Ein Haus in Magonna – Teil 2

(Bild: Fabian Gatermann. http://www.fabiangatermann.com)

Danach

Tjark hatte mir bereits erzählt, was danach geschah, immer einen Teil nach dem anderen. Manchmal zeitlich etwas unsortiert, von den jeweiligen Ereignissen in Magonna bestimmt. Wenn die harte, unnachgiebige Zeit in sich zusammenfällt und ihre Struktur verliert, ist es auch unerheblich, wann was war, in welcher Reihenfolge man die Tage verlor.

Tjark kam nach seinen Reisen aus seinem Traumland, wie er Sri Lanka beschrieb. Was mich manchmal zweifeln ließ, an dieser Geschichte, war die möglicherweise unterschiedliche Verbindlichkeit auf den verschiedenen Erdteilen. Nach und nach schien mir Tjark zu einem großzügigen Investor zu werden, mit Geld und starken Emotionen. Tjark beschrieb immer wieder, wie Sakthivel sich fühlte, oder aus seiner Sicht fühlen müsste, denn Sakthivel klagte nie, forderte nichts.

Für Sakthivel verging die Zeit unbeschreiblich bleiern, Tag und Nacht konnte er nicht mehr unterscheiden. Seine Welt war untergegangen. Die ersten Tage nach dem Tsunami hatte er noch nach seiner Mutter gefragt, aber alle Menschen hatten die gleichen Fragen nach Angehörigen. Jeder hatte das gleiche Leid zu bewältigen.
Seine Schwägerin Gayani hatte mit ihren zwei Kindern überlebt. Allerdings wurde eines ihrer Kinder, die dreieinhalbjährige Isuru, erst Monate später weit entfernt von Zuhause bei fremden Menschen, die sich gekümmert hatten, aufgefunden. Der Bruder von Sakthivel hatte beide Kinder verzweifelt in den Wasserstrudeln festgehalten, Isuru war ihm aus der Hand gerutscht.
Sie verlor auf Grund ihrer Verletzungen das Gehör, ihre Schwester Banuka hatte mehr Glück und war relativ unverletzt geblieben.

Sakthivel fiel es schwer über seine Familie zu sprechen, immer wieder unterbrach er seine Erzählung.

Mittlerweile hatten wir einige Kerzen angezündet, allerlei Insekten flogen um uns herum.
Sakthivel hatte Fladenbrot aus der Küche geholt, so dass wir Knabberpausen einfügen konnten. An diesem Ort im Dschungel fiel es mir schwer, die Wassermassen, die Katastrophe zu sehen. Allein wie Sakthivel davon berichtete, mit seiner leisen, unaufdringlichen Art, ließ mich ein Gefühl von dem ganzen Chaos bekommen, welches das Leben so verändert und ihn hierher geführt hatte.

Sakthivels Bruder hat angefangen zu trinken, erzählte Sakthivel, und er wollte seine Kinder nicht mehr sehen, wohl eine Folge seines Suffs, meinte Sakthivel beschämt und verzweifelt. Er kam nie mehr nach Hause. „Ich habe das nicht verstanden, wenn man Kinder hat, muss man doch leben! Das habe ich ihm immer wieder gesagt“, erklärte Sakthivel mit Nachdruck. Vielleicht lag es aber auch an der Politik und dem unfähigen, unwilligen Staat, die ihn zusätzlich zur Verzweiflung brachten.

Die Regierung hatte ein Büro eingerichtet, um die Opfer zu betreuen und eine Bestandsaufnahme durchzuführen. Das Problem war, das Sakthivel keine Papiere mehr hatte. Alles war weggespült. Die Beamten waren unfreundlich, vielleicht auch hilflos. Wir haben selbst nichts, musste er sich anhören. Sakthivel ging nicht mehr zur Arbeit. Misstrauen verbreitete sich, weil sich viele als Opfer ausgaben, die gar keine waren. So viele korrupte Menschen wollten das Leid ausnutzen, beklagte er. Sein Bruder ging fast leer aus, er bekam nur 300.000 Rupien, etwa 2.300 €. Kein Wunder, wenn man das nicht aushält. „Aber ich glaubte an Buddha, habe gebetet und die Hoffnung nicht aufgegeben“.

Die Hotels, in denen Sakthivel gearbeitet hatte, waren zum Teil vollständig verwüstet und es wurde sehr viel weniger Servicepersonal benötigt. Das wusste ich von Tjark. Sakthivel erzählte nicht alles, vielleicht, weil es ihm nicht wichtig war. Ich musste die Erzählbausteine nach und nach zusammenfügen.

Da Sakthivel nicht mehr in einem Hotel arbeiten konnte, unternahm er einen ersten Versuch, etwas Geld zu verdienen. Möglicherweise auch aus einer Laune der Trauerarbeit heraus, baute er auf dem Platz seines Elternhauses direkt am von Trümmerteilen, Plastik und Müll übersäten Strand einen kleinen Kiosk aus brauchbaren Teilen. Sein Angebot bestand aus Wasser, ein paar Soft-Getränken, Kokosnüssen und Plastikspielzeug, das verloren über dem fensterlosen Verkaufstresen baumelte.  „Ich zeige dir ein Foto“, flüsterte er und kramte einen Hefter mit Fotos in Plastikfolien hervor. Eine skurrile Bude, aus der Sakthivel heraus lächelte. Ein paar Touristen, die in den Trümmern urlaubten, kauften bei ihm hin und wieder ein paar Kleinigkeiten, mehr aus Mitleid oder von dem immer lächelnden freundlichen Sakthivel angelockt. Manche unterhielten sich mit ihm über sein Schicksal. Einige gaben ihm etwas Geld. Es gab auch ein Bild mit Tjark, Stefan und Sakthivel vor dieser Hütte. Sakthivel hatte Tjark und Stefan während ihres ersten Besuchs nach der Katastrophe stolz zu seinem Geschäft geführt. Da hatten sie gestanden und schweigend auf den Indischen Ozean hinaus geblickt. Tjark stand bewegt ganz nah bei Sakthivel, der nicht berührt werden wollte. Stefan hielt sich etwas abseits, direkt an der nach dem Tsunami entstandenen kleinen Steilküste. „Das Meer ist so friedlich und schön, so glatt. Unvorstellbar, was es alles verschlingen kann.“ Er versuchte ein Lächeln, war aber ungeübt darin und sah, dass Tjark mit den Tränen kämpfte. Das Leid, dieser sinnlose Versuch mit der Hütte waren für ihn unerträglich. „Ja, da ist doch wieder etwas Leben hier,“ überbrückte Sakthivel die negativen Schwingungen, die er auch nicht mochte. Er lachte sein angenehmes Lachen und zeigte dabei die blitzenden Zähne. „Hier steht doch wieder ein Haus!“ Er zeigte zu dem vielleicht zwei mal einem Meter großen Verschlag. Dort, wo das Fenster üblicherweise war, befand sich dieser Tresen. Vier Pfosten hatte er in die festgestampfte Erde gerammt. Wahrlich eine Bruchbude aus Bauschutt. Eine skurrile Performance auf einem Trümmerfeld.
Tjark blickte zur Hütte und sah dann den lachenden Sakthivel an. Tränen flossen.
Stefan nahm Tjark in den Arm und zog auch den widerstrebenden Sakthivel an sich. Sie weinten in der Hütte, wie verlassene Kinder.

Die Hütte schluckte ihre Laute, zu hören war nur die Stille von den provisorischen Gedenksteinen und Holzkreuzen.

Wir setzten unser Gespräch fort. An ganz unterschiedlichen Orten und auf Fahrten in seinem Tuc-Tuc, welches mit der Aufschrift Tjark Ressort beschriftet war. Eigentlich war es Tjarks Tuc-Tuc, aber Sakthivel durfte jederzeit damit fahren.
Die Zeiten aus denen Sakthivel berichtete, verschwammen; aber nach und nach erfuhr ich die ganze erstaunliche Geschichte.

Hätte ich gewusst, dass ich Post bekomme“, erläuterte Sakthivel, „wäre ich zum Postamt gegangen. Aber wer sollte mir schreiben? Ich hatte ganz andere Sorgen und musste so vieles regeln“. Er beschrieb, wie unbefriedigend die Hilfe für die Tsunamiopfer war.

Man brauchte Geld, um etwas zu erreichen. Jeder hielt die Hand auf, auf die Behörden war kein Verlass.
Immer neue Leute kamen als Polizisten verkleidet in die Hilfsstationen und wollten sich bereichern. Es war kein Problem, sich eine Polizeiuniform auszuleihen und sich als Polizist auszugeben. Es gab Geld von der Regierung. Es gab internationale Hilfe, Sakthivel sagte das mit vielen Ausrufezeichen. „Aber was glaubst du“, wie das hier lief ? Er schämte sich sichtlich, davon zu berichten. Neue Häuser wurden von Leuten bewohnt, die die Beamten bestochen hatten. Von 74 neuen Häusern in Beruwala wurden nur 20 von Tsunamiopfern bewohnt.

Sakthivel nahm seine Arbeit im Hotel auf Tagelöhnerbasis wieder auf. Ihm wurde versprochen, dass er nach einem Jahr einen festen Vertrag bekommen würde.

Dieses Versprechen wurde jedes Jahr erneuert, ohne dass er einen Vertrag bekam. Sakthivel konnte in den ersten Jahren nach dem Unglück im Tempel in einer kleinen Hütte für eine Person wohnen.

Vor dem Tsunami hatte dort ein Engländer, Leonard Shephard Urlaub gemacht, der sich an Sakthivel erinnerte und wissen wollte, wie es ihm ergangen war. Für wenige Wochen war dieser nach Sri Lanka gekommen und wollte Sakthivel treffen, der aber gerade zu der Zeit nicht in dem Hotel arbeitete. Sakthivel hatte kein Mobilphon und war nur per Post zu erreichen. Die Briefe wurden im Postamt in Beruwala hinterlegt und mussten abgeholt werden. Als Sakthivel endlich seine Post abholte – private Post erwartete er nicht – waren bereits zwei Urlaubswochen von Mr. Shephard vergangen.
Leonard Shephard nutzte die verbliebene Zeit und kümmerte sich um Isuru, das beim Tsunami am Ohr verletzte Kind, bezahlte den Arzt und lange Zeit schickte er jährlich 400 Pfund. Ein Beitrag zum Überleben, erzählte Sakthivel still. Und dann war da Tjark.

 

Freunde

Die beiden Männer, Tjark und Stefan, waren nach dem Tsunami tagelang im Schockzustand gewesen. Immer wieder sahen sie sich die Bilder an. Sie konnten sich gegenseitig nur am Telefon trösten, da Stefan in München und Tjark in Hamburg lebte.
An den Wochenende besuchten sie sich und überlegten, was sie tun konnten. Es gab keinen Kontakt nach Beruwala, die Behörden waren völlig überfordert. Es war schon vor Ort nicht möglich, etwas zu erfahren, wie Sakthivel ihnen später tränenreich schilderte, geschweige denn von Deutschland aus. Zumal, wenn es sich bei den Opfern nicht um Deutsche handelte. Es machte auch keinen Sinn, nach Colombo zu fliegen, so gern die beiden das auch wollten. Sie begannen, Spenden zu sammeln, auf ihren Geburtstagen stellten sie Bilder und dazu einen Spendentopf auf. Tjark hatte zudem noch Patenkinder in der Region, die allerdings weiter im Inland lebten. Er hoffte, dass sie überlebt hatten.

Ein Jahr nach dem Tsunami flogen Stefan und Tjark wieder nach Sri Lanka. Sie hatten Sakthivel vor ihrem Besuch einen Brief an das Postamt in Beruwala geschrieben.
Mein Freund Tjark lebte bereits vor dem Tsunami seit Jahren gedanklich und emotional in Sri Lanka. Er erzählte bei jedem Treffen begeistert und liebevoll von diesem Land und seinen Menschen. Hier in Deutschland lebte er allein, mit vielen engen Freunden verbunden, aber in Bentota und Magonna schien seine zweite Heimat zu sein nach der er sehnsüchtig war. Zwei Patenkinder unterstützte er regelmäßig,besuchte sie und sammelte im Freundeskreis für sie. Jeder Geburtstag stand unter dem Motto: „Bitte keine Geschenke, gern Geld für Sri Lanka.“ 1996 war er zum ersten Mal mit seiner Freundin Ingrid nach Sri Lanka gereist, in der Zeit einer Lebenskrise. Große Liebe vorbei, Mutter tot, die Schwester plötzlich verstorben, der Job auf der Kippe, mit dem eigenen möglichen Tod die Sinnlosigkeit vor Augen. Es war eine schwierige Lebensphase, die es für ihn zu bewältigen galt.

Am Ende dieser, seiner ersten Reise nach Sri Lanka, fühlte er sich jedoch unbeschreiblich gut und total entspannt. „Es war überstanden, ich habe nur noch geheult vor Glück“, gestand er mir damals. Für ihn waren dieses Land und die Menschen dort eine wundervolle Kraftquelle.

In den Jahren nach dem Tsunami wuchs Sakthivel zum zentralen Thema seiner Erzählungen. Der Spaß, den Tjark mit Sakthivel hatte, beflügelte ihn. „Wir wollten uns einen Wasserfall ansehen“, beschrieb er beispielsweise. „Eigentlich betrug die Entfernung zwei Stunden – Sakthivel wüsste den Weg, behauptete er, wir fuhren dann aber immer im Kreis. „Sakthivel“, sagte Tjark, „hier waren wir schon“.
„Ich weiß den Weg“, sagte er immer wieder mit seinem Lächeln. Nach sechs Stunden waren wir endlich da. Ich konnte nicht sauer auf ihn sein, weil er immer so optimistisch war. Wir haben uns vor Lachen nicht mehr eingekriegt.“ Das beschrieb er in den Jahren, als das Leben wieder leichter für ihn geworden war.

Bei ihrem ersten Besuch nach dem Tsunami lud Sakthivel Tjark und Stefan zum Haus ein. Das Haus, das gar nicht mehr da war. Aber er sagte, wir fahren zum Haus. Sie fuhren hin. Tjark war mulmig zumute „Wo wollen wir denn kochen?“ , hatte er gefragt. Es sollte ein aufmunternder Scherz sein. Aber Sakthivel blickte nur stur auf das Wasser. Dann erzählte er von einer DVD, die er vom „Fisherman“, einem befreundeten Seemann, bekommen hätte. Da seien Bilder zu sehen, die nicht im Fernsehen gelaufen sind. Mit Leichenteilen auf der Straße, in den Bäumen, überall waren sie verstreut. Bilder von Zügen, die entlang der Galle Road fuhren, voll mit Leichenteilen. Sakthivel zeigte in die Richtung der Eisenbahnlinie. Heute waren die schnaufenden Züge wieder so voll mit Menschen, die sich an den Türrahmen oder sogar außen am Zugfenster festklammerten. Es war ein wunderschöner, windiger Tag, das Meer rollte mit einer langen Dünung an den Strand. Betreten, mit Tränen in den Augen, standen sie dort am Wasser, an der Stelle, wo Sakthivels Elternhaus im Meer und der meiste Teil des Strandes verschwunden war.

Tjark und Sakthivel waren selbst ein wenig hilflos. Wir wussten nicht, wo wir anpacken sollten, beschrieb Tjark das erste Treffen. „Alles war viel zu viel für mich“, meinte er. „Wir gaben dann jeder erst einmal 100 € und versprachen, bald wieder herzukommen“.

Ein halbes Jahr später machte Tjark sein Versprechen wahr. Er wohnte in dem Hotel, in dem Sakthivel hin und wieder arbeitete. Tjark bemerkte, dass Sakthivel sehr aufgeregt war, sich aber scheinbar nicht traute mit dem was ihn bewegte, herauszurücken. Nach ein paar Tagen sagte er, dass er Tjark etwas zeigen wolle.
Sakthivel hatte sich ein altes Motorrad ausgeliehen, mit dem man sich auch auf nicht so perfekten Straßen bewegen konnte. Sie fuhren ein Stück auf der Aluthgama Road entlang, eine ganze Weile entlang der Küste, bis sie schließlich die Bahnlinie kreuzten, die den Dschungel praktisch von der Straße abgrenzte.

Sie fuhren nach Magonna, ein paar Kilometer in den Dschungel hinein. Kurve um Kurve durch den Staub der Straße. Tjark hatte keine Idee, wohin der Ausflug führen sollte. Er stieß Sakthivel immer wieder an, doch der reagierte nicht. Dann hielten sie auf einem zum Teil staubigen und überwucherten Gelände. Auf den ersten Blick war für Tjark immer noch nicht ersichtlich, warum Sakthivel hier hielt und über sein schwitzendes Gesicht strahlte. Was war anders als der Dschungel hinter und vor ihnen? Sakthivel nahm ihn bei der Hand und zeigte, „look there!“ ausrufend, auf ein paar zusammengenagelte Bretter. Da stand sie: eine etwa ein Quadratmeter große Hütte.
Tjark stand unentschlossen auf dem Fleckchen Dschungel, dass sich bei näherem Hinsehen als ein wenig gerodet erwies. „Was ist das denn? Was soll das darstellen?“, hatte Tjark in einem Anflug von Fassungslosigkeit gefragt. Sakthivel zog ihn unbeeindruckt in den Bretterverschlag. Darin befand sich eine Liege, die Sakthivel vom Hotel geschenkt bekommen hatte. Eine alte Sonnenliege, etwas geflickt, aber sauber. Eine Decke lag gefaltet über einem Ende der Liege. „Lebst du hier?“, fragte Tjark ungläubig. „In dieser Hütte? Du kannst die Liege nicht einmal ganz aufklappen.“
Er prüfte die Wände und die Klapptür des Eingangs. Alles war fest, nichts wackelte oder deutete darauf hin, dass der Verschlag zusammenfallen würde.
Sakthivel lachte sein strahlendes Lächeln. Er freute sich wie ein Kind, das einen Streich gespielt hatte. Er beobachtete Tjark und schien sich königlich zu amüsieren. Wie ein König mit etwas Land.
Dann erzählte Sakthivel, dass er in der Zwischenzeit dies kleine Grundstück günstig erworben hatte. Für wenige Rupien von einem Großgrundbesitzer, dem ein riesiges Dschungelgebiet gehörte. Er hatte damit begonnen, eine kleine Hütte darauf zu bauen.

Das wird ein Haus“, hatte er erklärt.

Die nächsten Tage im April 2015 nutzten wir für Ausflüge und ausführliche Gespräche.
Heftiger Regen fiel manchmal die ganze Nacht. Es gewitterte, unruhiger Schlaf mit Träumen war mir vergönnt. Sakthivel ging es ähnlich, ich hörte ihn eines Nachts fürchterlich unten im Haus rumoren.

Ich stand auf, stieg vorsichtig die in einem kleinen Halbkreis gebauten Betonstufen hinunter. Ein Geländer war nicht vorgesehen, man musste sich am besten an der Wand orientieren um heil nach unten zu kommen. „Was treibst Du hier in der Küche“, fragte ich ihn.
Sakthivel schlürfte einen Tee und schaute aus dem Fenster in den blitzenden Himmel, der der Dschungel in faszinierendem Schwarz, Grün und Gelb illuminierte.

Ich habe geträumt“, gähnte er. Als ich aufwachte, konnte ich nicht mehr einschlafen“.
„Ein schöner Gewittertraum?“, fragte ich.

Ich weiß nicht.“

Und Du? Hast Du geträumt?“

Ich hatte einen Traum, der mir ganz und gar rätselhaft war und den ich auf keinen Fall erzählen ganz erzählen wollte. Einen Teil beschrieb ich ihm.
„Im Traum habe ich ein Zimmer in einem dunklen zwielichtigem Dachgeschoss bewohnt. Es muss noch richtig ausgebaut werden, überlegte ich. Dann ist es plötzlich richtig ausgebaut. Ich muss also etwas fertig stellen, denke ich, aber es ist schon fertig, aber ich weiß es nur noch nicht, obwohl ich es weiß. In diesem Raum halte ich ein Pony, oder ein kleines Pferd. Das stürzt und wird von einem abgebrochenem Pfahl durchbohrt. Es zuckt noch, Blut läuft über das helle Fell am Hals entlang zum Bauch. Es guckte mich noch an, dann war es endlich mit ihm zu Ende. Ich spürte Erleichterung. Um welchen Preis wird das fertig, was ich noch nicht kenne? Hier in diesem Haus?“
Sakthivel lachte: „Du musst dich fürchten!“ Ich wusste nicht, ob er auf meinen Traum oder das Gewitter anspielte. Den weiteren Teil des Traumes ließ ich aus.

Man muss immer hart arbeiten, um nicht verrückt zu werden“, sagte eine Stimme im Traum. Ich trank im Traum eine Kanne Tee. Dann ging ich mit Tjark zu dem nahegelegenen Tempel, den Strand entlang. Diesen Tempel gibt es wirklich. Hinter einer kleinen Böschung geht es ein paar Stufen hinauf.

Wir mussten ein Art Sarong um die Hüften wickeln, aufmerksam wurde vom Hüter des Tempels verfolgt, ob die Beine auch wirklich bis zu den Knie bedeckt waren. Sakthivel war Buddhist, und der Besuch der heiligen Stätte stimmte uns ein wenig ein, um ein gemeinsames Gefühl für seinen Ort zu entwickeln. Der Tempel war eigentlich nur eine kleine Felshöhle. An der Wand eine Buddha Statue, die wir erst entdeckten, nachdem sich die Augen der Dunkelheit angepasst hatten. Hier überkam es mich. Ich muss Tjark warnen! Ja, er darf das Haus nicht bauen! Das ist es! Aber es ist doch bereits fertig!
Das konnte ich Sakthivel unmöglich beschreiben.

Am nächsten Morgen dachte ich noch im Dämmerzustand über meinen Traum nach. Tatsächlich hatten viele Freunde Tjarks ebenso wie seine Familie ihn davor gewarnt, sich auf das Sri Lanka Abenteuer einzulassen. Kann man Sakthivel vertrauen? Die fremde Mentalität. Das Rechtssystem. Und wenn Sakthivel etwas passierte? Was dann?

Diese skeptische Haltung hatte dazu geführt, dass einige kein Geld für das „Sri Lanka Projekt“ spenden wollten. Die Skepsis verstärkte sich, als eine Frau ins Spiel kam.

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