Margot. Teil 2 (Ein Leben in Briefen)

Die Briefe an Heinz halfen mir über die kurzen Tage hinweg und die langen Nächte hindurch. Seine Familie hatte mich liebevoll aufgenommen. Ein optimistisches Völkchen, das gut essen und feiern konnte. Obwohl es eigentlich nichts gab und die Menschen Hunger litten und in den Wintern nach Kriegsende erbärmlich gefroren hatten. Mein Schwager Hermann, eigentlich noch Schwager in spe, also ab September richtiger Schwager, konnte gut „organisieren“. Er war so etwas wie Hausmeister in Gebäuden am Hafen und kam da mit allerlei Leuten in Kontakt. Jeder wollte etwas, jeder hatte etwas. Mal fiel eine Kiste runter. Hafen eben. Hermann war mit der jüngsten Schwester, Irma, verheiratet. Sie bewohnten mit ihren beiden Söhnen, sieben und neun Jahre alt, zwei Zimmer in Eppendorf. Gefeiert wurde im Garten von Heini und Klara. Schwager „zwei“ und Schwester „zwei“. Heini war ein urgemütlicher Typ. Klara und er haben sich vor dem Krieg kennengelernt. Er war Wäschefahrer und sie Haushaltshilfe. „Und dann sind wir uns an die Wäsche gegangen“, hatte Heini immer gern erzählt.
Heini hatte von seinen Eltern ein Häuschen am Jahnring geerbt. Ein Glücksfall mit Hühnerstall, Obstbäumen und Gemüsebeeten. Mitten in der Stadt. Heinz Schwester Erna war mit 44 Jahren die Älteste und hatte seit 1936 nach dem Tode der Mutter den Haushalt geführt. Sie hatte das immer als Grund angegeben, keine Zeit für Verehrer zu haben. Und „Der Eine“ war im Krieg gefallen.

24.8.1949
Lieber Heinzelmann, dies ist die versprochene Fortsetzung von gestern..

Hier ist noch ein Schreiben aus der Nazi-Hölle angekommen. Von Ferdinand Roschmann. Er schreibt Dir die Namen seiner Haftgenossen, die Toten zuerst, Julius Markus und Genosse Dicke, letzterer hat den Freitod gewählt. Schon 1937! Eine lange Liste mit Namen, die Du sicher kennst. Aber am besten beschäftigst Du Dich später damit. Vielleicht hätte ich Dir das auch gar nicht schreiben sollen. Aber vielleicht erwartet er eine schnelle Bestätigung.
Heinzelmann! Du Lieber!
Das Mittagessen habe ich mir einverleibt. Es gab Würste mit Kartoffelsalat und Milchsuppe. Du hast sicher auch etwas Gutes gegessen? Magst du überhaupt an Essen denken bei diesem herrlichen Wetter? Ich freue mich immer wieder daran, dass die Sonne so schön scheint. Für uns ist es ja reichlich warm, aber auszuhalten.

Gestern war ich noch bei deinen Schwestern, bei Klara und traf dort Erna an. Du kannst dir wohl vorstellen, was wir geschnattert haben, über die Hochzeit usw.. Ich soll dich recht herzlich grüßen und auch sie freuen sich, dass du noch so angenehmes Wetter hast. Über die Trauzeugen haben wir nicht gesprochen. Das tust du am besten selbst, wenn du wieder in Hamburg bist. Clara bat mich ich solle mich selbst mit Frau Schumann wegen unsrer Hochzeitsausstattung in Verbindung setzen. Es macht doch einen netteren Eindruck. Bin der Meinung sie hat recht. Über unsere Bestecke haben wir uns auch lang unterhalten. Ich war schon an der Tür und plötzlich kamen wir darauf und dann ging es wieder in die Küche. Ach, wir haben so viel zu erzählen.
Anschließend bin ich zu mir und habe die Wolldecken reingeholt und bin anschließend in deine Behausung. Dort habe ich schnell das Echo studiert. Der Artikel über die Haftentschädigung ist der gleiche, wie im Abendblatt. Sonst stand nichts in der Zeitung, kein Mord und kein Überfall. Über politische Fragen müsste ich mit dir klönen. Da das nicht möglich ist, hoffe ich, die haben sich auch so aufgeklärt, bis du wieder in Hamburg bist. Habe gestern nicht fragen brauchen, ob ich in der Firma bleiben kann. Mein Chef Herr Reinke fing selber davon an und da hat sich die Angelegenheit so aufgeklärt, dass ich wohl bleiben kann. Ich kann die Kündigung erst mal als zurückgenommen auffassen. Mir ist direkt wohler und mein Gesicht verzieht sich zu einem Lächeln. Nun muss ich mich trotzdem weiter anstrengen, denn aufgeschoben ist nicht aufgehoben.
Mein Chef ist im Augenblick mit Gästen unterwegs. Und da habe ich die Gelegenheit, mich so ganz auf dich zu konzentrieren, obwohl die Maschinen hier auf Hochtouren laufen. Wie geht es dir denn mein Heinzelmännchen? Hast du auch genug Stroh unter dem Hintern? Musst du noch Geld geschickt haben? Wenn möglich nicht, aus Höflichkeit kann ich ja mal fragen. Ich habe die Hose für die Hochzeit noch nicht bekommen. Clara hat erst mal gefragt, ob ich sie holen soll. Sie dachte vielleicht, dass lassen unsere Finanzen nicht mehr zu. Kennt uns aber schlecht. Na, wer weiß, wie früh ich bei dir Killekille machen und Hausstands Geld abzubetteln versuche? Hast du auch mal eine weiche Ader? Ich hoffe aber, dass du meine Versuche, Dein Herz in Bezug auf Geld zu erweichen, nicht anders auffasst und mir sonst alles bietest. Nein, da muss doch ein dicker Trennungsstrich gezogen werden.
Dein Schwager Hermann war gestern mit einem Rad weg wohin??? Kam so spät nach Hause und ich musste den Wecker spielen, dabei fiel es mir selbst so schwer hochzukommen. Ich habe gut geschlafen, aber nicht so gut, als wenn ich auf Kante liege. Schön, dass nun schon der dritte Tag bald herum ist und ich mit den Fingern abzählen kann, wann Du mich wieder in den Arm nimmst und beruhigst. Es ist doch zu schön an Deinem Busen. So mollig und so ruhig. Ach, ich will nicht träumen. Dann kommt es mir doppelt zu Bewusstsein, dass du noch sooo lange nicht da bist. Pflege alle meine kleinen Spezialitäten recht schön. Wenn sie den Kopf hängen lassen, dann vertröstete sie auf das Wiedersehen. Ach, ach…… schön wär‘s.

Mir geht es gut ich habe so unendlich viel auf meinem Zettel stehen, dass ich auf eine Art doch recht froh sein kann, dass ich freie Bahn habe. Bei mir und auch in meiner Zeit bei dir.
Ich würde mich freuen, wenn heute ein Brief bei mir liegen würde; könnte mir so viel Schwung bringen.
Ich küsse Dich herzlich und die besten Wünsche begleiten diese Zeilen.

Immer Deine Nicki.

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