Die schöne Corona

Miniatur von Ripp Corby

Die schöne Corona 1

Ich hatte mich verspätet.

Da saß sie bereits, in einem leuchtend roten Kleid mit gelben Trompeten darauf.
Dann, als ich bereits auf dem Weg zu ihrem Tisch war, stutzte ich.
Denn die große Terrasse des Cafés auf dem Rondell war voller hübscher Coronas, die mir zuwinkten. Alle leuchteten gleichermaßen in der Sonne. Sie winkten einladend, niemand sprach. Die Zeit schien still zu stehen, alle Bewegungen liefen in Zeitlupe ab.
Der Platz reflektierte die sonderbare Atmosphäre. Still und starr ruht der See, dachte ich und beschloss, mich an den Tisch zu setzen, an dem ich die erste Corona entdeckt hatte. Meine Corona, fühlte ich. Je näher ich ihr kam, desto stärker verspürte ich allerdings einen Hustenreiz. Meinen Stuhl rückte ich ein wenig von ihr ab, als ich mich setzte. Mein Husten schien die Schöne jedoch nicht weiter zu stören. Sie lächelte mich an und ich fühlte mich geschmeichelt.
Ich wolle sie nicht anstecken, erklärte ich auf ihre Frage, warum ich mich nicht näher zu ihr setzte. Wir tranken unseren Cappuccino. Ich machte Ihr Komplimente über ihr schönes Kleid. Sie störte es nicht, dass alle anderen Coronas ähnlich gekleidet waren. Die würden sich in der nächsten Zeit noch umkleiden, prognostizierte sie. Die Sonne verlor langsam ihre Wärme und wir verabschiedeten uns. Sie drehte sich noch einmal um. Wenn ich sie wieder sehen wolle sagte sie, müsste ich viel Zeit mitbringen. Das hörte sich an, wie eine kleine Warnung. Ich könne mit ihr reisen, schlug sie vor.
China, Italien, Europa, USA, wäre das etwas für Dich? Sie wirkte total souverän und ich merkte, wie meine natürlichen Reflexe der Vorsicht schwanden. Ich wollte ihr gegenüber hinsichtlich ihres Wunsches gar keinen Widerstand leisten, dennoch schien sie sich meiner Abwehrkräfte zu bemächtigen. Mein Frühwarnsystem meldete sich. Ich sollte gehen, war bereits aufgestanden. Aber es war immer noch so schön auf diesem Platz, an diesem Ort, der friedlich in den Nachmittag und Abend hinzudämmern schien.
„Ein Experiment, wie in einer Netfix Serie“, sagte sie. „Lass uns gemeinsam ein Experiment machen. Etwas Großes soll beginnen. Wir können gemeinsam die Welt anhalten, wenn Du Dich nur auf mich einlässt“. Sie lächelte.

Die schöne Corona 2

Am nächsten Morgen sah sie schon nicht mehr so schön aus. Ihr Kleid war zerknittert und sie wirkte müde, gerade so, als wäre sie die ganze Nacht unterwegs gewesen. „War ich“, gab sie zu. Was ist das Große eigentlich sei, fragte ich sie. Sie lächelte wieder. Ihre Antwort war sehr philosophisch. „Ein Test. Ein Test für die politischen und wirtschaftlichen Systeme. Vielleicht ist es auch eher ein Wettbewerb. Sieh mal, die Menschen denken, es gibt ein richtiges Leben im Falschen. Sie bevorzugen aber ein falsches Leben im Falschen. Ihnen ist Toilettenpapier wichtig. Und Mehl. Weder das eine noch das andere sichert das Überleben. Nicht der Kauf von unnützem Zeug, sondern Vernunft würde helfen. Die Frage: Sein oder Nichtsein? ist mit dem Toilettenpapier beantwortet und liegt für sie scheinbar auf der Hand. Es wird dauern, bis sie richtig handelnd im richtigen Leben ankommen.“
Ich verstehe noch nicht, erkenne allerdings, dass ich mich in eine ungesunde Beziehung begeben habe.Ich muss husten, mein Hals kratzt. Sie hackt mir mit dem Zeigefinger auf die Brust. „Wir erfahren eine Kafkaeske besonderen Ausmaßes“, fährt sie fort und zitiert Kafka: „Unsere Fähigkeiten zur Erkenntnis – im Guten wie im Bösen – sind recht entwickelt; nicht aber unsere Fähigkeiten der Beherzigung dieser Erkenntnisse. Der menschliche Versuch, der Erkenntnis gemäß zu handeln überfordert unsere Kräfte“.
„Ich kann das nicht akzeptieren“, protestierte ich. „Wir können das kollektiv lösen!“

„Die Menschen werden scheitern, die Erkenntnis in die Tat umzusetzen“, beharrte sie. „Das ist der Sinn der Sterblichkeit“.
Ich schüttelte fassungslos den Kopf.

„Nun gut,“ lenkte sie ein, lass uns an der Praxis überprüfen, wozu der Mensch fähig ist“.

(In Anlehnung an Kafka, Benjamin und Michael Hirsch).

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