A- Menor – Fado in São Luis. August 2017

A- Menor – Fado in São Luis. August 2017.

Gästebucheintrag“.

Sao Luis ist etwa zwei Auto-Stunden von Lissabon entfernt. Ein kleiner Ort im Alentejo. Ich steige nach einer Fahrt mit langen Staus aus dem Auto, gehe den mit roten, staubigen Sand bedeckten Weg zum Haus, setze mich in einen Sessel auf der Veranda. Eingebettet im Nirgendwo.

Die Ruhe fällt über mich her, fällt direkt auf mich drauf. Mein Körper sackt in sich zusammen, der erste Gedanke an eine Lähmung löst sich in Entspannung und Rührung auf. Ich kann nicht erfassen wie das geschieht. Wie ist es möglich, so zu empfinden? Wo komme ich her, dass ich diese Wirkung erfahre? Die Energie dieses Ortes ist einfach nur elektrisierend für alle Sinne. Als würden sich sämtliche Poren öffnen. Stille, wenn auch leise von Musik inspiriert, der Blick scheinbar endlos über einen Pool in die kleine Bergwelt, eher Hügel, in ein kleines Wäldchen hinein gerichtet, im Kontrast zur Autostraße, ein Kontrapunkt zu Lissabon und dem Leben an sich. Augenblicklich angekommen im Naturarte in São Luis.

Kann sein, dass ich jetzt mitten in einem Fado angekommen bin, ohne es zu wissen. Der Fado mit einem festen Rhythmus und einem Harmonieschema, ein melodisches Motiv mit leichten Variationen. Saudade, Sehnsucht, Gefühle. In einem Ort der Sehnsucht, in der Mitte dieses Liedes angekommen.

Möglicherweise ist hier ein solcher Ort, in einem Fado. Ein Fado menor, ein Fado in einem langsamen Tempo gespielt. Aus Lissabon habe ich bereits etwas mitgenommen, von der „Saudade“. Die Dichter, die Poeten. Fernando Pessoa, Sá- Caneiro mit seinem Feminina „Eu quiera ser mulher pra me poder estender..“ (Eine Frau zu sein und mich neben meinen Freunden räkeln zu können, mich zu schminken, tun was ich will..), Florbela Espanca antwortet vielleicht: „Deixa dizer-te os lindos versos raros, que a minha boca tem pra dizer, lass mich dir ein außergewöhnliches Gedicht vortragen, indem ich Deine Lippen nicht geküsst habe…“. Beide beschreiben intensive Gefühle in jungen Jahren und sind beide früh aus ihrem Leben gegangen.

Berührend wie im Fado, der überwiegend das Leid, die Sehnsucht aber auch den Zusammenhalt der Portugiesen zum Thema hat.

Fado wird am Abend tatsächlich zelebriert. Eine Improvisation im geräumigen Wohnzimmer eines wie ein großzügiges Herrenhaus wirkenden Gebäudes. Sessel, Daybeds und Sofas sind im Raum in einem Quaree verteilt. Antike Möbel, Kamin, Schreibtisch. Rui spielt Gitarre, gibt dem ganzen die Basis, den Grundsound. Vorerst, denn wir warten auf den Solisten mit der 12saitigen Fadogitarre, der guitarra portuguesa, die den Lead übernimmt. Zwei Fadosänger gesellen sich hinzu, gestandene Herren. Einer ist ein bescheiden wirkender Mann, kräftig, setzt sich neben den Gitarristen auf eine Couch. Der Herr auf der Couch beginnt unvermittelt zu singen, eine wohlklingende Zeile, wohltönend, wird aber schnell vom zweiten Sänger unterbrochen, korrigiert.
Dieser ist ein langer schmaler Mann mit geschwungenem, an den Enden spitzen Schnauzer. Eine elegante Stimme. Ernsthaftigkeit hält Einzug.
Der Takt wird vorgegeben, der Arm fährt auf und ab. Der Gesang wird vorgemacht. Der erste Sänger hat eine volle, angenehme Stimme, aber die war vorerst verstummt. Der Schnauzbart ist vielleicht noch sicherer im Auftritt. Wie er erzählt, hat er 45 Jahre in Hamburg verbracht, Platten gemacht, Fado gesungen, Fado komponiert. Jetzt ist er Rentner. Sein Geschäft in der Eiffestraße hat er aufgegeben.

Der erste Sänger ist auf dem Sofa etwas in sich gekehrt. Saudade? Er wirkt im Moment nicht glücklich. Es bleibt unklar, was er fühlt. Vielleicht konzentriert er sich? Für mich ist es im ersten Moment ungewöhnlich.Vielleicht ist es eine Form der Professionalität, sich im Gesang zu unterbrechen. Der Hamburger Portugiese singt, Rui, der Gitarrist improvisiert. Sie üben einen Auftritt, müssen zueinander finden, aufeinander hören. Ein gegenseitiges, faszinierendes Suchen. Ein Geduldspiel, schöner als ein vollendetes Konzert. Ein Fado Vadio.

Der Sänger mit dem spitzen Oberlippenbart weiß, wo es langgeht. Er fühlt sich sichtlich wohl und wirkt wie in seinem Element. Ein Bassist trifft ein. Stimmt sein Instrument, eine klassische Bassgitarre die Viola Baixo. Gitarre und Bass orientieren sich, stimmen für sich aber noch nicht miteinander. Einen Augenblick scheint es, als würden sich die Instrumente dafür entschuldigen.

Eine Frau setzt sich still auf die Chaiselonge, quasi in die zweite Reihe, streckt sich aus, pudert sich das Gesicht. So hätte es Sa´- Caneiro vielleicht gern gemacht, denke ich.

Unvermittelt singt der Herr auf dem Sofa seinen Fado, ohne unterbrochen zu werden. Sein Gesang umhüllt den Raum.

Die Frau auf der Chaiselonguãããããe richtet sich auf, singt jetzt ebenfalls, ist aber noch nicht eingesungen für diese Runde, ihre Stimme wird von dem Herrn mit dem Schnauzer würdevoll und zugewandt unterstützt. Er singt und dirigiert im Stehen. Die Spannung steigt. Es scheint mir so, als würde dieses Stück erst während der Vorführung geschrieben.
Drei schnell aufgestellte Stühle vervollständigen die Bühne. Während des Singens, Stimmens – Bass und Gitarre sind bereits schön beieinander, erscheint endlich die langersehnte 12saitige Fado-Gitarre. Die Stimmung verändert sich schwingend mit ihrem Klang. Das Singen wird geübt. Wiederholt, korrigiert; die Instrumente finden sich. Jeder ist für sich erkennbar und dennoch im Einklang mit den anderen.

Der Fado wird schließlich komplett. Weitere Freunde treffen ein, Frauen und Männer verteilen sich im Raum, der nicht enger wird, sich aber zu verdichten scheint. Eine Gemeinschaft, die sich gut kennt. Es wird jetzt wunderbar konzertant. Ein hagerer Herr, spät eingetroffen, ebenfalls mit Schnauzer, jenseits der 70 vermutlich, gibt letztlich Ton und vor allem den Takt an. Stolz, ernst, konzentriert, fast majestätisch. Die Hierarchie scheint jetzt klar zu sein. Der Fado füllt den Raum und lässt die Gesichter leuchten. Das ist die Energie dieses Ortes.

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