Der Bestattermeister

Der Bestattermeister

Gelegentlich treffen sich die Zeit und der Tod im Raum der Zeit zu einem Gedankenaustausch.
Sie sind allein bereits durch Millionen von Jahren verbunden. Wie immer streiten sie sich um die Henne und das Ei. Belustigt gehen sie der Frage nach, wer war zuerst da.
„Ich natürlich, sagte der Tod, denn ohne den Menschen mit seiner Angst vor mir, gab es überhaupt kein Bewusstsein von Zeit.“
„Du bist lediglich mein Gehilfe, Tod, ohne eine Zeit, die im Denken der Menschen vergeht, gäbe es dich nicht.“
„Nun, so einfach ist das nicht. Vielmehr ist es genau anders herum. Da du aber gerade das Thema Gehilfe ansprichst: Ich habe viele Gehilfen. Vertrauenspersonen und schwarze Schafe. Ich denke über eine weitere Professionalisierung im Umgang mit mir nach. In Hamburg habe ich meinen ersten Bestattermeister bekommen.“
„Der hat doch mit dir gar nichts zu tun, Tod.“
„Ich bin seine Geschäftsgrundlage.“
„Nur vorübergehend, eine Weile.
„Für immer.“
„Alles löst sich auf, nur ich nicht. Ich werde noch da sein, wenn du tot bist.“
Tod: „Ich werde niemals sterben.”
„Doch, doch, wenn alle Lebewesen gestorben sind, die Erde verglüht ist, dein Werk vollendet ist, wird es dich nicht mehr geben, du wirst mit untergehen. Genaugenommen wahrscheinlich schon früher, weil die Tiere noch leben, wenn die Menschheit ausgestorben ist. Keiner wird dich fürchten, weil die Tiere in ihrem Verständnis nicht sterblich sind. Ich allein bleibe in meinem weiten Raum, denn ich werde noch lange gebraucht”. Die Zeit streckte sich genüsslich.
„Das ist mir zu philosophisch.“
„Du fürchtest dich vor dir selbst, scheint mir.“
„Es ist weit weg, wenn überhaupt, hypothetisch. Die Menschen werden andere Planeten erobern. Aber lass uns noch ein wenig die Erde genießen. Meine Zeit mit meinen Bestattern.“
„Die sehen dich doch gar nicht. Wenn sie kommen, bist du doch schon wieder weg.“
„Manche spüren mich noch, jedenfalls ein guter Bestattermeister. Wie der aus Hamburg.“
„Ein Profi“
„Ich habe ihn ausgesucht. Eigentlich wollte er Arzt werden. Ich habe ihn eingeladen, sich das Bestatter Handwerk anzusehen. Ein harmloses Praktikum. Er konnte nicht nein sagen.“
„Dennoch: Persönlich sieht er dich nicht.“
„Gut, dann mein Werk. Ich will heute nicht streiten, das hasse ich auf den Tod. Ich kann einiges bieten, sehr flexibel sein.
Einzelne im Schlaf, im Auto im Sekundenschlaf, eine schöne, sehr angenehme Variante. Feuer schicke ich manchmal. Oder ich vernichte Massen. Das brauche ich Dir nicht zu beschreiben. Es nichts auch nichts für meinen Bestattermeister. Aber du kennst ja die Schleifen und meine ertragreichsten Arbeiten. Man sagt, die Zeit wiederholt sich. Oder mit der Zeit wiederholt sich die Geschichte.“
„Nein, nein, wie langweilig. Das bist nicht du, das bin ich. Du kannst nichts wiederholen. Ich muss mich auch nicht wiederholen, dass sagte ich doch bereits. Ich bin immer überall, du kannst, wie auf in der Achterbahn, mit mir oder durch mich zu jedem Zeitpunkt reisen. Das Licht der Sterne hat an jedem Punkt der Reise durch das Weltall eine andere Zeit. Die Menschen lassen mich wiederkehren. Für die Lebewesen unfassbar. Obwohl sie doch die Ewigkeit wollen. Sie wollen ihre Asche als Edelstein gepresst. Meinetwegen als Diamant. Das hast du mir selbst berichtet, lieber Tod. Es ist nicht überall erlaubt, aber es ist möglich. Als Diamant in die Ewigkeit. Die Ewigkeit, das bin ich, nicht du. Ich lasse dich lediglich in mir auftreten. Ohne mich bist du gar nicht anwesend. Würde es mich nicht geben, bliebe nur ein Universum, ein Raum. Erst durch mich wurde er schließlich gekrümmt. Ich kann Schleifen machen, das Universum als Nussschale gestalten. Ich kann die Menschen gegen mich kämpfen lassen. Sinnlos, übrigens. Sie versuchen ihr Leben zu verlängern und denken in der Kategorie der Zeit. Wie absurd. Am Ende stehst Du. Den Menschen wird einfach langweilig, sie erdenken totalitäre Systeme, mit vielen Toten, dein Feld, sodass die Masse an Bedeutung verliert. Es ist also eine Frage der Betrachtung.“
„Das bin ich auch. Es ist, wie du sagst, eine Frage der Betrachtung. Ein gutes Stichwort. Ich empfinde mich als unentbehrlich. Nicht alle teilen meine Meinung. Auch für meinen Bestatter Tobias stellt sich die Frage der Betrachtung. Für ihn bin ich eine professionelle Begegnung. Wie schon gesagt, begegnen wir uns nicht wirklich. Aber er begegnet den Angehörigen der Verstorbenen und spricht mit ihnen über mich. Das ist doch beinahe so, als wäre ich dabei. Also der Bestatter hat es nicht mit dem Tod, mit mir, sondern mit den Angehörigen zu tun.
„Vielleicht kannst du ein schöner Tod sein! Mit deinem Bestatter. Sieh, wie angenehm er sein Geschäft gestaltet. Du kommst durch eine gläserne Eingangstür, Licht durchflutet. Setzt dich in einen bequemen Sessel, Kaffee wird dir auf einem Glastisch serviert. Es ist sehr angenehm für die Hinterbliebenen. Du bist schon fort, oder bist du manchmal noch da?“
Ich bin genauso universell wie du, liebe Zeit, ich kann mit dir überall sein, wie gesagt gleichzeitig, ein unsinniges Wort, ja, ja. Aber ich folge dir einmal in deinen Ausführungen. So genau habe ich mir noch gar nicht alles angesehen. Es gibt natürlich Momente des Bedauerns, kurz. Manchmal passe ich nicht auf. Ich muss ja liefern, wenn die Menschen zu viele Kriege führen. Da kann es schon einmal zu Irrtümern im Alltag kommen.“
„Nehmen wir doch einmal den Alltag in diesem Hamburg da. Genießt du die angenehme Atmosphäre? Freut es dich, dass du die Hauptrolle spielst?“
„Nur der erste Schreck lässt mir die Hauptrolle. Dann sind es der Bestatter und die Hinterbliebenen, die wichtig werden. Ich bin nicht mehr wichtig, denn ich habe nur kurz vorbeigeschaut oder gar nur meinen Hauch gesandt. Im Wesentlichen gebe ich den Menschen den Sinn für ihr Leben. Dafürkönnten sie mir dankbar sein. Das fällt ihnen schwer, ich weiß. Aber ich finde es begrüßenswert, wenn sie den Abschied aus dem Leben gefühlvoll und professionell zu gestalten.“

„Sag mal hörst du das auch?“
„Was meinst Du?“
„Hört sich an, wie das klappern einer Tastatur. So, als würde jemand mitschreiben.“
„Jetzt wo du es sagst..“
„Wahrscheinlich jemand, der Angst vor dir hat, Gevatter.“
„Lass uns doch zu ihm gehen!“
„Du besser nicht, Tod. Du kannst nicht einfach so vorbeikommen.“
„Mache ich manchmal, muss nichts bedeuten.“
„Aber du erschrickst die Leute.“
„Das verändert ihr Leben häufig positiv.“ Nach einer kurzen Pause: „Hallo ist da jemand?“, lachte der Tod, ohne ein Antwort zu erwarten. Ich bin der Tod, ich kriege dich sowieso“.
„Mit der Zeit an seiner Seite, das bin ich“, stimmte die Zeit ein. „Mit der Zeit wirst du dich zeigen, beizeiten sozusagen“. Nun lachte auch die Zeit. Es war eher ein Kichern.
„Was machen wir denn nun mit dem, der da schreibt?“
„Lass ihn schreiben“.
„Was schreibt er denn da?“
Wahrscheinlich ist er neugierig und findet unser Gespräch interessant. Erweitert seinen Horizont. Hat Angst vorm Sterben, was weiß ich“.
„Angst vorm Sterben, dass ist es; präzise. Nicht Angst vor dem Tod.“
Er interessiert sich vielleicht für meine Unendlichkeit, sucht die Weite, eine Perspektive, die kommt, wenn du da warst. Es ist doch besser, als würde er mich einfach totschlagen. Vielleicht muss er schreiben, wie die Zeit vergeht, weil er sich sonst verliert. Und für ihn haben unsere Dimensionen eine viel, viel kürzere Spanne als für uns. Genau genommen vergehe ich ja nicht. Ich werde nicht älter, bin nur unterschiedlich alt. Alles eine Frage der Perspektive. Ich denke er interessiert sich für mich.“
„Wenn er älter wird, wird er sich für mich interessieren“, lächelte der Tod überzeugt. „Ich bin viel realer als du. Ich bin die Wirklichkeit. Ein Ende. Ein Finale. Ich bin sicher, er will alles über mich wissen.“ Er schwang sich als Lufthauch durch den Raum und schwebte auf den Vorhang zu, hinter dem der Schreiber saß. „Er träumt, scheint mir“. Beide schwiegen eine Weile und lauschten den Tasten.
Der Tod wurde ungeduldig. „Er könnte mich doch direkt fragen, anstatt heimlich mitzuschreiben“.

Wird – wie immer – fortgesetzt.

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