Kernspin die letzten 10 Minuten. Ein Leben in Briefen.

Spinnen im Kernspin Teil 2. Ein Leben in Briefen.

Wir beeilen uns. Was für eine Behauptung. Als ob die Zeit da draußen genauso langsam vergehen würde wie hier drinnen. Alles ist relativ. Aus der Sicht Einsteins betrachtet, mit Hilfe seiner Relativitätstheorie und beispielweise dem Zwillingsparadoxon.Oder wenn dieses Gerät in ein schwarzes Loch führe, könnten sie sich beeilen, wie sie wollten. Ich käme nie zurück. Ich erinnere mich an das Beispiel mit dem Zug und einem Läufer, der in dem Zug läuft. Wenn der Zug 150 km/h fährt und der Läufer 10km/h schnell läuft, hat er eine Geschwindigkeit von 160km/h. Niemals käme ich hier wieder heraus.

Von Physik verstehe ich nicht viel, aber diese Bilder tauchen auf. Ich bin überzeugt: Gedankenblitze, die unvermittelt einschlagen, bilden meistens die reine Wahrheit ab. Dabei werde ich hier in kleine Scheiben zerlegt, jede Scheibe, das empfinde ich, ist ein Teil meines Lebens. Was war in der Spritze? Mein Herz hämmert, mein Gehirn ist voller Hormone, Endorphine und was weiß ich, die ich so noch nicht gekannt habe. Kleine rotierende Scheiben sehe ich, übereinandergeschichtet wie in einer runden Matrix. Meine verschiedenen Leben müssen das sein.
Was da alles zu sehen ist! Die Liebe und der Tod.

Wie schön, die Liebe, da ist jede Liebe in ihrer Zeit als wahr und unvergänglich anzunehmen, sich in ihrer Zeit drehend bleibt sie konserviert und stimmig. Ich bin ein Planet. Kalt wie der Mond, heiß wie die Sonne. Irgendwo dazwischen. Irgendwo dazwischen muss eine Geschichte anfangen, die kein Anfang und kein Ende hat. Rotierende Planeten, rotierende Scheiben und die Zeit überall. Ich könnte jede beliebige Zeit wählen. Jetzt ist gestern. Auf einem Punkt und in der unendlichen Weite der Zeit tanzt meine Mutter auf einer Schallplatte. Es muss an Silvester sein, denn ihren Haarschopf ziert ein kleines, silbernes kegelförmiges Hütchen. Sie steht auf der Schallplatte, die sich erstaunlicherweise unter ihr dreht. Die Zeit im Punkt und in Bewegung. Es gibt anscheinend keinen gemeinsamen Zeitpunkt. Sie lacht und lacht. Sie lacht rückwärts und zieht ihr Lachen in sich hinein. Lach doch noch einmal. Wird sie immer wieder aufgefordert. Sie tanzt, tanzt,anzt nzt,zt,t. Die Platte liegt still auf dem Plattenteller.
Eine glückliche Frau für ein paar Jahre, die Mutter früh gestorben, der Vater auf See, ein von der Stiefmutter ungeliebtes Kind, der Krieg in Frankreich die schönste Zeit ihres Lebens, mit 22, vielleicht. Zurück in Hamburg, Anstellung in einem Büro als Stenotypistin und Sekretärin. Ihren Liebsten beim Tanzen im Winterhuder Fährhaus kennengelernt. Nett getanzt, verabredet, allerdings bin ich erst mal zwei Wochen weg, hatte er gesagt. Schlawiner, was für ein Korb! Den sehe ich nie wieder, hatte sie sich gedacht. Irrtum. Verliebt, verlobt verheiratet. Aber immer wieder weg, dass war er häufig. Ein sozialdemokratischer Sozialist, Widerstandskämpfer unterwegs, Deutschland neu aufbauen. Das was war, die Schmerzen hinter sich lassen.KZ, Krieg, Kriegsgefangenschaft.
Schnell dreht sich die Zeitscheibe. Langsamer bitte. Analog!
Ihre Briefe. Ja, die waren komplett analog. Ihr eBriefe würden die Zeit entschleunigen.

Und sie schrieb ihm fleißig. Briefe, in denen ihr weiteres Leben bereits abzulesen war. Viele Briefe, wie diesen hier, ich würde die ausgraben.

23.8.1949

Wer liebt mein Leiden mein Genosse!

Ringlein, Ringlein du musst wandern! Ja, von deiner Hand in meine Hand und umgekehrt. Ich ja damit angeben aber die Zeit langte nicht hin und nicht her. Am Nachmittag rief mich gestern meine Schwester an und bat, ich solle doch zum Essen kommen. Gut, wollte kein Spielverderber sein und dann hin. Es gab… Fisch…. (Kommentar überflüssig). Bin schon um 20:00 Uhr wieder gefahren. Musste doch erst zu mir und danach zu euch. Es hatte sich an beiden Stellen nichts verändert. Nur so leer und öde war das. Ich bin dann auch gleich schlafen gegangen. Und konnte noch so viel rufen: ich will in „Aam“.. Leider sind meine schützenden Arme zurzeit mit allem was dazugehört auf Reisen und ich muss sagen, das Bett kommt mir viel zu groß vor. Geschlafen habe ich ja ganz gut aber es geht doch nichts über die Gemütlichkeit ich meine damit, auf der Kante zu schlafen. Gelandet bist du gut und wirst du mir sicher schon in einem langen Brief geschrieben haben. Du bist so ein Goldfasan, gehst weg, ohne mir deine Adresse hier zu lassen. Muss ich warten bis Post von dir eintrudelt. Trotzdem will ich meine ersten Gedanken zu Stuhl bringen. Denn die Zeit günstig. Der Chef ist auf Reisen und mein Block ist nicht gerade übervoll. Sind noch die Reste von gestern.

Heute geht es zu deiner Schwester Klara ich will deine Sachen hinbringen und deine Hose abholen. Anschließend sehe ich zu, dass ich rechtzeitig Land gewinne und wieder früh in die Falle komme. Irgendwie muss ich mich ja auch erholen. Ach, es ist alles so mordslangweilig und ich denke morgens schon wieder ans Schlafen. Ist ja auch sinnlos so allein. 14 Tage. Gott, dazwischen liegt auch noch ein Sonntag: Ich werde mich nicht mit deiner Schwester Erna treffen, bleibe wieder für mich allein, tue was mir gerade einfällt. Ich will mich dann mal dazu aufschwingen, einen Zettel anzulegen und immer wieder ein Strich zu machen, wenn die Sache erledigt ist. Vielleicht komme die Angelegenheit so etwas spannender vor.? Heute Nacht musste ich so und unendlich viel was dir schreiben wollte, jetzt mein Kopf hohl. Komm man  lieber mal her und dann mache ich es mündlich. Wer weiß, vielleicht langt es heute Abend noch zu ein paar Zeilen und mir gehen die Sachen leichter aus der Hand.
Meine Wirtin hat mir einen Knust Brot mit einem Zettel hingelegt und mich darum gebeten, ihn zu vertilgen, da er sonst trocken würde. Herrlich. Du lässt ein paar Hemden nebst Socken hier und meine Wirtin ein altes Brot. Was bin ich euch doch wert!!! Scherz beiseite, die Zeiten sind zu ernst. Mein Schwager hat sich nun fest auf den 15. zur Feier eingerichtet und will sich noch einmal erkundigen was der Alkohol bei ihm im Geschäft kostet. Soll ein bis zwei Mark billiger sein als im Laden. Für ihn würden Bier und Kümmel genügen. Er will auch etwas gegen 12:00 Uhr wieder am Hauptbahnhof sein dann kurz zu Fuß. Wegen der Haft-Entschädigung schicke ich dir einen Abschnitt aus dem Abendblatt mit. Sollte ich noch was im Echo finden, leg ich ihn auch noch bei. Heute will ich mal einen Anlauf nehmen und fragen, wie es aussieht mit dem Hierbleiben in der Firma. Langsam wird es ja Zeit, dass man aufgeklärt wird. Unter anderen ist unserem Betriebstischler auch gekündigt.
Fortsetzung folgt mein Liebster…

So hatte sie geschrieben. Lebte wohl noch zur Untermiete. Ihr Liebster wohnte bei seiner Schwester und dem Schwager. 1949 lag ja vieles in Trümmern. Wenn ich aus der Röhre raus bin, will ich mal auf dem Dachboden schauen, was es noch für Briefe gibt, die voller Liebe, Hoffnung und eine frühe Warnung waren.
Ich setze sich auf die Zeitscheibe halte Ausschau. Ich stehe vor einer Tür.
Vor  d e r  Tür.
Ich kenne diese Tür nur zu gut. Zigmal habe ich vor ihr gestanden. Am Ende einer langen Treppe, die mir mit jeder Stufe Angst einflößt. Manchmal ist es mir gelungen, den Türgriff zitternd zu berühren, bevor eine gewaltige Kraft mich zurück reist. Das geschieht im Traum, natürlich. Im Wachzustand weiß ich von den Emotionen, aber sie stellen sich amTag nicht ein. Ich bin neugierig, was sich hinter dieser Barriere befindet. Wenn sich die Tür nicht öffnen lässt, bleibt sie lieber verschlossen, entscheide ich. Im Traum trifft jemand anderes die Entscheidung für mich.

Ich werde geboren, bevor ich einen Blick auf meine Großeltern erhaschen kann. Ie Scheiben haben aufgehört, sich zu drehen. Unerwartet wird es wieder laut in der Röhre und in meinem rasenden Herzen.  Immer schneller werde ich durch den Zeittunnel zurückgerissen. Ich habe noch den Gedankenblitz, dass es gar nicht meine Tür ist, sondern die meines Vaters. Er hält die Tür und das Grauen dahinter zu. Ja, das macht Sinn. Das macht sein Leben möglich. Und das seiner Familie nach den Kriegsjahren.
Mir fällt diese Szene aus 1934 ein: Wo die Schwester von Nickis Liebsten, eben diese Erna die später meine Tante wurde, in die in der beginnenden Dämmerung dunkel gewordene Küche trat. Sie trug einen sauberen, leicht verwaschenen Kittel, der mit einem Gürtel zusammengehalten wurde. Das Blumenmuster war kaum noch zu erkennen. „Ich mache euch mal Licht.“ Sie drehte den Schalter. Heinz und Erich, beide imWiderstand organisiert, war es gar nicht aufgefallen, dass es so dunkel geworden war. Das Deckenlicht spiegelte sich in der Plastiktischdecke. Erna legte ein paar Kohlen nach. Mit ihren knapp 30 Jahren war sie recht hager, hatte aber durch ihr entbehrungsreiches Leben und ihre Erfahrungen genug Kraft gewonnen, einiges auszuhalten. Sie half der Mutter aus, so gut sie konnte. Sie war immer noch nicht verheiratet. Für einen „Verehrer“ hatte sie angeblich keine Zeit, da sie noch in einer Bekleidungsfabrik arbeitete. Der Idealismus der jungen Leute war für Erna nachvollziehbar. Beide hatten ein besonders enges Verhältnis, schon seit ihr Bruder klein war. Er war schnell erwachsen geworden in dieser Zeit. Sie war sich allerdings nicht sicher, ob ihr Bruder wirklich wusste, worauf er sich einließ. „Was heckt ihr beiden denn wieder aus, Erich? Pass mir schön auf, dass Heinz nicht in Schwierigkeiten kommt.“ Um Politik hatte sie sich nicht sonderlich gekümmert,sie empfand das Leben auch so als anstrengend genug.
Hat nicht geklappt, sich aus den Schwierigkeiten herauszuhalten. Später ist aus Erna meine Tante Erna geworden, von der ich so wenig wußte. Die immer weinte, wenn sie klassische Musik hörte.

Die Zeitreise ist abrupt zu Ende.
„Sie können sich die Bilder jetzt anschauen. Der Bericht geht an ihren Kardiologen“.
Und was ist das Ergebnis über den Daumen gepeilt? „Siebzig Prozent. Das ist ganz in Ordnung“. Ein Blick noch auf das zerschnittene Herz auf den Monitoren meine Zeitscheiben.
Ich wanke hinaus in die Welt und ich beschließe, meine Zeitreise auf dem Dachboden fortzusetzen. Verstaubtes, aber sauber abgeheftetes Papier finde ich.Bedauerlicherweise stellt sich das Rauschen der Reise auf den Zeitscheiben nicht mehr ein. Dafür staubt es. Letztlich auch nur Sternenstaub, dem ich hilflos ausgeliefert bin. Was will ich wirklich wissen? Öffnet sich die Tür?


24.8.1949
Fortsetzung von gestern..

Hier ist noch ein Schreiben aus der Nazi-Hölle angekommen. Von Ferdinand Roschmann. Er schreibt Dir die Namen seiner Haftgenossen, die Toten zuerst, Julius Markus und Genosse Dicke, letzterer hat den Freitod gewählt. Schon 1937! Eine lange Liste mit Namen, die Du sicher kennst. Aber am besten beschäftigst Du Dich später damit. Vielleicht hätte ich Dir das auch gar nicht schreiben sollen. Aber vielleicht erwartet er eine schnelle Bestätigung.

Heinzelmann! Du Lieber!
Das Mittagessen habe ich mir einverleibt. Es gab Würste mit Kartoffelsalat und Milchsuppe. Du hast sicher auch etwas Gutes gegessen? Magst du überhaupt an Essen denken bei diesem herrlichen Wetter? Ich freue mich immer wieder daran, dass die Sonne so schön scheint. Für uns ist es ja reichlich warm aber auszuhalten.

Gestern war ich noch bei deinen Schwestern, bei Klara und traf dort Erna an. Du kannst dir wohl vorstellen, was wir geschnattert haben, über die Hochzeit usw.. Ich soll ich recht herzlich grüßen und auch sie freuen sich, dass du noch so angenehmes Wetter hast. Über die Trauzeugen haben wir nicht gesprochen. Das tust du am besten selbst, wenn du wieder in Hamburg bist. Clara bat mich ich solle mich selbst mit Frau Schumann wegen unsrer Hochzeitsausstattung in Verbindung setzen. Es macht doch einen netteren Eindruck. Bin der Meinung sie hat recht. Über unsere Bestecke haben wir uns auch lang unterhalten. Ich war schon an der Tür und plötzlich kamen wir darauf und dann ging es wieder die Küche. Ach wir haben so viel zu erzählen.

Anschließend bin ich zu mir und habe die Wolldecken reingeholt und bin anschließend in deine Behausung. Dort habe ich schnell das Echo studiert. Der Artikel über die Haftentschädigung ist der gleiche, wie im Abendblatt. Sonst stand nichts in der Zeitung, kein Mord und kein Überfall. Über politische Fragen müsste ich mit dir klönen. Da das nicht möglich ist, hoffe ich, die haben sich auch so aufgeklärt, bis du wieder in Hamburg bist. Habe gestern nicht fragen brauchen, ob ich in der Firma bleiben kann. Mein Chef Herr Reinke fing selber davon an und da hat sich die Angelegenheit so aufgeklärt, dass ich wohl bleiben kann. Ich kann die Kündigung erst mal als zurückgenommen auffassen. Mir ist direkt wohler und mein Gesicht verzieht sich zu einem Lächeln. Nun muss ich mich trotzdem weiter anstrengen, denn aufgeschoben ist nicht aufgehoben.
Mein Chef ist im Augenblick mit Gästen unterwegs. Und da habe ich die Gelegenheit, mich so ganz auf dich zu konzentrieren obwohl die Maschinen hier auf Hochtouren laufen. Wie geht es dir denn mein Heinzelmännchen? Hast du auch genug Stroh unter dem Hintern? Musst du noch Geld geschickt haben? Wenn möglich nicht, aus Höflichkeit kann ich ja mal fragen. Ich habe die Hose für die Hochzeit noch nicht bekommen. Clara hat erst mal gefragt, ob ich sie holen soll. Sie dachte vielleicht, dass lassen unsere Finanzen nicht mehr zu. Kennt uns aber schlecht. Na, wer weiß, wie früh ich bei dir Killekille machen und Hausstands Geld abzubetteln versuche? Hast du auch mal eine weiche Ader? Ich hoffe aber, dass du meine Versuche, Dein Herz in Bezug auf Geld zu erweichen, nicht anders auffasst und mir sonst alles bietest. Nein, da muss doch ein dicker Trennungsstrich gezogen werden.

Dein Schwager Hermann war gestern mit einem Radweg wohin??? Kam so spät nach Hause und ich musste den Wecker spielen, dabei fiel es mir selbst so schwer hoch zu kommen. Ich habe gut geschlafen, aber nicht so gut, als wenn ich auf Kante liege. Schön, dass nun schon der dritte Tag bald herum ist und ich mit den Fingern abzählen kann, wann Du mich wieder in den Arm nimmst und beruhigst. Es ist doch zu schön an Deinem Busen. So mollig und so ruhig. Ach ich will nicht träumen. Dann kommt es mir doppelt zu Bewusstsein, dass du noch sooo lange nicht da bist. Pflege alle meine kleinen Spezialitäten recht schön. Wenn sie den Kopf hängen lassen, dann vertröstete sie auf das Wiedersehen. Ach, ach………….. schön wär‘s.

Mir geht es gut ich habe so unendlich viel auf meinem Zettel stehen, dass ich auf eine Art doch recht froh sein kann, dass ich freie Bahn habe. Bei mir und auch in meiner Zeit bei dir.
Ich würde mich freuen, wenn heute ein Brief bei mir liegen würde könnte mir so viel Schwung bringen.

Ich küsse Dich herzlich und die besten Wünsche begleiten diese Zeilen.

 Immer Deine Nicki.

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