Zeitzeuge im Video – Widerstand 1933 in Hamburg. Interview mit Heinz Gärtner durch die „Survivors of the Shoah Visual History Foundation“

Video im Anschluss an diesen Text.

Eine Einleitung.

Onkel 1918
„Was machst du da eigentlich immer mit den Stühlen rum, hm?“ Heinrich Gärtner
saß am Küchentisch und sah seinem Sohn Heinz über den Rand der Zeitung zu,
wie dieser Stühle mit Decken drapierte. Heinz ließ sich nicht ablenken. Er war konzentriert bei seiner „Arbeit“. Er verstand gar nicht, was der Onkel, für den er seinen Vater hielt, von ihm wollte. Es war doch klar, hier fährt die Eisenbahn durch den Tunnel. Der Vater sah noch eine Weile schweigend zu und verlor sich in seinen Gedanken. Er war lange weg gewesen in diesem Scheißkrieg. Manchmal ballte er die Fäuste, wenn er sich unbeobachtet fühlte. In Gedanken daran, was er durchmachen musste. Wozu das alles; und jetzt die Kämpfe um die Republik. In den letzten Jahren viel zu wenig Zeit für die Familie. Er ließ Heinz Zeit, ihn als Vater zu sehen. Er hatte verlernt, mit Kindern zu
spielen. Und seine liebe Frau Clara musste alle mit durchbringen, stellte Heinrich mit
Wehmut fest.
Clara saß an der Nähmaschine. Für den kleinen Heinz war das wie ein Lokomotivengeräusch.
Tatatatatatata, tatatatatatatata, tatatatata, tatatatatatatatatat. Tatatatatatatatata.
Tata. Am Bahnhof angekommen. Mit seiner kleinen alten Holzlokomotive, die
sein Vater abgeschliffen und neu bunt lackiert hatte.
Wenn seine Mutter nicht für ihre Kunden nähte, gab es für sie genug für die Kinder
zu schneidern und auszubessern.
Heinz´ Schwester Erna wusch gerade ab und seine Schwester Klara räumte das
Geschirr in den großen Küchenschrank. Sie amüsierten sich köstlich über ihren kleinen
Bruder. Unvermittelt sagte Heinz: „Guck mal Onkel, das ist jetzt Pferd und das Wagen.
Oder ein Bahnhof. Das sieht man doch.“
„Ja, jetzt sehe ich das auch“, lachte Vater Heinrich und freute sich, dass er lachte.
Selten lachte er, seit er aus dem Krieg zurückgekommen war. Er musste sich erst einmal
an das Leben gewöhnen. Sich in dem Durcheinander des Alltags zurechtfinden.
Der einfache Alltag war schon schwer genug. Es gab nun vieles zu regeln, was
vor dem Krieg einfach war und von alleine lief. Der Hunger war das eine Problem, das
andere die neue Republik, die politische Ungewissheit.
Er musste sich in der sozialdemokratischen Partei mit ihren Flügelkämpfen zurecht
finden. Alle mussten außerdem mit sehr wenig Geld auskommen. Richtig satt
bekam er seine Familie nicht. Aber heute war wieder ein Glückstag für die Kinder. Er
freute sich still. Für Heinz gab es eine Sonderration Milch und die Schwestern bekamen
von dem Rest, der übrig blieb.
„Halt doch mal die Decke fest“, forderte Heinz seinen Vater auf. Schweigend half
er seinem Jungen. „Mit der Zeit schaffe ich es vielleicht ganz nach Haus“, dachte Heinrich.
In seinem Kopf erschienen immer wieder die Bilder des Krieges. Die Toten. Der
unglaubliche Lärm der Geschütze. Die Angst vor dem Gas.
Die 12-jährige Erna beobachtete ihren Vater, wie er nun mit ihrem Bruder auf
dem Boden saß. Sie hielt noch die Teller in der Hand, warm vom Abwasch. Sie hatte
ihren Vater vermisst, wenn er immer wieder weg musste. Die Ungewissheit des Wiedersehens.
Nicht alle Väter kamen zurück. Jeder Fronturlaub endete mit einem bitteren
Abschied. Sie war die älteste der Geschwister und lastete sich viel auf, im Haushalt, in
der Schule, bei der Näharbeit, mit der sie ihre Mutter unterstützte. Nur selten hatte ihr
Vater Fronturlaub, wie es ihr immer von den Erwachsenen erklärt wurde. Urlaub! Was
für ein Urlaub, in dem der Vater meistens viel schlief. Sie dachte immer: Urlaub vom
Tod, so müsste es heißen.
Vielleicht konnte sie diese Szene interpretieren, verstehen. Fühlte die Schwere,
mit der der Vater oft am Tisch saß. Empfand das Gewicht, die Unsicherheit seines Eintritts in eine Welt ohne Krieg, seine Rückkehr in die Familie. Er wollte mit keinem Menschen mehr etwas zu tun haben. Sie stellte die Teller ab und nahm ihren Vater flüchtig in den Arm, ungewohnt die Geste, bevor sie sich zu Heinz auf den Boden aus abgeschliffenen, vor langer Zeit überlackierten Holzbohlen setzte. Auf dem abgeräumten
Küchentisch breitete die Mutter ihre Stoffe aus, die sie bis spät in die Nacht schneidern
würde. Heinz improvisierte weiter sein Spiel mit Erna, bis diese schließlich aufstand,
um ihrer Mutter zu helfen. Sie hatte schon frühzeitig gelernt, selbst ständig zu arbeiten,
zu erkennen was notwendig war. Darauf würde sie sich ihr ganzes Leben stützen müssen, sie, der man später nachsagen würde, kein Mann sei gut genug für sie. Sie war für die Familie da, so sah sie ihre Aufgabe in dieser Zeit. Sie kümmerte sich um Heinz, der mit einer Blasenentzündung ein Vierteljahr im Krankenhaus gelegen hatte, um ihre
Schwester Klara, wenn diese vor Hunger Bauchschmerzen hatte und weinte. Vieles blieb
unausgesprochen in dieser Zeit. Die Sehnsucht nach Glück verbarg sie hinter Pflichtgefühl.
Der einzige Mann in ihrem Leben, Franzl, blieb später im Krieg. Ein Bild von
ihm in Uniform – schnieke – bewahrte sie ihr Leben lang gut auf. Ein kurzes Glück mit
einem Offizier im Krieg.

 

Die Texte zu diesem Interview: „Onkel 1918“ „1934“ und „Die Verhaftung“. Aus: „Die Kunst des Selbstrasierens. Hamburger Sozialdemokraten im Widerstand gegen den Nationalsozialismus“.

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