Miniatur 1. Von Ripp Corby

Minuten Miniatur (Improvisationslesung von meinem Freund Ripp Corby)

Der perfekte Tag

Ich hatte nur diese eine Chance für einen perfekten Tag in Venedig.

Die Bedingung war, einen Ohren-und Nasenhaarschneider, eine Flamingo-Tapete, eine Krücke, eine Federboa und eine Schokoladenmaske ins Spiel zu bringen.
Ich entschied mich für den Karneval in Venedig.
Beim Karneval wollte ich in die erste Reihe gelangen und ein Selfie machen – und die Belohnung wäre mir sicher.
Ich hatte mich auf diesen perfekten Tag gefreut. Carneval in Venedig, erste Reihe. Das war die Aufgabe.
Ich schneiderte mir aus der Flamingotapete ein luftiges Hemd, fühlte mich beschwingt und frei. Die Federboa schmückte meinen Hals, die Schokoladenmaske tarnte mich. Meine Gesichtshaare hatte ich entfernt, ebenso die Haare in der Nase und in den Ohren mit dem Nasen-und Ohrenschneider beseitigt, für einen perfekten Sitz der Maske.
Wie sollte ich aber nach vorne kommen, weit nach vorne, in die erste Reihe? Die Krücke würde mir helfen, dachte ich. Aber der Trick misslang, weil mindestens 50 Leute auf Krücken und Rollstühlen versuchten, nach vorne zu kommen. Der Versehrtentrick. Bedauerlich für die wirklichen Menschen mit Handicap.
Ich hatte kein Alleinstellungsmerkmal als Versehrter.
Es fing dann auch noch an zu regnen, die Maske zerlief, das Tapetenhemd löste sich auf, wie der Carneval.

Miniatur 1. Karneval. Von Ripp Corby

Eine Drei-Minuten Miniatur (Improvisationslesung von Ripp Corby)

Der perfekte Tag

Ich hatte nur diese eine Chance für einen perfekten Tag in Venedig.

Die Bedingung war, einen Ohren-und Nasenhaarschneider, eine Flamingo-Tapete, eine Krücke, eine Federboa und eine Schokoladenmaske ins Spiel zu bringen.
Ich entschied mich für den Karneval in Venedig.
Beim Karneval wollte ich in die erste Reihe gelangen und ein Selfie machen – und die Belohnung wäre mir sicher.
Ich hatte mich auf diesen perfekten Tag gefreut. Karneval in Venedig, erste Reihe. Das war die Aufgabe.
Ich schneiderte mir aus der Flamingotapete ein luftiges Hemd, fühlte mich beschwingt und frei. Die Federboa schmückte meinen Hals, die Schokoladenmaske tarnte mich. Meine Gesichtshaare hatte ich entfernt, ebenso die Haare in der Nase und in den Ohren mit dem Nasen-und Ohrenschneider beseitigt, für einen perfekten Sitz der Maske.
Wie sollte ich aber nach vorne kommen, weit nach vorne, in die erste Reihe? Die Krücke würde mir helfen, dachte ich. Aber der Trick misslang, weil mindestens 50 Leute auf Krücken und Rollstühlen versuchten, nach vorne zu kommen. Der Versehrtentrick. Bedauerlich für die wirklichen Menschen mit Handicap.
Ich hatte kein Alleinstellungsmerkmal als Versehrter.
Es fing dann auch noch an zu regnen, die Maske zerlief, das Tapetenhemd löste sich auf, wie der Carneval.

Der Bestattermeister

Der Bestattermeister

Gelegentlich treffen sich die Zeit und der Tod im Raum der Zeit zu einem Gedankenaustausch.
Sie sind allein bereits durch Millionen von Jahren verbunden. Wie immer streiten sie sich um die Henne und das Ei. Belustigt gehen sie der Frage nach, wer war zuerst da.
„Ich natürlich, sagte der Tod, denn ohne den Menschen mit seiner Angst vor mir, gab es überhaupt kein Bewusstsein von Zeit.“
„Du bist lediglich mein Gehilfe, Tod, ohne eine Zeit, die im Denken der Menschen vergeht, gäbe es dich nicht.“
„Nun, so einfach ist das nicht. Vielmehr ist es genau anders herum. Da du aber gerade das Thema Gehilfe ansprichst: Ich habe viele Gehilfen. Vertrauenspersonen und schwarze Schafe. Ich denke über eine weitere Professionalisierung im Umgang mit mir nach. In Hamburg habe ich meinen ersten Bestattermeister bekommen.“
„Der hat doch mit dir gar nichts zu tun, Tod.“
„Ich bin seine Geschäftsgrundlage.“
„Nur vorübergehend, eine Weile.
„Für immer.“
„Alles löst sich auf, nur ich nicht. Ich werde noch da sein, wenn du tot bist.“
Tod: „Ich werde niemals sterben.”
„Doch, doch, wenn alle Lebewesen gestorben sind, die Erde verglüht ist, dein Werk vollendet ist, wird es dich nicht mehr geben, du wirst mit untergehen. Genaugenommen wahrscheinlich schon früher, weil die Tiere noch leben, wenn die Menschheit ausgestorben ist. Keiner wird dich fürchten, weil die Tiere in ihrem Verständnis nicht sterblich sind. Ich allein bleibe in meinem weiten Raum, denn ich werde noch lange gebraucht”. Die Zeit streckte sich genüsslich.
„Das ist mir zu philosophisch.“
„Du fürchtest dich vor dir selbst, scheint mir.“
„Es ist weit weg, wenn überhaupt, hypothetisch. Die Menschen werden andere Planeten erobern. Aber lass uns noch ein wenig die Erde genießen. Meine Zeit mit meinen Bestattern.“
„Die sehen dich doch gar nicht. Wenn sie kommen, bist du doch schon wieder weg.“
„Manche spüren mich noch, jedenfalls ein guter Bestattermeister. Wie der aus Hamburg.“
„Ein Profi“
„Ich habe ihn ausgesucht. Eigentlich wollte er Arzt werden. Ich habe ihn eingeladen, sich das Bestatter Handwerk anzusehen. Ein harmloses Praktikum. Er konnte nicht nein sagen.“
„Dennoch: Persönlich sieht er dich nicht.“
„Gut, dann mein Werk. Ich will heute nicht streiten, das hasse ich auf den Tod. Ich kann einiges bieten, sehr flexibel sein.
Einzelne im Schlaf, im Auto im Sekundenschlaf, eine schöne, sehr angenehme Variante. Feuer schicke ich manchmal. Oder ich vernichte Massen. Das brauche ich Dir nicht zu beschreiben. Es nichts auch nichts für meinen Bestattermeister. Aber du kennst ja die Schleifen und meine ertragreichsten Arbeiten. Man sagt, die Zeit wiederholt sich. Oder mit der Zeit wiederholt sich die Geschichte.“
„Nein, nein, wie langweilig. Das bist nicht du, das bin ich. Du kannst nichts wiederholen. Ich muss mich auch nicht wiederholen, dass sagte ich doch bereits. Ich bin immer überall, du kannst, wie auf in der Achterbahn, mit mir oder durch mich zu jedem Zeitpunkt reisen. Das Licht der Sterne hat an jedem Punkt der Reise durch das Weltall eine andere Zeit. Die Menschen lassen mich wiederkehren. Für die Lebewesen unfassbar. Obwohl sie doch die Ewigkeit wollen. Sie wollen ihre Asche als Edelstein gepresst. Meinetwegen als Diamant. Das hast du mir selbst berichtet, lieber Tod. Es ist nicht überall erlaubt, aber es ist möglich. Als Diamant in die Ewigkeit. Die Ewigkeit, das bin ich, nicht du. Ich lasse dich lediglich in mir auftreten. Ohne mich bist du gar nicht anwesend. Würde es mich nicht geben, bliebe nur ein Universum, ein Raum. Erst durch mich wurde er schließlich gekrümmt. Ich kann Schleifen machen, das Universum als Nussschale gestalten. Ich kann die Menschen gegen mich kämpfen lassen. Sinnlos, übrigens. Sie versuchen ihr Leben zu verlängern und denken in der Kategorie der Zeit. Wie absurd. Am Ende stehst Du. Den Menschen wird einfach langweilig, sie erdenken totalitäre Systeme, mit vielen Toten, dein Feld, sodass die Masse an Bedeutung verliert. Es ist also eine Frage der Betrachtung.“
„Das bin ich auch. Es ist, wie du sagst, eine Frage der Betrachtung. Ein gutes Stichwort. Ich empfinde mich als unentbehrlich. Nicht alle teilen meine Meinung. Auch für meinen Bestatter Tobias stellt sich die Frage der Betrachtung. Für ihn bin ich eine professionelle Begegnung. Wie schon gesagt, begegnen wir uns nicht wirklich. Aber er begegnet den Angehörigen der Verstorbenen und spricht mit ihnen über mich. Das ist doch beinahe so, als wäre ich dabei. Also der Bestatter hat es nicht mit dem Tod, mit mir, sondern mit den Angehörigen zu tun.
„Vielleicht kannst du ein schöner Tod sein! Mit deinem Bestatter. Sieh, wie angenehm er sein Geschäft gestaltet. Du kommst durch eine gläserne Eingangstür, Licht durchflutet. Setzt dich in einen bequemen Sessel, Kaffee wird dir auf einem Glastisch serviert. Es ist sehr angenehm für die Hinterbliebenen. Du bist schon fort, oder bist du manchmal noch da?“
Ich bin genauso universell wie du, liebe Zeit, ich kann mit dir überall sein, wie gesagt gleichzeitig, ein unsinniges Wort, ja, ja. Aber ich folge dir einmal in deinen Ausführungen. So genau habe ich mir noch gar nicht alles angesehen. Es gibt natürlich Momente des Bedauerns, kurz. Manchmal passe ich nicht auf. Ich muss ja liefern, wenn die Menschen zu viele Kriege führen. Da kann es schon einmal zu Irrtümern im Alltag kommen.“
„Nehmen wir doch einmal den Alltag in diesem Hamburg da. Genießt du die angenehme Atmosphäre? Freut es dich, dass du die Hauptrolle spielst?“
„Nur der erste Schreck lässt mir die Hauptrolle. Dann sind es der Bestatter und die Hinterbliebenen, die wichtig werden. Ich bin nicht mehr wichtig, denn ich habe nur kurz vorbeigeschaut oder gar nur meinen Hauch gesandt. Im Wesentlichen gebe ich den Menschen den Sinn für ihr Leben. Dafürkönnten sie mir dankbar sein. Das fällt ihnen schwer, ich weiß. Aber ich finde es begrüßenswert, wenn sie den Abschied aus dem Leben gefühlvoll und professionell zu gestalten.“
Weiterlesen „Der Bestattermeister“

Aldidente und Testosteron – wie es weiter geht

Frank der Anwalt gab sich große Mühe, Frau Markmann mit den wesentlichen Prinzipien seiner Ablage, der Korrespondenz und dem Umgang mit seinen Mandanten vertraut zu machen. Schnell stellte er fest, das die Office-Programme und Outlook nicht so ihr Ding waren. Frank war geduldig, zumal er es genoss, wenn Frau Markmann neben ihm saß, was ja unbedingt erforderlich war, wie er fand, wenn man gemeinsam auf den Bildschirm schaute; fragte, und erklärte. Er fühlte sich wohl, wenn sie mit ihren langen, kräftigen Beinen neben ihm saß. Beine, die ihn manchmal leicht touchierten, wenn sie sich vorbeugte, um einen besseren Blick auf den Monitor werfen zu können. Er erklärte ihr das digitale Ablagesystem. Sie wirkte konzentriert, konnte die Aufgaben allerdings nicht besonders schnell erfassen. Frank gestand sich ein, dass er ein wenig enttäuscht war. Eine weitere Enttäuschung in der ersten Woche war ihre Ankündigung, dass sie pünktlich weg müsse. Ein Freund würde sie abholen. Ihr Freund. Das hatte sie gesagt, als er sie zum Essen einlud. Am Abend, nicht mittags. „Ihr Freund ist doch da kein Problem? Oder? Wir könnten uns in lockerer Umgebung einfach mal eine Rückmeldung geben, wie der Einstand so läuft.“
Er sah sie ihr länger als notwendig in die Augen. Sie sog wieder auf ihre spezielle Weise die Luft durch die Nase.

Anke Markmann fühlte sich geschmeichelt, aber dennoch nicht wohl dabei, mit Ihrem Chef Essen zu gehen. Eine unerwünschte Intimität, auf die sie sich vielleicht einlassen müsste. Nicht körperlich, nein, so empfand sie das nicht. Eher als ein Eindringen in Ihre sorgsam gestaltete Fassade. Sie kam gut zurecht in ihrem Leben. Ein Leben mit zwei Kindern von zwei Vätern und dem Attribut der Alleinerziehenden Mutter, mit wenig Geld. Es reichte aus, die kleine Wohnung zu bezahlen und den Kindern das Nötigste zu bieten. Vor allen Dingen Zeit.
Sie hatte es gerade geschafft, sich von Eberhardt zu lösen, dem Fotografen, der immer nur mit ihr ins Bett wollte. Er war ein körperlich ein eher unattraktiver Mann, aber ziemlich auf Sex fixiert. Wann ficken wir wieder, schrieb er ihr auf Postkarten. Sie hatte Lust, aber er war nicht ihr Typ. Eberhardt war viel auf Reisen, sie trafen sich immer spontan und nur zu diesem einen Vergnügen.
Und sie hatte im Alltag Ruhe vor ihm. Alle Freiheit der Welt.
Wie sollte sie ein Abendessen überstehen, ohne diese Welt zu öffnen? Und sie hatte doch im Internet nach dem Traummann gesucht. Neununddreißig war sie jetzt. Da sollte noch etwas kommen. War sie schon bereit dazu, im wirklichen Leben? Ihre Therapeutin hatte ihr dazu geraten. Sich einzulassen auf das Leben.

Frank hatte das mit dem Freund ignoriert. Er war jetzt mitten im Leben, das war seine Zeit, glaubte er. Ich muss zugreifen und nehmen, was mir das Leben anbietet. Geschieden, eine Ex die sich als Schauspielerin verstand und ihren Lebensunterhalt als Sprach-Lehrerin verdiente. Und ein Kind, eine Tochter an der er hing. Außerdem viele Fehlversuche auf Resteficker-Ü-30 Parties, wie er seine Partnersuche bewertete. Konventionen? Was spielen die für ihn noch eine Rolle. Frank dachte sich mutig. Das Abendessen mit Frau Markmann. Er würde das schon hinkriegen. Etwas unverbindliches in vertrauter Umgebung, aber nicht zu nah an ihrem Kiez. Die Palette in Eppendorf. Das würde gehen. Oder doch besser bei ihr um die Ecke. Abendrothsweg. Da gab es ebenfalls genügend Restaurants. Er würde reservieren, sicher ist sicher.
Der Abend in der Palette ein paar Wochen zurück. Frank musste akzeptieren, dass Frau Markmann, Anke nach einem Glas Wein, keine Beziehung wollte. „Ich habe einen Freund, aber nur noch platonisch seit einiger Zeit und fühle mich gut allein mit meiner Tochter“. Sie verschwieg ihre Partnersuche im Internet, ging Frank, wie sie ihren Chef jetzt nannte, ja auch nichts an. „Da haben wir ja etwas, was uns verbindet“, freute sich Frank, obwohl er das mit der Tochter bereits wusste. Er konnte die widersprüchlichen Botschaften von Anke nicht entschlüsseln. Ein knallroter Mund, knallrot lackierte Fußnägel in leichten Sandalen kurz vor Weihnachten. Eine leichte Jacke, darunter eine leichte Bluse. Aber sie will keine Beziehung. „Was treibst du denn so in deiner Freizeit?“, fragte er und biss sich hinterher fast die Zunge ab. Was treibst du, wie blöd war das denn. Doch sie antwortete entspannt, und spielte fast gelangweilt mit ihrer Gabel im Salat herum. „Ich bin mit Freunden unterwegs, und Freundinnen“ ergänzte sie amüsiert, als sie seinen irritierten Blick sah und strich dabei ihm leicht über seine Hand. „Manchmal tanze ich Salsa. Bin aber nicht wirklich eine gute Tänzerin.“
„Ich gehe auch gern tanzen,“ freute sich Frank, wollte aber nicht sagen, wo. Das mit den Ü-Parties war ihm peinlich. Anke hatte darauf nichts gesagt. Er tanzte außerdem Tango, aber noch nicht so gut, dass er sie überreden wollte, mitzukommen. Er fühlte sich noch genötigt, über die Arbeit zu sprechen, wie: freundlich am Telefon sein, vielleicht mal einen Office-Kurs belegen, was sie sich denn so vorstellte. Sie stellte sich flexibles Kommen und Gehen vor.Zu Abschluss des Abends hatte er sie in der Nähe ihrer Wohnung abgesetzt.

Dann stand Silvester vor der Tür.

Die Verhaftung 1936

Text aus: „Die Kunst des Selbstrasierens“. Hamburger Sozialdemokraten im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Feldhausverlag Hamburg.

 

27. April 1936, die Verhaftung

Heinz`Mutter fühlte ihr Blut zu Kopf steigen. Sie amtete schwer. Die Schwestern sahen sich unsicher an, wer würde morgens um sechs Uhr vor der Tür stehen? Die Mutter hatte diesen Tag seit Langem mit heimlichen, oft unterdrückten, abendlichen Tränen erwartet. Da standen sie. „Wohnt hier Heinz Gärtner?“ Eine spitze, laute Stimme, gepolsterte Schultern auf einem langen Mantel. Blasse Gesichter, es schien, als standen Totenköpfe vor der Tür. Ein Blick aus Gesichtern, die einen ersten Eindruck vom Henker zu geben schienen, andererseits aber wieder relativ normal auf Heinz wirkten. Dieser Standard-Gesichtsausdruck der Gestapo, der Ausdruck der Macht sonst unwichtiger Personen, würde sich in den nächsten acht Jahren ihrer Gestapostätigkeit schon noch entwickeln. Die Macht des Systems stand vor der Tür. Die mit dem Speckhaken, wie Heinz sie abfällig, belustigt kennzeichnete. An diesen Speckhaken war jetzt nichts Belustigendes mehr.

Gestapo. Heinz hatte gehofft, dass dieser Tag nicht kommen würde, glaubte aber immer, darauf gefasst zu sein. Auch wenn er es vorher gesehen hatte, dass dieser Tag kommen würde – er hatte diese Möglichkeit immer wieder verdrängt. Der 27. April sollte ein ganz normaler Tag werden. Die Sonne würde heute zwar nicht scheinen, das Kopfsteinpflaster aber wie immer vom Hufgeklapper der Kaltblüter widerhallen, die sich sicher die Straße mit ein paar Automobilen teilen würden. Die Läden würden öffnen. Der Bäcker, der Fahrradladen, der Inhaber wie immer im braunen Cordanzug. Heinz war der Meinung, es müssten mindestens drei Anzüge sein, nicht jeden Tag derselbe. Heute konnte Heinz ihm nicht mehr helfen. Im Sommer letzten Jahres hatte er im Fotoladen assistiert und gelernt, wie man einen Film mithilfe des Sonnenlichts entwickelt. Dann als der Fahrradladen dort eröffnet wurde, hatte er mit geschraubt und geputzt. Die Wohnung in der Peter-Marquard Straße lag etwas im Schatten der Bäume, die die Straße säumten. Eine ruhige Straße, die an den lebendigen Mühlenkamp grenzte.

Heinz überraschten diese Gedanken. Er hätte mehr Angst haben müssen, aber die Tagebücher waren versteckt, in die er seit langer Zeit keine Einträge mehr gemacht hatte. Die Gruppentagebücher gab es noch, aber die waren auch auf dem Dachboden von Tante Bertha untergebracht. Nichts war mehr im Haus, was verdächtig war. Vielleicht hätte ich doch alles vernichten müssen, warf er sich vor. Ich habe kalte Hände, dachte er. Er fühlte sich langsam zu einem steifen Stock werden, die Zeit schien stehen zu bleiben.

Sein Vater drückte ihm fest die Hand. Das schmale Gesicht blass, zum schwarzen Schnauzer in scharfen Kontrast. Auf der Glatze kleine Schweißperlen. Worum es ginge, versuchte er zu fragen. „Wir müssen ihren Sohn mitnehmen, Sie wissen schon warum.“ Diskussionen waren zwecklos, das wussten alle. Alle schwiegen. Heinz, seine Schwestern und seine Mutter. Mach dir keine Sorgen, ich bin heute Abend wieder da, versuchte er sie zu beruhigen. Sie drückte ihn heftig, schluchzte, hielt sich an ihrem Mann Heinrich fest.

Heinz würde sie nie wiedersehen.

Weiterlesen „Die Verhaftung 1936“

Der alte Mann und das Schwimmbad

Im Schwimmbad.

Der alte Mann unter der Dusche,
ein Greis,
ist mit sich und seinem Körper einverstanden.
Er seift sich, völlig nackt.
Blicke sieht er,
ohne sie zu erwidern.
Sie treffen ihn nicht.
Im ersten Schauen will ich nicht hinsehen,
doch dann erkenne ich genau,
was auf mich zukommt.
Das Alter.
Ein schlanker Körper leicht nach vorn geneigt.
Übersät mit braunen Flecken.
Wahrlich am ganzen Körper.
Graue Haare am Gemäch,
faltiges, flaches Gesäß.
Im ersten Moment sehr fremd,
dann gewöhne ich mich an den Anblick,
ja, es ist erträglich.
Die Beine muskulös
und die Haltung aufrecht rührend
auch wenn der nicht so große Mann gebeugt steht.
Und geht, als gehöre ihm die Welt.

Ein Haus in Magonna – Teil 2

(Bild: Fabian Gatermann. http://www.fabiangatermann.com)

Danach

Tjark hatte mir bereits erzählt, was danach geschah, immer einen Teil nach dem anderen. Manchmal zeitlich etwas unsortiert, von den jeweiligen Ereignissen in Magonna bestimmt. Wenn die harte, unnachgiebige Zeit in sich zusammenfällt und ihre Struktur verliert, ist es auch unerheblich, wann was war, in welcher Reihenfolge man die Tage verlor.

Tjark kam nach seinen Reisen aus seinem Traumland, wie er Sri Lanka beschrieb. Was mich manchmal zweifeln ließ, an dieser Geschichte, war die möglicherweise unterschiedliche Verbindlichkeit auf den verschiedenen Erdteilen. Nach und nach schien mir Tjark zu einem großzügigen Investor zu werden, mit Geld und starken Emotionen. Tjark beschrieb immer wieder, wie Sakthivel sich fühlte, oder aus seiner Sicht fühlen müsste, denn Sakthivel klagte nie, forderte nichts.

Für Sakthivel verging die Zeit unbeschreiblich bleiern, Tag und Nacht konnte er nicht mehr unterscheiden. Seine Welt war untergegangen. Die ersten Tage nach dem Tsunami hatte er noch nach seiner Mutter gefragt, aber alle Menschen hatten die gleichen Fragen nach Angehörigen. Jeder hatte das gleiche Leid zu bewältigen.
Seine Schwägerin Gayani hatte mit ihren zwei Kindern überlebt. Allerdings wurde eines ihrer Kinder, die dreieinhalbjährige Isuru, erst Monate später weit entfernt von Zuhause bei fremden Menschen, die sich gekümmert hatten, aufgefunden. Der Bruder von Sakthivel hatte beide Kinder verzweifelt in den Wasserstrudeln festgehalten, Isuru war ihm aus der Hand gerutscht.
Sie verlor auf Grund ihrer Verletzungen das Gehör, ihre Schwester Banuka hatte mehr Glück und war relativ unverletzt geblieben.

Sakthivel fiel es schwer über seine Familie zu sprechen, immer wieder unterbrach er seine Erzählung.

Mittlerweile hatten wir einige Kerzen angezündet, allerlei Insekten flogen um uns herum.
Sakthivel hatte Fladenbrot aus der Küche geholt, so dass wir Knabberpausen einfügen konnten. An diesem Ort im Dschungel fiel es mir schwer, die Wassermassen, die Katastrophe zu sehen. Allein wie Sakthivel davon berichtete, mit seiner leisen, unaufdringlichen Art, ließ mich ein Gefühl von dem ganzen Chaos bekommen, welches das Leben so verändert und ihn hierher geführt hatte.

Sakthivels Bruder hat angefangen zu trinken, erzählte Sakthivel, und er wollte seine Kinder nicht mehr sehen, wohl eine Folge seines Suffs, meinte Sakthivel beschämt und verzweifelt. Er kam nie mehr nach Hause. „Ich habe das nicht verstanden, wenn man Kinder hat, muss man doch leben! Das habe ich ihm immer wieder gesagt“, erklärte Sakthivel mit Nachdruck. Vielleicht lag es aber auch an der Politik und dem unfähigen, unwilligen Staat, die ihn zusätzlich zur Verzweiflung brachten.

Die Regierung hatte ein Büro eingerichtet, um die Opfer zu betreuen und eine Bestandsaufnahme durchzuführen. Das Problem war, das Sakthivel keine Papiere mehr hatte. Alles war weggespült. Die Beamten waren unfreundlich, vielleicht auch hilflos. Wir haben selbst nichts, musste er sich anhören. Sakthivel ging nicht mehr zur Arbeit. Misstrauen verbreitete sich, weil sich viele als Opfer ausgaben, die gar keine waren. So viele korrupte Menschen wollten das Leid ausnutzen, beklagte er. Sein Bruder ging fast leer aus, er bekam nur 300.000 Rupien, etwa 2.300 €. Kein Wunder, wenn man das nicht aushält. „Aber ich glaubte an Buddha, habe gebetet und die Hoffnung nicht aufgegeben“.

Die Hotels, in denen Sakthivel gearbeitet hatte, waren zum Teil vollständig verwüstet und es wurde sehr viel weniger Servicepersonal benötigt. Das wusste ich von Tjark. Sakthivel erzählte nicht alles, vielleicht, weil es ihm nicht wichtig war. Ich musste die Erzählbausteine nach und nach zusammenfügen.

Da Sakthivel nicht mehr in einem Hotel arbeiten konnte, unternahm er einen ersten Versuch, etwas Geld zu verdienen. Möglicherweise auch aus einer Laune der Trauerarbeit heraus, baute er auf dem Platz seines Elternhauses direkt am von Trümmerteilen, Plastik und Müll übersäten Strand einen kleinen Kiosk aus brauchbaren Teilen. Sein Angebot bestand aus Wasser, ein paar Soft-Getränken, Kokosnüssen und Plastikspielzeug, das verloren über dem fensterlosen Verkaufstresen baumelte.  „Ich zeige dir ein Foto“, flüsterte er und kramte einen Hefter mit Fotos in Plastikfolien hervor. Eine skurrile Bude, aus der Sakthivel heraus lächelte. Ein paar Touristen, die in den Trümmern urlaubten, kauften bei ihm hin und wieder ein paar Kleinigkeiten, mehr aus Mitleid oder von dem immer lächelnden freundlichen Sakthivel angelockt. Manche unterhielten sich mit ihm über sein Schicksal. Einige gaben ihm etwas Geld. Es gab auch ein Bild mit Tjark, Stefan und Sakthivel vor dieser Hütte. Sakthivel hatte Tjark und Stefan während ihres ersten Besuchs nach der Katastrophe stolz zu seinem Geschäft geführt. Da hatten sie gestanden und schweigend auf den Indischen Ozean hinaus geblickt. Tjark stand bewegt ganz nah bei Sakthivel, der nicht berührt werden wollte. Stefan hielt sich etwas abseits, direkt an der nach dem Tsunami entstandenen kleinen Steilküste. „Das Meer ist so friedlich und schön, so glatt. Unvorstellbar, was es alles verschlingen kann.“ Er versuchte ein Lächeln, war aber ungeübt darin und sah, dass Tjark mit den Tränen kämpfte. Das Leid, dieser sinnlose Versuch mit der Hütte waren für ihn unerträglich. „Ja, da ist doch wieder etwas Leben hier,“ überbrückte Sakthivel die negativen Schwingungen, die er auch nicht mochte. Er lachte sein angenehmes Lachen und zeigte dabei die blitzenden Zähne. „Hier steht doch wieder ein Haus!“ Er zeigte zu dem vielleicht zwei mal einem Meter großen Verschlag. Dort, wo das Fenster üblicherweise war, befand sich dieser Tresen. Vier Pfosten hatte er in die festgestampfte Erde gerammt. Wahrlich eine Bruchbude aus Bauschutt. Eine skurrile Performance auf einem Trümmerfeld.
Tjark blickte zur Hütte und sah dann den lachenden Sakthivel an. Tränen flossen.
Stefan nahm Tjark in den Arm und zog auch den widerstrebenden Sakthivel an sich. Sie weinten in der Hütte, wie verlassene Kinder.

Die Hütte schluckte ihre Laute, zu hören war nur die Stille von den provisorischen Gedenksteinen und Holzkreuzen.

Wir setzten unser Gespräch fort. An ganz unterschiedlichen Orten und auf Fahrten in seinem Tuc-Tuc, welches mit der Aufschrift Tjark Ressort beschriftet war. Eigentlich war es Tjarks Tuc-Tuc, aber Sakthivel durfte jederzeit damit fahren.
Die Zeiten aus denen Sakthivel berichtete, verschwammen; aber nach und nach erfuhr ich die ganze erstaunliche Geschichte.

Hätte ich gewusst, dass ich Post bekomme“, erläuterte Sakthivel, „wäre ich zum Postamt gegangen. Aber wer sollte mir schreiben? Ich hatte ganz andere Sorgen und musste so vieles regeln“. Er beschrieb, wie unbefriedigend die Hilfe für die Tsunamiopfer war.

Man brauchte Geld, um etwas zu erreichen. Jeder hielt die Hand auf, auf die Behörden war kein Verlass.
Immer neue Leute kamen als Polizisten verkleidet in die Hilfsstationen und wollten sich bereichern. Es war kein Problem, sich eine Polizeiuniform auszuleihen und sich als Polizist auszugeben. Es gab Geld von der Regierung. Es gab internationale Hilfe, Sakthivel sagte das mit vielen Ausrufezeichen. „Aber was glaubst du“, wie das hier lief ? Er schämte sich sichtlich, davon zu berichten. Neue Häuser wurden von Leuten bewohnt, die die Beamten bestochen hatten. Von 74 neuen Häusern in Beruwala wurden nur 20 von Tsunamiopfern bewohnt.

Sakthivel nahm seine Arbeit im Hotel auf Tagelöhnerbasis wieder auf. Ihm wurde versprochen, dass er nach einem Jahr einen festen Vertrag bekommen würde.

Dieses Versprechen wurde jedes Jahr erneuert, ohne dass er einen Vertrag bekam. Sakthivel konnte in den ersten Jahren nach dem Unglück im Tempel in einer kleinen Hütte für eine Person wohnen.

Vor dem Tsunami hatte dort ein Engländer, Leonard Shephard Urlaub gemacht, der sich an Sakthivel erinnerte und wissen wollte, wie es ihm ergangen war. Für wenige Wochen war dieser nach Sri Lanka gekommen und wollte Sakthivel treffen, der aber gerade zu der Zeit nicht in dem Hotel arbeitete. Sakthivel hatte kein Mobilphon und war nur per Post zu erreichen. Die Briefe wurden im Postamt in Beruwala hinterlegt und mussten abgeholt werden. Als Sakthivel endlich seine Post abholte – private Post erwartete er nicht – waren bereits zwei Urlaubswochen von Mr. Shephard vergangen.
Leonard Shephard nutzte die verbliebene Zeit und kümmerte sich um Isuru, das beim Tsunami am Ohr verletzte Kind, bezahlte den Arzt und lange Zeit schickte er jährlich 400 Pfund. Ein Beitrag zum Überleben, erzählte Sakthivel still. Und dann war da Tjark.

 

Freunde

Die beiden Männer, Tjark und Stefan, waren nach dem Tsunami tagelang im Schockzustand gewesen. Immer wieder sahen sie sich die Bilder an. Sie konnten sich gegenseitig nur am Telefon trösten, da Stefan in München und Tjark in Hamburg lebte.
An den Wochenende besuchten sie sich und überlegten, was sie tun konnten. Es gab keinen Kontakt nach Beruwala, die Behörden waren völlig überfordert. Es war schon vor Ort nicht möglich, etwas zu erfahren, wie Sakthivel ihnen später tränenreich schilderte, geschweige denn von Deutschland aus. Zumal, wenn es sich bei den Opfern nicht um Deutsche handelte. Es machte auch keinen Sinn, nach Colombo zu fliegen, so gern die beiden das auch wollten. Sie begannen, Spenden zu sammeln, auf ihren Geburtstagen stellten sie Bilder und dazu einen Spendentopf auf. Tjark hatte zudem noch Patenkinder in der Region, die allerdings weiter im Inland lebten. Er hoffte, dass sie überlebt hatten.

Ein Jahr nach dem Tsunami flogen Stefan und Tjark wieder nach Sri Lanka. Sie hatten Sakthivel vor ihrem Besuch einen Brief an das Postamt in Beruwala geschrieben.
Mein Freund Tjark lebte bereits vor dem Tsunami seit Jahren gedanklich und emotional in Sri Lanka. Er erzählte bei jedem Treffen begeistert und liebevoll von diesem Land und seinen Menschen. Hier in Deutschland lebte er allein, mit vielen engen Freunden verbunden, aber in Bentota und Magonna schien seine zweite Heimat zu sein nach der er sehnsüchtig war. Zwei Patenkinder unterstützte er regelmäßig,besuchte sie und sammelte im Freundeskreis für sie. Jeder Geburtstag stand unter dem Motto: „Bitte keine Geschenke, gern Geld für Sri Lanka.“ 1996 war er zum ersten Mal mit seiner Freundin Ingrid nach Sri Lanka gereist, in der Zeit einer Lebenskrise. Große Liebe vorbei, Mutter tot, die Schwester plötzlich verstorben, der Job auf der Kippe, mit dem eigenen möglichen Tod die Sinnlosigkeit vor Augen. Es war eine schwierige Lebensphase, die es für ihn zu bewältigen galt.

Am Ende dieser, seiner ersten Reise nach Sri Lanka, fühlte er sich jedoch unbeschreiblich gut und total entspannt. „Es war überstanden, ich habe nur noch geheult vor Glück“, gestand er mir damals. Für ihn waren dieses Land und die Menschen dort eine wundervolle Kraftquelle.

In den Jahren nach dem Tsunami wuchs Sakthivel zum zentralen Thema seiner Erzählungen. Der Spaß, den Tjark mit Sakthivel hatte, beflügelte ihn. „Wir wollten uns einen Wasserfall ansehen“, beschrieb er beispielsweise. „Eigentlich betrug die Entfernung zwei Stunden – Sakthivel wüsste den Weg, behauptete er, wir fuhren dann aber immer im Kreis. „Sakthivel“, sagte Tjark, „hier waren wir schon“.
„Ich weiß den Weg“, sagte er immer wieder mit seinem Lächeln. Nach sechs Stunden waren wir endlich da. Ich konnte nicht sauer auf ihn sein, weil er immer so optimistisch war. Wir haben uns vor Lachen nicht mehr eingekriegt.“ Das beschrieb er in den Jahren, als das Leben wieder leichter für ihn geworden war.

Bei ihrem ersten Besuch nach dem Tsunami lud Sakthivel Tjark und Stefan zum Haus ein. Das Haus, das gar nicht mehr da war. Aber er sagte, wir fahren zum Haus. Sie fuhren hin. Tjark war mulmig zumute „Wo wollen wir denn kochen?“ , hatte er gefragt. Es sollte ein aufmunternder Scherz sein. Aber Sakthivel blickte nur stur auf das Wasser. Dann erzählte er von einer DVD, die er vom „Fisherman“, einem befreundeten Seemann, bekommen hätte. Da seien Bilder zu sehen, die nicht im Fernsehen gelaufen sind. Mit Leichenteilen auf der Straße, in den Bäumen, überall waren sie verstreut. Bilder von Zügen, die entlang der Galle Road fuhren, voll mit Leichenteilen. Sakthivel zeigte in die Richtung der Eisenbahnlinie. Heute waren die schnaufenden Züge wieder so voll mit Menschen, die sich an den Türrahmen oder sogar außen am Zugfenster festklammerten. Es war ein wunderschöner, windiger Tag, das Meer rollte mit einer langen Dünung an den Strand. Betreten, mit Tränen in den Augen, standen sie dort am Wasser, an der Stelle, wo Sakthivels Elternhaus im Meer und der meiste Teil des Strandes verschwunden war.

Tjark und Sakthivel waren selbst ein wenig hilflos. Wir wussten nicht, wo wir anpacken sollten, beschrieb Tjark das erste Treffen. „Alles war viel zu viel für mich“, meinte er. „Wir gaben dann jeder erst einmal 100 € und versprachen, bald wieder herzukommen“.

Ein halbes Jahr später machte Tjark sein Versprechen wahr. Er wohnte in dem Hotel, in dem Sakthivel hin und wieder arbeitete. Tjark bemerkte, dass Sakthivel sehr aufgeregt war, sich aber scheinbar nicht traute mit dem was ihn bewegte, herauszurücken. Nach ein paar Tagen sagte er, dass er Tjark etwas zeigen wolle.
Sakthivel hatte sich ein altes Motorrad ausgeliehen, mit dem man sich auch auf nicht so perfekten Straßen bewegen konnte. Sie fuhren ein Stück auf der Aluthgama Road entlang, eine ganze Weile entlang der Küste, bis sie schließlich die Bahnlinie kreuzten, die den Dschungel praktisch von der Straße abgrenzte.

Sie fuhren nach Magonna, ein paar Kilometer in den Dschungel hinein. Kurve um Kurve durch den Staub der Straße. Tjark hatte keine Idee, wohin der Ausflug führen sollte. Er stieß Sakthivel immer wieder an, doch der reagierte nicht. Dann hielten sie auf einem zum Teil staubigen und überwucherten Gelände. Auf den ersten Blick war für Tjark immer noch nicht ersichtlich, warum Sakthivel hier hielt und über sein schwitzendes Gesicht strahlte. Was war anders als der Dschungel hinter und vor ihnen? Sakthivel nahm ihn bei der Hand und zeigte, „look there!“ ausrufend, auf ein paar zusammengenagelte Bretter. Da stand sie: eine etwa ein Quadratmeter große Hütte.
Tjark stand unentschlossen auf dem Fleckchen Dschungel, dass sich bei näherem Hinsehen als ein wenig gerodet erwies. „Was ist das denn? Was soll das darstellen?“, hatte Tjark in einem Anflug von Fassungslosigkeit gefragt. Sakthivel zog ihn unbeeindruckt in den Bretterverschlag. Darin befand sich eine Liege, die Sakthivel vom Hotel geschenkt bekommen hatte. Eine alte Sonnenliege, etwas geflickt, aber sauber. Eine Decke lag gefaltet über einem Ende der Liege. „Lebst du hier?“, fragte Tjark ungläubig. „In dieser Hütte? Du kannst die Liege nicht einmal ganz aufklappen.“
Er prüfte die Wände und die Klapptür des Eingangs. Alles war fest, nichts wackelte oder deutete darauf hin, dass der Verschlag zusammenfallen würde.
Sakthivel lachte sein strahlendes Lächeln. Er freute sich wie ein Kind, das einen Streich gespielt hatte. Er beobachtete Tjark und schien sich königlich zu amüsieren. Wie ein König mit etwas Land.
Dann erzählte Sakthivel, dass er in der Zwischenzeit dies kleine Grundstück günstig erworben hatte. Für wenige Rupien von einem Großgrundbesitzer, dem ein riesiges Dschungelgebiet gehörte. Er hatte damit begonnen, eine kleine Hütte darauf zu bauen.

Das wird ein Haus“, hatte er erklärt.

Die nächsten Tage im April 2015 nutzten wir für Ausflüge und ausführliche Gespräche.
Heftiger Regen fiel manchmal die ganze Nacht. Es gewitterte, unruhiger Schlaf mit Träumen war mir vergönnt. Sakthivel ging es ähnlich, ich hörte ihn eines Nachts fürchterlich unten im Haus rumoren.
Weiterlesen „Ein Haus in Magonna – Teil 2“