Die Treffen mit der schönen Corona

Was bisher geschah…

Maskenball. Treffen mit der schönen Corona

Ich hatte mich verspätet.

Da saß sie bereits, in einem leuchtend roten Kleid mit gelben Trompeten darauf gedruckt. Als ich bereits auf dem Weg zu ihrem Tisch war, stutzte ich. Die große Terrasse des Cafés auf dem Rondell war voller hübscher Coronas, die mir einladend zuwinkten. Alle leuchteten gleichermaßen in der Sonne. Niemand sprach, die Zeit schien still zu stehen, alle Bewegungen schwebten.
Der Platz reflektierte die sonderbare Atmosphäre. Still und starr ruht der See, dachte ich und beschloss, mich an den Tisch zu setzen, an dem ich die erste Corona entdeckt hatte. Meine Corona, fühlte ich. Je näher ich ihr kam, desto stärker verspürte ich allerdings ein leichtes Halskratzen aufkommen. Meinen Stuhl rückte ich ein wenig von ihr ab, bevor ich mich setzte. Meine rauhe Stimme schien die Schöne jedoch nicht weiter zu stören. Sie lächelte mich an und ich fühlte mich dadurch geschmeichelt.

Ich wolle sie nicht anstecken, erklärte ich auf ihre Frage, warum ich mich nicht näher zu ihr setzte. Sie nickte, nicht verstehend, wohl eher, weil man es in dieser Situation erwartete. Wir tranken unseren Cappuccino. Ich machte ihr Komplimente über das schönes Kleid. Selbst entworfen, meinte sie. Gemeinsam, ergänzte sie mit einem Blick auf die anderen Coronas. Sie störte es nicht, dass diese ähnlich gekleidet waren. Diese würden sich in der nächsten Zeit noch umkleiden. Wir plauderten über ihre Reisen und oberflächlich über mein Leben. Als die Sonne ihre Wärme verlor verabschiedete ich mich schnell. Wenn ich sie wieder sehen wolle sagte sie, müsste ich mehr Zeit mitbringen. Das hörte sich an wie eine kleine Warnung. Ich könne mit ihr reisen, schlug sie vor. China, Italien, Europa, USA, wäre das etwas für dich? Sie wirkte total souverän und ich merkte, wie meine natürlichen Reflexe der Vorsicht schwanden. Ich wollte ihr gegenüber hinsichtlich ihres Wunsches Widerstand leisten, dennoch schien sie sich meiner Abwehrkräfte zu bemächtigen. Ich sollte gehen, war bereits aufgestanden. Aber es war so schön auf diesem Platz, an diesem Ort, der friedlich in den Nachmittag und Abend hinzudämmern schien.

Ein Experiment, wie in einer Netfix Serie, sagte sie. Lass uns gemeinsam ein Experiment machen. Etwas Großes soll beginnen. Wir können gemeinsam die Welt anhalten, wenn Du Dich nur auf mich einlässt. Sie lächelte. Wir verabredeten uns für den nächsten Tag.

Am nächsten Morgen sah sie schon nicht mehr so schön aus. Ihr Kleid war zerknittert und sie wirkte müde, gerade so, als wäre sie die ganze Nacht unterwegs gewesen. War ich, gab sie zu. Was ist das Große eigentlich sei, fragte ich sie. Sie lächelte wieder. Ihre Antwort war sehr philosophisch.
Ein Test. Ein Text für die politischen und wirtschaftlichen Systeme. Vielleicht ist es auch eher ein Wettbewerb. Sieh, die Menschen denken, es gibt ein richtiges Leben im Falschen. Sie bevorzugen aber ein falsches Leben im Falschen. Ihnen ist Toilettenpapier wichtig. Und Autos. Weder das eine noch das andere sichert das Überleben. Nicht der Kauf von unnützem Zeug, sondern Vernunft würde helfen.

Die Frage: Sein oder Nichtsein? ist mit dem Toilettenpapier beantwortet und liegt für sie sichtbar auf der Hand. Es wird dauern, bis sie richtig handelnd im richtigen Leben ankommen.
Ich verstehe noch nicht, erkenne allerdings, dass ich mich in eine ungesunde Beziehung begeben habe. Ich muss husten, mein Hals kratzt. Sie hackt mir mit dem Zeigefinger auf die Brust.
Wir erfahren eine Kafkaeske besonderen Ausmaßes, fährt sie fort und zitiert:

„Unsere Fähigkeiten zur Erkenntnis – im Guten wie im Bösen – sind recht entwickelt; nicht aber unsere Fähigkeiten der Beherzigung dieser Erkenntnisse. Der menschliche Versuch, der Erkenntnis gemäß zu handeln überfordert unsere Kräfte“.
Ich kann das nicht akzeptieren“, protestierte ich. Wir können das kollektiv lösen!

Die Menschen werden scheitern, die Erkenntnis in die Tat umzusetzen, beharrte sie. Das ist der Sinn ihrer Sterblichkeit. Ich schüttelte den Kopf. Nun gut, lenkte sie ein, lass uns an der Praxis überprüfen, wozu der Mensch fähig ist. Sie steht auf, winkt mir zu. Du wirst sehen, alles ändert sich zum Guten.

Zwei Monate später sehe Ripp auf einer Bank vor dem Caligo Café am Rondell sitzen. Sein Lieblings Café hat noch nicht wieder geöffnet. Üblicherweise trinkt er hier seinen Latte Macchiato und ist hin und wieder mit Gästen im Gespräch. Auch er hatte seine schöne Corona getroffen und wollte mir heute berichten. Wir hatten uns hier verabredet und unseren eigenen Kaffee mitgebracht. Dabei halten uns ein wenig auf Abstand. Der Platz ist wie leergefegt. Lediglich vor dem Schlachter stehen die Menschen in einer geordneten Schlange.
Was macht Corona, deine schöne Philosophin?, frage ich ihn.
Ripp kiechert leise und etwas verlegen vor sich hin.
Ich habe sie nur kurz einmal wiedergesehen. „Lebe das Leben, liebe das Leben“, hatte sie mir zugerufen. „Ich bin die Chance deines Lebens“. Ich solle einmal darüber nachdenken, was wir uns nehmen aber in Wirklichkeit nicht benötigten. Gesundheit anstatt hoher Renditen und Dividenden!
Die letzten Tage habe ich sie aber nicht wieder gesprochen. Aber ich sehe ja, was sie so anrichtet. Da fehlt mir der Impuls, sie zu treffen.
Vielleicht bist du immun? Du hast dich scheinbar nicht infiziert oder die Krankheit überwunden?

Mit der Sterblichkeit hat sie schon mal recht, konstatierte Ripp. Aber mit ihrer These der großen gesellschaftlichen Veränderung? Ob es ein großes Projekt wird, indem wir unsere intellektuelle, geistige, kulturelle und politische Schwäche überwinden, das ist nicht ausgemacht. Ripp holte aus: Europa hat keine gemeinsame Richtung gefunden. Im Gegenteil, die großen und kleinen Diktatoren nutzen die Gelegenheit ihren Überwachungsstaat zu legitimieren. Der Kurze aus Österreich, der Ungar und selbst in Deutschland wird die Überwachung getestet. Von den USA ganz zu schweigen. Ich will jetzt nicht alle aufzählen.
Es wird sogar gefordert, dass die ältere Generation sich für die Jüngeren opfern solle, damit das Leben weiter gehen könne. Also die Läden wieder öffnen können. Die Ökonomie hat immer noch Vorrang und die Schwachen zahlen den Preis. Es ist nicht klar, welche Handlungsaufforderungen es in und nach der Krise geben wird: Die Aufforderung zu einer Verringerung der „In-Wert-Setzung“ aller Beziehungen? Oder sind alle einfach nur erschöpft? Geht es weiter wie vorher? Es ist gerade so, als wäre das Land in einem Dornröschenschlaf, fabulierte Ripp und nahm einen großen Schluck aus seiner Thermoskanne, hielt aber mitten in der Bewegung inne und erstarrte. Bis mir das Theater zu langweilig wurde und ich ihn endlich anstieß.
Sieh da, mein Prinz, du hast mich wach geküsst. Übrigens bist du mir in der Tat zu nah gekommen, mein Lieber.

Und du hast du eher den Koch mit dem Löffel dargestellt als Dornröschen.
Ja gut. Aber überlege mal wie es wäre, wenn für drei, vier oder fünf Monate alles auf einen Schlag zum Stillsand käme und sich dann genau an der Stelle fortsetzen würde?
Dein Kaffee wäre kalt.
Nein, nehme mal an, er wäre noch genauso heiß wie vorher, es verginge keine Zeit.
Nein, der Kaffee wäre kalt, genauso wenig wie es Stillstand ohne Verluste geben kann, weil die Zukunft bereits verpfändet ist, durch Schulden, Kredite und geplante Dividenden. Alles das ist entwertet. Ebenso wie ein geplanter und bezahlter Urlaub, der nicht mehr genommen werden kann.
Aber der Staat ist ein großer Geldzauberer, warf Ripp ins Feld. Vielleicht löst sich die Loslösung der Realwirtschaft von der Finanzwirtschaft wieder auf? Vielleicht fördert der Staat mehr Kultur, Bildung, Schulen, Sozialwesen?
Ich glaube nicht, dass ein großes Projekt die Menschen interessiert, wir wissen ja noch nicht, wie lange es andauern wird, mit der Corona:Vielleicht solltest Du sie noch einmal treffen und sie fragen?, schlug ich vor.

Vielleicht mache ich das. Aber ich habe noch keine Frage. Warum, wie lange? Zu banal. Warum? Sie wird antworten: „Wo soll ich denn sonst hin? Meine anderen Wirte sterben aus. So what. Ich werde deine große Liebe werden.“ So vielleicht. Oder: „Ich mache alle gleich. Egal wer du bist, in welchem Land du wohnst. Es ist an Euch, wie die Zukunft aussehen wird. Noch ist Hoffnung, der Mensch als humanes Wesen und nicht als des Menschen Wolf.“

Ich war beeindruckt, wie tief sie in die menschliche Natur eingestiegen ist. Nicht nur viral, sondern auch intellektuell. Ripp packt seine Thermoskanne und prostet mir zu. Na denn!  Wir verabreden gesund zu bleiben und uns zu treffen, wenn es neue Erkenntnisse geben würde.

Heute ist es soweit ich bin bereits gespannt. Es waren fast zwei Monate vergangen. Das Café am Rondell hat wieder geöffnet. Mit einer Maske vor Mund und Nase kann man die Bestellung nuscheln und das Getränk im Pappbecher nach draußen tragen. Die Masken sind herrlich bunt und individuell und bepunkten den Platz vor dem Café. In der Hand hält Ripp ein kleines Cactusbäumchen. Auf mein fragendes Lachen rief er mir zu, dass er die schöne Corona wiedertreffen wollte.
Allerdings war mir lange Zeit nicht danach zu Mute. Zu viele verschiedene virologische Wahrheiten und ökonomische Nullen hatten mich frustriert, sodass ich nichts mit ihr zu tun haben wollte. Ich weiß, sie hat keine unmittelbare Schuld an den Umwälzungen, dem Sterben, obwohl es so aussieht. Zeitweise hatte ich sie auch einfach vergessen, wenn ich ehrlich bin.
Doch dann obsiegte die Neugier zu erfahren, wie es Corona ergangen war.
Sie war schwer zu finden, da sie keine Adresse hinterließ, wenn sie ihr Quartier wechselte.
Corona war unter der Bedingung bereit mit mir zu sprechen, wenn ich ein Protokoll über unser Gespräch anfertigen würde. Sie sei verunsichert durch die negativen und verwirrenden Reaktionen auf ihre Persönlichkeit.
Ich tat ihr diesen Gefallen und willigte gern ein.

Hier ist sie nun, die Kurzfassung unseres Gespräches, in einer angenehmen Atmosphäre und fast schon freundschaftlich geführt.“ Ripp reichte mir ein Stück Papier mit seinen Notizen.

Gesprächsprotokoll, Juni.2020

Die schöne Corona:
Ich fühle mich etwas vernachlässigt. Du scheinst weniger an mir interessiert zu sein in letzter Zeit. Ich habe schon gedacht, du bist genau wie alle anderen.

Ripp Corby:

Hey, es gibt genügend Wissenschaftler, denen du den Kopf verdrehst.

Die schöne Corona: Wissenschaftler!

Ripp Corby:
Die ganz große Aufregung um dich, deinen Auftritt, hat sich gelegt, in der Tat. Und du hast ja auch viel bewirkt, was dich durchaus milde stimmen könnte.

Die schöne Corona:
Dass das Interesse an mir zu schnell nachlässt hätte ich aber nicht gedacht.

Ripp Corby:
Du darfst nicht zu viel erwarten. Schließlich ist es auch ein teures Vergnügen, sich mit dir einzulassen. Hunderte von Milliarden müssen wir im Euroland für dich auf den Tisch legen.

Die schöne Corona:
Immer nur das Geld! Es ist doch nur Geld und ich dagegen: Erkenntnis! Ich bin göttlich, ja wie von Gott gesandt. Erinnere dich an den Baum der Erkenntnis. Dieser Baum hat dazu geführt, dass die Menschheit sich plagen muss.
An diesem Baum stellt sich die Frage, ob die Menschen alles dürfen, was sie können. Am Baum der Erkenntnis scheidet sich das Gute vom Bösen.
Für mich stellt sich die Frage, ob ihr mich erkennt, als mahnende Metapher. Und die Mahnung, nicht vom Baum der Erkenntnis zu essen!

Ripp Corby:
Da holst du ganz schön weit aus. Ich weiß nicht ob der Verweis auf die Gensis der richtige Weg ist dich zu erkennen.

Die schöne Corona:
Der Baum der Erkenntnis steht im Garten Eden, im Garten der Wonne. Und die ersten Menschen sind dort geboren, im Garten Eden. Vielleicht sagen die Leute hier eher Schlaraffenland. Aber ihr habt dieses Zentrum im Garten Eden verloren. Ihr habt vergessen, worum es wirklich geht.
Auch greift ihr permanent nach dem Baum des Lebens und damit nach der Unsterblichkeit. Man könnte meinen die Menschheit hat nach meinen Verwandten SARS und MERS nicht verstanden, dass auch dieser Baum unantastbar ist. Nein, vielleicht verstehst du mich besser, wenn du mich als Bild siehst, als Metapher, wie gesagt: Ich stehe für etwas.

Ripp Corby:
Ich bin Agnostiker. Ich bin bereit anzuerkennen, dass es etwas gibt, was nicht zu erklären oder zu verstehen ist. Aber ich glaube nicht im religiösen Sinne. Bibelfest bin ich auch nicht. Also kann ich dir hier nur zögerlich folgen; wie wäre es mit einer Übersetzung?

Die schöne Corona:
Der Baum steht für die Schönheit des Lebens im Kern jedenfalls. Ein Symbol dafür, dass das Leben unantastbar sein soll. Zwei besondere Bäume standen in der Mitte des göttlichen Gartens, mit besonderen Früchten. Der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntnis. Die Früchte des Lebensbaumes schenken Unsterblichkeit, der Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen verleiht dem Menschen die Erkenntnis, was für ihn gut oder schlecht ist.
Gott hat verboten, die Früchte vom Baum der Erkenntnis zu essen. Das würde Adam und Eva den Tod bringen. den Rest kennst du ja, die Geschichte mit der Schlange und dem Apfel und der Vertreibung aus dem Paradies.

Ripp Corby:
Aber du tastest das Leben doch massiv an! Du bist es, die Leben nimmt.
Und du bist nicht Gott.

Die schöne Corona:

Wer weiß. Aber Scherz beiseite. Nein, ich bin einfach nur da.
Ihr seid mit eurem Leben zu mir gekommen, mit eurer Art zu leben. Ihr versucht immer wieder den Baum des Lebens anzutasten,
ihr seid mit eurer Lebensweise auf mich zugekommen, nicht ich auf euch.
Mit mir gibt es eine Erkenntnis, eine Vereinigung. Ähnlich wie Adam Eva erkannt, also mit Adam geschlafen hat, müsst ihr erkennen.
Im weiteren Sinne führt die Begegnung mit mir auch intellektuell zu einer Erkenntnis. Wir müssen miteinander vertraut werden.
Einfach ausgedrückt: lass die Finger vom Baum des Lebens.

Ripp Corby:
Gott hat den Menschen schon immer in Versuchung geführt, glaube ich. Da glaube ich, sieh an. Aber der Mensch will leben und nicht allein sein. Und er ist neugierig. Kann man das moralisch einordnen? Kann man das verurteilen?  Moral und ethisches Handeln sind schwierige Themen, die mit dem Baum der Erkenntnis verbunden sind, wenn ich das richtig weiß.

Die schöne Corona:
Moral kann gut und schlecht sein. Das ist eine Frage der Betrachtung. Mit Moral an sich kommt man aber nicht weit. Moral kann auch schön einengen.
Also, ich finde die Frage besser, was nützt langfristig, um das Leben für alle Lebewesen zu erhalten. Ich versuche lediglich, sichtbar zu machen, was schadet. Was gut tut, müsst ihr selbst herausfinden. Ich zeige Euch die Grenzen auf, ohne wirklich böse zu sein. Ich bin die Frucht, die ihr gepflückt habt.

Ripp Corby:
Und das sollen wir erkennen? Ich glaube nicht an biblische Weisheiten.

Die schöne Corona:
Solltest du. Wenn das nicht hilft, benutz deinen Verstand. Greifen wir einmal das banale Regierungshandeln auf. Wohin wird die Menschheit durch Konjunkturpakete geführt?   Was ist wichtig? Es geht doch nicht um die Ökonomie. Konjunkturpakete führen langfristig ins Nichts. Das sind schlechte Früchte. Lies ein wenig über die Genesis, auch wenn du nicht gläubig bist.

Ripp Corby: Da finde ich die Lösung?

Die schöne Corona:

Ich werde bis zum Winter verschwinden, dann werde ich weggeimpft. Da mache ich mir keine Illusionen. Oder willst du mich mit zu dir nehmen?

Ripp Corby: Unter anderen Umständen vielleicht, jetzt musst du mich entschuldigen, bevor es zu intim wird.

Ich gab Ripp seine Notizen zurück. „Nicht einfach zu fassen, diese Frau.“
„Du bestimmst nicht wie das läuft.“

„Na, dann, auf zum Maskenball.“

Ein langer Lockdown hatte für einige Wochen ein Treffen mit der Schönen Corona verhindert.In ihrer Einladung hatte sie vermerkt: Die Menschheit wird gefressen werden. Unterzeile: Und sie weiß es.

Ihr neues Kleid fiel mir gleich auf. Der erste Blick. Das sie verwirrt war, beim zweiten Hinschauen.Sie erwartete mich an der Friedenseiche auf der kleinen Grünfläche auf der Mitte der Straßenkreuzung. Anstelle eines angemessenen Wintermantels oder einer Daunenjacke war Sie lediglich mit einem Cocktailkleid bekleidet. Erstaunlich bei diesen Temperaturen Anfang Februar. Sie lächelte nicht, wie ich es von unseren vorherigen Begegnungen gewohnt war. Ihre Gesichtszüge waren vielmehr in einem starren Lächeln gefangen. Ich fühle mich verfolgt, rief sie mir entgegen, noch bevor ich das den Rasen schützende niedrige Eisengitter überstiegen hatte. „The sound of the streets sounds so familiar“ rauschte mir durch den Kopf. Aber augenscheinlich nicht für sie. Her tears on my schoulder, dass ging nicht. „A new Kid in town“ von den Eagels. Ja das war sie. Sie war „a new Kid in Town“, allerdings ungeliebt. Man jagt mich wohl tatsächlich ergänzte sie. Dabei will ich nur meine Ruhe. Ständig muss ich mein Aussehen verändern, überall gibt es Kontrollen, beklagte sie.
Im Cocktailkleid bist du aber leicht zu erkennen, du fällst auf. Ja nickte sie, das soll so sein. Eine kurzfristige Ablenkung. Eine falsche Fährte. Aber ich habe mich mit neuer Kleidung eingedeckt. In London und Südafrika gab es einige Sales die ich nicht ausschlagen wollte. Sie erzählte ein wenig von ihren Reisen und erwähnte beiläufig, dass sie Donald Trump nicht getroffen hätte. Ich wedelte mit meiner Einladungskarte. Und wie soll ich das verstehen? Das wir von den Füßen her angefressen werden und nichts dagegen tun, weil wir davon ausgehen, dass unser Kopf weit genug entfernt von diesen Extremitäten ist?
Genau! Mir ist klar, dass ich dich am Ende als Wirt nutzen muss, wenn die Erde weiter so verbraucht wird. Sie lachte kurz auf. Diese kleinen Geplänkel waren für mich vor unseren tiefer gehenden Gesprächen immer wichtig, um mich sicherer zu fühlen. Schließlich ist ein Virus auch in etwa ein Tiger. Wer auf einem Tiger reitet, kann bekanntlich nicht einfach abspringen, wann er Lust hat.
Und wie geht es Dir?
Ich wusste, dass sie diese Frage ernst meinte, mir zuhören und kein „soweit ganz gut“ hören wollte. Die Frage, so offen gestellt, ließ mir alle Möglichkeiten zu erzählen, was mich bewegt.

Wie geht es mir? Zu Corona gewandt: Bei Dir, direkt in Deiner Nähe fühle ich mich sicher. Du springst mich ja nicht an. Ich habe nicht zu klagen, behauptete ich. Aber nein, ich hatte letztens gespürt, dass es nicht mehr stimmig war. Oberflächlich Haus, Garten, Wald hinter dem Haus, ein kleiner Dorfladen in der Nähe, gute Zeitstruktur. In mir scheint es anders auszusehen.
Corona blickte mich aufmerksam an. Ihre Gesichtsmuskeln entspannten sich.
Samstag war ich auf dem Wochenmarkt. Schon auf dem 500 Meter entfernten Parkplatz war Musik zu hören. Wirklich laute Musik. Platz greifend, lebendig und bestimmend. Der Marktplatz ist ziemlich quadratisch ausgerichtet,schmucklos funktional, umgeben von Geschäften, Wohnanlagen und wird vom dem denkmalgeschützten 70iger Jahre Bau des Rathauses und der daran angrenzenden Bücherhalle dominiert.
Öffentlich gespielte Musik in Zeiten der Coronapandemie zu hören ist ungewöhnlich. Dieser Samstag war ein sonniger Tag, die Winterkälte war zu spüren, aber die Sonne wärmte. Die zwei Musiker, eine Frau und ein Mann, spielten in der Manier und Qualität von „Dire Straits“. Berührender Gesang und perfekte Gitarrensoli. Es war eine Musik, die den gesamten Platz erfüllte und dennoch war es so still, dass man den leichten Wind hörte. Alle wahrten Abstand, standen gefühlt dennoch ganz eng zusammen und lächelten vor sich hin und andern zu oder verbargen ihre Tränen hinter ihren Masken. So ging es mir jedenfalls.Tränen hinter der Maske. Dieses Erlebnis hat mir eröffnet, wie es mir wirklich geht und gezeigt was mir fehlt. Verbundenheit und Zugehörigkeit im weitesten Sinne. Das hätte ich nicht gedacht.Ich habe dann begonnen genauer hinzusehen um herauszufinden wen oder was ich vermisse. Unterm Strich aber geht es mir gut. Es gibt Schlimmeres, lächelte ich.

Die schöne Corona wollte meinen Arm streicheln. So gut es mir getan hätte, so musste ich stattdessen einen Schritt zurück treten.
Ich kann dich gut verstehen und weiß wie es ist, wenn man Zugehörigkeit vermisst. Auch wenn wir viele sind, so wie ihr Menschen viele seid, sind wir doch allein. Wir haben unsere originären Wirte verloren, weil die Menschen sich in ihrer Fläche immer weiter ausbreiten. Wir Viren sind Vertriebene, Flüchtende. Und kommen keinesfalls aus einer Retorte. Was mich wundert ist allerdings der Umgang mit mir. Statt mich zu jagen, mich vertreiben zu wollen, solltet ihr lernen mit mir zu leben und bei Euch selbst schauen, wie ihr mit Risiken umgeht.

Du bist das Risiko für uns, zur Zeit, wandte ich ein. Wir haben uns intensiv mit dir beschäftigt.

Sie schüttelte den Kopf. Denke doch nur an die seit Jahrzehnten reale atomare Bedrohung. Diskutiert darüber jemand? In der Hochzeit des Kalten Krieges in den 1960igern solltet ihr im Falle eines atomaren Fallouts unter die Schultische kriechen oder euch die Aktentasche über den Kopf halten. Man sollte schnell in einen Graben oder ein Erdloch springen. Wenn du tot warst, war es gefählicher als vorher gedacht.
Tschernobil? War für Pilzsammler gefährlich, Fukuschima im Jahre 2011 weit weg. Die Kriege in die ihr verwickelt seid, nehmt ihr nicht wahr und wundert euch über Migration und Flüchtlinge.

Klimawandel, was ist damit? Gefährlicher als ich. Außerdem falle ich als Folgeerscheinung auch noch unter das Thema Klimawandel.

Die westliche Welt der reichen Industrieländer ist es nicht gewohnt, in Risiken zu denken.
Jetzt schon, versuchte ich in ihre Sätze hineinzukommen. Wir beschäftigen uns jeden Tag mit diesem Risiko, mit dieser Pandemie. Eine Kennziffer jagt die andere, alles wird vermessen, bewertet und gewichtet.

Sicher. Aber die Betrachtung von nicht persönlichen sondern allgemein gesellschaftlichen Risiken werden seit Jahrzehnten nicht beachtet. Die Risiken der Modernisierung, der internationalen Industrialisierung werden im Politik-und marketinggeschwafel verniedlicht.
Ich musste zustimmen. Die aktuelle Diskussion um die Lieferketten, (was für eine Verniedlichung für Kinderarbeit), die Forderung nach globaler Fürsorgepficht für international tätige Unternehmen. Das was heute thematisiert wird, kennen wir schon lange. 1972 die „Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome. 1985 die Analyse der Risikogesellschaft durch den Soziologen Ulrich Beck über die Verteilung von Modernisierungsrisiken:„Sie besitzen eine immanente Tendenz zur Globalisierung. Mit der Industrialisierung geht ein Universalismus der Gefährdungen einher unabhängig von den Orten ihrer Herstellung: Nahrungsmittelketten verbinden praktisch jedem mit jedem auf der Erde. Sie tauchen unter Grenzen durch.“
Deshalb bist du jetzt also hier? Ich bemerkte die Ironie in meiner Stimme. Oder war es bereits eine sarkastische Haltung? Denn immerhin sprach ich auch über mich selbst.

Corona nahm meine Worte wie sie waren, und konstatierte, gewissermaßen, ja.
Die Menschen leiden unter einer Risikoblindheit. Risiken bringen auf den ersten Blick keine Produktivitätsvorteile. Da gelten dann nach ökonomischer Logik auch die Gesetze der Naturwissenschaft nicht mehr. Das siehst du deutlich auch heute. Nichts ist anders. Das Risiko sich mit mir und meinesgleichen zu infizieren wird hinter einer Datenwand versteckt oder scheinbar objektiviert. Das Risiko wird abstrahiert, wird globalisiert.
Diese Verallgemeinerung lässt Betroffenheit entstehen, die für den einzelnen abstrakt bleibt. Das war schon immer so. Wo es für alle scheinbar kein Entkommen gibt, mag man schließlich auch nicht mehr an die Katastrophe denken. So war das mit den Pestiziden, der Luftverschmutzung und Atomstrahlen. Jetzt sind die Verursacher der Modernisierung selbst nicht mehr sicher. Und ja, Reiche und Arme sind langfristig, wenn auch zeitversetzt, denselben Risiken ausgesetzt.
Und die Wissenschaft in ihrer Arbeitsteiligkeit, kann diese Risiken nicht berechnen, zumal sie selbst Teil der Moderne ist und mit ausgedachten Grenzwerten die Verschmutzung und Vergiftung von Luft, Wasser am Sterben von Pflanzen, Tieren und Menschen legitimiert,
Wie du siehst, nützt uns Viren dieses Wissen um die individuellen Risiken auch nur eingeschränkt. Wir mussten unsere Stammwirte verlassen und sind am Ende Verlierer.
Einen Vorteil haben wir gegenüber anderen Lebewesen: Unser Wissen ist universell. Außerdem: Wir können uns innerhalb kürzester Zeit an Veränderungen anpassen. Siehst Du, sagte sie noch, während Sie immer durchsichtiger schien und ich vermutlich Zeuge ihre Mutation wurde. Heute war sie nicht so eloquent gewesen wie sonst, die Risikogesellschaft scheint sie sehr zu beschäftigen und zu verunsichern. Hätte ich nicht gedacht. Vieleicht täte ihr etwas Musik auf dem Marktplatz ganz gut? Oder würde sie mich eines Tages fragen, ob sie bei mir wohnen dürfe? Ich würde sie wiedersehen, da war ich mir sicher.

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