Begegnungen in der Traumwelt

Begegnungen in der Traumwelt 1

Träume sind lediglich eine andere Form der Wirklichkeit.

Mein Vater war vor einigen Tagen gestorben. Erwartet und doch plötzlich, wie das so geschieht. Von seinem Sterben und seinem Tod träumte ich viele Nächte und konnte häufig zwischen halbschlafenden Gedanken und Traumwelt nicht unterscheiden. Adrenalin und Gedankenbilder ließen mich immer wieder nur am Rande des Schlafes bleiben. Im Traum wusste ich aber immer, dass sein Tod Wirklichkeit war. Als er starb, lag er auf dem Bett, das Telefon in der Hand, die Augen geöffnet. Als hätte er noch etwas gesehen und noch etwas Wichtiges dieser Welt mitteilen wollen. Nicht bereit, zu gehen. Er wollte immer leben, eigentlich für immer, mindestens jedoch 100 Jahre alt werden. In Kontakt bleiben mit dem Leben. Mit seinem wachen Geist in einem klapprigen Körper.
In einer Nacht, kurze Zeit nachdem er aus dieser Welt geschickt worden war, trat er leibhaftig an mein Bett. Er war in ein leichtes Gewand gehüllt, eine Art Pyjama vielleicht. Ich konnte ihn riechen. Ein vertrauter Geruch, den er immer nach einem Arbeitstag mitbrachte und der mich als Kind immer zutiefst beruhigt hatte. Er wirkte entspannt, fast fröhlich dabei sehr entschlossen.

Dennoch richtete ich mich jetzt erschreckt auf. Woher kommst du, wollte ich fragen, sagte aber nichts, brachte kein Wort heraus. Ich spürte die Hilflosigkeit die einen befällt, wenn unangemeldet Besuch vor der Tür steht und man nicht ausweichen kann. Seine Beine berührten meine Matratze am Fußende und drückten diese ein wenig zusammen. Er musste aus dem Schrank gekommen sein. Aus dem großen Kleiderschrank mit dem Spiegel in der Mitte. Und – das wusste ich seit meiner Kindheit – der Tod kommt aus dem Spiegel. Immer kommt der Tod aus dem Spiegel, oder jedenfalls, wenn ein Spiegel im Raum ist. Dann kommt er daher, schreitet aus diesem Spiegel heraus. Ganz in schwarz. Aber nichts war schwarz in diesem Raum. Die Traumfarbe war eher gelbbraun, vermischt mit etwas blau.
Ich rückte an die Wand, an das Kopfende, winkelte meine Beine an und presste mein Kopfkissen an die Brust. Mein Herz raste.
„Komm doch mit auf meine Seite, komm doch her zu mir, willst du nicht mitkommen? Es ist schön im Reich wo wir sind“, sagte er und reichte mir dabei fordernd seine schmale, zarte Hand.

Nein, nein rief ich.“ Noch mehr Adrenalin schoss durch meinen Körper. Schweiß ließ meine Stirn erkalten. Ich reagierte entsetzt, angstvoll und fast panisch, wollte weglaufen, war aber wie gefesselt in mein Bett gedrückt. Mein Körper gehörte in diesem Moment nicht mir. Entsetzt wehrte sich alles in mir gegen diesen Besuch. Aber ich liebte meinen Vater, wollte ihn nicht zurückweisen. Ich wollte mit ihm sprechen, ihm meine Loyalität zeigen, irgendetwas ähnliches, ein hilfloses hin und her. Er ließ sich nicht davon abbringen, mich mitzunehmen. Er insistierte. „Komm mit, jetzt.“ Überrascht war ich, dass er mich in das Reich der Toten holen wollte. „Ich bin doch noch so jung!“ rief ich aus. „Das kannst du doch nicht von mir verlangen!“ Ich wollte nicht. Ich musste ihn enttäuschen. Dann wurde es kalt und windig im Schlafzimmer, die Gardinen bauschten sich wie von einer Hand hochgehoben. Meine verstorbene Mutter erschien unvermittelt, schwebend, sie, die schon vor Jahren erlöst wurde, mit Morphin, viel Morphin. Immer unscharf, aber mit ihrer deutlichen, erkennbaren Kontur, kam sie immer näher. Sie war schon seit drei,vier Monaten immer wieder im Raum gewesen. Aber harmlos, wie ein Lüftchen, ein unaufdringlicher, heller Schatten. Sie wollte mir immer nur Schutz bieten. Sie schlug beispielsweise mit Stöcken auf eine Frau ein, die meine Freundin zu sein schien. Eine oft hysterische Person, dass musste ich zugeben. Aber diese Frau war viele Frauen und im Traum kannte ich sie nicht. „So musst Du gegen diese Frau kämpfen, sagte sie. Sie schlug auf die dicke fette Katze ein, die die Vielefrau angeschafft hat. Die Frau findet sie schön und das die Katze mich kratzt, kratzt diese nicht.

Ich bin für dich da“, sagte meine Mutter, die jetzt mit meinem Vater im Raum stand. „Hüte dich vor dieser Frau, flüsterte sie“. Ich war erleichtert, dass sie gekommen war. Sie wollte nie etwas, glaube ich, nur einfach da sein, ein wenig beachtet und erinnert werden. Mein Vater war verstummt. Als schien er mit ihrem praktischen Ratschlag überfordert zu sein. Meine Mutter ergriff seine Hand. Dann waren die Toten, die mir so nah gekommen waren, plötzlich verschwunden. Die Angst zu sterben blieb zurück. Ganz real fühlte diese sich an. Wie eine einzulösende Verpflichtung.

Dann erschien eine Hexe. Eine kleine Person, mit gelockten braunen Haaren. Sie zeigte mir ihre Handflächen, die wie Kohlen glühten. Ihre Energie durchdrang mich körperlich und geistig. Ein plötzliches, angenehmes Fieber betäubte mich. „Wenn dir deine toten Eltern erscheinen, wirst du noch lange leben“, prophezeite sie und verschwand.

Dann schwebte ich körperlos über meinem Bett empor, und flog davon.

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