Altes vom Dachboden – Staub aufgewirbelt

Altes vom Dachboden: Staub aufgewirbelt.

Eine unerwartete analoge unvermittelte Begegnung schließt einen Kreis zwischen der NS-Zeit und heute.

Altes vom Dachboden, der Staub vom Dachboden, führte zu einem überraschenden Anruf als Reaktion auf den Blogbeitrag „Altes vom Dachboden“, ein Anruf der deutlich macht, dass sehr wohl beobachtet wird, ob der Staub aus alter Zeit liegen bleibt. Die Frage, war, warum jetzt? Warum dieser Beitrag.

Warum die alten Geschichten? Eine Familie, deren Großvater im Beitrag erwähnt wurde, war berührt. Dieser Anruf schließt auf eigenartige Weise einen Kreis der von Vätern und Großvätern eröffnet wurde bei den Kindern und Enkeln. Die für das, was Väter und Großväter zu verantworten haben, keine Verantwortung tragen – aber für das was daraus folgt sehr wohl.

Als ob die Täter und Ihre Familien alles vergessen dürften.


Zeit ist etwas besonderes, eine außergewöhnliche Dimension. Unvergänglich.
Das Missverständnis der meisten Menschen ist die Annahme, dass die Zeit vergeht und damit alles was in ihr war. Wenn es gut war, versucht man, die Erinnerung möglichst lange aufrecht zu erhalten. Wenn es böse war. Vergessen wir es! Tun wir so, als wäre nichts gewesen, erfinden wir unsere Geschichte neu: ich war doch nur.., war nur am Rande dabei, das ist doch lange her, die zeit war damals so. Oft muss Zeit aber vergehen, damit begriffen werden kann, wie das in der Zeit Geschehene einzuordnen ist.

Staub verschwindet ebenfalls nicht, er fliegt auf und setzt sich an anderer Stelle wieder nieder. Als Materie kann er eine andere Form annehmen. Selbst wenn vermeintlich Gras darüber wächst, bleibt der Staub unnachgiebig.
Altes vom Dachboden beschreibt die NS-Richter in Hamburg und ihr gutes Leben nach 1945.

Warum steht die Justiz im Fokus?

Die Justiz ist der Maschinenraum einer Gesellschaft. Es ist ein wichtiges, zur Korrektur fähigen, Kraftzentrum. Sie war willig.
Es gab viele Unrechtsurteile. Zur Erinnerung zwei Beispiele aus Hamburg :

Als Richter ein hartes Urteil in der NS-Zeit gefällt – nach 1945 Richter in Hamburg-Wandsbek :

Weil sie von einem ihr befreundeten deutschen Soldaten eine Pelzjacke als Geschenk annahm, verurteilte Deike als Landgerichtsrat am Sondergericht Thorn (Torun) die Polin Anna Zegarski am 30.April 1942 zum Tode. Die Jacke stammte aus einer Sammlung von Wintersachen für die Front. Der Soldat hatte sie dort gestohlen, ohne dass die Angeklagte Zegarski davon wusste. Einen Gnaden­erweis lehnte der Richter mit folgender Begründung ab – Aktenzeichen:4Sg K Ls 72/42:

„Wenn auch nicht zu verkennen ist, dass die Versuchung für die Angeklagte groß war, den Pelz auch nach Auftreten des Verdachts bezüglich seiner Herkunft weiter zu behalten, vermag das Sondergericht mit Rücksicht auf den Zweck der Wollsammlung und den Charakter des Geschenks als Belohnung für die geschlechtliche Hingabe einer Polin einen Gnadenerweis nicht zu befürworten.“

Der Fall Dr. Baier

Der Kraftfahrer Erwin Junghans aus Leipzig war vier Jahre lang arbeitslos gewesen, als er 1936 als Postschaffner angestellt wurde. Im Oktober 1942 wurde er beim Luftgaupostamt in Poznan (Posen) eingesetzt. Er war damals 42 Jahre alt, seit 20 Jahren verheiratet und hatte zwei Kinder. Was veranlasste den nach 1945 als Oberstaatsanwalt in Hamburg tätigen, Dr. Baier, gegen ihn die Todesstrafe zu beantragen?

„In Posen gab er seinen Arbeitskameraden gegenüber immer wieder seiner Unzufriedenheit mit den bestehenden Verhältnissen Ausdruck und vermied es auch, den deutschen Gruß anzuwenden.“

Er habe, als ein Kollege eingezogen wurde, geäußert, „es sollten nur die hingehen, die den Krieg gewollt hätten.“ Nach einem Luftangriff auf Nürnberg soll er gesagt haben:“Und da soll man noch Heil Hitler sagen.“

Das waren Gedanken, die 1943 und 1944 unter dem Eindruck der Luftangriffe und des verlorengehenden Krieges Millionen in Deutschland hatten. Allein deshalb klagte der damalige Staatsanwalt Dr. Baier Junghans vor dem Oberlandesgericht Posen „wegen Wehrkraftzersetzung“ an. Am 20.Juli 1944 wurde Junghans gemäß dem Antrag des Staatsanwaltes Baier zum Tode verurteilt. Dabei wurde ihm die vom Gesetz verlangte Absicht der „Wehrkraftzersetzung“ – Aktenzeichen: 2 OJs 31/44 – einfach unterstellt, da durch seine Äußerung „auch der Siegesglaube eines gefestigten Deutschen ins Wanken geraten könnte.“

Warum soviel Staub?

Weil in Hamburg im Konzentrationslager Fuhlsbüttel und im Außenlager Neuengamme hunderte Gefangene ums Leben kamen. Verurteilt von willigen Richtern.

Warum noch?
Weil die meisten Richter zum Teil ohne zur Rechenschaft gezogen zu werden, weiter oder wieder in Amt und Würden tätig waren. Das bezieht sich nicht nur auf die Richter sonder auf die Justiz, Polizei, Nazis in den Landesregierungen und der Bundesregierung, – auf die Remilitarisierung Hitlers Soldaten – auch auf Wunsch der USA, die verknüpft war mit der Forderung der Freilassung der von den Besatzungsmächten verurteilten und inhaftierten Tätern.

Willi Winkler beschreibt das ausführlich in seinem Buch: „Das Braune Netz, wie die Bundesrepublik von früheren Nazis zum Erfolg geführt wurde “.

Die Opfer vergessen nicht, die Familien geben es genetisch weiter, ebenso verhält es sich mit den Tätern. Ein gemeinsames Verstehen wäre der richtige Schritt.

Warum diese alten Geschichten?
Weil sie nicht alt sind und niemals alt werden, solange Opfer und Täter aufeinander reagieren. Weil es nicht bewältigt ist, weil es nachwächst, weil selbst die Opfer keine ausreichenden Konsequenzen ziehen und sich eingerichtet haben. Den Tätern nach dem Krieg 1945 auf Straße begegnet sind, ihre Kollegen waren, Angst hatten, entkräftet schwiegen oder einfach nur leben wollten.

Das können sie nur selbst beantworten und bleibt, wie das meiste dieser Zeit außerhalb der Vorstellungskraft. Viele folgten dem Prinzip der nützlichen Fälschung, der Schaffung einer neuen, nützlichen Wirklichkeit. Was haben sie gedacht, wer sie jetzt waren? Neue Menschen wie mit einer Ziffer auf Null gestellt. Die Stunde Null Lüge genutzt?

„Als im Herbst 1949 die erste deutsche Bundesregierung unter Konrad Adenauer ihre Arbeit aufnahm, widmete sie sich denn auch als einer ihrer ersten Aufgaben genau diesen drei Themen: der Frage nach der Begnadigung der Kriegsverbrecher, nach dem endgültigen Abschluss der Entnazifizierung – und der Wiedereinstellung der »verdrängten« Beamtenschaft. Innerhalb weniger Jahre sollte sie dabei den Weg ebnen für eine systematische Verneblung der NS-Vergangenheit und die Abschaffung der Radbruchschen Formel in der deutschen Strafgesetzgebung“ . (Siehe https://www.zeit.de/zeit-geschichte/2009/01/Justiz ).

Die Formel des deutschen Rechtsphilosophen Gustav Radbruch aus 1946 leuchtet den Grenzbereich der positiven Rechtsprechung aus. Sie besagt, dass ein Richter, der sich in einem Konflikt zwischen dem niedergeschriebenen, ‚gesetzten‘, positiven Gesetzen und einem Gerechtigkeitsgedanken befindet, sich grundsätzlich an das gesetzte Recht halten soll.

Golo Mann (Historiker, Schriftsteller) hat sein Gefühl für Deutschland 1959 beschrieben: „Man geht, poetisch gesprochen, auf einer Erde, auf der die Dinge ganz schön fett wachsen; aber der Boden, das, was darunter ist, ist unheimlich, und wenn ich so durch die Straßen einer deutschen Stadt gehe, so kommen mir immer die Angstträume in den Sinn, die ich in den dreißigern und frühen vierziger Jahren hatte, der Traum nämlich, ich sei in Deutschland und fragte mich mit Grauen, wie ich denn hingekommen sei. Dieses Traumhafte werde ich nie ganz los.“

Warum den Staub aufwirbeln?
Weil die Verantwortung bleibt. Weil es heute wieder ein Bestreben gibt, die demokratischen Institutionen zu nutzen, um die Demokratie selbst zu beseitigen.

Weil selbst die demokratischen Parteien den Mechanismus dieses Bestreben nicht verstehen oder ihm konsequent durch eigenes verantwortliches und ethisches Handeln zu begegnen, muss immer wieder erinnert, Staub aufgewirbelt werden.

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