Vom Dachboden: Hamburg im Griff der Nationalsozialisten

Weiteres vom Dachboden
1935, Hamburg im Griff der Nazis. Widerstand, Helfer aus Justiz und Wirtschaft.

Seit zwei Jahren war Hamburg im Griff der Nationalsozialisten.

Das Straßenbild hatte sich entsprechend verändert. Überall Hakenkreuzfahnen,marschierende SA-Trupps, das Deutsche Jungvolk oder eine Mädelschar. „Die Fahnehoch“-Gesänge gingen den jungen Genossen der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ) an die Nieren. Auch die Nazis in den Wohnblocks schränkten die Bewegungsfreiheit zunehmend ein. Es war schwieriger geworden, sich politisch zu betätigen und Informationen auszutauschen.

Es war der Gestapo durch Zufall gelungen, Widerstandsgruppen in verschiedenen Stadtteilen auf die Spur zu kommen. Die Jugendorganisation der SPD hatte beschlossen Widerstand zu leisten, nachdem die prominenten sozialdemokratischen Führer ins Ausland abgesetzt hatten. Heute saßen die Genossen in einer der der Gruppen die den Decknamen „Paul Singer“ führte. Sie saßen in Winterhude, aufgebracht bei Ernst in derWohnung. Aufgebracht – und auch bedrückt. Einige wirkten hilflos. Sie hatten gerade erfahren, dass Genossinnen und Genossen den bitteren Weg in Konzentrationslager, Gefängnisse und Zuchthäuser des Dritten Reiches antreten mussten, obwohl viele minderjährigwaren. „Ich habe hier ein Dokument von Oberstaatsanwalt Dr. Reuter.“ Walther hielt ein Stück Papier in der Hand. Er hatte es nicht mehr ausgehalten, für sich allein zu grübeln und hatte sich der Gruppe wieder angeschlossen. „Ihr alle kennt das Konzentrationslager in Fuhlsbüttel. Das muss ich Euch ja nicht mehr erklären. Ich lese das mal vor, damit ihr wisst, was auf euch zukommt. Das hat Reuther sogar an das oberste Parteigericht geschrieben:
„Im KZ Fuhlsbüttel werden, wenn Selbstmord ,feststeht‘, unter Umgehung der gesetzlich vorgeschriebenen Leichenschau usw. die Leichname der Feuerbestattung
zugeführt; alles geschieht mit Wissen und zum Teil unter Druck des Reichsstatthalters,
der in solchen Fällen die Attestierung wünscht und dadurch jedenfalls mitverantwortlich
wird. Beispiel: Wenn ich ins KZ eingeliefert und totgeprügelt werde, dann hängt
man mir im warmen Zustand noch schnell eine Schlinge um den Hals, so dass eine
Strangulationsmarke entsteht, und meine Frau bekommt dann die Mitteilung, ihr Mann
habe, offenbar unter Bewusstsein seiner Schuld, durch Selbstmord seinem Leben ein
Ende gemacht. Denn die untergeordneten Organe, die die Totprügelung direkt zu verantworten haben, finden auch noch einen Physikus, einen Arzt, der einen Totenschein aufgrund eines Befundes mit Strangulationsmarke ausstellt, dass die Todesursache offenbar Selbstmord durch erhängen ist. Gerade ist Heinz Westermann, unser ehemaliger Bürgerschaftsabgeordneter, im KZ ermordet worden. Ich hab gehört, ihm haben sie die Lungen zertreten. Der KZ-Arzt hat sich geweigert, Tod durch Lungenentzündung zu bescheinigen. Da haben sie einen SS-Arzt geholt.“ Walther hatte jetzt Schweißperlen auf der Stirn. Obwohl er bei einigen Aktionen nicht mitmachen wollte, nahm er doch wieder an Gruppenabenden teil. Die Genossen schwiegen betroffen. Dann fragte Lucie: „Woher hast du diese Informationen?“ Ihr schossen die Tränen in die Augen. Sie war in letzter Zeit immer ängstlicher geworden. Walther schwieg einen Augenblick. „Darf ich nicht sagen, aber das stimmt so“, presste er heraus. „Wir müssen weitermachen“, schlug Ernst vor. „Noch sind wir nicht im Blick der Gestapo, weil sie noch mit den Kommunisten beschäftigt sind.“ „Völlige Fehleinschätzung“, schrie Walther. „Beruhigt euch“, schrie jetzt auch Lucie. „Die Menschen müssen doch langsambegreifen, was in Deutschland vor sich geht. Wir dürfen nicht aufgeben. Die Militarisierung ist doch unübersehbar. Und wer will schon wieder Krieg?“ Sie saß in einem langen, grauen Rock auf dem Stubentisch. Lucie arbeitete als Sekretärin in der Schlosserei Braun & Lübbe am Mühlenkamp. Hin und wieder konnte sie etwas Papier mitbringen und Texte auf ihrer Schreibmaschine im Büro entwerfen. Aber auch dort war es gefährlich, jederzeit konnte sie entdeckt werden. Zu viele Überstunden fielen auf. Sie wusste selbst nicht, wie lange sie das noch durchhalten würde. „Ich möchte nicht im Kola-FU landen, ehrlich gesagt fehlt mir der Mut“. Walther

schämte sich. „Wir müssen ja keine Helden sein“, beruhigte Heinz, obwohl er nicht so dachte. „Wir haben uns entschieden, nicht mit Gewalt vorzugehen. Aber Aufklärung, das ist unsere Pflicht, finde ich“. „Dafür gehst du aber auch schon in den Knast“, entgegnete Walther. „Ich nehme es keinem übel, wenn er eine Weile nicht mehr mitmachen möchte“,Lucie strich sich mit beiden Händen durch ihre dichten braunen Locken. Sie blickte zu Boden. „So war das nicht gemeint.“ Walther setzte sich etwas aufrechter hin. „Ich finde das auch nicht angemessen, wo ich wieder dabei bin, so etwas zu sagen. Aber der Tod vom Genossen Westermann hat mich eben getroffen. Hat mir klar gemacht, was es bedeutet, Flugblätter zu verteilen und Zettel an Laternenmasten zu kleben. In jedem Treppenhaus muss man aufpassen, dass man nicht von einem Nazi erwischt wird, wenn man im fünften Stockwerk die Tarnschriften ‚Platons Nachtmahl‘ oder ‚die Kunst des Selbstrasierens‘ auslegt und zum Widerstand aufruft. Und dann sehen muss, dass man schnell wieder aus dem Haus verschwindet. Solange der Protest verdeckter war, ging es mir einfacher damit. Zettel ankleben, das war noch einfacher. Aber wenn der Weg im Treppenhaus versperrt ist, wird es eng, im wahrsten Sinne.“
„Wir können doch beides machen, subtilen Protest und mehr öffentlichen Protest. Jeder soll entscheiden, wie weit er gehen will.“ „Macht euch doch nichts vor“, warf Fritz, ein Genosse, der etwa 19 Jahre alt war. „Wenn die Gruppe auffliegt, kann doch keiner sagen, er hätte nur bei ‚Wilhelm Tell‘ in der Oper an der und der Stelle etwas lauter geklatscht, um die Nazis lächerlich zu machen und Protest zum Ausdruck zu bringen. Also ich meine, wer dabei ist, ist dabei. Wer gehen will, kann gehen. Da hat Lucie recht. Keiner ist da sauer auf den. Ich denke, die Ereignisse spitzen sich zu. Mit Wandern und Musik müssen wir weitermachen. In der Zusammenarbeit mit anderen Gruppen sollten wir noch vorsichtiger sein. Wir dürfen uns nicht gegenseitig gefährden.“ Alle blieben. Sie reichten sich die Hände. „Lasst uns jetzt die weiteren Aktionen vorbereiten“, schlug Heinz vor.
Die Henker

„Nehmen Sie doch das Handbeil, das ist ja jetzt gesetzlich zulässig.“ Max Lahts, Präsident des Strafvollzugsamtes, einer der willigen Vollstrecker des Gauleiters Kaufmann, lächelte zu diesen Worten. „Die Guillotine ist sicherer, wir haben noch keine Henker, die mit dem Handbeil Erfahrung haben, entgegnete der Lübecker Staatsanwalt, der gekommen war, um sich die Hamburger Guillotine auszuleihen. „Wir sind in Hamburg schon seit 1934 erfolgreich mit dieser Methode. Sie kennen ja die Einstellung vom Reichsstatthalter Kaufmann: Die Guillotine als Überbleibsel der Revolution gehört abgeschafft. Die Todesstrafe soll mit dem Handbeil vollstreckt werden. Gut, natürlich, grundsätzlich habe ich aus praktischen Gesichtspunkten nichts dagegen. Wollen Sie sich aber wirklich gegen Kaufmann stellen? Der hat im Moment Oberwasser.“ Max Lahts war sich nicht sicher, ob er seinen Vorgesetzten, seinen Gauleiter Kaufmann, der zwischenzeitlich zum Reichsstatthalter befördert worden war, überzeugen könnte. „Sie könnten hier eine Ausnahme machen, wenn die Fachleute fehlen.“ „Gut, ausnahmsweise lässt sich das vielleicht einrichten, ich prüfe das.“ Der Lübecker Staatsanwalt bedankte sich. „Wir wollen den Kutscher Johannes Fick noch in diesem Jahr hinrichten.“ „Wenn es klappt, sollten wir noch über die Kostenübernahme sprechen. Wir müssten für den Transport zwei Mann abstellen, die Verladung dauert etwa zwei Stun- den, der Aufbau drei bis vier Stunden, wenn drei geeignete Beamte mitfahren. Ach, die Maschine muss hinterher noch gereinigt werden. Dann das Ganze retour.“ „Ich denke, die Kosten spielen keine Rolle,“ erwiderte der Staatsanwalt erleichtert ob der sich abzeichnenden Lösung. „Wissen Sie was, bringen Sie den Mann doch einfach nach Hamburg!“ sagte Lahts. Der Lübecker suchte Gründe dafür, das Urteil in seiner Stadt zu vollstrecken und insistierte: „Wir müssen uns auch als Juristen hier klar verhalten.“

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Auf dem Dachboden gefunden. Notizen aus dem Jahre 1986.

Juristen, Nationalsozialismus und Neonazis 1986 in Hamburg: Der Fund auf dem Dachboden.

Ich stelle diesen Text unkommentiert zur Verfügung – die Entwicklung des rechten Spektrums als Folge einer unvollkommenen Aufarbeitung der NS Verbrechen zeigt, dass Verstaubtes noch aktuell ist. Ein paar Staubkörner, aus denen weitere Verbrechen entstanden sind:

Das offizielle Geschichtsverständnis in Hamburg Stand 1986

In einer Stadt, in der ausländerfeindliches Denken bereits tödliche Konsequenzen hatte, sollte man sich bewusst machen, dass die Ausgrenzung von Minderheiten nicht von den Nationalsozialisten eingeführt wurde, sondern dass diese an die Vorurteile der Weimarer Republik anknüpfen: Vorurteile gegen Juden, Roma, Sinti, Homosexuelle und Behinderte.

Es ist nach 1945 nicht gelungen, die Ausgrenzungen zu beseitigen. Warum das in Hamburg so ist und warum dieses Auswirkungen auf die Rechtsprechung hat, werde ich im folgenden darlegen. Dabei werde ich auf die allgemeine politische Handlungsweise eingehen und im besonderen die Situation im Bereich der Justiz und der Rechtsprechung beschreiben

In seiner oben bereits erwähnten Rede betonte der damalige Bürgermeister von Dohnanyi, dass eine Geschichtsforschung keine Namen nennen solle, da Versäumtes nicht nachzuholen sei und es nicht um persönliche Schuldfindung gehe.

Das steht m.E. einer Bewusstwerdung konkreter Geschichtsereignisse im Wege und macht Geschichte abstrakt, macht weniger betroffen. Einer Bewusstwerdung konkreter Geschichte steht auch im Wege, dass z.B. kommunistische Opfer der NS-Herrschaft häufig unerwähnt blieben, wie z.B. auf der Rathausgedenktafel für die Opfer des Faschismus.

Wo die Opfer nicht genannt werden, ist es schwierig die Täter zu erkennen. In diesem Zusammenhang ist auch zu erwähnen, dass die 1951 bundesweit verbotene VVN nach ihrer Wiederzulassung lediglich in Hamburg bis 1967 vor dem Bundesverwaltungsgericht erstreiten musste.

Der „Forschungsstelle für die Geschichte des Nationalsozialismus in Hamburg“ ist es – aufgrund unzureichender finanzieller Ausstattung – erschwert worden, zur Verdeutlichung der Geschichte beizutragen. Eine bessere Unterstützung der „Laienforscherbewegung“ wäre auch notwendig gewesen.4)

1985 hielt die Forschungsstelle selbst es nicht für möglich, ihrem Auftrag in absehbarer Zeit nachkommen zu können. Die SPD und der SPD-Senat erschwerten zum Teil die Auseinandersetzung mit der Geschichte, da das Verhältnis zu den Kommunisten und den kommunistischen Widerstandskämpfern belastet ist, was aufgrund ihrer historischen Erfahrungen sicher verständlich ist.

Eine von der Behörde für Jugend, Arbeit und Soziales in Auftrag gegebene Broschüre über das Verwaltungshandeln in der NS-Zeit wurde nicht veröffentlicht, da man mit dem Inhalt nicht konform ging.

Bereits von dem ersten Hamburger Nachkriegsbürgermeister Petersen wurde öffentlich verbreitet, in der Hansestadt sei der Faschismus humaner als anderswo gewesen, hier habe das bürgerliche Element gebremst und außerdem sei Hitler selten in Hamburg gewesen. Tatsächlich fanden 31 Führervisiten statt.

Der ehemalige Nazi-Bürgermeister Hamburgs, Krogmann, berichtete unbeanstandet, was für eine Farce die so­ genannte Entnazifizierung war. Sein Buch: „Es ging um Deutschlands Zukunft“ angefüllt mit NS-Propaganda, erschien 1976.

Der Hamburger Senat befindet 1965 in einem Gedenkbuch über die Deportation von Juden: „Die Abfertigung in Hamburg waren vergleichsweise erträglich, ja im Vergleich zu anderen Orten human. Folgende abschließende Zusammenstellung von Aussagen führender Persönlichkeiten soll das „öffentliche“ Bewusstsein in Hamburg verdeutlichen: Heinrich Heffter, erster Leiter der Forschungsstelle sah sich 1950 sogar veranlasst, die Toten aufzurechnen: „An die Zahl jener (Anm.: alliierter) Luft­ angriffe kommt die Gesamtzahl der im KZ Neuengamme gestorbenen Häftlingen nahe heran.“ Max Brauer, ehemaliger Bürgermeister nach Kriegsende, hatte, obwohl Antifaschist, keine Impulse zur Aufarbeitung der NS-Vergangenheit gegeben, kritisiert Skrentny.6)

Bis Anfang der 50iger Jahre kehrten weit über 90% der 1945 entlassenen nationalsozialistischen Beamten, Angestellten und Arbeiter wieder in den Staatsdienst zurück. Max Brauer gestand 1953 ein: „Die Bevölkerung wird entsetzt erkennen, welche Unsummen der Staat heute an ehemals führende Nazis zu zahlen hat.“ Die milden Urteile gegen Hamburgs prominente National­ sozialisten lösten immer wieder Proteste aus. „Es ist wohl kaum zu bestreiten, dass heute schon wieder sehr viel Mut dazu gehört, sich dazu zu bekennen, Widerstandskämpfer gewesen zu sein, dass man politisch oder gar rassistisch Verfolgter ist.“ (FDP Abgeordneter Harald Abatz 1951 in der Bürgerschaft.) Von 1956-60 war die Forschungsstelle stillschweigend stillgelegt, was erst durch Überprüfung durch den Haushaltsausschuss auffiel. Heinrich Landahl, Schulsenator erklärte 1958, eine Bücherverbrennung habe in Hamburg nicht stattgefunden (es gab zwei). Der Sozialdemokrat Walter Schmedemann, Widerstands­ kämpfer und Inhaftierter, 1961 als Gesundheitssenator: „Lebenswertes Leben sei durch die sog.Euthanasie keinesfalls vernichtet worden. Ein Hamburger Richter nannte die Opfer dieser Vernichtungspolitik leere Menschenhülsen-.“ Nicht unerwähnt lassen möchte ich die im November 1985 von der Hansestadt Hamburg in den Bundesrat eingebrachte Gesetzesinitiative zur Aufhebung eines Teils der NS-Urteile.

Justizsenatorin Leithäuser nannte als Grund für die erst 40 Jahre nach Kriegsende ergriffene Initiative die verstärkte Propaganda von Neonazis und das sogenannte Ausschwitzlügegesetz. Die Summe, der in Hamburg von der Neuregelung betroffenen Urteile ist nicht bekannt. Aus einem Aktenzeichen sei zu ersehen, dass 1.733 Fälle allein von Hamburger Sondergerichten behandelt wurden. Zahlen über den gesamten Zeitraum gäbe es nicht. Für die beteiligten Richter und Rechtsanwälte hat die Gesetzesinitiative keine Konsequenzen.

Die Hamburger Justiz und die Bearbeitung des Nationalsozialismus nach 1945

Geschichte ohne Namensnennung, wie von Hamburgs l. Bürgermeister Dohnanyi gefordert, politisch motivierte Amnestien zur Absicherung der Westintegration, Freispruch bzw. Nichtanklage von Nazigrößen, der Freispruch der NS-Justiz und die schnelle Beerdigung der politischen Auseinandersetzung über das NS-System haben ermöglicht, dass in Hamburg die Ermordung von 55.000 Menschen im Konzentrationslager Neuengamme von der Justiz nicht zur Kenntnis genommen wurde.Erst durch private Initiative des Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft Buchenwald, Rudolf Gottschalk, der sich nach einem entsprechenden Strafverfahren erkundigte und Recherchen und Veröffentlichungen durch Günther Sehwarberg ist, z.B., die Geschichte der Kinder vorn Bullenhuser Damm einer breiten Öffentlichkeit bekanntgeworden. . Dem Hauptverantwortlichen, Arnold Strippel, SS-Ober­ sturmführer und Leiter des Wach-Kommandos Spaldingstraße und Bullenhuser Damm, wurde nach 1945 kein Prozess wegen der Verbrechen am Bullenhuser Damm gemacht. Erst nach o.g. Initiative wurden die Staatsanwälte tätig. Dem zuständigen Staatsanwalt Münzberg, damals 1964, 30 Jahre alt, war weder der Name Strippel bekannt, noch gab es im Staatsarchiv, noch bei der Staatsanwaltschaft Unterlagen, obwohl Strippel im sog. Hamburger-Curio-Haus-Prozeß vernommen wurde. Münzberg fand die Protokolle über den Curio-Haus-Prozeß im Keller der britischen Botschaft in Bad-Godesberg. Ich werde auf den Fall Strippel weiter unten ausführlicher eingehen.

Unwissenheit gibt es in Hamburg nicht nur in Einzelfällen. Die wichtige Frage, welche NS-Richter nach 1945 wieder in den Staats­dienst übernommen wurden, kann der Hamburger Senat nicht beantworten. Am 14.02.1985 stellte die

GAL-Fraktion der Hamburger Bürgerschaft folgende Fragen an den Hamburger Senat(Drucksache 11/3723):

NS Justiz und Verfolgung von NS-Verbrechen

  1. Der Bundestag hat festgestellt, dass der sogenannte „Volksgerichtshof“ ein „Terrorinstrument zur Durchsetzung der nationalsozialistischen Willkürherrschaft“ war. Seinen Entscheidungen soll deshalb keine Rechtswirkung zukommen. Den Opfern und ihren Familien wurde Achtung und Mitgefühl bezeugt. Damit ist – 40 Jahre nach der Niederlage des Hitler­ Faschismus! – die Rehabilitierung der Opfer der NS-Justiz einen Schritt weiter vorangekommen. Die Täter sind aber auch diesmal außerhalb des Blickfelds geblieben. Wir fragen deshalb den Senat:

    Wie viele Richter, die an NS-Unrechtsurteilen beteiligt waren, haben auch nach 1945 in Hamburg als Richter gewirkt?

    1. Welche Richter sind nach 1945 nicht wieder in den Staatsdienst übernommen worden?

    2. Haben sie von Staatsseite aus irgendwelche Zahlungen erhalten oder erhalten sie immer noch? Wenn ja, welche?

    3. Wie hoch sind diese Zahlungen insgesamt?

    4. Die Entschließung des Bundestags bezüglich des sogenannten „Volksgerichtshofs“ klammert die sogenannten „Sondergerichte“ aus, so dass zu einem Teil der NS­ Unrechtsjustiz weiterhin kein grundsätzliches Wort gesprochen worden ist.

    5. Welche Urteile der „Sondergerichte“ sind- bezogen auf den Hamburger Bereich – weiterhin gültig?

    6. Ist die erwähnte Entschließung des Bundestags für den Senat jetzt der Anlass, sich auch für die Annullierung der „Sondergerichtsurteile“ einzusetzen?

  1. Die Anklage gegen Strippe! wurde im November 1983 erhoben. Die einzige noch mit NS­ Verfahren befasste Kammer des Landgerichts Hamburg prüfte darauf hin bis August 1984(!), ob die deutsche Gerichtsbarkeit anwendbar sei oder ob nach dem Überleitungsvertrag – von den Alliierten abgeschlossene Verfahren dürfen von deutschen Gerichten nicht mehr aufgenommen werden – das Verfahren nicht eröffnet werden kann. Die deutsche Gerichtsbarkeit wurde für anwendbar erklärt, Nebenkläger zugelassen. Gegen die Verfahrenseröffnung legte der Anwalt Beschwerde ein. Diese wurde im Dezember 1984- nach fünf Monaten(!) – zurückgewiesen. Zur Zeit liegt das Verfahren beim Oberverwaltungsgericht Ham­burg.

    1. Wird das Verfahren noch eröffnet?

      Wenn ja, wann?

      Wenn nein. warum nicht?

    2. Die Hamburger Gerichtsbarkeit ist seit den fünfziger Jahren in dem Ruf, NS-Verfahren zu verschleppen. ,.Biologische Amnestie“ ist hier ein Schlagwort. Wie beurteilt der Senat die Verschleppung dieses Verfahrens politisch, unter besonderer Berücksichtigung der in dieser Anfrage hinterfragten gesellschaftlichen Situation?

    3. Was gedenkt der Senat gegen die Verschleppung zu unternehmen?

Der Hamburger Senat erklärt sich nicht in der Lage, die Fragen 34.1. – 34.4. zu beantworten.

Zu den Fragen in Pkt. 35 nimmt der Senat keine Stellung, da hierfür die Gerichte zuständig seien. Tatsächlich gibt es eine personelle Kontinuität im Justizbereich Hamburgs. Ende 1952 waren in der gesamten Verwaltung Hamburgs 87 Prozent der aus dem Staats­ dienst entlassenen Nazis wieder eingestellt.

Nachfolgend gebe ich drei Beispiele:

1. Der Fall Dr. Baier

Der Kraftfahrer Erwin Junghans aus Leipzig war vier Jahre lang arbeitslos gewesen, als er 1936 als Postschaffner angestellt wurde. Im Oktober 1942 wurde er beim Luftgaupostamt in Poznan (Posen) eingesetzt. Er war damals 42 Jahre alt, seit 20 Jahren verheiratet und hatte zwei Kinder. Was veranlasste den nach 1945 Oberstaatsanwalt in Hamburg, Dr. Baier, gegen ihn die Todesstrafe zu beantragen?

„In Posen gab er seinen Arbeitskameraden gegenüber immer wieder seiner Unzufriedenheit mit den bestehen­ den Verhältnissen Ausdruck .•• und vermied es auch, den deutschen Gruß anzuwenden.“

Er habe, als ein Kollege eingezogen wurde, geäußert, „es sollten nur die hingehen, die den Krieg gewollt hätten.“ Nach einem Luftangriff auf Nürnberg soll er gesagt haben:“Und da soll man noch Heil Hitler sagen.“

Das waren Gedanken, die 1943 und 1944 unter dem Eindruck der Luftangriffe und des verlorengehenden Krieges Millionen in Deutschland hatten. Allein deshalb klagte der damalige Staatsanwalt Dr. Baier Junghans vor dem Oberlandesgericht Posen „wegen Wehrkraftzersetzung“ an. Am 20.Juli 1944 wurde Junghans gemäß dem Antrag des Staatsanwaltes Baier zum Tode verurteilt.

Dabei wurde ihm die vom Gesetz verlangte Absicht der „Wehrkraftzersetzung“ – Aktenzeichen: 2 OJs 31/44 – einfach unterstellt, da durch seine Äußerung „auch der Siegesglaube eines gefestigten Deutschen ins Wanken geraten könnte.“

Nicht einmal der oberste Nazi-Blutrichter, Freisler, bestand auf Vollstreckung dieses Urteils. Er stimmte einer Umwandlung der Todesstrafe in zehn Jahre Straf­lager zu – die freilich einem Todesurteil gleichkamen; denn aus den Straflagern gab es in den seltensten Fällen eine Rückkehr.

Den Geist dieses Gerichtes bringen auch Sätze wie dieser zum Ausdruck:

„Als Wehrkraftzersetzung ist jede Störung oder Beeinträchtigung der totalen völkischen Einsatzbereitschaft zur Erringung des Endsieges in dem uns aufgezwungenen Krieg anzusehen. die Wehrkraft oder der Wehrwille braucht nicht tatsächlich zersetzt zu sein. Es genügt vielmehr die Möglichkeit des Eintritts eines solchen Erfolges.“

Weiterlesen „Auf dem Dachboden gefunden. Notizen aus dem Jahre 1986.“