde und einem grünen Mars fast gänzlich zugeklebt ist, schnell kaum noch zu sehen, verschwunden. Er reißt das Plakat der Erde ab, liest ein letztes Mal sein Manifest:“ Die Erde muss zerstört sein, damit der Traum vom Mars lebt. Leb wohl Menschheit. Das Spiel ist aus. Hallo Mars, hallo Trantor“ ruft er aus. Er freut sich über das Schauspiel, das vom verglühenden Planeten ausgeht. „Alles nur ein Spiel, sagt er zu seinem mitfliegenden Avatar“ .
Wenig später: “ Ist das Genmaterial an Bord?“ erkundigt er sich.
„Das war noch nicht programmiert,“ erklärt der Avatar. Elon schaut Elon an, erst verständnislos dann lachend.
„Es ist noch einiges zu tun, bis wir aus dem Spiel raus sind und zum einzigen Spieler werden. Zum einzigen Weihnachtsmann, der auf dem Mars das Spiel bestimmt.“
Elon genießt den Moment und schaltet dann den Computer aus. „Machen wir Schluss für heute. Zeit für eine Weihnachtspause.“
Elon steht auf und geht in die Halle zu den Gästen, die das Spektakel auf einer Leinwand verfolgt haben.

Applaus.

Corona 6. Teil. Herr Prill wandert aus.

Corona 6
Herr Prill wandert aus.

Die Plätze im Calligo-Café sind gut besetzt. Hier gibt es die feinsten Kaffeesorten im Angebot, Gebäck und Snacks dazu. Für jeden ist etwas dabei. Drinnen bestellt man wieder, wie vor Coronas Zeit, bedient wird am Tisch. Morgens ist es ein Rentner-Café, die ihre Stammplätze besetzen, mittags kommen Schüler und Büromenschen, nachmittags kommt gemischtes Publikum. Die Zeit, in der man leicht einen Platz bekam, weil alle fürchteten, sich anzustecken, ist vorüber. Die schöne Corona habe ich länger nicht getroffen. Als wäre der Gesprächsstoff ausgegangen. Sie würde vielleicht angesichts der Weltlage sagen, der alltägliche Gesprächsstoff sei zerbombt. Die Sonne strahlt am hellblauen, wolkenlosen Himmel und taucht den Platz der Kleinstadt am Rande Hamburgs in italienisches Flair. Dazu gehört die Wanderbaustelle mit Presslufthammer, Planierraupe und rätselhaften Absperrungen, die sich im Kreis zu drehen scheinen. Die Fertigstellung zögert sich auch hinaus, weil Gäste den Arbeitern immer wieder Kaffee spendieren; in der Hoffnung auf eine Ruhepause. Ein Wimmelbild auf dem Platz, Gedränge auf den Sitzplätzen unter den wenigen Schirmen. Fahrradfahrer sausen an den Tischen vorbei. In der Sonne ist es nicht lange auszuhalten, wenn man keinen geschützten Platz hat. Sonnengeschützt ist lediglich noch ein Platz auf der Bank vor dem Schaufenster des Cafés frei. Dort sitzt ein Mann in kurzen Sporthosen, in einem Bayern-München Shirt und einer abgewetzten Kappe desselben Vereines. In sich versunken, verloren in Gedanken wahrscheinlich, oder anderswo verloren.  Soll ich mich neben diesen Mann setzten? Meistens sitzen dort die Raucher, mit dem Aschenbecher neben sich auf der Bank. Alternativ die Telefonierer oder Hundehalter. Oder alles miteinander kombiniert. Hund, Handy, Zigarette. Der Mann, im alten Bayerndress aus den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts, schaut zu Boden; scheint nicht hier zu sein. Ich stehe unentschlossen, blicke mich um, sehe die schöne Corona vorbeischlendern. Als hätte sie gewusst, dass ich jetzt hier bin. Unsere Blicke treffen sich. Sie zwinkert mir zu und läuft aber weiter und hält sich dabei ihren Zeigefinger vor die Lippen. Die habe ich hier lange nicht gesehen. Es gäbe einiges zu bereden. Unser letztes Gespräch über den Baum der Erkenntnis ist bereits ein Jahr her. Wie geht es ihr wohl? Zuletzt hatten wir uns über die ungleich verteilten Lebenschancen unterhalten und die Auswirkungen der künstlichen Intelligenz. Schlägt ein Virus die künstliche Intelligenz? Weg ist sie. Ich schaue hinüber zu der Bank mit dem Bayern. Es ist heiß. Seit Wochen. Ein Platz im Schatten ist besser als „ein Platz an der Sonne“.
„Ist hier frei?“
„Ja, ja, natürlich, bitte.“

Da kommt auch schon mein Latte Macchiato. „Sitzt du hier auf der Bank?“, werde ich gnadenlos geduzt.
Ich nehme das Glas entgegen und setzte mich. Der Herr rückt ein wenig zur Seite, wobei er seinen To-go Becher in der einen Hand und einen Stoffbeutel in der anderen hält. Den Stoffbeutel legt er auf die mir abgewandte Seite, den Becher behält er in der Hand, die er auf seinem Schoß ablegt.

Ich blicke kurz in ein Gesicht, das man als „offen“ bezeichnen würde. Eventuell auch als unschuldig. Vernarbt ohne das Narben zu sehen sind.

„Sind Sie Raucher?“, frage ich sicherheitshalber.
„Nein, nein.“ Er hebt abwehrend die Hände. Dann stellt er den Kaffeebecher ab. „ich habe nie geraucht. Aber ich hatte einmal einen Freund, der hatte so dermaßen geraucht, dass er gelbe Finger hatte. Der stank wie Hölle und seine Bude ebenfalls. Der hatte noch Gardinen, die waren auch gelb. Die Wände waren mal weiß gewesen. Gelb! Nee, ich bin jetzt einundfünfzig, da fang ich doch nicht mit dem Rauchen an.“ Er schüttelt den Kopf, als wäre ich nicht richtig informiert oder Schlimmeres. Er schaut mich fragend an. „Ich frage nur, weil meistens Raucher auf den Bänken sitzen. Wenn Sie Raucher wären, hätte ich mich doch in die Sonne gesetzt.“
„Um Gottes Willen, ich rauche nicht.“
„Ich habe an meinem 40ten Geburtstag aufgehört zu rauchen“, erkläre ich mich. Ich habe einfach beschlossen, nicht mehr zu rauchen. Die einzige ultimative Methode. Ich habe beschlossen, nicht mehr zu stinken.“
„Nee, nee, genau. Ich bin ja auch Vorbild für meine Jungs“. Er nickt bestätigend heftig mit dem Kopf.
„Sie sind Bayern Fan? Oder kommen Sie aus Bayern?“ spreche ich an.Ich habe jedes Jahr Urlaub in Bayern gemacht. Ich liebe die bayrische Lebensart. Dieses ganze Ursprüngliche, die direkte Art der Menschen da und das Gemütliche. Die Menschen sind so echt und herzlich. Ich war immer mit meinen Jungs da. In Bernau am Chiemsee. Das ist immer wieder wie Heimat. Wenn wir da ankommen, fühlen wir uns gleich wie zuhause. Wir sind immer im selben Haus untergebracht. Man kann viel unternehmen. Für die Kinder ist natürlich der See ideal. Wir wandern und machen Touren mit dem Fahrrad. Die Kinder waren immer begeistert. Meine Frau hatte dazu keine Lust, als wir noch zusammen waren. Sie wollte lieber ans Meer. Mallorca oder Malediven. Nur Flausen im Kopf. Meine Frau macht Stress, weil ich mit den Kindern wegziehe und sie in Ahrensburg bleibt. Dabei hat sie unser Leben vorher auch nicht interessiert.“
„Aber jetzt?“

Er zuckt nur mit den Schultern.
„Immerhin haben Sie in Ahrensburg gewohnt und waren theoretisch erreichbar? Das hat ihr vielleicht ein sicheres Gefühl gegeben?“
„Sie hat sich nur für sich interessiert. Bin ich schön? Wie komme ich auf Insta rüber. Wie komme ich zu mehr Unterhalt. Der Richter ist schön auf sie reingefallen, was den Unterhalt betrifft. Schwamm drüber.  Ich kann auf ihre Gefühle keine Rücksicht nehmen. Der Junge, mein Jüngster war immer etwas zurück, lernbehindert würde man sagen. Das hat sie gestört. Sie hat ihn immer vor anderen Leuten versteckt. Es war für mich eine Schande. Ich habe mich für sie geschämt. Ich kann heute keine Rücksicht mehr nehmen. Jetzt bin ich 51, wie gesagt, ich wiederhole mich. Immer gearbeitet. In der Logistik. Als Facharbeiter. Wegen Corona arbeitslos geworden. Ich habe 20 Jahre lang in der Firma am Flughafen gearbeitet. Dann kam Corona. Ein verfluchtes Virus. Es hat mein Leben zerstört.“
Corona war doch lange nicht mehr hier, wende ich ein. Ich blicke mich um; sie ist nicht zu sehen.
„Wie meinen Sie das?“
Ich entscheide mich, die Frage zu überhören. Es ist nicht nachvollziehbar, dass ich die schöne Corona und ihre Schwestern getroffen hatte. Corona ist jetzt nicht mehr entscheidend für den Gang der Geschichte des Herrn Prill. Sie hat ihm jedoch den nötigen Stoß versetzt. Er will erzählen, nicht zuhören. Dass er seine Arbeit durch Corona verloren hatte, spielt eine wichtige Rolle.  Schließlich hat diese Tatsache seinem Leben eine neue Richtung gegeben. Zum Guten, wie es aussieht. Die Chance in der Krise. „Eine Abfindung gab es, eine Auffanggesellschaft, aber keine neue Arbeit. Warum nicht in Bayern neu anfangen? Ich habe entschieden, dass ich das darf. Ich liebe den Blick auf die Kampenwand. Von dem Fenster unserer Ferienwohnung „Sylvia“, in Bernau, direkt am See gelegen, ist sie gut zu sehen. Dieser weite Blick, diese Ruhe! Nicht so wie hier, ein Gewimmel, ein Durcheinander, alles unpersönliche Begegnungen. Mit den Jungs wandere ich auf die zersplitterten Gipfel. Und die Kultur. Die Inseln auf dem Chiemsee. Ich könnte den ganzen Tag damit verbringen, mit dem Boot von Insel zu Insel zu fahren. Ich genieße die Gärten der Fraueninsel. Und erst das Schloss auf der Herreninsel. In Bernau fühle ich mich zuhause. Meine Kollegen sagen, so ein Quatsch Herr Prill. Man fühlt sich dort zuhause, wo man geboren ist. Kann man nicht ganz woanders zuhause sein? Dort ist mein zuhause!“ Er nimmt einen Schluck aus seinem Becher. Seine Augen werden feucht, er trinkt, er atmet tief. Ein paar Tränen wischt er weg. Wir schauen auf den Platz, bis er weiterspricht. Er lehnt sich zurück, beugt sich vor. „Ich darf einmal in meinem Leben etwas tun, was gut für mich ist. Wenn ich in Bernau durch die Birkenallee laufe und auf die Kampenwand schaue. Die Birkenallee heißt Birkenallee, weil dort so viele Birken stehen“, erläutert er und nickt mir zu, damit ich das besser verstehe, denke ich.
„Da ziehe ich mit meinen Jungs hin. Auch wenn die Mutter weiter dagegen angeht.“ Er zerdrückt den leeren Kaffeebecher und nimmt seine geschundene Bayernmütze ab.
„Und die Jungs? Wie sehen die das?“

 „Sie sind glücklich, dass wir dorthin ziehen. Meine Jungs sind 15 und 18 Jahre alt. Der 15jährige ist durch seine Lernbehinderung sehr eingeschränkt. Meine Sorge war groß, für ihn nicht zu finden. Schließlich sollte alles organisiert sein, bis ich daran denken konnte, ernst zu machen. Für den habe ich schon eine Schule mit einer Werkklasse organisiert. Ich hatte mir das schwieriger vorgestellt. Es ging ganz einfach! Unglaublich. Ich habe ein paar Schulen angerufen und konnte mir die Schule aussuchen. Und der 18jährige kann sowieso machen, was er will. Ihm habe ich einen Ausbildungsplatz besorgt. Da kann seine Mutter nichts machen. Wir wandern aus!“ Er steht auf und drückt meine Hand. „Danke, dass Sie mir zugehört haben, ohne wie alle anderen zu sagen, dass ich bekloppt bin.“

Danken Sie der schönen Corona, lächle ich in mich hinein.

Panzerparade und Spezialoperationen

Zwischenruf Olaf Scholz:

Die Münchener Unsicherheitskonferenz der Elefanten ist zu Ende:


Schon 1967 war das der Elefantenherde klar. Aus dem Glied treten ist mit Risiken behaftet.
Deutschland steht mit seinen Panzern alleine da.
Der Kanzler antwortet sinngemäß auf die Frage, warum die anderen Ländern nicht die zugesagten Panzer liefern:
„Weiß ich doch nicht. Müssen Sie dort nachfragen“.

Zwischenruf von Sun Tzu:

Kämpfe nur, wenn Du sicher bist zu gewinnen.
Kämpfe nur, wenn Du alle Bataillone beisammen hast.

Zwischenruf von Professor Thimothy Snyder:

Europäische Imperien müssen offenbar erst Kriege verlieren, um sich weiter zu entwickeln.
Deutschland 1945, Frankreich 1962 Algerienkrieg, Portugal und Spanien Verlust der Kolonien. (Spiegel Nr. 8/2023).

Zwischenruf Heinz Gärtner, postmortem:

Ich war in Lemberg, heute Lwiw, in einem Kriegsgefangenenlager interniert. Aus unserer Sicht waren wir in Russland. Die Nationalsozialisten sahen die Ukraine nicht als russisches Gebiet an. Die Polen, Ungarn und Österreich hatten zeitweilig die Macht im Lemberg. Von 1939 bis 1942 hatten die Russen das Sagen. Das hatten Hitler und Stalin untereinander ausgemacht. (Hitler – Stalin -Pakt) Danach wurde Lemberg an das deutsche Generalgouvernement angeschlossen und fast die gesamte jüdische Bevölkerung ermordet. Das Lager habe ich ganz gut überstanden, da ich als Widerstandskämpfer ein „politischer Wehrunwürdiger“ war und schon nach eineinhalb Jahren wieder nach Hause durfte. „Nie wieder Krieg“ war unsere Überzeugung und Devise nach dem Krieg.

Frohe Weihnachten. Dialektik der Aufklärung

Frohe Weihnachten.
Dialektik der Aufklärung: Begegnung der modernen Kulturindustrie mit Adorno und
Horkheimer.
Wie doch alles verwoben ist, in dieser Weihnachtszeit.
Die Philosophen Adorno und Horkheimer treffen auf die Vertreter der modernen
Kulturindustrie Zuckerberg, Musk, Bezos und Gates.
Und die weiteren, die mit der Lüge leben: Weihnachtsgrüße an Netanyahu und Putin, der Netanyahu zu seinem rechtsextremen Ghetto-Bündnis beglückwünscht. (Ach,Trump hat noch nicht gratuliert. Der hängt mit Putin an keinem Baume, er hängt an keinem Strick, sondern an dem (Un)glauben und der Lüge der freien Republik. Frei dem Heckerlied nachempfunden). Was für eine Zeit, doch nichts ist wirklich neu, wie wir sehen. Alles ist bekannt, wir wissen, was uns erwartet. Steht es doch an der Wand geschrieben und überall in der Bibel.
Es begab sich und es begibt sich zur Weihnachtszeit. Jesus litt und leidet für die
Menschheit. Diese versetzt sich selbst wie gewöhnlich in Angst und Schrecken.
Adorno und Horkheimer, um deren Gedanken es in dieser Begegnung geht, veröffentlichten bereits 1947 die Dialektik der Aufklärung – gegen Ende der nationalsozialistischen
Herrschaft. Sie hatten die Hoffnung, dass sich quasi dialektisch Humanität auf den
Trümmern des 2. Weltkrieges entwickeln würde. Nicht zwangsläufig befürchteten sie, also warnten sie uns vor Zuckerberg, Musk, Gates, Putin und andere Gestalten: “Was eiserne Faschisten heuchlerisch anpreisen und die anpassungsfähigen Experten der Humanität naiv durchsetzen ist: die rastlose Selbstzerstörung der Demokratie”. An Zuckerberg und seinesgleichen gewandt schrieben sie 1947: “Wenn die Öffentlichkeit einen Zustand erreicht hat, indem unentrinnbar der Gedanke zur Ware und die Sprache zu deren Anpreisung wird”,
muss die Gesellschaft die Gefolgschaft versagen, da “die Steigerung (dieser)
wirtschaftlichen Produktivität – die zwar einerseits die Bedingungen für eine gerechtere Welt herstellt – andererseits aber dem technischen Apparat und den sozialen Gruppen die über ihn verfügen, eine unmäßige Überlegenheit über den Rest der Bevölkerung” verleiht.
Zuckerberg entgegnet trotzig: “Unser Vorgehen mit Falschmeldungen ist nicht, dass wir sagen, man darf nichts Falsches mehr im Internet sagen. Ich denke, das wäre zu extrem, jeder sagt mal etwas Falsches”. Auch eine Leugnung der Shoa sei ok.
Elon Musk will auf Twitter mit Fake Accounts “die Rückkehr des Bösen” ermöglichen.
Adorno und Horkheimer formulieren es 1947 – sicher in Unkenntnis von Algorithmen,Twitter, Instagram und Google – so: Die Berufung der Kulturindustrie (Google, Musk und andere) auf den eigenen
kommerziellen Charakter, dass “das Bekenntnis zur gemilderten Wahrheit, längst zu einer Ausrede geworden ist, mit der sie sich der Verantwortung für die Lüge entzieht“.
Die Lüge lebt. Alles steht geschrieben; ist geschehen und wird geschehen, wenn die Dialektik versagt.

Max Horkheimer Theodor W.Adorno. Dialektik der Aufklärung. Fischer Verlag.
Nachsatz:
Gute und dialektische Vorsätze für das nächste Jahr
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