Die Verhaftung 1936

Text aus: „Die Kunst des Selbstrasierens“. Hamburger Sozialdemokraten im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Feldhausverlag Hamburg.

 

27. April 1936, die Verhaftung

Heinz`Mutter fühlte ihr Blut zu Kopf steigen. Sie amtete schwer. Die Schwestern sahen sich unsicher an, wer würde morgens um sechs Uhr vor der Tür stehen? Die Mutter hatte diesen Tag seit Langem mit heimlichen, oft unterdrückten, abendlichen Tränen erwartet. Da standen sie. „Wohnt hier Heinz Gärtner?“ Eine spitze, laute Stimme, gepolsterte Schultern auf einem langen Mantel. Blasse Gesichter, es schien, als standen Totenköpfe vor der Tür. Ein Blick aus Gesichtern, die einen ersten Eindruck vom Henker zu geben schienen, andererseits aber wieder relativ normal auf Heinz wirkten. Dieser Standard-Gesichtsausdruck der Gestapo, der Ausdruck der Macht sonst unwichtiger Personen, würde sich in den nächsten acht Jahren ihrer Gestapostätigkeit schon noch entwickeln. Die Macht des Systems stand vor der Tür. Die mit dem Speckhaken, wie Heinz sie abfällig, belustigt kennzeichnete. An diesen Speckhaken war jetzt nichts Belustigendes mehr.

Gestapo. Heinz hatte gehofft, dass dieser Tag nicht kommen würde, glaubte aber immer, darauf gefasst zu sein. Auch wenn er es vorher gesehen hatte, dass dieser Tag kommen würde – er hatte diese Möglichkeit immer wieder verdrängt. Der 27. April sollte ein ganz normaler Tag werden. Die Sonne würde heute zwar nicht scheinen, das Kopfsteinpflaster aber wie immer vom Hufgeklapper der Kaltblüter widerhallen, die sich sicher die Straße mit ein paar Automobilen teilen würden. Die Läden würden öffnen. Der Bäcker, der Fahrradladen, der Inhaber wie immer im braunen Cordanzug. Heinz war der Meinung, es müssten mindestens drei Anzüge sein, nicht jeden Tag derselbe. Heute konnte Heinz ihm nicht mehr helfen. Im Sommer letzten Jahres hatte er im Fotoladen assistiert und gelernt, wie man einen Film mithilfe des Sonnenlichts entwickelt. Dann als der Fahrradladen dort eröffnet wurde, hatte er mit geschraubt und geputzt. Die Wohnung in der Peter-Marquard Straße lag etwas im Schatten der Bäume, die die Straße säumten. Eine ruhige Straße, die an den lebendigen Mühlenkamp grenzte.

Heinz überraschten diese Gedanken. Er hätte mehr Angst haben müssen, aber die Tagebücher waren versteckt, in die er seit langer Zeit keine Einträge mehr gemacht hatte. Die Gruppentagebücher gab es noch, aber die waren auch auf dem Dachboden von Tante Bertha untergebracht. Nichts war mehr im Haus, was verdächtig war. Vielleicht hätte ich doch alles vernichten müssen, warf er sich vor. Ich habe kalte Hände, dachte er. Er fühlte sich langsam zu einem steifen Stock werden, die Zeit schien stehen zu bleiben.

Sein Vater drückte ihm fest die Hand. Das schmale Gesicht blass, zum schwarzen Schnauzer in scharfen Kontrast. Auf der Glatze kleine Schweißperlen. Worum es ginge, versuchte er zu fragen. „Wir müssen ihren Sohn mitnehmen, Sie wissen schon warum.“ Diskussionen waren zwecklos, das wussten alle. Alle schwiegen. Heinz, seine Schwestern und seine Mutter. Mach dir keine Sorgen, ich bin heute Abend wieder da, versuchte er sie zu beruhigen. Sie drückte ihn heftig, schluchzte, hielt sich an ihrem Mann Heinrich fest.

Heinz würde sie nie wiedersehen.

Wut! Wut war Heinz’ erste Empfindung. Nun hatte ihn der lange schwarze Schatten doch noch erreicht. Wütend war er, weil der Schneidereit aus der Schule Forsmannstraße bei der Verhaftung dabei war. Im Hintergrund zwar, aber dabei grinsend, dass konnte er sich nicht verkneifen. Der, der ihm damals schon heimlich gedroht hatte, als er seinen Vortrag in der Aula der Schule hielt. Jetzt stolz in seiner SS-Uniform. Aber diese Gedanken verfolgten Heinz nicht lange, als er dann von den zwei Gestapobeamten aus dem Haus gebracht wurde. Schneidereit war plötzlich verschwunden. Er wollte wahrscheinlich nur seine Macht und Überlegenheit demonstrieren, dachte Heinz. Was er nicht ahnen konnte war, dass Schneidereit sich ärgerte, so wenig zu Heinz’ Verhaftung beigetragen zu haben. Sein Spitzel Georg hatte zwar herausgefunden, dass Heinz hin und wieder in die Heide fuhr, nach Holm-Seppensen oder in ein Haus in Eckel. Der Kontakt mit dem V-Mann in Kopenhagen hatte nichts erbracht. Heinz wurde an Handschellen in die Mitte genommen. Als er sich umsah, erblickte er seine kleine Schwester Irma und dann auch Erna, die einige Meter hinter ihnen folgten.

Menschen schauten verstohlen. Heinz empfand das nicht als peinlich. Er war sogar froh, dass er nicht mit der „Grünen Minna“, dem Gefangenentransporter, abgeholt wurde. Die „Grüne Minna“ war bei der Gestapo beliebt, konnte man dort doch „Unfälle“ provozieren oder „Notwehr“ vortäuschen. Misshandlungen waren in der Grünen Minna an der Tagesordnung. Einem Freund von Heinz hatten sie die Zähne bei seinem Abtransport eingeschlagen.

„Wo geht es denn hin?“ fragte Heinz. Er war sich nicht sicher, ob es nicht doch zur Polizeiwache gehen würde. Aber die lag in einer anderen Richtung. „Wirst du schon sehen. Wird dir gefallen.“ An Flucht war nicht zu denken. Die Hände in Handschellen auf dem Rücken gefesselt, und vorbereitet. Warum bin ich darauf nicht vorbereitet gewesen! Er hatte sich in den letzten Wochen auch überlegt ins Ausland zu gehen. Aber er fand sich einerseits nicht wichtig genug und – wer sollte dann noch Widerstand gegen das Naziregime leisten, wenn alle emigrierten? Zu wissen, was kommt und die richtigen Schritte zu gehen, das sind zwei Paar Schuhe.

„Versuche es gar nicht erst“, sagte einer der Gestapoleute, als hätte er die Gedanken gelesen „Wir dürfen dann von unserer Schusswaffe Gebrauch machen.“ Sie stiegen dann in den Alsterdampfer an der Krugkoppelbrücke. Also geht es ins Stadthaus an der Stadthausbrücke, in den Folterkeller der Gestapo.

Heinz wurde übel und schwindlig. Dann kam die Angst. Er dachte an die Schilderungen über die bereits verhafteten Genossen. Hier auf dem Alsterdampfer hatte er also noch eine Gnadenfrist. Es war noch nicht voll auf dem Dampfer, dennoch reichte die Zahl der Passagiere aus, um Misshandlungen zu verhindern.

Er schaute sich die wunderschöne Silhouette seiner geliebten Vaterstadt an. Das Rathaus, den Michel, den Turm der Petrikirche, das Hotel Atlantic. Die Ruderer, die friedlich ihre Blätter durch das Wasser zogen. Für Hitlers Olympiade. Der Welt vorführen, was Deutschland wieder ist, die Welt vorführen, die Welt verführen.

Heinz sackte in sich zusammen. Er dachte an seine Mutter und war froh, für den Fall seiner Verhaftung ein Foto von sich gemacht zu haben. Vor vier Wochen war er beim Fotografen gewesen, mit Anzug, Schlips, vorher zum Friseur. Wenn er nicht zurückkommen würde, hätten seine Eltern zumindestens ein schönes Bild als Erinnerung an ihren Sohn.

Im Stadthaus musste Heinz sich mit anderen Verhafteten mit dem Gesicht zur Wand stellen. Bewegen durfte man sich nicht. Stunde um Stunde verging. Türen gingen auf und zu. Mal um Mal wurde mit dem Stock zugeschlagen, wenn einer der Häftlinge sich umdrehte oder zusammensackte. Einer nach dem anderen wurde zum Verhör geholt. Man hörte ihre Schmerzensschreie, dazwischen laute Befehle. Dann unendlich lang erscheinende Pausen, die für Heinz noch unerträglicher waren, als die Befehle und das Schreien. Was passierte in diesen Pausen? Einige kamen arg misshandelt zurück, konnten kaum noch gehen. So viele waren verhaftet worden! Warum bin ich bloß nicht untergetaucht!

„Gärtner, los mitkommen!“ Heinz wurde in einen Raum gestoßen und stürzte. Durch das lange Stehen waren seine Beine weich geworden. Er hatte gezittert. „Aufstehen, hinsetzen“. Der Raum war verqualmt, der Aschenbecher voll. Heinz hatte Durst. Aber dann musste man wenigstens auch nicht pinkeln, auch gut, vielleicht besser, sagt Heinz zu sich, bevor der erste Schlag mit dem Knüppel seinen Rücken traf.

„Hier sitzen wir gerade!“ Es gab nichts zu trinken, nur Fragen und Schläge. „Du hast Glück, dass du so spät dran bist, wir machen hier Feierabend. Freue dich nicht, es liegt genug gegen dich vor. Da kannst du dich im Konzentrationslager weiter behandeln lassen.“

Heinz hatte Glück gehabt, dass er erst kurz vor der Abfahrt zum KZ Fuhlsbüttel zum Verhör musste. Dadurch war die Tortur bei der Vernehmung noch auszuhalten. Am schlimmsten war die Demütigung. „Augen geradeaus! Guck mich nicht an!“. Ohrfeigen folgten der Anweisung.

Kopf hoch, nicht heulen, nicht hier, sagte er sich. Wie schwer das ist, bei all den Ohrfeigen. Man muss nach oben sehen, immer nach oben sehen, dann kann man nicht weinen. „Augen geradeaus!“ Die nächsten Ohrfeigen.

Wut, kein Gefühl der Ohnmacht. Und Angst vor den Schmerzen. Er wollte sich auf keinen Fall demütigen lassen. Aber auf diese Schläge war er nicht vorbereitet.

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