Aldidente und Testosteron

1. Kapitel

Sie platzte förmlich in sein Büro. Atemlos. Groß, und natürlich blond, wie er es sich erträumt hatte; in den Tagen mit wenigen Mandanten, den Blick in den Hirschpark gerichtet, an den die Villa angrenzte. Hier hatte er als ´ Frank der Anwalt` in einem Anflug von Optimismus seine Kanzlei eingerichtet. Ihr Händedruck war vorsichtig, ihr Arm ausgestreckt und ihre Hand etwas feucht. So machte sie auf ihn Eindruck; aber die Furcht, die eine schöne Frau, zudem eine große, schlanke Frau bei ihm auslöste, wurde somit gleich relativiert. Auch Ihre Entschuldigung für die Verspätung, „das schwer zu erreichende Haus“, gefiel ihm. „Ich musste außerdem meine Tochter erste einmal unterbringen, die ist früher aus der Schule gekommen“. Er spürte ihre ganze Schwäche in diesen zwei Entschuldigungen in diesem Augenblick. Als verheirateter Mann im besten Alter, kurz vor fünfzig und dem Abfall des Testosteronspiegels, hatte diese Begegnung etwas von Gegenläufigkeit in der Abwärtsspirale seines Lebens. Zu Hause ausgezogen, von der Frau geflüchtet aus dem Würgegriff der Hollywoodschaukel und dem unbedingt erforderlichen neuen Möbeln, auf der Suche nach einer neuen Sekretärin. Möglichst einer fürsorglichen Person.
„Ja, ja“, sagte er etwas blöde und gab ihr gleich noch einmal die Hand. Als Anwalt brauchte er eine gute Sekretärin, eine sehr gute, dennoch, es war nach diesem ultimativen Moment gleich klar, dass er sie nicht weiter zu ihren Fähigkeiten und Referenzen befragen würde.

„Wann können Sie anfangen?“, lächelte er, gewillt seine Unsicherheit hinter seinen gefletschten Zähnen zu verbergen.
„Wie bin ich eingestellt?“. Sie zog ihren Kopf mit einem leichten Atemgeräusch, ausgelöst durch den Luftstrom, den sie durch die Nase einsog, zurück und legte die Hände in ihren Schoß. Sie spürte ein leichtes Panikgefühl, das ging doch zu schnell für Sie. Gern hätte sie das selbst entschieden. Sich nach dem Gespräch erst einmal zurückgezogen.
Frank ärgerte sich jetzt, dass er Frau Markmann, wie die Bewerberin sich vorgestellt hatte, nicht ein wenig kämpfen ließ.
„Ihre Freundin hat sie schließlich empfohlen und da denke ich, das geht klar.“ Das sagte er mehr zu sich selbst. Er kannte ihre Freundin Elke, eine anfangs vielversprechende Krankenschwester vom Sportverein, hatte diese allerdings nur ein paar Mal und eher kurz, getroffen. Dann war sie als mögliche Beziehungskiste ausgeschieden. Zu kompliziert. Hing immer noch an ihrem Ex-Freund Urs.
„Elke kennt Sie aus dem Sportverein?“ Frau Markmann war sich nun nicht mehr sicher, ob sie hier richtig war. Es erschien Ihr plötzlich alles zu unvorbereitet, zu spontan, nachdem sie gestern sie noch mit ihrer Freundin Elke Kopf an Kopf gemeinsam vor dem PC gesessen hatte. Mit Blick auf eine Beziehungskistenvermittlung. Auf dem Bildschirm flimmerten die Texte vorbei:„Liebe ist nicht einfach übertragbar“, lasen sie, „dennoch will sie immer irgendwohin. Und die Bereitschaft ist allgegenwärtig mit den unterschiedlichen Facetten einer Droge die als solche nicht gleich erkannt wird. In der Form der Sehnsucht der engen Bindung des Spiels von Nähe und Distanz, der Lust, des Leidens, des Wartens, der enttäuschten Sehnsüchte… und so suche ich dich mit einem Hauch von Illusionen und einem Rest an Vertrauen in das Neue, in den Zauber des Anfangs und der Kraft dies alles zu bewahren! Wenn du auch so empfindest, weißt, das alles möglich ist und dennoch gleichzeitig unmöglich und doch in dieser Zeit die Herzen zueinander finden können dann…“
Der Lüfter des PC schnarrte leise zu den sich über den Bildschirm verbreitenden Rauchschwaden, den Anke Markmann und Elke mit verkniffenen Augen anstarrten. Die Wörter sollten der persönlichen Marketingstrategie standhalten und den Richtigen zum Antworten bringen. Allerdings schreiben auch alle die nicht verstehen worum es eigentlich geht. Zu wenige Frauen für die Männer im Angebot. Im Chatroom wie im richtigen Leben. „ Unterscheidet sich das denn von den anderen Anzeigen?“, hatte Anke gefragt.
„Du kannst ja auch schreiben, dass du jemanden suchst, der deine Speckröllchen toll findet und auf das mollige Weibliche steht. Oder wie diese hier: habe grade mein Badezimmer neu gestrichen und such dich mit deinem Body für meine kleine Einweihungsfeier.“
„Habe mein Badezimmer aber nicht gestrichen“, trotzte Anke.
„ Könntest du aber mal wieder machen.“
Nach ein paar Piccolos von Aldi schrieb es sich alles so leicht ein bisschen süßlich wie der Sekt. Und nach zwei Flaschen hatte man sich an den Geschmack gewöhnt. Aldidente hatte auch schon lange in Eppendorf Einzug gehalten.
„Aber wenn ich mir ansehe was du in der letzten Zeit an Typen verschlissen hast…“ Elke hob ihr Glas und sah Anke in die Augen.
„So ist es ja nun auch nicht. Verschlissen. Man kann überhaupt niemanden verschleißen, der sich nicht selbst verschleißen will.
„Ich hab das nun mal gebraucht.“ Elke starrte Anke an.
“Eigentlich bin ich total sauer auf Typen.“
Sie schenkten sich noch einmal ein. Anke war entfesselt und redete weiter, als würde sich dadurch etwas klären.
„Der Urs, freundlich, zuvorkommend aber träge ohne Energie für eine Beziehung. Dann verschwindet er, einfach zack, weg, Tür zu. Elke! Und du warst froh, endlich wieder frei auf dem Markt zu sein. Und, sie zog dieses und in die Länge, was willst du mit einem Typen der sich nicht einlassen will. Weißt du, morgen mache ich den Job beim Anwalt klar. Bei Frank, Ihr Anwalt. Das ist doch mal was!“
„Glückwunsch. Prösterchen“, gratulierte Anke. Der Sekt schwappte aus den Gläsern.
Die große blonde Anke sog die Luft ein. „Ich brauch eine Job“.
„Genau. Stößchen!“
In diesen Gedanken verloren saß sie jetzt bei Frank dem Anwalt und konnte sich nicht auf das konzentrieren, was der alles erklärte und war froh, endlich mit einem „bis morgen dann“ aus dem Büro verschwinden zu können. Ich glaube, der hat mich nur eingestellt, weil ich blond bin, dachte sie dabei. Egal, Job ist Job.

Am selben Abend saß er mit drei Freunden auf einer Mauer am Elbstrand. Frank ´Ihr Anwalt` konnte sein blondes Glück nicht fassen. Scheiß auf Füller in Firmentinte, hatte er zu sich selbst gesagt. Und zu den Freunden: „ Eine schöne Bescherung ist mir heute in die Kanzlei geflattert. Ich muss da professionell bleiben.“ Das Wort geflattert fand er regelrecht passend. Zu viert saßen sie auf der Mauer am Elbstrand. Vier fast gescheiterte Gestalten, was ihre Beziehungen anging. Sie saßen immer auf dieser Mauer am Elbstrand, wenn der Blues kam. Und die alten Geschichten sich mit neuen Erkenntnissen verbinden sollten.
„Wisst ihr“, blies Frank seinen unvermittelt Blues weiter, „nach dem ersten Mal des Betrugs ist das Leben anders. Eine Form der strukturellen Gewalt. Verlassen werden. Betrogen werden. Betrügen und verlassen ist auch eine Form von Gewalt gegen sich selbst. Auch wenn es später normal ist – niemand mehr erwartet dass man immer zusammenbleibt auf Teufel komm raus. Die erste Liebe ist noch völlig unschuldige Liebe. Vorbei.“ Frank suchte seit Jahren vergeblich Nähe zu Frauen, wusste aber dass er sie nicht aushielt, wenn sie sich einstellte. Nähe zum Alkohol, ja das ging.
Die vier Freunde ließen ihre vielen erkenntnisreichen Sätze die raue Mauer hinunter in den Sand fallen, wo sie mit den Wellen der vorbeifahrenden Containerschiffe in die Welt hinaus geschickt wurden.
Erster Freund
„Was das Gute am Leben ist, dass es immer weiter geht. Mit und ohne Beziehungen. Bis zum Tod. Der dann plötzlich kommt oder schleichend oder schon da ist, ohne dass du es merkst, weil du schon tot bist. Allein oder zu zweit.“
Zweiter Freund: „Woran erkenne ich denn, das ich tot bin wenn ich noch nicht tot bin?“
„Du bist ja nicht wirklich physisch tot. Außerdem erkennst du das gar nicht unbedingt selbst. Du fängst an zu saufen, so langsam. Trinkst früher am Tage. Aber sterben fängt doch viel früher an. Guck dir doch mal junge Leute genau an. Nichts mehr los. Alles digital“.
„Ich dachte, du meinst mich“, sagte Frank.
„Du bist ja nicht junge Leute“.
F
rank nahm einen Schluck aus der Flasche. „Ich war dreizehn als es anfing. Total unschuldig war ich in ein Mädchen verliebt. Sie war sechzehn. Agnes hieß sie. Damals war mir noch nicht klar, dass man von allen Frauen die Agnes heißen, die Finger lassen muss.“
„Ist doch kalter Kaffee. Du bist jetzt fast 50, dein Testosteronspiegel sinkt unaufhörlich – und als Frau hätte ich auch so meine Probleme mit dir.“
„Ich mit dir auch.“

Erster Freund: „Ihr müsst das nicht so eng sehen.Wenn die Beziehung zu Ende ist, entsteht so eine Gelassenheit. Die Gelassenheit, die aus dem Gehen lassen kommt.“
Zweiter Freund: „Seit fünf Jahren suche ich die richtige Frau für mich, aber ich bin einfach zu schüchtern. Schau dich doch mal um. Keine Beziehung hält dauerhaft. Und warum?“
Freund 3: „ Ist doch klar. Auch wenn’s nicht mehr populär ist, bestimmen die Produktionsbedingungen die Reproduktions-bedingungen. Du hast einfach nicht genug Kohle. Und Frank, mein Lieber, deine blonde Schöne will einfach nur einen Job. Finde dich damit ab.“

Der dialogisierte Monolog der Freunde träufelte unaufhörlich ineinander. Frank hatte sich das nicht so vorgestellt.. mit dem Rücken zur Wand, was sein Sexualleben anging. Und auf der Mauer mit seinen drei Freunden, die er nicht los wurde. Die ihm nicht einmal für einen Abend seine Träume ließen. Seine Freunde fürs Leben.
Aber er hatte immerhin auch eine neue Sekretärin.

Ein Kommentar zu „Aldidente und Testosteron

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s