The one already dead
waxy thin skin
at the end of his days
or every day
just do some work
destroy what does not come true
will-o‘-the-wisp hammer
be Lenin and Stalin
lost, helpless child
a sacrifice that needs sacrifice
stay in balance powerful loser
Ship without a port
Ukraine does not answer
the oath of love
given in bearskin
he wants dead fill its emptiness
bathed in dragon’s blood vulnerable
looking in the mirror
nothing in sight
people out of breath
turn of the world
breath turn
Encounter: Paul Celan
„Half-eaten, mask-
faced corbel,
deep in the eye slit crypt:
In, up into the skull,
where you break the sky, again and again,
in furrow and whorl
he plants his picture
that outgrows, outgrows.
Autor: Begegnungen
Abschied und Atemwende
Begegnung mit Paul Celan
Abschied und Atemwende
der bereits tot
wachsbleiche dünne Haut
am Ende seiner Tage
oder aller Tage
nur irgendein Werk vollbringen
vernichten was nicht wahr wird
irrlichtener Hammer
Lenin und Stalin sein
verlorenes, hilfloses Kind
ein Opfer das Opfer braucht
im Gleichgewicht zu bleiben
machtvoller Verlierer
Schiff ohne Hafen
Ukraina antwortet nicht
den Liebesschwur
im Bärenfell gegeben
Tote will er
seine Leere füllen
gebadet in Drachenblut
verwundbar
in den Spiegel blickend
das Nichts vor Augen
Volk außer Atem
Wendung der Welt
Atemwende
Begegnung: Paul Celan
„Halbzerfressener, masken-
gesichtiger Kragstein,
tief in der Augenschlitz-Krypta:
Hinein, hinauf
ins Schädelinnre,
wo du den Himmel umbrichst, wieder und wieder,
in Furche und Windung
pflanzt er sein Bild
das sich entwächst, entwächst.
Ukrainische Tage. Geburtstagsgruß
Geburtstagspostkarte am 1.3.2022
Heinz Gärtner 1916-2001
Lieber Vater.
Heute hast Du Geburtstag. Den 21. nach Deinem Tode 2001. Eine Woche vor 9/11 gestorben. Noch in einer heilen Welt. Ein Sozialdemokrat war damals Kanzler.
Im 1.Weltkrieg wurdest Du geboren. KZ; Gefängnis und Kriegsgefangenschaft hast Du überlebt. Eineinhalb Jahre Kriegsgefangenschaft in Lwiw, Lemberg in der Ukraine. Du hast die SPD nach dem Kriege mit aufgebaut und dich für ein sozialdemokratisches Deutschland eingesetzt. Noch zu Deinen Lebzeiten war Schröder Kanzler und darüber hinaus.
Später wurde dieser sozialdemokratische Kanzler Schröder, Anhänger des Neokapitalismus und der Ich-AG, ein Verräter der alten Sozialdemokraten. Hat die Arbeiterklasse sich selbst überlassen. Wurde Vasall und Diener des russischen Präsidenten Putin. Für Geld, Frauen und Gloria. Für ihn ist der Diktator Putin ein lupenreiner Demokrat. Beide sind Verlierertypen und verstehen sich deshalb gut. Der Diktator führt heute Krieg in der Ukraine. Da wo Du in der Kriegsgefangenschaft die Birken gefällt hast. Putin bombt gegen das Brudervolk, welches Demokratie will. Der Sozialdemokrat Schröder schweigt. Was würdest Du ihm sagen? Für ihn ist Demokratie kein Gut, für das man einstehen muss, so scheint es. Aber es gibt kein richtiges Bewusstsein, ein richtiges Leben im falschen Leben. Was meinst Du? Neulich habe ich sogar von Schröder geträumt. Die Nibelungensage: Er war als Hagen verkleidet und hat Siegfried die Lanze in den Rücken gestoßen. Dort wo der Rücken nicht vom Drachenblut geschützt war. Im selben Traum hatte Putin einen Drachenschwanz mit einer Hand gepackt. Eine Stimme flüsterte: „Vergiss nicht, dass der Drache am anderen Ende ein großes Maul hat. Du darfst nie wieder loslassen“.
Heute ist wieder ein Sozialdemokrat Kanzler. Olaf. Olaf Scholz. Du kennst ihn gut, er hat die Laudatio auf Deiner Trauerfeier gehalten. Er gibt jetzt 100 Milliarden Euro für die Bundeswehr her. Was würdest Du sagen?
Nie wieder Krieg! war Deine Devise. Als Kinder durften wir nicht einmal eine Spielzeugpistole anfassen.
Gibt es noch Sozialdemokraten? Mit der Waffe in der Hand?
Was würdest Du sagen?
Man muss sich wehren können. Nur ein starker Krieger muss nicht kämpfen. Was würdest Du sagen?
Brüder zur Sonne zur Freiheit, Brüder zum Lichte empor, hell aus dem dunklen Vergangenen leuchtet die Zukunft empor…
Ruhe in Deiner Zeit.
(Eine Postkarte ist zu klein für diese Welt.)
Dazu in diesem Blog: Widerstand. Begegnungen 1934
Es geht uns gut
Margot (Ein Leben in Briefen) Teil 3
Tagebuch
Ein Leben in Briefen
Margots Tagebuch
Liebes Tagebuch,
Briefe schreibe ich gern, aber man muss ja auch einmal etwas für sich behalten. Was mir schwerfällt, da ich immer geradeheraus rede. Insbesondere die Gedanken die unkontrolliert kommen und wieder verschwinden sollte ich für mich behalten. Gedanken, die dennoch ihre Spuren hinterlassen. Ich kann schließlich nicht alles in Briefen schreiben und probier’s mal hier, mich auszuquatschen. Mein Liebster ist schon lange weg, ein paar Tage jedenfalls. Mit seinen Parteigenossen in Puan Klent auf Sylt. Genießet Genossen sag ich immer. Es gibt in den Tagungshäusern nämlich immer etwas Gutes zu essen. Was man in Hamburg nicht für alle sagen kann. Ich untertreibe. Die meisten schieben Kohldampf. Und nach der Arbeit gehen sie in den Nordseewellen baden. Sie wollen die Welt ein wenig besser machen, glaube ich.
Was ist das eigentlich für eine Arbeit, die freiwillige Selbstkontrolle. Sie gucken den ganzen Tag Filme, die das gemeine Volk nicht sehen darf. Das gemeine Volk. Ist doppelsinnig schön zutreffend, wie ich finde. Nichts soll durchkommen, was die schädlichen nationalen Gedanken animiert. Und nicht zu viel Gewalt und nacktes Fleisch darf zu sehen sein. Ein gemeines sich gemeinmachendes, gemein bleibendes Volk soll gerettet werden. Die Denunzianten, die jetzt freundlich grüßen und hinter vorgehaltener Hand beim Milchmann die Juden bedauern, die nicht mehr in ihrer großen Wohnung sind. Angeblich weggezogen, weil es ihnen hier nicht mehr gefiel.
Jedenfalls scheint die Arbeit wichtig zu sein. Natürlich politisch. Heinz ist ein politischer Mensch durch und durch. Das erstaunliche ist, dass er seine Überzeugung auch lebt. Soweit ich das beurteilen kann. Ziemlich gefährlich kann das sein, nicht nur für ihn, sondern auch für mich? Das frage ich manchmal. Schließlich hatte die Gestapo ihn verhaftet und er wurde für fast zwei Jahre eingebuchtet. Erst im KZ Fuhlsbüttel, dann auf Hahnöfersand. Ist mir gar nicht aufgefallen, als ich mit Adsche da vorbeigesegelt bin. Komisch, das habe ich nicht gewusst. Bin ich auch eine von denen, die nichts gewusst haben? Aber nein, schließlich habe ich beim Sport in der Schule nicht diesen absurden Gruß gemacht. Meine Hand war oft mit Gips verbunden. Das war meine Ausrede. Jedenfalls hatte Heinz da im Gefängnis gesessen, als ich vorbeigesegelt bin. Aber ich war auch erst 15 Jahre alt. Damals konnte ich nicht ahnen, was da für ein Mann sitzt. Einer der eine Haltung hat. Für die Gleichberechtigung von Mann und Frau ist er. Darüber hat er schon als 15jähriger in seiner Schulabschlussarbeit geschrieben und Engels „Die Frau und der Sozialismus“ durchgearbeitet. Die Frau sollte genau so arbeiten wie ein Mann, überall mitbestimmen und Verantwortung tragen. Was wir Frauen wohl im Krieg gemacht haben. Männerarbeit! Also um Arbeit brauche ich mich auch heute nicht zu sorgen. Arbeit habe ich. Ich muss nur noch dauerhaft eingestellt werden. Aber die Geschäfte scheinen zu laufen. Vergessen sollte man die letzten Jahre vielleicht? Es hat sich unglaublich viel eingefressen. Welche weißgewaschenen Nazis wohl noch auftauchen? Wenn aber doch das Leben weitergeht? Schließlich darf man leben. Man muss!!! Es ist unendlich viel wieder aufzubauen. Was alles noch zerstört ist! Die Hamburger Straße, halb Winterhude, halb Hamburg. Wo soll das Geld herkommen? Ich habe jedenfalls keines über. Mein Bettlaken wird wohl mein Hochzeitskleid werden. Ob Heinz sich auch solche Gedanken macht? Ich hoffe, er hat die Hochzeit auf einem seiner vielen Zettel. Er schreibt alles Mögliche auf. Seine Zettel sind auf dem Tisch verteilt. Das er da durchblickt. An die Hochzeit werde ich ihn schon erinnern.
Hamburg 26. August 1949
Lieber Heinzelmann!
Ich hatte mal wieder mit einem Gruß von der Nordsee gerechnet. Pech, Du hattest wohl keine Zeit zu schreiben. Dafür lagen die beiden beiliegenden Reklamen im Briefkasten. Ich schicke sie dir mit. Du sollst ja auch informiert sein. Hast du kein Geld mehr für Porto? Ach, du willst wohl noch mal 14 Tage frei sein was, mein Liebling? Ich zähle die Tage an den Fingern ab, bis du wiederkommst. Ich bemühe mich um viel Arbeit, damit ich das Alleinsein nicht zu sehr merke. Und du vergisst mich in der schönen Luft, Sonnenschein und Wasser. Wir haben Gewitter hier. Es blitzt und donnert wie doll, doch die Leute sind auf dem Balkon und auf der Straße. Da kann ich mich doch nicht fürchten. Ich habe den Tisch ans Fenster gestellt. Eine Abkühlung kann man das nicht nennen. Tagelang herrschen über 25°.
Heute wäre ich bald umgekommen im Geschäft. Die vielen Menschen in einem Raum. Es klappern die Schreibmaschinen, dass ich Kopfschmerzen bekomme. 11 Schreibmaschinen sind es schon. Man kann den Vorkämpfern für den Achtstundentag nur dankbar sein viel länger hält man es gewiss nicht aus, wir sind alle gegen Feierabend leicht gereizt. Vom Geschäft bin ich noch zu dir deine Wohnung, habe mich erholt, mir eine warme Milch gemacht und die Gardine vom Fenster abgenommen. Ist ja eher eine Decke. Ich habe sie gewaschen. Schäme dich, wie lange hatte sie kein Wasser gesehen? Zehnmal mindestens gespült und zweimal mit neuem Wasser gewaschen. Das schwere Ding. Wenn dir sonst noch etwas einfällt was gemacht werden muss, dann schreibe.
Ich habe die heute wieder Papier mitgebracht. Und da du hoffentlich nicht wieder ein Schlafanzug dort kaufen willst, könntest du zur Abwechslung mal eine Rolle Band mitbringen. Oder hast Du Deinen Schlafanzug schon wieder vergessen?
Heute hat mein Chef gefragt, ob ich womöglich noch in der Kirche bin. Weiß wer will, wo er das wieder her hat. Ich soll jetzt an einem Morgen frei bekommen und mich abmelden. Er schwärmt von „Anna“. Ich habe noch keine Anna gesehen. Ich habe heute ein neues Buch zu lesen angefangen und werde nachher noch ein Weilchen lesen. (Joseph mit dem Manifest). Dann noch Strümpfe stopfen. Dabei ist es schon wieder recht spät. Man kommt zu nichts. Ja, nein, ja, nein, ja, nein, ja. Du hast Glück gehabt; ich habe eben an den Knöpfen abgezählt, ob ich diesen Brief morgen einstecke oder am Sonntag mit meinen Zeilen von morgen. Also geht der Brief auf die Reise, mit meinen besten Wünschen begleitet.
Ich küsse dich herzlich.
Immer deine Nicki.
P.S.: Ich habe ein Tagebuch eingerichtet. Mit dem kann ich mich wenigstens richtig unterhalten und bekomme sofort Antworten. Kein Grund, eifersüchtig zu sein!
Margot. Teil 2 (Ein Leben in Briefen)
Die Briefe an Heinz halfen mir über die kurzen Tage hinweg und die langen Nächte hindurch. Seine Familie hatte mich liebevoll aufgenommen. Ein optimistisches Völkchen, das gut essen und feiern konnte. Obwohl es eigentlich nichts gab und die Menschen Hunger litten und in den Wintern nach Kriegsende erbärmlich gefroren hatten. Mein Schwager Hermann, eigentlich noch Schwager in spe, also ab September richtiger Schwager, konnte gut „organisieren“. Er war so etwas wie Hausmeister in Gebäuden am Hafen und kam da mit allerlei Leuten in Kontakt. Jeder wollte etwas, jeder hatte etwas. Mal fiel eine Kiste runter. Hafen eben. Hermann war mit der jüngsten Schwester, Irma, verheiratet. Sie bewohnten mit ihren beiden Söhnen, sieben und neun Jahre alt, zwei Zimmer in Eppendorf. Gefeiert wurde im Garten von Heini und Klara. Schwager „zwei“ und Schwester „zwei“. Heini war ein urgemütlicher Typ. Klara und er haben sich vor dem Krieg kennengelernt. Er war Wäschefahrer und sie Haushaltshilfe. „Und dann sind wir uns an die Wäsche gegangen“, hatte Heini immer gern erzählt.
Heini hatte von seinen Eltern ein Häuschen am Jahnring geerbt. Ein Glücksfall mit Hühnerstall, Obstbäumen und Gemüsebeeten. Mitten in der Stadt. Heinz Schwester Erna war mit 44 Jahren die Älteste und hatte seit 1936 nach dem Tode der Mutter den Haushalt geführt. Sie hatte das immer als Grund angegeben, keine Zeit für Verehrer zu haben. Und „Der Eine“ war im Krieg gefallen.
24.8.1949
Lieber Heinzelmann, dies ist die versprochene Fortsetzung von gestern..
Hier ist noch ein Schreiben aus der Nazi-Hölle angekommen. Von Ferdinand Roschmann. Er schreibt Dir die Namen seiner Haftgenossen, die Toten zuerst, Julius Markus und Genosse Dicke, letzterer hat den Freitod gewählt. Schon 1937! Eine lange Liste mit Namen, die Du sicher kennst. Aber am besten beschäftigst Du Dich später damit. Vielleicht hätte ich Dir das auch gar nicht schreiben sollen. Aber vielleicht erwartet er eine schnelle Bestätigung.
Heinzelmann! Du Lieber!
Das Mittagessen habe ich mir einverleibt. Es gab Würste mit Kartoffelsalat und Milchsuppe. Du hast sicher auch etwas Gutes gegessen? Magst du überhaupt an Essen denken bei diesem herrlichen Wetter? Ich freue mich immer wieder daran, dass die Sonne so schön scheint. Für uns ist es ja reichlich warm, aber auszuhalten.
Gestern war ich noch bei deinen Schwestern, bei Klara und traf dort Erna an. Du kannst dir wohl vorstellen, was wir geschnattert haben, über die Hochzeit usw.. Ich soll dich recht herzlich grüßen und auch sie freuen sich, dass du noch so angenehmes Wetter hast. Über die Trauzeugen haben wir nicht gesprochen. Das tust du am besten selbst, wenn du wieder in Hamburg bist. Clara bat mich ich solle mich selbst mit Frau Schumann wegen unsrer Hochzeitsausstattung in Verbindung setzen. Es macht doch einen netteren Eindruck. Bin der Meinung sie hat recht. Über unsere Bestecke haben wir uns auch lang unterhalten. Ich war schon an der Tür und plötzlich kamen wir darauf und dann ging es wieder in die Küche. Ach, wir haben so viel zu erzählen.
Anschließend bin ich zu mir und habe die Wolldecken reingeholt und bin anschließend in deine Behausung. Dort habe ich schnell das Echo studiert. Der Artikel über die Haftentschädigung ist der gleiche, wie im Abendblatt. Sonst stand nichts in der Zeitung, kein Mord und kein Überfall. Über politische Fragen müsste ich mit dir klönen. Da das nicht möglich ist, hoffe ich, die haben sich auch so aufgeklärt, bis du wieder in Hamburg bist. Habe gestern nicht fragen brauchen, ob ich in der Firma bleiben kann. Mein Chef Herr Reinke fing selber davon an und da hat sich die Angelegenheit so aufgeklärt, dass ich wohl bleiben kann. Ich kann die Kündigung erst mal als zurückgenommen auffassen. Mir ist direkt wohler und mein Gesicht verzieht sich zu einem Lächeln. Nun muss ich mich trotzdem weiter anstrengen, denn aufgeschoben ist nicht aufgehoben.
Mein Chef ist im Augenblick mit Gästen unterwegs. Und da habe ich die Gelegenheit, mich so ganz auf dich zu konzentrieren, obwohl die Maschinen hier auf Hochtouren laufen. Wie geht es dir denn mein Heinzelmännchen? Hast du auch genug Stroh unter dem Hintern? Musst du noch Geld geschickt haben? Wenn möglich nicht, aus Höflichkeit kann ich ja mal fragen. Ich habe die Hose für die Hochzeit noch nicht bekommen. Clara hat erst mal gefragt, ob ich sie holen soll. Sie dachte vielleicht, dass lassen unsere Finanzen nicht mehr zu. Kennt uns aber schlecht. Na, wer weiß, wie früh ich bei dir Killekille machen und Hausstands Geld abzubetteln versuche? Hast du auch mal eine weiche Ader? Ich hoffe aber, dass du meine Versuche, Dein Herz in Bezug auf Geld zu erweichen, nicht anders auffasst und mir sonst alles bietest. Nein, da muss doch ein dicker Trennungsstrich gezogen werden.
Dein Schwager Hermann war gestern mit einem Rad weg wohin??? Kam so spät nach Hause und ich musste den Wecker spielen, dabei fiel es mir selbst so schwer hochzukommen. Ich habe gut geschlafen, aber nicht so gut, als wenn ich auf Kante liege. Schön, dass nun schon der dritte Tag bald herum ist und ich mit den Fingern abzählen kann, wann Du mich wieder in den Arm nimmst und beruhigst. Es ist doch zu schön an Deinem Busen. So mollig und so ruhig. Ach, ich will nicht träumen. Dann kommt es mir doppelt zu Bewusstsein, dass du noch sooo lange nicht da bist. Pflege alle meine kleinen Spezialitäten recht schön. Wenn sie den Kopf hängen lassen, dann vertröstete sie auf das Wiedersehen. Ach, ach…… schön wär‘s.
Mir geht es gut ich habe so unendlich viel auf meinem Zettel stehen, dass ich auf eine Art doch recht froh sein kann, dass ich freie Bahn habe. Bei mir und auch in meiner Zeit bei dir.
Ich würde mich freuen, wenn heute ein Brief bei mir liegen würde; könnte mir so viel Schwung bringen.
Ich küsse Dich herzlich und die besten Wünsche begleiten diese Zeilen.
Immer Deine Nicki.
Margot. Ein Leben in Briefen
Briefe an Heinz
Manchmal nahm ich den Alsterdampfer bis zur Anlegestelle Leinpfad. Ich gönnte mir den Luxus für das Gefühl, wie eine Dame mit eleganten Schritten aus einer Kutsche zu steigen. Den Weg zum gegenüberliegenden Tanzlokal konnte ich, im Sommer zumindest, ohne Mantel zurücklegen und sparte das Geld für die Garderobe. Das Winterhuder Fährhaus hatte eine riesige, blanke Tanzfläche, die von Caféhaustischen umstellt war. Reste aus besserer und schlechterer Zeit, angestaubter Charme der 30iger Jahre. In Eppendorf waren die meisten Bürgerhäuser von den Bomben der Engländer verschont geblieben. Ein Glück für das Fährhaus und die Tänzer und Tänzerinnen und alle, die für eine kurze Zeit vergessen wollten was war und ist oder die Wärme eines Tänzers suchten.
Das Tanzlokal war immer rappelvoll. Bei dem Frauenüberschuss war es für die Männer ein leichtes, Tanzpartnerinnen zu finden. Heinz war ein guter Tänzer und sehr musikverliebt. Wir tanzten an den Wochenenden im Winterhuder Fährhaus zusammen. Er tanzte nicht nur mit mir. Aber er wurde mein Heinz.
Ein Jahr bevor wir uns kennenlernten, kam Heinz zurück in diese Stadt. Seine Stadt, sein so geliebtes Hamburg. Das war im Oktober 1946. Zurück in die Kälte der Ruinen, zurück zwischen die Menschen, die man nicht wiedererkannte, wenn man in der Nazizeit wegging und dann in der Zeit der Wolfsmenschen zurückkam. In dieses Durcheinander der Vertriebenen und Getriebenen. In ein Land der Nazis, die plötzlich keine mehr waren. Nur ein Versehen. Ich war nicht dabei. Man hat auf dem Mond gewohnt. Da hat man nichts gewusst. Wie auch. Alles gelogen. Das Leben muss ja weitergehen.
Heinz hatte Hamburg1943 zum letzten Mal gesehen, bevor er, als politisch Unzuverlässiger, Widerstandskämpfer und ehemaliger KZ -Insasse an die Ostfront geschickt wurde. 1946 kam er endlich zurück in diese zerbombte Stadt. Trümmerlandschaft. 50.000 Tote. Mörderische Kälte im Winter 1947. Für ihn war der Krieg sicher viel schlimmer als für mich die Zeit hier gewesen ist. Nach dem Krieg hatte ich schnell wieder Arbeit.
Meine Mutter war früh tot, ich war gerade 17 Jahre alt geworden. Mein Vater war Kapitän und ständig auf See. Als meine Mutter gestorben war, zog bald darauf eine Stiefmutter ein. Von da an war ich ein ungeliebtes Kind. Wir bewohnten ein schönes kleines Fischerhaus direkt an der Elbe. Mit meinem Freund Adsche floh ich so oft es möglich war, in unsere kleine Jolle auf die Elbe. Rüber nach Hans-Kalb-Sand, wo wir uns in der Sonne ausstrecken und die dicken Pötte beobachten konnten. Adsche wollte nicht mit Adolf verwechselt werden, wegen des Schnauzbärtigen. Weil eben viele dachten, Adsche wäre eine Kurzform von Adolf. Dabei hieß er Arthur. Der Bär. Außerdem war er spindeldürr. Meine Eltern hatten mir immer wieder verboten mit ihm zu segeln, weil wir im Fall der Fälle über die Reling pinkeln mussten. Das war unfein und gehörte sich nicht für ein junges Mädchen. Aber mein Vater war meist auf See, meine Mutter hütete, oft kränkelnd, das Haus. Wir segelten. Und pinkelten.
Ich machte noch meine Ausbildung zur Sekretärin, dann war Krieg. Und ich war weg von allem. Der Krieg in Frankreich wurde zur schönsten Zeit meines Lebens. Also nicht der Krieg, aber die Zeit. Gekämpft wurde nicht, da wo ich war. Das dachte ich damals und es blieb mein Leben lang wahr. Ich war in Angers stationiert, gerade 22 Jahre alt und sollte als erstes voulez vous couchez avec moi lernen. Ich lachte darüber und genoss das französische Leben unter der Nazibesatzung. Ich sollte auf den Tischen tanzen und rückwärts lachen, was ich gut konnte. Ich tanzte und lachte. Dann kam der Ami, Rückzug, und der Rest ist Geschichte.
Zurück in Hamburg, bekam ich glücklicherweise eine Anstellung in einem Büro als Stenotypistin und Sekretärin. Geld gab es nicht viel, aber es reichte, denn zu kaufen gab es kaum etwas und ich wohnte möbliert. Dennoch waren in dieser kalten Zeit, in dieser Ruinenwelt, unter den unvorstellbar schrägen, abgerissenen Gestalten, auch Menschen voller Lebenslust. Wie Heinz. Mein Liebster. Ich habe ihn beim Tanzen im Winterhuder Fährhaus kennengelernt. Nett und höflich getanzt, später verabredet, allerdings bin ich erst mal zwei Wochen weg, hatte er gesagt. Schlawiner, was für ein Korb! Den sehe ich nie wieder, hatte ich mir gedacht. Irrtum. Verliebt, verlobt verheiratet. Wer glaubt denn daran. Er kam tatsächlich wieder. Ein Mann ein Wort. Aber immer wieder weg, dass war er häufig. Ein sozialdemokratischer Sozialist, ein Widerstandskämpfer, unterwegs, Deutschland neu aufbauen. Das was war, die Schmerzen hinter sich lassen: KZ, Krieg, Kriegsgefangenschaft.
Ich schrieb ihm fleißig, wenn er unterwegs war. Briefe, in denen mein zukünftiges Leben bereits abzulesen war. Das hätte mir trotz der vielen Tänze und den Hochzeitsplänen auffallen müssen.
23.8.1949
Ringlein, Ringlein du musst wandern! Ja, von deiner Hand in meine Hand und umgekehrt. Ich wollte ja damit angeben aber die Zeit langte nicht hin und nicht her. Am Nachmittag rief mich gestern meine Schwester an und bat, ich solle doch zum Essen kommen. Gut, wollte kein Spielverderber sein und fuhr hin. Es gab… Fisch…. (Kommentar überflüssig). Bin schon um 20:00 Uhr wieder gefahren. Musste doch erst zu mir und danach zu euch. Es hatte sich an beiden Stellen nichts verändert. Nur so leer und öde war das. Ich bin dann auch gleich schlafen gegangen. Und konnte noch so viel rufen: ich will in „Aam“.. Leider sind meine schützenden Arme zurzeit mit allem was dazugehört auf Reisen und ich muss sagen, das Bett kommt mir viel zu groß vor. Geschlafen habe ich ja ganz gut aber es geht doch nichts über die Gemütlichkeit, ich meine damit, auf der Kante zu schlafen. Gelandet bist du gut, wirst du mir sicher schon in einem langen Brief geschrieben haben. Du bist so ein Goldfasan, gehst weg, ohne mir deine Adresse hier zu lassen. Muss ich warten, bis Post von dir eintrudelt. Trotzdem will ich meine ersten Gedanken zu Papier bringen. Denn die ist günstig. Der Chef ist auf Reisen und mein Block ist nicht gerade übervoll. Sind noch die Reste von gestern.
Heute geht es zu deiner Schwester Klara ich will deine Sachen hinbringen und deine Hose abholen. Anschließend sehe ich zu, dass ich rechtzeitig Land gewinne und wieder früh in die Falle komme. Irgendwie muss ich mich ja auch erholen. Ach, es ist alles so mordslangweilig und ich denke morgens schon wieder ans Schlafen. Ist ja auch sinnlos so allein. 14 Tage bist du weg. Gott, dazwischen liegt auch noch ein Sonntag: Ich werde mich nicht mit deiner Schwester Erna treffen, bleibe wieder für mich allein, tue was mir gerade einfällt. Ich will mich dann mal dazu aufschwingen, einen Zettel anzulegen und immer wieder ein Strich zu machen, wenn die Sache erledigt ist. Vielleicht kommen mir die Angelegenheit so etwas spannender vor? Heute Nacht wusste ich so unendlich viel, was ich dir schreiben wollte, jetzt ist mein Kopf hohl. Komm man lieber mal her und dann mache ich es mündlich. Wer weiß, vielleicht langt es heute Abend noch zu ein paar Zeilen und mir gehen die Sachen leichter aus der Hand.
Meine Wirtin hat mir einen Knust Brot mit einem Zettel hingelegt und mich darum gebeten, den ollen Knust zu vertilgen, da er sonst trocken würde. Der Knust. Herrlich. Du lässt ein paar Hemden nebst Socken hier und meine Wirtin ein altes Brot. Was bin ich euch doch wert!!! Scherz beiseite, die Zeiten sind zu ernst. Mein Schwager hat sich nun fest auf den 15. zur Feier eingerichtet und will sich noch einmal erkundigen was der Alkohol bei ihm im Geschäft kostet. Soll ein bis zwei Mark billiger sein als im Laden. Für ihn würden Bier und Kümmel genügen. Er will auch etwa gegen 12:00 Uhr wieder am Hauptbahnhof sein. Wegen der Haft-Entschädigung schicke ich dir einen Abschnitt aus dem Abendblatt mit. Sollte ich noch was im Echo finden, leg ich ihn auch noch bei. Heute will ich mal einen Anlauf nehmen und fragen, wie es aussieht mit dem Hierbleiben in der Firma. Langsam wird es Zeit, dass man aufgeklärt wird. Unter anderen ist unserem Betriebstischler auch gekündigt.
Fortsetzung folgt mein Liebster…
Briefe an Heinz
Tumore
Tumore
Gedanken selbständig verantwortlich unkontrolliert wahr
„Ein Dröhnen: es ist
die Wahrheit selbst
unter die Menschen
getreten,
mitten ins
Methaperngestöber.“
(Paul Celan, Atemwende)
Explosion: Krampf
Etwas will
um sich greifen
sich Platz schaffen
da wo kein Platz ist
ungebeten
Wirbel zerbrechlich
dünn die Membrane
zwischen allem
verletzlich das
Weltgeschehen
geschieht
von einer feuchten Decke
Tropfen
in weiße Kissen
sanft aufgesogen
schwere Tränen
Meer
Traumbilder
Katze nicht Maus
was raus muss
weiß oder schwarz
Blick ins Tal hinauf
fallen
Worte widerfahren
sprachloses Sprechen
alles trifft
laut und leise
gespürt
Schmetterlingsschlag
Kraft
schöpfen
Gedanken
viele gebündelt
einen starken
Strang
Tumore
Tumore
Gedanken selbständig verantwortlich unkontrolliert wahr
„Ein Dröhnen: es ist
die Wahrheit selbst
unter die Menschen
getreten,
mitten ins
Methaperngestöber.“
(Paul Celan, Atemwende)
Explosion: Krampf
Etwas will
um sich greifen
sich Platz schaffen
da wo kein Platz ist
ungebeten
Wirbel zerbrechlich
dünn die Membrane
zwischen allem
verletzlich das
Weltgeschehen
geschieht
von einer feuchten Decke
Tropfen
in weiße Kissen
sanft aufgesogen
schwere Tränen
Meer
Traumbilder
Katze nicht Maus
was raus muss
weiß oder schwarz
Blick ins Tal hinauf
fallen
Worte widerfahren
sprachloses Sprechen
alles trifft
laut und leise
gespürt
Schmetterlingsschlag
Kraft
schöpfen
Gedanken
viele gebündelt
einen starken
Strang
Die schöne Corona und die Künstliche Intelligenz
Corona 5
Die Schöne Corona und der überflüssige Mensch?
Herbst 2021
Die Cafés sind wieder geöffnet. Zweimal geimpft oder genesen, schon stellt sich die Leichtigkeit des Seins ein. Das Hinweisschild für „Du musst draußen bleiben“ gewinnt eine neue Bedeutung. Für alle Impfleugner, Verweigerer und Verschwörungstheoretiker ist hier Schluss. Eine Parallele zu anderen Grenzen könnte man meinen. Drinnen sitzen also die Guten in der neuen Welt. Eine meine Coronas trifft mich heute hier. Selbstverständlich ist sie immun, gilt als genesen. Es erklärt sich von selbst.
In einem dieser 2G Cafés treffen wir uns nach langer Zeit wieder. Corona heute ganz in Rot. Etwas burlesce. Meine neue Signalfarbe erklärt sie mir. Ich bin schließlich bereits die 5. Variante. Was keine Auswirkungen auf ihre grundsätzliche Existenz hat, wie sie selbstbewusst verkündet. Sie erkundigt sich nach meinem Freund Ripp Corby. Lange nichts gehört. Monate ist es her, oder? Das kann ich bestätigen. Monate, in denen sich vieles gewandelt hat. Ripp, so deute ich an, beschäftigt sich mit dem Geheimnisvollen in Dir. Das geheimnisvolle Deines Ursprungs. Er glaubt, dass du aus einem Labor des Institutes für Virologie in Wuhan stammst. Er ist mit dieser Ansicht nicht allein, denn die Weltgesundheitsorganisation hat sogar ein Komitee bestehend aus 26 renommierten Wissenschaftlern gegründet, das dieser Frage nachgeht. Corona beugt sich vor und hält dabei eine Hand vor den Mund um nicht loszuprusten. Ich sagte erstmal nichts mehr. Dennoch scheinen Wortfetzen unseres Gespräches den Raum zu füllen. Außerdem war Corona in ihrem roten hochgeschlossenen Kleid eine Augenweide, wenn nicht gar eine kleine Provokation. Einige Leute drehten sich zu uns um. Glaubt Ripp daran, fragt sie, nachdem sie sich beruhigt hat. Ich nicke. Zumindest verfolgt er diesen Gedanken. Was sagst Du denn dazu, du weißt doch, wo du herkommst. Ist das Ganze nicht einfach auch ein politisches Thema? Die ganze Geheimniskrämerei der chinesischen Führung. Da muss doch etwas dran sein.
Natürlich weiß ich, woher ich komme. Das ist doch Allgemeinwissen. Übrigens: Man wird nicht als Verschwörungstheoretiker geboren, aber man kann als Verschwörungstheoretiker sterben.
Du machst mir Spaß, sage ich. Das ist die Bedingung, sagt sie. Spaß muss auch sein. Nun, ich komme von überall her. Sagen wir, von den Märkten dieser Welt.
Erzähle mir noch etwas über Ripp. Vielleicht verrate ich Dir mehr, später, hauchte sie mir zu und nahm meine Hand. Ich zuckte etwas zurück. Aber du bist doch geimpft? Dann brauchst du dir heute keine Sorgen machen. Ich spüre deine Schutzmembrane. Nicht sehr dick aber noch wirksam. Aus uns könnte mehr werden, aber nicht in diesem Leben. Und außerdem, naja, du weißt schon. Du würdest mich nicht ertragen. Sie lacht schallend und ich frage mich, was für eine Mutation da durchkommt.
Wir werden verstohlen, aber aufmerksam von den anderen Gästen beäugt. Darf ich vorstellen, Corona, könnte ich sagen. Das würde ihr gefallen.
Ripp leidet, fuhr ich fort. Zu Beginn der Pandemie hat er die Ruhe genossen. In diesem Jahr, nachdem alles wieder geöffnet war, die Läden, die Lokale, einfach alles, wurde es lauter als vorher. Die Nachbarn holten alle Feiern nach und hatte sich wegen der Ansteckungsgefahr ein zweites Wohnzimmer auf der Terrasse gebaut. Überdacht, beheizt, laut. Partys statt im Club auf der Terrasse. Er meint, dass die Demokratie verloren hat, weil sie sich nur um Corona gekümmert hat. Alle anderen Projekte sind auf er Strecke geblieben. Dass wir dich verdient haben.
Corona schaut sich die Menschen im Café an. Stimmt, konstatiert sie.
Nichts dazugelernt, die Dummen sterben und die Vulnerablen werden getötet durch die Dummen. Zuviel Demokratie schadet in meinem Fall.
Aber Ripp hat dazugelernt. Er war bei unserem Gespräch hoffnungsvoller. Er hat dir doch vom Baum der Erkenntnis erzählt. Ja, hat er, klar. Stimmt alles. Aber die nächste Welle…
Ist bereits da. Darf ich mich zu Euch setzen? Die Stimme hinter mir kommt mir bekannt vor. Carl, denke ich und es ist Carl. Ich überlege ernsthaft, ob er sich dazu setzen sollte. Er war lange Jahre schwer krank gewesen, es könnte für Ihn gefährlich werden. Carl nimmt kein Blatt vor den Mund, aus dem hin und wieder eine Verschwörungstheorie und ein migrationskritischer Gedankenwulst entspringt, das könnte wiederum für uns gefährlich werden. Für unsere Bereitschaft, weiter miteinander zu sprechen und um Verständnis der jeweiligen Position zu ringen. Ich blicke Corona an. Sie ist offen für jeden. Carl setzt sich. Er ist geimpft. 2 G, kein Thema. Ich habe das mit der Demokratie gerade noch so mitbekommen. Habe ich richtig verstanden, dass du die Demokratie infrage stellst? Corona schaut mich an. Habe ich? Ja, doch. Im Ansatz. Echte Demokratie gibt es ja nicht wirklich in Deutschland. Es sieht so aus. Aber wer trifft die Entscheidungen? Die Chancen am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen sind sehr ungerecht verteilt. Wer Geld hat, schickt seine Kinder auf Privatschulen, die Schere zwischen Arm und Reich klafft auseinander, die westlichen Demokratien verfügen über den Impfstoff, Afrika stirbt. Hier in Deutschland betreibt ihr den Kult des Individuums. Da mische ich euch ein wenig auf. Jetzt ist Solidarität gefordert.
Genau, sagt Carl. Nicht nur deinetwegen sterben die Menschen in Afrika. Wir haben insgesamt zu viele Menschen auf der Erde. Wir können nicht alle retten. Evolution eben. Und die wirkliche Macht haben, sind drei Musketiere: Musk, Bezos und Gates auf dem Zuckerberg, sind an der Menschheit nicht interessiert. Sie bestimmen, wer überlebt und wie wir leben. Spieler mit viel Geld entscheiden über die Zukunft. Da bist du, er winkt der Kellnerin, lediglich ein kleines Licht, Corona. Entschuldigung. Er zuckt mit den Schultern und bestellt einen Cappuccino. In dieser Spielerlogik sind wir alle gefangen und kleine Spieler geworden, die denken, alles im Griff zu habe. Selbstoptimierer! Diese Wachstumsideologie ist an ihre Grenzen gestoßen. Die internationale Verknüpfung, der sinnlose Warenverkehr über Kontinente hinweg, zerstört die besondere Kraft der Natur, sich regenerieren zu können. Und diese Schwäche nützt dir und den anderen Migranten, zischt er, sicher spaßig gemeint, Corona zu.
Carl, das war nicht unser Thema sage ich. Doch, doch, ich finde das richtig was Carl sagt. Corona beugt sich über den Tisch, Carl zugewandt. Die Natur ist aber nicht schwach geworden. Die Bedingungen verändern sich vorübergehend. Die Erde ist ein lebender Organismus. Die Natur ist so stark, dass sie alles überleben wird. Seht mich an. Ihr kommt nicht gegen mich an. Ich bin die Natur, lächelt Corona. Eine schöne dazu findet Carl, aber gefährlich wie jede schöne Frau. Ihr seht lediglich das kurze Anthroprozän fährt Corona fort. Viele Menschen erkennen den Zusammenhang zwischen Konsum von Ressourcen aller Art und Klimawandel. Aber höchstens 30 Prozent sind bereit, entsprechend zu handeln, denke ich. Freie Fahrt für freie Bürger. Und Carl, sie beugte sich weiter vor und ließ ihr Haar ins Gesicht fallen, du denkst ich bin eine Frau? Woher willst du das wissen? Sie lacht Carl schallend aus. In deinem Alter sieht man nur, was man sehen will. Rentnerdiskriminierung konterte Carl. Er strengt sich an, cool zu bleiben. Generationsegoismus, werfe ich ein. Leben im Hier und Jetzt schlage ich vor. Das könntest du morgen bereuen, wirft Corona ein. Nein, du musst dich entscheiden. Leben im Hier und jetzt, schön und gut. Aber jedes Eichhörnchen weiß, wie das ausgeht. Die Frage ist, ob sich die Evolution, also genau gesagt das Überleben der Menschheit demokratisch weltweit steuern lässt. Damit ist nicht dein Überleben gemeint, Carl. Etwas Größeres. Oder sollte man alle Entscheidungen einer künstlichen Intelligenz überlassen. Einer KI, die intelligent programmiert ist.
Ein Gedanke, ja ein Gedanke, stimmt Carl zu. Ein Gedankenspiel zum Glück. Wie soll die KI programmiert werden? Alle Beschlüsse der Klimakonferenzen zusammenpacken? Alle Forderungen? Wer kontrolliert? Organisation in einer Art Blockchain? Diktatur! Ruft Carl.
KI oder ich entscheidet!, wirft Corona ein.
Ich denke das nützt nichts. Ich habe etwas über den Fotografen Sebastiao Sagaldo gelesen. Ein weiser alter Herr. Sagaldo fotografiert Menschen in Extramsituationen, dokumentiert das Industriezeitalter. Seine Frau und er engagierten sich gegen die Militärdiktatur. Sonst immer unterwegs wo die Lebensumstände schlimm waren. Angola, Mozambique, Afrika sowieso. Er hat den Anschlag auf Ronald Reagan fotografiert.
War das nicht ein Western?, fragt Carl.
Mach das mal jetzt nicht kaputt, sage ich. Woran bin ich mit Carl eigentlich?
Jedenfalls solltet ihr seinen Film „Das Salz der Erde“ mal ansehen. Ein Blick in die Tiefe und leere Seelen. Unbedingt mal ansehen. Er ist nah dran am Menschen gewesen und hält ihn für die schlimmste Kreatur auf Erden. Überflüssig. Corona, ein guter Gedanke. Warum sollte dann eine KI den Menschen retten? Wofür?
Sagaldo würde dir gefallen, Corona. Wie du geht er davon aus, dass sich die Natur erholen wird. Ohne Gier und ohne Gewalt der Gewalt wegen. Die Viren sind stärker als der Mensch. Schneller. Und wenn der Regenwald abgeholzt ist, werden immer mehr Viren kommen.
Und was für welche, kündigt Corona an.
Carl meint, lakonisch, lass uns doch gleich sterben. Allerdings jetzt noch nicht. Ich finde die Menschheit auch überflüssig. Das würde eine künstliche Intelligenz auch ausrechnen. Aber können wir das nicht ein wenig verschieben?
Zeit spielt keine Rolle, findet die Schöne Corona. Für mich ist es außerdem sehr angenehm hier, eine wirkliche Willkommenskultur. Ich kann mich ungehindert breit machen. Mich ausbreiten. Schade, dass es so eisig draußen wird. Im Café können wir uns wohl die nächsten Monate nicht mehr treffen. Wir sind bereits wieder so viele Coronas.
Auf wessen Seite bist du eigentlich? Du trinkst hier den Kaffee mit uns und drohst uns? Fragt Carl.
Beides ist möglich, nickt die Schöne Corona, schiebt ihren Stuhl zurück und wendet sich zur Tür. Ich muss meine Tanten aus Südafrika begrüßen. Danke für die Einladung, winkt sie im Hinausgehen.
The Dilemma With The Toiletpaper
The toilet paper dilemma – fallen out of the roll
Encounters on the toilet.
I have to say this in advance: People who deal with the appropriate, correct alignment of the toilet paper roll are predominantly sensitive, vulnerable, and emphatic people. They often deal with their own lives, the meaning in them, in search of themselves. Not all; of course. There are also perfectionists who are said to have a certain compulsiveness. Research shows that the toilet roll philosophy is an issue worldwide. At least where these roles are used, respectively, people afford this luxury. Half of humanity has already been left out of this view for social and economic reasons. Studies have shown that about two-thirds of those affected place the roll in such a way that it can be rolled forward. Turning to the users. Let’s look at the area that is relevant to us. I was recently at a party with middle-aged people. The toilet was frequented in the usual size and style. The way of toilet roll attachment was mentioned casually, I do not remember if man or woman. Yes, it was a woman who noted the wrongly hung paper. Yes, she said wrong. Her husband prusted a restrained laugh in which he brought out the words, how can you hang them wrong. It still worked for me, he added. Does it work? It is only right or wrong, the woman replied. You don’t care. The women present agreed that there was only one right, the men confirmed the Egal holder of the toilet paper roll. The number of layers is crucial. And hard or soft. However, the opinion solidified that something in the relationship would be wrong if the toilet paper roll were an issue. Someone said a topic. There is no right Lust in the wrong another. I look at what someone says and disappear to the toilet. Reports on his empirical experience and research on the WWW: The word toilet paper is often used in connection with the following terms: Corona, toilet paper, roll, bathroom, Höcke, Björn, boxes, football, hamster purchases. A popular application example: The role is empty. In this case, it is difficult to see whether it was applied correctly or incorrectly. A conclusion of the conversation: Right stands for female, wrong for male. A carelessly male-hung role would indicate a relationship problem. For example: „Pass my ass“. Objection: Conversely, the complaint of this perceived as incorrect hanging could, even more, indicate a problem. Cause and effect would be reversed. The effect is equally the cause.
As a guardrail for relationships, there is a solution: a roller holder with a lid. Here the roller can be hung correctly. However, this does not prevent the hair in the sink and the incorrectly expressed toothpaste tube.
Das Klopapier Dilemma
Das Klopapierdilemma – aus der Rolle gefallen
Begegnungen auf der Toilette.
Ich muss die Erkenntnis vorwegschicken: Menschen, die sich mit der angemessenen, richtigen Ausrichtung der Klopapierrolle beschäftigen, sind überwiegend sensible, vulnerable und emphatische Personen. Sie beschäftigen sich häufig mit ihrem eigenen Leben, dem Sinn darin, auf der Suche nach sich selbst. Nicht alle; selbstverständlich. Es gibt auch Perfektionisten, denen eine gewisse Zwanghaftigkeit nachgesagt wird. Untersuchungen zeigen, dass die Toilettenrollenphilosophie weltweit ein Thema ist. Jedenfalls dort, wo diese Rollen benutzt werden, beziehungsweise, die Menschen sich diesen Luxus leisten. Die Hälfte der Menschheit fällt also schon einmal aus sozialen und ökonomischen Gründen aus dieser Betrachtung heraus. Untersuchungen haben ergeben, dass etwa zweidrittel der Betroffenen die Rolle so platzieren, dass man sie nach vorne hin abrollen kann. Den Nutzenden zugewandt. Betrachten wir den für uns relevanten Bereich. Ich war kürzlich auf einer Party gemeinsam mit Menschen mittleren Alters. Die Toilette wurde im üblichen Maß und Stil frequentiert. Die Art und Weise der Toilettenrollenbefestigung wurde beiläufig erwähnt, ich weiß nicht mehr ob Mann oder Frau. Doch, es eine Frau, die das falsch aufgehängte Papier anmerkte. Ja, sie sagte falsch. Ihr Mann prustete ein zurückgehaltenes Lachen, in dem er die Worte, wie kann man die falsch aufhängen, hervorbrachte. Bei mir hat sie noch funktioniert, fügte er an. Funktioniert? Es gibt nur richtig oder falsch, entgegnete die Frau. Dir ist es ja egal. Die anwesenden Frauen stimmten zu, dass es nur ein richtig gäbe, die Männer bestätigten die Egal Halterung der Klopapierrolle. Die Anzahl der Lagen sei entscheidend. Und hart oder soft. Die Meinung verfestigte sich allerdings, dass etwas in der Beziehung nicht stimmen würde, wenn das mit der Klopapierrolle ein Thema wäre. Ein Scheißthema sagte jemand. Es gibt kein richtiges Leben im falschen ein anderer. Ich gucke mal sagt jemand und verschwindet auf die Toilette. Berichtet von seiner empirischen Erfahrung und der Nachforschung im WWW: Das Wort Klopapier wird häufig im Zusammenhang mit folgenden Begriffen verwendet: Corona, Toilettenpapier, Rolle, Badezimmer, Höcke, Björn, Kisten, Fußball, Hamsterkäufe. Ein beliebtes Anwendungsbeispiel: Die Rolle ist leer. In diesem Fall ist schwer erkennbar, ob sie richtig oder falsch angebracht wurde. Ein Fazit des Gespräches: Richtig steht für weiblich, falsch für männlich. Eine achtlos männlich aufgehängte Rolle würde auf ein Beziehungsproblem hinweisen. So etwa: „Geht mir am Arsch vorbei“. Einwand: Umgekehrt könnte die Reklamation dieses als fehlerhaft wahrgenommene Aufhängen erst recht auf ein Problem hinweisen. Ursache und Wirkung würden vertauscht. Die Wirkung ist gleichermaßen die Ursache.
Als eine Leitplanke für Beziehungen gibt es eine Lösung: Ein Rollenhalter mit Deckel. Hier lässt sich die Rolle richtig aufhängen. Das verhindert allerdings nicht die Haare im Waschbecken und die falsch ausgedrückte Zahnpastatube.






