Während Donald in Israel das neue Golfresort plant, geht alles andere seinen Gang. Hier im Krankenhaus. Hier mit einer neuen Corona Generation. Wer interessiert sich für Donald? Für seine Vorlieben und Ein- Stellungen? Wo das Leben ist, riecht das Zimmer gesund nach Desinfektionsmitteln und abgestandenem Kaffee. Was noch? Monitorpiepen, das gleichmäßige Zischen von Sauerstoff, irgendwo auf dem Flur flucht ein Pfleger leise vor sich hin. Ich liege da mit aufgesägtem Brustbein, frischer Narbe, frisch repariertem Herzen – wieder einmal – und einer Krebsdiagnose, die sich anfühlt wie ein schlechter Witz mit Pointe aus Stahl.
Draußen schneit es über Buffalo. Der Wind vom Lake Erie pfeift gegen die Scheiben wie ein beleidigter Gott.
Und dann sitzt sie plötzlich da.
Corona.
Nicht als Virus, nicht als Grafik aus den Nachrichten, sondern als Frau mit zu großen Augen und einem Mantel, der aussieht wie aus Krankenhauslaken genäht. Ihre Stimme kratzt wie trockener Husten.
„Na“, sagt sie, „wir zwei schon wieder.“
Ich drehe den Kopf ein Stück. „Du hast ein Talent für Timing.“
Sie lächelt schief. „Du auch. Herzinfarkt während einer Krebsdiagnose – das ist fast schon Performancekunst.“
„Fick dich.“
„Oh, ich ficke niemanden“, sagt sie ruhig. „Ich decke nur auf.“
Draußen schiebt sich ein Schneepflug durch die Straße. Buffalo im Winter ist wie Amerika im Dauerzustand: hart, weiß, laut und immer kurz davor, im Eis stecken zu bleiben.
„Weißt du“, sagt sie und rückt näher an mein Bett, „in Buffalo haben sie gemerkt, was ich wirklich bin.“
„Ein Virus.“
„Nein. Ein Scheinwerfer.“
Sie lehnt sich zurück. „Ich habe nur beleuchtet, was längst da war. Die Familien im East Side-Viertel, schwarz, arm, drei Jobs, kein Krankenversicherungsschutz. Und die Familien draußen in den Vororten, weiß gestrichene Zäune, Homeoffice, Aktienportfolios, Sauerteigbrot.“
Ich lache trocken, was sofort wehtut. „Du willst mir erzählen, du bist sozialkritisch?“
„Ich bin konsequent“, sagt sie. „Ich gehe dorthin, wo Menschen eng sind. Wo sie Bus fahren müssen. Wo sie in Pflegeheimen arbeiten, in Schlachthöfen, in Krankenhäusern wie diesem.“
Sie tippt gegen meine Infusionsleitung. „Reichtum kann Abstand kaufen. Armut nicht.“
Ich denke an Jane Walker. Jane mit den dünnen Handgelenken und den immer zu großen Träumen. Jane, die immer die schlimmsten Karten zieht. Kranker Vater, Schulden, ein Mann, der schneller verschwand als das Geld auf dem Konto. Und dann ich, hier, operiert, wiederbelebt, während sie irgendwo Rechnungen sortiert.
„Warum kriegen manche die tollen Ehepartner“, murmele ich, „die sicheren Häuser, die gesunden Gene – und andere nicht?“
Corona zuckt mit den Schultern. „Weil Amerika nie gerecht verteilt hat. Nicht Liebe, nicht Geld, nicht Luft.“
„Jetzt klingst du wie eine Soziologie-Professorin.“
„Vielleicht bin ich das“, sagt sie. „Oder vielleicht bin ich nur das Echo von Jahrhunderten. Sklaverei, Redlining, Hypotheken, die nur in bestimmten Vierteln genehmigt werden. Schulen, die von Grundsteuern leben. Reichtum, der vererbt wird wie ein Familienrezept.“
Sie beugt sich vor. „Weißt du, was der wahre Unterschied zwischen schwarz und weiß in diesem Land ist?“
„Sag’s mir.“
„Fehler.“
Ich runzle die Stirn.
„Weiße Familien dürfen Fehler machen“, fährt sie fort. „Ein missglücktes Studium, eine gescheiterte Firma, eine Sucht. Schau Dir Donald an. Das Gegenteil funktioniert auch. J.D. ist ein Beispiel. Ein Film im Film . Es gibt oft ein Netz. Elternhaus. Erspartes. Gestolenes. Kontakte. Schwarze Familien? Ein Fehler kann alles kippen. Kein Netz. Nur Beton.“
Das Piepen meines Monitors beschleunigt sich ein wenig.
„Und du?“ frage ich. „Warum ich? Krebs, Herz, du auf Besuch?“
Sie sieht mich lange an. „Weil dein Körper auch Amerika ist.“
„Ach, jetzt wird’s pathetisch.“
„Nein. Realistisch. Dein Herzinfarkt – Stress. Dein Krebs – vielleicht Pech, vielleicht Umwelt, vielleicht Jahre von Druck. Du hast gearbeitet, gekämpft, getragen. Für wen? Für welche Familie? Für welches Bild von Erfolg?“
Ich schweige.
„Du glaubst, du bist hier nur wegen Biologie“, sagt sie leise. „Aber dein Herz hat Jahrzehnte von Erwartungen geschluckt. Stark sein. Funktionieren. Nicht jammern. Vor allem nicht als Mann. Vor allem nicht als jemand, der sich mit Leuten wie Jane Walker solidarisch fühlt, aber trotzdem im System mitspielt.“
„Du gibst mir also die Schuld?“
„Nein“, sagt sie. „Ich gebe niemandem die Schuld. Ich bin nur die Rechnung.“
Der Wind heult gegen die Scheibe. Buffalo ist ein rostiger Traum aus Stahl und Schnee. Fabriken, die dichtgemacht haben. Familien, die geblieben sind. Schwarze Nachbarschaften, die nie die Kredite bekamen. Weiße Viertel, die vom Erbe leben.
„Weißt du“, sage ich nach einer Weile, „Jane trifft es immer am härtesten. Leute wie sie. Immer die schlimmsten Opfer.“
Corona nickt. „Weil sie näher am Abgrund leben. Wenn ich komme, stoße ich nur leicht.“
„Und die anderen?“
„Die rutschen ein Stück. Verlieren vielleicht Geld. Vielleicht Ansehen. Aber sie fallen selten ganz.“
Ich starre an die Decke. „Also was jetzt?“
„Jetzt?“ Sie steht auf. „Jetzt heilst du. Oder du stirbst. Wie immer.“
„Das ist alles?“
Sie geht zur Tür, dreht sich noch einmal um. „Nein. Das ist der biologische Teil.“
„Und der andere?“
„Der andere“, sagt sie, „ist die Frage, was du tust, wenn du hier rauskommst. Bleibst du Teil der Maschine, die Jane Walker zermahlt? Oder brichst du irgendwo ein Zahnrad heraus?“
Sie lächelt – kein freundliches Lächeln, eher ein wissendes.
„Ich komme nicht nur, um zu zerstören“, sagt sie. „Ich komme, um sichtbar zu machen.“
Die Tür schwingt auf. Ein echter Pfleger tritt ein, müde Augen, dunkle Haut, Akzent aus dem Süden. Er prüft meine Werte, richtet die Decke.
Corona ist verschwunden.
Draußen fällt weiter Schnee auf Buffalo. Weiß über Schwarz, kalt über warm, reich über arm. Aber unter allem pulsiert etwas. Ein Herz.
Schlagwort: Entwicklungshilfe
Ein Haus in Alutgama
Ein Haus in Alutgama (Alutgama-Road-Tsunami)
Weihnachten 2004
Abends
Dunkel war das Wasser, so als würde sich ein riesiger Schatten aus dem Universum darüber ausbreiten. Niemals war ihm das Meer so unwirklich und fremd erschienen. Obwohl er es doch als Fischer so gut kannte. Sakthivel hatte das Wasser noch nie so tiefschwarz gesehen. Nach der Riesenwelle türmte sich das Meer in den Straßen und riss Häuser auseinander. Das Wasser lärmte ungebändigt. Dennoch spürte er eine Stille in diesem Tosen, die ihn nur seinen Herzschlag hören ließ. Alles war so weit entfernt, die Zeit war keine Dimension mehr. Die schwarze Fläche breitete sich jetzt zu seinen Füßen aus, obwohl er auf der höchsten Stelle des Berges stand.
Frühjahr 2015
Es hatte eine Weile gedauert, bis wir ins Gespräch kamen. Mich hatte Sakthivels Leben schon seit Jahren interessiert. Auch weil mein Freund Tjark sein Leben mit dem von Sakthivel verbunden hatte und zu befürchten war, dass er sich darin verlor, indem er sich in eine fremden Kultur, eine anderen Welt projizierte. Er schenkte den Menschen in Beruwala viel Vertrauen und Zuversicht. Tjark beschrieb mich bei Sakthivel als Freund der dessen Geschichte gern hören und ihn kennenlernen wollte. Ich war mit einer Portion Vorurteilen gegenüber dem Glück und der befürchteten Illusion, aber auch sehr neugierig angereist. Tjark war so glücklich, wenn er nach Skri Lanka zu seinem Freund reiste. Ein Freund, der trotz seiner Schicksalsschläge immer lächelte und seine Mister Tjark aus Deutschland umsorgte.
Mir war die Kultur auf Sri Lanka noch völlig fremd. Ich hatte mich mit Buddhismus beschäftigt, wusste aber nicht, wie man hier ein sehr persönliches Gespräch beginnt. Mit diesen lächelnden Menschen, für die alles immer o.k. ist.
Saktivel begrüßte mich am Flughafen in Colombo wie einen alten Freund mit Bissous links und rechts auf die Wange. Später sagte er, Mr. Tjark hätte ihm angekündigt, dass ich schreiben wolle, über ihn und seine Familie.
Am ersten Abend, ich war müde nach der langen Reise, hatte alle Lichter gelöscht und die Kerzen ausgeblasen, die gegen die Mücken helfen sollten. Ich war im Begriff ins Bett zu gehen, als Sakthivel zu mir auf die Terrasse kam und sagte we can talk now. Es war jetzt fast stockdunkel, was unsere Gesichter in der Kulisse des Dschungels verschwinden ließ. Danach schwieg er eine Weile. Ich war überrascht, da ich mich auf einige Tage des Kennenlernens eingestellt hatte. Ok, sagte ich nach einiger Zeit, in der wir nur den Geräuschen der Tiere gelauscht hatten, und erzählte ihm, wie ich Tjark vor 35 Jahren kennengelernt hatte, erst als Kollege, dann als Freund und schließlich als ein wichtiger, vertrauter Spiegel in meinem Leben. Ich wusste, dass Tjark und Sakthivel viel Vertrauen zueinander hatten. Und dass er dieses Vertrauen auf mich übertrug und seine Geschichte erzählte. Von dem Tag an, der sein Leben verändern sollte.

