Der Wind aus dem Osten (Ripp Corby)

 Der Wind kommt aus dem Osten. (Ripp Corby)
Beitragsbild: 
Torben Friedrich http://torbenfriedrich.de/ CC-BY-SA-Lizenz


Der Wind wird aus dem Osten kommen. Aus dem nahen Osten und dem fernen Osten, sagt mein Freund Ripp Corby.

Freund ist vielleicht nicht treffend beschrieben, eher ist er ein Lebensbegleiter, ein Spiegel. Sie werden ihn mögen, wenn Sie ihn kennenlernen. Er wird sich Ihnen zuwenden. Wie er sich allen zuwendet, die ihm begegnen. Mit einem Vertrauensvorschuss.

Ripp Corby ist in seinem Kern ein praktisch denkender Philosoph mit vielen Berufen. Im wesentlichen Taxifahrer, Lehrer, Sozialarbeiter, Kaufmann, Beobachter. Mit seinen 73 Jahren ist er ein etwas altmodischer Philosoph, immer auf der Suche nach dem Sinn des Lebens und dem Sinn des Anthropozäns. Wir haben früher viel gemeinsam erlebt, uns die Nächte mit Boxkämpfen von Cassius Clay und George Forman um die Ohren geschlagen, sind gemeinsam nach Venedig gefahren, waren surfen, haben immer geredet und in Cafés gelästert. Was man so macht, wenn man mit einem Freund etwas macht. Durch viele Erlebnisse haben wir die Basis für das Leben gelegt. Ripp ist immer da, wenn ich einen Gesprächspartner brauche, ebenso bin ich sein mentaler Sparringspartner.

Heute will Ripp meine Meinung hören und fragt, kommt jetzt der Wind aus dem Osten? Nicht aus China meine ich, sagt er, der kommt sowieso, ich denke an den von Drüben, er betont das Wort, zieht es in die Länge und lächelnd durch den Kakao, aus der DDR.

Sein gespielter Sarkasmus kommt aus seiner Enttäuschung, ich verzeihe ihm das meiste, was er verbal so heraushaut und bin gespannt, wie der Wind weht.

Ich habe mich mit einem Ehepaar getroffen, beginnte er, ehemalige Arbeitskollegen, die ich eine Weile aus den Augen verloren hatte, aber seit zwei Jahren laden wir uns regelmäßig gegenseitig zum Essen und Kochen ein.

Aus welcher deiner vielen Branchen, frage ich.

Ripp guckt etwas irritiert, sagt dann, ich mache es kurz: Er ist Ingenieur. Ich kenne ihn aus meiner Zeit bei Still. Es geht immer lustig zu, zumal seine Frau eine quirlige, witzige Dame aus Schweden, die gut deutsch spricht, belesen ist und mich intellektuell und kulturell begeistert.
Ripp schildert den Mann als überragenden Ingenieur, durch die Improvisationen im Osten gestählt. Denn da kommt er her. Kein schlechter Staat war das, findet er. Zusammenhalt der Menschen, alle hatten Arbeit, diese Geschichten eben. Zudem ist er ein ausgezeichneter Hobbykoch mit Detailkenntnis und Präzision. Eher Gauß als Humboldt. Er ist ein Schnelldenker und man erkennt den Osten in ihm erst und wahrscheinlich auch nur, wenn er über seine Jugend in der DDR spricht. Zwei Jahre besuchen wir uns nun, laden uns gegenseitig ein, haben Spaß, gutes Essen und anregende Gespräche. Dann sprechen wir über die letzte Bundestagswahl im September. Ripp schaut mich eindringlich an. So, als prüfe er meine Resilienz. Dazu schweigt er noch eine Weile und scheint zu überlegen, ob er weitersprechen soll.

Ich schiebe mein Kinn aufmunternd in seine Richtung. Ripp sagt, ich fragte ihn, was er gewählt hat. Welche Partei. Eigentlich fragt man das nicht, aber was ist das denn für eine undemokratische Regel. Verhindert ja jegliche Diskussion erklärt Ripp und holt tief Luft. AFD, sagte der Ingenieur dann. Ich bin der typische Protestwähler! Er lachte dabei. Also ein Witz, ich bin erleichtert. Nein, nein, wirklich. Ich bin ein Protestwähler. Ripp war sprachlos. Du bist doch ein aufgeklärter Mensch, wieso machst du da dein Kreuz? Wie über 25 Prozent im Osten, dachte ich. In das Schweigen hinein bekam er einen heftigen Ellenbogenstoß von seiner Frau, die das nicht gewusst hatte und ihm sonst am Wahltag vielleicht K.O.-tropfen verpasst hätte. Eine Unterstellung, niemand hat das gesagt, schränkte Ripp ein. Du spinnst doch, rief sie aus und war sichtlich peinlich berührt. Nein, sagte ihr Mann, die etablierten Parteien vertreten nicht das Volk. Aber wie kann man Nazis und Volksverhetzer, ja kriminelle Gewalttäter wählen? Und damit die anderen Parteien nach Rechts zerren? Die bekannten Argumente wurden ausgesprochen, das Entsetzen blieb ebenso, wie man insgesamt höflich blieb.
Ripp schaut mich fragend an. Mein Freund hat wie viele im Osten abgestimmt. Obwohl er gut verdient, etabliert und weit genug davon entfernt ist, die Lebensbedingungen im Osten zu teilen. Was mache ich jetzt, fragt Ripp mich, obwohl er es ist, der ein gutes Gespür für Menschen hat. Er ist aus völlig der Fassung,

Was würdest du denn am liebsten tun, frage ich zurück.

Theoretisch oder praktisch? Theoretisch dürfte ich ihn nicht mehr treffen, nicht mehr in mein Haus lassen. Praktisch ist er immer noch der nette unterhaltsame Typ. Und ich habe eine Schwäche für Ossis. Hatte ich schon zu DDR-Zeiten; Sehnsucht nach Mecklenburg. (Nur Biermann war nervig, mit seinem Gejammer, aber das führt zu weit, meinte Ripp). Nach dem Fall der Mauer war ich oft da.

Die Mauer ist gefallen aber nicht wirklich weg, denke ich. Nur der Wind fegt ungehindert aus dem Osten durch das gesamte Land. Ripp wirkt enttäuscht.

Unsere Kanzlerin fegt ja gerade nicht, wende ich ein.

Aber der AFD-Gauland, der fetzt, stellt Ripp fest. Der kommt aus Chemnitz. Der Höcke, ein Nazi, soll ich die alle aufzählen? Was mache ich nun mit meinem Freund, dem Ingenieur?


Hmm, theoretisch: im Ostwind muss man die Segel richtig setzten, ihn umschmeicheln, ihn nutzen. Selbst gegen den Wind kann man kreuzen. Nur wird die Strecke dann länger. Gegen den Wind hast du keine Chance. Jeder Wind wird wohl endlich zu einem Lüftchen, kann zwischenzeitlich aber verheerend wirken. Vielleicht muss man sich aber gegen die wenden, die den Wind gesät haben. Und die kommen aus dem Westen. Der Ostwind kommt womöglich auch nicht aus dem Osten.

Mal sehen, was Ripp vom nächsten Treffen berichtet.

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